Der rote Stern: Ein utopischer Roman

Part 13

Chapter 133,567 wordsPublic domain

Ich begab mich in den großen Observatoriumssaal und sprach dort zu einem der Arbeiter: »Ich muß Sterni sehen.« Der Genosse ging, um Sterni zu rufen, kehrte nach wenigen Augenblicken zurück und erklärte, Sterni sei eben mit der Prüfung eines Instrumentes beschäftigt, er werde in einer Viertelstunde frei sein, und ich möge so lange in seinem Arbeitszimmer warten.

Der Genosse führte mich ins Arbeitszimmer. Ich setzte mich in einen Lehnstuhl vor den Schreibtisch und wartete. Der Raum war voll der verschiedensten Apparate und Maschinen, von denen ich einige kannte, während mir die anderen fremd waren. Meinem Lehnstuhl gegenüber ragte ein Instrument mit einem schweren Metallstativ auf, an dessen Ende sich drei Messer befanden. Auf dem Tisch lag ein offenes Buch über die Erde und deren Bewohner. Ich begann mechanisch darin zu lesen, hielt aber schon nach den ersten Zeilen inne und versank in ein dem früheren ähnliches Grübeln. In meinem Inneren fühlte ich, zusammen mit der alten Qual, eine unbezwingliche, fast krampfartige Erregung. So verging die Zeit.

Auf dem Korridor wurden schwere Schritte vernehmbar, die Tür öffnete sich, und Sterni betrat das Zimmer; auf seinen Zügen lag der gewöhnliche, gelassen beschäftigte Ausdruck. Er setzte sich in den Lehnstuhl auf der anderen Seite des Schreibtisches und blickte mich fragend an. Ich schwieg. Er wartete noch einen Augenblick, wandte sich dann an mich mit der Frage: »Womit kann ich Ihnen dienen?«

Ich verharrte noch immer stumm, starrte ihn an, als wäre er ein lebloser Gegenstand. Er zuckte kaum merklich die Achseln und lehnte sich abwartend im Lehnstuhl zurück.

»Nettis Mann ...« sprach ich schließlich halbbewußt, mit Anstrengung, mehr zu mir selbst, als zu ihm.

»Ich war Nettis Mann«, verbesserte er mich gelassen. »Wir haben uns bereits vor langer Zeit getrennt.«

»Die Ausrottung ... wird nicht ... grausam ...« stammelte ich, langsam fast unbewußt jenen Gedanken Ausdruck verleihend, die mein Gehirn durchwirbelten.

»Also darum handelt es sich«, meinte er ruhig. »Jetzt ist doch davon nicht mehr die Rede. Es wurde, wie Sie ja wissen, ein völlig anderer Beschluß gefaßt.«

»Ein anderer Beschluß ...«, wiederholte ich mechanisch.

»Was meinen damaligen Plan anbelangt«, fuhr Sterni fort, »so muß ich zugeben, daß ich ihn noch nicht gänzlich aufgegeben habe. Doch bin ich von seiner Richtigkeit nicht mehr so fest überzeugt.«

»Nicht mehr so fest ...« wiederholte ich abermals.

»Ihre Genesung und Ihre Teilnahme an unserer Gemeinschaftsarbeit haben zum Teil meine Argumente widerlegt ...«

»Ausrottung ... zum Teil ...« murmelte ich, und das ganze von mir empfundene Leid und Weh mochten wohl aus meiner unbewußten Ironie klingen. Sterni erblaßte, schaute mich bekümmert an. Dann trat Schweigen ein.

Jählings preßte die kalte Hand des Schmerzes mit übermächtiger, ungeahnter Kraft mein Herz zusammen. Ich warf mich in den Lehnstuhl zurück, um den in mir aufsteigenden wahnsinnigen Schrei zu unterdrücken. Meine Finger umklammerten krampfhaft etwas Hartes, Kaltes. Ich fühlte in der Hand eine schwere Waffe. Mein Kummer verwandelte sich in sinnlose Verzweiflung. Ich schnellte vom Lehnstuhl empor und führte gegen Sterni einen gewaltigen Schlag.

