Der rote Stern: Ein utopischer Roman
Part 9
Schließlich mußte ich mich ergeben; ich sah, daß Schlaffheit und Apathie immer stärker meinen Willen schwächten, daß ich immer weniger gegen sie anzukämpfen vermochte. Eines Abends, als ich zu Bette lag, wurde es mir plötzlich schwarz vor den Augen. Doch verging dies rasch, und ich trat ans Fenster, um auf die Bäume des Parkes zu blicken. Jählings fühlte ich, daß mich jemand anstarre. Ich wandte mich um -- vor mir stand Anna Nikolajewna Ihr Antlitz war blaß und traurig, aus ihren Blicken sprach Vorwurf. Ich wurde erregt, dachte gar nicht an das Seltsame ihrer Erscheinung, tat einen Schritt vor, um ihr entgegenzugehen und etwas zu sagen. Sie aber verschwand, als habe sie sich in Luft aufgelöst.
Und in diesem Augenblick begann der Gespensterreigen. An vieles erinnere ich mich nicht; mein Bewußtsein war verdunkelt, ich befand mich in einer Art Traum. Es kamen und gingen, erschienen vor mir allerlei Menschen, denen ich in meinem früheren Leben begegnet war, aber auch Unbekannte. Merkwürdigerweise befanden sich unter ihnen keine Marsbewohner, es waren lauter Erdenmenschen. Die Bekannten gehörten meist zu jenen, die ich seit langem nicht gesehen hatte, alte Schulkameraden, mein junger Bruder, der noch als Kind gestorben war. Durchs Fenster erblickte ich einen berüchtigten Spion, der mich mit bösem Lachen aus seinen listigen, unsteten Augen anblickte. Die Gespenster redeten nicht mit mir; in der Nacht jedoch, da alles still war, vernahm ich halluzinierende Töne, hörte unzusammenhängende, sinnlose Gespräche, geführt von den Unbekannten: ein Fahrgast, der mit einem Droschkenkutscher stritt, ein Kommis überredete einen Kunden, die Ware zu kaufen, der Lärm eines Universitätsauditoriums tobte, der Pedell versuchte Ruhe zu schaffen, verkündete, daß der Herr Professor gleich kommen würde. Die Gesichtshalluzinationen waren weit interessanter und störten mich viel weniger und seltener.
Nach der Erscheinung Anna Nikolajewnas sprach ich selbstverständlich mit Menni über meinen Zustand. Er schickte mich sofort ins Bett, berief den Arzt und telephonierte den sechstausend Kilometer entfernten Netti an. Der Arzt erklärte, er könne sich nicht entschließen, etwas zu tun, da er den Organismus der Erdenmenschen zu wenig kenne; jedenfalls bedürfe ich vor allem der Ruhe und Erholung. Befolgte ich diesen Rat, so sei es nicht gefährlich, einige Tage zu warten, bis Netti zurückkäme.
Netti stellte sich am dritten Tag ein. Als er sah, in was für einem Zustand ich mich befand, blickte er Menni mit traurigem Vorwurf an.
Netti
Trotz der Behandlung durch einen so ausgezeichneten Arzt wie Netti währte meine Krankheit einige Wochen. Ich lag zu Bett, ruhig und apathisch, betrachtete mit der gleichen Seelenruhe die Wirklichkeit und die Gespenster. Nettis stete Gegenwart erweckte in mir ein kaum merkliches, leichtes Gefühl der Zufriedenheit.
Heute erscheint mir in der Erinnerung mein damaliges Verhältnis zu den Halluzinationen sehr merkwürdig; obgleich ich mich an die hundert Mal von ihrer Unwirklichkeit überzeugte, so vergaß ich dies, sobald sie erschienen; selbst wenn sich mein Bewußtsein nicht verdunkelte und verwirrte, hielt ich die Erscheinungen für wirkliche Gesichter und Dinge. Bloß wenn sie bereits verschwunden waren, oder im Augenblick vor ihrem Verschwinden, erkannte ich ihre Gespensterhaftigkeit.
