Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...
Part 17
»Morgen ist Sonntag,« sagte der Hauptmann, »ein Festtag für Euch. Ihr werdet Euch zusammenthun, jeder giebt einen Lire, Herr Lieutenant G... hat Befehl, für Euch ein Festmahl zu veranstalten, zehn Flaschen Toskanerwein gebe ich dazu. Aus Euren Tischen werdet Ihr eine Tafel zusammenstellen, die Bänke können als Sitze dienen, für Tischwäsche, Gläser u. s. w. werde ich sorgen, und Ihr werdet zu Ehren des Friedens, der Einigkeit, der Brüderlichkeit essen und trinken. Sie, M..., sammeln das Geld und liefern es an Herrn Lieutenant G..., wer kein Geld hat, mag sich an mich wenden. Sie, Gir..., nehmen M... unter den Arm und gehen spazieren. Rührt Euch!«
Ein Beifallsturm, Händeklatschen und Hochrufen folgte diesen Worten.
Am folgenden Tage wurde eine große Tafel im Hof hergerichtet, wie der edle Hauptmann befohlen hatte; hundertundzwanzig Soldaten, sechs Sergeanten und fünf Korporale nahmen an dem prunkvollen, reichlichen Mahl teil, die Becher füllten sich mit schäumendem Toskanerwein; die Flaschen standen aufmarschiert, als wollten sie sagen: Nimm mich hin -- die Gläser kreisten unter den Tischgenossen. Der Hauptmann, der Lieutenant, die Feldwebel und Sergeanten waren alle zugegen; sie füllten unsere Becher immer von neuem, Trinksprüche wurden ausgebracht, wir tranken zu Ehren des Hauptmanns, der Offiziere, wir tranken auf die Brüderlichkeit, die Einigkeit, den Frieden, wir tranken auf unsere Gesundheit, Hochrufe, Händeklatschen und Lachen ertönte aus der freudigen Gesellschaft, und ich brachte einen langen Trinkspruch in Versen aus.
Zwei Monate verbrachte ich in dieser Strafkompagnie ohne irgend welche Störung, geliebt und geachtet von meinen Vorgesetzten und Kameraden, ich hatte mich über meine vergangenen Leiden getröstet und genoß ein friedliches, nachdenkliches Leben in Spiel und Scherz mit meinen Genossen.
Eines Tages rief mich der Kommandant und teilte mir mit, daß meine Familie sich beschwert habe, daß ich so lange nicht geschrieben habe und trug mir auf, sofort von meinem Verbleiben und Befinden Nachricht nach Hause zu geben.
Seitdem ich den unliebenswürdigen, schmutzigen Brief meines Bruders bekommen hatte, hatte ich nicht mehr geschrieben, und es war beinahe zwei Jahre her, daß die Meinen ohne Nachricht von mir waren; wenn nun der Hallunke von meinem Bruder auf einmal so heißes Verlangen nach mir zeigte, so hatte das keinen anderen Grund, als daß er hoffte, ich sei tot, und er könne sich in den Besitz des Wenigen setzen, das mein unglücklicher Vater mir hinterlassen hatte. Das war der Gedanke des elenden Wurmes, der jeden Augenblick auf die Nachricht von meinem Hinscheiden wartete; aber Gott, das unsichtbare Wesen, der die verborgensten Falten der menschlichen Herzen siehet, spottete der thörichten und boshaften List des durchtriebenen Schurken.
Da mein Hauptmann befahl, durfte ich nicht zögern, wie konnte ich auch, da er mich täglich mit Beweisen seines Wohlwollens überhäufte. So schrieb ich denn folgenden Brief:
»Geliebter Schwachkopf!
Denkst Du noch an den schönen Brief, den Du mir nach Salerno schriebst? An den Brief, der Deiner würdig war, deiner Dummheit, deiner Hartherzigkeit? -- Nun, ich danke, es geht mir sehr gut, trotz aller Wünsche derer, die mich hassen. Ich habe hier alles: Liebe, Achtung, Wohlwollen, und das genügt mir, um mich wohl zu fühlen. Morgens bekomme ich eine prächtige schmackhafte Suppe und ein großes Stück gutes Brot, das mehr als genug für mich ist; Abends ein Stück Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche Vergnügungen: Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektüre, u. s. w., und was will man mehr?