Eines der drei Messer fiel auf ihn nieder; ohne einen Laut stürzte er zur Seite wie ein lebloser Körper.

Ich rannte auf den Korridor hinaus und sprach zum ersten mir begegnenden Genossen: »Ich habe Sterni getötet.« Der Genosse erbleichte und eilte ins Arbeitszimmer, doch mußte er sich wohl auf den ersten Blick überzeugt haben, daß es hier keine Rettung mehr gebe, denn er kehrte sofort zu mir zurück. Er führte mich in seine Stube, beauftragte einen anderen Genossen, telephonisch einen Arzt zu berufen und sich dann zu Sterni zu begeben. Wir blieben allein zurück. Anscheinend konnte er sich nicht entschließen, mit mir zu sprechen. Ich selbst brach das Schweigen, indem ich ihn fragte:

»Ist Enno hier?«

»Nein«, entgegnete er, »sie fuhr für einige Tage zu Nella.«

Wir schwiegen abermals, bis sich der Arzt einfand. Er versuchte mich über das Vorgefallene zu befragen, doch erwiderte ich, ich wolle nichts sagen. Dann brachte er mich in die nahegelegene Heilanstalt für Geisteskranke.

Hier stellte man mir ein großes behagliches Zimmer zur Verfügung, und ich wurde lange Zeit nicht belästigt. Etwas Besseres konnte ich mir gar nicht wünschen.

Für mich erschien jetzt die Lage völlig geklärt. Ich hatte Sterni getötet und dadurch alles vereitelt. Die Marsbewohner sahen nun an einem lebendigen Beispiel, was sie von einer Annäherung an die Erdenmenschen erwarten durften. Sie sahen, daß sogar jener, den sie für befähigt gehalten hatten, ihr Leben zu teilen, ihnen nichts anderes zu bringen vermocht hatte, als Gewalt und Tod. Sterni war tot, aber seine Idee feierte ihre Auferstehung. Die letzte Hoffnung entschwand, die Erdenwelt war verdammt. Und an all dem trug ich die Schuld.

Nach dem Mord kreisten diese Gedanken in meinem Gehirn, beherrschten es zusammen mit der Erinnerung an meine Tat. Anfangs eignete der kalten Gewißheit eine Art Beruhigung. Dann aber steigerten sich Qual und Schmerz ins Grenzenlose.

Ich empfand gegen mich selbst die heftigste Abneigung. Fühlte mich als Verräter an der ganzen Menschheit. Einen Augenblick lang empfand ich die unklare leise Hoffnung, die Marsbewohner würden mich töten, doch erkannte ich dann, ich müsse sie allzu sehr ekeln, und daß ihre Verachtung für mich sie daran hindern würde. Freilich verbargen sie ihre Abneigung gegen mich, dennoch bemerkte ich sie trotz all ihrer Bemühungen genau.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit auf diese Art verstrich. Endlich betrat der Arzt das Zimmer und teilte mir mit, ich solle mich auf die Rückkehr nach der Erde vorbereiten. Ich glaubte, dies bedeute ein verschleiertes Todesurteil, doch empfand ich keinen Wunsch, mich dagegen zu wehren. Bat nur, mein Leichnam möge von allen Planeten so weit wie möglich geworfen werden, damit ich diese nicht verunreinige.

Die Eindrücke der Rückreise sind äußerst unklar und verschwommen. In meiner Umgebung sah ich keine bekannten Gesichter, sprach auch mit niemandem. Mein Bewußtsein war zwar nicht getrübt, doch bemerkte ich nichts von meiner Umgebung. Mir war alles einerlei.

