Der rote Stern: Ein utopischer Roman
Part 8
»Meine Arbeit ist schon beendet. Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen unser Krankenhaus zeigen«, schlug Netti vor.
Ich empfand dafür lebhaftes Interesse, und wir schickten uns an, das ganze schöne Gebäude zu besichtigen.
Chirurgische Fälle und Nervenkrankheiten schienen hier vorzuherrschen. Die meisten chirurgischen Fälle waren durch Maschinen verursachte Verletzungen.
»Es ist doch nicht möglich, daß es in Eueren Betrieben an Schutzvorrichtungen fehlt?« fragte ich Netti.
»Vollkommene Schutzvorrichtungen, die jeden Unglücksfall ausschließen, gibt es überhaupt nicht. Aber Sie sehen hier die Verletzten aus einem Gebiet mit zwei Millionen Einwohnern -- bei einem derartigen Gebiet sind etliche zehn Verwundete gar nicht so viel. Meist handelt es sich hier um Neulinge, die sich noch nicht recht auf die Maschinen verstehen, an denen sie arbeiten. Bei uns behagt es den Leuten, von dem einen Arbeitszweig zum anderen überzugehen. Die Erziehungs- und Kunstspezialisten sind am häufigsten die Opfer ihrer Zerstreutheit; ihre Aufmerksamkeit schweift oft ab, sie versinken in Gedanken und Betrachtungen.«
»Die Nervenkrankheiten werden wohl meistens durch Erschöpfung verursacht?«
»Ja, dieser Fälle gibt es viele. Doch werden derartige Krankheiten auch ebenso oft durch eine Krise im Geschlechtsleben oder aber eine andere seelische Erschütterung hervorgerufen, wie etwa der Tod geliebter Menschen.«
»Werden hier auch Geisteskranke mit verdunkeltem oder verwirrtem Bewußtsein aufgenommen?«
»Nein. Für diese gibt es ein eigenes Krankenhaus. Bei ihnen bedarf es besonderer Vorrichtungen, damit sie in gewissen Fällen weder sich, noch anderen Schaden zufügen können.«
»Und wird bei Euch in solchen Fällen gegen die Kranken Gewalt angewandt?«
»Bisweilen; selbstverständlich aber nur dann, wenn es sich als unumgänglich nötig erweist.«
»Nun begegne ich in Ihrer Welt bereits zum zweiten Mal der Gewalt! Das erste Mal geschah dies im »Haus der Kinder«. Sagen Sie mir, es gelingt also auch auf dem Mars nicht, dieses Element völlig aus dem Leben zu verbannen? Sie sind gezwungen, es mit Bewußtsein anzunehmen.«
»Ja; ebenso wie wir gezwungen sind, Krankheit und Tod hinzunehmen, oder etwa eine bittere Medizin zu schlucken. Welches vernünftige Wesen würde zum Beispiel im Fall der Selbstverteidigung auf die Gewalt verzichten?«
»Wissen Sie, daß diese Tatsache mir die Kluft zwischen Ihrer und unserer Welt weit weniger groß erscheinen läßt?«
»Der Unterschied besteht nicht darin, daß bei Ihnen notgedrungenerweise viel, bei uns aber wenig Gewalt angewandt wird, sondern vielmehr darin, daß sich bei Ihnen die Gewalt als Gesetz verkleidet, sei es nun als äußeres oder inneres, daß sie als sittliche und rechtliche Norm auftritt, die die Menschen beherrscht und belastet. Bei uns hingegen tritt die Gewalt entweder als Krankheitserscheinung auf, oder aber als vernünftige Handlung eines vernunftbegabten Wesens. In keinem dieser Fälle bedeutet sie irgendein gesellschaftliches Gesetz, oder eine gesellschaftliche Norm, ist weder persönliches noch unpersönliches Gebot.«
»Gibt es denn keine Regel, nach der Sie die Freiheit der Geisteskranken oder der Kinder einschränken?«
»Ja, eine Art wissenschaftliche, der Medizin oder Pädagogik entstammende Regel. Freilich sind in dieser technischen Regel nicht alle jene Fälle vorausgesehen, in denen die Gewalt angewandt werden muß, noch aber die Mittel bei ihrer Anwendung, die Stufen -- alldies hängt selbstverständlich von der Gesamtheit der Vorbedingungen ab.«
»Wird dadurch der Willkür der Erzieher oder Krankenpfleger nicht völlig freier Lauf gelassen?«
»Was bedeutet das Wort »Willkür«? Wenn es unnötige, überflüssige Anwendung der Gewalt bedeutet, so kann es nur in bezug auf einen Kranken angewandt werden, der sich im Krankenhaus befindet. Ein vernünftiger, bewußt handelnder Mensch ist der Willkür nicht fähig.«
Wir durchschritten die Krankensäle, die Operationsräume, die Zimmer, in denen die Medizinen aufbewahrt wurden, die Stuben der Pfleger. Im obersten Stockwerk betraten wir einen geräumigen, schönen Saal, dessen durchsichtige Wände den Ausblick auf den See, den Wald und die fernen Berge gestatteten. Der Raum war mit Statuen und Gemälden von hohem künstlerischem Wert geschmückt, die Möbel waren prächtig und luxuriös.
