Der rote Stern: Ein utopischer Roman
Part 6
Während wir so sprachen, bemerkte ich plötzlich, daß auf den Tabellen einige Zahlen verschwanden und durch andere, neue, ersetzt wurden. Ich fragte, was dies bedeute.
»Die Zahlen ändern sich stündlich«, erklärte Menni. »Im Verlauf einer Stunde melden einige tausend Arbeiter ihren Wunsch, zu einer anderen Arbeit überzugehen. Dies wird vom zentralen statistischen Apparat vermerkt, und die Mitteilung wird auf elektrischem Wege stündlich weitergeleitet.«
»Auf welche Art vermag der zentrale statistische Apparat die Zahlen des Ueberschusses und des Mangels festzustellen?«
»Unser Institut für Rechnungswesen besitzt überall seine Agenturen; diese verfolgen genau die Bewegung in der Produktion, die Warenmengen der einzelnen Betriebe, die Zahl der dort schaffenden Arbeiter. Auf diesem Weg wird genau ersichtlich, wieviel Arbeitsstunden erforderlich sind. Das Institut berechnet, welcher Unterschied zwischen den tatsächlichen und den erforderlichen Arbeitsstunden in den einzelnen Betrieben besteht, und gibt dies überall bekannt. Die Flut der Freiwilligen verteilt sich auf gleichmäßige Art.«
»Ist das Anrecht auf Produkte in keiner Weise eingeschränkt?«
»Nein; jeder nimmt das, was er braucht, nimmt soviel, wie er will.«
»Und wird niemals etwas unserem Gelde entsprechendes verlangt? Ein Beweis für die Menge der geleisteten Arbeit, oder der Verpflichtung, diese zu leisten?«
»Keineswegs. Bei uns ist die Arbeit frei, es herrscht an nichts Mangel. Der erwachsene soziale Mensch fordert nur eines: Arbeit. Wir brauchen ihn weder auf verhüllte noch auf offene Art zur Arbeit zu zwingen.«
»Wenn aber die Forderungen durch nichts begrenzt werden, ergibt sich daraus nicht die Möglichkeit scharfer Schwankungen, die alle Berechnungen des Instituts über den Haufen werfen?«
»Selbstverständlich nicht. Der einzelne Mensch kann für einen oder zwei Menschen essen, ja auch die für drei Leute bestimmte Menge von Nahrungsmitteln verzehren, oder aber er kann in zehn Tagen zehn Anzüge tragen; bei einer Gesellschaft von dreitausend Millionen Menschen hingegen gibt es keine derartigen Schwankungen. Bei so großen Zahlen bedeuten die Schwankungen nach der einen oder anderen Seite hin nichts, verteilen sich gleichmäßig; der Durchschnitt verändert sich äußerst langsam, in strenger, gesetzmäßiger Kontinuität.«
»Dann arbeitet also Ihre Statistik völlig automatisch, ist weiter nichts, als eine Berechnung?«
»Das will ich nicht sagen. Es gibt dabei auch große Schwierigkeiten. Das Institut für Rechnungswesen muß scharfsichtig alle neuen Erfindungen verfolgen, sowie die durch diese im Betrieb hervorgerufenen Veränderungen, damit es diese richtig einzuschätzen vermag. Erscheint eine neue Maschine, so fordert dies nicht nur eine Veränderung der Arbeit in jenen Betrieben, wo sie benützt wird, sondern auch in den Maschinenfabriken, und bisweilen in den Betrieben für Rohmaterial bei ganz anderen Zweigen. Wird eine Erzgrube erschöpft, oder werden neue mineralische Reichtümer entdeckt, so bedeutet das abermals eine völlige Veränderung der Arbeit in einer ganzen Reihe von Betrieben, -- in den Bergwerken, dem Bau der Eisenbahnstrecken usw. All dies muß von allem Anfang an berechnet werden, wenn auch nicht ganz genau, so doch annähernd, und das ist keineswegs leicht, solange nicht die Daten von Augenzeugen erbracht werden können.«
