Der rote Stern: Ein utopischer Roman

Part 5

Chapter 53,466 wordsPublic domain

Es gab, nachdem die Produktionsmittel sozialisiert worden waren, keine Entschädigung im wahren Sinne des Wortes, doch wurden die Kapitalisten pensioniert. Später spielten viele von ihnen bei der Organisation kooperativer Unternehmungen eine große Rolle. Zuerst fiel es schwer, der Schwierigkeit bei der Verteilung der Arbeit im Sinne der Arbeiter zu begegnen. Ungefähr hundert Jahre bestand für alle, ausgenommen die pensionierten Kapitalisten, die allgemeine Arbeitspflicht; zuerst der Sechsstundentag; später wurde die Arbeitszeit verkürzt. Der Fortschritt der Technik sowie die genaue Berechnung der freien Arbeit gestatteten, bei dieser die letzten Ueberreste des alten Systems auszumerzen.«

Das ganze Bild war schön und harmonisch, nicht wie bei uns von Blut und Pulverrauch befleckt; ich empfand unwillkürlich ein Gefühl des Neides und sprach darüber mit Netti, da wir zusammen das Buch lasen.

»Ich weiß nicht«, meinte der Jüngling, »mir scheint, daß Sie unrecht haben. Es ist wahr, daß auf der Erde die Gegensätze weit stärker sind, und daß die Natur der Erde weit freigebiger Schläge und Tod verteilt, als unser Mars. Doch ist dies vielleicht darauf zurückzuführen, daß der Reichtum der Erde von allem Anfang an unvergleichlich größer war, als der unsere; die bedeutend größere Sonne gibt ihr die lebendige Kraft. Bedenken Sie, um wie viele Millionen Jahre unser Planet älter ist, als der Euere; unsere Menschheit jedoch entstand bloß einige zehntausend Jahre vor der Eueren, und ist letzterer heute vielleicht nur um zwei, höchstens drei Jahrhunderte voraus. Ich stelle mir diese beiden Menschheiten als zwei Brüder vor. Der ältere besitzt einen ruhigen, gleichmäßigen Charakter, der Jüngere ist stürmisch und explosiv. Der jüngere Bruder versteht es schlechter, seine Kräfte zu verwerten, vergeudet sie, begeht mancherlei Fehler; seine Kindheit war voller Krankheiten und unruhig. Jetzt, da er ins Jünglingsalter kommt, leidet er unter qualvollen krampfartigen Anfällen. Wird er aber nicht zu einem schaffenden Künstler werden, der weit größer und stärker ist, als der ältere Bruder, wird er nicht dann unsere alte Natur weit schöner und reicher gestalten? Ich weiß es nicht, doch scheint mir, daß dem so sein wird.«

Die Ankunft

Geführt von Mennis klarem Kopf, setzte der Aetheroneff ohne weitere Unfälle den Weg nach dem fernen Ziel fort. Schon war es mir gelungen, mich den ungewohnten Lebensbedingungen anzupassen und auch mit den größten Schwierigkeiten der Marssprache fertig zu werden, als Menni uns eines Tages mitteilte, die Hälfte des Weges sei zurückgelegt, die höchste Geschwindigkeit erreicht worden, von nun an werde sich diese vermindern.

Im gleichen Augenblick, da Menni diese Worte sprach, drehte sich rasch und gleitend der Aetheroneff. Die Erde, die sich schon seit langer Zeit aus einer großen, leuchtenden Sichel in eine kleine, und aus der kleinen Sichel in einen grünschimmernden, nahe der Sonnenscheibe schwebenden Stern verwandelt hatte, glitt nun aus dem unteren Teil des schwarzen Himmelsgewölbes in die obere Halbkugel, und der rote Stern, der Mars, der hell über uns gefunkelt hatte, sank zu unseren Füßen nieder.

