Der rote Stern: Ein utopischer Roman
Part 11
Ich beschloß, systematisch Nachforschungen anzustellen. Es fielen mir Beobachtungen ein, zu denen mich einige zufällige und unwillkürliche Andeutungen Nettis veranlaßt hatten: der beunruhigte Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag und mich in Erstaunen versetzte, sobald die Rede auf die Kolonialexpeditionen kam; ich begann zu ahnen, daß Netti sich zu unserer Trennung nicht erst damals entschlossen hatte, als sie mir davon sprach, sondern bereits weit früher, schon in den ersten Tagen unserer Vereinigung. Demnach mußte der Grund aus jener Zeit stammen. Wo aber war er zu suchen?
Er konnte eine rein persönliche Angelegenheit Nettis sein, konnte aber auch mit der besonderen Bedeutung der Expedition zusammenhängen. Die erste Annahme erschien mir, nachdem ich Nettis Brief gelesen hatte, unwahrscheinlich. Vor allem galt es also, die Einzelheiten zu erforschen, mit jenen zu beginnen, die die Geschichte dieser Expeditionen zu erklären vermochten.
Es verstand sich von selbst, daß die Expedition auf den Beschluß der »Kolonialgruppe« zurückzuführen war. -- Diesen Namen trug die Vereinigung jener Arbeiter, die aktive Teilnehmer der interplanetarischen Reisen waren, zusammen mit dem Vorsitzenden des Zentralen statistischen Bureaus und jener Fabriken, die die Aetheroneffs herstellten, sowie alle für die Expedition unentbehrlichen Mittel. Ich wußte, daß die letzte Sitzung der »Kolonialgruppe« während meiner Krankheit stattgefunden hatte. Menni und Netti hatten an ihr teilgenommen. Damals befand ich mich bereits auf dem Wege der Genesung, langweilte mich ohne Netti und verlangte, ebenfalls der Sitzung beizuwohnen. Netti jedoch erwiderte, dies wäre gefährlich für meine Gesundheit. Hing diese »Gefahr« vielleicht von etwas ab, das ich nicht wissen durfte? Ich mußte demnach das Protokoll der Sitzung lesen, dort alles suchen, was mit dieser Frage in Zusammenhang stehen konnte.
Doch stieß ich bereits hier auf Schwierigkeiten. In der Kolonialbibliothek wurde mir nur die auf der Sitzung gefaßte Resolution vorgelegt. In dieser Resolution wurde bis in alle Einzelheiten die ganze Organisation des grandiosen Unternehmens geschildert, doch fand ich nirgends das, was mich im Augenblick interessierte. Ich erhielt auf meine Fragen keine Antwort. Die Resolution wurde ohne jedes Motiv wiedergegeben, ohne irgendeinen Hinweis auf die Ausführungen, die ihr vorangegangen waren. Als ich dem Bibliothekar erklärte, ich wolle das Protokoll, erwiderte er, das Protokoll werde nicht veröffentlicht, außerdem würden detaillierte Protokolle überhaupt nicht geführt, wie dies auch bei den technischen Sitzungen der Fall sei.
Auf den ersten Blick erschien mir dies richtig. Die Marsbewohner veröffentlichten meist nur die »_Beschlüsse_« dieser Sitzungen, sie nahmen an, daß jede dort geäußerte verständige und nützliche Ansicht, sowie gegenteilige Meinungen und Auffassungen besser in Artikeln, Broschüren, Büchern usw. verfochten werden konnten, als in einer kurzen Rede. Ueberhaupt behagte es den Marsbewohnern nicht, die »Literatur« übermäßig zu vermehren und man suchte bei ihnen vergeblich etwas, das unserer »Arbeitskommission« gleichkam; sie bemühten sich, alles so wenig umfangreich wie möglich zu gestalten. Im gegebenen Fall jedoch schenkte ich den Worten des Bibliothekars keinen Glauben. Auf dieser Sitzung hatte es sich um große und gewichtige Dinge gehandelt, als daß man sie der öffentlichen Beurteilung hätte entziehen können, wie das bei den gewöhnlichen technischen Fragen der Fall war.
