Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...
Part 19
Tags darauf wurde mir bekannt gemacht, daß ich vor ein Kriegsgericht gestellt werden würde und nach einigen Tagen, die mit Schmähungen seitens des gottverfluchten Hauptmanns Alessandro Ter... ausgefüllt waren, brachte man mich in das Militärgefängnis zu Venedig. Der Untersuchungsrichter vernahm mich, ich sagte aus, daß ich krank gewesen sei und deshalb meine Zeit überschritten habe. Nach einiger Zeit kam der Untersuchungsrichter wieder und überhäufte mich mit Schimpfreden; er hatte sich von meinem Arzt, dem Doktor Antonino di V... und dem Bürgermeister meiner Heimatstadt mitteilen lassen, daß ich meinen Urlaub überschritten habe.
Nun war ich verloren und erklärte mich der Desertion für schuldig.
Mein Verteidiger kam, ein Marineoffizier, Signor Lodovico L... und sagte:
»Sie sind stark belastet, weil Sie sich selbst bezichtigt haben, ich sehe wenig Aussicht für Sie.«
»Herr Lieutenant«, sagte ich, »ich weiß, daß ich verloren bin, aber man muß vorsichtig operieren und versuchen, die harten Herzen der Richter zu erweichen«, und ich erzähle ihm in lebhaften Farben meine langen und schmerzlichen Leiden; sie gingen ihm zu Herzen und zwei große helle Thränen fielen aus seinem schönen Auge.[62]
[62] Wiederum die gewöhnliche Übertreibung der Zuneigung, die der Übertreibung des Hasses entspricht.
»Sie Ärmster«, beklagte er mich, »soviel haben Sie gelitten und Sie leben noch! Ja, braver junger Mann, erzählen Sie den Richtern diese rührende Geschichte, und sicher, sie werden Mitleid fühlen. Ich wußte nicht, daß das menschliche Leben soviel Unglück und Schande birgt, daß das Schicksal einen Menschen so verfolgen kann. Sie Ärmster!«
Er drückte mir zärtlich die Hand und ging erschüttert von dannen.
Der Untersuchungsrichter kam von neuem und teilte mir mit, daß der Staatsanwalt beabsichtigte, den Bürgermeister meiner Vaterstadt, den Doktor Antonino di V... und den Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea zur Verhandlung laden zu lassen. Das wunderte mich nicht wenig, denn was für einen Zweck hatte es, da ich mein Verbrechen selbst zugab. Es konnte mir nur Schaden bringen, denn sie würden auf der Eisenbahn zweiter Klasse fahren und das mußte ich bezahlen -- wozu nun diese Kosten verursachen?
Mehrere Tage verbrachte ich deshalb in Sorgen.[63]
[63] Sollte es nicht vielleicht die Furcht gewesen sein, daß die Beamten sein Treiben in den Bergen von Daffina verrieten?
Am Morgen des Verhandlungstages befand ich mich mit den anderen Soldaten auf dem Hof, als der Wachtmeister aus Tropea erschien. Er sah mich und die Soldaten durchdringend an, ging dann auf den Abtritt und sah uns wieder an.
Man führte mich in das Gerichtsgebäude, das neben dem Gefängnis lag; ich nahm auf der Anklagebank Platz, der Staatsanwalt, in seine große schwarze Toga gekleidet, sah mich an und ein spöttisches Lächeln umspielte seine krummen Lippen.
Die Richter nahmen ihre Plätze ein; der Vorsitzende war der Oberst vom 8. Infanterie-Regiment; mein Verteidiger sah mich mit thränenfeuchtem Blick an.
Der Präsident sagte:
»Stehen Sie auf, M... und sagen Sie uns, weshalb Sie der Aufforderung, zum Regiment zurückzukehren, nicht Folge geleistet haben.«
»Erlauchter Herr Präsident, mein gnädiger Herr Richter! Sie haben einen unglücklichen Menschen vor sich, der vierzehn lange Jahre hindurch vom Geschick grausam verfolgt worden ist, vierzehn entsetzliche Jahre lang hat meine Seele keine Ruhe gefunden; beim Zivil bin ich zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, die ich in düsteren Kerkermauern unter schwersten Entbehrungen verbracht habe -- als Soldat bin ich in Florenz aus nichtigen Gründen zu drei Jahren Arrest verurteilt, und in dem Pandämonium zu Savona habe ich sie abgebüßt und mein Leben dadurch um zwanzig Jahre verkürzt.
