Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Part 18

Chapter 183,721 wordsPublic domain

So waren meine Hoffnungen zerstört und ich mußte mich in das Geschick fügen. Ich wurde nach Rom geschickt, um in der Druckerei des Kommandos der Strafabteilung zu arbeiten. Es war ein großer Arbeitsraum in dem Kommandogebäude, drei Maschinen und acht Pressen machte die Druckerei aus, ich mußte mit einem Zivilisten zusammen an einer Presse arbeiten und bekam außer der Soldatenkost fünfzig Centesimi täglich. Hier blieb ich zwei Monate, während dieser Zeit schloß ich enge Freundschaft mit dem Bureauschreiber. Eines Tages sagte ich zu ihm:

»Rom...,« so hieß er, »wäre es nicht möglich, im Bureau eine hübsche kleine Fälschung zu machen, die mir sehr nützlich sein könnte?«

»Was für eine Fälschung?« rief er, die Augen aufreißend und mich anstarrend.

»Im Register stehe ich unter der Klasse 1869 verzeichnet, könnten wir daraus nicht 1868 machen?«

»Was für einen Unsinn verlangst Du, willst Du mich auf die Galeere bringen?«

»Was Unsinn, was Galeere, ich sehe, daß Du noch ein Neuling in diesen Dingen bist.«

An jenem Tage wollte er nicht einwilligen, aber ich ließ nicht nach, bis ich ihn verführt.

Eines Abends waren wir in einem Wirtshaus, ich veranlaßte ihn mehr zu trinken als gewöhnlich und als es mir schien, daß der Weinrausch ihn umnebelt hatte, fing ich von neuem von der Fälschung an.

Wir gingen hinaus, er sagte:

»M..., warte ein wenig, ich will sehen, ob jemand im Bureau ist.«

Er kam taumelnd wieder heraus, die Sache ging gut.

»Komm,« sagte er, »im Bureau ist niemand.«

Wir gingen die Treppe hinauf, ich gab ihm eine Cigarre, wir traten in das Bureau; er schlug das Register auf, ich suchte meinen Namen, bei dem die Jahreszahl 1869 eingetragen war, mit einem Federmesser kratzte ich die unverschämte 9 aus und setzte eine liebliche 8 an die Stelle.

Wir brachten alles wieder in Ordnung, darauf gingen wir in ein Café und dachten über unsere That nach.

Nach zwei Monaten wurde ich wieder von Rom fortgeschickt und kam zum Lido zurück.

Kaum wieder bei der Kompagnie wurde ich sofort einem der Forts zugeteilt, welche Venedig umgeben.

Die Aufgabe der zum Dienste in den Forts detachierten Soldaten war: niemand ohne Erlaubnis des Chefs der Wache einzulassen, die Bollwerke täglich und einige Male Nachts zu überwachen, zu verhindern, daß irgend wer topographische Aufnahmen der Gegend machte, niemand an den Festungsgraben kommen zu lassen und das Fischen darin zu verhindern; das Fort sauber zu halten und auf das Losungswort zu antworten.

Ich wurde nach dem Fort San Andrea, unweit dem Lido geschickt; dieses Fort war ganz von Wasser umgeben; ein Boot, das von einigen Schiffern, Soldaten aus meiner Kompagnie, bedient wurde, lag in der Nähe vor Anker; der Chef der Wache war ein alter Veteran.

Hier führten wir ein patriarchalisches Leben, in der fortwährenden Einsamkeit betrachtete man täglich die Schlechtigkeit der Menschen, die Schönheit der silbernen Lagunen, die Ungeheuerlichkeit dieser bösen Welt, die Schönheit des klaren venetianischen Himmels; hier sah man Venedig in seiner ganzen Größe, die flinken Gondeln huschten zu hunderten über die klare, krystallhelle Flut, man sah den Lido mit seinen hohen Bollwerken und großen Kanonen, man sah die anderen Forts, die wie kleine Erdhügel hier und da verstreut lagen.

Ein großes Genie würde dazu gehören, um diese entzückenden Wunder der Natur und der Menschenhand zu beschreiben.

