Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Part 16

Chapter 163,684 wordsPublic domain

Ich nähere mich ihm -- er ist blond, mit blauen Augen, gut gekleidet.

»Bitte,« sagte ich, »können Sie mir nicht sagen, ob vor fünf oder sechs Monaten ein Korporal hier war, der Sie einen Brief abschreiben ließ?«

»Ja, ich erinnere mich, daß ein Korporal hier war, der mich eine Zeile auf ein Blatt Papier schreiben ließ; dann mußte ich die Adresse auf ein Couvert schreiben, den Namen weiß ich nicht mehr, aber es war ein Feldwebel; ich sagte, daß ich mich nicht kompromittieren wollte; er erwiderte, daß es sich um einen einfachen Scherz handelte, den er mit dem Feldwebel, seinem Freunde, machen wollte.«

»Nun sagen Sie, war ich dabei?«

»Ich habe nie das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen.«

»Wer war denn zugegen, als der Brief geschrieben wurde?«

»Drei Jungen, die hier in der Nähe wohnen.«

Die Karabinieri kamen hinzu und fragten, ob ich ihn gefunden hatte.

»Diogenes mit seiner Laterne suchte Menschen und fand keine; ich mit meinem Brotbeutel an der Seite habe gefunden, was ich suchte. Hier ist der brave junge Mann, der die Schandthat des S... entlarven wird.«

Nun wurden die anderen Knaben hinzugerufen und wir alle begaben uns zur Polizei; die Zeugen wurden in ein besonderes Zimmer geführt; der Polizeibeamte nimmt meine Aussage zu Protokoll.

Auf dem Korridor macht sich ein Geräusch bemerkbar, die Thüre öffnet sich, ein Feldwebel tritt herein und meldet, daß der Korporal S... zur Stelle ist.

»Er soll hereinkommen,« befiehlt der Beamte.

Und S... trat ein, mit bleichem hageren Gesicht, mit erloschenem Auge und thränendem Blick, niedergebeugt und abgefallen.

Ist es zu glauben? Er that mir leid!

Ich sah ihn mitleidig an und sagte:

»Bist Du nun zufrieden, Elender?«

»Ruhe,« rief der Beamte.

Ich wurde hinausgeführt und nach einer halben Stunde wieder eingelassen; S... weinte bitterlich und sagte schluchzend zu mir:

»M..., verzeihe mir, nur aus übergroßer Liebe zu Dir habe ich gefehlt; ich wäre glücklich, wenn ich mit Dir zusammen meine Strafe verbüßen könnte, um Dich noch mehr lieben zu können.«

»Ruhe!« rief der Beamte wieder.

Wir wurden jeder in eine Ecke des Zimmers gestellt, alsdann trat Francesco Crudele di Antonio, der blonde Jüngling, ein.

»Kennen Sie den Soldaten wieder, der Ihnen vor fünf Monaten einen anonymen Brief an den Feldwebel V... vom 20. Infanterie-Regiment diktiert hat?«

Crudele sah uns an, dann sagte er:

»Ja, ich kenne ihn.«

»Nun, so zeigen Sie ihn.«

Er ging auf den Korporal S... zu, zeigte mit der Hand auf ihn und sagte:

»Dieser ist es gewesen.«

»Und kennen Sie den andern Soldaten?«

»Nein, ich habe ihn vor heute nie gesehen.«

Die anderen Knaben bestätigten seine Aussage.

»Sie haben einen armen Soldaten ins Unglück gestürzt,« sagte der Beamte zu S..., »aber es wird Ihnen teuer zu stehen kommen.«

»Herr,« sagte ich zu dem Beamten, »ich verzeihe ihm, er thut mir leid, ich verzeihe ihm von ganzem Herzen.«

»Haben Sie verstanden, S...? Er verzeiht Ihnen, aber die unerbittliche Schärfe des Gesetzes wird Ihr falsches, grausames, schändliches Herz zu treffen wissen.«

S... weinte, er bereute, gern hätte er das Wort im Busen bewahrt, es war zu spät.

