Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Part 5

Chapter 53,582 wordsPublic domain

Den moralisch Irren fehlt dieser kritische Sinn, die Intelligenz gehorcht den Impulsen und hemmt sie nicht, sie dient ihnen gern und sucht sie zu rechtfertigen. Sie töten -- und sie werden beweisen, daß das Leben eines Menschen das eines andern wert ist. Sie verführen ein unerfahrenes Mädchen und verlassen es -- und sie werden das Recht der freien Liebe predigen. Sie sind Päderasten -- und sie werden sagen, es ist erlaubt, weil es möglich ist.

Im Leben stellt sich das deutlicher dar, als geschrieben. Denn beim Schreiben schärft sich die Intelligenz, ein Schimmer von Verständnis für das, was schändlich und unehrenhaft ist, bricht sich Bahn, es giebt keinen Menschen, er sei denn Idiot, der so niedrig ist, daß er nicht ein Streben nach etwas besserem oder weniger Unvollkommenem fühlt. Aber ein anderes ist die Moralität, ein anderes die Erkenntnis des Moralischen.

Zuweilen giebt sich wohl ein solch kleiner Fonds von kritischem Sinn zu erkennen, und daraus resultieren dann die lyrischen Stellen, die anscheinenden Gewissensbisse. Aber die Erzählung geht weiter, ohne Rückhalt, und der Verfasser zeigt sich in der Aufdeckung der Thatsache, so wie er wirklich ist, mit einer Selbstgefälligkeit, wie sie nur ein Exhibitionist haben kann, der seine Geschlechtsorgane zeigt.

Die Eitelkeit ist das erste Agens; ihre autobiographischen Erzählungen entspringen der Vermutung, daß sie hervorragend interessante Individuen sind, und daß ihre Erlebnisse große Bedeutung haben. Und da sie einen großen Teil ihres Seelenlebens ausmachten, so empfinden sie das Bedürfnis, sie sich wieder vor ihr geistiges Auge zu führen.

Es ist dasselbe Bedürfnis, welches viele ungebildete Menschen empfinden, sich den Namen ihrer Geliebten oder ihre Verbrechen in die Haut zu tätowieren. Es wird genügen, das schöne Beispiel eines Verbrechers zu zitieren, den Prof. Santangelo[6] beschreibt und der 106 Tätowierungen auf dem Leib trug, aus denen man seinen ganzen Lebenslauf rekonstruieren konnte.

[6] Vgl. Lombroso: _Le più recenti scoperte ed applicazioni dell' antropologia criminale_, Turin 1893.

M... ist ein vollendeter Typus des moralisch irren und epileptischen Schriftstellers; der Mangel an kritischem Sinn und Gerechtigkeit tritt klar hervor, und die Eitelkeit zeigt sich auf jeder Seite des Buches. Wenn er studiert hätte, würde er als Schriftsteller manchem Zeitgenossen ebenbürtig zur Seite treten. Die Kenntnis der Moral würde tiefer gewesen sein und festeren Halt gewonnen haben. Statt dessen mußte er nun notwendiger Weise auf dieser Stufe litterarischer Entwickelung stehen bleiben, wo der Intellekt die Dinge in der Gestalt sieht, wie sie den andern erscheinen; die unbewußte Nachahmung hat noch nicht der unmittelbaren selbständigen Anschauung Platz gemacht, welche die Originalität ausmacht.

So ist für ihn der große Meister des Stils Francesco Mastriani, jener populäre Zola, der den Naturalismus zur Trivialität und die Romantik zur weichlichen Sentimentalität herabgezogen hat.

Und diese Empfänglichkeit, diese unbewußte Zugänglichkeit für fremde Einflüsse zeigt sich besonders in seinen Dichtungen. Neue Wörter, die er liest, bleiben ihm haften, wenn er ihnen auch nur schwer einen ihm verständlichen Sinn beizulegen vermag, den er durch eine volksetymologische Deutung zu ermitteln und durch entsprechende orthographische Abänderungen festzuhalten sucht.