Noch einige hundert Stunden, und der Mars verwandelte sich in eine kleine helle Scheibe, und gar bald unterschieden wir auch zwei kleine Sternchen, seine Weggenossen, -- Deimos und Phobos, unschuldige, winzige Planeten, die ihre furchtbaren Namen wirklich nicht verdienten. Diese Namen bedeuten auf griechisch »Schrecken« und »Grauen«. Die ernsten Marsbewohner wurden lebhafter, begaben sich immer häufiger in Ennos Observatorium, um ihre Heimat zu betrachten. Auch ich tat dies, doch verstand ich, trotz Ennos geduldigen Erklärungen, gar schlecht, was ich vor mir sah; freilich gab es da viel, was mir völlig fremd war.

Die roten Flecken erwiesen sich als Wälder und Wiesen, und die dunkleren als erntebereite Felder. Die Städte erschienen als bläuliche Flecken, -- und einzig und allein Wasser und Schnee hatten eine mir verständliche Farbe. Der muntere Enno ließ mich bisweilen erraten, was es sei, das ich auf der Linse des Apparates erblickte, und meine naiven Irrtümer reizten ihn und Netti zum Lachen; ich rächte mich, indem ich über ihre Ordnung scherzte, ihren Planeten das Königreich der gelehrten Eulen und der verwirrten Farben nannte.

Der Umfang der roten Scheibe wuchs immer mehr an. Schon übertraf sie an Größe die merklich kleiner werdende Sonnenscheibe und glich einer astronomischen Karte ohne Aufschriften. Auch die Schwerkraft begann sich zu steigern, was mich sehr angenehm berührte. Deimos und Phobos verwandelten sich aus leuchtenden Pünktchen in winzige, aber klar umrissene Scheiben.

Noch fünfzehn bis zwanzig Stunden -- und schon umkreiste uns der Mars als Planiglob und ich vermochte mit freiem Auge mehr zu sehen, als auf allen astronomischen Karten unserer Gelehrten vermerkt ist. Die Scheibe des Deimos glitt über diese runde Landkarte dahin, Phobos jedoch war nicht zu sehen, -- befand sich nun auf der anderen Seite des Planeten.

Freude herrschte ringsum, nur ich allein vermochte nicht eine zitternde, quälende Erwartung zu überwinden.

Näher und näher ... Keiner von uns brachte es über sich, etwas zu tun, -- alle blickten unentwegt abwärts, dorthin, wo eine andere Welt kreiste, -- eine Welt, die für sie die Heimat, für mich aber ein Ort des Geheimnisses und der Rätsel war. Nur Menni befand sich nicht unter uns, er stand im Maschinenraum: die letzten Wegstunden waren die allergefährlichsten, es galt, die Entfernung festzustellen und die Schnelligkeit zu regulieren.

Wie kam es eigentlich, daß ich, ein unfreiwilliger Kolumbus dieser Welt, weder Freude, noch Stolz, ja nicht einmal Beruhigung fühlte, jetzt, da wir ans feste Land gelangen sollten?

Künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus ...

Noch etwa zwei Stunden! Rasch überschritten wir die atmosphärische Grenze. Mein Herz begann schmerzhaft zu pochen, ich vermochte nichts mehr zu sehen, eilte in meine Stube. Netti folgte mir.

Er begann mit mir zu plaudern, -- nicht über die Gegenwart, sondern über die Vergangenheit, die ferne Erde, die dort oben lag.

»Sie werden noch dorthin zurückkehren, wenn Sie Ihre Aufgabe erfüllt haben«, sprach er, und seine Worte klangen mir wie eine zarte Aufforderung, mich mannhaft zu halten.

Wir redeten über diese Aufgabe, über ihre unbedingte Notwendigkeit und Schwere. Unmerklich verging die Zeit.

Netti blickte auf den Chronometer. »Wir sind angekommen«, sagte er. »Gehen wir zu ihnen!«

Der Aetheroneff stand still, schaukelte die breiten ungeheueren Metallplatten; von außen drang frische Luft herein. Ueber unseren Häuptern leuchtete klar der grünlich blaue Himmel, -- eine Menschenschar umdrängte uns.

Menni und Sterni gingen als erste an Land; sie trugen den durchsichtigen Sarg, in dem der tote Kamerad Letta lag.

Ihnen folgten die anderen. Ich und Netti kamen als letzte; Hand in Hand verließen wir den Aetheroneff, schritten hinein in die Menschenmenge, die völlig Netti glich ...

