Der rote Stern: Ein utopischer Roman
Part 3
»Die klare Vergrößerung beträgt etwa das Sechshundertfache«, entgegnete Menni. »Genügt uns dies nicht, so photographieren wir das Gesichtsfeld und betrachten die Photographie unter dem Mikroskop. Derart vermögen wir eine sechzigtausendfache und noch bedeutendere Vergrößerungen zu erzielen, und das Photographieren nimmt kaum eine Minute Zeit in Anspruch.«
Menni forderte mich auf, durch das Teleskop die entschwindende Erde zu betrachten und stellte es ein.
»Die Entfernung beträgt nun ungefähr zweitausend Kilometer«, erklärte er. »Wissen Sie, was vor Ihnen liegt?«
Mit einem Mal erkannte ich den Hafen der skandinavischen Hauptstadt, die ich häufig in Parteiangelegenheiten besucht hatte ... Es interessierte mich, die Dampfer in der Reede zu betrachten. Menni drehte einen an der Seite befestigten Griff, setzte anstelle des Fernrohrs den photographischen Apparat, nahm dann nach wenigen Sekunden Teleskop und Apparat und schob beide in eine riesenhafte, in der Ecke stehende Vorrichtung, die sich als Mikroskop erwies.
»Wir entwickeln und fixieren das Bild dort«, sprach er, ohne die Platte mit den Händen zu berühren. Nach wenigen belanglosen Griffen, die höchstens eine halbe Minute währten, schob er das Mikroskop vor mich hin. Mit verblüffender Klarheit sah ich einen mir bekannten, einer nordischen Gesellschaft gehörenden Dampfer; er schien sich etliche zehn Schritte von mir entfernt langsam zu bewegen; im kreisenden Licht war das Bild reliefartig und hatte eine völlig natürliche Färbung. Auf der Brücke stand der grauhaarige Kapitän, mit dem ich auf meinen Fahrten häufig geplaudert hatte. Ein Matrose, der eine Kiste an Deck schleppte, blieb plötzlich stehen, neben ihm ein Passagier, der mit der Hand auf etwas wies. Und all dies war zweitausend Kilometer entfernt ...
Ein junger Marsbewohner, Sternis Gehilfe, betrat den Raum. Er mußte über die vom Aetheroneff zurückgelegte Strecke eine genaue Messung anstellen. Wir wollten ihn in seiner Arbeit nicht stören und begaben uns weiter, in den »Wasserraum«. Dort befanden sich ein ungeheures mit Wasser gefülltes Reservoir und große Filtrierapparate. Eine Anzahl Röhren leitete das Wasser durch den ganzen Aetheroneff.
Nun betraten wir den »Rechenraum«. Hier standen für mich unverständliche Maschinen mit unzähligen Zifferblättern und Zeigern. Sterni arbeitete an der größten Maschine. Von dieser hing ein langes Band nieder, augenscheinlich das Resultat der Berechnungen. Die auf dem Band stehenden, sowie die auf den Zifferblättern sich befindenden Zeichen waren mir völlig unbekannt. Ich wollte Sterni nicht stören, empfand überhaupt keine Lust, mit ihm zu sprechen. Rasch verließen wir diesen Raum und betraten die letzte Seitenstube.
Diese war der »Sauerstoffraum«. Hier wurden die Sauerstoffvorräte aufbewahrt, in der Gestalt von fünfundzwanzig Tonnen Bertholetschen Salzen, aus denen, durch eine entsprechende Methode, bis zu zehntausend Kubikmetern Sauerstoff hergestellt werden konnten, eine genügende Menge für einige Fahrten gleich der unseren. Hier befanden sich auch die Apparate zur Spaltung der Salze, sowie Vorräte von Bariumoxyd und Aetzkali, die die Bestimmung hatten, der Luft die Kohlensäure zu entziehen, Vorräte von Schwefel-Anhydrid zur Absorbierung der überschüssigen Feuchtigkeit und des Leuhomain, -- jenes durch das Atmen erzeugten physiologischen Giftes, das unvergleichlich gefährlicher ist, als die Kohlensäure. Dieser Raum unterstand Dr. Netti.
