Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...
Part 7
Es konnte ungefähr sechs Uhr sein, als eine Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr und Karabinieri das Haus umstellten. Die Thür unseres Zimmers öffnet sich, es tritt der Chef mit zehn Karabinieri mit aufgepflanztem Bajonett herein, wir müssen uns paarweise in Reihen aufstellen, wir werden untersucht und es wird entdeckt, daß wir mit langen Dolchen bewaffnet sind.
Der Anführer stößt von außen mit einem Gewehrkolben gegen die Mauer des Abtritts und die schwache Kalkkruste geht in Stücke.
Der Abtritt wird untersucht, unsere Arbeit entdeckt, man findet die Meißel, die Stangen und Hämmer, die im Kot begraben lagen. Wir werden mit Eisen und Handschellen und starken Ketten gebunden und der Chef der Wache frägt:
»Wer heißt hier Antonino M...?«
»Ich, Herr«, antwortete ich.
»Wächter«, befiehlt der Anführer, »lassen Sie den Gefangenen M... in das obere Zimmer gehen, aber bewachen Sie ihn gut!«
Dank meinem Verwandten Michele Accorinti ging ich frei aus, denn nachher habe ich erfahren, daß die armen Teufel tüchtig geprügelt wurden und als am folgenden Tage der Dampfer auf der Rhede vorbei kam, mußten sie unter strenger Aufsicht nach ihrem Bestimmungsort abreisen; die Angeschuldigten nach Monteleone mit warmen Empfehlungen von dem Direktor und dem Chef.
Ich vergaß dem Leser mitzuteilen, daß ich während der Zeit, da ich in dem Gefängnis zu Catanzaro war, eine lebhafte Korrespondenz mit Vincenzina unterhielt und daß, als ich in Monteleone ankam, mein Onkel, der Priester und meine Verwandten mir drohten, daß sie mich meinem Schicksal überlassen würden, wenn ich Vincenzina nicht verließe -- alles nur Verschwörung der Schurken aus Spilinga, die hofften, daß ich mit der Zeit eine ihrer Töchter heiraten würde, um mich in Schimpf und Schande zu bringen, wie sie es mit dem Laffen, meinem Bruder, gemacht hatten.
Ich war gezwungen, mich zu fügen, und dann dachte ich: Ich komme vor Gericht unter einer nicht leichten Anschuldigung, wer weiß, was für Folgen mir in der Hinsicht begegnen können. Die arme Vincenzina mußte inzwischen warten, wer weiß wie lange. Wer kann die Wechselfälle des Lebens erforschen?
Wenn ich die Strafe verbüßt hatte, mußte ich Soldat werden und zwar erster Klasse des Jahrgangs 1850. Was konnte mir beim Militär begegnen? Unter einem so strengen Regiment war es bei meinem erregbaren Temperament leicht möglich, daß ich neuer Schande entgegenging.
Ich schrieb Vincenzina einen Brief, in welchem ich ihr mein trauriges Mißgeschick und die harte Folgezeit, die mir bevorstand, mitteilte; ich bat sie, mir meine Schwäche zu verzeihen, und sagte, daß wenn die Vorsehung mir geholfen hätte, bald in meine Heimat zurückzukehren, ich nicht verfehlt haben würde, ihr die Hand zu reichen, und daß ich sie noch immer liebte.
Ich sandte ihr ihren Ring zurück, indem ich sie bat, den meinen meiner Familie zuzustellen, um meine Verwandten zu befriedigen, die so empört gegen uns seien.
Die arme Vincenzina antwortete mir, daß sie alles so gemacht, wie ihr befohlen, daß sie meine traurige Lage beklage, daß sie mich als ihren Vetter immer lieben werde und daß für mich, als ihren Verlobten, ihre Liebe ewig, unerschütterlich sei, daß sie über mein trauriges Mißgeschick weine und daß sie für meine Befreiung bete.