Ich versuchte selbstverständlich mein Mißtrauen zu verbergen, um keinerlei Verdacht zu erregen, vertiefte mich ergeben in das mir gewährte Material und entwickelte unterdessen den Plan meines weiteren Vorgehens.
Es war offensichtlich, daß ich von den Büchern der Bibliothek nicht jene erhalten würde, deren ich bedurfte; entweder gab es über diese Angelegenheit gar kein Protokoll, oder aber der Bibliothekar war auf meine Fragen vorbereitet gewesen und versteckte es vor mir. Doch blieb noch die Phonographen-Abteilung der Bibliothek übrig.
Dort konnten auch jene Protokolle, die nicht zur Veröffentlichung freigegeben wurden, gefunden werden. Der Phonograph ersetzte bei den Marsbewohnern häufig die Stenographie, und in den Archiven wurden viele phonographische Platten der verschiedenen wichtigen Versammlungen aufbewahrt.
Ich benützte den Augenblick, da der Bibliothekar in seine Arbeit vertieft war und verfügte mich unbemerkt in die Phonographen-Abteilung. Dort erbat ich von dem diensthabenden Genossen den Katalog der Platten. Er gab ihn mir.
Aus dem Katalog ersah ich gar bald die Nummer der Platte der mich interessierenden Sitzung und ich begab mich unter dem Vorwand, daß ich den Genossen nicht belästigen wolle, selbst auf die Suche. Auch hier errang ich einen Erfolg.
Es gab von dieser Sitzung fünfzehn Phonogramme. An jeder der Platten war entsprechend dem hier üblichen Brauch ein Inhaltsverzeichnis befestigt. Ich studierte rasch diese Verzeichnisse.
Die fünf ersten waren den Berichten über die Expedition gewidmet, stammten noch aus einer früheren Sitzung und beschäftigten sich mit technischen, den Aetheroneff betreffenden Fragen.
Die Ueberschrift der vierten Platte lautete:
»Vorschlag des Zentralen statistischen Bureaus für den Uebergang zur Massenkolonisation. Wahl der Planeten -- Erde oder Venus. Reden und Vorschläge Sternis, Nettis, Mennis und anderer. Beschluß zu Gunsten der Venus.«
Ich fühlte, dies sei, was ich suche und steckte die Platte in den Apparat. Was ich nun vernahm, schnitt mir für ewige Zeiten in die Seele. Es war Folgendes.
Menni eröffnete die Sitzung als Vorsitzender des Kongresses. Als erster ergriff der Vorsitzende des Zentralen statistischen Bureaus das Wort.
Er bewies auf Grund genauer Zahlen, daß bei der gegebenen Vermehrung der Bevölkerung und der Steigerung ihrer Bedürfnisse selbst für den Fall, daß die Marsbewohner die Ausbeutung ihres Planeten einschränkten, in etwa dreißig Jahren ein Mangel an Lebensmitteln eintreten müsse. Dieser Gefahr vermöchte freilich die Entdeckung der Synthese des Eiweiß aus unorganischen Stoffen zu begegnen, doch könne niemand dafür bürgen, daß diese Entdeckung in den nächsten dreißig Jahren gemacht würde. Deshalb sei es unbedingt nötig, daß die Kolonialgruppe von den rein wissenschaftlichen Expeditionen nach anderen Planeten zur Organisation einer Massenauswanderung der Marsbewohner übergehe. In Frage kämen zwei vom Mars aus erreichbare Planeten, beide reich an Naturschätzen. Es müsse schleunigst beschlossen werden, welcher der beiden als Zentrum der Kolonisation zu wählen sei, damit dann sofort an die Ausarbeitung des Planes gegangen werden könne.
Menni stellte die Frage, ob jemand gegen den Antrag des Redners oder gegen dessen Motivierung etwas einzuwenden habe. Doch verlangte niemand das Wort.