Dann kehrten wir in den mittleren Maschinenraum zurück, fuhren mit einem kleinen Aufzug ins höchste Stockwerk des Aetheroneff. Hier war der Mittelraum als zweites Observatorium eingerichtet; es glich in allem dem unteren Raum, nur daß hier die Kristallhülle sich oben und nicht unten befand, und daß die Instrumente größere Dimensionen hatten. Aus diesem Observatorium vermochte man die andere Hälfte der Himmelssphäre zu sehen, und die Planeten zu bestimmen. Der Mars leuchtete mit seinem roten Licht etwas abseits vom Zenith. Menni richtete auf ihn das Teleskop, und ich erblickte die mir durch Schiaparellis Landkarten bekannten Konturen, die Meere und Kanäle. Menni photographierte den Planeten und legte unter das Mikroskop eine detaillierte Karte. Doch vermochte ich von dieser ohne Mennis Erklärungen nichts zu verstehen: die Flecken der Städte, Wälder und Seen unterschieden sich voneinander durch für mich unmerkliche und unverständliche Einzelheiten.
»Wie groß ist die Entfernung?« fragte ich.
»Verhältnismäßig gering; sie beträgt ungefähr hundert Millionen Kilometer.«
»Weshalb befindet sich der Mars nicht im Zenith der Kuppel? Fliegen wir denn nicht geradewegs, sondern seitlich auf ihn zu?«
»Ja, anders geht es nicht. Indem wir uns von der Erde fortbewegen, bewahren wir unter anderem durch die Kraft der Trägheit auch die Geschwindigkeit, mit der die Erde um die Sonne kreist, das heißt, dreißig Kilometer in der Sekunde. Die Geschwindigkeit des Mars jedoch beträgt vierundzwanzig Kilometer, und flögen wir perpendikular in der Bahn zwischen Mars und Erde, so würden wir mit der restlichen Geschwindigkeit von sechs Kilometern in der Sekunde gegen die Oberfläche des Mars stoßen. Dies darf nicht geschehen, wir müssen deshalb den krummlinigen Pfad wählen, damit die überflüssige Geschwindigkeit ins Gleichgewicht kommt.«
»Wie lange ist in diesem Fall unser Weg?«
»Etwa hundertsechzig Millionen Kilometer. Die zur Zurücklegung dieser Strecke nötige Zeit beträgt im Mindestfall zweieinhalb Monate.«
Wäre ich nicht Mathematiker gewesen, so hätten diese Zahlen meinem Herzen nichts gesagt. So jedoch erweckten sie in mir ein dem Alpdruck ähnliches Gefühl, und ich beeilte mich, den astronomischen Raum zu verlassen. Die sechs Seitenabteilungen des obersten Abschnitts umgaben ringförmig das Observatorium; sie hatten keine Fenster, und ihre Decke, die ein Teil der Oberfläche der Kugel war, neigte sich fast zum Fußboden hinab. An der Decke waren große Reservoire für die Minus-Materie angebracht, deren Repulsion alles auf dem Aetheroneff zu paralysieren vermochte.
Die mittleren Stockwerke, das dritte und vierte, umfaßten Säle, Laboratorien für die einzelnen Mitglieder der Expedition, Kajüten, Baderäume, die Bibliothek, den Turnsaal usw.
Nettis Kajüte befand sich neben der meinen.
Die Menschen
Immer merklicher empfand ich den Verlust der Schwere. Das sich steigernde Gefühl der Leichtigkeit hörte auf, angenehm zu sein. Es vermischte sich mit einem Element des Mißtrauens, irgendeiner unklaren Unruhe. Ich begab mich in meine Kammer und legte mich auf die Pritsche.
Zwei Stunden des ruhigen Liegens und angestrengten Nachdenkens ließen mich unmerklich in Schlaf versinken. Als ich erwachte, saß Netti vor dem Tisch. Mit einer unwillkürlichen heftigen Bewegung erhob ich mich vom Lager, wurde gleichsam hochgeschleudert und prallte mit dem Kopf gegen die Decke.
