Der rote Stern: Ein utopischer Roman
Part 2
Menni gebot mir, auf der Seitenbank der Gondel Platz zu nehmen, dann verlöschte er das elektrische Licht und öffnete das riesige Saalfenster. Er selbst setzte sich vorne an die Maschine und warf aus der Gondel einige Säcke Ballast. Das Schiff zitterte, setzte sich langsam in Bewegung und schwebte lautlos zum offenen Fenster hinaus.
»Dank der Minus-Materie«, sagte Menni, »brauchen unsere Aeroplane nicht die wichtigtuerischen und ungelenken Flügel.«
Ich saß wie angeschmiedet, wagte nicht, mich zu rühren. Der Lärm der Schrauben wurde immer stärker, die kalte Winterluft überströmte uns, kühlte mir das glühende Gesicht, doch vermochte sie nicht durch meine warmen Kleider zu dringen. Ringsum funkelten, schwebten tausend Sterne, und unter uns ... Durch den durchsichtigen Boden der Gondel sah ich, wie die dunklen Flecken der Häuser immer kleiner wurden und die hellen Pünktchen der elektrischen Lampen immer mehr in der Ferne verschwammen; in der Tiefe leuchteten die schneeigen Ebenen unter dem düsteren, blaßblauen Himmel. Das Gefühl des Schwindels, das mich zuerst leicht und fast angenehm gedeucht hatte, nahm heftig zu, und ich schloß die Augen, um ihm zu entkommen.
Schärfer wurde die Luft, mächtiger der Lärm der Schrauben und das Pfeifen des Windes -- augenscheinlich steigerte sich unsere Geschwindigkeit. Mein Ohr unterschied durch alle Geräusche einen feinen ununterbrochenen, gleichmäßigen, silbrigen Ton -- die Luft peitschend, erschütterte dieser die Glaswände der Gondel. Eine seltsame Musik erfüllte das Bewußtsein, die Gedanken verwirrten sich, verschwanden, zurück blieb einzig und allein das Gefühl einer elementar-leichten und ungehemmten Bewegung, die uns weitertrug, vorwärts, vorwärts in den unendlichen Raum.
»Vier Kilometer in der Minute«, sprach Menni, und ich öffnete die Augen.
»Ist es noch weit?« fragte ich.
»Noch etwa eine Wegstunde auf eisgebundenem See.«
Wir hatten eine Höhe von etlichen hundert Metern erreicht; das Flugschiff bewegte sich horizontal, ohne sich zu senken und ohne höher zu steigen. Nun hatten sich meine Augen bereits an das Dunkel gewöhnt und ich vermochte alles ringsum klar zu erkennen. Wir waren in der Gegend der Seen und Granitfelsen. Ueber den Schnee aufragend, dunkelten die Felsen. Zwischen ihnen klebten Dörfchen.
Zu unserer Linken blieben in der Ferne zurück die Flächen der von gefrorenem Schnee bedeckten Felder, zu unserer Rechten die weiße Ebene eines ungeheueren Sees. In dieser leblosen Winterlandschaft schickten wir uns an, das Band zwischen uns und der alten Erde zu zerreißen. Und jählings fühlte ich nicht nur die Ahnung, nein, die Gewißheit, daß dieses Band nun auf ewig zerrissen werde ...
Die Gondel senkte sich langsam zwischen die Felsen nieder, hielt an in der kleinen Bucht des Bergsees, vor einem dunklen, aus dem Schnee aufragenden Bau. Weder Fenster noch Türen waren zu sehen. Die Metallhülle schob sich langsam zur Seite, eine schwarze Oeffnung kam zum Vorschein, in die unsere Gondel hineinflog. Dann schloß sich die Oeffnung von neuem, der Raum, in den wir gelangt waren, erhellte sich im Licht elektrischer Lampen. Es war dies ein großes, langgestrecktes Zimmer ohne Möbel; auf dem Fußboden lagen viele Säcke mit Ballast.