Dann warf Menni die Frage auf, welcher Planet als erster für die Massenkolonisation gewählt werden solle.
Sterni ergriff das Wort.
Sterni
»Die erste, von dem Vorsitzenden des Zentralen statistischen Bureaus gestellte Frage«, hub Sterni in seinem üblichen, mathematisch nüchternen Ton an, »bezieht sich auf die Wahl des zu kolonisierenden Planeten. Meiner Ansicht nach bedarf es hier gar keiner Entscheidung, denn die Wahl wurde schon längst von der Wirklichkeit getroffen. Es hat gar keinen Sinn, zwischen den zwei Planeten wählen zu wollen, denn von den beiden uns erreichbaren ist für die Massenkolonisation bloß der eine geeignet: und zwar die Erde. Wir besitzen über die Venus eine ausführliche Literatur, mit der Sie alle selbstverständlich gut bekannt sind. Das Ergebnis aller unserer Versammlungen und Beratungen war stets das gleiche: es ist uns unmöglich, in diesem Augenblick von der Venus Besitz zu ergreifen. Ihre versengende Sonne erschöpft und schwächt unsere Kolonisten, ihre furchtbaren Stürme und Gewitter zerstören unsere Bauten, schleudern unsere Aeroplane in den Raum, zerschmettern sie an den riesenhaften Bergen. Mit ihren Ungeheuern vermöchten wir, freilich um den Preis nicht geringer Opfer, fertig zu werden; aber ihre unglaublich reiche Bakterienwelt, mit der wir noch ungenügend bekannt sind -- wie viele neue Krankheiten vermag diese in sich zu bergen? Ihre Vulkane befinden sich noch in Tätigkeit; wie viele unerwartete Erdbeben, Lavaströme, Sturzfluten würden uns dort bedrohen? Der Versuch, die Venus zu kolonisieren, würde unzählige und völlig nutzlose Opfer fordern, Opfer, nicht der Wissenschaft und dem Glück der Allgemeinheit gebracht, sondern der Unvernunft und Phantasterei. Diese Frage erscheint mir völlig klar, und der Bericht über die letzte Expedition nach der Venus zerstört endgültig alle Zweifel.
Wenn es sich also um eine Massenauswanderung handelt, so kommt dafür nur die Erde in Betracht. Dort sind die durch die Natur bedingten Hindernisse gering, der Reichtum der Natur ist grenzenlos, übertrifft den unseres Planeten um das achtfache. Die Kolonisation selbst ist bereits durch die auf der Erde lebenden Wesen gut vorbereitet, wenngleich diesen Erdengeschöpfen eine höhere Kultur mangelt. All dies ist dem Zentralen statistischen Bureau wohlbekannt. Wenn es uns daher vorschlägt, die Wahl des Planeten zu treffen und wir es auch selbst für nötig halten, so besteht dafür ein einziger Grund, nämlich, daß sich uns auf der Erde ein äußerst ernstes Hindernis entgegenstellt: ihre Menschheit.
Die Erdenmenschen bewohnen die ganze Erde, werden auf keinen Fall bereit sein, sie gutwillig, und sei es auch nur einen Teil, an uns abzutreten. Das hängt mit dem ganzen Charakter ihrer Kultur zusammen, deren Basis der Besitz und die organisierte Gewalt sind. Wenngleich selbst die zivilisiertesten Völker der Erde bloß einen geringen Teil der ihnen erreichbaren Schätze der Natur ausbeuten, so verlangt es sie dennoch immer nach der Eroberung weiterer Territorien, und diese Gier schwächt sich niemals ab. Der systematisch betriebene Raub der Länder und des Besitzes der weniger zivilisierten Völker trägt bei ihnen die Bezeichnung Kolonialpolitik und wird als eine der Hauptaufgaben des staatlichen Lebens betrachtet. Man kann sich demnach vorstellen, wie sich die Erdenmenschen unserem ganz natürlichen und vernünftigen Vorschlag gegenüber verhalten würden: uns einen Teil ihres Gebietes abzutreten, wofür wir sie lehren und ihnen behilflich sein würden, den ihnen gebliebenen Teil in unvergleichlich höherem Maße auszunützen ... Für sie ist die Kolonisation eine Frage der rohen Kraft und der Vergewaltigung und wir wären, ob wir nun wollen oder nicht, gezwungen, ihnen gegenüber ebenfalls diesen Standpunkt einzunehmen.