»Wenn man weniger als zwanzig Pfund wiegt, muß man vorsichtiger sein«, bemerkte Netti in gutmütig philosophischem Ton.
Er hatte mich aufgesucht, um mir die nötigen Anweisungen zu geben, für den Fall, daß ich »seekrank« würde. Tatsächlich fühlte ich bereits die durch den Verlust der Schwere erzeugten ersten Symptome. Von meiner Kajüte ging eine elektrische Schelle in die seine, so daß ich ihn immer zu rufen vermochte, falls ich seines Beistandes bedurfte.
Ich benützte die Gelegenheit, um mit dem jungen Arzt zu plaudern; dieser sympathische, gelehrte und dennoch so fröhliche junge Bursche zog mich an. Ich fragte ihn, wie es komme, daß außer Menni von allen sich auf dem Schiff befindlichen Marsbewohnern nur noch er meine Muttersprache könne.
»Dies ist ganz einfach«, erklärte er. »Als wir _Menschen suchten_, wählte Menni für sich und mich Ihr Vaterland, und wir verbrachten daselbst mehr als ein Jahr, bis es uns endlich gelang, mit Ihnen die Angelegenheit zu erledigen.«
»Die andern suchten Menschen in anderen Ländern?«
»Selbstverständlich; bei allen größeren Völkern der Erde. Aber, es fiel, wie Menni vorausgesehen hatte, in Ihrem Lande am leichtesten, jemanden zu finden, denn bei Ihnen ist das Leben entschlossener und glühender, die Menschen sind mehr als in anderen Ländern gezwungen, vorwärts zu blicken. Nachdem wir einen Menschen gefunden hatten, benachrichtigten wir die übrigen; sie kamen aus allen Ländern herbei, und wir traten die Fahrt an.«
»Was verstehen Sie, persönlich, unter den Ausdrücken >einen Menschen suchen< und >einen Menschen finden<? Ich begreife, daß es sich hier darum handelte, ein Subjekt zu finden, das der vorgeschriebenen Rolle entsprach, -- darüber hat mich Menni aufgeklärt. Es schmeichelt mir, daß gerade ich gewählt wurde, doch möchte ich wissen, welchen Ursachen ich dies verdanke.«
»In großen Umrissen vermag ich es Ihnen mitzuteilen. Wir brauchten einen Menschen, dessen Natur äußerst gesund, aber auch schmiegsam und anpassungsfähig ist, der für die verschiedenartigsten Arbeiten Fähigkeiten besitzt, durch möglichst wenig persönliche Bande an die Erde geknüpft und so wenig wie möglich individualistisch veranlagt ist. Unsere Physiologen und Psychologen legten dar, daß der Uebergang aus den Lebensbedingungen Ihrer Gesellschaft zu den Lebensbedingungen der unseren, die sozialistisch organisiert ist, für den einzelnen Menschen äußerst schwer sei und eine besonders günstige Anpassungsfähigkeit erfordere. Menni entdeckte, daß Sie diese Ansprüche besser erfüllten, als andere.«
»Und Mennis Ansicht war für Sie alle maßgebend?«
»Ja, wir haben völliges Vertrauen in sein Urteil. Er ist ein Mensch von hervorragenden Kräften und klarem Verstand, der sich äußerst selten irrt. Auch besitzt er mehr Erfahrungen und eine engere Verbindung mit den Erdenmenschen, als irgendeiner von uns; er hat als erster diese Verbindungen angeknüpft.«
»Wer eröffnete die Verbindung zwischen den Planeten?«
»Dies war nicht das Werk eines Einzelnen, sondern vieler. Die Minus-Materie wurde schon vor etlichen zehn Jahren entdeckt. Doch vermochten wir sie anfangs bloß in geringer Menge herzustellen, bedurften hierzu der Kraft äußerst vieler Fabrikskollegen, um die Mittel zu finden, durch die sie in größeren Mengen gewonnen werden konnte. Dann galt es, die Technik der Gewinnung und Entwicklung der radiumausstrahlenden Stoffe zu vervollkommnen, um den Motor des Aetheroneff herstellen zu können. Dies nahm ebenfalls viele Kräfte in Anspruch. Auch die klimatischen Verhältnisse zwischen den Planeten verursachten große Schwierigkeiten: die furchtbare Kälte, sowie die brennende Sonnenhitze, die Unmöglichkeit, die umhüllende Luft zu temperieren. Desgleichen war die Berechnung des Weges sehr schwer; es unterliefen dabei Fehler, die man nicht hatte voraussehen können. Mit einem Wort: die früheren Expeditionen nach der Erde endeten mit dem Tod aller Teilnehmer, bis es endlich Menni gelang, die erste erfolgreiche Expedition zu organisieren. Jetzt jedoch gelang es uns unlängst, dank seiner Methode, auch die Venus zu erreichen.«
»Wenn dem so ist, dann ist Menni wahrlich ein großer Mensch«, sprach ich.
