Der Schandfleck

Part 26

Chapter 261,450 wordsPublic domain

„Ich komm’ nur, sagen, daß wir einen kleinen Bauer auf’n Hof ’kriegt haben! Ein schön’s Büberl, sagen die Leut’, ich versteh’ mich nit so drauf, da muß er vorerst größer werden, bis er mir gefallen kann, aber lieb hab’ ich ihn schon, weil er so sinnlich schaut, als möcht’ er sich einem anbetteln, da er sich selber doch auch gar nit zu helfen weiß. Und Joseph wird er heißen wie du und brav soll er werd’n. Die Leni-Mutter ist wohl ein bissel schwach, aber brauchst nit zu sorgen, es geht ihr gut; das mußt’ ich dir sagen kommen, hab’ ich mir gedacht, sonst wüßt’ ich nix Neues.“ Sie drückte beide Hände mit ausgespreiteten Fingern gegen die Erde. „Daß ich gesund bin, das weißt du ja? So b’hüt dich Gott, Ehnl.“

Sie erhob sich. An einem Grabe, nahe der Kirchhofpforte, blieb sie stehen und murmelte ein Vaterunser, dann eilte sie heim.

Als sie wieder in die Wochenstube trat, sagte Kaspar: „Wo warst denn? Heut mußt nit h’rumlaufen, mußt zur Hand bleiben.“

„Ich bin nur schnell nach’m Friedhof,“ sagte sie, „’m Ehnl es berichten.“

Die Bäuerin lächelte wehmütig.

„Ja so.“ Der Bauer nickte einverständlich, dann aber wiegte er nachdenklich den Kopf: Sonderbar, es widersinnt mir nit, daß mer ihm Posten zutragt, und er liegt dort drüben, wie aus der Welt, gleich, er dürft’ weder gelebt haben, noch gestorben sein.

Unklar, aber desto mächtiger -- wie alles, was nicht in Worten auszusagen ist, den Mann aus dem Volke erfaßt, -- durchschauerte ihn der Gedanke an einen Zusammenhang alles Lebendigen und Toten.

Er stand hochaufgerichtet, so daß das gar kleine Weiblein, das das Kind mittlerweile „gewickelt“ hatte, ihm dasselbe ordentlich hinausreichen mußte.

Er trug es ans Bett.

„Da is er, da hab’n wir’n. Nun zählt einer mehr auf der Welt.“

„Und g’weisten Wegs is er auf dieselbe gekommen,“ lächelte Leni. „Kein’m z’ Leid, all’n z’ Freud’.“

Daß er auch so sein Leben führen möchte, das wünschte die junge Mutter, doch dazu müßte einer schier ein Heiliger werden und einen solchen getraute sie sich wohl nicht zu ziehen, aber wenn sie einen guten Menschen aus ihm macht, aus dem kleinen Joseph, den sie da zum ersten in ihren Armen hält, einen so guten etwa, wie +der+ Joseph war, den sie zum letzten in ihren Armen gehalten, dann wird sie doch mit der Welt auf gleich gekommen sein, als Mutter das Unrecht ihrer eigenen gesühnt haben und -- gelt ’s ja -- dann hat er sich wohl selber ausgetilgt, der Schandfleck?!

Auf Kriegspapier gedruckt.

Anzengruber

in Reclams Universal-Bibliothek

Romane

+Der Sternsteinhof.+ Dorfgeschichte. Nr. 6076-79.

+Der Schandfleck.+ Eine Dorfgeschichte. Nr. 6086-89.

Dramen

+Der Pfarrer von Kirchfeld.+ Nr. 48.

+Der Meineidbauer.+ Nr. 133.

+Die Kreuzelschreiber.+ Nr. 160.

+Der G’wissenswurm.+ Nr. 215.

+Hand und Herz.+ Nr. 272.

+Doppelselbstmord.+ Nr. 336.

+Der ledige Hof.+ Nr. 408.

+Das vierte Gebot.+ Nr. 418.

+Die Trutzige.+ Nr. 421.

+Heimg’funden.+ Nr. 433.

+Der Fleck auf der Ehr’.+ Nr. 470.

Kleine Erzählungen

+Der Einsam.+ Nr. 480.

+Die Märchen des Steinklopferhanns.+ Nr. 504.

+Dorfgänge.+ Nr. 509.

+Die Herzfalte und andere Bauerngeschichten.+ Nr. 515.

+Wissen macht Herzweh.+ Nr. 547.

+Für d’ Katz’.+ Heitere Geschichten. Nr. 608.

Näheres über Einbände und Preise enthält der neueste Katalog von Reclams Univ.-Bibliothek

Ludwig Anzengruber.

