Der rote Stern: Ein utopischer Roman
Part 10
Nicht »schlechter« zu arbeiten als die anderen, das strebte ich aus allen Kräften an, und fast immer mit einem gewissen Erfolg. Doch mußte ich bemerken, daß dies für mich eine weit größere Anstrengung bedeutete als für meine Kameraden. Nach den gewöhnlichen vier bis sechs Arbeitsstunden -- die Erdenberechnung als Grundlage genommen -- fühlte ich heftige Erschöpfung und mußte sofort rasten, während die andern noch in Museen, Bibliotheken, Laboratorien gingen oder aber in andere Fabriken, um dort die Arbeit zu beobachten, bisweilen auch noch selbst mitzuarbeiten ...
Ich hoffte, mich allmählich an die neue Arbeit zu gewöhnen und meinen Genossen gleich zu werden. Doch geschah dies nicht. Ich überzeugte mich immer mehr davon, daß mir die _Kultur der Aufmerksamkeit_ fehle. Körperliche Bewegungen wurden äußerst wenig erfordert, und was deren Schnelligkeit und Gewandtheit anbelangte, so stand ich nicht hinter den anderen zurück, ja, ich übertraf sie sogar. Aber die ununterbrochene aufmerksame Beobachtung der Maschine und des Materials fiel meinem Gehirn ungeheuer schwer: diese Fähigkeit vermag sich offensichtlich erst im Verlauf einiger Generationen zu jener Stufe zu entwickeln, die hier als Durchschnitt und völlig alltäglich erscheint.
Wenn mich, und dies war meist am Ende des Arbeitstages der Fall, Erschöpfung ankam und meine Aufmerksamkeit nachließ, ich Fehler beging oder auf eine Sekunde die Ausführung einer Arbeit unterließ, brachte die unermüdliche, unbeirrte Hand meines Nachbarn die Sache immer in Ordnung.
Die merkwürdige Fähigkeit dieser Menschen, alles ringsum zu beobachten, ohne dabei auch nur im geringsten die eigene Arbeit zu vernachlässigen, versetzte mich in Erstaunen und reizte mich sogar. Ihre Fürsorge störte mich nicht nur, nein, sie rief in mir auch Aerger und Ungeduld wach; erregte in mir das Gefühl, als ob alle ununterbrochen meine Tätigkeit verfolgten ... Diese Unruhe verstärkte noch meine Zerstreutheit und ließ mich schlechter arbeiten.
Heute, nach langer Zeit, da ich genau und leidenschaftslos an all dies zurückdenke, sehe ich ein, daß ich es damals falsch aufgefaßt habe. Mit der gleichen Fürsorge und auf dieselbe Art halfen meine Genossen in der Fabrik einander. Ich war keineswegs der Gegenstand irgendeiner ausschließlichen Aufsicht oder Kontrolle, wie es mich damals dünkte. Ich selbst, der Mensch aus einer individualistischen Welt, sonderte mich von den übrigen ab und verkannte auf krankhafte Art ihre Güte und ihre kameradschaftlichen Dienste, für die sie, die Menschen einer kameradschaftlichen Welt, von mir nicht gewürdigt werden konnten.
Enno
Der lange Herbst war vorüber, nun beherrschte bereits der schneearme, aber kalte Winter unsere Gegend, die nördliche Mitte der Halbkugel. Die kleine Sonne wärmte gar nicht mehr und leuchtete noch weniger als zuvor. Die Natur warf die hellen Farben ab, erschien fahl und streng. Die Kälte schlich sich ins Herz, der Zweifel in die Seele ein, und die Einsamkeit des Sprößlings aus einer anderen Welt wurde immer qualvoller.
Ich suchte Enno auf, die ich seit langer Zeit nicht gesehen hatte. Sie empfing mich wie einen ihr nahestehenden lieben Menschen; mir war, als durchbreche das strahlende Licht der nahegelegenen Vergangenheit die Winterkälte und die Nacht der Sorgen. Dann aber bemerkte ich, daß auch sie blaß und von Kummer erschöpft zu sein schien. In ihrem Verhalten und ihren Worten lag verborgener Gram. Wir hatten einander viel zu sagen, und einige Stunden vergingen für mich angenehm und gut, wie dies seit Nettis Abfahrt nicht mehr gewesen war.