Nettis Hauptbestreben ging dahin, mir Schlaf und Ruhe zu verschaffen. Er konnte sich nicht dazu entschließen, mir irgendeine Medizin zu verabreichen, fürchtete, diese könnte auf den irdischen Organismus als Gift wirken. Etliche Tage vermochte er mich mit den gewöhnlichen Mitteln nicht zum Schlafen zu bringen; die Halluzinationen verhinderten dies. Endlich aber gelang es ihm dennoch, und als ich nach zwei- bis dreistündigem Schlaf erwachte, sprach er:
»Nun zweifle ich nicht mehr an Ihrer Genesung, wenngleich die Krankheit noch lange währen dürfte.«
Und die Krankheit nahm ihren Verlauf. Die Halluzinationen wurden seltener, doch waren sie um nichts weniger lebhaft und klar, wurden sogar etwas komplizierter; bisweilen ließen sich die gespenstischen Gäste mit mir in ein Gespräch ein.
Von diesen Gesprächen hatte nur ein einziges für mich Sinn und Bedeutung; es war schon gegen Ende meiner Krankheit, als es geführt wurde.
Eines Morgens erwachend, sah ich Netti wie gewöhnlich in meiner Nähe; vor seinem Lehnstuhl aber stand mein alter Revolutionskamerad, der lebhafte, boshaft spöttische Agitator Ibrahim. Er schien etwas zu erwarten. Als sich Netti ins anstoßende Zimmer begab, um das Bad vorzubereiten, sprach Ibrahim grob und entschlossen zu mir:
»Du Dummkopf! Was hältst du Maulaffen feil? Siehst du denn etwa nicht, wer dein Arzt ist?«
Ich wunderte mich weder über die in seinen Worten enthaltene Andeutung, noch über den zynischen Ton, ich kannte ja seine Art. Doch entsann ich mich des eisernen Griffs, mit dem Nettis kleine Hände zupackten und glaubte Ibrahim nicht.
»Umso ärger für dich!« meinte er mit verächtlichem Lachen und verschwand.
Netti betrat das Zimmer. Bei seinem Anblick empfand ich ein seltsames Unbehagen. Er schaute mich scharf an.
»Nun«, sprach er, »Ihre Genesung macht rasche Fortschritte.«
Den ganzen Tag über war Netti schweigsam und versonnen. Am folgenden Tag, überzeugt davon, daß ich mich wohl fühle und die Halluzinationen sich nicht wiederholen würden, ging er seiner Arbeit nach und kehrte erst gegen Abend heim, ließ sich durch einen anderen Arzt vertreten. Etliche Tage kam er nur des Abends zu mir, um mich einzuschläfern. Erst nun wurde es mir klar, wie wichtig und angenehm mir seine Anwesenheit sei. Zusammen mit der Erregung der Genesung, die irgendwie aus der ganzen Natur in meinen Organismus einzudringen schien, verfolgte mich immer häufiger Ibrahims Andeutung. Ich schwankte, versicherte mir selbst, das ganze sei Unsinn, der Gedanke entspringe meiner Krankheit; weshalb hätten Netti und die übrigen Freunde mich in dieser Beziehung irreführen sollen? Nichtsdestoweniger blieb ein unklarer Zweifel zurück, der etwas Angenehmes besaß.
Einmal fragte ich Netti, mit was für einer Arbeit er eben beschäftigt sei. Er erwiderte, es gebe jetzt viele Beratungen, auf denen über eine neue Expedition nach den anderen Planeten verhandelt werde, er sei als Experte zugezogen. Menni leite die Beratungen, doch dächte weder er noch Netti daran, die Expedition in nächster Zeit zu unternehmen, was mich mit großer Freude erfüllte.
»Aber Sie selbst, beabsichtigten Sie nicht heimzukehren?« fragte Netti, und aus seinem Ton klang leise Unruhe.
»Es gelang mir doch noch nicht, irgendetwas zu tun«, entgegnete ich. Nettis Gesicht strahlte.
»Sie irren, Sie haben bereits viel getan, ... schon diese Antwort allein ...«, erwiderte er.