Zweiter Teil

Bei Menni

Die erste Zeit lebte ich bei Menni in der Fabrikstadt, deren Mittelpunkt und Basis das große chemische, sich tief unter der Erde erstreckende Laboratorium bildete. Der sich über der Erde befindende Teil der Stadt, der, zwischen Parken und Anlagen erbaut, etwa zehn Quadratkilometer einnahm, beherbergte etwa hundert Arbeiterhäuser, die von den Laboratoriumsarbeitern bewohnt wurden, sowie das große Versammlungshaus, das Konsumwarenhaus und die Verbindungsstation, die diese Stadt mit der ganzen umgrenzenden Welt verband. Hier war Menni der Leiter der Arbeit; er lebte in einem der Gemeinschaftsgebäude, nahe dem Abstieg zum Laboratorium.

Das erste, was mich bei der Natur des Mars verblüffte und woran ich mich nicht recht gewöhnen konnte, war die rote Farbe der Pflanzen. Dieser Farbstoff, seiner Substanz nach dem Chlorophyll der irdischen Pflanzen äußerst ähnlich, spielte auch hier in der Natur eine völlig analoge Rolle: er schuf das Gewebe der Pflanzen aus dem Sauerstoff der Luft und der Kraft des Sonnenlichtes.

Der vorsorgliche Netti schlug mir vor, Schutzbrillen zu tragen, um das Auge vor der ungewohnten Reizung zu bewahren. Ich weigerte mich, dies zu tun.

»Diese Farbe trägt auch unsere sozialistische Fahne«, sagte ich. »Ich muß daher mit Ihrer sozialistischen Natur vertraut werden.«

»Wenn dem so ist, so müssen Sie wissen«, warf Menni ein, »daß auch bei der Erdflora der Sozialismus besteht, freilich auf eine verborgene Art. Die Blätter der Erdpflanzen besitzen eine rote Färbung, maskieren diese bloß durch eine starke grüne Farbe. Es genügt, Brillen anzulegen, die das grüne Licht verschlingen und das rote Licht abstoßen, damit auch Ihre Wälder und Felder, gleich den unseren, rot erscheinen.«

Ich darf nicht Zeit und Platz vergeuden, indem ich die eigenartigen Formen der Pflanzen und Tiere auf dem Mars beschreibe, noch die reine und durchsichtige Atmosphäre, die zwar äußerst dünn, aber dennoch voller Sauerstoff ist, noch den tiefen, dunklen, grünlichen Himmel, mit der mageren Sonne und den winzigen Monden, mit dem doppelt so hellen Abend- und Morgenstern -- der Venus und der Erde. Alldies, damals seltsam und fremdartig, deucht mich heute, durch die Erinnerung verklärt, schön und teuer. Aber es stand mit der Aufgabe meiner Sendung nur in losem Zusammenhang. Die Menschen, die Verhältnisse, in denen sie lebten, dies war für mich wichtig, und sie waren selbst in dieser märchenhaften Umgebung das Allerphantastischste, das Allerrätselhafteste.

Menni wohnte in einem nicht sonderlich großen zweistöckigen Haus, das sich der Architektur nach nicht von den übrigen Gebäuden unterschied. Der originellste Zug dieser Architektur bestand in dem durchsichtigen, aus riesenhaften himmelblauen Platten gebildeten Dach. Unter diesem Dach befanden sich die Schlaf- und Wohnzimmer. Die Marsbewohner verbrachten ihre Mußestunden in dieser blauen Beleuchtung, schätzten deren beruhigenden Einfluß, und fanden die Farbe, die jenes Licht auf den Gesichtern hervorruft, keineswegs unangenehm, wie es bei uns der Fall gewesen wäre.

Die Arbeitszimmer, das Hauslaboratorium, sowie der Verbindungsraum lagen im unteren Stockwerk; große Fenster ließen gewaltige Wogen des beunruhigenden roten Lichtes, das von den Blättern der Parkbäume ausging, in die Räume fluten. Dieses Licht, das in der ersten Zeit bei mir eine unruhige und verwirrte Stimmung hervorrief, erregte bei den Marsbewohnern eine gewohnte, der Arbeit günstige Erregung.