Menni befestigte die Gondel an einem eigens dazu bestimmten Pfosten und schob eine der Seitentüren auf. Sie führte auf einen langen, hell erleuchteten Korridor. An den Seiten des Korridors befanden sich Kajüten. Menni geleitete mich in eine derselben und sprach:
»Hier ist Ihre Kajüte. Richten Sie sich hier ein; ich muß mich ins Maschinenabteil begeben. Wir sehen uns morgen früh wieder.«
Ich war froh, allein zu sein. Nach der durch die seltsamen Ereignisse des Abends hervorgerufenen Aufregung machte sich bei mir große Erschöpfung bemerkbar. Ohne das auf dem Tisch vorbereitete Abendessen anzurühren, verlöschte ich die Lampe und warf mich aufs Bett. In meinem Kopf vermischten sich auf unsinnigste Art die Gedanken, jagten von Thema zu Thema, nahmen die unerwartetsten Formen an. Ich bemühte mich hartnäckig, einzuschlafen, doch wollte mir dies lange Zeit nicht gelingen. Endlich jedoch verdunkelte sich das Bewußtsein, unklare, schwankende Gestalten begannen vor meinen Augen zu reigen, meine Umgebung zerfloß ins Weite, und schwere Träume suchten mein Gehirn heim.
Das Ganze endete mit einem furchtbaren Alpdruck. Ich stand am Rande eines ungeheueren schwarzen Abgrunds, in dessen Untiefe Sterne funkelten. Menni riß mich mit unbesiegbarer Kraft hinab, sagend, ich dürfe nicht die Schwerkraft fürchten, wir würden nach einigen hunderttausend Jahren des Sturzes die nächsten Sterne erreichen. Ich stöhnte auf in der Qual des letzten Kampfes und erwachte.
Weiches blaues Licht erfüllte meine Stube. Niedergebeugt zu mir, saß auf meinem Lager -- Menni? Ja, er war es, aber phantastisch verändert: mir schien, als sei er um vieles kleiner und seine Augen blickten nicht mehr so scharf aus dem Antlitz; seine Züge waren weich und gütig, nicht kalt und abstoßend, wie sie am Rande des Abgrunds gewesen ...
»Wie gut Sie sind ...«, murmelte ich, unklar diese Veränderung erfassend.
Er lächelte und legte mir die Hand auf die Stirne. Eine kleine weiche Hand. Ich schloß die Augen, mir kam der sinnlose Gedanke, daß ich diese Hand küssen müßte, dann vergaß ich alles und versank in einen ruhigen, wohltuenden Schlaf.
Die Erklärung
Als ich erwachte und meine Stube erhellte, war es zehn Uhr. Nachdem ich mich angekleidet hatte, drückte ich auf die Schelle, und gleich darauf betrat Menni das Zimmer.
»Werden wir bald abfahren?« fragte ich.
»In einer Stunde«, erwiderte Menni.
»Kamen Sie heute Nacht zu mir, oder träumte ich dies nur?«
»Es war kein Traum, doch kam nicht ich zu Ihnen, sondern unser junger Arzt Netti. Sie schliefen unruhig und gequält, er mußte Sie mit Hilfe des blauen Lichtes und der Hypnose einschläfern.«
»Ist er Ihr Bruder?«
»Nein«, entgegnete Menni lächelnd.
»Sie sagten mir noch nie, welcher Nation Sie angehören. Sind auch Ihre übrigen Genossen vom gleichen Typus, wie Sie?«
»Ja«, antwortete Menni.