Gesammelte Werke

Herausgegeben von +Carl W. Neumann+.

4 Bände mit zahlreichen Bilderbeilagen und einem noch unveröffentlichten Brief in Faksimile. In dauerhaften geschmackvollen Pappbänden oder Halbleinenbänden

Inhalt:

+Band I+: Biographie-Selbstbiographisches-Bibliographisches. -- Der Sternsteinhof. -- Der Schandfleck.

+Band II+: Einleitung. Dorfgänge, erster Teil. -- Dorfgänge, zweiter Teil.

+Band III+: Großstädtisches und Gefabeltes. -- Kalendergeschichten. -- Dramatische Werke (Der Pfarrer von Kirchfeld, Der Meineidbauer, Die Kreuzelschreiber, Der G’wissenswurm).

+Band IV+: Dramat. Werke (Hand und Herz, Doppelselbstmord, Der ledige Hof, Das vierte Gebot, Die Trutzige, Alte Wiener, Heimg’funden, Der Fleck auf der Ehr’).

Diese Angabe fußt auf dem Plan, den der Dichter selbst ein paar Wochen vor seinem Tode für seine „Gesammelten Werke“ aufgestellt hat, bringt einen sorgfältig durchgesehenen Text und läßt den Werken des Dichters eine ausführliche biographische Einleitung vom Herausgeber, sämtliche selbstbiographische Aufzeichnungen Anzengrubers und eine bis auf die Gegenwart fortgeführte vollständige Bibliographie folgen. Vielfache kritische Anmerkungen und Zusätze begleiten die Texte. Damit ist eine Ausgabe geschaffen, die im besten Sinne volkstümlich genannt werden darf und die geeignet ist, weitesten Kreisen des deutschen Volkes die Kenntnis eines großen deutschen Dichters, des Klassikers des Volksstücks und unübertrefflichen Menschenkenners und Menschenbildners zu vermitteln.

Allerlei Dorfgeschichten

aus Reclams Universal-Bibliothek

+Berthold Auerbach+, +Barfüßele+. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte. Nr. 5491-93.

-- +Diethelm von Buchenberg.+ Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte. Nr. 5508-10.

-- +Joseph im Schnee.+ Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte. Nr. 5528/29.

-- +Die Frau Professorin.+ Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte. Nr. 5646/47.

„Ein Lieblingsbuch der Deutschen“ nannte Gustav Freytag Auerbachs gemütvolle Schwarzwälder Dorfgeschichten.

+Annette Freiin von Droste-Hülshoff+, +Die Judenbuche+. Erzählung aus Westfalen. Nr. 1858.

+Hans Fraungruber+, +Ausseer G’schichten+. Erzählungen und Schwänke. Nr. 4850. 4887. 5386.

„Ein geist- und gemütvoller Erzähler, der in ergreifend schlichter Sprache packende Erzählungen aus dem österreichischen Edelgau zu formen weiß.“

(Münchner Neueste Nachrichten.)

+J. Gotthelf+, +Ausgewählte Erzählungen und Bilder+ aus dem Volksleben der Schweiz. Nr. 2423.

-- +Uli der Knecht.+ Nr. 2333-35 ~a~, ~b~.

-- +Uli der Pächter.+ Nr. 2672-75.

+R. Greinz+, +Die Steingruberischen. -- Der Kooperator+. Zwei Tiroler Bauerngeschichten. Nr. 3186.

-- +Lustige Tiroler Geschichten.+ Nr. 5100.

+K. Immermann+, +Der Oberhof+. Westfälische Dorfgeschichte. Nr. 4806-8 a.

Eine der klassischsten Dorfgeschichten unserer Literatur.

Allerlei Dorfgeschichten

aus Reclams Universal-Bibliothek

+Otto Ludwig+, +Die Heiterethei und ihr Widerspiel+. Thüringische Dorfgeschichte. Nr. 3528 bis 3530 ~a~.

+Melchior Meyr+, +Geschichten aus dem Ries+. Einzeln: Ende gut, alles gut. Nr. 4390. -- Die Lehrersbraut. Nr. 4341/42. -- Ludwig und Annemarie. Nr. 4299. -- Regine. Nr. 4867/68. -- Der Sieg des Schwachen. Nr. 4477.

Meyrs Erzählungen aus dem Ries gehören zu den besten deutschen Dorfgeschichten und sind auch für die reifere Jugend sehr zu empfehlen.

+Božena Němcová+, +Großmutter+. Erzählung. Nr. 2057-59.

+Peter Rosegger+, +Geschichten und Gestalten aus den Alpen+. Nr. 4000.

