Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Part 9

Chapter 93,675 wordsPublic domain

»Wenn ich nicht Dieb aus Beruf wäre, würde ich es aus Neigung sein. Ich habe alle Vorteile und Nachteile der anderen Berufszweige gegen einander abgewogen und gefunden, daß das Stehlen immer noch das beste ist ... Ich weiß wohl, daß wir im Gefängnis enden können, aber von 18000 Dieben, die in Paris sind, ist nicht ein Zehntel im Gefängnis, folglich genießen wir neun Jahre in Freiheit gegen eines im Gefängnis. Und wo ist der Arbeiter, der nicht eine arbeitslose Periode hat?... Und wenn wir schließlich eingekerkert werden, so leben wir auf Kosten der andern, man kleidet, speist und wärmt uns, und alles zu Lasten derer, die wir bestohlen haben. Und ich gehe noch weiter: Während unseres Aufenthaltes auf der Galeere oder im Gefängnis vervollkommnen wir uns und bereiten neue Mittel, die uns Erfolg verbürgen, vor.«

Es ist meine Pflicht, das Benehmen des vorzüglichen Direktors Herrn B... zu rühmen, der daran dachte, den Kalabresen die Dienststellen zu überweisen. Die Unterwärter hatten einen Lohn von sechs Lire monatlich, einen halben Liter Wein täglich und die Krankenkost, ausgenommen das Brot, welches sie =gemeinschaftlich hatten=[25].

[25] Viele der Stellen, die im Manuskript unterstrichen waren und in gesperrtem Druck erscheinen, waren es augenscheinlich in der Absicht, sie als den Schreiber nicht befriedigend und darum einer Korrectur bedürftig zu kennzeichnen. Vielleicht rührt das Unterstreichen auch von Personen her, denen das Manuskript zum Lesen gegeben wurde.

Die Zimmerältesten waren alle Kalabresen und hatten einen Lohn von drei Lire monatlich, ebenso die Zimmerkehrer.

Die Köche waren Gefangene, sie genossen die Freiheit, begaben sich mit einem Wärter in die Stadt, um Einkäufe zu machen und den Kessel, aus dem die Suppe gereicht wurde, aus einem Gefängnis ins andere zu tragen; sie bekamen sechs Lire monatlich, ohne das, was sie stahlen. Die kalabresischen Gefangenen wurden vom Direktor sehr geliebt und geachtet, wie auch von den Wärtern und den apulischen Gefangenen -- sie waren gefürchtet, denn mehr als einer war in den Krankensaal gekommen, um sich den Kopf oder eine Wunde zwischen den Rippen verbinden zu lassen.

Das Wechselfieber suchte uns heim, uns arme hilflose Geschöpfe!

Der Krankensaal war voll von Kranken, so daß alle fünfunddreißig Betten belegt waren und die andern in den Zimmern selbst behandelt werden mußten. Mehr als zwanzig ließen ihr Leben, ob nun der elende Arzt, ein schläfriges Vieh, die Ursache war oder die nicht regelrechte Medizin oder Verpflegung; Thatsache ist, daß die Ärmsten erbarmungslos sterben mußten.

Auch ich wurde ein Opfer des Fiebers und kam in den Krankensaal; ich war so hinfällig, daß ich das Essen nicht verdauen konnte und es wieder ausbrach, wenn ich es kaum gegessen hatte, lange und starke Delirien überkamen mich. Das Chinin hatte keine genügende Kraft mehr, um das traurige Übel zu entfernen, in der Milz empfand ich heftige Stiche und brennende Schmerzen. Einige Tage, als ich im Krankensaal war, bemerkte ich, wie der Oberwärter mit seinem Messer den Kalk von der Wand abkratzte und ihn mit dem Chinin mischte; das entsetzte und empörte mich nicht wenig, so daß ich eine Eisenstange aus dem Bett losriß und ihm zwei gute Hiebe über den Rücken und auf den Kopf gab, so daß er wie ein Mondsüchtiger auf der Erde herumrollte; wenn mir nicht ein anderer Kranker den Arm gehalten hätte und mich nicht, um Hilfe rufend, wie mit eisernen Klammern umschlossen hätte, dann hätte ich ihn sicher kalt gemacht.