»Bei derartigen Schwierigkeiten«, bemerkte ich, »ist es offensichtlich nötig, stets über einen Vorrat an überschüssigen Arbeitskräften zu verfügen?«
»Ja, gerade dies ist der Stützpunkt unseres Systems. Vor zweihundert Jahren, als die kollektive Arbeit nur gerade genügte, um die Forderungen der Gesellschaft zu befriedigen, war eine völlige Genauigkeit der Berechnung unentbehrlich, und die Verteilung der Arbeit konnte nicht ganz frei sein. Es gab Pflicht-Arbeitstage, und die Verteilung derselben fand nicht immer die Zustimmung unserer Genossen. Doch brachte jede Erfindung, wenngleich sie zuerst vorübergehende statistische Schwierigkeiten bedeutete, eine gewaltige Erleichterung der Aufgabe. Zuerst wurden die Arbeitstage gekürzt, dann, als sich allerorts ein Ueberschuß an Arbeitskraft zeigte, wurde die Verpflichtung zur Arbeit endgültig aufgehoben. Beobachten Sie, wie unbedeutend die Zahlen sind, die sich auf den Mangel an Arbeitsstunden beziehen: tausend, zehn-, hunderttausend Arbeitsstunden, nicht mehr, -- und dies bei Millionen und zehn Millionen von Arbeitsstunden, die in den Betrieben unnötig verbracht werden.«
»Dennoch besteht ein Mangel an Arbeitsstunden«, warf ich ein. »Freilich dürfte er durch den darauffolgenden Ueberschuß gedeckt werden.«
»Nicht bloß durch diesen Ueberschuß. Bei den lebenswichtigen Betrieben wird derart gearbeitet, daß die Grundziffern noch überboten werden. In den für die Gesellschaft wichtigsten Industriezweigen -- den Betrieben für Lebensmittel, Kleidung, Maschinen, Bauten -- erreicht dieses Ueberangebot die Höhe von 6 Prozent, bei den weniger wichtigen 1 bis 2 Prozent. Auf diese Art drücken die den Mangel bezeichnenden Zahlen, allgemein gesprochen, nur den relativen, aber nicht den absoluten Mangel aus. Selbst wenn auf den Tabellen ein Mangel von zehn- und hunderttausend Arbeitsstunden vermerkt ist, so bedeutet dies noch nicht, daß die Gesellschaft unter einem wirklichen Mangel leidet.«
»Wieviel Stunden werden täglich vom Einzelnen, zum Beispiel in dieser Fabrik, gearbeitet?«
»Die meisten arbeiten zwei, anderthalb und zweieinhalb Stunden«, erwiderte der Techniker. »Doch gibt es auch welche, die länger oder kürzer arbeiten. Jener Genosse dort, der den großen Hammer handhabt, läßt sich derart von seiner Arbeit fortreißen, daß er niemandem gestattet, ihn abzulösen, ehe nicht die volle Arbeitszeit, sechs Stunden, vorüber ist.«
Ich übertrug im Gedanken die Marszahlen auf irdische Zahlen: ihr Tag bestand, da ihre Stunden etwas länger waren aus zehn Stunden. Demzufolge war ein Arbeitstag von vier, fünf, sechs Stunden ungefähr unserem Arbeitstag von fünfzehn Stunden gleich, -- einer Arbeitszeit, die nur bei den ausbeuterischsten Unternehmen vorkam.
»Ist es denn für den Genossen am großen Hammer nicht schädlich, so lange zu arbeiten?« fragte ich.