Als ich mich erhob, um heimzukehren, wurde uns beiden schwer ums Herz.
»Wenn Ihre Arbeit Sie nicht hier festhält, so kommen Sie mit mir«, sagte ich.
Enno ging sofort auf meinen Vorschlag ein. Sie nahm ihre Arbeit mit. Zu jener Zeit hatte sie nichts im Observatorium zu tun, trug einen ungeheuren Vorrat von Berechnungen zusammen, und wir begaben uns in die chemische Stadt, wo ich Mennis Wohnung allein bewohnte. Allmorgendlich fuhr ich in meine Fabrik, die sich hundert Kilometer, also eine halbe Wegstunde, entfernt befand. Die langen Winterabende verbrachte ich von nun an mit Enno; wir beschäftigten uns mit wissenschaftlichen Arbeiten, plauderten oder unternahmen Spaziergänge in die Umgebung.
Enno erzählte mir ihre Geschichte. Sie liebte Menni und war dessen Frau gewesen. Es verlangte sie sehnlichst danach, von ihm ein Kind zu haben, aber Jahr um Jahr verstrich, ohne daß ihr Wunsch in Erfüllung ging. Sie wandte sich an Netti um Rat. Diese erforschte alle Umstände und gelangte zu dem kategorischen Ausspruch, daß Enno von Menni niemals ein Kind haben werde. Menni hatte sich allzu spät vom Knaben zum Mann entwickelt und allzu früh das anstrengende Leben eines Gelehrten und Denkers zu führen begonnen. Die übertriebene Tätigkeit seines Gehirnes und dessen außerordentliche Entwicklung hatten von allem Anfang an die lebendigen Elemente der Vermehrung zerstört und erdrückt; dies war nicht mehr gut zu machen.
Nettis Urteil bedeutete einen furchtbaren Schlag für Enno, bei der die Liebe zu dem genialen Menschen und der starke Mutterinstinkt zu einem Streben verschmolzen waren, das sich nun als hoffnungslos erwies.
Doch war dies noch nicht alles: Nettis Untersuchungen führten auch zu einem zweiten Ergebnis. Es zeigte sich, daß für Mennis gigantische geistige Arbeit, für die Entwicklung seiner genialen Fähigkeiten die größte Enthaltsamkeit vonnöten sei, daß er sich so wenig wie möglich den Liebkosungen der Liebe hingeben dürfe. Enno fühlte sich verpflichtet, Nettis Rat zu befolgen und konnte sich bald von dessen Richtigkeit überzeugen. Menni war wie neubelebt, er arbeitete mit größerer Energie als je zuvor, neue Pläne entstanden mit außergewöhnlicher Schnelligkeit in seinem Kopfe, er führte sie mit Erfolg durch und schien offensichtlich nichts zu entbehren. Enno, der ihre Liebe teuerer war als das Leben, die aber das Genie des geliebten Menschen noch höher wertete als ihre Liebe, zog die Folgen dieser Erkenntnis.
Sie trennte sich von Menni. Dieser war im Anfang äußerst erzürnt, fand sich jedoch bald mit der Tatsache ab. Der wahre Grund des Bruches war ihm vielleicht unbekannt. Enno und Netti hielten ihn geheim, doch konnte man freilich nicht sicher wissen, ob nicht Mennis durchdringender Verstand die Ursache erraten habe. Für Enno aber war nun das Leben so unsäglich leer, das Unterdrücken ihrer Gefühle quälte sie derart, daß die junge Frau schon nach kurzer Zeit beschloß, Selbstmord zu begehen.