Jetzt wollen wir den Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen. Am Sonntag nach dem, an welchem meine Gefährten abgereist waren, reiste ich nach Neapel ab, begleitet von drei Karabinieri und einem Genossen, der zu fünfzehnjähriger Zwangsarbeit verurteilt war. Er war nach dem Bagno in Favignana bestimmt und hieß Luigi Perrone aus der Provinz Cosenza und war aus wohlhabender Familie; als Angehöriger der Camorra war er wegen gewisser Vergehen, die er im Gefängnis zu Cosenza verübt hatte, von dieser Sekte dazu verurteilt, daß ihm das Gesicht zerschnitten werde, aber bis zu diesem Augenblick hatte noch kein Picciotto die Ehre gehabt, das fertig zu bekommen.
Er gestand mir, daß er in Neapel im Gefängnis del Carmina nicht mit mir in das Durchgangszimmer kommen wollte, aus Furcht, daß ich ihn verunstaltete, weil die Camorristen von seiner Durchreise benachrichtigt waren und daß er dem Oberwächter davon Mitteilung machen wolle.
Ich bat ihn mit mir zu kommen, da ich dafür einstehen würde, daß ihm nichts begegnen soll, es sei nicht schicklich für einen anständigen Picciotto, sich mit dem Oberwärter ins Einvernehmen zu setzen; eine noch schlimmere Sache könne für ihn eintreten, wenn er im Bagno sein würde; daß es meine Sorge sein solle, ihn der Gesellschaft in Favignana zu empfehlen, wo ich verschiedene Mitglieder kannte, und ich nannte ihm einige gute Camorristen von Ruf, die meine engsten Freunde waren.[15]
[15] Hieraus geht hervor, daß der Mord, wegen dessen M... unter Berücksichtigung aller mildernden Umstände verurteilt war, nicht seine einzige Unthat war, so gerne er auch seine Beziehungen zur Camorra übergeht.
Auf mein Zureden willigte er ein; in Neapel angekommen, im Gefängnis del Carmina, traten wir in das Durchgangszimmer ein: ein großes Gemach mit gewölbten Bogen und Säulen, ich glaube, in alten Zeiten ist es eine Klosterkirche gewesen; hier waren ungefähr zweihundert Passagiere, die Tag für Tag, ja Augenblick für Augenblick nach ihrem Bestimmungsort abreisten, während andere Züge von dreißig oder fünfzig Gefangenen, ihre Stelle einnahmen -- es war ein höllisches Kommen und Gehen.
Ich fand in diesem Raum einen gewissen Sansosti da Serra S. Bruno, einen berüchtigten Camorristen und ein Haupt der Gesellschaft, der zu lebenslänglichem Kerker verurteilt war und noch die Entscheidung eines anderen Prozesses erwartete, wegen eines im Bagno zu Piombino begangenen Mordes. Er war wie ein zum Galgen Bestimmter gekleidet: rote Jacke und Mütze und grüne Hosen; an den Füßen schleppte er mühsam zwei lange Ketten und große eiserne Ringe, die ein höllisches Geräusch machten. Sansosti war ein alter Bekannter von mir, der, nachdem er mich kaum gesehen hatte, herbeieilte, um mich zu umarmen und mir ins Ohr zu flüstern:
»Das Stichwort?«
»Liebe und Achtung den Gefährten, blinder Gehorsam dem Masto.«
»Liebe und Achtung hast Du, blinden Gehorsam wirst Du mir gegenüber beobachten.« Wir küßten uns, er gab mir zwei Cigarren und wir setzten uns auf die Pritsche.
»Nun, teurer Genosse«, sagte er, »erzähle mir, wie es den Gefährten in Catanzaro und Monteleone geht, ich möchte über gar vieles unterrichtet sein.«
»Lieber Sansosti, die Gefährten sind zerstreut, jener Verräter Diogene Perri hat sie verraten.«
Dann erzählte ich ihm das ganze Abenteuer mit Perri, seinen Tod und wie es den Camorristen in Catanzaro gegangen war, indem ich ihn genau über viele andere Angelegenheiten der Camorra unterrichtete. Dann sagte er:
»Und jener elende Perrone, hat man ihn nicht vorbeikommen sehen?«
Es muß erwähnt werden, daß Sansosti den Perrone nur dem Namen nach kannte; denn als Perrone sich im Gefängnis zu Catanzaro befand, war er allein in einer Zelle eingeschlossen, aus Furcht, daß die Camorristen ihn ermordeten, und Sansosti hatte ihn niemals gesehen.