»Dies ist das Zimmer der Sterbenden«, sprach Netti.
»Bringen Sie alle Sterbenden hierher?« fragte ich.
»Ja, oder sie begeben sich selbst in diesen Saal«, lautete die Antwort.
»Können denn bei Ihnen die Sterbenden noch selbst gehen?« staunte ich.
»Jene, die körperlich gesund sind, vermögen es selbstverständlich.«
Ich begriff, daß es sich hier um Selbstmörder handle.
»Sie überlassen diesen Saal den Selbstmördern zur Ausführung ihres Vorhabens?«
»Ja, sowie alle Mittel, die einen ruhigen schmerzlosen Tod bringen.«
»Und Sie legen ihnen kein einziges Hindernis in den Weg?«
»Wenn der Patient bei klarem Verstand ist und sein Entschluß feststeht, kann es doch gar kein Hindernis geben. Natürlich wird dem Kranken Gelegenheit gewährt, sich vorher mit dem Arzt zu beraten. Einige tun dies, -- andere nicht.«
»Kommen bei Ihnen viele Selbstmorde vor?«
»Ja, besonders unter den alten Leuten. Wenn sich das Gefühl des Lebens abstumpft und schwächer wird, ziehen es viele vor, nicht das natürliche Ende abzuwarten.«
»Begehen auch junge, völlig gesunde und starke Menschen Selbstmord?«
»Auch dies kommt vor, aber äußerst selten. Seitdem ich im Krankenhaus arbeite, kann ich mich bloß an zwei Fälle erinnern, der dritte ließ von seinem Vorhaben ab.«
»Wer waren die beiden Unglücklichen und was trieb sie in den Tod?«
»Der erste war mein Lehrer, ein hervorragender Arzt, der der Wissenschaft viel Neues gegeben hat. Bei ihm war die Fähigkeit, die Leiden anderer mitzufühlen, in einem unglaublich hohen Maße entwickelt. Dies führte seinen Verstand und seine Energie zum Studium der Medizin, war aber auch sein Verderben. Er ertrug es nicht. Verbarg aber seine geistige Einstellung so gut vor allen Menschen, daß seine Tat völlig überraschend wirkte. Er beging diese nach einer schweren Epidemie, die als Folge der Trockenlegung einer Meeresbucht auftrat, als die toten Fische tonnenweise verwesend am Strand lagen. Die Krankheit war ebenso schmerzhaft wie bei Ihnen die Cholera, aber noch weit gefährlicher. Von zehn Erkrankungen nahmen neun einen tödlichen Verlauf. Da aber dennoch eine geringe Möglichkeit der Genesung bestand, konnten die Aerzte den Bitten der Kranken um einen raschen und schmerzlosen Tod nicht nachkommen; es war ja auch nicht möglich, von einem Menschen, den starkes Fieber und große Schmerzen peinigten, anzunehmen, daß er sich bei völlig klarem Bewußtsein befinde. Mein Lehrer arbeitete wie ein Wahnsinniger, und seine Forschungen trugen viel dazu bei, die Epidemie abzukürzen. Als diese völlig verschwunden war, beging er Selbstmord.«
»Wie alt war er damals?«
»Ihrer Berechnung nach ungefähr Fünfzig. Bei uns ist dies noch ein jugendliches Alter.«
»Und der zweite Fall?«
»Eine Frau, der am gleichen Tag Mann und Kind gestorben waren.«
»Und der dritte Fall?«
»Den kann Ihnen nur jener Genosse erzählen, der ihn selbst erlebte.«