Deshalb scheint mir, könnten diese Memoiren auch für das Studium des Phänomens eines in der Bildung begriffenen Schriftstellers von Interesse sein.

VIII.

Und hiermit will ich schließen.

Die Schule Lombrosos schreitet ihren Siegespfad weiter und schlägt die neidische Polemik durch Thatsachen.

Und während auf dem Kriminalisten-Kongreß in Brüssel das Ende des Verbrechertypus Lombrosos verkündet wurde, erschienen die _Degenerazioni psicosessuali_ Venturis und lieferten den Beweis, daß die italienischen Gelehrten nicht auf eine Formel eingeschworen waren; und bei Schluß des Kongresses zeigte die französische Übersetzung der _Sociologia criminale_ Ferris in ihrem neuen erweiterten Gewande, daß nicht allein der biologische, sondern auch der soziologische Faktor von den Mitarbeitern Lombrosos studiert wurde, und dieser hat mit seinen _Nuove Scoperte_ geantwortet, welche in ihrem Aufbau und in der Masse der Thatsachen den Gang der italienischen Wissenschaft kennzeichnen. Und während dieser Band erscheint, wird _la donna delinquente_ die Gegner ermahnen, wofern sie nicht blind sind, im Negieren vorsichtig zu sein, und dieses Werk wird den Beweis liefern, daß hinter dem Meister eine Reihe hoffnungsvoller Jünger stehe, unter denen mein Freund Guglielmo Ferrero als der Ersten einer hervorragt.

Als ich nach Schluß des Kongresses meine Bemerkungen Gabriele Tarde dargelegt hatte, und lange Erwiderungen von ihm empfing,[7] da brannte ich vor Begier, wieder in die Arena hinabzusteigen, -- aber Lombroso sagte mir: Nein, man muß mit Thaten, nicht mit Worten kämpfen!

[7] Vgl. _Archives d'Antropologie_ und _Revue Scientifique_.

Diese Ermahnungen haben mich ganz besonders zu dieser Veröffentlichung veranlaßt, in der Hoffnung, daß auch ich dazu beitragen könnte, der Wahrheit eine Gasse zu öffnen, um die Zweifel und Spottreden zu entkräften, welche verurteilen, ehe sie noch geprüft haben; daß auch ich helfen könnte, unsere Strafgesetzbücher und Strafanstalten in einer den Bedürfnissen des wirklichen Lebens angepaßten Weise umzugestalten.

Besser als ich es vermag, wird die Selbstbiographie des M... den Leser überzeugen, wie schlecht diese Institute funktionieren, die den Verbrecher nicht blos bestraft, sondern auch gebessert der menschlichen Gesellschaft zurückgeben sollten.

Antonino M... ist nicht durchweg der geborene Verbrecher Lombrosos, denn, wie ich schon sagte, dieser ist ein Typus und jener ein Individuum. Er beweist aber, wie Epilepsie und moralischer Irrsinn sich im Verbrecher zusammenfinden. Und die direkten sozialen Ursachen seines Verbrechertums wird man schwer finden können.

Als Gabriele Tarde[8] zusammen mit dem Dr. Lacassagne die Leitung der neunten Serie des französischen Archives übernahm, da eröffnete er sie mit einer Verteidigung der soziologischen Kriterien, die den Stolz der französischen Schule ausmachen, und er schloß mit der Weissagung einer Versöhnung in der objektiven Forschung nach der Wahrheit, die nur auf Thatsachen sich gründen kann.

[8] _Biologie et sociologie. Réponse à M. A. G. Bianchi._ S. 3-19 der _Archives d'Antropologie criminelle_, Januar 1893.

Gabriele Tarde wird nicht leugnen können, daß die Italiener sich bemühen, ein gutes Beispiel der positiven Methode zu geben, vom grundlegenden Werk des Meisters bis herab zu dem bescheidenen popularisierenden Beitrag des letzten unter seinen Schülern.

