Der Schandfleck

Part 12

Chapter 123,932 wordsPublic domain

Die Vögel sangen nicht, sie lärmten so aufdringlich laut, und grell schlug das Sonnenlicht durch die fächelnden Blätter an den oberen Zweigen der Büsche und an den Kronen der Bäume, längs des Waldweges, den Magdalena dahinschritt. Fernab lag die Straße, wo eine Begegnung sie hätte verstören oder zerstreuen können, das Auge ihrer Eltern folgte ihr nicht mehr und das närrisch-tröstliche Geplauder von befreundeter Lippe war längst an ihrer Seite verstummt; sie fühlte sich allein und was sie sich auch darauf zugute tat, daß sie ihren alten Leuten und der Jugendgespielin gegenüber stark geblieben und über ihr Los gedacht, wie es der Vater nicht anders hätte sagen können: dagegen kann kein’s, wie rechtschaffen dasselbe es sonst meinen mag, -- lange schon war der Zweig, den sie unter diesem Denken dort vom Busche gebrochen, ihrer Hand entglitten, gar weh überkam sie der Gedanke, wie übel es doch sei, wenn der Mensch den Kopf gegen das Herz, all sein Besinnen gegen sein Empfinden ausrufen müsse; zwei schwere Tränen traten ihr in die Augen und überwältigt von dem Gefühle, -- „halt doch unglücklich zu sein, wie nit bald eines,“ -- warf sie sich nieder auf den Rasen und drückte laut aufschluchzend ihr Gesicht gegen das Bündel.

Ja, dagegen kann auch kein’s, wie rechtschaffen dasselbe es sonst meinen mag!

Plötzlich aber raffte sie sich auf und eilte, wie flüchtend, den Waldweg entlang, hinaus auf die offene Straße. Bis dorthin, wo das Marterkreuz hersieht, ist ihr die Gegend bekannt, sie hat dieselbe vielhundertemal gesehen, von dort aber beginnt für sie die weite Welt, von der fast alle, die nach ihr ausziehen, Glück erhoffen und begehren; sie, die nur so ins Leben hereingeschlüpft ist, will demütiger sein und für das bescheidenste Plätzchen mit dem vollen Einsatze ihres ganzen Pflichtgefühles bezahlen, denn sie hat nicht wie andere mit Gott und Welt dafür wett zu werden, daß sie da ist, sondern +weil+ sie da ist.

Und als sie vorübergeschritten war an dem gemauerten Pfeiler mit der vom Regen verwaschenen Bildtafel, da forderte der ungewohnte Weg ihre Aufmerksamkeit, tausend und ein Gegenstand ihr Auge, fernes und nahes Geräusch ihr Ohr; an allen Sinnen beschäftigt, von jedem Gedanken, außer jenen auf das Zunächstliegende, abgelenkt, ging sie wie träumend an Feldern, kleinen Dörfern und einsamen Weilern vorüber und gegen Abend stieg sie von dem Kamme eines Hügels hernieder und schritt auf die Kreisstadt zu.

Was sie, um sich zurechtzufinden, die Leute fragte, und was diese, sie recht zu weisen, antworteten, sie behielt es nur die kurze Strecke über, bis wo sie aus dem beängstigenden Gehaste der Fußgänger hinweg in einen ruhigen Hausflur trat und der tosende Straßenlärm in dem stillen Stübchen erstarb, zu dessen Tür ein altes, kleines, freundliches Mütterchen sie hineinschob.

Dort saß in einem hohen Lehnstuhle ein greiser Mann, der Schein der Lampe fiel auf sein Gesicht und Magdalena erkannte sofort in ihm ihren Oheim; das war Zug für Zug der Vater Reindorfer, nur noch einige Jahre älter und infolgedessen hinfälliger, aber so und nicht anders wird er aussehen, wenn er das gleiche hohe Alter erreicht, was sich ja bei seiner zähen Lebenskraft wohl erwarten ließ und das Mädchen auch vom Grunde ihres Herzens hoffte, trotzdem sie bald mit sich uneins ward, ob sie ihm damit Gutes wünsche.

