Der rote Stern: Ein utopischer Roman

Part 14

Chapter 143,238 wordsPublic domain

Aber nicht nur Wladimir kam mir wie ein Kind vor. Selbst Werner, dieser alte Revolutionär, erschien mir weit naiver und kindlicher, als ich früher geglaubt hatte -- und das gleiche Gefühl empfand ich auch anderen Genossen, ja sogar etlichen unserer Führer gegenüber ... Alle jene Menschen, die ich auf der Erde gekannt hatte, machten auf mich den Eindruck halbkindlicher, noch nicht völlig erwachsener Wesen, die das Leben in sich und ringsum nur unklar zu erfassen vermögen, die äußeren und inneren Gewalten gehorchen. In dieser Empfindung war kein Tropfen von Selbstüberhebung, oder Verachtung, sondern tiefe Zuneigung und brüderliches Interesse für diese embryonalen Geschöpfe, die Kinder einer jungen Menschheit.

Der Briefumschlag

Die glühende Sommersonne schien das Eis, in dem das Leben des Landes erstarrt war, zu schmelzen. Es erwachte, und die Morgenröte neuer Stürme zeigte sich am Horizont. Aus der Tiefe drang von neuem dumpfes Murren. Diese Sonne, dieses Erwachen erwärmten meine Seele, steigerten meine Kräfte; ich fühlte, bald würde ich gesünder sein, als ich es je zuvor gewesen.

In dieser Stimmung unklarer Lebensfreude wollte ich nicht mehr an die Vergangenheit denken. Das Bewußtsein, ich sei von der ganzen Welt, von allen vergessen, tat mir wohl ... Für die Genossen wollte ich erst zu einer Zeit auferstehen, da es keinem mehr einfallen würde, mich über die Jahre meiner Abwesenheit zu befragen, es für derartiges kein Interesse geben und meine Vergangenheit in den stürmischen Wogen einer neuen Flut versunken sein werde. Bemerkte ich jedoch Tatsachen, die diese meine Hoffnung als zweifelhaft erscheinen ließen, so erfaßten mich Erregung und Unruhe, sowie eine sinnlose Feindseligkeit gegen jene, die sich noch an mich erinnern konnten.

An einem Sommerabend fand sich Werner bei der Rückkehr aus dem Krankenhaus nicht, wie gewöhnlich, im Garten ein, um sich zu erholen -- er bedurfte dieser Erholung, denn der Rundgang durchs Krankenhaus ermüdete ihn sehr, -- sondern suchte mich auf und begann mich ausführlich über mein Befinden zu befragen. Mir schien, als strenge er sich an, meine Antworten im Gedächtnis zu behalten. Das war etwas ungewöhnliches, und ich glaubte, er habe vielleicht durch einen Zufall meine kleine Verschwörung entdeckt. Doch merkte ich bald, daß er keinerlei Verdacht hege. Dann verließ er die Stube und begab sich in sein Arbeitszimmer. Erst eine halbe Stunde später sah ich durchs Fenster, daß er in seiner dunklen Lieblingsallee spazieren ging. Ich konnte nicht umhin, diese Kleinigkeiten zu beobachten, gab es ja in meiner Umgebung keinerlei große Vorfälle und Ereignisse. Nachdem ich verschiedene Vermutungen verworfen hatte, kam ich zu der allerwahrscheinlichsten Lösung, Werner wolle vielleicht auf eine besondere Aufforderung hin jemandem über meine Gesundheit einen Bericht schreiben. Die Post wurde ihm allmorgendlich in sein Arbeitszimmer gebracht, -- vielleicht hatte er heute einen Brief erhalten, der sich nach mir erkundigte.

Von wem war dieser Brief, was bezweckte er? Ich mußte dies unbedingt erfahren, um meine Seelenruhe wiederzufinden. Werner selbst zu befragen, wäre vergeblich gewesen -- er schien einen besonderen Grund zu haben, mir den Brief zu verheimlichen, hätte sonst von selbst darüber gesprochen. Ob vielleicht Wladimir etwas wußte? Aber es erwies sich, daß auch ihm nichts bekannt war. Ich überlegte, auf welche Art und Weise ich die Wahrheit erfahren könnte.