»Bisher noch nicht«, entgegnete Netti. »Er wird sich diesen Luxus noch ein halbes Jahr lang gestatten können. Ich habe ihn selbstverständlich auf die Gefahren aufmerksam gemacht, die ihm von seiner Leidenschaft drohen. Eine derselben ist die Möglichkeit eines krampfartigen psychischen Anfalls, der ihn mit unwiderstehlicher Kraft unter den Hammer reißen würde. Im Vorfahr ereignete sich in dieser Fabrik ein derartiger Fall mit einem jungen Mechaniker, der ebenfalls die starken Empfindungen liebte. Dank eines glücklichen Zufalls gelang es, den Hammer aufzuhalten, und der unfreiwillige Selbstmord mißlang. Die Gier nach starken Empfindungen ist an und für sich noch keine Krankheit, doch kann sie sich leicht in eine verwandeln, falls das Nervensystem durch Erschöpfung, seelische Kämpfe oder eine zufällige Krankheit erschüttert ist. Selbstverständlich verliere ich niemals jene Genossen aus dem Auge, die sich hemmungslos der gleichen Arbeit hingeben.«
»Sollte aber nicht jener Genosse, von dem die Rede ist, seine Arbeitszeit auch schon deshalb abkürzen, weil in der Maschinenfabrik ein Ueberschuß an Arbeitsstunden besteht?«
»Selbstverständlich nicht«, lachte Menni. »Weshalb sollte gerade er das Gleichgewicht herstellen? Die Statistik verpflichtet keinen. Jeder nimmt sie zur Kenntnis, doch kann er sich nicht einzig und allein von ihr leiten lassen. Wenn es Sie danach verlangte, baldigst in dieser Fabrik zu arbeiten, so würden Sie höchstwahrscheinlich eine Anstellung finden, und die statistische Zahl des Ueberschusses würde sich auf ein bis zwei Stunden vergrößern. Der Einfluß der Statistik macht sich bei der _Massen_-Umstellung der Arbeit ununterbrochen bemerkbar, doch ist jeder Einzelne frei.«
Wir hatten uns nun zur Genüge ausgeruht und gingen daran, die Besichtigung der Fabrik fortzusetzen. Nur Menni begab sich heim, denn er war ins Laboratorium gerufen worden.
Am Abend beschloß ich, bei Netti zu bleiben; er versprach, mir am folgenden Tag das »Haus der Kinder« zu zeigen, wo seine Mutter eine der Erzieherinnen war.
Das Haus der Kinder
Das »Haus der Kinder« nahm den wichtigsten und schönsten Teil einer Stadt von fünfzehn- bis zwanzigtausend Einwohnern ein. Diese Einwohner bestanden freilich hauptsächlich aus Kindern und deren Erziehern. Es gab in allen größeren Städten auf dem Planeten derartige Anstalten, in vielen Fällen bildeten sie sogar selbständige Städte; bloß an kleineren Orten, wie etwa in Mennis »Chemischer Stadt«, fehlten sie bisweilen.
Das große zweistöckige Haus mit dem üblichen blauen Dach lag in von Bächen durchzogenen Gärten; hier gab es auch Teiche, Spiel- und Turnplätze, Gemüsegärten, Blumen und nützliche Gräser, Häuschen für zahme Tiere und Vögel ... Eine Menge kleiner Ungeheuer spielten dort, man vermochte, dank der für Mädchen und Knaben gleichen Bekleidung, nicht zu unterscheiden, welchem Geschlecht sie angehörten ... Es war ja auch bei den erwachsenen Marsbewohnern schwierig, der Kleidung nach die Männer von den Frauen zu unterscheiden, -- die Grundzüge der Gewänder waren die gleichen, nur bei kleinen Einzelheiten bestand ein Unterschied: die engeren Gewänder der Männer paßten sich genauer an den Körper an, während bei den Frauen dieser mehr verhüllt wurde. Jedenfalls aber war die ältliche Person, die uns beim Verlassen der Gondel an der Tür eines der großen Häuser begrüßte, eine Frau, denn Netti umarmte sie und nannte sie »Mama«. Im weiteren Gespräch jedoch redete er sie, gleich den anderen Genossen, nur mit dem Namen: »Nella« an.