Handelte es sich hier ausschließlich darum, ihnen ein einziges Mal unsere größere Kraft zu beweisen, so wäre dies sehr einfach und würde nicht mehr Opfer kosten, als die bei ihnen so beliebten unsinnigen, nutzlosen Kriege. Es existiert bei ihnen eine gewaltige Herde für den Mord dressierter Leute, die mit dem Wort Armee bezeichnet wird. Freilich vermöchten wir vom Aetheroneff aus vermittels der verderblichen, durch die beschleunigte Spaltung des Radiums erzeugten Lichtfluten in wenigen Augenblicken ein oder zwei dieser Herden zu vernichten, und dies wäre für die Zivilisation der Erde weit mehr nützlich als schädlich. Leider jedoch ist das, was nachher käme, lange nicht so einfach, die wahren Schwierigkeiten würden erst mit diesem Augenblick beginnen.
In dem jahrhundertealten Kampf der Erdenvölker gegen einander entwickelte sich bei ihnen eine psychologische Eigenheit, die Patriotismus heißt. Dieses unbestimmbare, aber starke und tiefe Gefühl enthält ebensowohl boshaftes Mißtrauen gegen alle Völker und Rassen, als auch eine schier elementare Anhänglichkeit für die Sitten und Gebräuche der eigenen Umgebung. Besonders ist dies in jenen Ländern der Fall, wo die Erdenvölker gleich Schildkröten mit ihrer Umgebung verwachsen sind; oft aber ist dieser Patriotismus nichts anderes, als die Gier nach Zerstörung, Vergewaltigung und Raub. Die patriotische Einstellung wird besonders stark nach kriegerischen Niederlagen; nehmen die Sieger den Besiegten einen Teil ihres Landes fort, dann nimmt der Patriotismus dieser Besiegten den Charakter eines hartnäckigen und grausamen Hasses gegen die Sieger an, und die Rache wird zum Lebensideal des ganzen Volkes, nicht nur der schlechteren Elemente, der »oberen«, der reaktionären Klassen, sondern auch der besten, der Arbeitermassen.
Wenn wir uns nun eines Teiles der Erdoberfläche durch Gewalt bemächtigten, so würde dies zweifellos zu einer Vereinigung aller Erdenmenschen in einem einzigen Gefühl des Erdenpatriotismus führen, zu einem unbarmherzigen Rassenhaß, zu wilder Wut gegen unsere Kolonisten; die Ausrottung der Eindringlinge, gleichviel mit welchen Mitteln, bis zum gemeinsten Verrat, würde als heilige und edle Sache gelten, die unsterblichen Ruhm verleiht. Unseren Kolonisten würde das Leben unerträglich gemacht werden. Sie wissen, daß die Vernichtung des Lebens selbst bei einer niederen Kulturstufe etwas äußerst einfaches ist. Im offenen Kampf sind wir unvergleichlich stärker als die Erdenmenschen, dennoch vermöchten sie durch unerwartete Ueberfälle uns ebenso zu töten, wie sie dies untereinander zu tun pflegen. Außerdem darf nicht außer acht gelassen werden, daß bei ihnen die Kunst der Zerstörung weit stärker entwickelt ist, als irgendetwas anderes in ihrer Kultur.