Wladimir war zu jedem Dienst bereit. Meine Neugierde erschien ihm völlig berechtigt, Werners geheimnisvolles Wesen hingegen fand er unbegründet. Er scheute sich nicht, Werners Zimmer einer wahren Durchsuchung zu unterziehen, desgleichen das medizinische Kabinett, doch fand er nichts Interessantes.

»Entweder hat er den Brief eingesteckt«, meinte Wladimir, »oder aber zerrissen und fortgeworfen.«

»Wohin wirft er gewöhnlich die zerrissenen Briefe und Papiere?« fragte ich.

»In den Korb, der unter dem Tisch seines Arbeitszimmers steht.«

»Gut, bringen Sie mir alle Papiere, die Sie im Korb finden.« Wladimir ging und kehrte eiligst zurück.

»Es sind gar keine Papiere im Korb«, erklärte er. »Doch fand ich diesen Briefumschlag, den er, dem Stempel nach, heute erhalten haben muß.«

Ich griff nach dem Umschlag und betrachtete die Aufschrift. Plötzlich schien unter meinen Füßen die Erde zu versinken, und die Wände drohten über mir einzustürzen ...

Es war Nettis Schrift!

Der Abschluß

Aus dem Chaos der Erinnerungen und Gedanken, in dem meine Seele versank, als ich sah, daß sich Netti auf der Erde befinde und nicht mit mir zusammentreffen wolle, erhob sich nur das Endergebnis klar und deutlich. Dies kristallisierte sich gleichsam von selbst heraus, ohne irgendeinen logischen Prozeß, und stand über jedem Zweifel. Doch vermochte ich mich damit nicht abzufinden. Ich wollte meine Tat mir und anderen gegenüber begründen. Vor allem aber konnte ich mich nicht in den Gedanken finden, daß Netti meine Tat nicht begreifen, sie für einen bloßen Ausbruch des Gefühls halten könnte, obschon sie doch eine logische Notwendigkeit gewesen war, die sich unvermeidlich aus meiner ganzen Geschichte entwickelt hatte.

Es galt also, vor allen folgerichtig meine Geschichte zu erzählen, um der Genossen, um meiner, um Nettis willen ... Deshalb wurde dieses Manuskript geschrieben. Werner, der es als erster lesen wird -- am Tage nach Wladimirs und meiner Flucht -- möge für dessen Veröffentlichung sorgen, -- selbstverständlich muß er die nötigen, durch unsere konspirative Tätigkeit bedingten Abänderungen vornehmen. Das ist meine einzige Bitte. Ich bedaure sehr, daß ich ihm nicht zum Abschied die Hand drücken kann ...

Während ich an diesen Erinnerungen schrieb, erhob sich die Vergangenheit immer heller und klarer vor mir, das Chaos verwandelte sich in Gewißheit, die von mir gespielte Rolle, sowie meine Lage zeichneten sich scharf in meinem Bewußtsein ab. Mit gesundem Verstand und klarer Erinnerung vermag ich alles zum Abschluß zu führen ...

Zweifellos überstieg die mir gestellte Aufgabe meine Kräfte. Worin aber ist die Ursache meines Mißerfolges zu suchen? Und wie ist der Irrtum zu erklären, den sich Mennis durchdringender, hoher Verstand bei meiner Wahl zu schulden kommen ließ?

Ich entsann mich eines Gespräches, das ich mit Menni über meine Wahl geführt hatte. Es war zu jener glücklichen Zeit gewesen, als Nettis Liebe in mir den unbegrenzten Glauben an meine Kraft erweckt hatte.

»Wie kam es, Menni«, fragte ich, »daß Sie aus der großen Menge verschiedenartigster Menschen unseres Landes, deren Bekanntschaft Sie während Ihres Aufenthaltes auf der Erde gemacht hatten, gerade mich für den geeignetsten Vertreter der Erde gehalten haben?«

»Die Auswahl war nicht besonders groß«, entgegnete er. »Sie mußte im Rahmen der Vertreter des wissenschaftlich-revolutionären Sozialismus getroffen werden, denn alle anderen Weltanschauungen standen der unseren noch weit ferner.«

»Mag sein. Wäre es aber nicht viel leichter gewesen, unter den Proletariern, die die Basis und die Kraft unserer Bewegung bedeuten, das richtige zu finden?«

»Ja, es wäre richtiger gewesen, dort zu suchen. Aber ... ich hätte bei ihnen nicht das gefunden, was mir unentbehrlich schien: die umfassende, vielseitige Bildung, die höchste Stufe Ihrer Kultur. Diese Tatsache lenkte mein Suchen nach der anderen Seite.«