Die Hand Gottes. -- Ungerechtigkeit.

Eine Abteilung Soldaten führte den schluchzenden Alfonso S... fort; ich wurde in die Kaserne geleitet.

»Man hat Sie unschuldig verurteilt,« sagte ein Karabiniere, »wegen der Schändlichkeit dieses Korporals hat man Ihnen ein Jahr Gefängnis auferlegt; was für eine Bande ist denn der Gerichtshof; was für Murmeltiere von Richtern haben Sie getroffen?! Da sieht man, wie man beim Militär Hals über Kopf verurteilt wird.«

»Ich habe es den Richtern gesagt, daß ich unschuldig sei, und ihnen prophezeit, daß meine Unschuld bald ans Tageslicht kommen würde.«

»Nun, machen Sie sich keine Gedanken; das Urteil muß rückgängig gemacht werden.«

Tags darauf reisen wir nach Salerno ab; ich werde in mein Gefängnis zurückgeführt, der Staatsanwalt sucht mich auf und sagt wütend:

»Zum Teufel, warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Damals wollten Sie verurteilt sein, jetzt beteuern Sie Ihre Unschuld. Mit Ihrer Hartnäckigkeit haben Sie das ganze Unheil angerichtet, den Gerichtshof haben Sie in eine schöne Verlegenheit gebracht, jetzt müssen Sie an das Ministerium schreiben und um Erlaß der Strafe einkommen.«

»Verzeihung, Herr Staatsanwalt, wir wollen die Rollen nicht verwechseln. Ich habe es den Richtern geweissagt, daß ich verurteilt werden würde, aber daß bald meine Unschuld sonnenklar zu Tage treten müsse. Die Richter waren taub, als ich rief: Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig.«

»Sie glaubten nur dem elenden Korporal S...«

»Jetzt kommen Sie und erzählen mir Geschichten, die kein Esel glaubt; anstatt mich zu bedauern, beklagen Sie sich über mich, daß Sie mich verurteilt haben -- wissen Sie, daß unser Herrgott die Geduld dabei verlieren könnte? Wie sollte ich sprechen, wo ich alles noch nicht wußte! Erst nach meiner Verurteilung habe ich das erfahren.«

»Und wer hat Ihnen das alles enthüllt?«

»Die Hand Gottes.«

»Oder des Teufels,« antwortete er grinsend.

Wenige Tage später wurde der Korporal S... in das Gefängnis eingeliefert und zwar in den oberen Raum, wo die andern militärischen Angeschuldigten waren; es war uns strenge verboten, mit ihm zu verkehren.

Als ich wußte, daß S... mir nahe war, im selben Hause, als ich überlegte, daß ich um seinetwillen unschuldig ein Jahr lang leiden mußte, da kochte mir das Blut in den Adern, mein rachebrütender Kopf glich einem Vulkan, und mein entsetzlicher Durst nach persönlicher Vergeltung marterte mein Inneres, und wenn ich ihm in Nocera verziehen hatte, so hatte ich ihm damit die Strenge des Gesetzes ersparen wollen, aber nicht die Rache, die in meiner Macht lag, und die ich plante, nun wo er mir so nahe in die Hand gegeben war.[54] Ich war mit dem Wärter befreundet: ich bat ihn, mir ein scharfes Eisen zu besorgen und er verschaffte mir eine große scharfe und spitze Scheere, von der ich den Zapfen herausnahm, so daß ich im Besitz zweier prächtiger Dolche war; die eine Hälfte verbarg ich auf dem Abtritt, die andere in der Innentasche meiner Jacke.

[54] Die Unterscheidung eines Wahnsinnigen, die nur gemacht wird, um einen verbrecherischen Impuls zu beschönigen.

Ich muß bemerken, daß eine Treppe von etwa einem Dutzend Stufen nach dem Hof führte, die dem Raum benachbart war, wo S... sich befand; auf diesem Hof gingen die Gefangenen spazieren.