»Wenn es Ihnen beliebt, einen Menschen, der tatsächlich viele und gute Arbeit geleistet hat, so zu nennen.«
»Nicht dies wollte ich sagen: viele und gute Arbeit vermögen auch vollkommen gewöhnliche Leute zu leisten, genaue, pflichttreue Menschen. Menni jedoch ist offensichtlich etwas ganz anderes: er ist ein Genie, ein schöpferischer Mensch, der Neues gibt und die Menschheit vorwärts bringt.«
»Was Sie da sagen, ist unklar und unrichtig. Jeder Arbeiter ist ein schöpferischer Mensch, aber in jedem Arbeiter schaffen die ganze Menschheit und die Natur. Besaß denn Menni nicht alle Versuche vorhergegangener Geschlechter, und auch die seiner Zeitgenossen, benützte er nicht bei jedem Schritt seiner Arbeit diese Versuche? Gab ihm die Natur nicht alle Elemente, alle von ihr hervorgebrachten Kombinationen? Hat nicht gerade der Kampf des Menschen gegen die Natur den lebendigen Anstoß zu neuen Kombinationen gegeben? Der Mensch ist persönlich, -- aber sein Werk ist unpersönlich. Der Mensch stirbt früher oder später, -- das Werk jedoch bleibt im unermeßlich sich entwickelnden Leben bestehen. Hierin gleichen sich alle Arbeiter, der Unterschied besteht nur darin, was von ihrem Schaffen sie überlebt, was im Leben weiterbesteht.«
»Ja, aber zum Beispiel: der Name eines Menschen wie Menni stirbt nicht zusammen mit ihm, sondern lebt weiter in der Erinnerung der Menschheit, während unzählige andere Namen völlig verschwinden.«
»Der Name eines jeden wird so lange vor dem Vergessen bewahrt, wie jene leben, die zusammen mit ihm lebten und ihn kannten. Die Menschheit bedarf keineswegs der toten Symbole der Persönlichkeit, wenn diese nicht mehr ist. Unsere Wissenschaft und unsere Kunst bewahrt auf unpersönliche Art das, was von der allgemeinen Arbeit geschaffen wurde. Der Ballast vergangener Namen ist nutzlos für das Gedächtnis der Menschheit.«
»Sie haben recht, aber das Gefühl unserer Welt lehnt sich gegen diese Logik auf. Für uns sind die Namen der Meister des Gedankens und der Werke lebendige Symbole, ohne die weder unsere Wissenschaft, noch unsere Kunst, noch unser ganzes gesellschaftliches Leben zu bestehen vermöchten. Im Kampf der Gewalt gegen die Ideen bedeutet der auf den Fahnen stehende Name häufig mehr, als die gegebene Losung. Und der Name des Genies ist wahrlich kein Ballast für unser Gedächtnis.«
»Dies kommt daher, weil für Euch das einzige Werk der Menschheit noch nicht das einzige Werk ist; in den durch den Kampf der Menschen hervorgebrachten Illusionen wird das Werk scheinbar zerstückelt, erscheint Euch als Werk einzelner Menschen und nicht der Menschheit. Auch mir fiel es schwer, mich an Euere Auffassung zu gewöhnen, als ich nach Ihnen suchte.«
»Nun, möge dies gut oder schlecht sein, bei Ihnen gibt es also keine Unsterblichen. Aber die Sterblichen hier sind wohl alle auserlesen von jenen, die >viele und gute Arbeit leisten<, nicht wahr?«
»Im allgemeinen: ja. Menni wählte die Genossen aus vielen Tausenden heraus, die den Wunsch hegten, mit ihm zu gehen.«
»Der gröbste und kräftigste von allen dürfte wohl Sterni sein?«
