Part 9
Sie legte ihre Hand mit einem leisen Druck auf die Linke ihres Mannes. „Du, Alter,“ sagte sie, „nimm es ihm nicht übel, aber das vom Schulkameraden war doch nur geflunkert. Und er hat sich davongemacht, weil er gemerkt hat, ich will es zur Rede bringen, daß ihm auch weniger um einen Kameraden, als um eine Kameradin zu tun ist.“
Der Müller, der immer, während man mit ihm sprach, den Kopf gesenkt hielt, blickte jetzt leicht schmunzelnd auf.
„Im Ernst, Vater, unser Bub’ ist verliebt.“
„Nun, so drück halt ein Auge zu oder alle zwei. Soll er es mitmachen, solang es ihn freut.“
Die Müllerin hatte das Erröten noch nicht verlernt, sie strich mit der flachen Hand die Brosamen von dem Tischtuche und sagte leise: „Ich werde zu dir doch nicht von Sachen reden, an die kein ehrsames Weib rührt?! Es hat ein rechtschaffen Absehen.“
„Ja so.“ Er drückte ihr begütigend die Hand. „Dann mußt du mir freilich davon sagen. Nur möcht’ ich meinen, das käm’ doch etwas zu früh für den Jungen.“
„Davon ist keine Rede, daß sie gleich zusammengegeben werden sollen, und auf das Zuwarten versteht er sich recht gerne, nur das soll in aller Gehörigkeit ausgemacht werden, daß sie einander zugehören sollen und vor der Welt als Versprochene dastehen.“
„Das ginge wohl an, und ich könnte es ganz zufrieden sein, wenn der Dirn’ ihre Eltern mit uns auf gleich stehen[11] und dasselbe, denk’ ich, wird wohl der Fall sein, weil du deine Fürsprache so sicher vorbringen magst. So sag mir nur auch, was sich der Junge ausgesucht hat.“
„O, für die möcht’ ich reden, und kriegte sie keinen Kreuzer mit, ich wüßt’ mir keine säubere, liebere und rechte!“
„Als wen?“
„Als die Reindorfer Leni.“
Da senkte der Müller jählings den Kopf noch tiefer und zuckte zusammen; die Gabel, die er spielend ergriffen hatte, fuhr in die Tischplatte, daß sich die Zinken bogen.
„Jesus, was hast du denn?“ Die Müllerin griff nach seiner Hand.
„Nichts,“ sagte er schwer aufatmend. „Es hat mich nur so überkommen.“
„Geh, wie du einen erschrecken magst, so krampfig’ Wesen hast du doch sonst nie an dir merken lassen.“
„Es hat ja auch nichts weiter auf sich.“
„So hoff’ ich. Nun aber sag mir, Alter, was du dazu meinst? Wenn dir die Sache ansteht, so machte ich gerne dem Flori die Freude, ließe gleich einspannen und führe zu den Reindorferischen hinüber.“
„So gar große Eile wird es doch nicht haben? Laß nur auch dem Jungen ein wenig Zeit, sich zu besinnen, wer weiß, bleibt er auf dem Gedanken? In +den+ Jahren findet man leicht Gefallen an einer, aber es hält oft nicht lange an.“
„Glaub’ schon, daß er nicht aus der Art schlagen möcht’, die ihr Mannleute an euch habt, wär’ nur da herum etwas Besseres zu finden, aber wenn einer die Taube in der Hand hat, wird er auf kein Dach mehr nach Spatzen sehen! Auch im übrigen, meine ich, tät’ sich alles ganz wohl schicken, und du selber könntest schwerlich etwas Passenderes ausfinden.“
„Das geb’ ich zu. Gleichwohl wär’ besser, es dem Jungen auszureden. Geh nicht!“
„Warum?“
„Geh nicht, es ist umsonst.“
„Was hast du für Grund, das zu glauben?“
„Es ist zwischen mir und den Reindorferischen nicht alles wie es sein soll.“
„Und darunter sollten die Kinder leiden? Verlaß dich darauf, komme ich mit ihnen zu reden, ich setze ihnen schon den Kopf zurecht.“
Der Müller senkte wieder den Kopf tiefer als sonst, und mit einem leisen Seufzer sagte er: „Tu wie du willst.“ Dann aber rasch sich von seinem Sitze erhebend, setzte er gleichmütig hinzu: „Versuch es!“ Er dachte bei sich: Was ist da weiter? Was hab’ ich mich da zu sorgen? Mögen es die andern zum Austrag bringen! Sie werden nein sagen und sie müssen nein sagen, und mehr kann nicht zur Sprache kommen!
