Der rote Stern: Ein utopischer Roman

Part 12

Chapter 123,423 wordsPublic domain

Die Zeit der Umwälzung ist demnach nicht zu bestimmen, und es hängt nicht von uns ab, sie früher herbeizuführen. Jedenfalls können wir nicht so lange warten. Im Verlauf von dreißig Jahren zeigt sich bei uns eine Vermehrung der Einwohner um fünfzehn bis zwanzig Millionen, die sich in jedem folgenden Jahr auf zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen steigern wird. Es gilt daher, _schon früher_ die Kolonisation zu organisieren, denn sonst werden uns die Kräfte und Mittel hierzu mangeln und wir werden unser Unternehmen nicht im richtigen Maßstab durchführen können.

Uebrigens ist es auch äußerst ungewiß, ob wir uns mit den sozialistischen Staaten der Erde, falls sich solche unerwartet bilden sollten, zu verständigen vermögen. Wie bereits gesagt: ihr Sozialismus ist noch lange nicht _unser Sozialismus_.

Die Jahrhunderte nationaler Unterdrückung, verstärkt durch die für uns unbegreiflich rohen und blutigen Kriege, können nicht spurlos vorübergehen, -- sie werden ihre psychologischen Spuren bei den Erdbewohnern auf lange Zeit hinterlassen. Und wir wissen gar nicht, wie viel Barbarei und Wildheit die Erdensozialisten mit sich in die neue Gesellschaft hinübernehmen werden.

Wir haben vor Augen ein Beispiel, das uns klar ersichtlich beweist, wie fern selbst die Psychologie des besten Vertreters der Erdenmenschheit der unseren steht. Von unserer letzten Expedition brachten wir einen Erdensozialisten mit, einen Mann, der sich in seiner Umgebung durch Geisteskraft und körperliche Gesundheit auszeichnete. Und was ereignete sich? Unser ganzes Leben erschien ihm dermaßen fremd, stand so sehr im Widerspruch zu seinem Organismus, daß er in kürzester Zeit von einer schweren psychischen Krankheit befallen wurde.

Dies ereignete sich bei einem der Besten, den Menni selbst ausgewählt hatte; was können wir da von den übrigen erwarten?

Derart geraten wir in ein Dilemma: entweder wir müssen auf unserem Planeten die Vermehrung beschränken, was mit einer Schwächung unserer ganzen Lebensentwicklung gleichbedeutend wäre, oder aber wir müssen die Erde kolonisieren, was die Ausrottung der ganzen Erdenmenschheit bedingt.

Ich rede von der Ausrottung der ganzen Erdenmenschheit, weil wir auch bei deren sozialistischen Avantgarde keine Ausnahmen gelten lassen dürfen. Wir verfügen ja auch nicht über die technische Möglichkeit, diese Avantgarde aus der übrigen Masse auszuscheiden, deren unbedeutenden Teil sie darstellt. Aber selbst wenn es uns gelänge, die Sozialisten zu schonen, so würden diese gegen uns einen unerbittlich grausamen Krieg beginnen, sich selbst zur völligen Vernichtung aufopfern, weil sie sich niemals mit dem Töten von hundert Millionen Menschen abfinden könnten, die ihnen gleichen, und die mit ihnen durch viele, häufig äußerst enge lebendige Bande verknüpft waren. Beim Zusammenprall der beiden Welten gibt es kein Kompromiß.

Wir müssen die Wahl treffen. Und ich sage: wir haben bloß eine Wahl.

Das höhere Leben darf nicht dem niedern geopfert werden. Unter den Erdenmenschen gibt es kaum etliche Millionen, die bewußte Stufen zu dem wahrhaft menschlichen Leben sind. Um dieser Zellenwesen willen dürfen wir nicht auf die Geburt von zehn, ja vielleicht von hundert Millionen Wesen unserer Welt verzichten, Wesen, die in unvergleichlich höherem Sinn des Wortes Menschen sind. Unser Vorgehen wird keineswegs grausam sein, denn wir vermögen die Ausrottung der Erdenmenschen auf eine weit weniger schmerzliche Art zu bewerkstelligen, als sie dies untereinander zu tun gewohnt sind.