Netti, an die sich Enno gewandt hatte, schob die Tat, die sie verhindern wollte, unter verschiedenen Vorwänden immer wieder hinaus und benachrichtigte schließlich Menni. Dieser organisierte damals gerade die Expedition nach der Erde und sandte sofort eine Aufforderung an Enno, sie möge sich diesem bedeutsamen und gefährlichen Unternehmen anschließen. Es war schwer, dieser Aufforderung nicht Folge zu leisten; Enno nahm sie an. Eine Unmenge neuer Eindrücke halfen ihr, den Seelenschmerz zu überwinden, und zur Zeit der Rückkehr auf den Mars vermochte sie sich bereits so weit zu beherrschen, um als der heitere, junge Dichter zu erscheinen, den ich auf dem Aetheroneff kennen gelernt hatte.
An der neuen Expedition hatte Enno nicht teilgenommen, weil sie fürchtete, sich allzu sehr an Mennis Gegenwart zu gewöhnen. Aber die Angst um dessen Schicksal folterte sie in ihrer Einsamkeit, denn sie kannte genau die große Gefahr des Unternehmens. An den langen Winterabenden kreisten unsere Gedanken und Worte beständig um den einen Punkt des Weltalls: um jenen, wo unter der Glut der gigantischen Sonne, unter dem sengenden Hauch des Windes, die beiden uns liebsten Wesen mit fieberhafter Energie ihre titanisch kühne Arbeit verrichteten. Dieser gemeinsame Gedanke und die gleichartige Stimmung brachte uns einander sehr nahe. Enno war mir mehr als eine Schwester.
Schier selbstverständlich, ohne Kampf und ohne Erschütterungen führte unsere Freundschaft zu einem Liebesverhältnis. Die unbeirrbar ehrliche und gütige Enno wich dieser Entwicklung nicht aus, wenngleich sie sie nicht angestrebt hatte. Sie beschloß nur, von mir kein Kind zu haben ... Der Schatten einer leisen Trauer verdunkelte ihre Liebkosungen, -- die Liebkosungen einer zärtlichen Freundschaft, die alles gestattet ...
Der Winter breitete seine kalten weißen Flügel über uns, -- der lange Marswinter, ohne Tau, ohne Winde und Schneestürme, ruhig, starr wie der Tod. Wir beide fühlten kein Verlangen, nach dem Süden zu fliegen, wo um diese Zeit die Sonne glühte und die Natur ihr leuchtendes Gewand angelegt hatte. Enno sehnte sich nicht nach einer derartigen Natur, die so schlecht mit ihrer Stimmung harmoniert hätte, und ich floh fast vor neuen Menschen und neuen Umgebungen, denn die Gewöhnung an diese würde neue nutzlose Arbeit gefordert, neue Erschöpfung verursacht haben; ich näherte mich ohnehin nur gar langsam meinem Ziel. Unserer Freundschaft eignete etwas seltsam Gespenstisches -- Liebe, die Herrschaft des Winters, Sorgen und angstvolle Erwartung ...
Bei Nella
Enno war seit ihrer frühesten Jugend mit Netti befreundet gewesen und wußte mir über sie viel zu erzählen. Während eines unserer Gespräche wurden Nettis und Sternis Namen in einer gewissen Verbindung genannt, die mir merkwürdig erschien. Als ich darauf eine direkte Frage stellte, überlegte Enno eine Weile, wurde schier verwirrt und erwiderte schließlich:
»Netti war früher Sternis Frau. Wenn sie Ihnen dies nicht gesagt hat, so steht mir kein Recht zu, darüber zu reden. Ich beging offensichtlich einen Irrtum und Sie dürfen mich nicht weiter befragen.«
Das Vernommene erschütterte mich seltsam ... Eigentlich war es ja nichts Neues, Unerwartetes ... Ich hatte niemals angenommen, daß ich Nettis erster Mann sei. Es wäre Torheit gewesen, zu glauben, daß eine lebensvolle, gesunde Frau mit schönem Leib und schöner Seele, das Kind einer freien, hochkultivierten Rasse, bis zu unserer Begegnung ohne Liebe gelebt habe. Weshalb also meine unbegreifliche Verblüffung? Ich vermochte keine Erklärung dafür zu finden, kannte bloß ein Gefühl: ich müsse alles erfahren, alles genau und klar wissen. Enno zu befragen, ging offensichtlich nicht an. Ich erinnerte mich an Nella.