In Mennis Arbeitszimmer befanden sich viele Bücher und die verschiedensten Schreibgeräte, angefangen vom einfachen Bleistift bis zum Druckphonographen. Dieser Apparat besaß einen äußerst komplizierten Mechanismus: jedes deutlich ausgesprochene Wort wurde sofort vermittels eines Hebels auf der Schreibmaschine wiedergegeben und von dieser, je nach Bedarf, auf die Setzmaschine gebracht.

Auf Mennis Schreibtisch stand das Porträt eines mittelgroßen Marsbewohners. Die Gesichtszüge erinnerten lebhaft an Menni, doch eignete ihnen ein Ausdruck strenger Energie und kalter Entschlossenheit, ja fast der Grausamkeit, die Menni fehlte, dessen Gesicht nur einen ruhigen, festen Willen ausdrückte. Menni erzählte mir die Geschichte dieses Mannes.

Er war ein Ahne Mennis, ein großer Ingenieur. Er lebte vor der sozialen Revolution, zur Zeit der großen Kanalbauten. Dieses grandiose Werk wurde nach seinen Plänen und unter seiner Leitung ausgeführt. Sein erster Gehilfe, der ihm den Ruhm und die Macht neidete, zettelte gegen ihn Intrigen an. Einer der Hauptkanäle, an dem einige hunderttausend Menschen arbeiteten, mußte in einer sumpfigen, ungesunden Gegend begonnen werden. Viele tausend Arbeiter starben und erkrankten, allgemeine Unzufriedenheit gärte. Zur gleichen Zeit, als der Oberingenieur mit der Zentralregierung des Mars Besprechungen pflog, um für die Familien der bei dem Bau verstorbenen Arbeiter und für jene, die durch Krankheit an weiterer Arbeit gehindert wurden, Pensionen durchzusetzen, agitierte der erste Gehilfe im Geheimen wider ihn, hetzte zum Streik für die Forderung, die Arbeit an einen anderen Ort zu verlegen, was bei dem jetzigen Stand der Arbeit unmöglich war, weil dadurch der ganze Plan des großen Werkes und des Ingenieurs zerstört worden wäre. Als der Ingenieur dies erfuhr, berief er den ersten Gehilfen zu sich, verlangte von ihm eine Aufklärung und tötete ihn auf der Stelle. Vor Gericht verschmähte der Ingenieur jegliche Verteidigung, beschränkte sich auf die Erklärung, daß er seine Handlung für völlig gerecht und notwendig halte. Er wurde zu vielen Jahren Gefängnis verurteilt.

Doch stellte sich gar bald heraus, daß keiner seiner Nachfolger die Kraft besaß, die gigantische Organisation der Arbeit durchzuführen. Mißverständnisse entstanden, Raub und Betrug, gewaltige Verwirrung; der ganze Apparat des Werkes war nahe daran zugrunde zu gehen, die Ausgaben wuchsen in die Hunderte von Millionen, unter den Arbeitern gärte heftige Unzufriedenheit, die bereits fast zu Aufständen führte. Die Zentralregierung wandte sich in aller Eile an den früheren Ingenieur, bot ihm Begnadigung und Wiedereinsetzung ins Amt an. Er wies die Begnadigung zurück, willigte jedoch ein, vom Gefängnis aus die Arbeit zu leiten.

Durch die Berichte seiner Revisoren wurden die Vorgänge an der Arbeitsstelle rasch aufgeklärt. Hundert Ingenieure und Unternehmer wurden fortgejagt und vor Gericht gestellt. Der Arbeitslohn wurde erhöht, ein neues System für die Lieferung der Nahrung, Kleidung und Werkzeuge eingeführt, der Arbeitsplan revidiert und verbessert. Bald war die Ordnung wieder völlig hergestellt, der gewaltige Apparat arbeitete rasch und genau, wie ein gehorsames Werkzeug in der Hand des Meisters.