Wir leben hier auf einer Insel nahe der Königin der Meere, einer großen, schönen, lachenden, grünenden Insel; oft fahren wir auf unseren Gondeln nach Venedig hinüber, ohne etwas zu zahlen, wir lustwandeln auf der lachenden weiten Piazza di San Marko; wir schäkern mit den rosigen, schönen Venezianerinnen, wir trinken unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal versucht hast und den Du nicht kennst; wir trinken schimmernden Toskanerwein, -- was will man mehr!
Wir haben Geld genug, schöne Bankscheine, um uns vergnügen zu können und Du armer Tropf, teilst mit Deinen armen Kindern den Hunger!
Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer Vater der Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenmänner, was kann man mehr verlangen?
Wir sind glücklich, wahrhaft glücklich. Das möge Dir genügen. Und wenn Du an unserem Glück teilnehmen willst, so komme her; das Ufer des adriatischen Meeres wird edelmütig genug sein, um den verworfensten, elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf Erden herumkriecht.
Lido, Venedig 10. April 1879.
Dein (!) Antonino M...«
Und was ich meinem Bruder schrieb, war die Wahrheit; uns Soldaten fehlt nichts, es war alles wahr.
Wir hatten eine prächtige Kapelle, die auf Verlangen im Hof spielte, oft wurde getanzt; Donnerstags und Sonntags spielten wir auch Theater. Mit unseren Tüchern und Decken steckten wir auf dem Hof einen großen viereckigen Raum ab, in einem Zimmer wurde geprobt, Kostüme fertigten wir selbst an, fünfzehn Soldaten oder mehr machten die Schauspieler, wir hatten einen Impresario, einen Direktor, einen Regisseur u. s. w., das nötige Geld wurde alle Woche von den Soldaten, Offizieren und Gefreiten gesammelt; einmal hatten wir fünfhundertzwölf Lire und achtundachtzig Centesimi; der Hauptmann hatte allein zweihundertfünfzig Lire gegeben!!!
Ich erinnere mich, daß ich einmal in einer Posse die Rolle des Briganten Gasparone spielte, ich war als kalabresischer Räuber gekleidet, mit hohem Hut, Stulpstiefeln, Hose und Jacke mit großen vergoldeten Knöpfen geschmückt, zwei Patrontaschen an den Seiten, eine doppelläufige Flinte über dem Rücken, einen großen Revolver und einen langen Dolch an der Seite; es war eine brillante Rolle; die Offiziere, die Chargierten, Herren und Damen wohnten der Vorstellung bei, und ebenso Handwerker und Bauern. Donnerstags und Montags gab es alles in Überfluß: Rum, Wermut, Bier, Wein und Cigarren, so daß es für die ganze Woche reichte; alles wurde von den Offizieren und Bürgern gegeben. Ich ging oft nach Venedig und blieb dort ganze Tage; wenn ich mich auf den Weg machte, und mich dem Hauptmann meldete, um die Erlaubnis einzuholen, dann sagte er:
»+Haben Sie Geld?+«
»Ich habe einen Lire, und das genügt für einen Tag.«
»Nein, in Venedig ist das nichts,« und er nahm einen Fünflireschein heraus und gab ihn mir.
Seine Börse war stets für alle geöffnet, und wenn man ihm das Geld wiedergeben wollte, dann fluchte und wetterte er und drohte uns in Arrest zu schicken! Der Ehrenmann litt an Asthma und Nachts mußte er von der Seite seiner lieben Gemahlin aufstehen, um ins Freie zu laufen, um Luft zu schöpfen.[58]
[58] Wie Venturi in seinem Gutachten bemerkt, begegnen sich bei M... die Übertreibung des Hasses mit der Übertreibung der Zuneigung, und so wird wahrscheinlich die Wirklichkeit der Erzählung des M... in nicht wenigen Punkten widersprechen.