Vierter Teil

Bei Werner

Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich mich plötzlich im Krankenhaus des Doktor Werner, meines alten Genossen, befand. Es war das Kreiskrankenhaus eines der nördlichen Gouvernements, das mir schon lange aus Werners Briefen bekannt war. Das Gebäude befand sich einige Werst von der Gouvernementsstadt entfernt, war äußerst schlecht geleitet, stets überfüllt, hatte zum wirtschaftlichen Verwalter einen großen Betrüger und verfügte über ein zahlenmäßig geringes, stark überarbeitetes Personal. Doktor Werner sah sich gezwungen, zusammen mit der äußerst liberalen Kreisverwaltung einen erbitterten Kampf gegen den wirtschaftlichen Verwalter zu führen, gegen die von diesem äußerst schlecht geleiteten Baracken, gegen den Bau der Kirche, den der Verwalter um jeden Preis beendigen wollte, sowie um die angemessene Entlohnung der Angestellten usw. Die Kranken starben aus Schwäche statt zu gesunden, wurden infolge der schlechten Luft und ungenügenden Nahrung von der Tuberkulose befallen. Werner selbst hätte natürlich schon längst das Krankenhaus verlassen, würden ihn nicht ganz besondere, mit seiner revolutionären Vergangenheit zusammenhängende Umstände dort festgehalten haben.

Mich ließen alle diese Reize des Krankenhauses kalt. Werner war ein ausgezeichneter Genosse und zögerte nicht, mir seine Bequemlichkeit zu opfern. Er überließ mir in der großen Wohnung, auf die er als erster Arzt ein Anrecht besaß, zwei Stuben; in der anstoßenden dritten wohnte ein junger Feldscher, in der vierten, die dem Schein nach der Krankenpflege diente, verbarg sich ein verfolgter Genosse. Freilich umgab mich keine besondere Behaglichkeit, und die Aufsicht, der ich unterworfen war, dünkte mich trotz dem großen Taktgefühl des jungen Genossen weit stärker ausgeprägt und fühlbarer, als auf dem Mars. Doch war mir all dies völlig gleichgültig. Doktor Werner verabreichte mir ebenso wie die Aerzte auf dem Mars fast keine Medizin, gab mir nur bisweilen ein Schlafmittel ein und sorgte vor allem dafür, daß ich Ruhe habe und mich wohl fühle. Allmorgendlich und allabendlich suchte er mich nach dem Bad auf, das mir der fürsorgliche Genosse zu bereiten pflegte. Doch dauerte sein Besuch stets nur wenige Minuten, und er beschränkte sich auf die Frage, ob ich nichts brauche. In den langen Monaten meiner Krankheit hatte ich mir das Sprechen fast abgewöhnt und begnügte mich damit, nein zu sagen, oder aber überhaupt keine Antwort zu geben. Seine Fürsorge jedoch störte mich, denn ich fühlte, daß ich eine derartige Behandlung gar nicht verdiene und daß ich ihm dies eigentlich mitteilen müßte. Schließlich gelang es mir auch mit Anstrengung aller Kräfte, ihm zu bekennen, daß ich ein Mörder und Verräter sei und daß durch meine Schuld die ganze Menschheit zugrunde gehen müsse. Er widersprach nicht, lächelte bloß und kam von da an häufiger.

Allmählich übte die Umgebung auf mich eine heilsame Wirkung aus. Der Schmerz krampfte mir weit weniger stark das Herz zusammen, die Qual verblaßte, die Gedanken wurden beweglicher, ihre Färbung wurde heller. Ich _begann das Zimmer zu verlassen_, im Garten und im Hain zu spazieren. Irgendeiner der Genossen hielt sich immer in meiner Nähe auf; das war peinlich, doch begriff ich sehr wohl, daß man einen Mörder nicht frei umhergehen lassen könne. Bisweilen sprach ich auch mit den Genossen, freilich nur über gleichgültige Dinge.