»Dies bedeutet, daß Sie mich betrogen haben«, sprach ich scharf. »Hier handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Gesellschaft, sondern um etwas ganz anderes?«
»Ja«, erwiderte Menni gelassen. »Wir alle sind Bewohner eines anderen Planeten, gehören einer andersgearteten Menschheit an. Wir sind -- Marsbewohner.«
»Weshalb betrogen Sie mich?«
»Hätten Sie mich angehört, wenn ich Ihnen mit einem Male die ganze Wahrheit gesagt haben würde? Ich hatte äußerst wenig Zeit, um Sie zu überzeugen. Deshalb mußte ich um der Wahrscheinlichkeit willen die Wahrheit fälschen. Ohne diesen Uebergang wäre Ihr Bewußtsein allzusehr erschüttert worden. In der Hauptsache aber -- was diese unsere Reise anbelangt -- sprach ich die Wahrheit.«
»Ich bin also dennoch Ihr Gefangener?«
»Nein, noch sind Sie frei. Es bleibt Ihnen eine Stunde Zeit, Ihren Entschluß zu fassen. Wollen Sie die Fahrt aufgeben, so werden wir Sie zurückbringen und unsere Reise aufgeben, denn es hätte für uns keinen Sinn, allein heimzukehren.«
»Wozu brauchen Sie mich?«
»Um ein lebendiges Band zwischen uns und der irdischen Menschheit herzustellen. Damit Sie unsere Lebensordnung kennen lernen und den Marsbewohnern die nähere Bekanntschaft mit der irdischen Ordnung vermitteln, damit Sie, falls Ihnen dies erwünscht ist, in unserer Welt Vertreter Ihres Planeten seien.«
»Ist dies nun bereits die volle Wahrheit?«
»Ja, die volle Wahrheit. Falls Sie die Kraft fühlen, diese Rolle durchzuführen.«
»In einem solchen Fall muß ich es eben versuchen. Ich bleibe bei Ihnen.«
»Ist dies Ihr endgültiger Entschluß?« fragte Menni.
»Ja, wenn nicht auch diese letzte Erklärung irgend eine Art Uebergang bedeutet.«
»Also wir reisen«, sprach Menni, ohne meine Stichelei zu beachten. »Ich gehe noch, um dem Maschinisten einige Weisungen zu erteilen, dann komme ich wieder und wir wollen zusammen die Abfahrt des Aetheroneff beobachten.«
Er verließ das Zimmer, und ich blieb von den verschiedensten Gedanken bewegt zurück. Noch war die Erklärung nicht vollständig. Es blieb eine recht bedeutsame Frage übrig. Doch konnte ich mich nicht entschließen, sie an Menni zu stellen. Hatte er bewußt, wissentlich meinen Bruch mit Anna Nikolajewna herbeigeführt? Mir erschien dies so. Wahrscheinlich sah er in ihr ein Hindernis für seine Ziele. Vielleicht mit Recht. Doch hatte er den Bruch höchstens beschleunigen, nicht aber schaffen können. Freilich war dies eine dreiste Einmischung in meine persönlichen Angelegenheiten gewesen. Da ich aber nun bereits mit Menni verbunden war, mußte ich meine Feindseligkeit gegen ihn unterdrücken. Es galt, das Vergangene nicht mehr zu berühren; am besten würde es sein, nicht mehr an diese Frage zu denken.
Im allgemeinen bedeutete diese neue Wendung für mich keinerlei besondere Erschütterung. Der Schlaf hatte mich gekräftigt, und es war schwer, nach dem am gestrigen Abend Verlebten noch über irgend etwas in Verblüffung zu geraten. Nun galt es bloß, den Plan künftiger Tätigkeit auszuarbeiten.
Offensichtlich bestand meine Aufgabe darin, mich so schnell und so vollkommen wie möglich mit meiner neuen Umgebung vertraut zu machen. Am besten wird es wohl sein, ich befasse mich zuerst mit dem Zunächstliegenden, strebe dann Schritt für Schritt dem Fernerliegenden zu. Als Zunächstliegendes erschienen mir der Aetheroneff, seine Bewohner und unsere beginnende Fahrt. Der Mars war noch fern, im besten Fall würden wir ihn, Mennis Worten zufolge, in zwei Monaten erreichen.
Die äußere Form des Aetheroneff hatte ich bereits am vorhergehenden Abend erblickt: sie war fast kugelförmig, mit abpolierten Enden, gemahnte an das aufgestellte Ei des Kolumbus. Selbstverständlich war diese Form gewählt worden, um bei möglichst kleiner Oberfläche die größtmögliche Ausdehnung zu erhalten, das heißt, bei dem geringsten Aufwand von Material die der Abkühlung ausgesetzte möglichst geringe Fläche. Was das Material anbelangte, so schien dieses aus Aluminium und Glas zu bestehen. Die innere Einrichtung sollte mir von Menni gezeigt und erklärt werden, auch wollte er mich mit den übrigen »Ungeheuern« bekannt machen, wie ich bei mir meine neuen Genossen nannte.