Ich blieb mehrere Monate in diesem Fort, las Romane und schrieb einige Sachen, die ich meinem Freunde in der Kompagnie zur Korrektur schickte.

Dann kam Befehl von der Strafabteilung, daß die Detachements in den Forts abwechseln sollten, indem jeder Soldat acht Tage lang dableiben sollte; infolge dessen mußte ich, sehr gegen meinen Wunsch, wieder zur Kompagnie zurück und ein anderer nahm meinen Posten ein.

Wie es kam, mag Gott wissen, genug, unser edler Hauptmann Guar... wurde als Direktor des Militärgefängnisses nach Savona versetzt.

Wir waren darüber sehr ungehalten und beklagten den schmerzlichen Verlust lebhaft.

An seine Stelle kam der Hauptmann Alessandro Ter..., ein bestialischer, bösartiger Mensch. Dieser Henker hatte Weib und Kinder; er war ein schrecklicher unerbittlicher Schinder, ein bestialischer Mensch, eine Bestie von Natur und Charakter, launisch, hämisch, bockbeinig wie ein Esel; immer bereit, Böses zu thun, wurde er eine wahre Geißel für uns arme Soldaten. Nach soviel Freuden solche Leiden: so wechselt das menschliche Leben, so ändern sich die Dinge in einem Augenblick.

Zehn Stunden täglich ward exerziert mit dem Gewehr im Arm und dem Tornister auf dem Rücken.

Unsere Soldaten hatten Zündnadelgewehre, ein altes Modell, welches nicht schoß, krumme, unbrauchbare Flinten ohne Bajonett; wenn wir ausgingen, durften wir nur den Gürtel umschnallen, keinen Säbel, statt des Helmes trugen wir die Mütze.

Wie gesagt: zehn Stunden täglich exerzieren, im Sommer unter der sengenden Sonnenglut, im Winter im Schnee, im Regen, im Schmutz -- und wie auch das Wetter war, immer mußten wir zehn Stunden exerzieren.

Eine eiserne Disziplin spannte uns wie mit einem Ring zusammen, unaufhörlich regnete es Strafen, die Arrestzellen waren überfüllt, rostige und schimmelige Ketten wurden den Ärmsten angelegt, sechzig Tage mußten sie bei Wasser und Brod schmachten, viele wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und zu langjährigen Strafen verurteilt.

Theater, Musik, Spiel, Gesang, Lachen und Scherzen -- alles war vorbei; wehe dem, der noch daran dachte und sich nicht dem eisernen Willen des herzlosen Tyrannen, des unerbittlichen Schinders beugte.

+Er sei verflucht!+

Die Offiziere, seine Untergebenen, waren eine Aasbande, die für kärglichen Sold gekauft war; die Chargierten folgten dem Beispiel der schändlichen Bestie, sie hoben frech ihr Haupt, das Hauptmann Guar... in den Staub gebeugt hatte. Sie erstatteten falsche Anzeigen, ungeheuerliche erlogene Meldungen und er, der legitime Schinder verurteilte stets, ohne Erbarmen, er hörte auf keinen Einwand, sondern sagte: »Der Soldat legt seinen Verstand vor dem Kasernenthor ab!«

+Er sei verflucht!+

Weil ich während des Exerzierens mit meinem Nachbar ein einziges Wort gesprochen hatte, verurteilte er mich zu dreißig Tagen strengem Arrest bei Wasser und Brot.

+Er sei verflucht!+

Ein so trauriges Leben führten wir unter dem Kommando des Hauptmanns Alessandro Ter... verfluchten Angedenkens, nach soviel Glück, Frieden und Fröhlichkeit gerieten wir in Trübsal, Kummer und Unglück.

Das Essen war schlecht, ungenießbar, der Mehlbrei war trocken und schwarz, das Fleisch stinkig, das Brot trocken, schwarz und ungar, alles war schlecht, nach soviel Glück gerieten wir in soviel Übel.[61]

[61] Diese Übertreibung _in pejus_ bildet den logischen Gegensatz zu der vorherigen optimistischen Übertreibung. Jeder begreift, daß die Lebensbedingungen sich nicht so sehr ändern konnten. Dieser leidenschaftliche Gigantismus ist charakteristisch für die Epileptiker.