Netti hatte vor ihrer Abfahrt zu mir gesprochen: »Vergiß Nella nicht; suche sie auf in deinen schweren Augenblicken.« Ich hatte schon mehr als einmal daran gedacht, zu Nella zu gehen, war aber zum Teil durch meine Arbeit, zum Teil durch die unklare Angst vor den Hunderten von neugierigen Kinderaugen zurückgehalten worden. Jetzt jedoch schwand jegliche Unentschlossenheit; noch am gleichen Tag begab ich mich nach dem Haus der Kinder, in die große Maschinenstadt.
Nella ließ sogleich ihre Arbeit liegen, bat eine der Erzieherinnen, sie zu vertreten und führte mich in ihre Stube, wo uns die Kinder nicht stören würden.
Ich beschloß, ihr nicht sofort den Zweck meines Besuches zu bekennen, umsomehr, als mir dieser Zweck auch selbst nicht recht vernünftig und ganz richtig erschien. Es war ja vollkommen natürlich, daß ich das Gespräch auf jenes Wesen lenkte, das uns beiden das teuerste war, und dann den günstigsten Augenblick für meine Frage abwartete. Nella erzählte voller Eifer von Netti, deren Kindheit und Jugend.
Ihre ersten Lebensjahre hatte Netti bei der Mutter verbracht, wie dies auf dem Mars allgemein üblich war. Als dann die Zeit kam, da Netti ins Haus der Kinder gebracht werden mußte, damit sie nicht den erzieherischen Einfluß des Umgangs mit anderen Kindern entbehre, brachte es Nella nicht übers Herz, sich schon von ihr zu trennen und lebte mit ihr zusammen in dieser Anstalt, wo sie dann schließlich als Erzieherin blieb. Das ergab sich zum Teil aus ihrem Spezialstudium: sie hatte sich vornehmlich mit Psychologie befaßt.
Netti war ein lebhaftes, energisches, wildes Kind mit großem Wissens- und Tatendurst. Am meisten interessierte und zog sie die geheimnisvolle astronomische Welt jenseits des Planeten an. Die Erde, die zu erreichen damals noch nicht gelungen war, und deren unbekannte Menschheit waren Nettis Lieblingstraum, das Hauptthema ihrer Gespräche mit den anderen Kindern und den Erwachsenen.
Als der Bericht über Mennis erste erfolgreiche Expedition nach der Erde veröffentlicht wurde, verlor das kleine Mädchen vor Freude und Entzücken fast den Verstand. Die kleine Netti kannte Mennis Bericht Wort für Wort auswendig und quälte die Mutter sowie die Erzieherinnen ewig mit Fragen über die ihr unverständlichen technischen Ausdrücke, die in dem Bericht vorkamen. Netti verliebte sich in Menni, ohne ihn zu kennen, schrieb ihm einen begeisterten Brief, flehte ihn unter anderem an, er möge sie zu den Erdenkindern bringen, denen keine Erziehung zu Teil werde, sie übernehme es, diese auf vortreffliche Art zu erziehen. Sie schmückte ihr Zimmer mit Erdenbildern und den Porträts der Erdenmenschen und stürzte sich auf das Studium der Erdensprachen, sobald die dazu nötigen Bücher erschienen waren. Sie entrüstete sich über die Gewalt, mit der Menni und dessen Gefährten dem ersten Erdenmenschen begegnet waren: sie hatten ihn gefangen genommen, damit er ihnen beim Erlernen der Erdensprachen behilflich sei; zur gleichen Zeit jedoch bedauerte sie heftig, daß Menni und die seinen bei der Rückkehr in die Heimat den Erdenmenschen freigelassen und nicht nach dem Mars mitgenommen hatten. Sie faßte den festen Entschluß, eines Tages nach der Erde zu fliegen, und auf die Scherze der Mutter, sie würde sich dort sicher mit einem Erdenmenschen verheiraten, entgegnete sie sinnend: »Das ist sehr möglich.«
All diese Dinge hatte mir Netti niemals erzählt; in ihren Gesprächen schien sie vielmehr der Vergangenheit auszuweichen. Selbstverständlich konnte niemand, nicht einmal sie selbst, jene Dinge besser berichten, als Nella. Bisweilen vergaß ich völlig meine Person, sah vor mir das reizende kleine Mädchen mit den großen funkelnden Augen und der rätselhaften Sehnsucht nach der fernen, fernen Welt ... Doch verging diese Stimmung rasch, das Bewußtsein meiner Umgebung kehrte zurück und damit auch die Erinnerung an den Zweck unseres Gesprächs; von neuem drang eisige Kälte in meine Seele.