Die alte Frau sagte dem Greise ziemlich laut ins Ohr, wer da sei, sie mußte es mehreremal wiederholen, dann nickte er und lächelte, es war ein verlorenes Lächeln und etwas wie Ärger lag dabei in den Augenfältchen, denn er war nicht gewiß, ob er auch recht verstanden habe. Er ergriff die dargebotene Hand des Mädchens. „Je ja, je ja, vom Bruder Joseph. Und wie groß du bist. Wie groß. Schau, schau, die Liese.“

„Das ist meine Schwester, die hat geheiratet, schon vorlängst.“

„So? Ja, die hat geheirat’t.“

„Ich bin die Leni. Die Jüngste.“

„Na schau, na schau, das hab’ ich gar nit gewußt, daß der Bruder zwei Mädeln hat, von dir hat er mir ja gar nichts sagen lassen.“

„Aber er sagt, er hätt’ noch eigens den Bruder und die Schwester zu euch nach der Stadt geschickt.“

„So, so, wann war denn das?“

„Es ist nun achtzehn Jahr’ vorüber.“

„Achtzehn Jahr’? Das ist doch spaßig, ich kann mich darauf nicht besinnen und wie sein Erstes zur Welt gekommen ist, das weiß ich noch wie heut. Das ist gewesen vor sechsunddreißig Jahren, da hat er, ohne anzuklopfen, dort die Tür sperrangelweit aufgerissen und zum Grüßgott hereingerufen: Wir haben einen Buben! Das war ein sauberes Kind, ist ihnen aber nicht lange verblieben. Das weiß ich noch wie heut -- noch wie heut, -- daß aber dein Bruder und deine Schwester sollten bei uns gewesen sein?“ Er stützte den Kopf auf die Hand und sann nach. Nach einer Weile fiel sein Blick auf den Brief, den Magdalena vor ihn hingelegt hatte, er erbrach ihn mit den zitterndem unbeholfenen Händen und versuchte ihn zu lesen, er wendete ihn und drehte ihn. „Hihi, ich behalt’ nicht, was er da schreibt, er wird halt auch alt, der Joseph -- auch alt. Was schreibt er denn?“

Die alte Frau hatte während des ganzen Treibens gegen das Mädchen ein paarmal mit dem Kopfe genickt und dazu gar kläglich die Augen zur Zimmerdecke aufgeschlagen. Ja, was für Beschwer und Kreuz macht einem ein so alter Mann! Sich wollte sie bedauern lassen, ihn nicht, für ihn geschah ja alles, was sie konnte. Nun nahm sie den Brief und hatte alle Mühe, ihn dem ehemaligen Schulmeister verständlich zu machen.

„Armes Kind,“ sagte sie, „daß wir dich die Nacht über bei uns behalten, das versteht sich von selbst, das ist aber auch alles, was wir für dich tun können, zu Rat und Tat sind wir keinem mehr nütze, die Welt und die Leute sind uns fremd geworden, wir gelten nun schon vorweg wie gestorben und begraben. Ja, ei ja wohl.“

Dem Mädchen ward ein ebenso schmaler, als kurzer Diwan zur Schlafstelle angewiesen, dann sollte der alte Schulmeister zu Bette gebracht werden, der fügte sich aber nicht sofort, er setzte allem gütlichen Zusprechen ein zänkisches Gekeife, aller ärgerlichen Bedrohung ein beleidigtes Empfindlichtun entgegen und es dauerte geraume Zeit, bis er zur Ruhe kam.

Magdalena gestand sich im stillen, der alte Mann sei greinig und launenhaft wie ein Kind, ohne daß er es vermochte, auch manchmal lieb zu sein, wie ein solches, aber er war ebenso hilflos und der Pflege bedürftig, und hätte man es an dieser fehlen lassen, es wäre ihm gewiß weh zu Herzen gegangen. Ei ja, so hohes Alter bringt wohl nur Beschwer und Mißmut über die, welche man andern macht, und der es erreicht, hat keine Freude daran! Und nun ward ihr auch klar, warum sie trotzdem ihrem Vater ein solches wünschte, er hat ja nichts Gutes davon, es war eigensüchtig von ihr, aber es war liebende Eigensucht, sie wollte sich die härteste Mühsal nicht gereuen lassen, um in der Sorge für seine letzten Tage ihren Gefühlen gegen ihn genug zu tun, und wie sie es nie vergaß, so sollte es die Welt daraus innewerden, was der alte, hinfällige Mann ihr dereinstens gewesen war. In diesem Sinne betete sie zu Gott, daß er ihr erhalten bleiben möge, und nach diesem Gebete versuchte sie einzuschlafen, aber die unbequeme Liegerstatt, das ganz Ungewohnte der ersten Nacht, die sie in ihrem Leben unter fremdem Dache zubrachte, der Straßenlärm, der jetzt in der Stille der Nacht wieder vernehmlich wurde, nicht betäubend wie am Tage, aber wie ein fortwährendes fernes Gegrolle und dumpfes Gebrause, all das ließ sie nur in einen Halbschlummer verfallen, aus welchem sie beim Morgengrauen emporschreckte und sich müder und mutloser fand als am Tage zuvor.