Ein Lieutenant, ein Landsmann von ihm, sagte, daß er achtzigtausend Lire jährliche Rente habe, aber er machte kein Aufheben von seinem Reichtum, den er zum Besten der Armen und Unglücklichen verwandte; wegen seiner großen Zuneigung zu den Soldaten war er wiederholt bestraft worden und wäre ohnedies schon bedeutend avanziert. Derselbe Lieutenant erzählte mir einige Episoden aus dem Leben dieses merkwürdigen Mannes, von denen ich einige mitteilen will.
Als Hauptmann Guar... noch Lieutenant in Ravenna war, verliebte er sich in ein Mädchen aus dem Volke, er heiratete sie, nachdem er sie mit einem Vermögen von fünfundzwanzigtausend Lire ausgestattet hatte. Er lebte glücklich mit dem jungen Weib, das er mit allen Fasern seines Herzens liebte; die Frucht dieser Liebe war ein Söhnchen, das Ebenbild des Glückes seines Vaters. Da wurde ihm gesagt, daß seine Gattin ihn betrog.
»Unmöglich«, antwortete er, »Virginie, meine geliebte Virginie kann mich nicht verraten.« Er hatte ein Duell mit einem anderen Lieutenant, der ihm mitgeteilt hatte, daß seine Virginie ein unerlaubtes Verhältnis mit einem Lastträger hatte -- der arme Lieutenant wurde von Guar... erstochen.
Eines Morgens teilte er seiner Virginie mit, daß er verreisen müsse; er kehrte aber um und versteckte sich neben ihrem Schlafgemach, so daß er hören konnte, was dort vorging.
Lange stand er so und wartete; Virginie war mit ihren häuslichen Angelegenheiten beschäftigt.
Endlich gegen Abend hörte er Küsse, er lauschte und vernahm folgende Worte:
»Ettore, süßer Ettore, ich liebe dich wahnsinnig; ich möchte dich immer in meinen Armen halten, der schweigsame Offizier langweilt mich, ich liebe ihn nicht. Laß uns fliehen, Ettore, nach Verona; da können wir in Freiheit unser Glück genießen.«
»Nein süße Virginia, noch ist nicht die Zeit dazu ... Wie schön Du bist, gieb mir einen Kuß!«
Er hörte ihre Küsse, und das Blut erstarrte ihm in den Adern.
Es wurde still, Seufzer und Küsse wechselten mit einander; G... blickt durch eine Spalte und sieht seine Virginia in wollüstiger Umarmung mit ihrem Geliebten.
Er eilt hinaus, klopft an die Thür seines Schlaf-Gemaches, niemand antwortet. Endlich ruft er:
»Mach' auf, Virginia, ich bin es, Dein Gatte.«
Die Thür wird geöffnet, Virginia erscheint und sagt:
»Wie, Du bist nicht fort?«
»Nein, ich wollte Deinen Ettore sehen!«
»Hier bin ich,« antwortete Ettore, eine Waffe in der Hand haltend. »Sie befehlen?«
»Nichts, lieber Ettore,« antwortete der Lieutenant, »nur Ihre Hand.«
Sie reichten sich die Hände, Virginia lag auf den Knieen und zerfloß in Thränen. Herr G... öffnete sein Portefeuille, nahm zehn Tausendlirescheine heraus, reichte sie Virginia und sagte:
»Bitte, nehmen Sie und gehen Sie mit Ihrem Ettore; mein Sohn bleibt bei mir.«
Ettore und Virginia nahmen sich bei der Hand und gingen, G... wurde ohnmächtig aufgefunden, wie er seinen Sohn in den Armen hielt.