»Mir scheint, er ist abgereist«, antwortete ich Sansosti.
»Das glaube ich nicht, bei Gott nicht. Seit sechs Monaten erwarte ich ihn schon, jeden Gefangenenzug, der ankommt, beobachte ich und erkundige mich nach jedem, der ankommt und abgeht; man sagte mir, daß er noch nicht fort sei und Du M..., hol's der Teufel, hast ihn in keinem Gefängniß getroffen? Weißt Du, was unsere Brüder im Gefängnis zu Cosenza beschlossen haben? »Wer den Picciotto Luigi Perrone verstümmelt, wird, wenn er =nicht Camorrist= ist, sofort =Picciotto di mala vita=; gehört er zur Camorra, so avanziert er zwei Grade; ist er Picciotto, so wird er =Camorrist=, ist er Camorrist, so wird er eigentlicher Camorrist; ist es der =Masto= oder auch ein Haupt der Gesellschaft, so soll er von allen und für alles unantastbar sein und überall in seinem Kreise als Haupt der Gesellschaft anerkannt werden.« Noch hat keiner von uns das Glück gehabt, aber beim Blute der Madonna, er muß hier vorbei, noch ist er nicht zurück ..., und jener Jüngling, der mit Dir kam, wer ist er?«
»Ein Freund von mir, ein braver Junge, Nicht-Mitglied der Camorra; zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt und nach der Anstalt in Aversa bestimmt.«
»Aber sage mir, M..., glaubst Du, daß dieser ehrlose Perrone noch lange hat, ehe er hier durchkommt?«
»Ich glaube, daß er mit einer anderen Abteilung kommen wird, denn in Pizzo habe ich erfahren, daß er in Catanzaro krank lag.«
»Sehr wohl; jetzt, wenn Du etwas brauchst, verfüge auch über uns; wir sind hier elf Genossen, mit Dir sind wir zwölf.«
»Lieber Sansosti, würdest Du mir einen Gefallen thun, wenn ich Dich darum bitte?«
»Sicher, bei Gott, mein Bruder!«
»Wohlan, höre mich an, und dann mach' mit mir, was Du willst. Ich, lieber Sansosti, bin nicht mehr der, als welchen Du mich einst gekannt hast; ich bin zu fünf Jahren verurteilt und habe mir vorgenommen, in Frieden in mein Haus zurückzukehren. Jetzt bin ich es müde, von der Camorra sprechen zu hören, von Picciotti, von Rechten und Pflichten. Der wahre Camorrist, der wahre Picciotto ist der, welcher geduldig seine Strafe verbüßt und dann zurückkehrt, um seine Freiheit zu genießen, anstatt in diesen entsetzlichen unheilvollen Höhlen alt zu werden.«
»Mir recht, mein lieber M..., ich habe Mitleid mit Dir, thu' was Du willst; ich will Dir Deinen schönen Entschluß nicht von der Seele reißen; aber heute Abend wirst Du mit mir speisen, damit ich Dich der Gesellschaft vorstellen kann.«
»Mach' was Du willst, Sansosti, aber es würde besser sein, mich von dieser Vorstellung zu entbinden.«
»Nein, nein; ich will es.«
Wir erhoben uns und schritten durch das von Schmutz und Ungeziefer starrende Zimmer. Perrone, der Ärmste, saß in einem Winkel, in seinem Mantel eingehüllt und zitterte bis in das Mark seiner Knochen, doch nicht vor Kälte, sondern vor Furcht.
Kaum hatte ich dem berüchtigten Camorristen entfliehen können, dem Verächter der Menschen und der Natur, als ich mich Perrone näherte; ich fand ihn bleich, entsetzt; ich sprach ihm Mut zu und teilte ihm mit, daß er von niemand gekannt sei und daß die Dinge eine gute Wendung nähmen. Der Ärmste küßte mir die Hände und umklammerte meine Knie, während zwei heiße Thränen auf meine Finger niederfielen.