So sprach Menni. Seine Annahme bewahrheitete sich nicht. Bedeutet dies, daß er überhaupt keinen Erdenmenschen hätte mitnehmen dürfen, daß der Unterschied zwischen den beiden Kulturen ein unüberbrückbarer Abgrund ist, über den der _Einzelne_ nicht hinüberzugelangen, und den bloß die Gesellschaft zu besiegen vermag? Das zu glauben, wäre für mich persönlich ein großer Trost, doch zweifle ich ernstlich daran. Ich glaube vielmehr, daß sich Menni in jener Ansicht, die unsere Arbeitergenossen betrifft, geirrt habe.

Wodurch erlitt ich Schiffbruch?

Die erste Ursache war vielleicht der Umstand, daß sich eine Unmenge Eindrücke des fremden Lebens auf meinen Geist stürzte, daß deren Reichhaltigkeit mein Bewußtsein überflutete und die Ufer verwischte. Mit Nettis Hilfe überlebte ich die Krise und fand mich wieder zurecht. Aber war nicht diese Krise selbst die Folge jener erhöhten Empfindsamkeit, jener verfeinerten Wahrnehmung, die rein geistig arbeitenden Menschen eigen ist? Würde vielleicht einer primitiveren, etwas weniger komplizierten, widerstandsfähigeren und einfacheren Natur alles leichter gefallen, und für sie der rasche Uebergang weniger schmerzlich gewesen sein? Vielleicht wäre es für den mindergebildeten Proletarier weniger schwer gewesen, sich in ein neues, höheres Dasein zu finden, freilich hätte er weit mehr Neues lernen müssen, doch wäre in seinem Fall nicht nötig gewesen, so viel Altes zu verlernen, und gerade dies ist das schwerste ... Mir scheint, daß ich in dieser Hinsicht recht habe und daß sich in Mennis Berechnung ein Fehler eingeschlichen hatte, indem er dem Kulturniveau mehr Bedeutung beimaß, als der kulturellen Entwicklungskraft.

Ferner wurden meine Seelenkräfte von dem _Charakter_ jener Kultur zermalmt, an die ich mich mit meinem ganzen Wesen anzupassen versuchte. Ihre Erhabenheit erdrückte mich, die Tiefgründigkeit ihrer sozialen Bande, die Reinheit und Durchsichtigkeit der Verhältnisse zwischen Mensch und Mensch. Sternis Rede, die auf etwas plumpe Art die Unermeßlichkeit der zwei Lebenstypen beleuchtete, war bloß die Veranlassung, der letzte Anstoß, der mich in die Untiefe stürzte, an deren Rand mich mit elementarer, unbezwinglicher Kraft der Widerspruch zwischen meinem Innenleben und dem ganzen sozialen Milieu, in der Fabrik, der Familie, der Gesellschaft, unter Freunden getrieben hatte. Und abermals muß ich fragen, ob diese Widersprüche nicht gerade bei mir doppelt so stark und scharf fühlbar wurden, bei mir, dem revolutionären Intellektuellen, der neun Zehntel seiner Arbeit entweder in der Einsamkeit verrichtet hatte, oder zumindest unter Bedingungen, die ihn von seinen auf einer anderen Bildungsstufe stehenden Mitarbeitern absonderten? Bei mir, dessen Persönlichkeit sich von den anderen _abgesondert_ hatte? Würden sich diese Widersprüche nicht weit schwächer bei einem Menschen ausgewirkt haben, der neun Zehntel seines Arbeitslebens auf primitive, undifferenzierte Art verbracht, sich aber stets in einem Kameradenkreis aufgehalten hatte, mit diesem durch eine grobe, aber tatsächliche Gleichheit verbunden? Mir schien, daß dem so sei, und daß Menni seinen Versuch in anderer Richtung wiederholen müßte ...

Zwischen den beiden von mir erlittenen Schiffbrüchen hatte es eine Zeit der Entschlossenheit und der männlichen Tatkraft im Kampfe gegeben. Das, was damals meine Kraft aufrecht erhielt, half mir auch heute ohne ein Gefühl allzu großer Demütigung den Abschluß zu machen: Nettis Liebe.