In Salerno wurde ich unschuldig verurteilt, unschuldig in Gott, wegen der Schändlichkeit eines Korporals und der Blindheit der Richter, und unschuldig, ja unschuldig, meine Herren, sperrt man mich ein langes Jahr in eine entsetzliche Festung.
Der ehrenwerte Herr Staatsanwalt weiß, daß ich die Wahrheit sage, er kann es bezeugen, daß ich unschuldig war, er hat selbst die Verurteilung des Korporals Alfonso S... beantragt, wegen Verleumdung und falscher Aussage wider mich. Der Herr Staatsanwalt kennt meine schmerzensreichen Abenteuer; er war bei allen meinen Verurteilungen zugegen, und ich habe wie ein wrackes Schiff, das den schäumenden Wogen überlassen ist, titanenhaft kämpfen müssen, um nicht unterzugehen. Was wollen Sie jetzt noch, weshalb verfolgt mich die unerbittliche Schärfe des Gesetzes?
Wollen Sie mein erbärmliches Leben?
Nehmen Sie es, meine Herren, nehmen Sie es hin; ich gebe es Ihnen, nehmen Sie mich ganz, diesen Haufen von Knochen, an dem das Unglück sein Werk gethan, die Seele, die ...«
»Genug, M..., genug! Beruhigen Sie sich, wir sind nicht von Stein«, unterbrach mich der Präsident gerührt.
Meine glühenden Worte hatten Bresche gelegt in den Herzen der Richter, das zahlreich anwesende Publikum weinte, mein Spiel war gewonnen.
Meine Vorstrafen wurden verlesen, aber mehr als alles schmerzte mich das Führungszeugnis, das mir der Hauptmann, Alessandro Ter... ausstellte.
+Er sei verflucht!+
Der Wachtmeister der Karabinieri wurde aufgerufen und gefragt:
»Kennen Sie den Soldaten M...?«
»Ja, Herr Präsident.«
»Wissen Sie, weshalb er desertierte?«
»Meines Erachtens, Herr Präsident, ist M... kein Deserteur.«
»Wieso?«
»Weil er von seiner Vaterstadt bis nach Catanzaro sechs Tage gebraucht hat.«
»Wie? Sechs Tage?« rief der Präsident aus, »und er sagt selbst, daß er drei Tage gebraucht hat.«
»Wenn er die Eisenbahn benutzt hätte, aber diese Linie soll erst gebaut werden.«
Er steckte die Hand in die Tasche seines Rockes und holte ein Blatt heraus, das er dem Präsidenten mit den Worten reichte:
»Hier ist meine Reiseroute, ich habe sechs Etappen von Tropea nach Catanzaro markiert.«
Der Präsident sah die Karte an, dann wandte er sich an mich und sagte:
»M..., erinnern Sie sich, wieviel Tage Sie gebraucht haben?«
»Genau nicht.«
»Dann sagen Sie das, und sagen Sie nicht, daß Sie drei Tage gebraucht haben.«
Damit wurde die Anklage wegen Desertion hinfällig. Der Präsident sagte noch, wie meine soziale Stellung in meiner Heimat sei, was für eine Meinung er von mir habe und der Ehrenmann sagte:
»Seine Landsleute beklagen ihn und nennen ihn einen Unglücklichen, vom Schicksal nur zu sehr Heimgesuchten!«
+Gott segne ihn!+
Der Staatsanwalt sprach bewegliche Worte zu meinen Gunsten, weil er die Ungerechtigkeit, die er mir vor dem Kriegsgericht zu Palermo angethan hatte, wieder gutmachen wollte, und er schloß damit, daß er seine Anklage nicht aufrecht erhalten könne.