Das Weltenleben ist einheitlich. Es bedeutet daher keinen Verlust, wenn sich auf der Erde anstelle des noch fernen, halb barbarischen Sozialismus schon heute _unser_ Sozialismus verwirklicht, das unvergleichlich harmonischere Leben mit seiner ununterbrochenen, unbesieglichen Entwicklung.«

(Sternis Rede folgte tiefe Stille. Schließlich wurde sie von Menni durchbrochen, der Anhänger einer anderen Ansicht aufforderte, sich zu äußern. Netti ergriff das Wort.)

Netti

»Das Weltenleben ist einheitlich, sprach Sterni. Und was schlug er uns vor?

Einen einzigartigen Typus dieses Lebens auf ewig zu vernichten, auszurotten, einen Typus, den wir niemals wiederbeleben, noch ersetzen können.

Hundert Millionen Jahre lebte der schöne Planet, lebte sein besonderes eigenes Leben, war anders als die übrigen ... Aus den mächtigen Elementen ging das Bewußtsein hervor, erhob sich im grausamen und harten Kampf von den niedersten Stufen zu den höchsten, bis zu der uns nahen, verwandten _menschlichen Form_. Diese Form ist nicht _die gleiche_ wie die unsere, wurde beeinflußt von der Geschichte einer anderen Natur, eines anderen Kampfes; sie birgt in sich andere Gewalten, andere Widersprüche, andere Entwicklungsmöglichkeiten. Nun brach die Epoche an, da sich die Möglichkeit einer Vereinigung der beiden großen Lebenslinien ergibt. Welche Mannigfaltigkeit, welche erhabene Harmonie könnte sich aus dieser Vereinigung entfalten! Und nun wird uns gesagt: das Weltenleben ist einheitlich, deshalb sollen wir es nicht vereinigen -- sondern zerstören.

Als Sterni bewies, wie sehr sich die Erdenmenschen, deren Geschichte und Sitten, sowie deren Psychologie von der unseren unterscheiden, widerlegte er selbst seine Ideen weit mehr, als ich dies zu tun vermag. Glichen die Erdenmenschen uns in allem, ausgenommen in ihrer Entwicklungsstufe, wären sie das, was unsere Vorfahren zur Zeit unseres Kapitalismus gewesen sind, dann könnte ich Sterni zustimmen: die niederen Stufen müssen den höheren, die Schwachen den Starken geopfert werden. Aber die Erdenmenschen sind etwas anderes; sie sind nicht nur von niedrigerer Kultur und schwächer als wir, sie sind auch anders als wir. Wollten wir sie beseitigen, so würden wir sie nicht in der Entwicklung der Welt ersetzen, sondern bloß auf mechanische Art jene Leere ausfüllen, die wir in der herrschenden Form des Lebens verursacht hätten.

Der grundlegende Unterschied zwischen den Erdenmenschen und uns liegt nicht in der grausamen und barbarischen Kultur der Erde. Barbarei und Grausamkeit sind nur vorübergehende Erscheinungen jener allgemeinen _Verschwendung_ im Entwicklungsprozeß, durch die sich das ganze Erdenleben kennzeichnet. Dort erscheint der Kampf ums Dasein energischer und mühevoller, das Ringen mit der Natur nimmt vielartigere Formen an und die Entwicklung fordert weit mehr Opfer. Und dies kann auch gar nicht anders sein; denn die Erde erhält vom Quell alles Lebens, der Sonne, achtmal mehr Lichtenergien als unser Planet. Deshalb entwickeln und verbreiten sich dort so viele Leben, eine so große Verschiedenheit der Formen, aus denen sich gewaltige Widersprüche ergeben, so viele schmerzliche Hemmungen, deren Schlichtung gar oft scheitert. Im Pflanzen- und Tierreich herrschte erbitterter Kampf, das Leben und der Tod dieser Arten aber ergaben neue, vollendetere und harmonischere, synthetischere Typen. Dies ist auch im Reich der Menschen der Fall.