»Ja, wenn Sie hartnäckig darauf bestehen wollen, die Leute zu messen und zu vergleichen. Sterni ist ein hervorragender Gelehrter, wenngleich von ganz anderer Art, als Menni. Er ist Mathematiker. Er war es auch, der eine ganze Anzahl jener Berechnungsfehler entdeckte, denen zufolge alle vorherigen Expeditionen nach der Erde mißglückten, er bewies, daß selbst wenige dieser Fehler genügten, um den Untergang der Menschen und des Werkes herbeizuführen. Er fand neue Berechnungsmethoden, und von dieser Zeit an sind die Berechnungen fehlerlos.«
»So stellte ich ihn mir nach Mennis Worten und meinem ersten Eindruck vor. Trotzdem, es ist mir selbst unbegreiflich, erweckt sein Anblick in mir ein unbehagliches Gefühl, eine unbegründete Unruhe, eine Art sinnlose Antipathie. Können Sie mir, Doktor, dafür eine Erklärung geben?«
»Sehen Sie, Sterni hat einen starken, aber kalten, vor allem: analysierenden Verstand. Er zergliedert alles auf unerbittliche, folgerichtige Art, seine Schlüsse jedoch sind oft einseitig, bisweilen außerordentlich streng, denn die Analyse der einzelnen Teile ergibt nicht das Ganze, sondern weniger als das Ganze. Sie wissen, daß überall, wo Leben besteht, das Ganze größer ist, als seine einzelnen Teile, und so ist denn auch der lebendige menschliche Körper größer, als dessen einzelne Glieder. Die Folge dieser Charaktereigenschaften ist, daß Sterni sich weit weniger als andere in die Stimmung und die Gedanken anderer Leute zu versetzen vermag. Er wird Ihnen stets gerne bei jenen Dingen behilflich sein, die Sie ihm selbst klar machen, niemals aber wird er erraten, was Sie brauchen. Dies hängt natürlich auch damit zusammen, daß seine Aufmerksamkeit fast immer völlig von der Arbeit in Anspruch genommen wird, sein Kopf stets von irgend einer schweren Aufgabe erfüllt ist. Darin unterscheidet er sich von Menni in hohem Maße: dieser sieht immer alles ringsum, und mehr als einmal erklärte er mir, wonach ich selbst verlangte, was mich beunruhigte, was mein Verstand oder mein Gefühl suchte.«
»Wenn die Dinge so stehen, so muß Sterni uns widerspruchsvollen, fehlerhaften Erdenmenschen gegenüber doch Feindseligkeit empfinden?«
»Feindseligkeit! Nein, dieses Gefühl ist ihm fremd. Aber ich glaube: starken Skeptizismus. Er verbrachte ein halbes Jahr in Frankreich und telegraphierte an Menni: >Hier hat es keinen Sinn, zu suchen.< Vielleicht hatte er zum Teil recht, denn auch Letta, der mit ihm war, fand keinen entsprechenden Menschen. Aber seine Charakteristik der Leute jenes Landes war bei weitem strenger, als jene Lettas, und selbstverständlich auch viel einseitiger, wenngleich sie nichts tatsächlich Unwahres enthielt.«
»Wer ist dieser Letta, von dem Sie sprechen? Ich entsinne mich seiner nicht.«
»Ein Chemiker, Mennis Gehilfe; er gehört nicht zu den Jüngsten, ist auf unserem Aetheroneff der älteste. Mit ihm werden Sie sich leicht verständigen können, und dies wird für Sie sehr nützlich sein. Er besitzt einen weichen Charakter und viel Verständnis für eine fremde Seele, obgleich er nicht, wie Menni, Psychologe ist. Suchen Sie ihn im Laboratorium auf; er wird sich darüber freuen und Ihnen allerlei Interessantes zeigen.«
In diesem Augenblick fiel mir ein, daß wir uns von der Erde schon weit entfernt hatten, und es verlangte mich, sie zu betrachten. Wir begaben uns zusammen in einen der mit großen Fenstern versehenen Seitensäle.