Es kam alles zur Kenntnis des Direktors, der ihn sofort aus dem Krankensaal entfernen ließ, während einige Tage darauf ein Kalabreser ihn mit der Klinge eines Rasiermessers gehörig auf beide Wangen zeichnete, so daß er ein Auge verlor -- zum Andenken an seine Schändlichkeit.

Ein alter kalabresischer Priester, der zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt war, übernahm den Posten als Oberwärter.

Zwischen dem Direktor, dem Arzt und dem Chef der Wache wurde beraten und beschlossen, daß die vom Wechselfieber ergriffenen Kalabreser nach der Strafanstalt geschickt werden sollten.

Es wurde in diesem Sinne ans Ministerium geschrieben, nach wenigen Tagen begannen sie, nach ihrem Bestimmungsort abzureisen.

Ich blieb allein zurück, aber die zwanzig Betten der Kalabreser in meinem Zimmer wurden mit apulischen Gefangenen belegt.

Krank und elend wie ein Leichnam bat ich den Direktor, mich nicht abreisen zu lassen, denn eine bessere Pflege und so gute Vorgesetzte fand ich nicht wieder.

Die zwanzig Apulier waren sämtlich Angeschuldigte, Landleute, unwissend und dumm; keiner konnte lesen und schreiben; ich besorgte täglich ihre Briefe, wurde ihr Schreiber, machte mich zu ihrem Schulmeister, um ihren blöden Verstand einigermaßen zu schärfen, besorgte die Briefe an ihre Familien, ihre Anwälte, die Bittschriften an den Staatsanwalt, um die Entscheidung ihrer Sachen zu beschleunigen; dafür beschenkte mich der eine mit Wein, der andere mit Cigarren, der dritte mit Obst und Eßwaaren; sie liebten und achteten mich wie einen Gott. Wenn ihre Familien nach Lucera kamen, um ihre Anverwandten zu sehen, so brachten sie in ihren Ranzen Käse und andere schöne Sachen mit. Sie nahmen alles, legten es auf mein Bett und sagten:

»Meister, alles dies gehört Ihnen, machen Sie damit, was Ihnen am besten dünkt.«[26]

[26] Dies bestätigt die Vermutung, daß M... ein Haupt der Camorra war. Die Halbbildung einzelner Gefangener war eine derartige, daß sie sie gegenüber dem Analphabetismus der Menge stark und mächtig machte. Es genügt, über diesen Gegenstand das Kapitel bei Alongi zu lesen: _Camorristi letterati e causidici_ (a. a. O.). Der Titel »Meister«, der M... gegeben wurde, ist gerade der, den man den Häuptern der Camorra gab.

Und ich verteilte es unter alle, und sie waren dankbar und zufrieden.

Die vollständigste Harmonie und Liebe herrschte unter uns, ich fühlte mich glücklich, mich unter so vielen guten Jünglingen zu sehen.

Der Direktor ruft mich und sagt:

»M..., Sie sind von nun an Zimmerältester in Ihrer Stube.«

»Ich danke«, antwortete ich, »aus persönlichen Gründen kann ich dieses Amt nicht annehmen, was brauchen wir einen Zimmerältesten, wenn wir eine Familie sind und uns alle wie die Brüder lieben?«

»Es ist der Regel wegen, ein Zimmerältester muß sein, und Sie müssen es werden.«

»Wie Sie meinen, Herr Direktor.«

Den anderen Zimmerältesten gab er monatlich drei Lire; mir wies er auf mein Konto alle Monate fünf Lire an, zwölf Lire hatte ich von Hause monatlich, fünf gab mir der Direktor, mit siebzehn Lire monatlich ging es mir vorzüglich.[27]

[27] Und dann sagt man, daß die Gefängnisse Strafanstalten sind, bei diesen übermäßigen Lobsprüchen!

Ich blieb acht Monate bei diesen braven Apuliern; das Fieber verließ mich nicht, ich sah aus wie Haut und Knochen, meine Augen lagen tief in den Höhlen und waren halb erloschen, die Wangen dürr und eingefallen, ohne physische und geistige Kraft.