Wenn wir unsere Geschichte mit jener der Erdenmenschen vergleichen, so erscheint erstere erstaunlich einfach, frei von Irrtümern, und fast schematisch richtig. Der ruhige, friedliche Uebergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, das Verschwinden der Kleinbürger, das stufenweise sich entwickelnde Proletariat, all dies geschah ohne Schwanken und Zusammenstöße auf dem ganzen Planeten, der zu einer politischen Einheit verbunden war. Freilich wurde gekämpft, doch verstand ein Mensch den anderen, das Proletariat blickte nicht allzuweit voraus, die Bourgeoisie war in ihrer Reaktion nicht utopisch, die verschiedenen Epochen und gesellschaftlichen Formen vermischten sich nicht derart stark wie auf der Erde, wo in einem hoch kapitalistischen Land bisweilen das Einsetzen einer feudalen Reaktion möglich ist, und wo eine zahlreiche Bauernschaft, die sich kulturell in einer ganz anderen historischen Periode befindet, häufig den oberen Klassen als Werkzeug zur Abwürgung des Proletariats dient. Wir gingen einen ebenen, glatten Weg, erreichten vor einigen Generationen jenen Aufbau, der alle Kräfte der sozialistischen Entwicklung entbindet und vereinigt.

Unsere Erdenbrüder hingegen mußten einen anderen Weg gehen, einen dornenvollen Weg voller Krümmungen und Klüfte. Wenigen von uns ist bekannt, und keiner von uns vermag sich klar vorzustellen, bis zu welcher Stufe die Kunst des Menschenschindens selbst bei den kultiviertesten Völkern der Erde gediehen war, keiner von uns kennt genau die politisch organisierte Herrschaft der oberen Klassen, ausgedrückt in Kirche und Staat. Und was ist das Ergebnis? Eine Verlangsamung der Entwicklung? Nein, wir haben keinen Grund, dies zu behaupten, denn von den ersten Stadien des Kapitalismus entwickelte sich im Wirrsal und in den grausamen Kämpfen der verschiedensten Arten das proletarische Bewußtsein nicht langsamer, sondern schneller als bei uns, -- wo die Wandlung stufenweise und ruhiger vor sich ging. Die Härte und Erbarmungslosigkeit des Kampfes aber erzeugte in den Kämpfern eine derartige Fülle an Energie und Leidenschaft, einen solchen Heldenmut und eine so gewaltige Leidenskraft, wie sie der aussichtsreichere und weit weniger tragische Kampf unserer Vorfahren gar nicht kennt. Bei diesem Typus des Erdenlebens sind die Menschen nicht niedriger, sondern höher als wir, wenngleich wir, deren Kultur älter ist, auf einer viel höheren Stufe stehen.

Die Erdenmenschen sind gespalten, die verschiedenen Rassen und Nationen eng verwachsen mit ihren Ländern und historischen Traditionen, sie reden verschiedene Sprachen, und ein gegenseitiges tiefgreifendes Nichtverstehen kennzeichnet alle ihre Verhältnisse ... All das trifft zu und es ist auch wahr, daß die allgemeinmenschliche Vereinigung, die sich mit großer Anstrengung einen Weg über alle Grenzen bahnt, bei unseren Erdenbrüdern weit später verwirklicht werden wird, als dies bei uns der Fall war. Betrachten Sie aber die Ursache und werten Sie deren Folgen. Die Spaltung wurde verursacht durch die Größe der Erdenwelt, den Reichtum und die Mannigfaltigkeit ihrer Natur. Das führte zu den verschiedensten Auffassungen über das Weltall. Ist aber all dies etwa der Beweis, daß die Erdenmenschheit niederer und nicht höher steht als unsere Welt in den analogen Epochen der Geschichte?