Die Müllerin war aus der Stube bis an die Küchentür geeilt, sie ersah ihren Sohn, der rauchend an dem Zaune lehnte und rief ihm zu: „Flori, es ist schon richtig, ich fahre dir gleich hinüber.“
„Da spann’ ich auch gleich selber ein, Mutter,“ sagte freudig der Bursche und lief nach dem Stalle. Die Müllerin ging eilfertig wieder nach der Stube zurück, um sich in ihren Sonntagsstaat zu kleiden.
Auch der Müller war aus der Stube getreten und sah zu, wie Florian und ein Knecht den Wagen aus dem Schupfen zogen und die Pferde davor anschirrten.
Der Mann blickte gar ernst.
Als der Mensch all jene Übermächte, nach denen ihn in seinen Träumen verlangte, und alle Vollkommenheiten, die er zu erreichen verzagte, Gott als Eigenschaften beilegte und denselben, wiewohl in kolossalen Proportionen, nach seinem Ebenbilde formte, da leuchtete ihm gleich ein, welch ein furchtbares Geschenk selbst für einen Gott die Allwissenheit an sich allein wäre, und er setzte ihr wohlbedächtig die Allmacht voran, und nun weiß die Gottheit in allem nur ihren Willen. Für den Sterblichen aber, im Gefühle seiner Ohnmacht, ist schon die Gabe der Weissagung kein freundliches Geschenk und alle Seher waren düster und blieben freudelos.
Es gibt nur eine Art der Weissagung, und diese erfüllt die Menschen mit Scheu vor den Sehern und mit Vorliebe für die Gaukler, denn es ist nicht die Kunst, aus dem Fluge der Vögel, den Eingeweiden der Opfertiere, den Kartenblättern oder dem Kaffeesatze -- es ist die Kunst, aus den eigenen und den fremden Sünden das Kommende vorherzusagen, welche sich bis heutigen Tag an Staaten, Völkern und Fürsten erprobt und deren furchtbare Folgerichtigkeit in Stunden stiller Einkehr bei sich selbst auch den einzelnen durchschauert.
Ein unangenehmes Gefühl beschlich den Müller, als er die Seinen sich ahnungslos umsonst mühen sah, während ihm klar lag, daß alle diese mit freudiger Hast betriebenen Vorbereitungen, alle daran geknüpften Hoffnungen und Erwartungen vergebens seien.
Er senkte den Kopf, obgleich niemand da war, der mit ihm sprach, vielleicht horchte er auf sich selber.
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, er blickte auf, die Müllerin stand mit hellfreudigen Augen vor ihm und sagte: „Behüt dich Gott, Vater, ich geh’ jetzt und ich werd’ schon die rechte Antwort mit heimbringen, da sorg’ ich nicht!“
„Behüt dich Gott.“
Florian wollte ihr beim Einsteigen in den Wagen behilflich sein, aber in eiliger Zutulichkeit vereitelte er nur alle ihre Bemühungen, auf den Sitz zu gelangen.
„Du Ungeschickt,“ rief sie fröhlich lachend und stieß ihn weg. „Wie du mit unsereinem umgehst! Nun, wirst es schon lernen.“
Der Knecht trieb die Pferde an und der Wagen rollte davon. Lange sah Florian demselben nach, dann schloß er das Einfahrgatter und lehnte sich an dasselbe.