Ich ahnte in dieser Andeutung etwas, das ich nicht wußte, das mich aber betraf.
»Kann ich Sie nicht zu einer dieser Beratungen begleiten?« erkundigte ich mich.
»Auf keinen Fall. Abgesehen davon, daß Sie noch der Erholung bedürfen, müssen Sie noch einige Monate alles vermeiden, was mit dem Beginn Ihrer Krankheit im Zusammenhang steht.«
Ich wollte nicht streiten. Es war so angenehm, sich zu erholen; die Pflicht der Menschheit gegenüber schien in weite Ferne gerückt. Jetzt beunruhigten mich nur mehr, und zwar in immer stärkerem Maße, die Gedanken über Netti.
Eines Abends stand ich am Fenster und blickte durch die Dämmerung in die geheimnisvolle Schönheit des Parkes; dieser dünkte mich herrlich, und nichts an ihm war meinem Herzen fremd. Ein leises Klopfen an der Tür wurde vernehmbar, und ich fühlte mit einem Mal -- dies sei Netti. Er näherte sich mit seinen leichten raschen Schritten, streckte mir lächelnd die Hand hin: der alte Erdengruß, der ihm gefiel. Freudig griff ich nach seiner Hand, drückte sie so heftig, daß es sogar seine festen Finger schmerzte.
»Ich sehe, daß meine Rolle als Arzt zu Ende ist«, lächelte er. »Doch muß ich noch einige Fragen an Sie richten, um meiner Sache ganz gewiß zu sein.«
Er richtete Fragen an mich, ich gab Antwort, erfaßt von unverständlicher Verwirrung, und las in der Tiefe seiner großen, großen Augen heimliches Lachen. Schließlich vermochte ich mich nicht länger zu beherrschen.
»Erklären Sie mir, weshalb ich mich so stark zu Ihnen hingezogen fühle? Weshalb freut es mich so ungemein, Sie zu sehen?«
»Hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil ich Sie behandelt habe und Sie unbewußt die Freude der Genesung auf mich übertragen. Vielleicht aber auch ... deshalb, weil ich ... eine Frau bin ...«
Dunkle Punkte kreisten vor meinen Augen, alles ringsum versank in Nacht, das Herz hörte schier zu schlagen auf ... Einen Augenblick lang hielt ich wie ein Wahnsinniger Netti in meiner Umarmung fest, küßte ihre Hände, ihr Gesicht, ihre großen tiefen Augen, die grünlich blau leuchteten, wie der Himmel ihres Planeten ...
Schlicht und großherzig überließ sich Netti meiner Umarmung ... Als ich meine sinnlose Freude beherrschte und von neuem ihre Hände und ihr Gesicht küßte, die Augen voller Freudentränen, die selbstverständlich von der durch die Krankheit verursachten Schwäche herrührten, sprach Netti mit ihrem lieben Lächeln:
»Es schien mir, als fühlte ich in Ihrer Umarmung Ihre ganze junge Welt, deren Despotismus, deren verzweifeltes Glücksverlangen -- all dies lag in Ihrer Liebkosung. Ihre Liebe gleicht dem Mord ... Aber ... ich liebe Sie, Lenni ...«
Dies war Glück.
Dritter Teil
Glück!
Diese Monate! ... Gedenke ich ihrer, so erfaßt gewaltiges Zittern meinen Leib, Nebel verdunkeln mein Auge, alles ringsum erscheint mir nichtig. Und es gibt keine Worte, um das vergangene Glück zu schildern.
Die neue Welt kam mir nahe, schien mir mit einem Mal völlig verständlich. Die erlittene Niederlage bekümmerte mich nicht. Jugend und Glaube kehrten zu mir zurück, um, wie ich glaubte, mich nie mehr zu verlassen. Ich besaß Hoffnung und einen starken Verbündeten; für die Schwäche war kein Raum. Die ganze Zukunft gehörte mir.
In die Vergangenheit schweiften meine Gedanken nur selten zurück, sie beschäftigten sich mit dem, was Netti und unsere Liebe anbelangte.
»Weshalb verbargen Sie mir Ihr Geschlecht?« fragte ich bald nach jenem Abend.