»Werden wir uns nicht dem Mond nähern?«, erkundigte ich mich im Gehen.
»Nein, der Mond bleibt weit abseits liegen, und dies ist recht schade. Auch ich sähe den Mond gerne aus der Nähe. Von der Erde aus erschien er mir so seltsam. Groß, kalt, langsam, rätselhaft ruhig, gleicht er nicht im geringsten unseren zwei kleinen Monden, die so eilig am Himmel dahinrennen, und ihre Gesichtchen so rasch verändern wie lebhafte launische Kinder. Auch Euere Sonne ist bei weitem leuchtender, darin seid Ihr glücklicher als wir. Euere Welt ist doppelt so hell als unsere, deshalb bedürft Ihr auch nicht derartiger Augen, wie wir, braucht nicht die großen Pupillen, um das schwache Licht unserer Tage und unserer Nächte aufzufangen.«
Wir setzten uns ans Fenster. In der Ferne glänzte die Erde wie eine ungeheuere Sichel, auf der bloß die Umrisse Westamerikas und des nordöstlichen Asiens als dunkle Flecke erkennbar waren; auch ein Teil des Stillen Ozeans war sichtbar, und ein heller Fleck: das Nördliche Eismeer. Der Atlantische Ozean und die alte Welt versanken in Nacht, konnten am verschwommenen Rand der Sichel bloß erraten werden, denn der unsichtbare Teil der Erde verbarg die Sterne im ungeheuren Raum. Unsere schiefe Bahn, sowie die Drehung der Erde um ihre Achse, verursachten dieses veränderte Bild.
Ich blickte hinab, und mir wurde schwer ums Herz, weil ich nicht mehr meine Heimat sah, wo so viel Leben, Kampf und Leiden herrschen, wo ich noch gestern in den Reihen der Genossen stand, und wo heute ein anderer meine Stelle einnimmt. Zweifel schlichen sich in meine Seele.
»Dort unten fließt Blut«, sprach ich. »Hier jedoch ist aus dem gestrigen Arbeiter ein beschaulicher Betrachter geworden.«
»Das Blut fließt um einer besseren Zukunft willen«, entgegnete Netti. »Und dieser Kampf fordert das _Kennen_ einer besseren Zukunft. Um diese Kenntnisse zu erwerben, sind Sie hier.«
Von unwillkürlicher Bewegung erfaßt, griff ich nach seiner kleinen, fast kindlichen Hand.
Die Annäherung
Die Erde entfernte sich immer mehr und verwandelte sich, gleichsam als zürnte sie ob dieser Trennung, in eine Mondsichel, die die winzige Sichel des wirklichen Mondes begleitete. Parallel damit waren wir, die Bewohner des Aetheroneff, gleich phantastischen Akrobaten, die ohne Flügel zu fliegen und nach Belieben im Raum jede Stellung einzunehmen vermögen, mit dem Kopf bald auf dem Fußboden, bald auf der Decke, bald auf den Wänden stehen ... darin fast keinen Unterschied sehen ... Allmählich näherte ich mich meinen neuen Gefährten und begann mich unter ihnen heimisch zu fühlen.