»Das ist wahr«, meinte ich. »Erklären Sie mir aber nun etwas anderes: wie kommt es, daß sich die Marsbewohner so lange jung erhalten? Ist dies eine Eigenheit Ihrer Rasse oder hängt es von den günstigen Lebensbedingungen, oder aber noch von etwas anderem ab?«
»Mit der Rasse hat es nichts zu tun; noch vor zweihundert Jahren waren wir weit weniger langlebig. Die günstigeren Lebensbedingungen? Ja, selbstverständlich spielen auch diese eine bedeutsame Rolle, die Hauptursache jedoch ist eine ganz andere: nämlich die _Erneuerung_ des Lebens.«
»Was ist das?«
»Eine dem Wesen nach äußerst einfache Sache, Ihnen jedoch wird sie wahrscheinlich seltsam erscheinen, obgleich Ihre Wissenschaft bereits alle Daten für diese Methode kennt. Sie wissen, daß die Natur, um die Lebensfähigkeit der Zelle oder des Organismus zu steigern, das Einzelwesen durch ein anderes ergänzt. Um dieses Ziel zu erreichen, verschmilzt sich das Einzelwesen aus zweien zu einem, und auf diese Art erhält es die Lebens- und Vermehrungsfähigkeit, die »Unsterblichkeit« des Protoplasma. Derselbe Gedanke beherrscht die Kreuzungen der höheren Pflanzen- und Tierarten; hier vereinigen sich lebendige Elemente zweier verschiedener Wesen, auf daß ein drittes geboren werde. Schließlich wissen Sie wohl auch um die Einimpfung des Blutes, von dem einen zum anderen Geschöpf, um diesem anderen eine stärkere Lebensfähigkeit zu verleihen, wie dies beim Serum gegen verschiedene Krankheiten der Fall ist. Wir gehen hierin noch weiter: verwenden die _Transfusion des Blutes_ zwischen zwei menschlichen Wesen, von denen jedes dem anderen eine gesteigerte Lebensfähigkeit zu geben vermag. Diese einmalige Transfusion des Blutes zwischen zwei Menschen wird durch einen die Blutgefäße der beiden verbindenden Apparat bewerkstelligt. Bei Beobachtung der nötigen Vorsichtsmaßregeln ist der Prozeß völlig ungefährlich. Das Blut des einen Menschen lebt weiter im Organismus des anderen, vermischt sich mit dem eigenen Blut und erneuert die Gewebe.«
»Auf diese Art vermögen Sie durch die Transfusion jungen Blutes den Alten die Jugend wiederzugeben?«
»Zum Teil; freilich nicht ganz. Denn das Blut ist im Organismus nicht alles, der Organismus verarbeitet es. Deshalb altert auch der junge Mensch nach der Transfusion alten Blutes nicht; alles, was in ihm Schwäche, Alter ist, verteilt sich rasch im jungen Organismus, und zur gleichen Zeit scheidet er aus dem Organismus all das aus, dessen er nicht bedarf; dadurch werden die Energie und Anpassungsfähigkeit seines ganzen Wesens gesteigert.«
»Wenn dies so einfach ist, weshalb hat bis heute unsere irdische Medizin das Mittel noch nicht angewandt? Die Transfusion des Blutes ist, wenn ich nicht irre, bereits seit etlichen hundert Jahren bekannt.«