Abends, um die achte Stunde, wurde eine Tafel auf einer Pritsche errichtet; wir acht Gefangenen setzten uns, denn ein Picciotto konnte nicht die Ehre haben, mit den Camorristen zusammen zu essen; am unteren Ende der Tafel wurde ihnen etwas gereicht. Während die Zähne und die Magen arbeiteten, sagte Sansosti:
»Ich stelle der Gesellschaft einen neuen Genossen, M..., vor, meinen Landsmann, den ich genau kenne; er ist hier auf der Durchreise.« Die Camorristen drückten mir die Hände und küßten mir die Wange, dasselbe that ich. Wir aßen vergnügt und tranken viel, das Mahl war reichlich, der Wein vorzüglich; dann zündeten wir die Cigarren an, gingen im Zimmer umher und sprachen von Schandthaten der Camorra.
Und wer trug die Kosten dieser ungeheuerlichen Komödie? Es waren die armen Unglücklichen, die nicht der berüchtigten Sekte der Camorra angehörten.
Ich könnte viele Episoden mitteilen, welche die verhärtetsten Gemüter erschauern machen würden, aber meine Absicht, meine Pflicht, und weil ich nicht meineidig werden will, erlauben es mir nicht, und ich übergehe sie, um nicht den Menschen und seinen Schöpfer zu verfluchen.[16]
[16] Was für moralische Widersprüche in diesem Manne! Erst sagte er, daß er sich anständig halten wolle, um ruhig nach seinem Hause zurückzukehren, dann ißt und trinkt er vergnügt und spricht von den Schandthaten der Camorra. Er enthüllt unter Namensnennung camorristische Beschlüsse und verschanzt sich dann hinter seiner Pflicht als Camorrist und hinter der Ehrfurcht vor Gott, um nicht von weiterem zu erzählen.
Vielleicht ist seine Ascetik nur eine Folge der Camorra. Die alte Camorra war in der That sehr abergläubisch und religiös; ihre Mitglieder trugen Medaillen und Rosenkränze und eine der camorristischen Zeremonien, nämlich die, um sich unsichtbar zu machen, vollzog sich in der Weise, daß man sich eine Wunde am Arm beibrachte und die geweihte Hostie darüber legte.
Nachts berieten Perrone und ich, was am folgenden Tage geschehen sollte, wenn er mit lauter Stimme von dem Gefangenenwärter zum Aufbruch aufgerufen werden würde.
Am Morgen näherte ich mich dem Ausgangsgitter und sprach mit dem Wärter, den ich fragte, ob er heute beim Aufruf der Gefangenen, die fort müssen, zugegen sein werde. Er antwortete bejahend; darauf teilte ich ihm mit, daß ein Gefährte von mir, der heute abreisen müßte, sich großer Gefahr aussetzte, wenn er entdeckt würde, und ich bat ihn, mir den Gefallen zu thun, wenn der Name Perrone an die Reihe käme, statt dessen den meinigen zu rufen, worauf Perrone, der von dem Plan unterrichtet sei, das Zimmer verlassen würde; auf diese Weise würde er für heute gerettet sein. Der Wärter gab meiner Bitte gern nach, er vermerkte mit Bleistift die Namen auf der Karte und sagte:
»Es ist in Ordnung, fürchten Sie nichts, Sie sind ein heller Kopf.«
Mittag kam heran, das Gitter wird geöffnet, der Wärter tritt mit einer Abteilung von zwanzig Gefangenen herein, er hält ein Blatt Papier in den Händen und ruft drohend:
»Ruhe, Ruhe!«
Als die Ruhe hergestellt ist, hält er sich das Blatt vor Augen und liest laut das Verzeichnis der Gefangenen vor, die abreisen mußten. Perrone stand an dem Ausgangsgitter, der Wärter rief ungefähr zehn Namen auf, dann rief er:
»M...«