Nella hatte bereits gewußt, daß wir kommen würden und führte uns sofort in das »Haus der Kinder«, zeigte uns alle Abteilungen, bei der von ihr geleiteten für die Allerkleinsten beginnend, bis zu jener, die für die ans Knaben- und Mädchenalter grenzenden Kinder bestimmt war. Unterwegs schlossen sich uns die kleinen Ungeheuer an, betrachteten mit ihren riesigen Augen den Menschen, der von einem anderen Planeten stammte; sie wußten genau, wer ich sei, und als wir die letzte Abteilung erreichten, begleitete uns bereits eine ganze Schar, wenngleich die meisten Kinder seit dem Morgen im Garten spielten.
Im Haus der Kinder lebten etwa dreihundert Kinder verschiedenen Alters. Ich fragte Nella, weshalb die verschiedenaltrigen Kinder zusammen, und nicht in einzelnen Häusern untergebracht waren, was doch sicherlich die Arbeit der Erzieher erleichtern und vereinfachen würde.
»Weil es auf diese Art keine wirkliche Erziehung geben könnte«, erwiderte Nella. »Um für die Gesellschaft erzogen zu werden, muß das Kind ein gesellschaftliches Leben führen. Jede lebendige Erfahrung, jedes lebendige Wissen verbindet die Kinder miteinander. Wollten wir das eine Alter vom anderen isolieren, so gäben wir den Kindern dadurch ein einseitiges und enges Milieu, in dem die Entwicklung der zukünftigen Menschen nur langsam, träge und einseitig vor sich ginge. Die verschiedenen Alter hingegen lassen der Aktivität weit mehr Spielraum. Die älteren Kinder sind unsere besten Gehilfen beim Erziehen der Kleinen. Doch bringen wir nicht nur deshalb absichtlich die Kinder der verschiedenen Altersstufen zusammen, sondern die Erzieher in jedem Kinderhaus bemühen sich auch, die verschiedenen Alter und verschiedenen praktischen Eigenheiten gleichsam zu sammeln.«
»Dennoch sind in diesem Haus der Kinder die Kleinen dem Alter nach in den verschiedenen Abteilungen untergebracht«, warf ich ein. »Dies widerspricht Ihren Worten.«
»Die Kinder begeben sich nur in die verschiedenen Abteilungen, um dort zu schlafen und zu speisen; hierbei muß man selbstverständlich die einzelnen Altersstufen trennen. Beim Spiel und der Beschäftigung jedoch gruppieren sich die Kinder, wie es ihnen beliebt. Auch wenn irgend welche belletristischen oder wissenschaftlichen Vorträge gehalten werden, finden sich unter den Zuhörern stets auch Kinder aus anderen Abteilungen ein. Die Kinder wählen sich selbst ihren Umgang, und lieben es, mit den andersaltrigen Kameraden, vor allem aber mit den Erwachsenen zu verkehren.«
»Nella«, rief aus der Menge hervorspringend ein kleiner Junge. »Esta hat das Schiff, das ich selbst verfertigt, fortgenommen. Nimm es ihr wieder und gib es mir.«
»Wo ist sie?« fragte Nella.
»Sie lief zum Teich, um das Schiff auf dem Wasser schwimmen zu lassen«, erklärte das Kind.
»Ich habe jetzt keine Zeit, um dorthin zu gehen; eines von den älteren Kindern soll mit dir gehen und Esta sagen, sie möge dich nicht kränken. Am besten aber wäre es, du gingest allein hin und hülfest ihr, das Schiff schwimmen zu lassen. Es ist gar nicht erstaunlich, daß ihr das Schiff gefällt, wenn du es schön gemacht hast.«
Das Kind lief fort und Nella wandte sich an die Uebrigen.