»Ich weiß es nicht; vielleicht besteht irgendeine organische Eigenheit, die bei den Erdenmenschen diesem Mittel seine Wirksamkeit raubt. Vielleicht aber kommt dies auch von dem bei Ihnen herrschenden Individualismus, der so sehr den einen Menschen vom anderen trennt, daß der Gedanke an eine lebendige Verschmelzung Ihren Gelehrten schier als ein Ding der Unmöglichkeit erscheint. Außerdem gibt es bei Ihnen eine Unzahl das Blut vergiftender Krankheiten, Krankheiten, von denen die Befallenen oft gar nicht wissen, oder die sie verheimlichen. Die bei Ihnen äußerst selten vollzogene Transfusion des Blutes trägt irgendwie einen philanthropischen Charakter: jener, der viel Blut besitzt, gibt davon jenem, der dessen äußerst nötig bedarf, zum Beispiel in Fällen, wo durch Wunden ein großer Blutverlust entstanden ist. Freilich kommt dies auch bei uns vor; meist aber verhält es sich anders, entspricht unserer ganzen Ordnung: unser Leben ist nicht nur dem Geist nach ein kameradschaftliches, sondern sogar dem Körper nach.«
Arbeit und Gespenster
Die Eindrücke der ersten Tage, die wie ein stürmischer Wasserfall mein Bewußtsein überfluteten, ließen mich erkennen, was für eine ungeheuere Arbeit mir bevorstand. Vor allem galt es, diese Welt zu _begreifen_, diese unermeßlich reiche und in ihrer Ordnung so eigenartige Welt. Dann aber mußte ich mich ihr _nähern_, jedoch nicht wie einem interessanten Museumsgegenstand, sondern wie ein Mensch den Menschen, ein Arbeiter den Arbeitern. Nur so vermochte ich meine Mission zu erfüllen, als wahrhaftes Band zwischen zwei Welten zu dienen, zwischen denen ich, der an der Grenze stehende Sozialist, einen unendlich winzigen Augenblick der Gegenwart bedeutete, der Vergangenheit und Zukunft verband.
Als ich das Krankenhaus verließ, sprach Netti zu mir: »Beeilen Sie sich nicht allzu sehr.« Mir schien es, als habe er unrecht. Im Gegenteil: ich mußte mich beeilen, mußte alle Kräfte, alle Energie anspannen -- denn meine Verantwortung war eine ungeheuer große. Welcher gewaltige Nutzen konnte unserer alten zerquälten Menschheit erwachsen, welche gigantische Beschleunigung ihrer Entwicklung durch den Einfluß dieser lebendigen, energischen, hohen Kultur, die so mächtig und harmonisch war! Und jeder Augenblick der Verzögerung in meiner Arbeit konnte ein Hinausschieben dieses Einflusses bedeuten ... Nein, ich durfte nicht erwarten, durfte nicht rasten. Und ich arbeitete viel. Lernte die Wissenschaft und die Technik der neuen Welt kennen, beobachtete genau ihr gesellschaftliches Leben, studierte ihre Literatur. Und dabei boten sich mir viele Schwierigkeiten.
Die wissenschaftlichen Methoden verblüfften mich völlig: ich prägte sie mir mechanisch ein, vermeinte anfangs, sie seien leicht, einfach, ohne Fehler; bald aber bemerkte ich, daß ich sie nicht verstand, daß ich nicht begriff, wieso sie zum Ziele führten, ihre Verbindung nicht fand und ihr Wesen nicht erfaßte. Ich glich einem alten Mathematiker des 17. Jahrhunderts, dessen begrenzter unbeweglicher Geist die lebendige Dynamik der unendlich kleinen Größen nicht zu erfassen vermag.