Der Arzt ordnete an, daß ich in das Gerichtsgefängnis überführt würde, der Luftveränderung wegen; ich kam dorthin und da die Zimmer zu ebener Erde feucht und dunkel waren, wurde ich noch kränker.

Während ich in diesem Gefängnis war, ereignete sich ein Vorfall, den ich erzählen möchte.

Ein alter Mann und sein Sohn wurden in öffentlicher Verhandlung abgeurteilt; der Gerichtshof verurteilte den Vater zu fünfzehn, den Sohn zu zehn Jahren Zwangsarbeit; der Alte sagte zum Vorsitzenden:

»Diese fünfzehn Jahre werden Sie für mich abmachen!«

Als sie ins Gefängnis gebracht waren, war der Alte heiter und lächelnd, als ob er in Freiheit gesetzt wäre und sagte, daß er mit der Strafe zufrieden sei. Abends gingen alle in den Hof, um Luft zu schöpfen; der Alte wollte nicht mitkommen und blieb allein im Zimmer; aus dem Strick, an dem die Lampe hing, machte er eine Schleife, befestigte sie an einem großen Nagel, an dem die Lampe in die Höhe gezogen wurde, steckte den Kopf hinein und baumelte sich auf wie eine Wurst.[28] Nachdem die Freistunde beendet ist, treten wir ins Zimmer und sehen den Alten baumeln, mit der Zunge aus dem Halse, mit hervorgequollenen Augen und leichenblassem Gesicht. Er war tot!

[28] Die moralische Unempfindlichkeit des M... wird durch seine Ausdrucksweise bestätigt. Für ihn ist nur das schändlich, was zu seinem Nachteil geschieht. Hingegen bezeichnet er als »gut« die Wunden, die er einem andern beibringt, die Hiebe mit einer Eisenstange, die er auf den Kopf eines Krankenwärters niedersausen ließ.

Der Richter und die anderen Beamten kamen, er wurde abgeschnitten und weggetragen.

Der anwesende Staatsanwalt nähert sich dem Nagel an der Wand, um ihn zu untersuchen und findet folgende mit Bleistift in großen Lettern geschriebene Worte:

»Der Schurke von Staatsanwalt wird die fünfzehn Jahre Zwangsarbeit für mich abmachen; er sei verflucht!«

Ich wurde zum Gefängnis San Domenico zurückgebracht, aber das verfluchte Fieber hatte sich bei mir festgebissen.

Man erlaubt mir, in die Stadt zu gehen, ich begebe mich in ein Wirtshaus und esse, und gehe dann auf dem Lande spazieren, betrachte die Natur, die Schlechtigkeit der Menschen, die Güte und Barmherzigkeit Gottes; aber die Gunst, die mir der brave Signor B... erweist, ist vergebens, denn ich werde immer kränker und immer stärker werden die brennenden Schmerzen in der Brust.

Der Arzt und der Direktor ersuchten mich, eine Eingabe an das Ministerium zu machen, um nach Kalabrien überführt zu werden; der Direktor versprach mir, mein Gesuch zu unterstützen und alles zu thun, daß meine Bitte erhört werde. Ich reichte das Gesuch ein; nach einigen Tagen sollte ich mit einem besonderen Transport abreisen.

Der Direktor gab mir bekannt, daß ich den Rest meiner Strafe in Trogen verbüßen sollte.

Zwanzig Monate war ich in Lucera gewesen; gesund, kräftig und lebensfroh kam ich hin, elend, schwach und sterbenskrank ging ich von dannen.

Ich umarmte meine lieben Genossen, empfing fünfundvierzig Lire, die auf meinem Konto standen, steckte mir zwanzig Chininpillen in die Tasche und nachdem ich mich von den guten Vorgesetzten verabschiedet hatte, reiste ich mit Thränen auf den hageren Wangen im Wagen nach Foggia ab, von zwei Karabinieri begleitet.

In diesem Gefängnis, wo der Gefangene Paolo Pescari, der Picciotto aus Foggia, mir die fünf Lire abgenommen hatte, nahm ich nachts die zwanzig Chininpillen ein, ein letzter Versuch, das Fieber zu bannen.