Aber dieser Meister leitete nicht bloß das ganze Werk, sondern arbeitete auch die Pläne für dessen Fortsetzung in den folgenden Jahren aus, bereitete gleichzeitig auch noch einen Stellvertreter vor, einen jungen, energischen, begabten, dem Arbeiterstand entstammenden Ingenieur. Da der Tag nahte, an dem er aus dem Gefängnis entlassen werden sollte, war alles so gut vorbereitet, daß der große Meister die Möglichkeit hatte, das Werk, ohne es zu gefährden, einer anderen Hand zu übergeben. Im Augenblick, als sich der erste Minister der Zentralregierung dem Gefängnis näherte, um den Gefangenen freizulassen, tötete dieser sich selbst.

Während Menni mir dies erzählte, veränderte sich sein Gesicht auf seltsame Art; es erschien darauf der gleiche unbeugsam strenge Ausdruck, der seinem Ahnen eignete, und in diesem Augenblick glich er ihm. Ich fühlte, wie sehr er diesem Ahnen, der hundert Jahre vor seiner, Mennis, Geburt gestorben war, nahestand und wie gut er ihn begriff.

Das Verbindungsbureau nahm den mittleren Raum des unteren Stockwerkes ein. Hier befanden sich die Telephone und die optischen Apparate, die auf jede beliebige Entfernung hin das Bild all dessen wiedergaben, was sich vor ihrer Linse befand. Einer dieser optischen Apparate verband Mennis Wohnung mit der Verbindungsstation, und über diese mit allen Städten des Planeten. Ein anderer stellte die Verbindung mit dem unterirdischen Laboratorium her, das von Menni geleitet wurde. Dieser letztere arbeitete unaufhörlich: etliche dünne, gitterartige Platten zeigten verkleinert das Bild eines hellerleuchteten Saals, wo sich mächtige Metallmaschinen und gläserne Apparate befanden, an denen Tausende von Leuten arbeiteten. Ich wandte mich an Menni mit der Bitte, mich in das Laboratorium zu führen.

»Dies geht nicht«, erwiderte er. »Dort wird mit der noch nicht stabilen Materie gearbeitet, und wie gering auch immer, dank unserer Vorsichtsmaßregeln, die Gefahr einer Explosion oder einer Vergiftung durch unsichtbare Strahlen ist, so besteht trotzdem noch eine gewisse Gefahr. Sie dürfen sich dieser nicht aussetzen, denn Sie sind hier einzigartig, und Sie zu ersetzen wäre unmöglich.«

In seinem Privatlaboratorium verwahrte Menni bloß jene Apparate und Materialien, die zu seinen früheren Experimenten und Untersuchungen in Beziehung standen.

Im Korridor des untersten Stockwerkes war an der Decke ein Luftschiff befestigt, mit dem man in jedem Augenblick dorthin fliegen konnte, wohin es einem beliebte.

»Wo lebt Netti?« fragte ich Menni.

»In einer großen Stadt, auf zwei Luftschiffstunden entfernt. Dort befindet sich eine große Maschinenfabrik mit etlichen zehntausend Arbeitern, so daß Netti für seine Untersuchungen weit mehr Material besitzt, als hier. Wir haben einen anderen Arzt.«

»Ist mir auch nicht gestattet, die Maschinenfabrik zu besuchen?« erkundigte ich mich.

»Nein; dort droht ja keine besondere Gefahr. Wenn es Ihnen recht ist, werden wir uns morgen zusammen hinbegeben.«

Wir beschlossen, dies zu tun.

In der Fabrik

Ungefähr fünfhundert Kilometer in zwei Stunden, -- die Schnelligkeit eines Falkenflugs, die bisher nicht einmal von unseren elektrischen Eisenbahnen erreicht worden ist ... Unter uns kreiste in raschem Wechsel die unbekannte, fremdartige Landschaft, und noch rascher flogen seltsame, mir fremde Vögel an uns vorbei. Das Sonnenlicht warf blaue Farben auf die Dächer der Häuser und färbte mit dem mir gewohnten gelben Licht die ungeheuere Kuppel eines unbekannten großen Gebäudes. Flüsse und Kanäle schimmerten als Stahlbänder, mein Auge ruhte auf ihnen, weil sie denen der Erde glichen. In der Ferne ward eine gewaltige Stadt sichtbar, umsäumt von kleinen Seen und durchschnitten von Kanälen. Das Luftschiff verlangsamte seine Fahrt und senkte sich gleitend zu einem kleinen schönen Haus nieder, Nettis Wohnung.