Der Müller trat herzu. „Bist doch ein Hallodri,“ sagte er, „siehst aus, als könntest du nicht bis fünfe zählen, und weißt dich doch aus bis hundert. Eine Wette hätte ich gehalten, daß dir noch kein Mädel im Sinne läge, und schön hätte ich dabei verspielt. Nun, ich hab’ dir deinen Willen getan und die Mutter zu den Reindorferischen hinüberfahren lassen.“
„Ich sag’ dir tausend Dank dafür, Vater.“
„Hast mir nicht zu danken, ich könnte nicht sagen, du hättest fehlgegriffen, und soweit wäre alles in Ordnung. Aber ich muß dir aufrichtig sagen, ich glaube nicht, daß sie dir die Dirn’ geben werden, wir waren nie recht Freund zusammen, ich und der Reindorfer, darfst schon gefaßt sein auf einen abschlägigen Bescheid.“
„Ich wüßte wohl nicht, wie ich den aufnehmen möcht’. Bei vernünftigem, ehrlichem Vornehmen ist doch keiner auf leidigen Widersinn gefaßt.“
„Ah, sei gescheit und mache dir nichts daraus. Wer weiß, wozu es gut ist. Bindet sich einer so früh, wie du, gar leicht reuen ihn später seine jungen Jahre. Du wirst dir schon wieder eine andere ausfinden, es gibt ja noch genug Mädeln auf der Welt, lerne sie erst aus und dann wähl eine; wer sich darauf versteht, trifft es besser, und es ist doch eine Wahl, die einem nicht wehe tut. Meinst nicht?“
„Ich meine nicht. Wenn du es so gehalten hast, Vater, so ist’s ja doch auch nur verlorne Zeit gewesen. Es wird kein so großer Unterschied sein zwischen den Rechtschaffenen, und nach den andern verlangt mich nicht.“
Der Bursche hatte bisher bei Rede und Antwort vor sich niedergesehen, jetzt blickte er auf und bemerkte, daß sein Vater sich schweigend von ihm entfernt hatte, er holte ihn ein, hielt ihn am Arme zurück und sagte: „Vater, du hast vorhin geredet, als wäre ausgemacht, daß ich die Leni nicht haben soll. Ist das nur so dein Dafürhalten, oder weißt du etwas?“
„Was kann ich wissen? Nur weil du gar so sicher tust, als könnten sie die Verschwiegerung mit uns gar nicht abweisen, so hab’ ich vorbauen wollen, daß es dich nicht wie vor den Kopf trifft, wenn es doch geschieht.“
„Was hilft es auch, daß man das früher beredet? Ich kann mir ja doch nicht vornehmen, wie ich mich dann gebärden will, wenn mir all mein Glück in den Brunnen fällt! Ich denk’, dem lass’ ich Zeit, bis die Mutter heimkommt; bringt sie mir solche Botschaft mit, dann gibt sich wohl von selber, wie ich mich dabei verhalten werde.“
Der Müller setzte kopfschüttelnd seinen Weg nach dem Garten fort.
Er ging zwischen den Beeten dahin. Es war schwül geworden. Der Kies knirschte nicht, er stäubte leise unter den Tritten. Kein Blatt rührte sich, höchstens eines, hinter dem sich ein Käfer oder ein Wurm verbarg. Die Blumen hielten den Duft an sich. Ringsum tat es so stille und verschwiegen; dem Müller aber war, als merke er, das geschähe nicht aus Unschuld, die nichts zu sagen weiß, sondern aus lüsterner Erfahrenheit, die gerne für sich behält, was ihr bewußt, und es schien ihm, als läge ein unlauteres Geheimnis in allem und hinter dieser Welt.
„Er wird es verwinden,“ sagte er. „Der Bub’ wird doch etwas von meiner Art an sich haben? Er wird doch nicht seiner Mutter nachgeraten, die, wenn sie einmal zu einem hielt, sich mit Füßen hat treten lassen! Ich habe nicht schön gehandelt an ihr, und doch, wenn ich freud- und freundlos war, ist sie immer wieder gekommen, die getreue Seel’! Aber dem Jungen mag ich ihr Herz nicht wünschen, es wär’ gar nicht abzusehen, was daraus werden soll!“
Ihn fröstelte -- es war aber noch immer so schwül wie zuvor.
10.
Der Wagen der Müllerin war in den Hofraum bei Reindorfer eingefahren und die behäbige Frau stieg eben bedächtig ab.
Der alte Reindorfer und Magdalena traten aus der Scheuer.
„Die Müllerin vom Wasser-Graben!“ sagte er. „Was mag die wohl herführen?“
Das Mädchen war rot geworden, sie rieb sich mit der Schürze die Handfläche der Linken und lächelte in sich hinein.