Der alte Oheim schlief noch, die Tante setzte sich im Bette auf und küßte das Mädchen auf die Wange und dieses trat zum Hause hinaus in die Morgenfrische und suchte den Weg zum Bahnhofe. Sie löste am Schalter die Karte, und als der Zug heranrollte, stieg sie ein und drückte sich scheu in eine Ecke.

Ein paar Stunden hatte die Fahrt gedauert. Magdalena sah nicht mehr aus dem Fenster, nicht mehr nach den Mitreisenden. Es war nun der zweite Tag, an dem ihr nur fremde Orte und fremde Gesichter -- den alten Schulmeister etwa ausgenommen, der sie an Vater Reindorfer erinnerte -- vor Augen kamen, und wie sie sich jetzt fühlt, selbst wildfremd, unter Leuten, die es ihr weder gut noch böse meinen und ihr keinen Anlaß geben, Dank zu betätigen oder Unbill zu wehren, ganz so unselbst und willenlos wird sie sich auch in der Stadt fühlen, und das wußte sie wahrhaftig nicht zu sagen, ob sie je dorthin käme, versuchte einer, dem sie zu vertrauen vermöchte, sie eines anderen Weges zu leiten, in dieser Stunde, wo ihr jeder Arm wie vom Himmel zu greifen schiene.

Sie hielt ihre Blicke nach dem Bündel gesenkt, das auf ihren Knieen lag, und zupfte an den Falten des Einbindetuches.

„Sinnst zu viel, Dirndl,“ sagte eine Stimme.

Als sie fragend aufsah, guckten ihr aus einem runden, rotbäckigen Gesichte, das von kurzen, weißen Haaren umrahmt war, ein paar kluge, graue Augen entgegen.

„Sinnst zu viel, Dirndl. Fahrst denn weit?“

„Nach der Hauptstadt.“

„Wen heimsuchen?“

„Nein, in Dienst geh’ ich.“

„Ei, da kommst freilich weit ab vom Land, wie vom Brauch. Na, du bist noch jung, kannst viel zulernen und auch fremde Art annehmen, wär’ aber nit besser, du treibest, was du kannst, und bleibest, wie du bist?“

Eine breite, schwielige Hand legte sich auf ihre Rechte.

* * * * *

Und das war die Hand, die zur Stunde, wo Magdalenen jeder Arm wie vom Himmel zu greifen schien, sie auf einen andern Weg wies, und das war die Schickung, nach welcher sie wahrhaftig nicht zu sagen wußte, ob sie je nach der Stadt käme.

Sie kam nicht dahin.

13.

„Wär’ nit besser, du treibest, was du kannst, und bleibest, wie du bist?“ fragte der alte Mann, indem er seine Hand auf die Rechte Magdalenens legte.

„Mag wohl sein,“ sagte das Mädchen und nickte vor sich hin. „Aber jetzt, nun schon einmal inmitten Wegs, weiß ich mir dazu nit Rat.“

„Was auf der Welt der eine nit weiß, das weiß vielleicht der andere,“ sagte der Alte. „Dasselbe seh’ ich dir wohl an, du gehst ungern.“

„Gern just nit.“

„Könnt’ sein, ich wüßt’ dir ein anderes Bleiben, wann’s dir anständig is.“

„Darüber könnt’ mer sich ja reden.“

„Wohl, wohl, anders mein’ ich’s nit, als daß sich darüber reden ließ’.“ Er schwieg eine Weile, während er sich im weißen Haare kraute, dann fragte er plötzlich: „Kennst ’leicht ’n Grasbodenbauer in Föhrndorf?“