»Anfangs ergab sich dies von selbst, zufällig. Dann aber unterstützte ich absichtlich Ihre Täuschung, entfernte sogar von meiner Kleidung alles, was Ihnen die Wahrheit hätte verraten können. Mich erschreckte die Schwere und Kompliziertheit Ihrer Aufgabe, ich fürchtete, diese noch verwickelter zu gestalten, besonders als ich später Ihre unbewußte Zuneigung zu mir wahrnahm. Auch verstand ich mich selbst nicht recht ... bis zu Ihrer Krankheit.«
»Diese also hat die Lösung herbeigeführt ... Wie segne ich meine lieben Halluzinationen!«
»Ja, als ich von Ihrer Erkrankung erfuhr, traf es mich wie ein Hammerschlag. Hätte ich nicht vermocht, Sie vollständig zu heilen, ich wäre vielleicht gestorben.«
Nach einigen Augenblicken des Schweigens fügte sie hinzu:
»Wissen Sie auch, daß sich unter Ihren Freunden noch eine Frau befindet, von der Sie dies gleichfalls nicht ahnten? Sie ist Ihnen sehr zugetan, freilich nicht so wie ich ...«
»Enno!« erriet ich sofort.
»Selbstverständlich. Und auch Enno führte Sie absichtlich irre, befolgte dabei meinen Rat.«
»Ach, wie viel Trug und Feigheit gibt es doch in Eurer Welt!« rief ich mit scherzhaftem Pathos. »Laßt nur, bitte, Menni einen Mann bleiben, denn verliebte ich mich in ihn, so wäre dies furchtbar.«
»Ja, dies ist furchtbar«, entgegnete Netti gedankenvoll, und ich verstand ihren seltsamen Ernst nicht.
Tage reihten sich an Tage, und beglückt nahm ich von der schönen neuen Welt Besitz.
Trennung
Und dennoch kam ein Tag, kam der Tag, an den ich nicht ohne Verwünschungen zu denken vermag -- der Tag, da sich zwischen Netti und mir der schwarze Schatten einer verhaßten und unvermeidlichen Trennung erhob.
Mit dem gleichen gelassenen, abgeklärten Gesichtsausdruck, der ihr eigen war, erklärte mir Netti unvermittelt, sie müsse sich im Verlauf eines Tages der Riesenexpedition nach der Venus anschließen, die von Menni geleitet wurde. Als sie sah, wie sehr mich diese Nachricht verstörte, sprach sie:
»Es ist ja nicht auf lange Zeit. Hat die Expedition Erfolg, und ich zweifle nicht daran, so wird ein Teil der Mitglieder baldigst zurückkehren, und auch ich werde diesem Teil angehören.«
Dann berichtete sie mir, worum es sich handle. Auf dem Mars waren die Vorräte der radiumausstrahlenden Materie, die für die Motoren der interplanetarischen Luftschiffe und für die Zerlegung und Synthese aller Elemente unentbehrlich waren, erschöpft und konnten nicht erneuert werden. Auf der Venus hingegen, einem jungen Planeten, der fast viermal kürzere Zeit bestand als der Mars, gab es auf Grund untrüglicher Anzeichen ungeheure Lager dieser Materie, die sich fast an der Erdoberfläche befand und sich nicht selbständig zerlegen konnte. Auf einer Insel, die in dem gigantischen Ozean der Venus lag und von den Marsbewohnern die »Insel des glühenden Sturms« genannt ward, gab es ein reiches Lager der radiumausstrahlenden Materie, und es war beschlossen worden, dieses Lager so rasch wie möglich auszubeuten. Doch war vorher nötig, äußerst hohe und dicke Mauern zu errichten, die die Arbeiter gegen den verderblichen glühenden Wind schützen sollten, der in seiner Wildheit und Grausamkeit die Sandstürme unserer Wüsten bei weitem übertraf. Diese Arbeit erforderte eine Expedition von zehn Aetheroneffs und von zweitausend Menschen, unter denen sich zwanzig Chemiker befanden; die übrigen sollten den Bau der Mauer übernehmen. Die besten wissenschaftlichen Kräfte sowie die erfahrensten Aerzte würden sich anschließen; die Gesundheit aller Expeditionsmitglieder war vom Klima gefährdet und auch von der mörderischen Glut, sowie von den Emanationen der radiumausstrahlenden Stoffe. Netti vermochte sich, den eigenen Worten zufolge, nicht von der Expedition zu drücken, doch hatte sie sich ausbedungen, daß, wenn die Arbeit gut von statten gehe, bereits nach drei Monaten ein Aetheroneff zurückkehre, um Nachrichten und die zutage geförderte Materie mitzubringen. Mit diesem Aetheroneff wollte dann auch Netti heimkommen, also etwa zehn bis elf Monate nach Ausfahrt der Expedition.