Als er Hauptmann beim zehnten Infanterie-Regiment in Bologna war, traf er eines Abends einen Zahlmeister, der ihm klagte, daß er sich das Leben nehmen müsse, da ihm sechstausend Lire aus der Kasse fehlten, Guar... nahm die Kassenschlüssel, öffnete sein Portefeuille, gab dem Zahlmeister sechs Tausendlirescheine und sagte nur:
»Nehmen Sie, die Kasse stimmt jetzt, seien Sie vernünftig!«
Nach Gottes Fügung starb Virginia wenige Jahre später arm und elend in einem Irrenhaus; G... heiratete ein anderes Mädchen aus dem Volke von schlechten Gewohnheiten und unregelmäßigem Lebenswandel. Ehe er sie heiratete, sagte er:
»Clelia« -- so hieß sie, »ich lege meinen Reichtum, mein Herz, meine Ehre, meinen guten Ruf in Deine Hände; willst Du mir treu sein, willst Du ein neues Leben beginnen?«
Sie versprach es und er erhob sie zur Herrin seines Lebens; sie gebar ihm ein süßes Töchterchen; der blonde Ludovico, der Sohn der Virginia, der jetzt zehn Jahr alt war, war immer bei ihm, und oft, so sagte man, umarmte er ihn und weinte, weinte herzbrechend.
Folgen wir dem Faden unserer Erzählung.
Eine Nacht war ich auf Wache, ich hatte etwas viel getrunken, es war im Sommer, ich litt unter der Hitze, und ob es daher kam oder von dem Wein, ich wurde sehr müde, setzte mich nieder und schlief mit dem Gewehr im Arme ein. Bald darauf werde ich geweckt, jemand klopft mich auf die Schulter; ich springe auf und sehe den Hauptmann.
»Das ist unrecht, Sie dürfen sich nicht vom Schlaf übermannen lassen -- es ist ein schweres Verbrechen, auf Wache zu schlafen. -- Ist Ihnen nicht wohl?«
»Nein, Herr Hauptmann, ich habe starke Kopfschmerzen.«
»So rufen Sie den dienstthuenden Sergeant und geben Sie mir so lange Ihr Gewehr.«
Ich gab ihm mein Gewehr, er nahm es und ging damit hin und her, ich ging zur Wachtstube und kam mit dem Sergeant zurück. Der Hauptmann sagte ihm, daß ich krank sei und befahl, mich ablösen zu lassen.
So geschah es, ein anderer nahm meinen Posten ein, ich ging in's Bett.
Derartiges kam öfter vor, der Hauptmann bestrafte nie; die Soldaten, die im süßesten Schlummer ihr Bett verlassen mußten, klagten nicht, sondern erwiesen sich als gute Kameraden.
Man muß wissen, daß ein Soldat, der auf Wache einschläft, mit sechs Monaten Kerker bestraft wird.
Es würde die Feder eines Francesco Mastriani erfordern, und die anderer Männer von Genie, um diese Strafkompagnie und ihre Mitglieder zu beschreiben, und um meine klassischen Abenteuer während der vier langen Jahre, die ich dort war, zu schildern; dicke wundersame Bände ließen sich darüber schreiben. Ich beschränke mich darauf, die bemerkenswerteren und unterhaltenden Vorfälle kunstlos niederzuschreiben, und bitte Euch, Nachsicht zu üben, denn ich habe wenig oder nichts gelernt und kenne fast nichts, deshalb bitte ich den wohlwollenden und gebildeten Leser um Nachsicht.
Unser acht Soldaten schlossen uns in enger Freundschaft zusammen: meine Gefährten waren intelligente und gebildete junge Leute; einige Stunden des Tages studierten wir zusammen, besprachen wissenschaftliche Fragen mit regem Eifer, lasen Romane, weltgeschichtliche Darstellungen und Zeitungen, und organisierten eine regelrechte Polemik untereinander: wir machten Verse, Oktaven, Kanzonen, Sonette, die unter einander gelesen, kritisiert, verbessert und umgearbeitet wurden; zur Poesielehre hatte ich einen gewissen Neapolitaner Carlo Frol... Pag..., in der Litteratur unterrichtete mich Luigi Mastr..., ebenfalls ein Neapolitaner, in der Kritik und Geschichte ein Piemontese Namens Alt...
Ich empfing einen Brief von meinem Bruder, in welchem er mich wegen meiner Gefängnisstrafe zu Salerno bedauerte und seine Freude darüber aussprach, daß es mir gut gehe (der elende Fuchs!). Er schickte mir zwölf Lire und seitdem schrieben wir uns alle Monat und ich bekam regelmäßig meine zwölf Lire.