Tags darauf reiste ich mit der Eisenbahn nach Neapel, so dieselbe Reise zurückmachend, die ich vor einundzwanzig Monaten hin gemacht hatte.

Man sperrte mich in das Gefängnis del Carmine in Neapel, wo ich den unglücklichen Perrone vor dem Messer des berühmten Camorristen Sansosti gerettet hatte.

In der Strafanstalt.

Ich blieb eine Nacht in dem Durchgangszimmer des Gefängnisses del Carmine in Neapel und fand dort eine camorristische Gesellschaft von Neapolitanern und Sizilianern; sie wußten von meinem Kommen und kannten die Erkennungsrechte.[29] Am Morgen wurde ich in das Amtszimmer des Wachtmeisters gerufen, wo ich zwei Karabinieri fand, die mich transportieren sollten; man gab mir mein Geld, das ich bei meinem Eintritt abgegeben hatte, fesselte mich und fort ging's. Wir nahmen auf einem Wagen Platz, während ein Karabiniere sagte:

»Der Weg ist recht lang.«

[29] Die »Erkennungsrechte« sind die Handlungen, durch welche der neuangekommene Camorrist zeigt, daß er die Autorität des Vorgesetzten und die camorristische Hierarchie anerkennt.

Der Kutscher fragte:

»Wohin geht es?«

»Nach der Strafanstalt Santa Maria Apparente«, erwiderte ein Karabiniere.

»Wie?« sagte ich verwundert, »Santa Maria Apparente? Sie irren, ich soll nach Kalabrien.«

»Nach Kalabrien?«

Er öffnet seine Tasche, die er an der Seite hatte, nimmt eine Papierrolle heraus, untersucht sie und sagt:

»Wie heißen Sie?«

»M..., Antonino mit Vornamen.«

»Zu wieviel Jahren sind Sie verurteilt?«

»Fünf Jahre.«

»Von den Assisen zu Monteleone?«

»Zu Monteleone.«

»Wer hat Ihnen gesagt, daß Sie nach Kalabrien sollten?«

»Der Direktor des Gefängnisses in Lucera, wo ich war.«

»Der Direktor hat Sie zum besten gehabt.«

»Zum besten gehabt!« Wie mir in jenem Augenblicke war, kann ich nicht beschreiben, ich ergab mich in mein grausames Schicksal.

Wir kamen in der Strafanstalt an; der Oberwärter und andere Wärter bemächtigen sich meiner, führen mich in ein leeres Zimmer und lassen mich eine gute halbe Stunde warten, dann werde ich in das Bureau des Chefs der Wache gerufen, der meinen Namen und Vornamen, Signalement u. s. w. in ein dickes, staubiges Register einträgt, dann fragt er:

»Haben Sie Geld?«

»Etwas.«

»Schön, geben Sie es hier ab.«

Er nahm mein Geld und legte es auf den Tisch.

»Sie heißen M..., nicht wahr? Von jetzt ab verlieren Sie diesen Namen und heißen Nummer =fünfhundertneunundneunzig=. Begriffen?«

»Ja.«

»Wenn Sie wieder frei sind, erhalten Sie den Namen Ihres Vaters wieder.«

Er läutet eine Glocke, die auf dem Tisch steht, sofort erscheint ein Wärter.

»Sie befehlen?«

»Führen Sie den Gefangenen ins Bad.«

»Vorwärts, 599, kommen Sie mit!« sagt der Wärter.

Ich folgte ihm durch mehrere Korridore, bis er ein eisernes Gitter öffnet und schließt.

Grabesstille herrschte in diesen Mauern, sie schienen von niemandem bewohnt zu sein.

Der Wärter führt mich in mein Zimmer, wo ein Untergebener, zwei Gefangene und eine mit frischem und krystallklarem Wasser gefüllte Wanne sich befanden.