Mein Anwalt sagte bewegt:
»Es ist unnötig, daß ich spreche; mein Client hat unsere Herzen gerührt und ich empfehle ihn Ihrer Güte und Gnade.«
Der Gerichtshof zog sich zurück, der Staatsanwalt näherte sich der Schranke der Anklagebank und sagte:
»Heute verdienen Sie das Jahr von Palermo.«
»Das Jahr ist verloren.«
»Sie werden freigesprochen werden.«
»Ich habe nichts verbrochen.«
»Nehmen Sie sich in Zukunft in Acht.«
»Wohl möglich!«
Der Gerichtshof trat wieder ein, ringsum herrschte das größte Schweigen; meine Freisprechung wurde durch den Mund des Präsidenten verkündet.
Laute Hoch- und Bravorufe ertönten aus dem Publikum, ich sprang über die Schranken, eilte auf meinen Verteidiger zu und gab ihm einen lauten glühenden Kuß auf die Hand, und hätten die Umstände es erlaubt, so hätte ich dasselbe dem edlen Wachtmeister der Karabinieri zu Tropea, dem Herrn +Luigi Scr...+ gethan; die Hochrufe und das Beifallklatschen ertönten von neuem, und so schloß das rührende Schauspiel.
Ein Jahr.
Ich kam zur Kompagnie zurück, meine Unglücksgefährten umarmten mich, aber der Kommandant schmähte mich heftig und sagte:
»Haben Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... vergessen?«
+Er sei tausend Mal verflucht!+
Ein Befehl der Strafabteilung im Kriegsministerium verurteilte mich zu der harten Strafe von sechzig Tagen Wasser und Brot in Ketten.
Ich mußte mich fügen, man schloß mich in eine dunkle Zelle und legte mir schwere Ketten um die Hand-und Fußgelenke, ich glaube keine Feder und keine Phantasie vermag meinen Zustand zu schildern und ich überlasse es dem gütigen Leser, je nach seiner Einbildungskraft sich eine Vorstellung davon zu machen. Wiederholt wurde ich krank, und der Stabsarzt, ein Landsmann von mir, sagte:
»Es ist nichts, trinken Sie ein Glas Meerwasser, der Sergeant wird aufpassen, daß es geschieht, und es wird Ihnen gut bekommen« -- aber Gott, der allgerechte Richter vergalt ihm diese Schändlichkeit nach seinem eigenen Rezept.
Es war im Monat Juli des Jahres 1881, der schändliche Stabsarzt begab sich an die Seeküste, um seine verfluchte Seele zu erfrischen; zwei Fährleute, die mit ihrem Boot in der Nähe waren, fragten, ob sie ihn begleiten sollten, wenn er hinausschwimmen wolle, er lehnte es ab, die Schiffer zogen sich in eine Strohhütte zurück und schliefen ein.
Es war gegen Mittag, der Lieutenant zog sich aus, setzte sich einen großen Strohhut auf und glitt über das Wasser; die Schiffer wachten auf und sahen den Strohhut auf dem Wasser, sie dachten, der Lieutenant muß viel Hitze haben, denn es dauerte eine Stunde und er kam nicht heraus; endlich fahren sie mit ihrem Boot an den Strohhut heran, der aber hinwegtrieb; einer streckt nun die Hand aus und ergreift den Hut -- der Lieutenant war verschwunden. Die Schiffer begaben sich nach dem Kasino und erzählten den Vorfall.
Alle Soldaten, Offiziere, Chargierten begaben sich nach der Küste und stellten sich am Ufer auf, und warteten, ob der Lieutenant den Wogen entsteigen wird, wie einst Venus dem Meeresschaum. Fünf Tage und fünf Nächte dauerte das, der Kommandant fuhr nach Venedig und hielt Vortrag, darauf wurde die ganze Bucht mit Schiffen aller Art nach dem elenden kleinen Lieutenant abgesucht und endlich am siebenten Tage wurde er zehn Kilometer von der Küste aufgefischt -- unförmig, ein ekler Haufen, ohne Augen.
Er wurde auf dem Lido begraben; als die Soldaten an seinem Grab vorbeigingen, spuckte jeder aus und sandte ihm einen Fluch in die geweihte Erde nach, dem Stabsarzt Ger..., der Seewasser zu verschreiben liebte.