Menni kehrte zurück und führte mich zu den übrigen Marsbewohnern. Sie waren alle in dem Seitensaal versammelt, dessen ungeheueres Kristallfenster die eine Hälfte der Wand einnahm. Das echte Sonnenlicht wirkte nach der phantastischen Helle der elektrischen Lampen angenehm. Es waren etwa zwanzig Marsbewohner zugegen; mich deuchte, sie hätten alle die gleichen Gesichter. Der Mangel eines Bartes oder Schnurrbartes, ja sogar das völlige Fehlen von Runzeln und Falten schien die Verschiedenheit ihres Wuchses gleichsam zu verwischen. Unwillkürlich heftete ich die Augen auf Menni, um ihn unter diesen mir fremden Kameraden nicht zu verlieren. Uebrigens gelang es mir bald, zwischen ihnen meinen nächtlichen Gast Netti zu erkennen, der sich durch seine Jugendlichkeit und Lebhaftigkeit auszeichnete, sowie den breitschultrigen Riesen Sterni zu unterscheiden, der mich mit kaltem, fast unheildrohendem Gesichtsausdruck betrachtete. Außer Menni sprach nur Netti Russisch. Sterni und drei oder vier andere redeten Französisch, noch andere Englisch oder Deutsch; untereinander unterhielten sie sich in einer mir völlig neuen Sprache, anscheinend ihrer Muttersprache. Diese war wohlklingend und schön, und ich bemerkte mit Vergnügen, daß die Aussprache offensichtlich keine großen Schwierigkeiten bot.
Die Abfahrt
Wie interessant auch immer die »Ungeheuer« sein mochten, so wurde meine Aufmerksamkeit dennoch unwillkürlich von ihnen abgelenkt und richtete sich auf den feierlichen, immer näher kommenden Augenblick der »Abfahrt«. Ich starrte beharrlich auf die sich vor uns dehnende schneeige Fläche und nach der steil aufragenden Granitwand. Jeden Augenblick erwartete ich, einen starken Stoß zu verspüren, glaubte, alles werde rasch zurückbleiben, in weiter Ferne verschwimmen. Doch wurde ich in meiner Erwartung enttäuscht.
Eine geräuschlose, langsame, kaum wahrnehmbare Bewegung entfernte uns ein wenig von der Schneeplatte. Nach etlichen Sekunden erst wurde der Aufstieg bemerkbar.
»Eine Beschleunigung von zwei Zentimeter«, erklärte Menni.
Ich verstand, was dies bedeute. In der ersten Sekunde legten wir einen Zentimeter zurück, in der zweiten drei, in der dritten fünf, in der vierten sieben usw. Die Geschwindigkeit veränderte sich unablässig, entwickelte sich nach dem Gesetz der arithmetischen Progression. In vier Minuten hatten wir die Schnelligkeit eines gehenden Menschen, in fünfzehn die eines Personenzuges erreicht usw.
Wir bewegten uns dem Gesetze der Schwerkraft zufolge, doch fielen wir hinauf, und zwar um fünfhundertmal langsamer, als auf der Erde ein Körper von gewöhnlicher Schwere fällt.
Die Glasplatte des Fensters begann sich vom Feld zu erheben, bildete mit diesem einen stumpfen Winkel, analog der Kugelform des Aetheroneff, dessen einer Teil nun sichtbar wurde. Wir vermochten, uns vorneigend, all das zu sehen, was sich gerade unter uns befand.
Immer rascher sank die Erde unter uns nieder, immer weiter ward der Horizont. Die dunklen Flecken der Felsen und Dörfchen wurden kleiner, die Umrisse des Sees zeichneten sich ab wie auf einem Plan. Der Himmel aber ward immer dunkler; während ein blauer dem Meer gleichender Streifen den westlichen Horizont überzog, vermochten meine Augen trotz dem Tageslicht die heller leuchtenden großen Sterne zu unterscheiden.
Die äußerst langsame, kreisende Bewegung des Aetheroneff um die eigene vertikale Achse gestattete uns, den ganzen Raum ringsum zu überblicken.