Eines Abends waren wir im Wirtshaus; zwischen dem Wirt und einem Kameraden von mir, einem gewissen Angelo M..., erhob sich ein Streit, in dessen Verlauf der Wirt auf einmal sagte:
»Ihr seid alle Galeeren-Sklaven, Zuchthäusler, eine verkommene Bande!«
Diese uns allen ins Gesicht geschleuderte Beleidigung mußte gerächt werden, ich nahm das Glas und schlug dem Unverschämten mit aller Gewalt auf den Kopf. Das war das Signal zu einem allgemeinen Kampf, Flüche und Drohungen schallten durch die Luft, und wenn nicht einige Sergeanten hinzugekommen wären und der Wirt sich eingeschlossen hätte, wer weiß was für Unheil entstanden wäre.
Dem armen Wirt war der Schädel zerschlagen, ich wurde acht Tage bei Wasser und Brot eingesperrt.
Über meiner Zelle saß ein gewisser Liur... in Arrest, der mir durch eine Spalte in der Wand von seinem Essen etwas zusteckte. Er war in Untersuchung, weil er eine anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann geschrieben hatte, zwei Soldaten hatten ihn denunziert; ein gewisser Scar... aus Bologna und ein Cec... aus Benevento. Der Lieutenannt Gui... war in die Affaire mit verwickelt; bald darauf wurde er durch ein Kriegsgericht abgesetzt; zürnend zog er ab, er war in Zivilkleidung und als er vor der Kaserne stand, zog er seinen Säbel aus der Hose heraus und zerbrach ihn über das Knie. Ein neapolitanischer Soldat Namens Per..., der dies sah, spuckte ihm ins Gesicht und sagte:
»Du bist ein elender Hund!«
Während ich im Gefängnis saß, hörte ich eines Morgens ein Geräusch, als ob zwei Personen mit einander kämpften und vernahm die Stimme eines Kameraden, der sagte:
»Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen.«
Mein Kamerad hatte von seinen Landsleuten eine Mitteilung erhalten; während er sie las, war der aufsichtsführende Sergeant gekommen und hatte ihm das Blatt wegreißen wollen; Liur... aber hatte das Papier in den Mund gesteckt, deshalb hatte der Sergeant ihn an den Hals gefaßt.
Die Sache wurde gemeldet und Liur... wegen Insubordination vor Gericht gestellt; er bat mich, als Entlastungszeuge zu dienen.
Mein Arrest ging zu Ende, ich wurde in Freiheit gesetzt; ich erkundigte mich nach dem Schicksal des Liur..., niemand wußte, daß er das anonyme Schreiben verfaßt hatte, nur Cec... und Scar... traten gegen ihn auf, und beide waren von früherher mit ihm verfeindet.
Ich dachte: Bin ich nicht auch angeklagt und ungerecht verurteilt worden? Hatte denn jenes schändlichste Ungeheuer, der Korporal S..., Recht mit seiner Aussage? Ist es nicht denkbar, daß auch Liur... unschuldig verdächtigt und verleumdet war? Genügt die Überzeugung von der Schuld eines Menschen, um ihn zu verurteilen und ist ein solches Urteil wissenschaftlich und unanfechtbar?[59]
[59] Der gewöhnliche Refrain, der immer zum Vorteil des Übelthäters ausschlägt. Ich kannte einen Verbrecher, der wegen Diebstahls angeklagt, antwortete: Die Verhältnisse sprechen freilich gegen mich, aber ich gebe den Diebstahl nicht eher zu, bis man mir die Sache zeigt, die ich gestohlen haben soll. -- Und als er später eines Mordes angeklagt war, wollte er, daß man ihm die Person zeige, die ihn hatte morden sehen.
Ich beschloß der Sache auf den Grund zu gehen, und da ich sah, daß Cec... und Scar... ein Herz und eine Seele waren, so nahm ich mir vor, den einen durch den andern entlarven zu lassen.