Perrone stürzte hinaus und stieg eilig die Treppe hinauf, während ein anderer Wärter unten rief:
»Hierbleiben! Wohin? Hierbleiben, zum Teufel!«
Die aufgerufenen Gefangenen gingen hinaus, das Gitter wird geschlossen, ich ging mit Sansosti auf und ab, der zu mir sagte:
»Jetzt glaube ich's; er ist noch nicht durchgekommen, soviel ist sicher. Der elende Perrone, hier muß er durch; hier werden wir unsere Rechnung glatt machen, da es in Calabrien nicht möglich war, was sagst Du, M...?«
»Ich glaube es, ich glaube es gern; wenn er noch nicht durch ist, muß er noch kommen, -- wenn er nicht mit der Eisenbahn transportiert wird.«
»Mit der Eisenbahn? Du meinst, daß ihn die Regierung zum Vergnügen in Italien herumreisen lassen wird?«
»Wenn er noch nicht durch ist«, erwiderte ich, »muß er sicher hier vorbei -- aber, lieber Sansosti, was geht es Dich an, daß Perrone dem Haupt der Gesellschaft, dem Guardavalle, das Gesicht mit einem Messer aufschnitt? Was für ein Interesse hast Du daran, Dich in diese Dinge zu mischen! Genügen Dir nicht die traurigen Strafen und die Leiden, die er jetzt duldet?«
»Welche Strafen, welche Leiden? Und bist Du M..., der so spricht? Hast Du Dich seit den zwei Jahren so verändert? Haben wir nicht geschworen, die Schmach zu bekämpfen? Habe ich Dir nicht die Worte auf die Brust eingeschnitten: Tod der Schmach! Hast Du nicht mit Deinen Genossen geschworen, die Schmach auszurotten!?«
»O, damals waren andere Zeiten, ein anderes Herz schlug mir damals in der Brust, und glaube mir, Sansosti, nachdem ich die Strafe erhalten habe, habe ich Mitleid mit allen Unglücklichen und Entehrten, ich liebe sie alle wie meine Brüder, die Guten und die Bösen, die Armen und die Reichen, ob sie Genossen der Camorra sind oder nicht.«
»Nein, M..., nein; die Schmachvollen sind immer schmachvoll, sie verdienen keine Rücksicht und kein Mitleid. Erinnerst Du Dich, als ich Dir im Gefängnis zu Catanzaro einen Stoß gab? Damals kannte ich Dich nicht; und Du, der Du die Beleidigung empfandest, verschafftest Dir ein scharfes Eisen, um mich zu ermorden, während ich auf dem Abtritt meine Bedürfnisse verrichtete. Und warum? Weil ich Dich beleidigt hatte, und heute willst Du nicht, daß ein Elender, der die ganze Camorra beleidigt, verstümmelt wird.«
Das waren die Gespräche, die ich mit diesem Galeerenhunde führte in den drei Tagen, die ich im Gefängnis del Carmine war.
Ich allein, gefesselt und von zwei Karabinieri begleitet, fuhr mit der Eisenbahn in einem Wagen dritter Klasse nach Foggia, machte in Benevento Rast und setzte Tags darauf meine Reise fort. Im Gefängnis zu Foggia wurde ich in ein Zimmer zu ebener Erde gebracht; hier traf ich einige dreißig Gefangene.
Man muß wissen, daß ich ein großes dickes Buch bei mir trug, in dessen Einband eine lange Messerschneide verborgen war, ähnlich der, mit welcher die Lämmer geschlachtet werden; dieses Buch und das Messer hatte mir ein Camorrist im Gefängnis zu Pizzo geschenkt. Ich trug es bei mir, um unter Umständen Gebrauch davon zu machen ... Kaum war ich in dem Zimmer, als ich mir einen halben Liter Wein bringen ließ, den ich mit zwei Soldi bezahlte, denn der Liter kostete vier Soldi, ein ausgezeichneter Barlettawein, denn damals war die Traubenkrankheit noch nicht in Apulien aufgetreten.