Ich überlegte: zu der Zeit, wo der Arzt den Kranken seinen Besuch macht, bleibt das Gitter offen, die dienstthuende Wache begleitet den Arzt auf seinen Besuchen, mein Bett steht nicht weit von der Thür, ich werde leicht unbeobachtet hinauskommen, dann steige ich die Treppe hinauf, eile in den Garten, stürze mich auf den elenden S... und mache ihn mit einem einzigen Stich kalt und damit der ganzen verfluchten Dienstzeit ein Ende; aber es gilt keine Zeit zu verlieren.[55]

[55] Das ist das Mitleid, das er für S... empfindet.

Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, Morpheus, der friedliche Gott, floh meine Lider, Fieberhitze durchströmte mein Blut, mein Kopf glühte wie eine Esse, so stritten die Gedanken an die Rache, die Vergangenheit, an die ungeheuerliche ruchlose Zukunft durcheinander.[56] Aber nach Gottes Willen wurde es Tag und auf die trüben Gedanken der Nacht folgten die trüben Gedanken des Tages ...

[56] Ein Beweis für die epileptische Natur des Verbrechers.

Der Arzt kam, der Besuch begann, die Wache begleitete ihn; als ich mich unbeobachtet glaube, eilte ich zu dem Gitter und auf die Treppe; schon war sie halb passiert, als ein Wächter mir begegnete und sagte:

»Wohin, M...?«

»In die Küche«, sagte ich und versuchte vorbei zu kommen.

»Das geht nicht, Sie dürfen nicht in die Küche gehen, kehren Sie um, Sie kommen nicht vorbei.«

»Ich will vorbei oder ich steche Dich nieder.«

»Auf keinen Fall! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«

Wir umfaßten uns, er drängte mich zurück, ich stieß ihn vorwärts. Als ich mich verloren glaubte, zog ich die halbe Scheere heraus, entwand mich seinen Armen und war im Begriff, ihm einen tüchtigen Stich in den Unterleib beizubringen, als mich eine Hand mit unwiderstehlicher Gewalt zurückriß, so daß ich die Treppe herabrolle; wie eine angeschossene Hyäne sprang ich auf, da erhielt ich einen derben Schlag auf den Arm, die Scheere entfiel meiner Hand.

Ich wurde festgenommen und zurückgebracht, ich bewaffnete mich mit der anderen Hälfte der Scheere, entschlossen, den Ersten, der mir den geringsten Anlaß geben würde, niederzustechen. Am selben Tage kam der Staatsanwalt zu mir und sagte:

»Ich verstehe Ihre Rachegedanken, aber niemand darf selbst Vergeltung üben, das ist Sache des Gesetzes. Sie haben unrecht gehandelt; wenn der Gerichtshof Sie verurteilte, so wird derselbe Gerichtshof das Urteil aufzuheben wissen, ein Versehen kann immer wieder gut gemacht werden, aber nicht so, wie Sie es anfangen.«

»Aber Herr Staatsanwalt, ich wollte in die Küche, der Wächter hat mich schlecht behandelt und ich ...«

»Morgen werden Sie abreisen, verstanden? Ich hatte Ihre Abreise bisher hinausgeschoben, weil ich Ihnen die Genugthuung verschaffen wollte, daß Sie persönlich der Verhandlung gegen S... beiwohnen könnten, aber jetzt sehe ich, es ist besser, wenn Sie fortkommen; wenn gegen S... verhandelt wird, werden Sie hergebracht werden. Also halten Sie sich morgen bereit.«

»Herr Staatsanwalt, Sie haben Recht, ich habe gefehlt, verblendet von meinen Rachegedanken; ich wollte S... ermorden; aber jetzt verspreche ich Ihnen ruhig zu sein; wenn ich ihn jetzt bei mir hätte, würde ich ihm kein Haar krümmen, deshalb bitte ich Sie, lassen Sie mich hier.«

»Sie werden morgen reisen; hier würde es ein Unglück geben, wir kennen Sie lange genug.«

Ich mußte mich fügen, Tags darauf brachten mich zwei Karabinieri nach Taranto.