Unter diesen Umständen wäre das Leben auf der Erde geradezu unmöglich; es würde auf ihrer Seite Verschwörungen und Terror, auf der unserer Genossen beständige Gefahr und unzählige Opfer bedeuten. Diese müßten sich zu zehn oder vielleicht sogar hundert Millionen ansiedeln. Bei dem auf der Erde herrschenden gesellschaftlichen System, das keine gegenseitige Hilfe kennt, bei den dort herrschenden sozialen Verhältnissen, Dienste und Hilfe mit Geld zu entlohnen, bei der unzulänglichen und verschwenderischen Art der Produktion, die sich nicht rasch genug auf die gewaltige Vermehrung der Bewohner einzustellen vermöchte, würden Millionen der von uns Vertriebenen größtenteils zu einem schmerzlichen Hungertod verdammt sein. Die Minderheit des kolonisierten Teiles würde gegen uns bei der übrigen Erdenmenschheit eine grausam fanatische Agitation betreiben.
Wir müßten also den Kampf fortsetzen. Unser ganzer Erdenteil müßte sich in ein uneinnehmbares, festes Kriegslager verwandeln. Die Angst vor künftigen Eroberungen unsererseits, sowie der starke Rassenhaß würden alle Erdenvölker dazu vereinigen, sich auf einen Krieg gegen uns vorzubereiten. Sind schon heute ihre Waffen weit vollkommener als ihre Arbeitswerkzeuge, so würde in diesem Fall die technische Vervollkommnung der Mordinstrumente mit rasender Schnelligkeit vor sich gehen. Zu gleicher Zeit würden sie absichtlich eine Ursache für den Beginn des gewaltigen Krieges herbeiführen und erzwingen, eines Krieges, der für uns, selbst im Falle eines Sieges, ungeheure Verluste bedeutete. Es ist nicht ausgeschlossen, daß ihnen auch die Aneignung und Verwertung unserer besten Mittel gelingen könnte. Sie kennen bereits die radiumausstrahlenden Stoffe; die Methode der beschleunigten Spaltung vermöchten sie vielleicht irgendwie durch uns erfahren, oder aber ihre Gelehrten könnten diese selbst entdecken. Es ist Ihnen allen bekannt, daß bei Anwendung dieser Waffen jener, der auch nur um wenige Minuten früher angreift als der Feind, diesen unweigerlich vernichtet; in diesem Fall erfolgt das Zerstören des höchsten Lebens ebenso leicht, wie durch ein Elementarereignis.
Welch ein Leben müßten unsere Genossen führen, umgeben von diesen Gefahren, gefoltert von der ewigen Erwartung ähnlicher Ueberfälle? Nicht nur alle Lebensfreude würde ihnen vergällt, nein, sogar ihr Typus würde sich verändern, verschlechtern. Allmählich schlichen sich in sie Argwohn, Mißtrauen ein, der egoistische Trieb der Selbsterhaltung und die von ihm unzertrennliche Grausamkeit. Die Kolonie würde aufhören, _unsere_ Kolonie zu sein, würde sich in eine kriegerische Republik inmitten der geschlagenen, von Feindseligkeit erfüllten Völker verwandeln. Die sich wiederholenden blutige Opfer fordernden Ueberfälle würden immer mehr das Gefühl der Rache und der Feindschaft vergrößern, das uns teure Bild des Menschen entstellen und unsere Leute wären, objektiv gesprochen, aus Notwehr gezwungen, die grausamsten Mittel anzuwenden. Schließlich, nach langem Schwanken und einer qualvollen Kräftevergeudung, müßten wir unvermeidlich zu jener Lösung der Frage gelangen, die wir bereits von allem Anfang an hätten anerkennen müssen: _die Kolonisierung der Erde fordert die völlige Ausrottung der Erdenmenschen_.«
(Unter den hundert Zuhörern entstand ein Gemurmel des Entsetzens, aus dem sich Nettis mißbilligender Protest laut abhob. Als die Ruhe wieder hergestellt war, fuhr Sterni gelassen fort:)
»Das Unvermeidliche muß _begriffen_, und, wie hart auch immer es erscheint, es muß ihm ins Auge gesehen werden. Es gibt für uns zwei Möglichkeiten: entweder eine Stagnation in der Entwicklung unseres Lebens oder die Vernichtung des uns fremden Lebens auf der Erde. Ein drittes gibt es nicht. (Nettis Stimme durchklang den Raum: »Das ist nicht wahr!«) Ich weiß, woran Netti denkt, wenn sie gegen meine Worte protestiert und gehe auch schon zu der dritten Möglichkeit über, die sie im Auge hat.