Ich wiederhole es, es würde die Feder der größten Männer erfordern, um die Schändlichkeiten, die Grausamkeiten, die Schindereien zu schildern, deren der Hauptmann Alessandro Ter... uns aussetzte.

+Er sei verflucht!+

Meine Freunde Frol..., Mastr..., Perlil..., Ata... und andere junge Leute von Bildung und Wissen wurden ein Opfer dieser Bestie in Uniform, dessen Gattin, Frau Matilde, kein anderes Bestreben hatte, als ihm täglich ein neues Horn auf den Kopf zu pflanzen; sie hielt es mit dem Feldwebel, und er, der uniformierte Hahnrei wußte alles und war stolz auf die prächtigen Hörner, die auf seiner Mörderstirne prangten.

Drei lange Jahre verbrachte ich in diesem Labyrinth des Jammers, Gott weiß wie; ich war pünktlich und aufmerksam im Dienst, aber mehrere Male wurde ich von dem Hauptmann Alessandro Ter... wegen nichtiger Vorwände in strengen Arrest geschickt, und verbrachte zwanzig, ja dreißig Tage bei Wasser und Brot.

+Er sei verflucht!+

Ein niederträchtiger Lieutenant, mit einem Gesicht wie ein Affe, ein Lilliputaner, Antonio Car..., eine Bestie noch unter dem Vieh, der nicht einmal italienisch sprechen konnte, sondern nur seinen breiten piemontesischen Dialekt kauderwälschte, hatte es auf mich abgesehen und tadelte und meldete mich, wo er konnte.

Eines Tages meldete er mich, weil ich ihn angesehen hatte, ohne ihn zu grüßen und dieser Schinder, Alessandro Ter..., verurteilte mich zu fünfundzwanzig Tagen strengem Arrest bei Wasser und Brot.

+Er sei verflucht!+

Aus dem Arrest entlassen, nahm ich mir vor, der verfluchten Dienstzeit einen großen, tragischen Abschluß zu geben, so sehr hatte mich die Strafe erbittert. Ich ging in eine Schenke und goß mir einen Liter Wein in den Magen, und als ich merkte, daß die Weindünste mich umnebelten, ging ich nach Hause, holte meinen Dolch und legte mich angekleidet zu Bett. Der Lieutenant mit dem Affengesicht hatte die Ronde; er mußte gegen Mitternacht in mein Zimmer kommen, um zu sehen, ob alles still war und ob die Lampen ordentlich brannten.

Kurz vor Mitternacht erhob ich mich und stellte mich auf der Treppe auf, wo der Offizier vorbei mußte, entschlossen, ihm, sobald ich ihn sah, in den Rücken zu springen und ihn zu durchbohren.

Ich hörte Schritte und glaubte, die Zeit sei gekommen, aber es war mein Kamerad Mastr..., der sich, weil er auf Wache war und es grimmig kalt war, seine Decke geholt hatte -- würde er entdeckt, so wären ihm vierzehn Tage Wasser und Brot gewiß, auf Anordnung des hochedlen Hahnreis Alessandro Ter...

+Er sei verflucht!+

Ohne ein Wort zu sagen ging Mastr... vorbei, kam mit seiner Decke zurück und ging wieder heraus. Es war Winter, es schneite in großen Flocken, im Hof lag der Schnee zwei Handbreit hoch und unaufhörlich senkten sich die Flocken herunter.

Alles war still, einförmig drangen die Schritte des Nachtpostens an mein Ohr.

Der Lieutenant kam nicht, schon war es ein Uhr, die Grabesstille, das Schneien, das Dunkel und die jetzt lauten, jetzt verhallenden Schritte der Schildwache machten mir Furcht, vor meinem furchtbaren Entschluß wurden Herz und Seele matt.

Jetzt schlug es zwei, ein verteufelter Lärm entstand in der Wachtstube, ein Kommen und Gehen von Soldaten, Waffengeklirr, ich trat an die Fensterbrüstung und sah zur Wachtstube herein, da erblickte ich bewaffnete Soldaten, zwei Korporale und einen Sergeanten; sie kamen herein unter Anführung des Lieutenants mit dem Affengesicht, sie stiegen die Treppe hinauf.