Es deuchte, als erhebe sich der Horizont zusammen mit uns, die Erdoberfläche erschien als ungeheuere, ausgehöhlte, mit Reliefs geschmückte Schüssel. Die Konturen wurden verschwommener, die Reliefs flacher, immer mehr nahm die Landschaft den Charakter einer Landkarte an, scharf gezeichnet in der Mitte, verschwommen und unklar an den Rändern, die von halbdurchsichtigem, bläulichem Nebel bedeckt waren. Der Himmel wurde immer schwärzer, und zahllose Sterne, dicht gesät, funkelten ungetrübt in ihrem stillen Licht, nicht fürchtend die strahlende Sonne, deren Helle schier schmerzhaft brannte.
»Sagen Sie mir, Menni, wird sich diese Beschleunigung von zwei Zentimetern, mit der wir uns jetzt bewegen, bis ans Ende der Reise erhalten?«
»Ja«, entgegnete er. »Nur daß die Richtung etwa auf halbem Weg ins Gegenteil umschlägt, wir mit jeder Sekunde die Geschwindigkeit nicht beschleunigen, sondern verzögern. So daß diese, wenn die höchste Geschwindigkeit des Aetheroneff ungefähr fünfzig Kilometer in der Sekunde beträgt, die mittlere aber fünfundzwanzig Kilometer, im Augenblick der Ankunft abermals ebenso gering ist, wie sie im Augenblick der Abfahrt war. Dies ermöglicht uns, ohne Stoß und Erschütterungen an der Oberfläche des Mars zu landen. Ohne diese ungeheuerliche wechselnde Geschwindigkeit vermöchten wir niemals weder die Erde, noch die Venus zu erreichen, denn sogar die kürzeste Strecke beträgt sechzig bis hundert Millionen Kilometer, -- bei der Geschwindigkeit, sagen wir, Ihrer Erdeneisenbahnen würde eine derartige Reise ein Jahrhundert, aber nicht, wie in unserem Fall, Monate währen. Was den »Schuß mit der Kanonenkugel« anbelangt, über den ich in Eueren phantastischen Romanen las, so ist dies selbstverständlich ein bloßer Scherz, denn den Gesetzen der Mechanik zufolge gäbe es dabei nur eine praktische Möglichkeit -- entweder sich im Augenblick des Schusses im Inneren der Kanonenkugel zu befinden, oder sie im eigenen Inneren zu haben.«
»Auf welche Art erhalten Sie diese gleichmäßige Beschleunigung und Verlangsamung?«
»Die bewegende Kraft des Aetheroneff ist einer jener radiumausstrahlenden Stoffe, die uns in großen Mengen hervorzubringen gelang. Wir fanden ein Mittel, um die Zerlegung der Elemente ums Hunderttausendfache zu beschleunigen; dies geschieht in unseren Motoren durch ein äußerst einfaches elektrisches Verfahren. Durch unsere Methode wird eine ungeheure Menge Energie entbunden. Die Teilchen der zerfallenden Atome besitzen im Flug, wie Ihnen bekannt ist, eine zehntausendmal größere Geschwindigkeit, als das Artilleriegeschoß. Wenn diese Teile nun aus dem Aetheroneff bloß nach einer einzigen bestimmten Richtung fliegen können, -- das heißt, durch einen einzigen Kanal zwischen den sonst undurchdringlichen Wänden, -- dann bewegt sich der Aetheroneff in der entgegengesetzten Richtung, wie der Rückschlag beim Gewehr. Da Ihnen das Gesetz der lebendigen Kraft bekannt ist, werden Sie ja auch wissen, daß ein unbedeutender, milligrammgroßer Teil pro Sekunde völlig genügt, um unserem Aetheroneff die regelmäßige Beschleunigung zu verleihen.«
Während wir also redeten, hatten sich die übrigen Marsbewohner entfernt. Menni forderte mich auf, mit ihm in seiner Kajüte zu frühstücken. Wir gingen zusammen hin. Die Kajüte glich den Wänden des Aetheroneff, auch sie hatte das gleiche große Kristallfenster. Wir frühstückten. Ich wußte, daß mir neue, noch nie empfundene Gefühle bevorstanden, da ich ja die Schwere meines Körpers verlieren würde. Ich befragte Menni darüber.