Diese aber ist -- der sofortige Versuch einer sozialistischen Erziehung der Erdenmenschheit, ein Plan, den wir alle noch unlängst befürwortet haben, der aber, meiner Ansicht nach, unbedingt aufgegeben werden muß. Wir kennen die Erdenmenschheit nun schon zur Genüge, um einzusehen, daß diese Idee völlig sinnlos sei.
Die Kulturstufe der führenden Erdenvölker ist etwa die gleiche, wie die unserer Vorfahren zur Zeit der großen Kanalbauten gewesen ist. Auf der Erde herrscht das Kapital, und es gibt ein Proletariat, das für den Sozialismus kämpft. Deshalb könnte man glauben, daß der Augenblick jener Umwälzung nicht mehr ferne sei, die die organisierte Gewalt vernichtet und die Möglichkeit einer freien und raschen Entwicklung des Lebens gibt. Doch besitzt der Erdenkapitalismus eine wichtige Eigenheit, die die Sache völlig verändert.
Einerseits ist die ganze Erdenwelt in politische und nationale Teile gespalten, so daß der Kampf um den Sozialismus nicht als einheitlicher vollkommener Prozeß einer Riesengesellschaft vor sich geht, sondern eine ganze Reihe selbständiger, eigenartiger Prozesse darstellt, geführt in den verschiedenen Staaten der Gesellschaft, die durch ihre staatliche Organisation, durch die Sprache und die Rasse getrennt sind. Andrerseits ist auf der Erde die Form des Klassenkampfes weit gröber und mechanischer, als dies bei uns der Fall gewesen ist, und die gleichsam materielle Kraft, verkörpert durch das stehende Heer und die bewaffneten Aufstände, spielt dabei eine große Rolle.
Aus allen diesen Umständen ergibt sich, daß die Frage der sozialen Revolution eine unbestimmbare ist: voraussichtlich wird es nicht eine, sondern verschiedene soziale Revolutionen geben, in den verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten. Ja, diese Revolutionen werden sogar einen verschiedenen Charakter haben, sowie einen unsicheren, nicht festzustellenden Ausgang. Die herrschenden Klassen verfügen über die Armee und eine hochentwickelte Kriegstechnik und vermögen daher in gewissen Fällen dem aufständischen Proletariat eine vernichtende Niederlage beizubringen, die in den großen Reichen den Kampf für den Sozialismus auf zehn Jahre zurückwirft. Derartige Fälle finden wir bereits in den Schriften der Erde erwähnt. Außerdem wird die Lage jener Länder, in denen der Sozialismus triumphiert hat, die einer Insel sein, umgeben von ihr feindlichen kapitalistischen Staaten, zum Teil sogar von Staaten, die noch nicht die Phase des Kapitalismus erreicht haben. Um ihre Herrschaft bangend, werden die besitzenden Klassen der nicht sozialistischen Länder alle Anstrengungen machen, um diese Insel zu zerstören, sie werden unaufhörlich kriegerische Ueberfälle gegen sie organisieren und sogar bei den sozialistischen Nationen genügend Verbündete finden, die, den früheren besitzenden Klassen angehörend, zu jedem Verrat bereit sind. Das Ergebnis dieser Kämpfe ist schwer vorauszusagen. Aber selbst dort, wo sich der Sozialismus kräftigt und wo er siegreich vordringt, wird sein Charakter auf viele Jahre hinaus getrübt werden, durch Terror, Kampf, sowie durch einen unvermeidlichen barbarischen Patriotismus. Dieser Sozialismus steht dem unseren äußerst fern.