Schon die rein mechanische Verschiedenheit der Sprachen, in denen die Menschen reden, unterstützte die Entwicklung des Denkens, befreite den Begriff von der plumpen Herrschaft des Wortes. Vergleichen Sie die Philosophie der Erdenmenschen mit jener unserer kapitalistischen Ahnen. Die Philosophie der Erde ist nicht nur weit vielseitiger, sondern auch weit feiner, sie geht nicht nur von einem bei weitem komplizierteren Material aus, sondern ihre Analyse ist, in den besten Schulen, eine viel tiefgründigere, die weit richtiger die Verbindung der Tatsachen und Begriffe darstellt. Selbstverständlich ist jede Philosophie der Ausdruck der Schwäche und der fehlerhaften Erkenntnis, hervorgerufen durch mangelhafte wissenschaftliche Entwicklung; der Versuch, ein einheitliches Bild des Seins zu geben, ist ein unbeschriebenes Blatt der wissenschaftlichen Erfahrung, deshalb wird auch von der Erde die Philosophie verschwinden, wie dies bei uns mit dem wissenschaftlichen Monismus geschah. Betrachten Sie aber, wie viele philosophische Voraussetzungen, gegeben von den ersten Denkern und Kämpfern bereits in groben Umrissen die Entdeckungen unserer Wissenschaft voraussehen -- so zum Beispiel fast alle sozialwissenschaftlichen Philosophien. Es ist klar, daß eine Rasse, die unsere Ahnen in der Schaffung einer Philosophie übertraf, auch imstande sein wird, diese in der Schaffung einer Wissenschaft zu übertreffen.

Und Sterni will diese Menschen aus der Liste der Gerechten streichen mitsamt den bewußten Sozialisten, die sich unter ihnen befinden; er will sie nach ihren niedersten Widersprüchen beurteilen, nicht aber nach jenen Kräften, die zur gegebenen Zeit diese Widersprüche ausgleichen werden. Er will auf ewig diesen stürmischen, aber schönen Ozean des Lebens austrocknen.

Fest und entschlossen müssen wir ihm die Antwort geben: _niemals_!

Wir müssen unseren künftigen Bund mit der Erdenmenschheit vorbereiten. Freilich können wir den Uebergang zu einer freien Welt nur wenig beschleunigen, aber auch das Wenige, was wir zu leisten vermögen, sind wir zu tun verpflichtet. Und wenn es uns nicht gelang, den ersten Abgesandten der Erde vor unnötigen Leiden und Krankheiten zu bewahren, -- so gereicht dies keineswegs zu unserer Ehre. Zum Glück wird er bald hergestellt sein, und selbst wenn ihn der allzu rasche Uebergang in ein ihm fremdes Leben tötete, so hat er immerhin viel für den künftigen Bund der beiden Welten geleistet.

Unsere eigenen Schwierigkeiten und Gefahren müssen wir auf eine andere Art besiegen. Neue wissenschaftliche Kräfte müssen sich mit der chemischen Herstellung der Eiweißstoffe befassen und wir müssen, soweit dies möglich ist, die Kolonisation der Venus vorbereiten. Gelingt es uns nicht, diese Aufgabe in kürzester Zeit zu erfüllen, so müssen wir vorübergehend die Vermehrung einschränken. Welcher vernünftige Geburtshelfer opferte nicht das Leben des ungeborenen Kindes, um die Frau zu retten? Auch wir müssen, wenn dies unvermeidlich wird, einen Teil jenes Lebens opfern, das noch nicht ist, um das, wenn auch fremde Leben zu retten, das schon besteht und sich entwickelt. Die Verbindung der Welten wird dieses Opfer reichlich lohnen.

Die Einheitlichkeit des Lebens ist das höchste Ziel, und Liebe ist die höchste Weisheit!«

(Tiefes Schweigen. Dann ergriff Menni das Wort.)