+Er sei verflucht!+
Mein Arrest ging zu Ende, meine Kameraden nahmen mich unter die Arme und schafften mich nach dem Lazarett in Venedig, ich litt am Skorbut -- zwei Monate lang blieb ich dort.
Kaum war ich wieder in der Kompagnie, als der Oberst mich zu zwanzig Tagen Arrest bei Wasser und Brot verurteilte, aber der Hauptmann Ter... behielt mich dreißig Tage in Arrest, damit ich mich stets an ihn erinnere, den charmanten Hahnrei Alessandro Ter...
+Er sei verflucht!+
Ich fügte mich und ging in Arrest, sogleich kam der Hauptmann, schimpfte und schmähte mich und sagte hohnlachend:
»Sie leben hier wie ein Fürst, Sie werden dick und fett wie ein Schwein, ich werde darüber nachdenken, wie ich Sie hier immer behalten kann.«
Soll ich die Quälereien erzählen, die er mich erdulden ließ? So hört!
Als ich eines Nachts auf Wache stand, nähert sich eine Gestalt, die Laternen verlöschen, ein heftiger Sturm schien die Kaserne in ihren Grundfesten erschüttern zu wollen.
»Wer da?« rufe ich.
»Ronde!« antwortet die Gestalt.
»Sie dürfen nicht näher kommen, ich muß Sie erst dem dienstthuenden Offizier melden.«
»Schweigen Sie, ich bin es, ich kann passieren.«
»Ich kenne Sie nicht, zurück!«
Er ging, am andern Morgen wurde ich zu dreißig Tagen Wasser und Brot verurteilt.
Warum?
Weil ich meine Pflicht gethan hatte.
Wer war die Gestalt?
Der Hauptmann Alessandro Ter...
+Er sei tausend Mal verflucht!+
+Weiter!+
Eines Tages war ich in der Kaserne konsigniert, ich wußte es nicht, ich ging aus und als ich zurückkam, sagt mir ein Sergeant:
»Sie kommen in Arrest.«
Ich war zu zwanzig Tagen bei Wasser und Brot verurteilt, auf Befehl des Hauptmanns Alessandro Ter...
+Er sei tausend Mal verflucht!+
+Weiter!+
Eines Sonntags war Inspektion, wir standen paarweise auf dem Hof, auf Kommando mußten die Tornister heruntergenommen werden, und der Hauptmann durchsuchte alles auf das genaueste.
Als der Schinder mir gegenüber stand, nahm er mir die Mütze ab, um zu sehen, ob das Futter sauber war, dann ließ er mich die Ärmel zurückschlagen und der Teufel wollte, daß die Naht des Futters ein wenig aufgetrennt war.
»Weshalb ist das nicht genäht?« sagte er.
»Ich habe es nicht gesehen, Herr Hauptmann.«
»Faule Ausreden; ich werde dafür sorgen, daß Sie es sehen, und Sie werden mir dankbar sein. Sergeant,« sagte er, sich an einen Chargierten wendend, »führen Sie ihn in Arrest, dort werden seine Augen schärfer.«
Er verurteilte mich zu vierzehn Tagen bei Wasser und Brod, und täglich kam er in meine Zelle und sagte:
»Wie es scheint, Sie sehen schon besser, bin ich nicht ein guter Augenarzt! Wenn Sie einmal wieder nicht sehen können, dann wenden Sie sich an Ihren Hauptmann Alessandro Ter...«
+Er sei tausend Mal verflucht!+
+Weiter!+
Eines Morgens werde ich krank, ich hatte Fieber und der Arzt verschrieb mir etwas und ordnete zwei Tage Ruhe an.
Der Hauptmann hob diese Anordnung auf und schickte mich fünfundzwanzig Tage in Arrest bei Wasser und Brot, indem er sagte, ich hätte das Fieber selbst herbeigeführt, um vom Dienst dispensiert zu werden.
Er besuchte mich im Arrest und sagte:
»Statt der zwei Tage Ruhe, habe ich Ihnen fünfundzwanzig bewilligt, ich hoffe Sie werden mir dankbar sein.«
+Er sei tausend Mal verflucht!+
Ich würde nie fertig werden, wenn ich alle die ungerechten, grausamen Sachen aufzählen wollte, die mir der verfluchte Schinder, der +große Hahnrei Hauptmann Alessandro Ter...+ und seine schändlichen Trabanten auferlegt haben.