Netti war daheim und begrüßte uns freudig. Er stieg in unser Luftschiff, und wir flogen weiter; die Fabrik befand sich noch etliche Kilometer entfernt, an dieser Seite des Sees.

Fünf riesenhafte Gebäude, kreuzförmig gelegen, vereinigten sich zu einem einzigen Bau; Kuppeln aus reinem Glas wurden von etlichen zehn dunklen Säulen getragen, bildeten einen Kreis oder eine verlängerte Ellipse. Die Glasplatten waren abwechselnd durchsichtig oder matt, bildeten zwischen den Säulen die Wände. Wir machten am Mittelbau Halt, vor dem Tor, das den ganzen Raum zwischen zwei Säulen, zehn Meter breit und zwölf Meter hoch, einnahm. Die Decke des ersten Stockwerks durchschnitt horizontal den Mittelraum des Tores; etliche Schienenpaare mündeten beim Tor, zogen sich durch den äußeren Korridor.

Wir glitten zur halben Höhe des Tores, und jählings stürzte sich das alles verschlingende Geräusch der Maschinen aus dem zweiten Stockwerk auf uns nieder. Uebrigens war dieses Stockwerk nicht im eigentlichen Sinne des Wortes ein eigenes, abgetrenntes Stockwerk; es war vielmehr ein Netz aus Luftbrücken, das über den gewaltigen, mir unbekannten Maschinen schwebte. Wenige Meter über den Maschinen befand sich ein ähnliches Netz, noch höher ein drittes, viertes, fünftes; diese Netze bestanden aus einem Glasparkett, das von vierkantigen Eisengittern eingefaßt war; alle waren durch Fallgatter und Stufen miteinander verbunden, und jedes Netz war kleiner, als das vorhergehende.

Weder Dunst, noch Ruß, noch Gestank, noch Staub. In der reinen, frischen Luft arbeiteten die Maschinen kraftvoll und gleichmäßig, das Licht war nicht schmerzlich grell, doch drang es überall hin. Die Maschinen schnitten, sägten, hobelten ungeheuere Eisenstücke, Aluminium, Nickel, Kupfer. Hebel, stählernen Riesenhänden ähnlich, bewegten sich gleichmäßig und glatt, große Plattformen glitten mit sorgfältig berechneter Genauigkeit hin und her; die Räder und Transmissionsriemen schienen hingegen unbeweglich. Hier herrschte nicht die rohe Gewalt des Feuers und Dampfes; die feine und dabei weit mächtigere Kraft der Elektrizität war die Seele dieses unheimlichen Mechanismus.

Sogar der Lärm der Maschinen schien, sobald man sich ein wenig daran gewöhnt hatte, schier melodisch, ausgenommen in jenen Augenblicken, da der gewaltige Hammer niederschlug, und von dem mächtigen Schlag alles ringsum erbebte.

Hunderte von Arbeitern gingen gelassen durch den Raum; in dem Meeresrauschen der Maschinen waren ihre Schritte und Stimmen nicht vernehmbar. Auf ihren Zügen lag keine angespannte Sorge, sondern bloß ruhige Aufmerksamkeit; sie glichen wißbegierigen, gelehrsamen Betrachtern; es interessierte sie nur, zu sehen, wie die ungeheueren Metallstücke auf den unter der durchsichtigen Kuppel gelegenen Schienenplattformen in die eiserne Umarmung der dunklen Ungeheuer stürzten, wie die Ungeheuer diese mit ihren starken Kinnbacken zermalmten, mit den schweren, harten Tatzen festhielten, mit den scharfen, glänzenden Krallen durchbohrten und schließlich, im grausamen Spiel innehaltend, sie auf die andere Seite zu den dort befindlichen elektrischen Eisenbahnwaggons beförderten, als prächtige Maschinenteile, deren Bestimmung rätselhaft war. Es erschien völlig natürlich, daß die stählernen Ungeheuer die kleinen großäugigen Betrachter nicht anrührten, die so vertrauensvoll zwischen ihnen dahinschritten. Diese Tatsache entsprang der Geringschätzung ihrer Schwäche, der Erkenntnis, daß diese kleinen Geschöpfe eine allzu unbedeutende Beute seien, unwürdig der ungeheueren Kraft der Giganten. Unmerkbar und unsichtbar waren jene Fäden, die das zarte Menschenhirn mit dem unzerstörbaren Organ des Mechanismus verbanden.