»Hört Kinder, es wäre gut, wenn Ihr uns allein ließet. Dem Fremden kann es nicht angenehm sein, von hundert Kinderaugen angestarrt zu werden. Stelle dir einmal vor, Elwi, daß dich eine ganze Schar Fremder anstarrte. Was tätest du?«
»Ich liefe fort«, entgegnete tapfer das uns zunächst stehende Kind, an das sich Nella gewandt hatte. Und schon im gleichen Augenblick rannten alle Kinder lachend von dannen.
»Da sehen Sie selbst, wie mächtig die Vergangenheit ist«, meinte lächelnd die Erzieherin. »Man könnte glauben, bei uns herrsche vollkommener Kommunismus, von dem die Kinder fast nie abweichen, -- woher stammt das Gefühl des Privateigentums? Da kommt nun ein Kind und sagt »mein« Schiff, das »ich selbst« verfertigt habe. Und derartiges ereignet sich häufig, führt manchmal bis zu Prügeleien. Dagegen läßt sich nichts tun -- ein allgemeines Lebensgesetz lautet: die Entwicklung des Organismus gibt im verkleinerten Maßstab die Entwicklung des Aeußeren wieder, und die Entwicklung des Einzelnen wiederholt auf gleiche Art die Entwicklung der Gesellschaft. Der Selbstbestimmung der Kinder mittleren und reiferen Alters eignet in vielen Fällen dieser unklar individualistische Charakter. Und diese Färbung wird mit der Reife stärker. Nur bei der jüngsten Generation besiegt das sozialistische Milieu endgültig die Reste der Vergangenheit.«
»Machen Sie die Kinder mit dieser Vergangenheit bekannt?« fragte ich.
»Selbstverständlich. Sie lieben sehr die Gespräche und Erzählungen über vergangene Zeiten. Zuerst erscheinen diese ihnen als Märchen, als schöne, ein wenig seltsame Märchen von einer anderen Welt, die mit ihren aufregenden Bildern des Krieges und der Gewalt in den atavistischen Tiefen des Kinderinstinktes einen Widerhall finden. Die unbesieglichen lebendigen Ueberreste der Vergangenheit, die es in der eigenen Seele findet, ermöglichen dem Kinde genau den Zusammenhang der Zeiten zu erkennen, die Märchen und Bilder verwandeln sich in wahrhafte Weltgeschichte, -- in die lebendigen Glieder einer unzerreißbaren Kette.«
Wir durchwanderten die Alleen eines weiten Gartens, begegneten von Zeit zu Zeit Kindergruppen, mit Spielen beschäftigt, Graben auswerfend, mit Werkzeugen arbeitend, in ernste Gespräche vertieft, oder lebhaft plaudernd. Alle wandten sich mir mit Aufmerksamkeit zu, doch folgte uns niemand; anscheinend waren sie bereits von den andern benachrichtigt worden. Die meisten Gruppen bestanden aus Kindern verschiedenen Alters; in vielen gab es auch ein bis zwei Erwachsene.
»In diesem Hause sind viele Erzieher«, bemerkte ich.