„Nein.“

„Wo bist denn her?“

„Von Langendorf.“

„Langendorf? Hab’s schon nennen g’hört. Muß weit sein? Da kennt’s ihr freilich nit ’n Grasbodenbauer, drum is ’s unnötig, daß mer davon red’t, oder eigentlich wohl, is ’s erst recht nötig, daß ich dir davon sag’.“ Wieder hielt er inne, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und fragte dann: „Wie heißt denn, Dirndl?“

„Magdalen’ Reindorfer.“

„Nit, daß ich neugierig bin, aber wann sich’s schickt, daß wir einig werd’n, so müssen wir doch eins ’s andere kennen lernen. Daß ich dir also sag’, derselbe Grasbodenbauer in Föhrndorf is mein Schwiegersohn, sein Weib -- Gott laß mein Kind ruh’n! -- is ihm schon vor Jahren verstorben, nur ein klein’s Menscherl is da von ihr, geht jetzt ins zwölfte Jahr und is allweil siech; aber das muß dich nit verschrecken, sie hat kein’ Krankheit, die sich auf ein anders übertragt, dieselbe is ein Übel, das alleinig auf dem verbleibt, den ’s betroffen hat. Ein Professor, zu dem wir’s gebracht hab’n, hat g’sagt, ein’ Nervenkrankheit tät’s sein, -- frei zum Lachen, wann’s nit so traurig wär’ -- in der Stadt soll’n wohl mehr Leut’ so sein, aber da mit einmal eins mitten unter uns Bauern! Nun und da braucht der arme Hascher sein’ Wartung und sein’ Aufsicht, und das schafft uns, je älter sie wird, je mehr und mehr Sorg’ und Kreuz; sie leid’t unterm G’sind keins, das ihr nit zu G’sicht steht, da hat noch all’mal schleunig mit jedem aus’packt werd’n müssen, manch’ guten Knecht und manch’ brave Magd hab’n wir ihretwegen wegg’schickt, na, und gar von den Dirnen, die allweil hätten um sie bleiben sollen, hat’s uns bisher keine kein’ Stund’ lang nit duld’t, das hätt’ nur übel ärger g’macht! Aber wie ich mir dich so betracht’ hab’, da ist mir der Gedanken ’kommen, ob ich’s nit vielleicht mit dir treffen möcht’, ob ’s dich denn nit leiden könnt’?! O, ich hab’ dich ganz g’nau beobacht’, mein liebe Dirn’! Vorhin, wie d’ noch munterer g’wesen bist und die zwei Herrn dort ent’ im Eck kurzweilige Reden g’führt hab’n, da hast du wohl g’schmunzelt, denn Spaß bleibt Spaß und ihn nit verkennen, das is schon recht, aber verquer is er dir ’kommen und zur Unzeit und drum hast ’s Lachen bezwungen; wann sich’s schickt, würd’st wohl auch ’n Ernst bezwingen können und grad dös, daß einer geg’n sich selber aufkommen kann, is ’s Notwendigste, was der Mensch auf der Welt braucht und was mer schon ’n Kindern von klein auf beibringen sollt’, denn solang ich’s unter’n Händen hab’, verhüt’ ich wohl, daß ’s ein’ Dummheit machen, wann ich’s aber freilassen muß, nachher nimmer. Ja, schau Dirn’, vermöcht’ sich nur ein jeder zu bezwingen, kein’ Schlechtigkeit gäb’s mehr in der Welt, kein’ Sünd’ nit! Freilich, mein’ liebe Dirn’, kann ich nach dem kurz’n Aug’nschein nit wissen, wie weit du über dich Herr bist, aber du gibst dir das Ansehn, wie eins, das sich bei sich selber in Respekt zu setzen weiß, und dasselbe g’lassene Wesen wirkt auch auf andere, denn wenn die Ärzten sag’n. -- du magst baden oder trinken -- daß sich vom Wasser mitteilt, was drein steckt und dich g’sund oder krank macht, so mehr wird sich doch, was in ein’ Menschen Gut’s oder Übels steckt, ein’m andern mitteilen, der mit ihm häufig Umgang hat! Soweit wär’s mir wohl recht, du tät’st dich entschließen und gingst mit mir und schauest dir unser’ Kleine an. Dann hast auch so ruhig’s, bedeutsam’s G’schau; das is eine Gottesgab’, wann eins mit den Augen reden kann, -- wo oft keine tausend Wort’ flecken, hilft dös. Ja, ja.“ Wieder faßten die Finger in das weiße Haar und aufseufzend sagte er: „Ah, mein, hart red’t sich’s mit dir, fragst nix und sagst nix.“