25. April 1893.

=A. G. Bianchi.=

Es konnte nicht die Aufgabe der Übersetzung sein, die Mängel, welche die ungenügende allgemeine und litterarische Bildung des M... seiner Darstellung anhaften ließ, zu beschönigen. Wenn der Herausgeber die Selbstbiographie mit Recht ein wissenschaftliches Dokument nennt, so durfte der Übersetzer sich Kürzungen und Milderungen des Ausdrucks nur in mäßigem Umfange gestatten. Von einer Übersetzung der Dichtungen des M... ist Abstand genommen, weil die pathologische Persönlichkeit des Verfassers aus dem Gebotenen hinlänglich erhellt, und das eingehende litterarische Studium, dessen das Werk des M... nach dem Hinweise Bianchi's wert ist, derselben entbehren kann.

Dr. F. R.

Antonino M...

Selbstbiographie.

Erster Teil.

Mein erstes Unglück.

Vorbemerkungen.

Wer rund geboren wird, kann nicht viereckig sterben.

Der Stern, der Dir im Mutterleibe strahlte, wird Dir ins Grab folgen.

Wer blind geboren wird, der wird nie den Himmel schauen.

Wenn Du Dir heute den Arm brichst, wirst Du morgen zum Galgen geschickt.

Der erste Fehler führt zu einem Abgrund von Unheil.

Wer den Verstand nicht zu beherrschen weiß, kommt gar rasch ins Gefängnis.

Meinem lieben Söhnchen Fernando Antonio.

Mein geliebter Junge!

Ich bin sehr unglücklich geworden und das rauhe Schicksal hatte niemals Mitleid mit mir, nie wurde es müde, mich zu verfolgen, und von der Wiege bis zum Grabe ist mir dieses elende und traurige Leben eine ständige Marter.

Dir erzähle ich die Verhängnisse meines bejammernswerten Lebens, und wenn Betrug und die Schmach dieser bösen Welt Dir die Schritte zu dem rauhen Pfad in der menschlichen Gesellschaft erschließen werden, dann weine keine Thräne um das Andenken Deines unglücklichen Erzeugers, nein, denn Weinen kommt den schwachen, feigen Herzen zu. -- Deines muß stark und ruhig sein bei dem Anblick meines Unglücks; stark, stolz und weltverachtend; aber lerne, o Sohn, auf dem geraden Weg der Tugend und der Ehre wandeln, =lerne, mein süßes Söhnchen=[9] geduldig, ruhig und kalt sein, im Einverständnis und im Gegensatz mit der menschlichen Gesellschaft, lerne, vorausschauend für die Zukunft sein, ein Verächter der Feigen, ein Spötter der Heuchler, eifere den großen und edlen Thaten nach, sei ein liebreicher Bruder der Bekümmerten, ein Freund der Gerechten und Ehrenhaften, gesittet und ehrfurchtsvoll gegen alle, besonders gegen alte und rechtschaffene Leute, ein Freund der Armen, und Deine Hand strecke sich gerne aus zum Trost der Elenden. Sei ehrlich und anständig im Sprechen und bilde Dir aus der Erziehung eine zweite Natur.

Liebe und achte Gott den Höchsten, bete zu ihm von Herzen in nächtlicher Stille und mit der Stirn im Staube, bete zu ihm an den heiligen Stätten; denn er, unser Gott, der Herrgott unserer Väter, wird Dir ein Führer und ein Tröster sein in den Widerwärtigkeiten des Lebens. Wende Dich an ihn in Deinen Nöten, in Deiner Bedrängnis, und Du wirst Trost, Kraft und Ergebung finden.

Liebe, achte und habe Mitleid mit Deinem Nächsten, er ist von Deinem Fleisch und Blut, er ist unglücklich und betrübt wie Du.

Wolle Deinen Schwestern wohl, ich lege es Dir an's Herz, und ich beschwöre Dich bei der Liebe, die ich zu Dir habe, bei den Thränen, die ich um Dich vergossen habe, bei den Küssen voll unaussprechlicher Zärtlichkeit, die ich Dir gegeben, liebe sie von Herzen, hilf ihnen in ihren Nöten und sei ihnen ein zärtlicher Vater. Ja, nicht wahr, mein lieber Junge, Du wirst Deine armen Schwestern lieben! Liebe sie, denn ich liebe sie, so wie ich Dich nur lieben kann, und um sie vor Schande zu bewahren, sollst Du Dein Leben auf's Spiel setzen, und tausend und abertausend Mal wagen; wenn nicht, +verfluche+[10] ich Dich!! Lerne aus meinem Leben ein Mensch sein, lerne geduldig leiden und Deine Schritte zum Schönen, Guten, Besten lenken.