Alles was Rosegger geschaffen hat, wirkt wohltuend und sympathisch. Die liebenswürdige Menschlichkeit, die Wärme und heitere Beschaulichkeit seiner Erzählweise gewinnt ihm alle Herzen und hat ihm die Bedeutung eines der volkstümlichsten Dichter unserer Zeit errungen.

+H. Schmid+, +Almenrausch und Edelweiß+. Erzählung. Nr. 5252/53.

+M. Schmidt+, +’s Almstummerl+. Erzählung aus dem bayrischen Hochland. Nr. 1851.

+K. Světlá+, +Der Kuß+. Eine böhmische Dorfgeschichte. Nr. 3097.

+Karl Wolf+, +Zwei Marterln und andere Tiroler Geschichten+. Nr. 4111.

Eine Auswahl vorzüglicher charakteristischer Erzählungen aus dem Tiroler Land. Interessante Motive, Schärfe der Beobachtung, lebensvolle, farbige Darstellung, und nicht zuletzt Humor zeichnen die Erzählungen dieses echten Volksschriftstellers aus.

Fußnoten:

[1] Das in der Redeweise der Bauern sehr gebräuchliche Wort „mag“ hat man nicht not, wie es oft geschieht, durch „kann“ zu erklären, ihm entspricht vielmehr ganz genau unser aus der gleichen Wurzel stammendes hochdeutsches „vermag“

[2] kleber = unscheinbar, gering

[3] Gundel, Abkürzung für Kunigunde

[4] Versehen, nämlich den Kranken mit den Sterbesakramenten versehen, beziehungsweise die letzte Ölung an ihm verrichten

[5] Anrainer = Grundnachbar, von „Rain“ = Grenzscheide, Rand

[6] Alois = Aloisia

[7] Haferl und Häfen, beides für: Hafen, Topf. Obige Redensart besagt: Der Töpfer macht es auch nicht mit dem Maul, sondern er braucht außer dem Lehm noch die Drehbank, und ist sprichwörtlich bei Angelegenheiten, die nicht so rasch durchzusetzen sind, als es etwa den Anschein hat

[8] Pummerl = Pommer, Spitz, kleiner Hund

[9] Die Blüh’ = die Blüten

[10] „Dem Teufel aus der Butte (Bütte) gesprungen,“ sprichwörtlich für ausgelassen, ein Unband sein

[11] „Mit jemandem auf gleich stehen“, das ist in gleichen Verhältnissen leben; ferner kommt auch vor: „Mit jemandem auf gleich sein“, das ist ausgeglichen mit ihm

[12] Nachmittagkaffee

[13] Es ist eine gang und gäbe Redensart: „Sich setzen, damit man den Schlaf nicht austrage“. Vielleicht liegt derselben irgendein Aberglaube zugrunde, oder der Besucher will damit nur zu verstehen geben, er käme zu ruhigem Gespräche und brächte daher nichts ins Haus, das den Schlaf rauben könnte

[14] Der Gesund = der gesunde Zustand, die Gesundheit

[15] Zügeln = von Zucht, ziehen

[16] stürzen gehn, schulstürzen = hinter die Schule gehen

[17] Ein Kirtag = Kirchweihgeschenk

[18] sein wir red’ worden = sind wir redend geworden

[19] Lose = horche

[20] Ein Heppel = große Kröte, gewöhnlich die sogenannte Feuerkröte

[21] Lampeln = Lämmer

[22] Einem zusteigest, d. i. mit ihm anbinden -- Reschen = Keckheit, Schroffheit

[23] Reuter = großes Sieb

[24] Schnackerl = Schlucken

[25] Geraten, für entraten = entbehren

[26] Unter Bauern und auch in Bürgerkreisen wird oft ein Familienangehöriger vom ganzen Hause, einschließlich des Gesindes, nach der Stellung, die er den Kindern gegenüber einnimmt, als Ehnl, Onkel usw. angesprochen

[27] „kein klein’ bissel“, also ein großes, scherzhafte Umschreibung für viel

[28] „umi“, vielleicht von „umhie“ = hinüber

[29] „Lei, lei“ = Schnell, schnell, rührt euch

[30] „lauleln“ = lau sein, vielleicht auch „launeln“, der Laune nachgeben

[31] Schnur, d. i. Schwiegertochter

[32] Über die Hand, d. i. nachlässig

[33] „trabige“, d. i. treibende, drängende Zeit

[34] „roglich“ = schwankend, bezeichnet immer den Zustand gestörten Gleichgewichtes, welcher die Bewegung, die zu Sturz oder Zerfall führt, vorbereitet, die Lockerung