Ich vermochte nicht zu begreifen, weshalb Netti unbedingt an der Expedition teilnehmen müsse. Sie meinte, das Unternehmen sei ein derart ernstes, daß sie sich ihm nicht entziehen könne, außerdem sei es auch für meine Aufgabe von großer Bedeutung, denn der Erfolg würde die Möglichkeit einer engeren Verbindung mit der Erde schaffen. Uebrigens würde ein jeder Irrtum auf dem Gebiet der medizinischen Hilfe das Unternehmen von allem Anfang an zum Mißerfolg verurteilen. All dies klang überzeugend, ich wußte ja auch, daß Netti als der beste Arzt galt, besonders in Fällen, die nicht in den Rahmen der alten erfahrungsgemäßen Medizin paßten; dennoch schien mir irgendwie, daß dies nicht alles sei, als gäbe es noch etwas Unausgesprochenes.
An einem zweifelte ich nicht; an Netti selbst und ihrer Liebe. Wenn sie sagte, es sei unbedingt nötig, die Expedition mitzumachen, so war dies wirklich unvermeidlich, erklärte sie mir aber nicht, weshalb dies so sein mußte, so bedeutete es, daß ich sie nicht weiter befragen dürfe. Wenn sie sich von mir unbeobachtet glaubte, sah ich in ihren schönen Augen Angst und Schmerz.
»Enno wird dir ein guter und liebevoller Freund sein«, sprach sie mit wehmütigem Lächeln. »Und auch Nella wird dich nicht vergessen, sie liebt dich um meinetwillen, besitzt viel Verstand und Erfahrung; in den schweren Augenblicken des Lebens ist ihre Hilfe von hohem Wert. Wenn du an mich denkst, so denke immer nur das eine: daß ich zurückkehre, sobald dies irgendwie möglich ist.«
»Ich vertraue dir, Netti«, sprach ich, »und deshalb glaube ich auch an mich, an den Menschen, den du liebst.«
»Du hast recht, Lenni, und ich bin überzeugt, daß dich keinerlei Schicksalsschläge, keinerlei Prüfungen von deiner Aufgabe ablenken werden, daß du dir selbst ebenso treu und daß du ebenso stark und rein bleiben wirst wie bisher.«
Die Zukunft warf ihre Schatten auf unsere Abschiedsliebkosungen und erschütterte Netti bis zu Tränen.
Die Kleiderfabrik
In diesen kurzen Monaten war es mir dank Nettis Hilfe in hohem Maße gelungen, mich auf die Verwirklichung meines Hauptplanes vorzubereiten: ein nützlicher Arbeiter der Marsgesellschaft zu werden. Ich schlug wohlüberlegt alle Aufforderungen ab, über die Erde und deren Menschen Vorträge zu halten; es wäre sinnlos gewesen, dies zu meiner Spezialität zu machen, da es ja auf künstliche Art mein Bewußtsein an die Dinge der Vergangenheit gefesselt hätte und mir dadurch die Zukunft, für die es zu kämpfen galt, verloren gegangen wäre. Ich beschloß ganz einfach, in einen Betrieb zu gehen und wählte, nach verschiedenen Vergleichen und reiflicher Ueberlegung, als erste Arbeitsstelle die Kleiderfabrik.