Führe Deine Seele zur Ehre, zur Tugend, zur Weisheit.

Lies oft meine Briefe und klage mich der Übertreibung, der Überspanntheit, der Unverschämtheit, der Tollheit an, wie es die thaten, die mich kannten, und ich will Dir alles verzeihen; alles will ich Dir vergeben, Dir, der Du der köstliche Edelstein meiner Seele warst, Dir, dem Atem meines Lebens, dem Traum meiner Träume.

Parghelia, im Januar 1889.

Dein Vater Antonino M...

[9] Die gesperrt gesetzten Stellen sind im Manuskript unterstrichen.

[10] Die fett gedruckten Stellen erscheinen im Manuskript größer und auffälliger geschrieben, als ob M... durch dieses Mittel den Worten mehr Nachdruck verleihen wollte.

Der Mord.

Am Mittage des 17. September des Jahres 1868 habe ich auf einem öffentlichen Platze einen armen Menschen ermordet. Ich war damals achtzehn Jahre alt, von erregbarem Temperament, von heißem Sinn, und ob aus Antrieb des Zornes oder nicht[11], das schlechte Betragen jenes Dummkopfes, meines Bruders, ist die Ursache gewesen, daß ich einen Menschen ermordete und mich kopfüber in ein Meer von Schmach stürzte.

[11] Bemerkenswert ist der Zweifel über die psychologische Beschaffenheit, in der der Totschlag vollbracht wurde. Dies ist lehrreich für die Unterscheidungen in unserer Rechtsprechung.

Die rauchende Pistole in der Hand, mit verzerrtem Gesicht und klopfendem Herzen schlich ich in das Haus des Herrn Francesco Antonio Calzona, der mich mit dem Ausdruck der Achtung und des Mitleids empfing. Er gab mir einen Strohhut, denn meiner war an dem Ort des blutigen Ereignisses abgefallen, während ich mit dem Sohne des Ermordeten rang. Ich nahm einen derben Knotenstock in die Hand, kletterte über eine Einfassungsmauer des Gartens und fing an, wie Kain über das Feld zu laufen, verfolgt von dem Gebell der Hunde, während ein entsetzliches Röcheln mir zu folgen schien, das mir sagte:

»Was hast Du gethan, Du +Mörder+?!«

Am Abend jenes verhängnisvollen Tages begab ich mich nach Tropea zu meinem Onkel, dem Doktor V..., der mich aufnahm und mich in einem kleinen Schlupfwinkel hinter der Treppe versteckte; dort zusammengekauert beschmutzte ich mich mit Spinnengewebe und Staub; man schloß mich in meinem Versteck ein, so daß ich in völliger Dunkelheit blieb; bald hörte ich eilige Schritte auf der Treppe, es waren die Karabinieri, die, nachdem sie eine gründliche Haussuchung angestellt hatten, davongingen, die Handschellen mit sich tragend.

Spät am Abend ließ man mich aus dem engen Loch heraus, zog mir die Uniform eines Fußjägers an und mit meinen beiden Vettern zog ich in der Richtung nach Coccorino ab. In jenem elenden Dorf, das fast von lauter Verwandten von mir mütterlicherseits bewohnt wird, wurde ich mit Liebe aufgenommen und man brachte mir alle erdenkliche Rücksicht entgegen.

Acht Monate lang blieb ich dort zwischen den Feigenbäumen, öfter machte ich nächtliche Ausflüge nach den benachbarten Dörfern und nach Parghelia, Nachts schlief ich auf Strohbündeln oder am Fuße eines Feigenbaumes.