»Schnell, 599«, sagt der Wärter, »kleiden Sie sich aus und steigen Sie ins Bad!«

Ich kleide mich aus und setze mich in die Wanne; das Wasser ging mir bis an die Schultern, glücklicherweise waren wir in der heißen Jahreszeit. Nachdem ich fünf Minuten im Wasser gewesen war, um mir etwas zu verschaffen, das ich nicht nennen darf, fingen die zwei Gefangenen, die jeder eine rauhe Bürste in der Hand hatten, an, mich zu =striegeln= und =striegelten= mich ungefähr eine halbe Stunde lang, dann sagte der Beamte:

»Genug; 599, kommen Sie heraus.«

Ich kletterte aus der Wanne und stand nackt und triefend da. Nicht zufrieden damit, daß sie mir die Schultern und den Rücken =gestriegelt= hatten, wollten sie mir jetzt noch die Beine, den Bauch und den ganzen übrigen Körper striegeln. Ich trockne mich mit einem Tuch ab und denke: Was zum Teufel ist das für ein Ort, wo die Christenmenschen wie die Pferde gestriegelt werden; das mußte ich erst noch erleben, ehe ich sterbe: mich in einen Bottich mit Wasser zu setzen und mich zu striegeln! Schön, reizend, wahrhaftig!!!

Hier stelle ich ein in die Schwemme gerittenes Pferd dar, ich bin neugierig, was sie von mir wollen.

»Kleiden Sie sich an«, sagt der Beamte, »dort sind Ihre Kleider.«

Es war ein vollständiger Anzug mit einem Paar neuer Schuhe, einem Hemd, einer kaffeebraunen Cravatte, einer Jacke, Weste, Hosen und einer Mütze, alles dunkelbraun.

Ich kleide mich an und frage dann:

»Und meine Kleider?«

»Sind im Lagerraum«, sagt der Beamte. »Wenn Ihre Strafzeit zu Ende ist, bekommen Sie sie zurück.«

Sie führten mich durch dieselben Korridore, wir stiegen verschiedene Treppen hinauf und man schloß mich in eine Zelle ein, indem man mir sagte:

»Nachher wird der Arzt kommen, um Sie zu untersuchen, auch der Barbier wird kommen, um Sie zu scheeren und zu rasieren; dieser Schnurrbart steht Ihnen nicht!« --

Bald nachher öffnete sich die Thür, zwei Gefangene brachten mir das Bett und Decken, dann erscheint der Barbier, der ein Gefangener war. Ich setze mich auf das Bettgestell und der Barbier beginnt sein Werk; mitten in der Arbeit sagt er:

»Ich weiß, wer Sie sind -- das Losungswort?«

»Recht und Brüderlichkeit«, antworte ich.

»Recht und Brüderlichkeit werden Sie finden. Das Haupt der Gesellschaft, D. Gennarino, mit der Registernummer 188, läßt Sie grüßen.«

»Bestellen Sie ihm meinen Gruß.«

»Wenn Sie etwas brauchen -- nachher wird ein Wärter kommen, dem teilen Sie es mit.«

»Sehr wohl, grüßen Sie die Genossen.«

»Wir erwarteten Sie, wir wußten von Ihrem Kommen, aus Lucera hatte man es uns geschrieben.«[30]

[30] Diese Dinge, so unwahrscheinlich sie sind, bestehen noch von einem Gefängnis zum andern, die Camorra unterhält noch ihre Verbindungen, indem sie sich der Auswechslung von Gefangenen und sogar der Versetzung von Wärtern bedient.

»Das Haupt der Camorra«, schreibt Pucci (_Archivio di Psichiatria_; a. a. O.), »muß von allen Neuigkeiten, die in den verschiedenen Zimmern vorkommen, unterrichtet sein; diese Informationen werden durch Billets ermittelt, und wenn das nicht möglich ist, wird eine Krankheit fingiert und man begiebt sich in das Zimmer, wo das Haupt sich befindet.« Die Weise, in der M... von diesen Dingen spricht, als ob sie die natürlichsten von der Welt wären, ist der beste Beweis, wie sie eingewurzelt waren. Auch dem Zellengefängnis ist es nicht möglich gewesen, das Übel zu beseitigen. »Ich habe in dieser Hinsicht Gefangene, Wachtbeamte und gut unterrichtete Personen gefragt«, schreibt Alongi (_La Camorra, Turin, Bocca 1890_), »und alle versicherten mich übereinstimmend, daß die Camorra in den süditalienischen und sizilianischen Gefängnissen noch existiert und mächtig ist.« Die neuerlichen Prozesse in Bari gegen die _Mano fraterna_ beweisen es.