Selbstverständlich wählte ich eine leichtere Arbeit. Dennoch forderte diese von mir eine nicht geringe und ernsthafte Vorbereitung. Vor allem galt es, mich mit der Ausarbeitung des wissenschaftlichen Prinzips der Fabrikorganisationen im allgemeinen bekannt zu machen, dann aber mit jener besonderen Organisation der von mir gewählten Fabrik, mit deren Architektur, deren Arbeitseinteilung, mit den Maschinen, an denen ich arbeiten würde, kurzum mit allen Einzelheiten. Zu diesem Vorbereitungsstudium mußte ich gewisse Gebiete der Mechanik, der Technik, ja sogar der mathematischen Analyse studieren. Die Hauptschwierigkeit bestand für mich nicht in den Gegenständen selbst, sondern in den Formeln. Die Lehrbücher und Anleitungen rechneten nicht mit der weit niedrigeren Erdenkultur. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind gequält wurde, indem man mir ein französisches Lehrbuch der Mathematik gab. Ich empfand für diesen Gegenstand eine ernsthafte Vorliebe, und anscheinend auch eine ungewöhnliche Begabung. Die Schwierigkeiten, die dem Anfänger meist so viel Kopfzerbrechen bereiten, die Idee des »Grenzwertes« und der »Ableitung« machten mir so wenig Mühe, als wären sie mir immer bekannt gewesen. Doch fehlten mir jene logische Disziplin und das praktische Wissen, die von dem französischen Professor vorausgesetzt wurden; das ganze Lehrbuch war dem Ausdruck nach äußerst klar und genau, doch geizte es mit Erklärungen. Es gab hier keine jener logischen Brücken, die sich ein Mensch von höherer wissenschaftlicher Kultur selbst hinzudenken kann, die aber für den jungen Asiaten vonnöten sind. Bisweilen dachte ich ganze Stunden lang über irgendeine magische Reduktion nach, die auf die Worte folgte: »Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf den vorangegangenen Vergleich richten, so kommen wir zu dem Ergebnis ...« -- Derart war es mir damals ergangen, und das gleiche empfand ich in noch verstärktem Maße beim Studium der wissenschaftlichen Bücher des Mars. Die Illusion, die mich zu Beginn meiner Krankheit irregeführt hatte, daß alles leicht und verständlich sei, verschwand spurlos. Aber Netti hatte mir mit ihrer geduldigen Hilfe stets zur Seite gestanden und mir den schweren Weg geebnet.
Bald nach Nettis Abfahrt faßte ich meinen Entschluß und trat in den Betrieb ein. Die Fabrik war ein riesenhaftes und äußerst kompliziertes Unternehmen; sie glich nicht im geringsten unserer üblichen Vorstellung von einer Kleiderfabrik. Hier waren Spinnerei, Weberei, das Zuschneiden, Nähen und Färben der Kleider vereinigt, das Material jedoch, das zur Verarbeitung gelangte, war weder Flachs, noch Baumwolle, noch Pflanzenfasern überhaupt, noch Wolle, noch Seide, sondern etwas ganz anderes.
In der ersten Zeit verfertigten die Marsbewohner ihre Gewänder aus den gleichen Stoffen wie wir; sie bauten jene Pflanzen an, deren Gewebe diesem Zweck diente, schoren die wolletragenden Tiere, zogen ihnen die Haut ab, züchteten eine besondere Art Spinnen, deren Gewebe die Eigenschaften der Seide besaß usw. Die wirtschaftlichen Veränderungen und die Vervollkommnung der Technik erforderten jedoch eine immer größere Getreideproduktion. Die Pflanzenfasern wurden durch mineralische Fasern ersetzt. Später wandten die Gelehrten alle Aufmerksamkeit der Erforschung der Spinnengewebe zu, suchten nach einer Synthese neuer Stoffe mit analogen Eigenschaften. Als ihnen dies gelungen war, erfolgte auf diesem ganzen Gebiet eine gewaltige Umwälzung, und heute konnte man die Gewebe des alten Typus nur noch in historischen Museen sehen.