„Ja, wußt’ ich denn, daß d’ schon fertig bist? Und bevor tät’ sich’s doch nit ziemen, daß ich dir in d’ Red’ fall’!“

„Weit g’fehlt! Freilich muß ich ’s Wort führen, daß d’ Red’ nit einschlaft, aber du sitz’st da wie ein Stummerl und laßt mich schon d’ längst’ Zeit her über Macht reden.“

„Was soll ich denn sagen, Bauer? Mir wär’s ja in d’ Seel’ h’nein recht, wenn sich’s so schicken möcht’, wie du denkst; aber wer weiß, mag mich die kleine Dirn’ leiden?“

„No, so wär’n wir doch soweit einig, daß d’ mitgingst?“

„Mitgeh’n tu’ ich dir schon.“

„Na, und sollt’n mer uns vergeblich’ Müh’ machen, so brauchst doch du nit z’sorgen weg’n dem, was du versäumst und verlierst, weil d’ Reis’ unterbrichst, der Grasbodenbauer is mein Schwiegersohn und der laßt sich nit spotten und dann bring’ ja ich dich hin und ich bin dir wohl auch für den Schaden gut; jed’ Kind in Föhrndorf und in Hinterwalden, wo ich daheim bin, kennt mich, ’n Bauer vom Hof auf der weiten Hald’. Also es gilt, Dirn’.“ Er hielt die Rechte hin und Magdalena schlug ein.

„Mit geh’ ich,“ sagte sie, „aber für’n Ausgang steh’ ich nit, denn wo’s Aussehn alles richten soll, da kommt’s eben aufs Anschau’n an.“

„Wohl, aber beim Anschau’n auch aufs Aussehn, dächt’ ich nit so, möcht’ ich mir ein Gewissen daraus machen, dich von dein’ geweisten Weg abzureden. Wann die Eisenbahn zunächst wieder stillhalt’, steigen wir aus und fahr’n hinüber nach Föhrndorf. Schaust dir’s halt an, ’s klein’ Menscherl, wirst ja nachher wohl versteh’n, wie ’m Großvater hart g’schieht, daß er wildfremde Leut’ inmitten Weg’s anspricht, denkt er, sie könnten da helfen, wo er nit kann.“

Magdalena griff mit beiden Händen nach denen des alten Mannes.

„Bist gut,“ lächelte er, „und ’s ist schön von dir, daß du mitkommst.“

Als der Zug hielt, stiegen beide aus. Der Mann, der am Ausgange stand, grüßte den Bauer vom Hof auf der weiten Halde und als er Magdalenen die Karte abnahm, rief er lachend: „Oho, lieb’s Kind, soweit sind wir noch lang nit.“

„Sie unterbricht die Fahrt,“ sagte der Bauer.

Der Stationsdiener griff abermals an den Schirm seiner Kappe.

Der Bahnhof lag auf einem Hügel und eine schattige Allee führte hinunter nach dem Dorfe, das in hellem Sonnenbrande lag.

Ehe sie in den Baumgang traten, hielt der Alte beide Hände hohl vor den Mund und schrie aus Leibeskräften: „Hiesl!“

„Jo,“ gröhlte es von unten herauf, und als der Bauer und das Mädchen am Fuße des Hügels angelangt waren, rasselte ein kleines Wägelchen heran.

„No, bist schon da, Bauer? Grüß Gott!“ sagte der Knecht, der die Pferde lenkte. Es war ein langer, dürrer Mensch, er qualmte aus einem sogenannten Nasenwärmer, einer Pfeife mit einem ganz kurzen Rohre, aber der Kopf derselben war so groß, daß das spitze Kinn und die hohlen, braunen, runzligen Wangen fast dahinter verschwanden, den oberen Teil des Gesichtes verdeckte der breitkrempige Hut, den er zum Schutze gegen das grelle Sonnenlicht tief in die Stirne gedrückt hatte.