Als sich das Gespräch den letzten Jahren aus Nettis Leben zuwandte, beschloß ich, meine Frage zu stellen, mich so ruhig und ungezwungen wie nur möglich nach Nettis und Sternis Verhältnis zu erkundigen. Nella dachte einen Augenblick lang nach.
»Also deshalb suchten Sie mich auf! ... Weshalb sagten Sie es nicht gerade heraus?«
Unerbittliche Strenge klang aus ihrer Stimme. Ich schwieg.
»Selbstverständlich kann ich es Ihnen erzählen«, fuhr sie fort. »Es ist eine ganz einfache Geschichte. Sterni war einer von Nettis Lehrern. Er hielt den Jüngeren Vorträge über Mathematik und Astronomie. Als er von seiner ersten Expedition nach der Erde zurückkehrte, -- ich glaube, dies war Mennis zweite Expedition, -- hielt er eine Reihe Vorträge über diesen Planeten und dessen Bewohner. Netti zählte zu seinen ständigen Hörern. Die Geduld und Aufmerksamkeit, mit der er ihren ewigen Fragen begegnete, brachte die beiden einander näher. Schließlich führte all dies zu ihrer Verbindung. Beide waren grundverschiedene Charaktere. Das Ergebnis der Verschiedenheit zeigte sich bald auch in ihrem Privatleben, führte zur Entfremdung und schließlich zum Bruch. Das ist alles.«
»Sagen Sie mir, wann kam es zum Bruch?«
»Zum endgültigen Bruch kam es nach Lettas Tode. Die innige Freundschaft zwischen Netti und Letta gab dazu den ersten Anstoß. Netti litt unter Sternis analytisch kaltem Verstand; er zerstörte allzu systematisch und hartnäckig alle Luftschlösser, alle Phantasien des Geistes und des Gefühls, die für sie einen Teil des Lebens bedeuten. Unwillkürlich suchte sie nach einem Menschen, der sich diesen Dingen gegenüber anders verhielt. Und dem alten Letta eigneten ein selten teilnahmsvolles Herz sowie ein schier kindlicher Enthusiasmus. Netti suchte in ihm jenen Gefährten, dessen sie bedurfte: Letta hatte mit ihren Phantasien nicht nur Geduld, sondern ließ sich auch häufig selbst von ihnen fortreißen. Bei ihm konnte sie von der strengen selbstzerfleischenden Kritik Sternis Erholung finden. Letta liebte gleich ihr die Erdenträume und Phantasien, glaubte an die künftige Verbindung der beiden Welten, die eine herrliche Blüte und eine gewaltige Lebenspoesie zur Folge haben würde. Als dann Netti erfuhr, daß ein Mensch, in dessen Seele derartige Gefühle verborgen lagen, niemals Frauenliebe und Zärtlichkeit kennen gelernt habe, konnte sie sich damit nicht abfinden. Auf diese Art kam Nettis zweiter Bund zustande.«
»Einen Augenblick«, unterbrach ich sie. »Verstehe ich Sie recht, Sie sagten, Netti sei Lettas Frau gewesen?«
»Ja«, erwiderte Nella.