Unsere Fabrik war die wahrhafte Verkörperung dieser Umwälzung. Etliche Mal im Monat wurde aus der zunächstgelegenen chemischen Fabrik auf dem Schienenweg für die Spinnerei »Material« geliefert, das heißt: eine durchsichtige Flüssigkeit in gewaltigen Zisternen. Aus diesen Zisternen wurde vermittels besonderer luftdichter Apparate das Material in ungeheure, hohe Metallreservoire geleitet, deren dichter Boden hunderttausend mikroskopisch kleine Oeffnungen besaß. Durch diese Oeffnungen gelangte die klebrige Flüssigkeit unter einen starken Luftdruck und verhärtete sich zu zähen Fasern. Zehntausend mechanische Spindeln erfaßten diese Fasern, spannen sie zu Fäden verschiedener Dicke, schafften das Gespinst in die Webeabteilung. Hier wurden die verschiedenen Stoffe gewebt, von den allerfeinsten, wie Musselin und Batist, bis zu den dicksten, wie Tuch und Filz. Die endlosen breiten Streifen gelangten nun weiter in die Zuschneidewerkstätte. Hier wurden sie von neuen Maschinen gepackt, sorgfältig gefaltet, geschichtet, zu genau ausgemessenen Stücken zerschnitten, zu Stücken, die die einzelnen Teile des Gewandes bildeten.
In der Schneiderwerkstatt wurden aus den zugeschnittenen Stücken fertige Kleider hergestellt, jedoch ohne daß dabei Nadel, Faden oder Nähmaschine angewandt worden wären. Durch einen chemischen Prozeß wurden die Ränder der Kleidungsstücke erweicht und abermals in ihren ersten flüssigen Zustand versetzt. Sobald die chemische Substanz verdunstete, waren die Kleider gleichsam zusammengelötet, fester, als es bei der besten Schneiderarbeit der Fall gewesen wäre. Diese Lötung wurde gleichzeitig überall vollzogen, wo es nottat, so daß auf diese Art fertige Kleider hergestellt wurden, und zwar in einigen tausend Mustern, der Form und dem Maß nach verschieden.
Es gab für jede Größe einige hundert Muster, aus denen ein jeder fast immer das geeignete zu wählen vermochte, und dies umso mehr, als sich die Marsbewohner äußerst ungezwungen kleideten. War dennoch das Geeignete nicht vorhanden, wie etwa im Fall einer körperlichen Unnormalität, so kam das Stück abermals unter die Zuschneidemaschine; es wurde ein besonderer Anzug »genäht«, was etwa eine Stunde in Anspruch nahm.
Was die Farbe der Gewänder anbelangte, so trugen die Marsbewohner meist dunkle weiche Farben, die dem Material entsprachen. Wurde jedoch eine andere Farbe verlangt, so kam der Anzug in die Färbeabteilung und erhielt vermittels eines chemisch-elektrischen Prozesses die gewünschte Farbe, die ideal gleichmäßig und ideal dauerhaft war.
Aus den gleichen, nur viel dickeren Geweben wurden das Schuhwerk und die warmen Winterkleider hergestellt. Unsere Fabrik verfertigte diese nicht, doch gab es andere, noch größere Betriebe, in denen alles verfertigt wurde, was ein Mensch vom Kopf bis zu den Füßen an Bekleidung braucht.
Ich arbeitete der Reihe nach in allen Abteilungen des Betriebes, ließ mich anfangs völlig von meiner Arbeit hinreißen. Besonders interessant erschien mir die Zuschneidewerkstatt; hier mußte ich bei meiner Arbeit mir bisher unbekannte Hilfsmittel in Anspruch nehmen: die mathematische Analyse. Die Aufgabe bestand darin, aus einem gegebenen Stück bei dem geringstmöglichen Materialverlust alle Teile eines Anzugs zu gewinnen. Dies war natürlich eine äußerst prosaische, aber auch ernste Sache, denn selbst der geringste Irrtum, der sich im Verlauf der Arbeit viele Millionen Mal wiederholte, bedeutete einen ungeheuren Verlust. Einen erfolgreichen Entschluß zu fassen, gelang mir meist »nicht schlechter« als andern.