»Ja«, erwiderte er. »Obgleich uns die Sonne noch immer anzieht, so ist doch hier ihre Anziehungskraft eine sehr geringe. Und auch jene der Erde wird morgen oder übermorgen unmerklich werden. Nur dank der stets zunehmenden Geschwindigkeit des Aetheroneff bleibt uns ein Vierhundertstel, mindestens ein Fünfhundertstel unseres Gewichtes bewahrt. Es fällt ein wenig schwer, sich zum ersten Mal daran zu gewöhnen, obwohl die Veränderung ganz allmählich vor sich geht. Mit zunehmender Leichtigkeit werden Sie Ihre Geschicklichkeit verlieren, eine Menge falscher, nicht berechneter Bewegungen machen, über das Ziel hinausschießen. Was das unvermeidliche Herzklopfen, das Schwindelgefühl und die Uebelkeit anbelangt, so wird Ihnen Netti darüber hinweghelfen. Es wird Ihnen auch schwer fallen, Wasser und andere Flüssigkeiten zu handhaben, die beim leichtesten Anstoß aus dem Gefäß fließen und sich überallhin verbreiten. Doch waren wir nach Kräften bemüht, derartige Unbequemlichkeiten zu vermeiden und abzuschwächen. Möbel und Gefäße sind an Ort und Stelle befestigt, die Flüssigkeiten verkorkt, überall befinden sich Griffe und Riemen, um den unfreiwilligen Sturz zu verhindern, der bei rascherer Bewegung leicht vorkommt. Sie werden sich schon daran gewöhnen, haben hierzu genügend Zeit.«
Seit der Abfahrt waren etwa zwei Stunden verflossen. Schon war die verminderte Schwere fühlbar, doch war diese Empfindung bis jetzt noch angenehm: der Körper fühlte Leichtigkeit, die Bewegungen waren frei und ungehemmt, dies war alles. Dem atmosphärischen Druck wichen wir völlig aus; er kümmerte uns nicht, besaßen wir doch in unserem hermetisch verschlossenen Schiff einen genügenden Vorrat an Sauerstoff. Das uns sichtbare Erdgebiet glich immer mehr einer Landkarte im verkleinerten Maßstab. Im Süden, am Mittelländischen Meer, waren zwischen dem blauen Dunst Nordafrika und Arabien klar ersichtlich, im Norden, über Skandinavien, verlor sich der Blick in schneeigen vereisten Leeren, nur die Felsen Spitzbergens dunkelten als schwarze Flecke empor. Im Osten, im grüngestreiften Ural, wurde das Grün von weißen Schneeflecken durchbrochen, hier herrschte wieder völlig das weiße Licht, vermischt mit leichtem, grünlichem Schimmer, eine zärtliche Erinnerung an die ungeheueren Nadelwälder Sibiriens. Im Westen verloren sich in den hellen Konturen Mitteleuropas die Küste von England und Nordfrankreich. Ich vermochte nicht lange auf dieses gigantische Bild zu blicken; der Gedanke an die schauerliche Untiefe, über der wir schwebten, erweckte in mir ein ohnmachtsnahes Gefühl. Ich wandte mich abermals an Menni.
»Sind Sie der Kapitän dieses Schiffes?«
Menni nickte bejahend und erwiderte:
»Doch bedeutet dies keineswegs, daß ich über die Macht eines Kommandanten verfüge, wie dies Ihrer irdischen Auffassung entspräche. Ich habe bloß in der Führung des Aetheroneff mehr Erfahrung als die anderen; meine Verfügungen in dieser Hinsicht werden berücksichtigt, wie ich Sternis astronomische Berechnungen annehme, oder wie wir Nettis medizinische Ratschläge zur Erhaltung unserer Gesundheit und Arbeitskraft befolgen.«
»Wie alt ist Doktor Netti? Er dünkte mich äußerst jung.«
»Ich erinnere mich nicht genau, sechzehn oder siebzehn«, entgegnete Menni lächelnd.