Ich habe mich auf eines der Fenster gesetzt, das von außen mit Holzfachwerk verkleidet ist, damit man nicht sehen soll, was draußen vorgeht; ruhig und friedlich trinke ich meinen halben Liter Wein, um den Magen zu wärmen, der seit zwölf Stunden trocken war. Während ich den Göttertrank schlürfte, freute ich mich, daß ich müde war und mich an einem mir unbekannten Ort befand. Ein hübscher bartloser Jüngling von sechszehn bis siebzehn Jahren, anständig gekleidet und aufgeputzt wie ein Dämchen, mit einer schief auf den Kopf gestülpten roten Kappe, wie sie im Gefängnis zu Catanzaro angefertigt werden, mit Flittern von verschiedener Farbe geschmückt, nähert sich mir und sagt:
»Freund, könnte ich die Ehre haben, Ihnen zwei Worte sagen zu dürfen?«
»Auch hundert,« antwortete ich mit verdrießlicher Stimme.
»Hier ist die Societa del Diritto, sie möchte etwas von Ihnen beanspruchen.«
»Haben Sie ein wenig Geduld, mein lieber Picciotto, nachher werden Sie bedient, aber sagen Sie mir, wer sind Sie?«
»Ich bin ein Picciotto di sgarro.«
»Schön. Haben die das Amt des Picciotto _du jour_?«
»Zu dienen.«
»Dann thun Sie mir den Gefallen und sagen Sie dem Camorristen _du jour_, daß ich um eine Unterredung mit ihm bitten lasse.«
»Wir haben hier keinen Camorristen _du jour_, das Haupt der Gesellschaft macht hier alles.«
»Wie?« rief ich verwundert aus, »eine Societa del Diritto, die aus mehr als zwei Genossen besteht, hat keinen Camorristen _du jour_? Das ist mir neu, sehr neu, trotzdem ich nicht gerade wenig weiß.«
»Wir machen hier alles selbst, wir beraten alles zusammen, und je mehr einer weiß, desto besser ist es für ihn.«
»Bravo, mein Picciotto, bravo, tausendmal bravo! Wir machen alles selbst -- also alles macht ihr selbst! Ihr braucht niemand Rechenschaft zu geben von dem, was ihr thut. Was für eine Bande seid ihr denn? Nicht übel: »wir machen alles selbst«. Dann werden also auch die Picciotti bei Euch zur Versammlung zugelassen?«
»Natürlich; der Picciotto wird zuerst zugelassen.«
»Nun sagen Sie mir, lieber Picciotto, welches sind die Pflichten eines Picciotto di sgarro, seine Funktionen und die Beziehungen, die er zur Gesellschaft haben soll?«
»Das weiß ich nicht, denn ich kann weder lesen noch schreiben, ich gehorche den Befehlen, die mir meine Genossen geben.«
»Nun, dann will ich es Ihnen sagen. Die Pflichten eines Picciotto di sgarro sind, entweder zu betrügen oder betrogen zu werden; haben Sie verstanden?... Aber nun marsch! Nachher werden wir uns wiedersehen!«
Er ging verdrießlich ab. Fünfzehn Gefangene nahmen ihn in die Mitte und umringten ihn. Es waren die Camorristen, welche die Gesellschaft ausmachten und ich glaube, daß der elende Picciotto erzählte, was ihm bei mir begegnet war.
Ich maß den Kreis mit den Blicken und schätzte die Hallunken ab. Ich bin allein, dachte ich, aber ich habe ein Messer, ich bin bewaffnet, kann ich es darauf ankommen lassen, ich allein, es mit jenen fünfzehn Hallunken aufzunehmen? Und wenn jene auch bewaffnet seien, und bessere Waffen haben als ich? Sie sind fünfzehn, ich allein; wenn ich einen Genossen hätte, der mir den Rücken decken würde -- ja, dann würde sich das Schauspiel ändern. Dann könnte man es wagen; aber allein, allein geht es nicht; ich muß die Klugheit siegen lassen und abwarten.