+Sie seien tausend Mal verflucht!+
Schluß.
Nach sovielen Jahren der Leiden und nachdem ich so lange titanisch gekämpft hatte, wurde ich verabschiedet, und an dem Tage, wo ich für immer die elende Behausung verlassen sollte, die mich gefangen hielt, da weitete sich mein Herz; an dem Tage, da ich die eiserne Disziplin abstreifte und das elende Leben ein Ende hatte, wo ich in stiller Ergebung die Bedrückung der Vorgesetzten hatte ertragen müssen -- in jener Stunde des Jubels, in jenem Augenblick, wo ich die Unglücklichen, die Kranken und Schmachtenden verlassen mußte, da wieder schnürte sich meine Brust zusammen, ein Schluchzen entrang sich meinem Munde, ich umarmte meine Leidensgefährten zum letzten Mal und ging von dannen, ohne den heißen Strom meiner Thränen zurückhalten zu können.
Zwei Empfindungen kämpften in mir; der Schmerz, die Unglücklichen verlassen zu müssen und die Sehnsucht, meine Angehörigen wieder zu umarmen.
Ich sollte die Scholle wieder sehen, wo ich als Kind mit meinen Altersgenossen gespielt hatte, und ein leuchtender Stern ging mir auf, die Erfüllung lang gehegter Hoffnungen verkündend. +Lebe wohl, Lido! Lebewohl, du fruchtbare Küste der Königin der Meere.+ Du allein kennst all die Unthaten, die uns heimgesucht, dir allein, dem Pandämonium der Schande und Schmach sende ich meinen letzten Gruß, der deinen Opfern Trost bringen möge!
O +Serraglio+ (die Kaserne der ersten Strafkompagnie), wo ich meinen Namen in Blut niedergeschrieben habe, ich grüße Dich! Möge in deine düstern Höhlen, wo das Eisen des Despotismus die Fäden des Lebens im Frühling der Jahre und in der Blüte jugendlicher Hoffnungen zerschneidet, eines Tages auch der Ruf der Freiheit denen ertönen, die unter der Schändlichkeit dulden!
Lebt wohl, ihr belaubten Haine, die ihr gegrünt habt und verwelkt seid wie meine Schmerzen, lebt wohl ihr Felder, die ich mit meinen Thränen betaute.
Leb' wohl, du trübe Woge der Adria; wie oft hast du im schäumenden Strudel deiner ewigen Fluten meine Thränen, das Echo meiner Leiden, hinabgezogen! Ich grüße dich, unseliges Gestade!... Und wenn mir eine Erinnerung in die Seele geprägt ist, so wird es die von der Qual sein, welche ich erlitt unter der drückenden Herrschaft der Tyrannen und der blutdürstigen Hyäne, des Hauptmanns Alessandro Ter... --
+Er sei tausend Mal verflucht!+ --
Unter der Herrschaft eines Despoten, der Italiens Volk knechtet, daß die blumige Erde rot von Blut und feuchten Thränen wird, jene Erde, welche die Wiege der Künste und Wissenschaften sein sollte, die immer wieder unter dem Zepter der Gemeinen gebeugt und dem Gelüst nach feilem Ruhme geopfert wurde.
Vierter Teil.[64]
Getäuschte Hoffnungen.
[64] In diesem letzten Teil der Schrift des M... wird der Leser einen wahren Verfolgungswahn, eine wahnsinnige Erregung und einen Verfall des Intellekts beobachten. Ich veröffentliche ihn, weil er die Psychologie des Typus mit großer Treue zeigt, den leidenschaftlichen Gigantismus, welcher das Erbteil der Epileptiker ist, wiedergiebt, und gleichzeitig die Geschichte des M... abschließt, indem er sein letztes Verbrechen in gewisser Weise erklären hilft.