Die Sache ist nicht richtig, dachte ich, ziehe die Stiefel aus und renne barfuß in meine Kammer.

Den Dolch versteckte ich in dem Strohsack, entkleidete mich rasch und zog die Bettdecke über, dann that ich, als ob ich friedlich schlief. Der Lieutenant trat ein mit seiner Begleitung, die Betten wurden gezählt, an mein Bett trat er heran, lüftete die Bettdecke und sah mich an.

Am andern Morgen, als uns in der Instruktionsstunde das neue Gewehr, Modell 1870 Wetterli, erklärt wurde, rief der Lieutenant mich heraus.

»M...«, sagte er, als wir allein waren, »Sie haben gestern Nacht versucht, mich zu ermorden.«

»Ich, Herr Lieutenant! ich hätte versucht, Sie, einen Vorgesetzten zu ermorden?«

»Genug, M..., ich weiß alles, bedenken Sie, daß ich eine zahlreiche Familie zu ernähren habe, die ohne mich, da ich kein Vermögen habe, ihr Brot auf der Straße erbetteln müßte. Ich meinerseits habe gefehlt, indem ich Sie öfter getadelt und gemeldet habe, Sie, indem Sie das große Verbrechen auf sich luden, mich ermorden zu wollen. Jetzt ist alles aus, ich werde die Sache begraben sein lassen, thun Sie dasselbe, wir wollen gute Freunde bleiben, einverstanden, M...?«

»Ja, Herr Lieutenant«, antwortete ich.

Von diesem Augenblick ab war der Lieutenant zuckersüß zu mir und übte alle möglichen Rücksichten gegen mich.

Und wie hatte er es erfahren, daß ich ihn töten wollte?

Mein Kamerad Mastr... hatte mich gesehen, als er seine Decke holte und aus dem Umstande hatte er meine Absicht erraten; er begab sich zu dem Lieutenant und benachrichtigte ihn, bat ihn aber, unter keinen Umständen seinen Namen zu sagen; denn wenn er ihn jetzt warnte, so geschähe es, um ihn vor Schaden zu bewahren; morgen könne man ihn auf die Folter spannen und er würde kein Wort sagen.

Drei Jahre verbrachte ich so im Elend, oft und aus nichtigen Gründen wurde ich bestraft, viele wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und gingen jahrelangen Kerkerstrafen entgegen.

Nachts, anstatt zu schlafen, lag ich wach und quälte mein Hirn, um nicht in irgend eine Schlinge zu geraten.

Nie werde ich die Kaltblütigkeit meines Freundes Frol... vergessen.

Eines Abends saßen wir in der Schenke, mehrere Soldaten und ein Sergeant von unserer Kompagnie, und sprachen bei einem Becher Wein und einem Stück Brot über Politik, dabei war Frol... anderen Sinnes als der Sergeant, sie gerieten in Wortwechsel und schließlich gab der schuftige Sergeant dem Frol... eine mächtige Ohrfeige auf die rosige Wange. Frol... blieb ruhig und kalt, lächelnd bat er den Wirt um eine Schüssel mit Wasser, stellte sie vor dem Sergeanten auf, wusch sich das Gesicht, füllte sein Glas und stieß mit dem Sergeanten an, indem er sagte:

»Trinken wir auf das Wohl der Armee und auf uns armen Sünder!«

Der Sergeant wollte nicht Bescheid thun, mit schamrotem Gesicht ging er von dannen.

Der Vorfall kam dem Hauptmann zu Ohren, er rief Frol..., faßte ihn am Arm und sagte:

»Sie sind ein schlechter Soldat, ein neapolitanischer Trotzkopf, aber wir werden Ihnen Ihren Starrsinn austreiben: Sie haben dreißig Tage strengen Arrest bei Wasser und Brot, damit Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... nicht vergessen.«

+Er sei verflucht!+

Die Entdeckung.