Wollt ihr ein Bild von jenem Dorfe? Mit zwei Worten ist es rasch geschildert. Dreißig schlecht gebaute und gedeckte Hütten, alt und von elendester Bauart, die Straßen ein Haufen tierischen Unrats, so daß man sich den Hals bricht, wenn man nicht Acht giebt, wo man den Fuß hinsetzt; wie ein Riese beherrscht das ganze der Schloßturm des Barons Fabiani, des Herrn und Beschützers der ländlichen Hütten und ihrer Bewohner.

Nichts anderes sieht man als einen Hain von Feigenbäumen, deren schmackhafte Früchte sehr beliebt sind; nicht weit von diesem erbärmlichen Wohnort sieht man Coccorinello, an Leib und Seele jenem verwandt. Die Einwohner beider Dörfer sind elende Ackerarbeiter, zwei oder drei Familien ausgenommen, die ein kleines Stück Land besitzen, mit Feigenbäumen von allen Arten, blutfarben, naturfarben und weiß, bepflanzt.

Der Pfarrer dient als Arzt und als Apotheker, er betrügt die armen Kerle, schindet hier ein altes Huhn, da ein Paar Eier und dort einen Korb mit Früchten.

Die Einwohner sind gutherzig, ehrerbietig und liebenswürdig gegen Fremde, aber unwissend und abergläubisch.

Während ich in Coccorino im Hause meines Onkels Domenico weilte, eines guten Alten, der dem Bacchus sehr ergeben war, waren mir diese Verwandten sehr gewogen und wetteiferten darin, mir mein Versteck weniger unerträglich zu machen; meine Base Caterinuzzo, das Faktotum der Lagerräume und des Hauses des Barons Fabiani, regalierte mich oft mit schmackhaftem Kuchen oder Käse oder anderen Sachen; sie hatte mich sehr gerne und ich konnte aus dem Wohlwollen entnehmen, daß ein wenig =irdische= Liebe darin steckte. Sie war jung und nicht häßlich, aber in meiner kritischen Lage konnte ich mich um ihre bangen Seufzer wenig kümmern.

Eines Tages kam meine Tante Domenica an, eine Schwester meiner Mutter, mit ihrer Tochter Vincenzina, einer achtzehnjährigen Jungfrau, schön wie die Sonne, schön und verführerisch in der That, und wer sie kennt, wird mich nicht Lügen strafen; sie kamen Geschäfte halber aus Parghelia hierher; mir kommt es nicht zu, die Nase in die Angelegenheiten der Mutter und der Tochter zu stecken, die mir etwas launisch, aber durchaus ehrbar schienen.

Vincenzina verliebte sich, so viel ich sehen konnte, in einen Vetter von mir, Antonino del V... aus Coccorino; als ich sie sah, so frisch und rosig, kam mir die Laune, ihr den Hof zu machen; wir sahen uns, wir lächelten uns an, und unsere Herzen krampften sich zusammen; eines Tages, als wir gerade allein waren, sagte ich ihr zitternd:

»Vincenzina, ich liebe Dich!«

»Ich liebe Dich auch,« antwortete sie errötend.

»So wollen wir uns immer lieben?« fragte ich.

»Immer, immer,« antwortete sie mit Thränen in den Augen; »aber Du wirst nicht fortgehen, nicht wahr, Antonino?«

Eine dichte Wolke flog über meine Seele, mein Herz wurde kalt, ich war vernichtet und stotterte:

»Die Zeit ... die Wechselfälle des Lebens ... es wäre möglich ...«

Wir liebten uns die Tage, die sie in Coccorino blieb, und ihre Mutter war mit unserer Liebe zufrieden. Und wollt ihr es glauben? Niemand dachte daran, daß ich vom Gesetz verfolgt wurde, der Gefahr ausgesetzt, eine Verurteilung zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit zu erhalten, niemand dachte daran, nicht einmal ich.