Ich rief den Soldaten Cec... und sagte:
»Cec..., wir sind gute Freunde, ich weiß, daß Du aus guter Familie bist; hier in der Kompagnie sind lauter ungebildete Burschen, lauter entlassene Sträflinge (als ob ich aus dem Colleg herkäme); wie wäre es, wenn wir ein treues Freundschaftsbündnis schlössen und zusammen lebten?«
»Mit Vergnügen, lieber M..., aber ich muß Scar... sprechen, mit dem ich, wie du weißt, seit langem zusammen lebe.«
»Sehr wohl, sprich mit Scar...«
Am Abend sah man uns alle drei zusammen essen und trinken, die Freundschaft war besiegelt. So vergingen mehrere Tage, Liur... war nach dem Militärgefängnis zu Venedig geschafft und hatte mich als Entlastungszeugen angegeben; der Tag der Verhandlung kam immer näher.
Ich sagte beim Promenieren zu Cec...:
»Cec..., Du giebst viel Geld für den Scar... aus, der ein Schwindler ist; mir, der ich Dein Bestes will, mißfällt das; es ist eine Schande, daß Du Dich von dem Heuchler ausbeuten läßt.«
»Weißt Du, M..., Du hast Recht; Scar... ist ein scheinheiliger Hund, er ist mir zwanzig Lire schuldig, die ich mir doch nicht aus dem Bein schneiden kann.«
»Was, ihm, der ärmer ist wie Hiob, hast Du zwanzig Lire geborgt, nun, heute Abend muß er sie Dir wieder geben.«
Am Abend waren wir wieder alle drei zusammen in einer Schenke: nachdem wir unser kärgliches Mahl verzehrt hatten, verlangte Cec... sein Geld; Scar... legte sich auf's Beteuern, daß er nichts habe, Cec... wurde wütend und das Ende vom Liede war eine große Schlägerei zwischen beiden, von der der Wirt den größten Schaden hatte, denn sein ganzes Geschirr, Flaschen und Gläser gingen in die Brüche. Als bittere Feinde schieden sie.
Nach zwei Tagen machte ich mich an Scar... heran und sagte:
»Ich will Dir ein Geheimnis mitteilen, das Dir sehr nützlich sein kann, aber verrate mich nicht.«
»Nein, M..., auf keinen Fall, Du bist ein guter Freund, der Cec... ist ein ungebildeter Hansnarr.«
»Cec... sagte mir, daß Du ihn angestachelt hättest zu sagen, daß Du gesehen hättest, wie Liur... die anonyme Anzeige gegen unsern Hauptmann geschrieben hatte; daß er ...«
»Der Schändliche!« unterbrach er mich, »der Mörder, der Verräter; er hat mich verleitet, das zu sagen; ich wußte von nichts, ich habe nichts gesehen.«
»Nun schön, Scar..., höre mich an und unterbrich mich nicht: Cec... sagte, daß Du die direkte Ursache von Liur...'s Ruin bist, wenn das die Richter wüßten, würde es Dir schlecht ergehen, und er teilte mir mit, daß er vor Gericht aussagen will, daß Du ihn zu der falschen Beschuldigung verführt hättest.«
»Ganz im Gegenteil, der Verräter hat mich verführt, er hat den armen Liur... ruiniert.«
Während ich mit Scar... sprach, beobachtete Cec... uns von weitem und verzehrte sich vor Neugier, und als wir uns endlich trennten, eilte er zu mir heran und fragte, was wir miteinander gehabt hätten.