Menni

»Ich beobachtete aufmerksam die Stimmung der Genossen und sehe nun, daß die Mehrheit auf seiten Nettis ist. Das freut mich sehr, denn auch meine Ansicht deckt sich ungefähr mit der ihren. Ich möchte nur noch eine praktische Erläuterung hinzufügen, die mir äußerst wichtig erscheint. Es besteht für den Fall, daß wir uns zu einer Massenkolonisation auf einem anderen Planeten entschließen, die ernste Gefahr, daß unsere technischen Mittel in kürzester Zeit nicht mehr ausreichen werden.

Wir vermögen zehntausend große Aetheroneffs herzustellen, und es kann geschehen, daß es uns an den zur Fortbewegung nötigen Stoffen mangelt. Jene radiumausstrahlende Materie, vermittels derer sich die Aetheroneffs für gewöhnlich bewegen, müßte um das Hundertfache vermehrt werden. Inzwischen aber versiegen die alten Lager, und neue werden immer seltener entdeckt.

Sie müssen auch wissen, daß wir der radiumausstrahlenden Materie nicht nur dazu bedürfen, um dem Aetheroneff seine ungeheure Geschwindigkeit zu verleihen. Sie wissen ja, daß unsere ganze technische Chemie auf diesen Stoffen beruht. Wir bedürfen ihrer auch zur Erzeugung der Minus-Materie, ohne die sich unsere Aetheroneffs und unsere zahllosen Luftschiffe in nutzlose schwerfällige Kisten verwandeln würden. Diesem unentbehrlichen Gebrauch dürfen wir die Materie nicht entziehen.

Noch ärger ist, daß die einzige Möglichkeit, die Kolonisation zu ersetzen, die Synthese des Eiweiß, aus dem gleichen Mangel an radiumausstrahlenden Stoffen zur Unmöglichkeit wird. Eine technisch leichte und entsprechende fabrikmäßige Herstellung der ungeheuer komplizierten Synthese des Eiweiß ist undenkbar bei der alten Methode der Synthese, einer äußerst komplizierten Methode. Sie wissen, daß es uns bereits vor etlichen Jahren gelang, auf diesem Wege ein vorzügliches Eiweiß herzustellen, aber nur in geringer Quantität und bei einem großen Verlust an Energie und Zeit, so daß die ganze Arbeit ausschließlich eine theoretische Bedeutung besaß. Die Massenproduktion des Eiweiß aus unorganischen Stoffen ist nur möglich vermittels der raschen und scharfen Umwandlung des chemischen Bestandes, der bei uns von einem nicht stabilen Element zu einer stabilen Materie wird. Die erfolgreiche Durchführung dieses Prozesses erfordert von zehntausend Arbeitern eine Spezialforschung über die Gewinnung des Eiweiß, sowie Millionen von neuen Experimenten. Demnach würde selbst im Fall eines Erfolges eine ungeheure Vergeudung der Kollektivaktivität unvermeidlich sein, eine Vergeudung, der wir nicht gewachsen sind.

Von diesem Gesichtspunkt aus gilt es, schleunigst die einzige für uns wichtige Frage zu beantworten: vermögen wir neue Quellen der radiumausstrahlenden Stoffe zu entdecken? Und wo sollen wir diese suchen? Offensichtlich auf einem anderen Planeten, das heißt: entweder auf der Erde oder auf der Venus. Meiner Ansicht nach muß der erste Versuch unbedingt auf der Venus gemacht werden.

Was die Erde anbelangt, so können wir annehmen, daß sich auf ihr reichliche Vorräte an radioaktiven Elementen befinden. Bei der Venus hingegen ist diese _Tatsache bereits festgestellt_. Wo sich auf der Erde diese Quellen befinden, ist uns unbekannt, denn jene, die von den Erdengelehrten gefunden wurden, taugen nichts. Auf der Venus aber entdeckte unsere Expedition sofort die bewußten Quellen. Außerdem befinden sich diese ganz nahe der Erdoberfläche, sind leicht erreichbar, so daß wir ihr Bestehen vermittels der Photographie feststellen konnten, während sich jene der Erde, gleich den unseren, tief unter dem Erdboden befinden. Wollten wir auf der Erde das Radium suchen, so müßten wir bis in die Tiefen dringen, wie das auch auf unserem Planeten der Fall ist. Dies aber bedeutete einen Verlust von vielleicht zehn Jahren, und es bestünde auch noch die Gefahr, daß wir uns in der Wahl des Ortes geirrt haben. Auf der Venus hingegen gilt es bloß, die bereits gefundenen Lager auszubeuten, und dies kann ohne jegliche Verzögerung geschehen.