„Lauf zur Mutter und sag ihr, wer kommt, daß sie eine Jause[12] mag richten lassen.“
„Grüß Gott,“ sagte die Müllerin. „Heiß macht es heute!“
„Ja, es macht heiß,“ sagte der Bauer und trat wieder in die Scheuer zurück.
Die Müllerin folgte dem voraneilenden Mädchen.
Magdalena ließ die Türe hinter sich halb offen stehen und flüsterte eilfertig der Mutter zu: „Die Müllerin vom Wasser-Graben kommt, der Vater meint, du solltest eine Jause richten.“
„Nun, so richte eine,“ sagte die Bäuerin, erhob sich und ging nach der Tür.
„Grüß Gott,“ rief die Müllerin in der Küche.
„Grüß Gott,“ erwiderte die Reindorferin. „Nur herein da!“
Die Müllerin trat ein, nachdem sie zuvor an dem Türpfosten anklopfte, da die Bäuerin die Tür vollends an sich gezogen hatte. „Guten Tag, herein! Heiß ist es heute.“
„Schon wie, man meint völlig, man müßt’ verschmachten. Nun, mach doch Feuer an,“ sagte sie zu Magdalena.
Das Mädchen schlüpfte zur Türe hinaus und strich an der Müllerin vorbei, diese zupfte sie an der Rockfalte und lächelte gar bedeutsam.
Magdalena trat nun an den Herd und machte sich da zu schaffen, und das nahm sie so in Anspruch, daß ihr gar keine Zeit blieb, die Stubentür, welche nur angelehnt war, in das Schloß zu drücken.
Drinnen sagte die alte Reindorferin: „So, nun tu dich nur auch setzen, Müllerin.“
Diese strich erst ihre Röcke glatt, dann ließ sie sich auf einen Stuhl nieder. „Damit ich euch nicht den Schlaf austrage,“[13] sagte sie.
„Mich wundert dein Kommen. Weil doch unsere Männer sich voneinander fernhalten, so sind wir gar nie zu einer Ansprache gekommen. Es muß doch recht was Besonderes sein, was dich herführt.“
„Das wird sich wohl weisen, denn ich kann dir doch nicht vorenthalten, was mich zu dir her den Weg hat tun lassen. Es wird schon herauskommen. Nur immer hübsch eines nach dem andern.“ Sie trocknete sich den Schweiß von der Stirne. „Heiß ist es heute.“
„Rechtschaffen, daß man verschmachten könnt’.“
„Es wird aber wohl ein gesegnetes Jahr geben.“
„Zu wünschen wär’ es schon, die Zeiten sind arg.“
„Ja, ja, freilich sind die arg, man verspürt das gleich, und wenn eines die Wirtschaft noch so genau führt; besser ist es wohl früher gewesen, derowegen ist es jetzt just auch noch nicht schlecht, man mag sich noch immer ehrlich durchbringen und dabei etwas auf die Seite legen. Ist es nicht auch bei euch so?“
„Gott sei Dank, ich könnt’ nicht klagen, daß es schlimmer wäre!“
„Wir haben gut verkauft.“
„Wir nicht anders!“
„Und auch nicht schlecht eingehandelt.“
„Ich meine, wir seien just auch nicht übervorteilt.“
„Wir haben zwei Pferde eingeschafft, die sind ihr Geld wert. Und Leinenzeug -- ich sag’ dir, Reindorferin, ich möcht’ es nicht selbst gesponnen haben, für die paar Gulden! Aber was schwätz’ ich? Kommt das zustande, wegen was ich da bin, so schickt sich ohnehin die Gelegenheit, daß man darüber redet und später werden wir noch oft und gern uns all das einzeln aufzählen und weisen, was wir erwirtschaften. Ich will vorderhand nur gesagt haben, außer dem Vorsprung, den der liebe Herrgott selber dem einen Teil durch die Mühl’ verliehen hat, stünden wir, was das Hereinbringen und Zusammenhalten anlangt, völlig gleich und taugten zusammen.“
„Hast recht, Müllerin, in der Wirtschaft steh’ ich auch keiner nach. Aber was meinst du mit dem Zusammentaugen?“
„Ich meine, jede Dummheit muß einmal ihr Ende finden, und schon gar, wo sich die Gelegenheit schickt, daß mit ihrem Aufhören ein gut’ Werk seinen Anfang nimmt! Es ist doch nur eine Dummheit, daß sich unsere Männer nicht vertragen mögen.“
Die Bäuerin blickte ängstlich auf, dann senkte sie wieder die Augen und sagte leise: „Ich weiß nicht.“
„Aber ich weiß es,“ sprach um so lauter die Müllerin, „und so wahr ich hier sitze, ich will meinem Alten all die Feindseligkeiten schon austreiben, und das, liebe Reindorferin, mußt du dir auch bei deinem Bauer angelegen sein lassen, denn so, wie es bisher gewesen, darf es nicht verbleiben! Daß ich dir auch sage, warum: für gewöhnlich sollen die Alten den Jungen ein gut’ Beispiel geben, aber manchmal kann doch vorkommen, daß die Jungen den Alten damit vorangehen, und wenn sich unsere Alten nicht leiden mögen, so haben sich dafür unsere Jungen gar lieb.“
„Wer?“ schrie die Bäuerin auf.