Freilich war Nettis Liebe ein edler und liebevoller Irrtum gewesen, dennoch war eine solche Liebe _möglich_; diese Tatsache konnte durch nichts und niemanden weggeleugnet und verändert werden. Für uns bedeutete sie eine Bürgschaft für die tatsächliche Annäherung der beiden Welten, und für ihre künftige Verschmelzung zu einer einzigen, ungeahnt schönen und starken Welt.

Und ich selbst ... Für mich gibt es keinen Abschluß. Für das neue Leben war ich nicht geeignet, nach dem alten verlangt es mich nicht mehr. Ich gehöre ihm nicht mehr an, weder den Gedanken, noch den Gefühlen nach. Es gibt nur einen Ausweg.

Die Zeit ist vorüber. Mein Spießgeselle erwartet mich im Garten; eben hörte ich sein Signal. Morgen werden wir bereits fern von hier sein, auf dem Wege dorthin, wo das Leben brodelt und die Ufer überflutet, wo es leicht sein wird, die mir so verhaßte Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft zu verwischen. Leb wohl, Werner, guter, alter Genosse.

Gegrüßt seiest du, neues strahlendes Leben, und auch du, dessen leuchtende Erscheinung: meine Netti!

Aus einem Brief des Doktor Werner an den Schriftsteller Mirski

(Der Brief trägt kein Datum; diese Unterlassung ist offenbar durch Werners Zerstreutheit verschuldet.)

* * * * *

Die Kanonade war bereits seit langem verstummt, und noch immer wurden neue und neue Verwundete gebracht. Die meisten davon waren Milizleute und nicht Soldaten, oder friedliche Einwohner, darunter auch viele Frauen und sogar Kinder: vor den Schrapnellen sind alle gleich. In mein nahe dem Schlachtfeld gelegenes Krankenhaus wurden vor allem Milizleute und Soldaten eingebracht. Die von den Granaten und Schrapnellen verursachten furchtbaren Verwundungen machten sogar auf mich, den alten Arzt, der seit Jahren nicht mehr chirurgisch gearbeitet hat, einen tiefen Eindruck. Doch erhob sich aus dem Grauen triumphierend der leuchtende Gedanke: Sieg!

Es war unser erster großer Sieg im gegenwärtigen Ringen, war ein entscheidender Sieg. Die Wagschale senkte sich nach der anderen Seite. Ein furchtbares Gericht hub an. Hier wird es keine Gnade, sondern Gerechtigkeit geben. Schon längst war die Zeit reif ...

Auf den Straßen Blut und Trümmer. Feuersbrünste und der Rauch der Kanonade hatten die Sonne blutrot gefärbt. Doch erschien sie unserem Auge nicht böse und zornig, sondern freudenvoll. In der Seele klang ein Kampflied, eine Siegeshymne.

* * * * *

Leonid wurde gegen Mittag ins Krankenhaus gebracht. Er hatte eine gefährliche Wunde in der Brust und einige leichte Verletzungen, fast nur Schrammen. Er hatte sich zur Nachtzeit mit dem fünften Grenadierregiment in jenen Teil der Stadt begeben, der sich in den Händen der Regierung befand. Der Kampf endete damit, daß einige verzweifelte Ueberfälle Schrecken und Demoralisation hervorriefen. Leonid selbst hatte diesen Plan entworfen und dessen Ausführung geleitet. Er hatte in früheren Jahren viel in dieser Stadt gearbeitet und kannte alle Winkel und Verstecke, konnte deshalb dieses tollkühne Unternehmen besser durchführen als jeder andere. Der Führer der Miliz, der zuerst gegen den Plan gewesen war, stimmte schließlich zu. Es gelang Leonid, mit seinen Granaten bis zu einer der feindlichen Batterien vorzudringen und etliche Kisten mit Munition zu zerschmettern. Während der durch die Explosion entstandenen Panik gelang es den Unseren, die feindlichen Waffen zu zerstören, sowie die Batterien. Dabei erhielt Leonid einige leichte Verwundungen. Beim Rückzug gelangten die Unseren in die Reihen der feindlichen Dragoner. Leonid übergab das Kommando Wladimir, der sein Adjutant war, schlich sich selbst mit den beiden letzten Granaten zum nächsten Tor, hielt sich im Hinterhalt, bis es den anderen gelungen war, sich zurückzuziehen. Er ließ die feindlichen Reihen zum Teil an sich vorüberschreiten, warf dann die erste Granate gegen einen Offizier, die zweite in die nächste Gruppe der Dragoner. Die ganzen Reihen flüchteten eiligst; die Unseren kehrten zurück und fanden Leonid schwer verletzt neben seinen Granaten. Sie brachten ihn noch vor dem Morgengrauen in unsere Linien und übergaben ihn mir.