Es war zu Beginn des Frühlings, und die Wiedergeburt des Lebens ringsum schwächte ein wenig das Qualvolle meiner Erinnerungen ab; das Zwitschern der Vögel rief in mir eine gewisse traurige Beruhigung wach, erweckte den Gedanken, daß wenigstens sie nicht vergehen würden, sondern weiter leben, und daß nur die Menschen verloren seien. Einmal begegnete mir im Hain ein Schwachsinniger, der sich unter Aufsicht aufs Feld zur Arbeit begab. Er empfahl sich von mir mit außerordentlich stolzer Gebärde -- er litt an Größenwahn, erklärte, er sei ein Gendarm, anscheinend die höchste Macht, die er während seines Lebens in der Freiheit gekannt hatte. Zum ersten Mal in meiner ganzen Krankheit mußte ich unwillkürlich lachen. Ich fühlte, daß mich das Vaterland umgebe, und gleich dem Riesen Antheus schöpfte ich, wenngleich äußerst langsam, neue Kraft aus der Heimaterde.

War es -- war es nicht?

Als sich die Gedanken mehr meiner Umgebung zuwandten, verlangte es mich zu wissen, ob Werner und den beiden anderen Genossen bekannt sei, was sich mit mir ereignet und was ich getan hatte. Ich fragte Werner, wer mich ins Krankenhaus gebracht habe? Er erwiderte, ich sei mit zwei ihm unbekannten jungen Leuten gekommen, die nichts Genaues über meine Krankheit zu berichten wußten. Sie erklärten, mir in der Hauptstadt begegnet zu sein. Sie bemerkten, daß ich krank sei, hatten mich bereits vor der Revolution gekannt und damals durch mich von Doktor Werner gehört. Deshalb wandten sie sich nun an ihn. Sie reisten noch am gleichen Tag ab. Bei Werner hatten sie den Eindruck anständiger junger Menschen erweckt, an deren Worten nicht zu zweifeln war. Er selbst hatte mich bereits seit etlichen Jahren aus dem Auge verloren und es war ihm nicht gelungen, über mich Nachricht zu erhalten.

Ich wollte Werner über den von mir begangenen Mord berichten, doch fiel mir dies furchtbar schwer. War doch die ganze Geschichte unsäglich kompliziert, mit unzähligen Umständen verknüpft, die sie einem leidenschaftslos beurteilenden Menschen äußerst seltsam erscheinen lassen mußte. Ich erklärte Werner die Schwierigkeit und erhielt von ihm die unerwartete Antwort:

»Das beste wäre es, Sie würden mir jetzt überhaupt nichts erzählen. Derartiges ist Ihrer Genesung nicht förderlich. Ich will natürlich nicht mit Ihnen streiten, doch vermag ich an Ihre ganze Geschichte nicht zu glauben. Sie sind an Melancholie erkrankt, und diese Krankheit veranlaßt die ehrbarsten anständigsten Menschen, sich allerlei nie begangener Verbrechen zu zeihen. Das Gedächtnis unterstützt die Phantasie und erzeugt trügerische, unwahre Erinnerungen. Sie werden mir dies erst dann glauben, wenn Sie wieder hergestellt sind, deshalb ist es auch besser, die Erzählung bis zu jenem Zeitpunkt hinauszuschieben.«

Hätte dieses Gespräch einige Monate früher stattgefunden, so hätte ich zweifellos aus Werners Worten ein großes Mißtrauen und die Verachtung meiner Person herausgelesen. Jetzt jedoch, da meine Seele bereits nach Rast und Erholung suchte, faßte ich die ganze Sache anders auf. Es war mir angenehm, daß mein Verbrechen den Genossen nicht bekannt sei und daß die Tatsache angezweifelt werden könne. Ich begann von nun an immer seltener an meine Tat zu denken.

Meine Genesung machte rasche Fortschritte, nur bisweilen übermannte mich wieder die frühere Qual, doch dauerten diese Anfälle niemals lange. Werner war offensichtlich mit mir zufrieden, ich wurde auch nicht mehr so scharf beobachtet. Seiner Ansicht über meine »Phantasien« gedenkend, bat ich ihn, mir einen typischen Fall meiner Krankheit zum Lesen zu geben, den er im Krankenhaus beobachtet und niedergeschrieben hatte. Zögernd und ungern erfüllte er meine Bitte. Er wählte aus den verschiedensten Krankheitsgeschichten eine und gab sie mir.