»Scar... hat mir einen Brief gezeigt und vorgelesen«, sagte ich, »den er dem Verteidiger Liur...'s schicken will, in dem er seine erste Aussage widerruft und zu Deinen Ungunsten aussagen will.«
Diese Worte wirkten wie ein Donnerschlag, Cec... geriet in furchtbare Erregung und wollte von Scar... Genugthuung verlangen, aber ich hielt ihn zurück und sagte:
»Cec..., höre zu; wir wollen vor dem Militärgericht eine schöne Posse aufführen: Du darfst nicht sagen, daß Du die Absicht des Scar... kennst; ich werde mich bei dem Wirt erkundigen, ob er im Auftrage Scar...'s einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat, und wenn das der Fall ist, mußt Du in Deiner Aussage dieses Abenteuer des Scar... erzählen und mich und den Wirt als Zeugen anrufen; auf diese Weise wird er entlarvt sein und als Verleumder erkannt werden.«
»Vorzüglich, M..., vorzüglich ausgedacht.«
»So bleibt es dabei.«
Der Verhandlungstag war herangekommen, wir waren zehn Zeugen, darunter der Wirt; wir warteten im Zeugenzimmer. Ich rief Cec... zu mir heran und sagte:
»Es ist alles wahr, der Wirt vertraute mir an, daß er vor einigen Tagen in Scar...'s Auftrag einen Brief an Liur...'s Verteidiger besorgt hat. Vergiß nicht, Cec..., alles vor Gericht zu erzählen und rufe mich und den Wirt zu Zeugen an.«
Die Zeugen wurden aufgerufen, endlich auch ich. Ich sagte aus:
»Ich befand mich in der Arrestzelle, in der andern Zelle war Liur..., der sich fast täglich beklagte, daß er von den Chargierten so viel auszuhalten hätte. Eines Morgens hörte ich ein Geräusch, als ob zwei Menschen miteinander ringen und hörte, wie Liur... sagte: Er hat mich an die Gurgel gepackt, er wollte mich erwürgen. -- Das ist alles, was ich aussagen kann.«
»Sagen Sie, M...,« fragte der Präsident, »ist es wahr, daß Sie dem Soldaten Cec... gesagt haben, daß der Soldat Scar... Ihnen einen Brief gezeigt habe, der an den Herrn Verteidiger des Liur... gerichtet war, und in dem er den Verteidiger bat, dem Liur... mitzuteilen, daß er seine erste Aussage verwerfen wolle. Ist das wahr, daß Sie das alles gesagt haben?«
»Wie, Herr Präsident,« antwortete ich, indem ich den Dummen spielte, »ich verstehe nicht, was Sie fragen.«
Der Präsident wiederholte das ganze Gewäsch.
»Ich!« antwortete ich entrüstet, »ich soll das dem Cec... gesagt haben? Das ist eine Verleumdung, eine freche Lüge! Ich habe nie mit Cec... über die ganze Angelegenheit gesprochen, er muß geträumt haben oder reif für die Zwangsjacke sein!«
Cec... wird aufgerufen und erzählt die ganze Geschichte.
»Was?« rufe ich empört, »Du bist ein Betrüger, ein elender Verleumder, Du hast den armen Liur... auf die Anklagebank gebracht!«[60]
[60] Und dabei glaubt er ein gutes Werk zu thun, weil er den Liur... retten will, und weil dieser unter ähnlicher Anklage steht, wie M... selbst, als er unschuldig verurteilt wurde, erfindet er eine Reihe von Unwahrheiten und stellt andere als Verleumder hin. Eine merkwürdige Auffassung vom Guten!
Der Präsident verweist uns zur Ruhe, der Staatsanwalt erklärt selbst, die Anklage nicht aufrecht erhalten zu können, der Verteidiger spricht lange und eindringlich und bittet um Gerechtigkeit für seine Klienten.
Der Gerichtshof zieht sich zurück und nach langer Beratung wird Liur... freigesprochen.
Ich teilte meinem edelmütigen Hauptmann mit, daß ich von dem Gericht zu Salerno unschuldig verurteilt worden sei und bat ihn, eine Eingabe zu unterstützen, daß mir dieses Jahr auf meine Dienstzeit angerechnet würde.
Er willfahrte gern, setzte selbst die Eingabe auf, ließ sich Abschriften der Urteile geben und schickte sie an das Kriegsministerium. Wir warteten lange vergeblich, er schrieb noch einmal und erhielt die Antwort, daß ein Urteil nur durch eine andere gerichtliche Entscheidung aufgehoben werden könne, daß meinem Ersuchen demnach nicht stattgegeben werden könne.