„Nun, nun, wie magst du nur so ungebärdig fragen, ich red’ doch deutlich, wen kann ich anders meinen als euere Magdalen’ und unsern Florian? Die beiden wären eins und derowegen bin ich da, daß ich ihnen das Wort rede und wir uns über eine Zeit einigen, danach man sie fein christlich zusammengibt.“
Die Reindorferin war kreidebleich geworden. „Jesus, Maria!“ sagte sie und preßte beide Hände über dem Scheitel zusammen.
„Du meine Güte,“ rief die Müllerin, sich rasch vom Stuhle erhebend, „Reindorferin, was hast du?“ Und zu Magdalena, welche unter die Tür getreten war, sagte sie: „Hol doch deinen Vater!“
Das Mädchen lief fort.
Die Reindorferin sah zur Müllerin auf, welche vor ihr stand und faßte sie an beiden Armen über den Ellbogen an. „Und dein Mann, der Müller, hat es zugelassen, daß du wegen dem herkommst?“
„Wie du fragst! Ohne sein Vorwissen wär’ doch alles unnütz!“
Die Bäuerin strich sich ein über das andere Mal über die wirren Haare, die ihr um die Schläfe hingen. „Er läßt es zu,“ flüsterte sie, „er selber -- der ... Hätt’ er mich doch allzeit allein gelassen, wie jetzt! Himmlischer Vater, mir verbleibt doch gar nichts erspart, gar nichts!“ Es schüttelte das Weib in Krämpfen.
Da trat der alte Reindorfer in die Stube, gefolgt von Magdalena.
„Nun, was gibt es denn?“ fragte er.
Die Bäuerin deutete mit dem ganzen Arme nach dem Mädchen und sagte: „Die will den Florian vom Müller im Wasser-Graben.“
Der Bauer sah erschreckt die Anwesenden der Reihe nach an.