Der Bauer kletterte auf den Sitz, dann reichte er Magdalenen die Hand und half ihr an seine Seite. „Fahr zu,“ sagte er zum Knechte.

„Ja, Bauer,“ fragte der, bevor er die Zügel anzog, „wen bringst denn da mit dir?“

„Für’n Schwiegersohn sein’ Hof, ein’ G’sellschafterin für unser klein’ Burgerl, mein’ ich.“

Der Knecht sah dem Mädchen in das Gesicht, dann nickte er gegen den Bauer. „Möcht’s schier auch meinen.“ Damit schwang er die Peitsche und das Gefährt rollte dahin. Erst lief die Straße an den kleinen Häusern des Dorfes vorüber, dann eine Weile inmitten von Feldern und Wiesen, zuletzt bog sie in ein Wäldchen ein und als sich die Bäume wieder lichteten, da schlängelte sie, wie endlos, auf einer weiten Ebene zwischen Wiesengründen dahin. Fernher blickte das Kreuz eines Kirchturmes.

Während der Fahrt fiel kein Wort, außer dem einen und dem andern, mit welchem hie und da der Knecht die Pferde ermunterte, die Hitze war drückend und der dicht aufwallende Straßenstaub ließ es ratsam erscheinen, den Mund geschlossen zu halten; auch Leute, die weniger mit ihren Gedanken beschäftigt gewesen wären, hätten es wohl auf günstigere Gelegenheit verschoben, sich etwas mitzuteilen. Erst als der Kirchturm schon hoch aufragte und nunmehr unter ihm die Häuser wie aus dem Boden auftauchten, zeigte der Alte danach.

„Föhrndorf,“ sagte er.

Und nach einer Weile, als sie noch näher an den Ort herankamen, hob er wieder weisend die Hand.

Quer über Feld und längs der Straße lief in unabsehbarer Zeile Buschwerk dahin, das tiefgrünes Wiesenland umhegte, und ganz fern, scharf vom hellen Himmel abgehoben, zeigte sich ein dunkler Streif, der gleichfalls wie eine Hecke aussah, in der Tat aber ein Föhrenwäldchen war, das am Kamme einer Felswand stand; dort steilte sich nämlich der Boden beträchtlich ab und, weil tiefer gelegen, breitete sich von da eine zweite Ebene aus, fast so weit wie die obere.

Diesmal streckte der Bauer die flache Hand aus und strich von da, wo die Büsche querfeldein liefen, gleichsam über die Wiesen hinweg, bis zu dem dunklen Föhrensaume, gegen den er den Zeigefinger ein wenig hob.

„Der Grasboden,“ sagte er, und als er das Mädchen verwundert aufblicken sah, nickte er lächelnd, dann aber senkte er plötzlich den Kopf und murmelte: „Mangel wär’ freilich keiner.“

Nun zeigte sich ganz nahe das erste Haus an der Straße, es trug ein Stockwerk, die Mauer hatte grauen, das Holzwerk braunen Anstrich und das Dach, das sich hoch darüber aufbaute, war mit Schiefer gedeckt, hinter den zwei Bodenfensterchen, die nach vorn heraussahen, hingen weiße Vorhänge, ein Zeichen, daß unter dem Giebel jemand wohnte.

Das Wägelchen fuhr aber nicht an dem Hause vorüber, sondern lenkte, ehe es an dasselbe herankam, durch den großen Torbogen, der daneben aufgemauert war.

Auf der einen Seite der Garten, der sich vom Wohnhause ab erstreckte, auf der andern die Reihe von Scheunen und Ställen gaben dem schmalen, langen Hofe das Ansehen eines kleinen, einseitigen Dorfgäßchens.

Ein gut Stück rädelte das Gefährt in den Hof, dann zog Hiesl die Zügel an und klatschte mit der Peitsche.

„Vater, der Ehnl,“ rief eine helle Stimme im Garten.