Die allgemein zugänglichen Versammlungen der Marsbewohner versetzten mich durch ihren rein sachlichen Charakter in großes Erstaunen. Ob sie nun wissenschaftlichen Fragen, oder aber der Organisation der Arbeit oder Kunstfragen galten, -- stets waren die Ausführungen und Reden seltsam nüchtern und kurz, die Argumente genau, sachlich, niemand wiederholte sich und keiner wiederholte, was ein anderer gesagt hatte. Der Beschluß der Versammlung, der häufig ein einstimmiger war, wurde mit märchenhafter Geschwindigkeit durchgeführt. Beschloß die Versammlung der Lehrer, daß eine neue Lehranstalt gegründet werden müsse, oder die Versammlung der Arbeitsstatistiker, daß ein neues Unternehmen gegründet werden solle, oder die Versammlung der Stadtbewohner, daß irgendein Gebäude zu schmücken sei, -- sofort erschienen auch schon die neuen Zahlen der erforderlichen Arbeitskraft, das Zentralbureau schaffte auf dem Luftweg Hunderte und Tausende von neuen Arbeitern herbei; nach einigen Tagen oder einer Woche war bereits alles beendet, und die neuen Arbeiter verschwanden; niemand wußte, wohin. All dies erweckte in mir schier den Eindruck der Magie, einer seltsamen, gelassenen, kalten, Beschwörungen und Mystik verachtenden Magie, die vielleicht eben deshalb durch ihre übermenschliche Macht besonders rätselhaft wirkte.
Auch die Literatur der neuen Welt, sogar die rein künstlerische, bedeutete für mich weder Erholung noch Beruhigung. Ihre Form erschien zwar klar und unkompliziert, aber der Inhalt mutete mich fremd an. Es verlangte mich, tiefer in sie einzudringen, sie zu begreifen, ihr näher zu kommen, doch führten meine Bemühungen zu einem völlig unerwarteten Ergebnis: die Formen wurden gespenstisch, von Nebel umhüllt.
Besuchte ich das Theater, so überkam mich ebenfalls das Gefühl der Verständnislosigkeit. Die Reden der Helden waren so zurückhaltend und gedämpft, ihre Gefühle so schwach betont, daß es fast schien, als wollten sie bei dem Zuschauer keinerlei Stimmung erregen, als wären sie nur abgeklärte Philosophen, freilich äußerst idealisierte. Nur die historischen, in der fernen Vergangenheit spielenden Dramen weckten in mir einen vertrauten Eindruck; hier war auch das Spiel der Darsteller bedeutend lebhafter, der Ausdruck persönlicher Gefühle um vieles unverhüllter, glich weit mehr dem, woran ich in unseren Theatern gewöhnt war.
Ein Umstand zog mich trotz allem immer wieder ins Theater unserer kleinen Stadt: nämlich der, daß es hier keine Schauspieler gab. Die hier aufgeführten Stücke wurden uns durch optische und akustische Apparate vermittelt, die sich in anderen großen Städten befanden, oder aber, und dies kam noch häufiger vor, es wurden Stücke aufgeführt, die so alt waren, daß die meisten der darin auftretenden Schauspieler nicht mehr unter den Lebenden weilten. Die Marsbewohner kannten die Momentaufnahmen in natürlichen Farben, benützten sie, um Leben und Bewegung wiederzugeben, wie dies in unseren Kinos geschieht. Aber sie vereinigten nicht nur den Kinematograph mit dem Phonograph, wie das bereits, wenn auch ohne rechten Erfolg, auf der Erde getan wurde, sondern sie wandten auch das Stereogramm an und verliehen dadurch den Kinobildern Relief. Auf der Leinwand erschienen gleichzeitig zwei Abbildungen, -- zwei halbe Stereogramme; vor jedem Sitz war ein entsprechendes stereoskopisches Glas befestigt, das die beiden flachen Abbildungen zu einer vereinigte. Es schien seltsam, klar und genau lebendige Menschen zu sehen, die sich bewegten, handelten, ihren Gefühlen in Worten Ausdruck verliehen, und gleichzeitig zu wissen, daß von all dem nichts existierte, als die Mattscheibe, der Phonograph und das elektrische Licht mit dem Uhrwerk. Ja, dies war fast mystisch seltsam, und erweckte unklare Zweifel an aller Wirklichkeit.