»Sie sagten aber doch, daß der endgültige Bruch mit Sterni erst nach Lettas Tode erfolgte.«
»Ja; erscheint Ihnen dies unbegreiflich?«
»Nein, ich verstehe Sie, wußte bloß nicht darum.«
In diesem Augenblick wurde unser Gespräch unterbrochen. Eines der Kinder hatte einen nervösen Anfall erlitten und einer der Schüler rief Nella. Ich blieb eine Zeitlang allein. Die Gedanken wirbelten durch meinen Kopf; mir war so seltsam zumute, daß ich dies in Worten nicht auszudrücken vermag. Weshalb eigentlich? Es war doch nichts Besonderes vorgefallen. Netti war ein freier Mensch, hatte als freier Mensch gehandelt. Letta ist ihr Mann gewesen? Ich hatte ihn stets verehrt, für ihn warme Zuneigung empfunden, hätte ihn selbst dann geliebt, wenn er sich nicht für mich geopfert haben würde. Netti war also gleichzeitig mit zwei Genossen verheiratet gewesen? Ich hatte immer gefunden, daß die Monogamie in unserer Welt ausschließlich den wirtschaftlichen Bedingungen entspringe, die den Menschen bei jedem Schritt begrenzen und hemmen. Hier existierten diese Bedingungen nicht, auf dem Mars herrschten andere Verhältnisse, die dem persönlichen Gefühl und den persönlichen Verbindungen keine Fesseln anlegten. Woher kam aber meine Erregung und der unbegreifliche Schmerz, über den ich aufschreien, dann aber wieder lachen hätte mögen? Konnte ich das, was ich _dachte_, nicht auch _fühlen_? Anscheinend nicht. Und mein eigenes Verhältnis zu Enno? Wo blieb da meine Logik? Und was bin ich eigentlich? Welch törichte Stimmung!
Ach ja, und auch dies berührte mich peinlich: weshalb hatte Netti nicht mit mir darüber gesprochen? Wie viele Geheimnisse, wie viel Betrug umgeben mich noch? Wie viele harren meiner in der Zukunft? Aber nein, auch dies stimmt nicht! Geheimnisse, ja, aber kein Betrug. Ist aber nicht auch schon das Geheimnis ein Betrug?
Derartige Gedanken wirbelten durch meinen Kopf, als sich die Tür öffnete und Nella zurückkam. Sie las augenscheinlich von meinen Zügen ab, wie schwer mir ums Herz war, denn der Ton, mit dem sie sich an mich wandte, war frei von Strenge und Kälte.
»Es ist natürlich schwer«, meinte sie, »sich an die völlig fremden Lebensbedingungen und an die Sitten einer anderen Welt zu gewöhnen, mit der Sie keine Blutsverwandtschaft verbindet. Sie haben bereits in dieser Beziehung manchen Sieg errungen, finden Sie sich nun auch in diese Dinge. Netti glaubt an Sie, und mir scheint, daß sie recht hat. Ist etwa Ihr Vertrauen zu Netti, Ihr Glaube an sie schwankend geworden?«
»Weshalb verbarg sie diese Tatsache vor mir? Wo blieb da ihr Glaube? Ich begreife sie nicht.«
»Ich weiß nicht, weshalb sie so handelte. Doch bin ich davon überzeugt, daß sie hierfür gewichtige und edle Gründe hatte, es keineswegs aus kleinlichen Motiven tat. Vielleicht vermag Sie dieser Brief aufzuklären. Sie ließ ihn mir für den Fall zurück, daß wir ein derartiges Gespräch führen sollten, wie wir es heute taten.«
Der Brief war in meiner Muttersprache geschrieben, die Netti so gut beherrschte. Ich las folgendes:
»Mein Lenni! Ich sprach niemals mit Dir über meine früheren persönlichen Verhältnisse, doch geschah es keineswegs deshalb, weil ich Dir irgendetwas aus meinem Leben verheimlichen wollte. Ich vertraue fest auf Deinen klaren Kopf und Dein edles Herz; zweifle gar nicht daran, daß Du, wie auch immer fremd und ungewohnt unsere Sitten für Dich sein mögen, sie zu verstehen und richtig zu werten vermagst.