Und als sich alle vom Wagen geholfen hatten, trat durch das Zaunpförtchen ein Mann in den Hof, dessen Hand ein kleines Mädchen umklammert hielt. „Grüß Gott, Schwiegervater,“ sagte er, „schön, daß mer dich wieder einmal sieht.“ Dann nickte er dem Knechte auf dessen Gruß zu. „Grüß Gott, Hiesl.“

„Grüß dich Gott, Grasbodenbauer,“ sagte der Alte, indem er mit der Rechten die Hand des Schwiegersohnes schüttelte und mit der Linken das kleine Mädchen am Kinne faßte. „Wie geht’s dir denn, Burgerl?“

„Dank’ schön, Ehnl,“ sagte das Kind.

Dasselbe stand in der Größe gegen viele seiner Altersgenossen zurück, dagegen waren, trotz der Zartheit der Gestalt, alle seine Formen entwickelt und nichts Eckiges an ihm zu sehen. Die Bleiche des Gesichtes, welche selbst das Rot der Lippen und der Nüstern des Stumpfnäschen abschwächte, wurde durch die tiefschwarzen Augen und das wirre, krause, gleich dunkle Haar um so auffallender.

Auf den ersten Blick hin hatte die Kleine mit dem Manne, den sie an der Hand hielt, nicht die geringste Ähnlichkeit. Der Grasbodenbauer war groß und kräftig gebaut, er sah „staatsch“ aus, wie die Dirnen meinten, deren manche den hübschen, wohlhabenden Witwer gar verfänglich ansah und sich ärgerte, daß sie das so unverfänglich tun konnte, da er keine erröten machte, indem er ihr mit Gleichem erwiderte. Die beiden Schultern des Mannes trugen einen Kopf, der für die Größe und Stärke der ganzen Gestalt fast etwas zu klein geraten erschien, aber nur der untere Teil des Gesichtes sah wie gedrückt, mit dem kleinen rundlichen Kinne und den hart aneinandergefalteten Lippen, welche dem Munde den Ausdruck von Gleichmütigkeit gaben, wie man ihn an ganz kleinen Kindern findet, doch über der leicht gebogenen Nase zeigte sich, vom goldblonden Haar umrahmt, eine breite Stirne, so klar und offen wie der Blick der großen, tiefblauen Augen unter derselben. Eben eine solche Stirne entwickelte sich bei dem Kinde, und wenn der Winter in das Land kommen wird, wo die Sonne nicht mehr die Wangen bräunt, dann werden auch die des Vaters ihre Farbe verlieren.

Gleich nach der Begrüßung war der Bauer vom Hof auf der weiten Hald’ zum Brunnen geschritten, er winkte Magdalene, die abseit stand, zu sich. „Geh, Dirndl, magst mir schöpfen. Die Augen brennen mir von der Hitz’ und dem Staub.“

Magdalena trat hinzu und zog mit dem freien rechten Arm -- unter dem linken hielt sie ihr Bündel -- die Brunnenstange.

Der Alte hielt die hohle Hand unter das Rohr, führte sie träufelnd gegen die Augen und kühlte die Lider; als er zurückkam, fragte ihn der Grasbodenbauer, der erst jetzt auf die fremde Dirne aufmerksam geworden war: „Hast Reis’g’sellschaft g’habt?“

„Aufg’nommen hab’ ich die Dirn’.“

„Was d’ sagst? Ein’ Neue für dein’ Hof?“

„Vielleicht für dein’,“ sagte der Alte mit einem bedeutsamen Blicke nach dem Enkelkinde.

Der Grasbodenbauer zuckte die Achseln, sah dann schärfer hinüber nach dem Mädchen, das beim Brunnen stehen geblieben war, und murmelte: „Wird sich ja erproben.“

Burgerl ließ die Hand des Vaters fahren und lief über den Hof zu Magdalene, welche zu zögern schien, ihr Bündel auf die Erde oder auf den Brunnentrog zu legen. „Brauchst ’s nit in Staub, noch in die Nässe zu legen,“ sagte die Kleine, „gib her, ich halt’ dir’s.“

„Dank’ schön,“ lächelte Magdalena, streifte die Ärmel bis über den Ellbogen zurück und griff nach der Brunnenstange.

Burgerl aber faßte sie am Arme. „Halt’ du deine Händ’ unter. Schöpfen werd’ schon ich.“

„Wär’ nit schlecht, wirst dich doch nit mein’tweg’n müh’n!“