Deshalb halte ich es für unbedingt notwendig, unabhängig davon, wie wir die Frage der Massenkolonisation lösen, sofort an eine teilweise, vielleicht auch nur vorübergehende Kolonisation der Venus zu schreiten, zu dem ausschließlichen Zweck, die dort befindliche radioaktive Materie zu gewinnen.

Die uns von der Natur entgegengestellten Hindernisse sind freilich ungeheuer groß, doch brauchen wir sie ja augenblicklich nicht völlig zu überwinden. Es gilt nur, von einem kleinen Teil des Planeten Besitz zu ergreifen. Wir müssen demnach eine große Expedition ausrüsten, die nicht, wie die erste, Monate auf der Venus verbringt, sondern Jahre, und deren Zweck es ist, das Radium zu gewinnen. Selbstverständlich muß zur gleichen Zeit ein energischer Kampf wider die Natur geführt werden, das Klima, wider die uns noch unbekannten Krankheiten, sowie gegen andere Gefahren. Es wird viele Opfer geben, vielleicht wird auch nur ein geringer Teil der Expedition heimkehren. Der Versuch jedoch muß gemacht werden.

Als erstes Feld unserer Tätigkeit kommt die »Insel des glühenden Sturmes« in Betracht. Ich habe deren Natur genau studiert und einen detaillierten Plan unserer Tätigkeit ausgearbeitet. Wenn Sie, Genossen, jetzt bereit sind, diesen zu beurteilen, so werde ich ihn sofort vorlegen.«

(Niemand erhob Einwände, und Menni ging an die Erläuterung seines Planes, der sich mit allen technischen Einzelheiten befaßte. Nach Beendigung seiner Rede traten noch andere Redner auf, doch nahmen sie alle Mennis Vorschlag an, besprachen nur die Details. Etliche zweifelten an dem Erfolg der Expedition, alle aber waren damit einverstanden, daß sie unternommen werde. Schließlich wurde die von Menni vorgeschlagene Resolution angenommen.)

Der Mord

Die gewaltige Bestürzung, die mich übermannt hatte, verhinderte selbst den Versuch, meine Gedanken zu sammeln. Ich fühlte bloß, daß ein kalter Schmerz wie mit eisernen Fingern mein Herz zusammenpresse. Vor meinem Bewußtsein erhoben sich mit halluzinierender Lebendigkeit Sternis riesenhafte Gestalt, sein unerbittlich gelassenes Gesicht. Alles übrige versank in schwerem, nächtlichem Chaos.

Wie ein Automat verließ ich die Bibliothek und bestieg mein Luftschiff. Der durch den raschen Flug erzeugte kalte Wind hüllte mich wie ein Mantel ein und erweckte in mir auf irgendeine Art einen neuen Gedanken, einen Gedanken, der gleichsam in meinem Bewußtsein erstarrte und in mir die Gewißheit hervorrief: eines müsse geschehen. Heimgekehrt, ging ich daran, den Gedanken zu verwirklichen; all dies geschah schier mechanisch, als handelte nicht ich, sondern ein anderer.

Ich schrieb dem Leiter des Fabrikrates, daß ich auf einige Zeit meine Arbeit aufgebe. Enno sagte ich, wir müßten uns vorläufig trennen. Sie blickte mich beunruhigt, forschend an, erblaßte, sprach jedoch kein Wort. Bloß im Augenblick des Abschieds fragte sie, ob ich nicht Nella sehen möchte. Ich verneinte und küßte Enno zum letzten Mal.