Eines jedoch fürchtete ich ... Nach der Krankheit kehrte Deine Arbeitskraft rasch zurück, jenes seelische Gleichgewicht hingegen, von dem in jeder Minute die Selbstbeherrschung in Wort und Tat abhängt, hast Du noch nicht völlig wiedererlangt. Würdest Du Dich, beeinflußt vom Augenblick und von der elementaren Gewalt, die in der Tiefe jeder Menschenseele verborgen liegt, mir gegenüber wie gegen eine schlechte Frau verhalten, die sich aus der Vergewaltigung und Sklaverei der alten Welt befreit hat -- Du würdest es Dir selbst niemals verzeihen. Ja, Teuerster, ich weiß es, Du bist gegen Dich selbst streng, bisweilen sogar grausam -- diesen Zug brachtest Du aus Eurer harten Schule mit, aus den jahrhundertealten Kämpfen der Erdenwelt -- eine einzige Sekunde böser, schmerzlicher Entzweiung würde genügen, um in Deinem Herzen auf unsere Liebe für immer einen dunklen Schatten zu werfen.
Mein Lenni, ich will und kann Dich beruhigen. Möge in Deiner Seele ewig schlummern und niemals erwachen jenes böse Gefühl, das in die Liebe zu einem Menschen die Unruhe und Sorge um ein lebendiges Eigentum mischt. Ich werde _keine persönlichen_ Verhältnisse mehr haben. Das vermag ich Dir leicht und mit Bestimmtheit zu versprechen, weil im Vergleich zu meiner Liebe für Dich, zu dem leidenschaftlichen Wunsch, Dir bei Deiner großen lebendigen Aufgabe zu helfen, alles andere gering und nichtig erscheint. Ich liebe Dich nicht nur wie eine Gattin, sondern auch wie eine Mutter, die ihr Kind in ein neues und ihm fremdes Leben einführt, das voller Gefahren und Mühen ist. Diese Liebe aber ist stärker und tiefer, als irgendeine andere Liebe zwischen Mensch und Mensch. Deshalb bedeutet auch mein Versprechen kein Opfer.
Auf Wiedersehen, mein teueres, geliebtes Kind, Deine Netti.«
Als ich den Brief zu Ende gelesen hatte, blickte mich Nella fragend an.
»Sie hatten Recht«, sprach ich und küßte ihr die Hand.
Auf der Suche
Der oben geschilderte Vorfall ließ in meiner Seele das Gefühl tiefster Demütigung zurück. Noch weit schmerzlicher als früher empfand ich die Ueberlegenheit meiner Umgebung, in der Fabrik und überall. Zweifellos übertrieb ich diese Ueberlegenheit sowie das Gefühl der eigenen Schwäche. Ich begann in der mich umgebenden Dienstbereitschaft und Fürsorge eine leichte Färbung halb verächtlicher Herablassung zu sehen, in der vorsichtigen Zurückhaltung meiner Arbeitsgefährten eine heimliche Abneigung gegen das niedrigere Wesen. In einer derartigen Stimmung verlor ich die Fähigkeit genauer Beobachtung und richtiger Wertung.
In allen anderen Beziehungen blieben meine Gedanken klar, arbeiteten nun vor allem an dem Problem, das sich auf Nettis Abreise bezog. Ich fühlte immer stärker die Ueberzeugung, daß es für Nettis Teilnahme an der Expedition ein mir noch unbekanntes Motiv gab, eines, das stärker und gewichtiger war, als jene, die sie mir gegenüber vorgebracht hatte. Der neue Beweis von Nettis Liebe und von der ungeheueren Bedeutung, die sie meiner Mission, die zwei Welten einander nahe zu bringen, beilegte, bestärkte mich in der Annahme, daß sie sich ohne zwingende Gründe nicht entschlossen haben würde, mich für lange Zeit auf dem tiefen, durch Sandbänke und Klippen gefahrvollen Meer des fremden Lebens allein zu lassen, mußte doch ihr heller und scharfer Verstand besser als jeder andere begreifen, welche Gefahren mich hier bedrohten. Es gab _etwas_, um das ich nicht wußte, doch war ich fest überzeugt, dieses Etwas stehe in enger Verbindung mit mir, und es sei nötig, um jeden Preis zu erfahren, worum es sich handle.