Schon am Tag nach unserer Abfahrt (wir hielten an dieser Zeitberechnung fest, obgleich es für uns natürlich weder wirkliche Tage, noch Nächte gab) legte ich, dem eigenen Wunsch zufolge, die Kleidung der Marsbewohner an, um weniger von den übrigen abzustechen. Freilich gefiel mir diese Kleidung auch an und für sich: sie war einfach, bequem, ohne nutzlose Einzelheiten wie Kragen und Manschetten, gestattete die größtmöglichste Freiheit der Bewegung. Die einzelnen Teile des Gewandes wurden durch Klammern verbunden, so daß das ganze Gewand zwar einheitlich, aber dennoch leicht an- und auszuziehen war; so vermochte man zum Beispiel den einen, oder beide Aermel, oder aber die ganze Bluse abzulegen. Und die Manieren meiner Mitreisenden glichen ihrem Gewand: sie waren einfach, ermangelten alles Ueberflüssigen, jeder Konventionalität. Sie begrüßten einander nicht, verabschiedeten sich nicht, dankten nicht, verlängerten nicht aus Höflichkeit ein Gespräch, wenn der Zweck desselben erreicht war. Zur gleichen Zeit jedoch gaben sie voller Geduld jedem die erwünschten Erklärungen, paßten sich genau der geistigen Einstellung des Fragenden an, nahmen Rücksicht auf dessen Psychologie, wenngleich diese auch nicht im geringsten der ihren glich.
Selbstverständlich ging ich gleich am ersten Tag an das Erlernen ihrer Sprache, und sie waren alle gerne bereit, mir als Lehrer zu dienen, vor allem aber Netti. Die Sprache war äußerst originell, und trotz der einfachen Grammatik und Regeln eigneten ihr Einzelheiten, an die ich mich schwer anzupassen vermochte. Die Regeln hatten keine Ausnahmen, es gab auch keine Unterschiede, kein männliches, weibliches oder sächliches Geschlecht. Hingegen besaßen die Namen der Gegenstände und die Eigennamen eine Biegung, die sich auf das Zeitliche bezog. Dies wollte mir nicht recht in den Kopf.
»Was für einen Sinn haben diese Formen?« fragte ich Netti.
»Begreifen Sie es denn nicht? Wenn Sie in Ihrer Sprache einen Gegenstand benennen, so achten sie sorgsam darauf, ob er männlich oder weiblich ist, was bei leblosen Gegenständen äußerst unwichtig, bei lebendigen aber sehr merkwürdig erscheint. Es ist bei weitem wichtiger, zwischen jenen Gegenständen zu unterscheiden, die jetzt bestehen, und jenen, die waren oder erst sein werden. Bei Euch ist das Haus sächlich, der Kahn männlich, bei den Franzosen ist das Haus weiblichen Geschlechtes, das Ding an sich aber bleibt dasselbe. Wenn Ihr aber von einem Haus redet, das bereits abgebrannt oder das noch nicht erbaut ist, so verwendet Ihr das gleiche Wort und die gleiche Form, wie wenn Ihr von dem Hause sprecht, in dem Ihr lebt. Gibt es denn in der Natur einen größeren Unterschied als den zwischen einem lebenden und einem toten Menschen, zwischen dem, was ist, und dem, was nicht ist? Ihr braucht ganze Worte und Sätze, um diesen Unterschied auszudrücken -- ist es nicht weit besser, dies durch das Hinzufügen eines Buchstabens zu tun?«
Netti war mit meinem Gedächtnis zufrieden; seine Lehrmethode schien äußerst gut, und ich kam rasch vorwärts. Dies half mir bei der Annäherung an meine Reisegefährten, ich begann der Reise auf dem Aetheroneff mit großem Vertrauen entgegenzusehen, begab mich in Kajüten und Laboratorien, befragte die Marsbewohner über alles, was mich beschäftigte.
Der junge Astronom Enno, Sternis Gehilfe, ein lebhafter, heiterer Mensch, dem Wuchs nach fast noch ein Knabe, zeigte mir eine Menge interessanter Dinge, nicht bloß Berechnungen und Formeln -- auf diesem Gebiet war er Meister -- sondern auch die Schönheit dieser Beobachtungen. Mir war in der Gesellschaft des jungen Astronom-Dichters wohl zumute; der Trieb, mich über unsere Lage in der Natur genau zu orientieren, lenkte meine Schritte immer von neuem zu Enno und seinem Teleskop.