Selbstverständlich wurde durch all diese Tatsachen meine Aufgabe, das Verstehen der fremden Welt, in hohem Maße erschwert. Ich hätte entschieden fremder Hilfe bedurft. Doch wandte ich mich nur sehr selten an Menni mit der Bitte um Erklärungen. Ich wollte ihn nicht in Anspruch nehmen, denn er war eben mit seinen Forschungen über die Gewinnung der »Minus-Materie« beschäftigt. Er arbeitete unermüdlich, schlief oft nächtelang nicht, und ich wollte ihn nicht stören und ablenken. Seine Arbeitsfreudigkeit war für mich ein lebendiges Beispiel, das mich unwillkürlich dazu verleitete, meine Anstrengungen fortzusetzen.
Die übrigen Freunde waren von meinem Horizont verschwunden. Netti verreiste auf etliche hundert Kilometer, um den Bau und die Organisation eines riesenhaften neuen Krankenhauses auf der anderen Halbkugel des Planeten zu leiten. Enno, Sternis Gehilfe, war ebenfalls viel beschäftigt; in seinem Observatorium wurden Messungen und Berechnungen für neue Expeditionen nach der Venus und der Erde angestellt, sowie für Expeditionen nach dem Mond und dem Merkur; letztere sollten photographiert und von den Mineralien sollten Proben zurückgebracht werden. Mit den anderen Marsbewohnern war ich nicht näher bekannt, beschränkte meine Gespräche mit ihnen auf praktische Fragen; es fiel mir schwer, mich diesen so fremden und hoch über mir stehenden Wesen zu nähern.
Allmählich begann ich zu finden, daß, allgemein gesprochen, meine Arbeit gute Fortschritte machte. Ich bedurfte immer weniger der Rast, ja sogar des Schlafes. Alles, was ich fast mechanisch leicht und frei erlernte, brachte ich bequem in meinem Kopf unter, und dies rief irgendwie das Gefühl hervor, als sei mein Kopf völlig leer und könne noch viel, sehr viel beherbergen. Freilich, wenn ich nach alter Gewohnheit versuchte, für mich selbst genau zu formulieren, was ich wußte, so mißlang das fast immer; doch deuchte mich, es sei nicht wichtig, Einzelheiten und Teile klar definieren zu können. Vor allem gelte es einen Allgemeinbegriff zu haben, und den besaß ich.
Eine besonders lebhafte Befriedigung fand ich in meiner Arbeit nicht; es gab nichts, das in mir das frühere Gefühl unmittelbaren Interesses wachgerufen hätte, doch erschien mir dies selbstverständlich: nach all dem, was ich gesehen und erfahren hatte, fiel es mir schwer, noch über irgendetwas zu staunen. Es kam ja auch gar nicht darauf an, ob mir etwas angenehm sei, sondern vielmehr darauf, daß ich alles begreife und mir zu eigen mache.
Eines nur war peinlich: es wurde mir täglich schwerer, meine Aufmerksamkeit völlig auf einen Gegenstand zu konzentrieren. Die Gedanken schweiften von einer Sache, von einer Seite zur anderen; klare, gänzlich unerwartete Erinnerungen fluteten bisweilen über mein Bewußtsein hinweg, ließen mich meine Umgebung vergessen, raubten mir die kostbaren Minuten. Ich bemerkte dies, zwang mich mit neuer Energie zur Arbeit, aber nach kurzer Zeit suchten abermals flüchtige Bilder und Phantasien der Vergangenheit mein Gehirn heim, und es galt von neuem, ihrer Gewalt zu widerstehen.
Immer häufiger überkam mich ein bebendes, seltsam beunruhigendes Gefühl; bekannte Gesichter tauchten vor mir auf, alte Geschehnisse. Eine übermächtige Flut riß mich zurück, in ferne Zeiten, in die Jugend und früheste Kindheit, dort verlor sich mein Bewußtsein in Unklarheit und Wirrnis. Nach solchen Stunden vermochte ich die andauernde Zerstreutheit nicht zu bewältigen.