Unsere Pflicht wäre demnach, falls wir an dem ersten Plan festhalten, ausschließlich für den beschleunigten Sieg des Sozialismus zu wirken. Welche Mittel stehen uns hierfür zur Verfügung? Wir vermögen den Erdenmenschen unsere Technik zu geben, unsere Wissenschaft, unser Wissen um die Beherrschung der Natur, sowie unsere Kultur, die mit den wirtschaftlichen und politischen Formen der Erde im schroffsten Widerspruch steht. Wir können auch das sozialistische Proletariat bei seinem revolutionären Umsturz unterstützen und ihm helfen, den Widerstand der übrigen Klassen zu brechen. Ueber andere Mittel verfügen wir nicht. Werden aber diese beiden zum Ziel führen? Wir wissen heute bereits genug von der Erde, um diese Frage mit einem endgültigen Nein beantworten zu können.
Was würden die Erdenmenschen mit unserem technischen Wissen und unseren Methoden anfangen?
Vor allem würden sich deren die _besitzenden_ Klassen aller Länder bemächtigen. Dies wäre unvermeidlich, weil sich ja in ihren Händen alle Produktionsmittel befinden und weil ihnen neunzig- bis hunderttausend Gelehrte und Ingenieure zu Diensten stehen; das aber bedeutete, daß ihnen alle _Möglichkeiten_ der neuen Industrie gehörten. Sie jedoch würden diese nur insofern ausnützen, als es für sie vorteilhaft wäre und ihre Macht über die Massen stärkt. Noch eines: jene gewaltigen neuen Zerstörungsmittel, die ihnen auf diese Art in die Hände fielen, würden sie zur Erdrosselung des sozialistischen Proletariats verwenden. Sie würden es verfolgen, würden eine Provokation in grandiosem Maßstab organisieren, um das Proletariat so rasch wie möglich zum offenen Kampf zu zwingen und in diesem Ringen dessen beste und klügste Kräfte zu morden, falls es diesem nicht gelänge, seinerseits bessere Kampfmethoden zu finden. Derart würde unsere Einmischung in die Angelegenheiten der Erde bloß der Reaktion von oben einen Antrieb geben und ihr zu gleicher Zeit Waffen von ungeheurer Gewalt in die Hände spielen. Das aber würde zumindest auf zehn Jahre den Fortschritt des Sozialismus hemmen.
Und was würden wir erreichen, wenn wir das sozialistische Proletariat gegen seine Feinde unterstützten?
Angenommen, und dies ist keineswegs gewiß, daß es sich mit uns verbündet. Die ersten Siege würden leicht errungen werden. Aber dann? Die unvermeidliche Entwicklung des Patriotismus bei den anderen Klassen würde sich gegen uns und gegen die Sozialisten der Erde wenden ... Das Proletariat aber stellt noch in den meisten Ländern der Erde die Minderheit dar, die Mehrheit hingegen besteht aus den in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Kleinbürgern, aus dunklen, unwissenden Menschen. Diese gegen das Proletariat zu verhetzen, wird den Großkapitalisten und deren Söldlingen, den Beamten und Lehrern, nur allzu leicht fallen. Umsomehr, als diese Massen, die dem Wesen nach konservativ, häufig sogar reaktionär sind, eine krankhafte Angst vor dem raschen Fortschritt empfinden. Das Proletariat sieht sich also auf allen Seiten von erbosten, erbarmungslosen Feinden umgeben, die größere Entwicklung des Proletariats verstärkt nur noch diese Feindseligkeit, es befindet sich in der gleichen furchtbaren Lage, in der sich unsere Kolonisten zwischen den Völkern der Erde befinden würden. Es wird zu zahllosen verräterischen Ueberfällen kommen, die Stellung des Proletariats in der Gesellschaft wird um so schwieriger sein, als es die Erneuerung der Gesellschaft durchführen muß. Und auch in diesem Falle wird unsere Einmischung die soziale Umwälzung verzögern, statt sie zu beschleunigen.