Als wir endlich den Bau verließen, fragte der uns führende Techniker, ob wir sofort die anderen Gebäude besichtigen, oder ob wir uns zur Erholung eine kleine Unterbrechung gönnen wollten? Ich war für eine Unterbrechung.

»Ich sah nun die Maschinen und die Arbeiter«, sprach ich. »Die Organisation der Arbeit jedoch vermag ich mir nicht vorzustellen. Und gerade darüber möchte ich Sie befragen.«

Statt einer Antwort führte uns der Techniker in einen kubisch gebauten, zwischen dem Mittel- und einem Eckgebäude gelegenen Bau. Aehnlicher Bauten gab es noch drei, die alle die analoge Lage hatten. Die schwarzen Mauern waren mit Reihen von glänzend weißen Zeichen bedeckt; dies waren die statistischen Arbeitstabellen. Auf der einen, mit Nummer eins bezeichneten, stand:

»Der Maschinen-Betrieb verfügt über einen Ueberschuß von 968757 täglichen Arbeitsstunden, davon 11325 Arbeitsstunden erfahrener Spezialisten.

Die Fabrik weist einen Ueberschuß von 753 Stunden auf, davon 29 Stunden erfahrener Spezialisten.

In den folgenden Zweigen herrscht kein Mangel an Arbeitskraft: in der Landwirtschaft, in den Bergwerken, bei den Erdarbeiten, in den chemischen Betrieben usw. (Die verschiedenen Arbeitszweige wurden in alphabetischer Reihenfolge aufgezählt.)«

Auf der Tabelle, die die Nummer zwei trug, war zu lesen:

»In den Konfektionsbetrieben ist ein Mangel von 392685 täglichen Arbeitsstunden, davon 21380 Arbeitsstunden erfahrener Mechaniker für Spezialmaschinen und 7852 Arbeitsstunden der Spezialisten für Organisation.«

»Die Schuhfabriken benötigen 79360 Arbeitsstunden, davon ...« usw.

»Das Institut für Rechnungswesen benötigt 3078 Arbeitsstunden ...«

Der Inhalt der Tabellen Nummer drei und vier war ein ähnlicher. Auf den Listen der Arbeitszweige stand auch die Erziehung von kleinen, sowie von mittelgroßen Kindern, medizinische Hilfe für die Stadt, oder für Landbezirke usw.

»Weshalb ist der Ueberschuß an Arbeitskraft nur in der Maschinenfabrik so genau angegeben, der Mangel an Arbeitskräften jedoch überall so ausführlich vermerkt?« fragte ich.

»Das ist leicht zu erklären«, entgegnete Menni. »Vermittels dieser Tabellen wird die Verteilung der Arbeit vorgenommen. Dazu ist nötig, daß ein jeder zu sehen vermöge, wo die Arbeitskräfte nicht ausreichen, in welchem Maße sie fehlen. Dann vermag der Mensch, der für zwei Beschäftigungen die gleiche oder verhältnismäßig gleiche Neigung besitzt, jene der beiden Beschäftigungen zu wählen, bei der es an Arbeitskraft gebricht. Den genauen Ueberschuß an Arbeitskraft zu kennen, ist jedoch nur dort vonnöten, wo dieser Ueberschuß besteht. Auf diese Art kann jeder Arbeiter selbst die Berechnung und das Maß des Ueberschusses feststellen, sowie seine Neigung, die Beschäftigung zu wechseln.«