Der Picciotto erscheint wieder und sagt:
»Die Gesellschaft möchte sich von Ihnen etwas spendieren lassen.«
»Sagen Sie mir, lieber Picciotto, sind Sie verurteilt?«
»Noch nicht.«
»Sind Sie angeschuldigt?«
»Zu dienen.«
»Wo wird Ihre Sache verhandelt?«
»In Lucera.«
»Schön, könnte ich die Ehre haben, Ihren Namen zu erfahren?«
»Paolo Pescari, zu dienen.«
»Sehr schön.«
Ich knöpfte meine Weste auf, öffnete das Hemd und zog ein Amulet der Madonna del Carmine hervor, das ich um den Hals trug. Ich öffnete es und nahm eine Fünflirenote heraus, die ich dem Picciotto mit den Worten reichte:
»Bitte, das genügt für Ihre Gesellschaft; aber Sie, erinnern Sie sich, daß sie Ihnen ein Calabreser Namens M... gegeben hat.«
»Ich danke, ich werde es nicht vergessen.«
Man glaubt nicht, was in meinem Herzen vorging und was ich auf den Lippen hatte, die Nacht ergriff mich ein heftiges Fieber mit Delirien.[17]
[17] Diese Thatsache ist von großem diagnostischen Wert und läßt in M... einen Epileptiker vermuten. Man muß beachten, daß er nicht empört ist, weil er sich der Camorra beugen muß, sondern weil es sich um eine falsche Camorra handelt.
Ich blieb fünf Tage in jenem Flecken und dachte: Was werden meine Gefährten sagen und die, welche mich gekannt haben, wenn sie erfahren, daß ich im Gefängnis zu Foggia für die Camorra habe bezahlen müssen?
Wo sollte ich mich verbergen?[18]
[18] Man ersieht daraus, wie stark die Verbrechereitelkeit bei M... war, trotz seiner Beteuerungen gegenüber dem Camorristen Sansosti.
Sie werden sagen: »Jeder Vogel liebt sein Nest.«
Und je mehr ich daran dachte, um so mehr stieg mir das Blut zum Kopfe.
In Lucera angekommen, schloß man mich in das Gefängnis San Domenico, in ein Zimmer, wo zwanzig Calabreser waren, lauter Bekannte von mir. Man muß beachten, daß in Lucera drei Gefängnisse waren: das Gerichtsgefängnis, das Gefängnis San Francesco und San Domenico, die alle dicht bei einander liegen.
Folgendermaßen war das Gefängnis San Domenico beschaffen: Zwei lange Zimmer mit je einem Fenster, die auf den Bürgersteig an der schönen breiten Straße inmitten der Stadt hinaus gingen. Die Fenster waren mannshoch, mit zwei großen Gittern und einem Netz aus Gußeisen versehen; zwei andere Fenster gingen auf einen kleinen Hof hinaus; zwischen den beiden Zimmern lag der Wachtraum, etwas weiter oben das Zimmer der Wärter mit dem Amtszimmer des Oberwärters, des Peppino Crigna.
Wir waren einundzwanzig Mann, liebten uns als gute Unglücksgefährten und halfen uns gegenseitig.
Von dem, was mir damals im Gefängnis zu Foggia begegnete, sagte ich meinen Genossen nichts, denn ich konnte einem camorristischen Gericht unterworfen und bestraft werden.
Zwar spricht Francesco Mastriani in seinen Romanen ausführlich von der Camorra, aber die Camorra der alten Zeiten ist etwas ganz anderes als die von heute, alles ist verändert, die Gesetze, Einrichtungen, Kleidung, Arbeiten, Jargon, Rechte und vieles andere; nur der alte Name ist von früherher geblieben und sonst nichts. Jedes mal, wenn eine Abteilung von Gefangenen ankam, stellte ich mich an's Fenster des Hofraumes, um zu sehen, ob der Picciotto aus Foggia ankäme, aber zwei Monate lang erwartete ich ihn vergebens. Eines Tages, als ein Zug von nur wenigen Gefangenen ankommt, höre ich einen Wärter rufen:
»Transport aus Foggia!«
Ich trete an's Fenster, blicke und suche mit dem Auge und sehe den Picciotto aus Foggia, mit seiner schief aufgestülpten roten Kappe.
Ich rufe den Wärter Peppino, der mein Freund ist, da ich ihm täglich zwei Brote liefere, die er mir mit fünfzehn Centesimi bezahlt.
»Peppino«, sprach ich, »jener Bursche mit der schiefen roten Mütze ist Paolo Pescari, mein lieber Freund; haben Sie die Güte, ihn nach der Untersuchung in mein Zimmer zu schicken.«