Es gelang mir, den Granatsplitter zu entfernen, doch waren die Lungen verletzt und Leonid befand sich in einem kritischen Zustand. Ich brachte den Kranken so gut wie möglich unter, freilich konnte ich ihm nicht das geben, dessen er am meisten bedurfte: die völlige Ruhe, die ihm so sehr not tat. Am Morgen begann die Schlacht von neuem, ihr Dröhnen drang bis zu uns. Die unruhige Erwartung des Ausgangs der Schlacht verstärkte Leonids Fieber. Als noch weitere Verwundete eingebracht wurden, steigerte sich seine Erregung, und ich war gezwungen, vor sein Bett einen Wandschirm zu stellen, damit er die fremden Wunden nicht sehe.

* * * * *

Nach etwa vier Stunden ging der Kampf bereits seinem Ende zu, und der Ausgang war klar ersichtlich. Ich war mit der Unterbringung der Verwundeten beschäftigt. Da wurde mir die Karte jener Frau gebracht, die sich vor einigen Wochen schriftlich nach Leonids Befinden erkundigt und mich nach Leonids Flucht aufgesucht hatte. Ich sandte sie damals mit einem Empfehlungsschreiben zu Ihnen, damit sie in Leonids Manuskript Einsicht nehme. Sie war zweifellos eine Genossin und anscheinend Aerztin. Deshalb führte ich sie in mein Zimmer. Sie trug auch heute wie damals einen dichten schwarzen Schleier, der ihre Züge völlig verdeckte.

»Ist Leonid bei Ihnen?« fragte sie, ohne mich zu begrüßen.

»Ja«, erwiderte ich, »doch darf er sich keiner Aufregung aussetzen; wenngleich seine Verwundung eine ernste ist, so hoffe ich dennoch, ihn heilen zu können.«

Sie stellte hastig eine Reihe von Fragen an mich, die den Zustand des Verwundeten betrafen. Dann erklärte sie, ihn sehen zu wollen.

»Wird das Wiedersehen ihn nicht aufregen?« fragte ich.

»Zweifellos«, lautete die Antwort. »Doch wird ihm diese Aufregung weit mehr nützlich als schädlich sein. Dafür kann ich Ihnen bürgen.«

Ihre Stimme klang entschlossen und sicher. Ich fühlte, daß sie genau wisse, was sie sage und konnte ihre Bitte nicht abschlagen. Wir begaben uns in jenen Raum, wo Leonid lag und ich zeigte mit einer Gebärde, sie möge sich hinter den Wandschirm begeben. Ich selbst verharrte in der Nähe, am Bett eines anderen Schwerverwundeten, um den ich mich bemühte. Es verlangte mich danach, das Gespräch der Frau mit Leonid zu erlauschen, um eingreifen zu können, sobald dies notwendig wurde.

Während sie sich hinter den Schirm begab, hob sie ein wenig den Schleier. Ich erblickte ihre Silhouette durch das undichte Gewebe des Schirms und sah, wie sie sich zu dem Verwundeten niederbeugte.

»Die Maske ...« ertönte Leonids schwache Stimme.

»Deine Netti«, entgegnete sie. Und in diesen leise, melodisch gesprochenen Worten lag so viel Liebe und Zärtlichkeit, daß mein altes Herz erbebte, erfaßt von schmerzlich freudigen Gefühlen.

Die Frau machte eine scharfe hastige Gebärde, fast, als wollte sie ihren Kragen lösen, nahm dann Hut und Schleier ab und beugte sich noch näher zu Leonid nieder. Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen.

»Das bedeutet wohl, daß ich sterbe?« fragte Leonid leise.

»Nein, Lenni, das ganze Leben liegt vor uns. Deine Wunde ist nicht tödlich, ist nicht einmal gefährlich.«

»Und der Mord?« rief er schmerzlich erregt.