Dann versank ich in ein dumpfes, tödliches Grübeln. Kalter Gram ließ mich erschaudern, zerriß meine Gedanken. Von Nettis und Mennis Reden war mir bloß eine blasse, gleichgültige Erinnerung geblieben, als wären sie etwas Unwichtiges, Uninteressantes. Nur ein einziges Mal durchzuckte mein Gehirn die Erkenntnis: also deshalb verließ mich Netti, von dieser Expedition hängt _alles_ ab. Hingegen hatte ich Sternis Worte und sogar ganze Sätze seiner Rede getreu im Gedächtnis behalten: »Das Unvermeidliche muß _begriffen_ werden ... einige Millionen Zellenwesen ... die völlige Ausrottung der Erdenmenschheit ... er wurde von einer schweren psychischen Krankheit befallen ...« Doch vermochte ich weder Zusammenhänge, noch einen Ausweg zu finden. Bisweilen erschien mir die Ausrottung der Erdenmenschheit als eine bereits vollzogene Tatsache, aber auf unklare, abstrakte Art. Mein Schmerz wurde größer, und in mir erwachte der Gedanke, daß an dieser Ausrottung ich die Schuld trage. Dann wieder sah ich ein, daß ja noch nichts geschehen war, vielleicht niemals etwas derartiges geschehen würde. Aber selbst das vermochte nicht meinen Kummer zu lindern. Ich konstatierte bei mir: »Alle werden sterben ... auch Anna Nikolajewna ... und der Arbeiter Vania ... und Netti, nein, Netti bleibt am Leben, sie ist ein Marsmensch ... sonst aber werden alle sterben ... doch ist dies nicht grausam, denn sie werden nicht leiden ... so sagte Sterni ... alle werden sterben, weil ich erkrankte ... das bedeutet, daß ich daran die Schuld trage ...« Zerrissene schwere Gedanken erstarrten in meinem Bewußtsein, kalt, reglos. Und zugleich mit ihnen schien die Zeit stehen zu bleiben.

Auf mir wuchtete eine schwere, qualvolle, nicht abzuschüttelnde Last. Die Gespenster befanden sich nicht außerhalb meiner selbst; in meiner Seele hockte ein einziges, schwarzes Gespenst, und dieses Gespenst bedeutete für mich _alles_. Ich sah kein Ende der Qual, war doch die Zeit stehen geblieben.

Der Gedanke an Selbstmord suchte mich heim, drang aber nicht völlig in mein Bewußtsein. Der Selbstmord erschien mir nutzlos und öde, -- konnte er denn meinen schwarzen Gram heilen? Ich vermochte nicht an den Selbstmord zu glauben, weil ich den Glauben an mein Sein verloren hatte. Qual, Kälte und Haß existierten, aber mein »Ich« verlor sich in ihnen, wie etwas Richtiges, unsäglich Kleines. Es gab kein »Ich«.

Es kamen Augenblicke, da meine Stimmung so unerträglich war, daß in mir der wilde Wunsch erwachte, mich auf meine ganze Umgebung zu stürzen, auf Lebendiges und Totes, alles zu zerschlagen, zu zerreißen, zu vernichten, damit davon auch nicht die geringste Spur zurückbleibe. Doch besaß ich noch genügend Verstand, um zu wissen, daß dies sinnlos und kindisch wäre; ich biß die Zähne zusammen und beherrschte mich.

Ohne Unterlaß umkreisten meine Gedanken Sterni; sein Bild haftete starr in meinem Bewußtsein, war der Mittelpunkt aller Qualen und Leiden. Allmählich, äußerst langsam, kristallisierte sich um diesen Mittelpunkt ein Entschluß heraus, der immer klarer und fester ward: »Ich muß Sterni sehen«. Weshalb, aus welchem Grund ich ihn sehen wollte, vermochte ich nicht zu sagen. Ich wußte bloß, daß ich es tun müsse. Zugleich aber fiel es mir qualvoll schwer, die auf mir lastende Starre und Unbeweglichkeit zu durchbrechen, um meinen Entschluß auszuführen.