In meinem Inneren entstand ein heftiger Widerstand, der mich hinderte, einer Sache lange Zeit zu widmen; ich hastete von Gegenstand zu Gegenstand, schleppte in meine Stube einen Haufen Bücher, die früher am rechten Ort aufbewahrt waren, Tabellen, Karten, Stereogramme, Phonographen usw. Auf diese Art hoffte ich, den Zeitverlust wieder einzubringen, aber die furchtbare Zerstreutheit übermannte mich stets von neuem, und häufig ertappte ich mich dabei, daß ich lange reglos auf einen Punkt starrte, nichts begriff, nichts tat.
Lag ich auf meinem Bett und blickte durch das Glasdach zum düsteren Nachthimmel empor, so begannen meine Gedanken eigenwillig mit erstaunlicher Lebhaftigkeit und Energie zu arbeiten. Vor meinem Geiste erschienen ganze Zahlenreihen und Formeln, sie waren von einer derartigen Klarheit, daß ich sie, Zeile um Zeile, abzulesen vermochte. Doch verblaßten diese Erscheinungen gar bald, machten anderen Platz, mein Bewußtsein kehrte zum Panorama eines unglaublich lebendigen und klar umrissenen Bildes zurück, das nichts mit meiner Beschäftigung und meinen Sorgen zu tun hatte. Ich schaute irdische Landschaften, theatralische Szenen, Bilder aus Kindermärchen, sah sie wie in einem Spiegel. Sie durchdrangen meine Seele, verschwammen, vermischten sich, erweckten keinerlei Aufregung, sondern bloß ein leichtes Interesse, eine gewisse Neugierde, der eine schwache Befriedigung eignete. Dieser Vorgang vollzog sich in meinem Bewußtsein, vermengte sich nicht mit der äußeren Umgebung; später jedoch griff er auch auf sie über. Ich versank in Schlummer, in Träume, die voll lebendiger und komplizierter Erscheinungen waren; der Schlummer war ein leichter und gab mir nicht, wonach mich so sehr verlangte -- das Gefühl der Rast und Erholung.
Schon längere Zeit störte mich Ohrensausen, jetzt wurde dieses immer unaufhörlicher und stärker, hinderte mich bisweilen sogar daran, die Töne des Phonographen zu vernehmen. Des Nachts raubte es mir den Schlaf. Immer wieder vermeinte ich dazwischen Menschenstimmen zu hören, bekannte und unbekannte, bisweilen glaubte ich, mein Name würde gerufen, oder aber ich vernähme Gespräche, deren Worte ich wegen des Sausens nicht zu verstehen vermochte. Ich sah ein, daß ich nicht völlig gesund sei, daß mich Verwirrung und Zerstreutheit überwältigten, vermochte ich doch nicht einmal einige Zeilen im Zusammenhang zu lesen.
»Das ist selbstverständlich nur Uebermüdung«, sprach ich zu mir. »Ich muß mehr rasten, habe tatsächlich zu viel gearbeitet. Doch brauche ich Menni davon nichts zu sagen, denn was jetzt mit mir vorgeht, erweckt gar sehr den Eindruck, als machte ich bereits zu Anfang meiner Arbeit Bankrott.«
Wenn mich Menni in meiner Stube aufsuchte, dies kam freilich zu jener Zeit selten vor, gab ich mir den Anschein, äußerst beschäftigt zu sein. Er warnte mich: ich arbeite zu viel, setze mich der Gefahr der Erschöpfung aus.
»Heute sehen Sie besonders schlecht aus«, sagte er. »Schauen Sie in den Spiegel, wie Ihre Augen glänzen, wie blaß Sie sind. Sie müssen sich ausruhen, das wird später Früchte tragen.«
Mich verlangte ja selbst nach Ruhe, doch vermochte ich keine zu finden. Zwar tat ich fast nichts, aber alles ermüdete mich, sogar die geringste Anstrengung. Die stürmische Flut lebendiger Bilder, Erinnerungen und Phantasien ebbte weder bei Tag noch bei Nacht ab. In ihr verblaßte meine Umgebung, verlor sich, nahm etwas Gespenstisches an.