Das hatte auch ich gedacht. Staunte aber über eine derart junge Gelehrsamkeit.
»In diesem Alter bereits Arzt sein!«, entfuhr es mir unwillkürlich.
»Und fügen Sie hinzu: ein äußerst geschickter und erfahrener Arzt«, ergänzte Menni.
Damals überlegte ich nicht, -- und Menni erinnerte mich absichtlich nicht daran, -- daß die Marsjahre fast doppelt so lang sind, wie die unseren: der Mars umkreist die Sonne in 686 Erdentagen und Nettis sechzehn Jahre kamen etwa dreißig Erdenjahren gleich.
Der Aetheroneff
Nach dem Frühstück forderte mich Menni auf, unser »Schiff« zu besichtigen. Vor allem begaben wir uns in den Maschinenraum. Dieser nahm das unterste Stockwerk des Aetheroneff ein -- stieß direkt an dessen verdichteten Boden und bildete die Scheidewand zwischen fünf Zimmern -- das eine in der Mitte, die anderen an den Seiten gelegen. Inmitten des zentralen Raumes erhob sich der Treibmotor, an seinen vier Seiten von in den Boden eingelassenen runden Glasfenstern umgeben; das eine Fenster bestand aus reinem Kristall, die anderen waren bunt gefärbt; das Glas hatte eine Dicke von etwa drei Zentimetern und war außerordentlich durchsichtig. Im gegebenen Augenblick vermochten wir durch diese Fenster bloß einen Teil der Erdoberfläche zu sehen.
Die Basis der Maschine bildete ein vertikaler Metallzylinder, drei Meter hoch und einen halben Meter im Durchmesser. Menni erklärte mir, dieser Zylinder bestehe aus Osmium, einem schwer schmelzenden Edelmetall, aus der Gruppe des Platins. In diesem Zylinder ging die Zerlegung der radiumausstrahlenden Stoffe vor sich; die zwanzig Zentimeter dicken Wände bewiesen zur Genüge die bei diesem Prozeß entwickelten Energien. Im Raum herrschte keine besondere Hitze; der ganze Zylinder war von zwei großen, breiten, aus irgendeinem durchsichtigen Material bestehenden Futteralen umgeben. Diese Futterale schützten vor der Hitze; beide vereinigten sich unter der Decke zu einem Rohr, aus dem die erhitzte Luft nach allen Seiten ausströmte und den Aetheroneff gleichmäßig »heizte«.
Die übrigen Teile der Maschine waren durch verschiedene Zylinder miteinander verbunden, bestanden aus elektrischen Spulen, Akkumulatoren, einem Meßapparat mit Zifferblatt usw. Alles befand sich in tadelloser Ordnung, und verschiedene Spiegel gestatteten dem diensthabenden Maschinisten, den ganzen Umkreis zu überblicken, ohne sich von seinem Lehnstuhl zu erheben.
Von den Seitenstuben war die eine das »astronomische« Zimmer, rechts und links von diesem befanden sich der »Wasserraum« und der »Sauerstoffraum« und auf der entgegengesetzten Seite der »Rechenraum«. Im astronomischen Zimmer waren der Fußboden und die Wände aus dickem Kristall; das in geometrischen Formen geschliffene Glas zeigte ideale Reinheit. Die Durchsichtigkeit dieses Glases war so groß, daß ich, während ich Menni über die Schwebebrücke folgte und hinabblickte, zwischen mir und dem Abgrund unter uns nichts sah; ich mußte die Augen schließen, um nicht von qualvollem Schwindel überwältigt zu werden. Ich bemühte mich, seitwärts, nach den Instrumenten zu schauen, die sich zwischen der Brücke auf Stativen befanden, oder sich von der Decke und der Außenwand herabsenkten. Das Hauptteleskop war etwa zwei Meter lang, die Linse von unproportionierter Größe und augenscheinlich von einer entsprechenden optischen Stärke.
»Als Ferngläser verwenden wir nur Diamanten«, sagte Menni. »Sie geben ein bedeutend größeres Gesichtsfeld.«
»Wie stark ist die gewöhnliche Vergrößerung dieses Teleskops?« fragte ich.