„O, hättest du sie doch damals aus dem Hause geben lassen,“ schluchzte das Weib, „hättest du sie doch aus dem Hause geben lassen!“
Da trat der Bauer auf sie zu und sagte ruhig: „Tu nur nicht gar so wunderlich und auffällig, daß man meint, es wär’, Gott weiß was, dahinter. Ich begreif’ nur den Müller nicht, wie er sein Weib mag einen solchen Gang tun lassen, wo doch zwischen mir und ihm Feindschaft ist und sein soll für alle Zeit. Weiter hat es doch nichts auf sich, man sagt: Schön Dank für die zugedachte Ehr’ und daraus kann nichts werden! Der Bursch’ und die Dirn’ mögen sich einander aus dem Sinn schlagen und gar ist es!“
„Gar ist es? Was kann da gar sein?“ sagte aufgeregt die Müllerin. „Ich wollte kein Wörtel verlieren, Reindorfer, wenn du nur einen Grund angeben tätest, warum du nein sagst, möglich, daß dann doch eine Vernunft darein käme! Aber, daß man so ganz eigensinnig und unvernünftig zweien jungen Leuten ihr Lebensglück abspricht, das darf ich doch nicht so ohne Widerred’ hingehen lassen. In allem und jedem taugen sie zusammen, den Jahren, wie dem Wesen nach, auch die Sippschaften, aus denen sie her sind, haben keine vor der anderen etwas voraus, und ich denke, meine Werbung wäre nicht zu verachten und könnte dir wohl anstehen. Was aber die Feindschaft zwischen dir und meinem Mann anlangt, so halt’ ich doch dafür, daß du soviel Christ sein wirst, sie beiseit’ zu lassen, um so mehr, wenn andere unschuldigerweis’ darunter leiden möchten! Also sei gescheit und besinn dich anders, tu es deinem eigenen Kind nicht an, daß du dich gegen sein Glück sperrst.“
„Du redest viel in einem Atem, Müllerin,“ sagte der Reindorfer, „und machst dir damit doch nur ungeschaffte und unnütze Arbeit. Da gilt kein anderes Besinnen; glaub’ mir, ich tue nur, wie ich muß!“
Die Müllerin schlug die Hände zusammen. „Du lieber Himmel, bist du aber dickköpfig! Nun, warte nur, so geschwinde denk’ ich mich nicht abspeisen zu lassen, da reden wir doch noch eine Weile darüber. Sag mir nur, wie kann man denn gar so sein, daß man jahrelang dem andern etwas nachtragen mag, und selbst dann noch, wenn dem sein Kind und das eigene darunter leiden soll? Ich bitt’ dich!“
Der Bauer blies den verhaltenen Atem durch die Zähne, dann sagte er: „Ich möcht’ dich bitten, Müllerin, stell das unnütze Reden ein! Weil ihr Weiberleute zu allem herumzukriegen seid, wenn euch nur einer recht mit Reden zusetzt und nicht nachläßt, so meint ihr, auf gleiche Weis’ vermöchtet auch ihr eines Mannes Sinn zu ändern. Das ist aber nicht so. Was ein Mann ist, der bleibt bei seiner Rede und bei dem, was sie besagt.“
„Wir wollen ja sehen! Wenn du aber guten Rat annehmen willst, so höre lieber gleich heute auf das, was ich dir zu sagen habe und gib mir vernünftigen Bescheid darauf, sonst komme ich dir morgen wieder und übermorgen und Tag für Tag, bis es dir zuwider wird.“
Reindorfer sah die Müllerin ernst an. „Das wirst du bleiben lassen! Dein Mann wußte recht gut, daß dein Herfahren zu nichts führt, er hätte es dir ersparen können. Frag ihn einmal selber auf sein Gewissen hin, ob ich anders tun kann?“
„Das Fragen gedenke ich ohnehin nicht zu sparen und verlaß dich darauf, erfahr’ ich, mein Mann wär’ schuld, daß ihr euch zertragen, so muß auch er wieder der erste sein, der gut wird. Morgen sag’ ich dir, was ich ausgerichtet.“
„Sei nicht aufdringlich, Müllerin. Du redest da doch nur herum wie der Blinde von der Farbe. Ich sage dir, die Sache ist für heut und für allemal abgetan und ich will nichts mehr davon hören. Ich mag dich wohl leiden und bin sonst kein Schroll, aber wenn du mir wieder damit angerückt kämest, so müßte ich dir, um mir Ruhe zu schaffen, die Tür weisen!“
Die Müllerin wandte sich beleidigt ab.
„Nichts für ungut,“ sagte Reindorfer, „es ist nur, damit du weißt, woran du bist. Gib jetzt weiter keine Achtung darauf, denn ich denke“ -- er sah fragend nach Magdalena -- „die Jause wird fertig sein, laß sie nicht verderben.“
„Ich danke. Ich verlang’ nichts. Solange wir so miteinander stehen, könnte mir ohnehin da bei euch kein Bissen schmecken. Behüt Gott!“
Sie ging und Magdalena begleitete sie bis an den Wagen.