»Ja, besonders wenn wir, was nur gerecht ist, die größeren Kinder dazu rechnen. Wirkliche Erziehungsspezialisten gibt es hier nur drei; die übrigen Erwachsenen, die Sie sehen, sind zum großen Teil Väter und Mütter, die auf kurze Zeit bei ihren Kindern leben, oder junge Leute, die sich für den Erzieherberuf vorbereiten wollen.«
»Wie, es ist den Eltern gestattet, hier mit ihren Kindern zu leben?« »Natürlich. Einige der Mütter leben etliche Jahre hier. Die meisten jedoch kommen von Zeit zu Zeit her, verbringen hier eine Woche, zwei Wochen, einen Monat. Die Väter leben selten hier. In unserem Haus gibt es sechzig Einzelzimmer für die Eltern, oder für jene Kinder, die den Wunsch nach Einsamkeit verspüren. Ich entsinne mich nicht, daß diese Zimmer je unbenützt blieben.«
»Es kommt demnach auch vor, daß Kinder nicht in den allgemeinen Räumen leben?«
»Ja; die älteren Kinder verlangt es häufig danach, abgesondert zu leben. Dies ist zum Teil ein Ueberrest jenes unbesieglichen Individualismus, von dem ich bereits sprach, zum Teil das bei Kindern häufige Verlangen, sich in die Studien zu vertiefen, der Wunsch, all das zu verbannen, was die Aufmerksamkeit ablenkt und zerstreut. Gibt es doch bei uns auch Erwachsene, die einsam zu leben wünschen, insbesondere jene, die sich mit wissenschaftlichen Forschungen, oder aber mit Kunst beschäftigen.«
In diesem Augenblick sahen wir vor uns auf einer kleinen Wiese ein Kind, -- es mochte sechs oder sieben Jahre zählen -- das, mit einem Stock in der Hand, ein Tier verfolgte. Wir beschleunigten unsere Schritte; das Kind beachtete uns nicht. Als wir an es herantraten, hatte es eben seine Beute erreicht -- diese schien eine Art großer Frosch zu sein. Das Kind schlug heftig auf die Pfote des Tieres los. Dann schleppte sich das Tier mit gebrochener Pfote langsam über den Rasen.
»Weshalb tatest du dies, Aldo?« fragte Nella in aller Ruhe.
»Ich konnte es nicht fangen, es lief immer fort«, erklärte der Knabe.
»Weißt du auch, was du tatest? Du hast dem Frosch weh getan und ihm die Pfote gebrochen. Gib den Stock her, ich werde es dir erklären.«
Das Kind gab Nella den Stock, und diese schlug ihm mit rascher Bewegung kräftig auf die Hand. Der Knabe schrie auf.
»Tut es weh, Aldo?«, fragte die Erzieherin gelassen.
»Sehr weh; böse Nella!«, entgegnete das Kind.
»Ich verletzte dir nur leicht die Hand, du aber hast den Frosch noch viel stärker geschlagen. Hast ihm die Pfote gebrochen. Er hat nicht nur viel größere Schmerzen, als du, sondern kann auch nicht mehr laufen und springen, kann sich nicht mehr seine Nahrung suchen, wird vor Hunger sterben, oder von einem bösen Tier, dem er jetzt nicht entfliehen kann, verschlungen werden. Was denkst du darüber, Aldo?«
Das Kind schwieg; in seinen Augen standen Tränen des Schmerzes, es hielt die verletzte Hand mit der anderen fest. Dann sagte es: »Man muß ihm die Pfote flicken.«
»Das ist richtig«, erwiderte Netti. »Komm, ich werde dir zeigen, wie man es macht.«
Sie begaben sich zu dem verwundeten Tier, das sich nur auf wenige Schritte hatte entfernen können. Netti nahm sein Taschentuch hervor, zerriß es in Streifen, gebot Aldo, einige dünne Zweiglein zu bringen. Mit dem tiefen Ernst echter Kinder, die einer äußerst wichtigen Beschäftigung obliegen, legten sie beide dem Frosch einen festen Verband an.
Bald darauf schickten Netti und ich uns an, heimzukehren.
»Ach ja«, erinnerte sich Nella. »Heute Abend können Sie bei uns Ihren alten Freund Enno antreffen. Er wird den älteren Kindern eine Vorlesung über den Planeten Venus halten.«
»Wohnt er denn in dieser Stadt?« erkundigte ich mich.
»Nein, das Observatorium, in dem er arbeitet, liegt auf drei Stunden von hier. Aber er liebt die Kinder sehr und vergißt auch mich, seine alte Erzieherin, nicht. Deshalb kommt er häufig her und erzählt den Kindern jedesmal etwas interessantes.«
Am Abend fanden wir uns selbstverständlich zur festgesetzten Stunde abermals im »Hause der Kinder« ein. Alle Kinder, mit Ausnahme der allerkleinsten, hatten sich bereits versammelt; unter ihnen befanden sich auch einige Erwachsene. Enno begrüßte mich freudig.