Dieser Teil entbehrt auch der sinngemäßen Anordnung; er besteht aus leidenschaftlichen Impressionen, die nicht von realen und augenfälligen Thatsachen, sondern von Hallucinationen hervorgerufen sind, wie sich aus dem Prozeß ergab und wie M... in einem Augenblick der Ruhe selbst zu erkennen scheint, wofür der Brief an den Bruder, der am Schlusse veröffentlicht ist, Beweis ablegt.
Vorbemerkungen.
Der Mensch denkt, Gott lenkt.
Besser, den Teufel zur Seite haben, als ein schlechtes Weib.
Unselig der Gatte, der sich des Friedens willen dem Unterrock beugt.
Wer Pech angreift besudelt sich.
An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio.
Mein einzig geliebter Junge![65]
Dies ist der dritte und vielleicht der letzte Brief, den ich Dir hinterlasse, und ich glaube, dies ist auch der letzte Teil meiner Erzählung, mit dem ich die traurigen und seltsamen Abenteuer meines Lebens abschließe.
Meine Angehörigen quälten mich furchtbar, fortwährend lebte ich in Aufregung, sie beleidigten mich durch rauhe Worte und reizten mich auf tausenderlei Weisen, würdig einer Vettel, würdig der Tochter Spilingas, die von dem berüchtigten Ruina und den Schweinehändlern von Monte Poro großgezogen ist.
Deine Landsleute werden einmal entscheiden zwischen mir und dem elenden Scheusal, der mein Bruder heißt, dem ehrlosen, ruchlosen, engherzigen, verräterischen Wicht; die Gesellschaft wird, wenn meine Erzählung das Licht erblicken wird, urteilen über meine Handlungen und die des niederträchtigen Michele M..., über das unsaubere Betragen seines würdigen Weibes, der Schülerin des berüchtigten Ruina, der berühmten Tochter des berühmten Schweinehändlers von Poro, des Weibes, das sittenlos, geschwätzig, schmutzig, unwürdig ist, den geheiligten Namen Mutter zu tragen, wie wir im Verlauf dieser Erzählung sehen werden.
Alles wirst Du hören, mein lieber Francesco, und Deine Landsleute werden es bestätigen.
Tötlichen Haß sollst Du hegen gegen diese gemeine Brut, ich befehle es Dir; bekämpfe sie, wenn Du kannst, bis ins zehnte Glied und Deinen Söhnen, Deinen Enkeln übermache mein Gebot; ein ewiger Vernichtungskrieg muß zwischen beiden Familien herrschen, das befehle ich Dir, bis von Deinem oder von ihrem Geschlecht kein Sproß mehr übrig ist -- dann werde ich vom Höllenrand aus Dich segnen, werde Deine Kinder und Kindeskinder segnen und mein teuflisches Lachen wird die Kommenden erbeben lassen.
Dein Vater Mai, 1888. Antonino M...
[65] Daß er die einzelnen Teile seiner Schriften mit einem Brief an den Sohn beginnt, ist ein Charakteristikum des Graphomanen.
Wieder daheim.
So bin ich denn erlöst von den schweren Ketten meines traurigen Unglücks, erlöst von dem grausamen Druck der Militärzeit, unter dem ich vierzehn lange Jahre geschmachtet habe.
Ich bin im Schoße meiner Familie, in meiner lieben Heimatstadt Parghelia, in der Umgebung meiner Wohlthäter, meiner lieben Landsleute, die alle freundlich, liebevoll und edelmütig gegen mich sind.
Wir stehen im Monat September 1882.
Ich umarmte meinen Bruder, seine Sprößlinge; ich sah seine würdige Gattin an, und ein neues Leben erschloß sich vor mir, ein Leben voll zärtlicher Familienbande, ein Leben des Jubels, des Friedens, der brüderlichen Liebe.
+Es war ein Traum, ein entsetzlicher Traum!!+
Gleich am ersten Tage sagte ich meinem Bruder, daß ich Liebe, Freundlichkeit und Wohlwollen gebrauche, da ich vierzehn Jahre alles hatte entbehren müssen, daß ich physischer und moralischer Hilfe bedürftig sei, und daß Mitleid mit notthue, bis ich mich an das neue Leben gewöhnt hatte; ich erklärte ihm rund heraus, daß er allein die Zügel der Familie halten solle, daß er das einzige Oberhaupt sein solle, um mit Sinn und Verstand alles zum Guten zu lenken; daß ich alles dazu beitragen wolle, für das Wohl seiner Kinder zu wirken, daß Harmonie und Friede zwischen uns herrschen, und eine weise Sparsamkeit im Haushalt walten müsse; nur um zwei Soldi für Tabak bat ich ihn, da dies das einzige Laster ist, dem ich ergeben bin.