Nach einigen Tagen reisten meine Tante und ihre Tochter wieder ab, ich will nicht von der bitteren Trennung sprechen; wir reichten uns die Hände; Vincenzina und ich küßten uns und unsere Wangen bedeckten sich mit heißen Thränen. Wir setzten unsere Liebe im Briefwechsel fort. Heiß und zärtlich waren die Briefe Vincenzinas, und heißer und verliebter waren die meinen, die ich ihr täglich zukommen ließ. Es entstand eine mächtige Eifersucht zwischen mir und meinem Vetter Antonino, dem ersten Liebhaber Vincenzinas, den sie plötzlich verließ, indem sie mich an die Stelle ihres ersten Liebhabers treten ließ. Wenn nicht die Verhältnisse gewesen wären, wer weiß, was zwischen den leidenschaftlichen Liebhabern vorgekommen wäre.

Ich begab mich Nachts einige Male nach Parghelia in das Haus Vincenzinas, dort in einem Winkel der Kammer neben einander sitzend, schworen wir uns ewige Liebe, ewige Treue.

Eines Tages gelangte ein Freibrief auf acht Tage an mich, den mir Herr Bruno Chimirri, mein Anwalt in Catanzaro schickte. Von einigen meiner Vettern begleitet, begab ich mich nach meinem Hause in Parghelia.

Ich vergaß mitzuteilen, daß während meiner Verborgenheit meine beiden Schwestern sich mit zwei Spilingoten verheirateten, Antonio M... und Giuseppe M..., beides Vettern. Die beiden Ehen wurden geschlossen, ohne daß ich etwas davon wußte. Mein Onkel, der Priester Girolami M..., Bruder meines verstorbenen Vaters, ein sehr gelehrter und wissenschaftlicher Mann, aber unkundig der Ränke dieser Welt und einfältig wie ein Kind, möchte ich sagen, willigte in die Ehe ein; man lockte ihn dadurch, daß man ihm zu verstehen gab, jene gewaltthätigen Männer seien Mordkerle und von allen gefürchtet, und daß dadurch, daß er mit ihnen verwandt würde, er und die Familie geachtet und gefürchtet sein würde. Armer blinder Herr!!...

Doch zu mir zurück und man verzeihe die Abschweifung.

Zu Hause fand ich Domenico M..., den Vater des eben erwähnten Antonio, der trotzdem die Mütze eines Kapitäns der Nationalgarde trug. An jenem Tage aßen und tranken wir vergnügt, aber am Abend gingen meine Vettern von Coccorino weg. Am folgenden Tage nach dem ersten Aufenthalt in meinem Hause begab ich mich zu meiner Geliebten Vincenzina, und an jenem Tage blieb ich bei ihnen zum Essen. Eine Tante von mir, eine Nonne, dumm und boshaft wie Proserpina, brachte uns ein fettes Huhn, um mein letztes Mahl mit Vincenzina zu feiern.

Jener Tag ist ein Tag der Freude und der Liebe für mich gewesen; die hübsche, rosige Hand meiner Geliebten reichte mir einen Flügel des Huhnes dar, dann einen Becher voll schäumenden Weins, indem sie mit der größten Anmut von der Welt sagte:

»Trink, Antonino, trink auf mein Wohl.« Und ich trank begeistert, berückt, indem ich ihr in die schwarzen leuchtenden Augen schaute.

Nachdem das Liebesmahl beendet, trat Vincenzina, ihre Mutter und ich zu einer geheimen Ratssitzung zusammen und begannen zu erwägen, wie Vincenzina und ich uns durch unlösbare Banden knüpfen sollten. Nach verschiedenen Meinungsäußerungen wurde beschlossen, den Pfarrer zu rufen und uns in Gegenwart zweier Zeugen heimlich zu verbinden. So geschah es. Nachdem der ehrwürdige Erzpriester Don Girolamo Toccane gerufen war, ein alter und hinfälliger Mann, und zwei Zeugen, wurde er veranlaßt, sich zu setzen. Kaum saß er, so pflanzte ich mich vor ihm auf und sagte mit fester, deutlicher und lauter Stimme zu ihm:

»Hochwürden, diese« -- indem ich Vincenzina zeigte, »ist meine rechtmäßige Gattin.«

Vincenzina erhebt sich und sagt mit gleicher Stimme:

»Dies, Hochwürden,« -- indem sie auf mich zeigte, »Antonino M... ist mein rechtmäßiger Gatte.«

Wütend erhebt sich der Hochwürdige und fluchend und gestikulierend geht er seiner Wege.