Die Erzählung des M... ist ferner ein neuer Beweis für das, was Lombroso in seinen _Palimsesti del Carcere_ (_Turin, Bocca 1891_) zu beweisen versucht hat, daß gerade die Ziele der Zellengefängnisse diejenigen sind, die am wenigsten erreicht werden. Die vollständige Abgeschlossenheit wird sich nimmer erreichen lassen: was für Mittel man auch anwenden mag, man wird immer gegen die instinktive Schlauheit der Verbrecher ankämpfen müssen, gegen den Scharfsinn, den die Einsamkeit entwickelt, indem sie ihm das erste und nötigste Element, die Geduld, verleiht. _Le génie c'est de la patience_, hat Buffon geschrieben, und obgleich diese Maxime bekämpft worden ist, so ist doch unleugbar, daß die erzwungene Einsamkeit zum Nachdenken und Sinnen anregt. Und so gelangt der Verbrecher dahin, den besten Anordnungen, der strengsten Überwachung nur raffiniertere Mittel entgegenzustellen. Und es verlohnt sich hier, eine Stelle aus Alongi zu citieren, über den heutigen Stand der Mittel, durch welche von einer Zelle zur andern korrespondiert wird. »Der Post- und Telegraphendienst von einer Zelle zur andern, vom Gefängnis nach außerhalb, ist mit einer Genauigkeit eingerichtet, die bewunderungswürdig wäre, wenn sie nicht entsetzlich wäre. Lange Gespräche und lange Mitteilungen gelangen von einem Saal zum andern; es giebt ein Alphabet mit den Fingern, eines mittelst Schlagens an die Mauern. Jeder Saal hat seine Telegraphenbeamten. Man wird einwerfen, daß dies System nur bei zwei aneinanderstoßenden Sälen bequem ist. Aber man vergißt, daß jeder Saal seine Telegraphenbeamten hat, so daß ein von einem Saal zum andern befördertes Telegramm bequem bis zum entferntesten gelangen kann. Aber das erfordert Zeit! Und fehlt die vielleicht dem Gefangenen? Wie kann er die Stunden der Muße besser anwenden? Und was liegt an einer oder zwei Stunden, wenn man sich auf diese Weise mit einem Mitangeklagten unterhalten kann, den die Justiz in ihrem unendlichen Scharfsinn geschickt isoliert zu haben glaubt. Man glaubt kaum, wie sehr der Kerker und die Müssigkeit, die dort herrscht, den Geist der Geduld, List und scharfsinnige Verschlagenheit entwickeln. Die konventionellen Mittel, Chiffern und Zeichen, welche die Verliebtheit zweier Liebenden ersonnen hat, um sich trotz der vieläugigsten und eifersüchtigsten Wachsamkeit zu verständigen, sind ein Kinderspiel im Vergleich zu den Erfindungen der Gefängnisse. Die Säume und Nähte der Wäsche sind wahre Postkisten, die lange Papierstreifen enthalten, vermittelst deren die Korrespondenz der Gefangenen mit einer Präzision und Heimlichkeit hin und hergeht, die man im amtlichen Postdienst nicht findet. Und wenn Ihr sie gefunden habt, so könnt Ihr nichts lesen, denn die Tinte wird durch Citronensäure ersetzt, die blos an der Wärme erscheint, und wenn Ihr auch das wißt, so nützt es Euch nichts, denn die Worte haben eine näher vereinbarte Bedeutung, auch sie sind Chiffern, zu denen Euch der Schlüssel fehlt.«

Und dies ist keine Übertreibung; es ist bekannt, was für vorzügliche Kommunikationsmittel für Mitteilungen sowohl im Zellengefängnis zu Mailand, wie in der Generala zu Turin die Leitungsröhren der Heizung und die Latrinen waren.