In dieser Krankheitsgeschichte wurde der Fall eines Bauern erzählt, den die Not aus einem entlegenen Dörfchen in eine der größten Fabriken der Hauptstadt trieb. Das Leben der großen Stadt erschütterte offensichtlich sein seelisches Gleichgewicht; den Worten seiner Frau zufolge war er lange Zeit »völlig außer sich«. Dann verging dies, er lebte und arbeitete wie alle übrigen. Als in der Fabrik ein Streik ausbrach, stand er auf Seiten der Genossen. Der Streik war lange und hartnäckig, der Bauer mußte mit Frau und Kindern Hunger leiden. Plötzlich begann er sich zu grämen, machte sich Vorwürfe, weil er geheiratet und ein Kind gezeugt habe und überhaupt »gottlos« lebe.

Dann begann er irre zu reden, wurde zuerst ins städtische Spital und von dort in das Krankenhaus seines Heimatkreises gebracht. Er behauptete steif und fest, daß er den Streik gebrochen und die Genossen verkauft habe, sowie jenen »guten Ingenieur«, der im Geheimen den Streik unterstützte, und der von der Regierung aufgehängt wurde. Zufällig kannte ich genau die ganze Geschichte des Streiks -- ich arbeitete damals in der Hauptstadt -- wußte genau, daß bei diesem Streik kein Verrat vorgekommen, der »gute Ingenieur« nicht bloß nicht gehängt, sondern nicht einmal verhaftet worden war. Die Krankheit des Arbeiters endete mit seiner Genesung.

Diese Geschichte verlieh meinen Gedanken eine neue Färbung. In mir wurde der Zweifel wach, ob ich tatsächlich den Mord begangen, oder aber ob, wie Werner sagte, »die Phantasie der Melancholie« mein Gedächtnis beeinflußt habe. Zu jener Zeit waren meine Erinnerungen an das Leben auf dem Mars seltsam verworren und verblaßt, zusammenhanglos und unvollständig, und wenngleich das Bild des Verbrechens klar in meinem Gedächtnis haftete, so verlor es sich doch in den einfachen und scharfen Eindrücken der Gegenwart. Bisweilen schüttelte ich den kleinlichen, beruhigenden Zweifel ab, erkannte klar, daß alles _tatsächlich_ so gewesen und daß es unmöglich sei, dies abzuleugnen. Dann aber kehrten Zweifel und Sophismen zurück, halfen mir, meine Gedanken von der Vergangenheit abzuwenden. Die Menschen glauben so gerne das, was ihnen angenehm ist ... Und wenngleich in der Tiefe meiner Seele die Erkenntnis lebte, daß diese Auffassung eine Lüge sei, so überließ ich mich ihr dennoch freudig, wie man sich einem Glückstraum überläßt.

Heute glaube ich, daß meine Genesung ohne diese betrügerische Autosuggestion nicht so rasch und so völlig erfolgt wäre.

Das Leben der Heimat

Werner hielt von mir sorgsam jeden Eindruck fern, der für meine Gesundheit irgendwie »schädlich« hätte sein können. Er gestattete mir nicht, mit ihm ins Krankenhaus zu gehen, und von den dort beherbergten Geisteskranken durfte ich nur die unheilbar Schwachsinnigen und Degenerierten beobachten, die frei umhergingen und sich mit verschiedenen Arbeiten auf dem Feld, in Hain und Garten beschäftigten. Ich muß gestehen, daß mich diese Fälle nicht sonderlich interessierten, habe ich doch mein Lebtag alles Hoffnungslose, Nutzlose, für Immer-Verurteilte gehaßt. Es verlangte mich weit mehr danach, akute Fälle zu studieren, vor allem jene, bei denen die Hoffnung auf Genesung bestand, die Melancholiker und die heiteren Maniaken. Werner versprach mir, mich mit ihnen bekannt zu machen, sobald meine eigene Genesung genügend Fortschritte gemacht habe; doch schob er es immer wieder von neuem hinaus.