»Das war eine Krankheit, mein Lenni. Sei ruhig, diese tödliche Wunde wird niemals zwischen uns stehen, auch nicht auf dem Wege zu unserem erhabenen gemeinsamen Ziel. Wir werden das Ziel erreichen, mein Lenni ...«

Ein leises Stöhnen löste sich aus seiner Brust, doch war es kein Schmerzenston. Ich verließ das Zimmer; mein Patient hatte mir bereits alles verraten, was ich zu wissen verlangte. Es hätte keinen Sinn gehabt, weiter zu lauschen. Einige Minuten später erschien die Unbekannte abermals in Hut und Schleier bei mir.

»Ich nehme Leonid mit«, sprach sie. »Er wünscht dies selbst, und die Bedingungen für seine Genesung sind bei mir günstiger als hier; Sie können ganz unbesorgt sein. Zwei Genossen warten unten, werden Leonid zu mir schaffen. Lassen Sie uns, bitte, eine Tragbahre zur Verfügung stellen.«

Ich hatte keine Ursache, mich zu weigern: in unserem Spital waren die Bedingungen tatsächlich keineswegs glänzend. Ich fragte die Unbekannte nach ihrer Adresse, -- sie wohnte ganz nahe von hier. Ich beschloß, am folgenden Tag hinzugehen und Leonid zu besuchen. Zwei Arbeiter erschienen und trugen Leonid vorsichtig auf einer Bahre fort.

* * * * *

PS. geschrieben am folgenden Tag.

Leonid und Netti sind spurlos verschwunden. Ich war eben in ihrer Wohnung: die Türen waren geöffnet, die Zimmer leer. Im großen Saal stand ein ungeheures Fenster sperrangelweit offen, auf dem Tisch lag ein an mich gerichteter Brief. Mit zitternder Hand waren bloß einige wenige Worte geschrieben:

»Grüße an die Genossen. Auf Wiedersehen. Ihr Leonid.«

Seltsam, ich fühle keinerlei Unruhe und Sorge. Diese Tage haben mich zu Tode erschöpft; ich sah viel Blut, sah viele Leiden, die ich nicht zu lindern vermochte, erblickte Bilder der Zerstörung und des Untergangs; dennoch herrschen in meiner Seele Freude und Licht.

Das Aergste liegt hinter uns. Noch harrt unser ein langer und schwerer Kampf, aber vor uns leuchtet der Sieg ... Und der neue Kampf wird leichter sein.

Ende.

Inhaltsverzeichnis

Seite

Dr. Werner an den Schriftsteller Mirski 5

Leonids Manuskript

Erster Teil Der Bruch 9 Die Aufforderung 14 Die Nacht 20 Die Erklärung 24 Die Abfahrt 28 Der Aetheroneff 33 Die Menschen 38 Die Annäherung 45 Vergangenes 51 Die Ankunft 61

Zweiter Teil Bei Menni 64 In der Fabrik 69 Das Haus der Kinder 77 Das Kunstmuseum 86 Im Krankenhaus 97 Arbeit und Gespenster 103 Netti 111

Dritter Teil Glück 116 Trennung 117 Die Kleiderfabrik 120 Enno 125 Bei Nella 129 Auf der Suche 136 Sterni 140 Netti 151 Menni 156 Der Mord 159

Vierter Teil Bei Werner 165 War es -- war es nicht 167 Das Leben der Heimat 170 Der Briefumschlag 174 Der Abschluß 176

Aus einem Brief des Doktor Werner an den Schriftsteller Mirski 181

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 15]: ... daß sie diesen Voraussetzungen größere Bedeutung beimessen, ... ... daß Sie diesen Voraussetzungen größere Bedeutung beimessen, ...

[S. 18]: ... ich sie später bekannt machen werde.« ... ... ich Sie später bekannt machen werde.« ...

[S. 23]: ... Menni befestigte die Gondel an einen eigens dazu bestimmten ... ... Menni befestigte die Gondel an einem eigens dazu bestimmten ...

[S. 104]: ... war eine ungeheuer große. Welchen gewaltigen Nutzen konnte ... ... war eine ungeheuer große. Welcher gewaltige Nutzen konnte ...

[S. 130]: ... über die ihm unverständlichen technischen Ausdrücke, die ... ... über die ihr unverständlichen technischen Ausdrücke, die ...

[S. 136]: ... haben würde, mich für lange Zeit auf dem tiefen, durch Sandbänken ... ... haben würde, mich für lange Zeit auf dem tiefen, durch Sandbänke ...