»Ich wählte Ihnen zuliebe dieses Thema«, meinte er scherzend. »Sie sind betrübt über die Rückständigkeit Ihres Planeten und die schlechten Sitten der dort lebenden Menschheit. Ich werde von einem Planeten erzählen, wo die höchsten Vertreter des Lebens -- Dinosaurier und fliegende Eidechsen sind, bei denen ärgere Sitten und Gebräuche herrschen, als bei Ihrer Bourgeoisie. Dort brennen Euere Steinkohlen nicht im Herde des Kapitalismus, sondern befinden sich noch im Pflanzenzustand, als gewaltige Wälder. Wollen wir uns dorthin begeben und zusammen auf die Ichthyosaurusjagd gehen? Diese Tiere stellen die dortigen Rothschilds und Rockefellers vor; freilich sind sie gemäßigter und gelinder als die Ihren, dafür aber besitzen sie weniger Kultur. Dort finden wir das Reich der ersten Kapitalsanhäufung in ihren Uranfängen, die im »Kapitalismus« Ihres Marx vergessen wurde ... Aber Nella runzelt schon die Stirne über mein leichtfertiges Geschwätz. Ich beginne sofort.«
Mit hinreißender Beredsamkeit schilderte er den fernen Planeten mit den tiefen, sturmgepeitschten Ozeanen, den furchtbar hohen Bergen, der brennenden Sonne, den dichten, weißen Wolken, den schauerlichen Orkanen und Gewittern, den unförmigen Ungeheuern und der üppigen, riesenhaften Vegetation. Seine Erzählung illustrierte er durch die Vorführung lebendig wirkender Photographien, die auf der über die eine Wand des Saales gespannten Leinwand dahinzogen. Einzig und allein Ennos Stimme durchtönte die Dunkelheit; tiefes, aufmerksames Schweigen herrschte im ganzen Raum. Als er das Schicksal der ersten Reisenden in jener Welt schilderte und berichtete, wie einer derselben mit einer Handgranate eine Rieseneidechse tötete, spielte sich eine seltsame, von den meisten Zuhörern nicht bemerkte, kleine Szene ab. Aldo, der sich in Nellas Nähe hielt, brach plötzlich in leises Weinen aus.
»Was fehlt dir?« fragte Nella, sich zu ihm niederbeugend.
»Das Ungeheuer tut mir leid. Man hat ihm weh getan und dann mußte es sterben«, flüsterte der Knabe.
Nella schlang den Arm um den Kleinen und versuchte ihn zu beschwichtigen, doch dauerte es lange Zeit, bis er sich beruhigte.
Enno berichtete von den zahllosen einzigartigen Reichtümern dieses herrlichen Planeten, von den gewaltigen, viele Millionen Pferdekräfte besitzenden Wasserfällen, von den Edelmetallen, die sich auf den Gipfeln der Berge befinden, von den reichen Radiumlagern, die schon bei einer Tiefe von etlichen hundert Metern zutage gefördert werden könnten, von dem Vorrat an Energie für hunderttausend Jahre. Ich beherrschte die Sprache noch nicht genügend, um die ganze Schönheit des Vortrags zu empfinden, die Bilder aber fesselten meine Aufmerksamkeit im gleichen Maße, wie die der Kinder. Als Enno endete und der Saal erhellt ward, wurde mir schier ein wenig traurig zumute, wie mochten da wohl erst die Kinder das Ende des schönen Märchens bedauern.
Als der Vortrag zu Ende war, begannen die Zuhörer Fragen zu stellen, ihre Bemerkungen zu machen. Die Fragen waren verschiedenartig, wie es ja auch die Zuhörer waren; sie betrafen die Genauigkeit der Photographien, die Mittel, die im Kampf gegen die Natur angewendet wurden. Es wurde auch die Frage aufgeworfen, wann sich auf der Venus von selbst Menschen entwickeln würden und wie deren Körper beschaffen sein werde?