Noch mehr aber bemühte sich Werner, mich von dem politischen Leben der Heimat zu isolieren. Anscheinend nahm er an, meine ganze Erkrankung rühre von den furchtbaren Eindrücken der Revolution her. Er wollte nicht glauben, daß ich mich die ganze Zeit über fern der Heimat befunden habe und nicht einmal wußte, was sich hier ereignet hat. Er hielt meine Unkenntnis der Lage für bloße Vergeßlichkeit und fand diese Tatsache sei für mich und meine Gesundheit äußerst günstig. Er weigerte sich nicht nur, mir etwas über die Vorfälle zu berichten, sondern verbot dies auch meinen Wärtern; in der ganzen Wohnung war keine einzige Zeitung, keine einzige Zeitschrift aus den letzten Jahren zu finden, er verbarg alle derartigen Dinge in seinem Arbeitszimmer oder im Krankenhaus. Ich war gezwungen, auf einer unbewohnten politischen Insel zu leben.

Anfangs, da es mich einzig und allein nach Ruhe und Stille verlangte, erschien mir diese Lage sehr angenehm. Später jedoch, als meine Kräfte zunahmen, wurde es mir in der Austernschale zu eng; ich stellte an meine Gefährten allerlei Fragen, die sie, dem Gebot des Arztes gehorchend, nicht beantworteten. Ich ärgerte und langweilte mich. Versuchte, meine politische Quarantäne zu durchbrechen, Werner davon zu überzeugen, daß ich gesund genug sei, um Zeitungen lesen zu dürfen. Vergeblich; Werner erklärte, es wäre verfrüht, und er selbst werde beurteilen, wann es an der Zeit sei, meine geistige Diät abzuändern.

Nun nahm ich zur List meine Zuflucht. Es galt, in meiner Umgebung einen Spießgesellen zu finden, der seiner Freiheit nicht beraubt war. Den Feldscher für mich zu gewinnen, wäre äußerst schwierig gewesen: er hatte eine übertrieben hohe Auffassung von seiner Berufspflicht. Deshalb wandte ich mich an den anderen Krankenpfleger, den Genossen Wladimir. Bei ihm stieß ich auf keinen großen Widerstand.

Wladimir war früher Arbeiter gewesen. Fast noch ein unwissender Knabe, hatte er sich den Revolutionären angeschlossen, war aber jetzt bereits ein erfahrener Soldat. Zur Zeit eines gewaltigen Pogroms, als eine Unzahl Genossen unter den Kugeln gefallen und in den Flammen der Feuersbrunst zugrundegegangen waren, hatte er sich einen Weg durch die Menge der Pogromisten gebahnt, etliche derselben erschossen und war durch einen glücklichen Zufall mit heiler Haut davongekommen. Dann lebte er lange Zeit illegal in verschiedenen Städten und Dörfern, widmete sich der bescheidenen aber gefährlichen Aufgabe, Literatur und Waffen zu transportieren. Schließlich, als ihm schon der Boden unter den Füßen brannte, sah er sich gezwungen, bei Werner ein Versteck zu suchen. Diese Einzelheiten erfuhr ich selbstverständlich erst später. Doch bemerkte ich gleich zu Anfang, daß der junge Mann unter seiner geringen Bildung litt und daß es ihn, dem die frühere wissenschaftliche Disziplin fehlte, viel Mühe kostete, sich selbst weiterzubilden. Ich begann mich mit ihm zu beschäftigen, wir kamen gut vorwärts, und ich gewann auf ewig sein Herz. Später fiel es mir leichter, mich meinem Ziel zu nähern: Wladimir hielt nur wenig von medizinischen Anordnungen und wir zettelten eine kleine Verschwörung an, um Doktor Werners Strenge zu paralysieren. Wladimirs Erzählungen, die Zeitungen, Zeitschriften und politischen Broschüren, die er mir zusteckte, gaben mir gar bald ein Bild vom Leben der Heimat während meiner Abwesenheit.