Und um diese schon etwas lange Anmerkung zu schließen, will ich hier eine Probe des seltsamen telegraphischen Alphabets geben, das in den Gefängnissen im Gebrauch ist. Die Zahlen geben die Schläge an.

1--1=a; 1--2=b; 1--3=c; 2--1=g; 2--3=h; 3--1=m; 3--2=n; 4--1=r; 4--2=s; 4--3=t u. s. w.

Damit ging der Barbier weg, der Schneider kam, um mir auf den linken Ärmel der Jacke die Nummer 599 in großen roten Ziffern zu nähen, die auf ein viereckiges Stück Tuch gestempelt waren.

»Ihr Losungswort?« sagte er.

»Recht und Brüderlichkeit.«

»Ihr Landsmann Borghese, mit der Registernummer 56, grüßt Sie und freut sich, Sie zu umarmen, er ist Haupt der Gesellschaft und freut sich, einen neuen Adepten aufzunehmen; später wird sich ein Wärter zu Ihrer Verfügung stellen.«

»Ich danke meinem Landsmann von Herzen und unterwerfe mich seinen Befehlen, aber bitte sagen Sie mir, warum hat man mich hierher geschickt?«

»Die Vorschriften der Anstalt gebieten es; jeder Neuling muß in einer Zelle abgesondert werden und wird behandelt wie alle anderen Gefangenen: jeden Morgen spricht der Arzt vor, um den Ankömmling genau zu untersuchen, aus Besorgnis, daß irgend eine ansteckende Krankheit sich entwickeln könnte. Wenn der Monat der Einzelhaft um ist, macht der Arzt dem Direktor Mitteilung; ist der Neuankömmling krank, so wird er im Krankenhaus untergebracht, ist er gesund, so kommt er mit den anderen Gefangenen zusammen.«

»So muß ich einen Monat hier bleiben?«

»Gewiß.«

Wenn ich daran dachte, daß ich einen Monat hier allein in der engen Zelle eingeschlossen verbringen sollte, dann empörte sich mein Gemüt und ich verfluchte wiederholt den Direktor des Gefängnisses zu Lucera, Herrn B...[31], der mich zum besten gehabt hatte, wie jener Karabiniere sagte.

[31] Charakteristisch für den geborenen Verbrecher ist seine geringe Zuneigung. M..., der erst nur begeisterte Worte und Segenswünsche für den Direktor des Gefängnisses in Lucera hatte, verflucht ihn jetzt wiederholt. Wahrscheinlich machte dieser den M... glauben, daß er nach Kalabrien gebracht werden solle, um ihn gutwillig zur Abreise zu bestimmen, da M... in seiner Eigenschaft als einflußreicher und gefürchteter Camorrist irgend welchen Aufstand hätte hervorrufen können.

Man muß wissen, daß ich, nachdem ich in Foggia fortging und die zwanzig Chininpillen genommen hatte, kein Fieber mehr hatte; ich glaube, es ist die Luftveränderung gewesen. Der Arzt kam, Herr Biondi, ein Neapolitaner, ein schöner Mann mit langem schwarzen Bart und einer blitzenden Brille auf der Adlernase; ich muß mich nackt ausziehen, und er untersucht mich langsam von Kopf bis zu Fuß, bald meine Haut, bald meine Augen, Nase, Stirn und so weiter betrachtend; dann legt er das Ohr an meine Brust und meinen Rücken und sagt:

»Sagen Sie drei!«

»Drei, drei, drei«, sage ich.

Und ich denke, warum drei und nicht vier oder zwanzig oder hundert. Will sich der elende Schüler Aeskulaps über mich lustig machen? Und ich war im Begriff, ihm einen Schlag auf die Brille zu geben.[32]

[32] Ein echt verbrecherischer Zug, der sich durch nichts rechtfertigen läßt.

»Was für eine Krankheit haben Sie gehabt?«

»Das Wechselfieber, einundzwanzig Monate lang.«

»Wo waren Sie?«

»In Lucera della Puglia.«

»Sie sind sehr zurückgekommen, wir werden Sie aber gesund machen, hier, da Sie nach dem Reglement nicht in das Krankenhaus dürfen; fassen Sie Mut, bald sind Sie geheilt.«