Ein ministerieller Erlaß ordnete an, daß die Soldaten der Strafkompagnie, die mit mehr als sechs Monaten Gefängnis bestraft waren und der Aushebungsklasse 1868 angehörten, auf dauernden Urlaub entlassen werden sollten. Die hiervon betroffenen Soldaten freuten sich und sahen ungeduldig der Stunde entgegen, wo sie dieser Hölle entrinnen konnten; auch ich freute mich, aber nicht ganz aufrichtig, denn ich wußte, daß etwas dabei nicht ganz in Ordnung war. Infolge meiner Sparsamkeit hatte ich mir eine ganze Ausstattung angeschafft, die ich, nachdem ich dreizehn Jahre lang von Hause entfernt war, gut gebrauchen konnte. Denn zu Hause war ich sicher, nichts vorzufinden, wie wäre das möglich, da mein Bruder vor =Hunger starb= und =im tiefsten Elend= saß. +Der Ärmste!!...+

Endlich kam das Verzeichnis der Soldaten, welche auf dauernden Urlaub gingen, sie wurden zusammengerufen und ich mit; mein Herz schlug heftig, die Beine trugen mich kaum, mein Geist war trübe und verwirrt. Warum? Ich wußte es selber kaum.

Unsere Uniform wurde uns ausgezogen, nur den Drillichanzug behielten wir, auch die Waffen wurden uns abgenommen und jedem von seinem Guthaben acht Lire und fünfzig Centesimi abgezogen. Den ganzen Tag herrschte ein Kommen und Gehen, wir waren sechsundachtzig Mann.

Am Abend wurde uns der Paß ausgestellt, unser Guthaben ausgezahlt und das Fahrgeld für die Eisenbahn übergeben. Als der Hauptmann mich sah, sagte er:

»Es thut mir leid, daß Sie schon fortgehen, ich hätte Sie gerne noch etwas länger hier gehabt, damit Sie Ihren Hauptmann Alessandro Ter... nicht vergessen.«

+Er sei tausend Mal verflucht!+

Am nächsten Sonntag reiste ich, nachdem ich meine Kameraden umarmt hatte, von Venedig dritter Klasse nach Bologna ab; die meisten fuhren nach Florenz, ich allein mit einem Gefährten nach Ancona.

Ich hatte noch eine Anzahl Zehnlirenoten; in Bologna gingen wir in eine Schenke, dort ließ ich mir einen Bettler kommen und schenkte ihm meinen Drillichanzug, während ich mich in meinen schönen Zivilanzug kleidete. Dem Bettler schenkte ich alles, Hose, Jacke, Binde, Mütze, ja sogar das Taschentuch, um durch nichts mehr an den Hauptmann Alessandro Ter... erinnert zu werden.

+Er sei tausend Mal verflucht!+

Dann gab ich ihm eine Zweilirenote und sagte:

»Da, iß und trink, und wenn jemand Dich fragt, wer Du bist, dann sage, Du bist aus der ersten Strafkompagnie entlassen.«

Als der Bettelsoldat fort war, sagte mein Kamerad:

»Dem hast Du was schönes eingebrockt!«

»Wieso?«

»Weil er, ehe noch eine Stunde verstrichen ist, verhaftet sein wird.«

»Unmöglich!«

Tags darauf reiste mein Gefährte nach Ancona ab; ich fuhr nicht mit, nicht eigentlich um mir Bologna anzusehen, sondern weil es mir Vergnügen machte, allein und von niemandem gekannt, zu reisen.

Nach vier Tagen fuhr ich nach Ancona, und depeschierte an meinen Bruder um Geld, worauf ich eine telegraphische Anweisung über zwanzig Lire empfing; dann reiste ich weiter.

In Taranto blieb ich zwei Tage, hier schrieb ich in mein Taschenbuch, daß ich auf Ministerialerlaß vom 7. Juni 1881 am 14. Juni 1881 auf dauernden Urlaub entlassen sei; in Bari hielt ich mich zwei Tage auf, von Foggia aus telegraphierte ich wieder an meinen Bruder um Geld; hier blieb ich sechs Tage, da ich einen Unglücksgefährten traf, mit dem ich in Lucera zusammen im Gefängnis gewesen war. Am siebenten Tage ging ich zum Bahnhof; gerade wollte ich nach Polenza abfahren, als der Schaffner, welcher die Fahrkarten zu durchlochen hat, mich nach meinem Billett fragte, und nachdem ich es ihm gezeigt hatte, sagte:

»Sie sind Soldat?«

»Ja.«

»Und haben Sie die Erlaubnis, in Zivil zu reisen?«

»Nein.«

»Nun, dann ziehen Sie Uniform an, oder bezahlen wie jeder andere Zivilist, so kann ich Sie nicht mitfahren lassen.«

Ich widersprach, der Kontrolleur kam herzu und gab mir unrecht. Ich mußte aussteigen und überlegte was zu thun sei. Ich hätte mich ja bei der Militärbehörde melden können, aber in meinem Paß war angegeben, daß ich wegen schlechter Führung unter Aufsicht stand.

Als Zivilist zu bezahlen kostete viel Geld und das hatte ich nicht, in Foggia konnte ich nicht bleiben -- was war da zu thun?

Endlich faßte ich mir ein Herz und begab mich zur Militärbehörde, wo der Oberst mir den Vermerk in den Paß schrieb, daß ich Zivilkleider tragen dürfe. Erleichtert ging ich von dannen, tags darauf reiste ich nach Polenza, von da nach Catanzaro und dann nach Pizzo. Von hier ließ ich mich in einem Boot nach meinem Heimatort rudern; mein Neffe Francesco Antonio, der älteste Sohn meines Bruders erwartete mich. Ich betrete das Haus meines verstorbenen Vaters, es war Abend und die Nacht brach heran, mein Bruder umarmte mich und weinte vor Ärger, da er gewünscht hatte, daß ich das väterliche Dach nie wieder gesehen hätte; aber ihm lachte ja noch der süße Trost, daß ich von Mörderhand fiel oder an der Schwindsucht in irgend einem Krankenhause verendete.

»Wie Du elend aussiehst,« sagte er, tiefen Schmerz heuchelnd.

»Das macht nichts lieber Bruder; so sieht das Unglück aus, es ist das Werk des Hauptmanns Alessandro Ter..., +der tausendmal verflucht sei+; aber bald werde ich mich erholt haben; ich war schon elender als jetzt, und unter Eurer Pflege werde ich bald wieder frisch und rund sein, eine Zigeunerin hat mir in Genua prophezeit, daß ich ein Baum sei, der in jedem Sturm zerzaust würde, aber daß ich mich bald wieder mit Blüten und hellem Grün bekleiden würde.«

Ich fand sechs kleine dreckige Kinderchen vor, zerlumpt, barfuß, halbtot vor Hunger und Durst -- es waren die Kinder meines Bruders.

Ich sah seine würdige Gemahlin, Donna Michela, ein Weib wie ein Kürassier, wenn sie ging, zitterte der Boden unter ihrem großen, schweren Fuß, sie war kurzsichtig und kniff die Augen zusammen, wenn sie mich ansah; stets hingen ihr die fetten Brüste aus dem geöffneten schmutzigen und zerrissenen Kleid heraus.

Ich fand zwei alte kindisch gewordene boshafte Nonnen vor, es waren die Schwestern meines armen verstorbenen Vaters.

Mehrere Tage hindurch quälte eine schreckliche Krankheit ein Glied meines Körpers, ich legte mich zu Bett und rief den Doktor Antonino di Vita, doch die Schmerzen wurden stärker und zerrissen mir das Herz. Als ich endlich auf dem Wege der Besserung war, erhielt der Bürgermeister unserer Stadt die niederschmetternde Nachricht, daß ich auf Anordnung der Militärbehörde sofort zurück geschickt werden solle, da ich irrtümlich auf dauernden Urlaub gegangen sei.

Dieser Befehl wurde mir mitgeteilt, meine Verzweiflung kannte keine Grenzen, mehrere Male setzte ich den kalten Lauf meines Revolvers an die Schläfe und war im Begriff mir den Kopf zu zerschmettern, aber ein anderer Gedanke kam dazwischen und sagte: Lebe und leide!

Ich schickte ein ärztliches Attest, daß ich nicht reisen könne und bekam vierzehn Tage Aufschub.