Ich bin mäßig im Essen, und der Mensch, der lange im Unglück gelebt hat, muß es sein. Ein Bohnengericht, eine Suppe und ein Stück schwarzes Brot genügten mir, wenn ich das hatte, da dünkte ich mich ein Papst oder ein Prinz -- mit einem Salat, oder einigen Tomaten war ich glücklich.
Nie bin ich ein =Fresser= gewesen, die Sparsamkeit hat meine Kehle und meinen Magen stets regiert, nie bin ich lecker gewesen -- ob die Suppe zu viel oder zu wenig gesalzen war -- stets habe ich sie mit gleichem Appetit verzehrt.
Ich muß immer noch daran denken, wie ich in Neapel im Gefängnis saß, und der Reis schlecht gekocht und schlecht gewürzt war; damals schüttete ich meine Portion in einen großen Napf, aus dem wir uns sonst zu waschen pflegten, belegte mir ein großes Stück Schwarzbrot damit und verzehrte es mit dem größten Appetit der Welt.
Meine schwache Feder möge ein Bild geben von den Familienmitgliedern, ihren Charakterzügen und inneren und äußeren Eigenschaften, damit man sich eine klare Vorstellung machen kann von den Personen, die in dieser schmutzigen Komödie auftreten.
Michele M..., Familienoberhaupt, Hauptperson meines Dramas.
Ein Mann in den Vierzigern, mit argwöhnischem, vorsichtigem, unruhigem Auge. Auf den ersten Blick sagt man: das ist ein Verräter, ein kleinlicher Sophist, eine niedrige Seele, ein Schwindler von Natur, ein Skeptiker, ein Haufen von Scheußlichkeit. Michela M..., aus Spilinga, die Gattin des erwähnten Michele, die Schülerin des berüchtigten Ruina, die Tochter des Schweinehändlers von Monte Poro, eine abgetakelte Fregatte, mit der Kraft eines hungrigen Riesen, regelmäßig gebaut, dick und fett; die Haare braun und struppig, die Stirn breit und flach, die Augen glanzlos; sie ist kurzsichtig und weitsichtig zu gleicher Zeit, sie blickt mit halbgeöffneten Augen und kneift sie zusammen, als ob sie den Blick in eine Ecke des Auges konzentrieren will; sie sieht über ihre ungeheure Nase nicht heraus, die Unterlippe verschwimmt mit dem Kinn zu einer Fettmasse. Die Ohren sind lang und breit, die Wangen fettig und rot gefleckt, die Backenknochen vorstehend; der Mund ist groß und krumm, die Oberlippe schmal, trocken, blutlos, die Zähne schwarz und schief, der Hals dick und stark und zwei starke Brüste hangen aus dem Schlitz des schmutzigen Hemdes und Kleides heraus, die immer offen stehen, denn sie sagt, sie ist zu fett; die Hand ist kurz und schmierig.
Was meint Ihr dazu? Und ich erzähle die Wahrheit, die reine Wahrheit, die mehr als einmal durch Zeugen erwiesen ist, und ich bin gewiß, ganz gewiß, daß wenn meine Erzählung nur einer der Bestien in die Hände fällt, die in diesem schmutzigen Drama eine Rolle spielen, sie trotz aller ihrer Bestialität nur sagen kann: Er erzählt nur die reine Wahrheit.
Fünf Kinder, zwei Knaben und drei Mädchen.
Francesco Antonio, der erste Sohn, ein verweichlichter Lümmel, der, wenn er geht, mit dem Kopf wackelt, als ob er einen Schlaganfall gehabt hat; er wiegt sich hin und her und wackelt mit den Hinterbacken, wie seine würdige Mutter Donna Michela: wie die Mutter, so der Sohn.