Als sie dort in die tränenden Augen des Mädchens blickte, tätschelte sie ihm die Wange. „Armes Hascherl, du,“ sagte sie, „mußt dich deswegen nicht gleich so kränken! Es war kein leeres Reden von mir, ich komme schon wieder, denn das Hinauswerfen fürcht’ ich kein klein bißchen. Aber ich bitt’ dich, sei auch du gescheit und laß nicht nach zu fragen, warum ihr euch nicht haben sollt, du und der Florian. Behüt dich Gott, lieb’ Herz!“
Der Wagen rollte davon.
Drinnen in der Stube rang die Bäuerin die Hände. „Nun will es an das Licht,“ jammerte sie, „es will an das Licht und wird sich nicht länger verschweigen lassen!“
„Warum nicht?“ sagte der Bauer. „Jetzt schickt sich Zeit und Gelegenheit, daß man die Dirne aus dem Hause bringt. Ich steh’ für sie ein, daß man sie nun ohne Gefährd’ nach der Stadt in einen Dienst gehen lassen kann, und für die Ausred’, warum sie weg muß, ist gesorgt; eben die Liebschaft will uns nicht taugen und die jungen Leute müssen sich aus dem Gesicht.“
„Das wäre schon recht, Joseph. Aber bedenk, bevor sich das ins Werk richten läßt, werden die Leute sich dareinmischen und herumfragen, und wenn es der Dirn’ selber keine Ruhe gibt und sie fragt, -- sie fragt etwa dich selbst ...?“
„Ich möcht’ das nicht,“ murmelte scheu der Bauer, „ihr ins Gesicht komme ich mit Lügen nicht auf und fremder Sünd’ willen werd’ ich mir doch an keiner Betrübnis schuld geben! Ich verhoff’ nicht, daß sie fragen wird. Nein, ich verhoff’ nicht.“
Er kehrte sich ab und ging.
Die Bäuerin saß allein und starrte vor sich hin. Sie fühlte sich verlassen und doch war ihr, als wäre die ganze Stube übervoll, als hielte es alle frische Luft von außen ab, daß ihrer gepreßten Brust kein freier Atemzug möglich war, als drängte es sich an sie heran, daß sie sich nicht vom Stuhle zu erheben vermochte, als bannte es sie hier fest, daß sie nicht dem Geringsten von all dem, was nun kommen wird und muß, aus dem Wege gehen konnte. Und wenn dieser Bann andauerte, wenn sie gewärtig sein sollte, daß durch jene Tür Schande auf Schande, Jammer um Jammer hereintreten und sie betreffen würden, hier inner diesen Wänden, deren Steine gegen sie zeugen konnten, -- -- dann flüchteten wohl ihre Gedanken in das Weite und das Elend trifft sie wohl heim, aber nimmer bei sich!
Da schritt etwas heran -- -- --
Sie erkannte den leichten, federnden Tritt. Sie atmete schwer und blieb regungslos sitzen.
Die Tür ward etwas aufgerückt, jetzt blickte wohl das Mädchen nach ihr und zog sich zurück, da es sie eingeschlafen glaubte.
Und sie sah nicht auf -- sie sah nicht auf. Was kommt zwischen heut und morgen und trifft zu tiefst? Sie wußte es nun und sie sagte sich’s:
„Du kannst vor deinem Kinde nimmer die Augen aufheben!“
Und da schlug sie die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich. Der Bann war gebrochen, das Herz wohl mit, aber die Denkkraft war gerettet!
In der Stadt sollen viele umhergehen, die auf solche Art klug geblieben, ja wohl gar klüger geworden sind, recht ansehnliche Leute! Ja, die Bäuerin war schier vornehm, gewiß aber elend geworden!
* * * * *
Die Müllerin war daheim angelangt. Sie versuchte zu lächeln, als sie zu ihrem herbeieilenden Sohne sprach: „Ein bißchen mußt du dich schon noch gedulden, so fleißig ich auch gewesen bin, so hab’ ich doch die Antwort halb fertig drüben liegen lassen müssen. Morgen fördere ich es schon weiter!“ Den Müller aber nahm sie beiseite. „Du, Vater, vor dem Flori mag ich gar nicht davon reden, aber das sind dir ganz närrische Leute, hätt’ ich ihre Dirn’ als Gespons für den Gottseibeiuns verlangt, ärger hätten sie es auch nicht aufnehmen können.“
„Ich hab’ es ja gesagt.“