Nach diesen vierzehn Tagen mußte ich abreisen, um unter die Knechtschaft des Tyrannen zurückzukehren, um noch einmal in jenem Labyrinth in Jammer und Pein zu leben, wo Arrest und Kettenhaft, Wasser und Brot herrschen und jener schändliche Hauptmann Alessandro Ter...

+Er sei tausend Mal verflucht!+

Ich bewaffne mich wie ein Brigant, eine Doppelbüchse über die Schulter, einen Revolver an der Seite, zwei Pistolen in der Tasche, einen langen Dolch und Säbel, Patronen, Pulver und Schrot trug ich in einer alten Patronentasche, so begab ich mich in die bergigen Gefilde von Daffina, entschlossen, die Karabinieri über den Haufen zu schießen, wenn sie mich verfolgen sollten.

Die Zeit war um, wo ich mich in Catanzaro hätte melden müssen, jetzt war ich Deserteur.

Nach sieben Tagen entschloß ich mich, das Schicksal walten zu lassen, ich ging nach Catanzaro und stellte mich der Militärbehörde. Hier gab man mir mein Reisegeld und ich machte denselben Weg zurück, den ich vor zwanzig Tagen gefahren war.

Ich trug den Tod im Herzen, die Abteilungen dritter Klasse waren voll von Soldaten, die fröhlich sangen; auf den Stationen war ein Drängen, ein Gehen und Kommen, Ein- und Aussteigen, Umarmen, Begrüßen; fröhlich, jauchzend trennten sich die Kameraden, es war die Klasse 1868, die entlassen war; nur ich, der ich derselben Klasse zugehörte, mußte zum Regiment zurück! Welch trübes Verhängnis konnte mich erwarten unter der Herrschaft des ausgemachten Hahnreis, des Hauptmanns Alessandro Ter...?

+Er sei tausend Mal verflucht!+

Was in mir vorging, das vermag keine Feder zu beschreiben; denn gewisse Schmerzen fühlt man zwar, aber man kann sie nicht äußern; die Furien der Hölle bemächtigten sich meiner, ich fluchte wie ein Verdammter, ich zerbiß mir die Hände, die Arme, ich riß mir das Haar aus und rannte mit dem Kopf gegen die Wand, ich schlug mir mit den Fäusten vor die Stirn und stopfte mir die Finger in die Ohren, um nicht den Gesang, das Stimmengewirr zu hören; ich war neidisch auf deren Glück, ich wünschte taub und blind zu sein.

Nach einer langen und anstrengenden Reise kam ich auf dem Lido an, es war ein Uhr Nachts, ich ging zu meiner Kaserne und klopfte an die eisenbeschlagene Thür, ein Fenster öffnet sich und der wachthabende Sergeant sagt:

»Wer ist da?«

»Ich -- ist hier Wohnung für mich?«

»Nicht übel, meinen Sie, hier sei ein Gasthaus?«

»Ja, aber ein unfreiwilliges.«

»Wer sind Sie denn?«

»Wer soll ich sein!«

»Wie heißen Sie?«

»Antonino!«

»Sind Sie verrückt?«

»Man möchte es meinen.«

»Woher kommen Sie?«

»Von Hause.«

»Und zum Teufel, was wollen Sie denn?«

»Was ich gesagt habe.«

»Und das ist?«

»Hier wohnen.«

»Hier wohnen nur Soldaten.«

»Ich bin Soldat.«

»Bei welchem Regiment?«

»Ich gehörte nicht zum Regiment.«

»Also zur Kompagnie?«

»Ja.«

»Zu welcher?«

»Zur ersten.«

»Zur Strafkompagnie?«

»Ja, zur Strafkompagnie!«

»So warten Sie!«

Er öffnete die Thür, fuhr mir mit der Nase in's Gesicht und sagte dann:

»Ah, Sie sind es, geliebter M..., seien Sie mir willkommen!«

Ich trete ein, der Hauptmann wird gerufen und erscheint mit dem Lieutenant _du jour_.

»Nun, paßte es Ihnen nicht zu kommen«, sagte der Hauptmann, »Sie scheinen zu glauben, daß wir hier dazu da sind, um auf Sie zu warten; Sie miserabler Kerl! Das werden wir Ihnen anstreichen. Führen Sie ihn sofort in Arrest und schließen Sie ihn krumm!«