Die Revolution war nicht glatt vor sich gegangen, hatte sich qualvoll lange hingezogen. Das aus seiner Stumpfheit erwachende Proletariat hatte anfangs, dank unerwarteter Angriffe, große Siege errungen, doch wurde es im entscheidenden Augenblick von den Bauernmassen im Stich gelassen, und die vereinigten Kräfte der Reaktion brachten ihm furchtbare Niederlagen bei. Während es für einen neuen Kampf Kräfte sammelte und die Nachhut der bäuerlichen Revolutionäre erwartete, wurden zwischen den Großgrundbesitzern und der Bourgeoisie Verhandlungen angebahnt, die ein gemeinsames Vorgehen und die Erdrosselung der Revolution bezweckten. Diese Absichten nahmen die Form einer parlamentarischen Komödie an; sie endeten infolge der unversöhnlichen Haltung der Agrarier-Reaktionäre mit einem Mißerfolg. Das Spielzeug-Parlament berief seine Mitglieder ein, jagte sie dann, eines nach dem anderen, auf die gröbste Weise wieder fort. Die Bourgeoisie, erschöpft von den Stürmen der Revolution, erschreckt durch die ersten selbstbewußten energischen Angriffe des Proletariats, ging immer weiter nach rechts. Die Bauernschaft, in ihren Massen revolutionär gesinnt, machte sich rasch die politische Erfahrung zu eigen; die Flammen zahlloser Feuersbrünste erhellten den von ihr eingeschlagenen Weg des Kampfes. Die alte Macht versuchte auf blutigste Art die bäuerliche Erhebung abzuwürgen, wollte zu gleicher Zeit die Bauernschaft durch Verteilung von Grund und Boden versöhnen, doch geschah letzteres auf eine so geizige, schmutzige Art, das es völlig ergebnislos blieb. Tagtäglich ereigneten sich auf allen Seiten, von allen Parteien und Gruppen unternommene Ueberfälle. Im Lande wütete ein noch nie dagewesener, in keinem Reiche der Erde je geahnter Terror, oben und unten.

Das Land ging einem neuen entscheidenden Kampf entgegen. Doch war dieser Weg so lang und so voller Schwanken und Zweifeln, daß viele von Erschöpfung und sogar von Verzweiflung übermannt wurden. Die radikale Intelligenz, die am Kampf teilnahm, vor allem die Sympathisierenden, gingen fast vollständig ins Lager der Feinde über. Freilich bedauerte das niemand. Aber sogar unter meinen einstigen Genossen entstanden Verzagtheit und Hoffnungslosigkeit. Diese Tatsache bewies mir klar, wie schwer und kraftraubend das revolutionäre Leben dieser Zeit gewesen war. Ich selbst, ein ausgeruhter Mensch, der sich der Vorrevolutionszeit und des Anfangs des Kampfes erinnerte, ohne jedoch die Härte der späteren Niederlagen erlitten zu haben, sah klar das sinnlose Untergraben der Revolution, sah, wie sehr sich alles in diesen Jahren verändert habe, wie viele neue Elemente des Kampfes hinzugekommen waren, wie unmöglich es war, das Gleichgewicht herzustellen. Die neue Woge der Revolution mußte kommen und war schon nahe.

Es gab bloß eine Möglichkeit: warten. Ich ahnte, wie qualvoll schwer unter diesen Umständen die Arbeit der Genossen sein mußte. Mich selbst verlangte es nicht, allzu rasch wieder an die Arbeit zu gehen. Und dies unabhängig von Werners Ansichten; ich fand, es sei klüger, Kräfte zu sammeln, um sie erst dann anzuwenden, wenn sie wieder ihre ganze Stärke erreicht hatten.

Auf unseren langen Spaziergängen im Hain erwogen wir, Wladimir und ich, die Aussichten und Bedingungen des bevorstehenden Kampfes. Die heroisch naiven Träume und Pläne meines Gefährten erschütterten mich zutiefst, er schien mir ein edles, liebes Kind, dem ein schlichter, anspruchslos schöner Kämpfertod bevorstand, erhaben und einfach, wie sein ganzes junges Leben gewesen. Der Weg der Revolution wird mit edlen Opfern bezeichnet, und schönes Blut färbt die proletarische Fahne.