Ich verehrte Vincenzina einen Ring mit Diamanten und sie gab mir einen Ring mit ihrem goldenen Haar.

Es nahte sich der Tag, wo ich nach Catanzaro abreisen und mich dem Präfekten vorstellen mußte.

Es wurde beschlossen, daß Domenico M... _alias_ Stadtvorsteher und Vincenzo M... _alias_ Beigeordneter mich nach Catanzaro begleiten sollten. Es giebt in jenem Parghelia einige Bürschchen, die sich als Helden, als Mordkerle ersten Ranges aufspielen, die sich für Wunder was halten und nachher der Polizei Hülfe leisten, sie verteidigen und beschützen: gemeine, dumme, falsche Seelen! Sage ich unrecht, meine teuren Landsleute?

Folgen wir dem Faden unserer Erzählung und beschäftigen wir uns nicht mit jenen Dummköpfen, jenen Kanaillen von Spionen.

Von den Karabinieri begleitet, mußte ich mitten durchs Dorf gehen, um zu Vincenzina zu kommen und ihr das letzte Lebewohl zu sagen: wir küßten uns und unsere Thränen flossen zusammen, sie fiel ohnmächtig in meine Arme ...

Ich durchwanderte die ganze Gegend, von den Bewaffneten begleitet. In Tropea empfing ein vierspänniger Wagen Domenico M..., Vincenzo M... und mich, im Galopp fuhren wir durch Monteleone, ohne daß jemand den Mund aufthat.

In Catanzaro begeben wir uns zu meinen Anwälten, den Herren Bruno Chimirri und Giacinto Oliverio.

Ich wurde dem Herrn Präfekten vorgeführt, und nachdem dieser den Haftbefehl ausgefertigt hatte, wurde ich durch einen Wächter der öffentlichen Sicherheit in das Gerichtsgefängnis S. Giovanni geleitet.

Der Wachtmeister, Luigi S..., früher ein berüchtigtes Mitglied der Camorra, jetzt ein wütender Verfolger derselben, zeichnet mein Signalement, Namen und Vornamen in ein großes Register ein, ein Gefangenenwärter befiehlt mir, mich auszuziehen und eine sorgfältige und gründliche Untersuchung ergeht über meine Kleider und über meine Person; dann kleide ich mich wieder an und werde in das sogenannte Neue Gefängnis geführt, wo man mich im Kassenzimmer läßt. Es waren drei Zimmer, von ungefähr zehn Gefangenen bewohnt, darunter ein alter Mönch und zwei Priester, die wegen Beihülfe zum Raub angeschuldigt waren und mehrere andere Bürger wegen anderer Anschuldigungen. Unter dem Fenster, wo ich weilte, und das durch ein vergittertes Mauerwerk gesichert war, war ein kleiner Hofraum, wo ungefähr zwanzig berüchtigte Briganten Luft schöpften, da waren die berüchtigten Pietro Bianchi, Bulfalaro, Pietro Lo Monaco, Perelli und andere, alle von den Assisen in Catanzaro zum Tode verurteilt, die sich hier während der Berufung befanden, um nach Bestätigung des Urteils durch den Kassationshof nach Reggio Calabria überführt zu werden, wo sie die sanfte Schneide des Henkerbeils zu kosten bekommen, als Strafe für ihre Räuberei[12].

[12] Beachtenswert ist der Abscheu, den M... vor denjenigen zeigt, die nicht mehr und nicht weniger thaten, als er. Und bemerkenswert ist auch, wie er sein Vergehen vergessen hat, als ob es gar nicht geschehen wäre.

Ich blieb zwei Monate in jenem Labyrinth des Jammers und erinnere mich, daß ich in eines der Fenster die Worte eingeschnitten hatte:

»Antonino M..., zum Tode verurteilt.«

Aus dem Neuen Gefängnis kam ich ins Alte Gefängnis, das demselben benachbart ist; dort fand ich eine zweite Hölle, eine neue Brut elender Gefangener.