Hier ging es mir sehr schlecht; die Luft war verpestet, das Essen elend, das Wasser einer alten stickigen Cisterne entnommen, die von ekelhaftem Getier wimmelte.

Flöhe gab es wie Sand am Meer, Milliarden großer Flöhe, deren Biß furchtbar war.

Lange, dunkle, enge, niedrige Korridore waren unsere Schlafräume, in denen wir eine Nacht verweilten.

Zehn Stunden Arbeit und Exerzieren war unsere Arbeit, schwere Lasten mußten wir tragen; in einem Winkel des Hofes war ein Berg großer schwerer Steine, und während die eine Hälfte der Strafgefangenen exerzierte, mußte die andere Hälfte die Steine in die andere Ecke des Hofes tragen; dann mußten wir tiefe Gruben auswerfen und sie wieder zuschütten; kleine Steine luden wir auf Karren und fuhren sie nach einer Ecke des Hofes, dann schafften wir sie wieder zurück. Es war ein Leben wie die Verrückten, die Narren, und verrückter und närrischer waren die, welche es uns befahlen.[57]

[57] Denselben Gedanken drückt Dostojewski in seinen »Erinnerungen aus dem Hause der Toten« aus. Er sagt, daß, wenn man jemand nötigen würde, dieselbe Arbeit immer zu verrichten und wieder zu zerstören, er wahnsinnig werden würde, weil die Nützlichkeit, sei sie auch im Verhältnis zur Arbeit nur gering, dasjenige sei, was die Arbeit rechtfertigt.

Im Sommer unter der kochenden Hitze der Sonne, die uns das Gehirn versengte, da es streng verboten war, im Schatten der Einfassungsmauer zu arbeiten; im Winter unter der entsetzlichen Kälte, dem klatschenden Regen, dem Sturm ausgesetzt, daß uns Hände und Gesicht anschwollen, da es streng verboten war, sich an der Dezember-, Januar- und Februarsonne zu wärmen -- so konnte man krank niedersinken; so sorgten jene teuflischen Menschenfreunde für unser Wohlergehen; verflucht seien sie!!!

Fortwährend gequält, schlecht gekleidet, ungenügend ernährt, unsauber, zehn Stunden täglich mit schwerer Arbeit geplagt -- es war ein Leben, um sich umzubringen. Wiederholt wurde ich in eine einsame Zelle in Ketten gelegt und an die Wand gebunden, weil ich während des zehnstündigen Exerzierens einige Male gesprochen hatte. Es würde ein Mann von Genie, von Bildung und Gelehrsamkeit seine Feder leihen müssen, um die Gräuel dieser elenden Gruft zu schildern, um die schändlichen tyrannischen Herzen jener Tyrannen und die Selbstverleugnung, den Mut, die Ergebenheit der armen Kinder des Unglücks zu kennzeichnen.

+Italien!+ Du großer Name, Du große, freie und unabhängige Nation! Aber die meisten, die Du so als freigebige Mutter ernährst, sind Tyrannen, Despoten, Schinder, und dadurch, daß Du sie duldest, erniedrigst Du Dich zur ehrlosen, hündischen, gemeinen Dirne.

Sechs Monate meiner Strafe waren verstrichen, ich stellte mich dem Kommandanten vor und sagte ihm, daß ich unschuldig verurteilt wäre, er antwortete:

»Faule Ausrede!«

Ich bat ihn, mir zu gestatten, daß ich eine Eingabe an das Militärgericht zu Salerno richtete, und er erlaubte es.

Nach drei langen Monaten wurde mir von der Staatsanwaltschaft die Mitteilung, daß der Korporal Alfonso S... am 2. Januar 1879 zu sieben Jahren Gefängnis und zur Degradation verurteilt worden sei und zwar wegen Insubordination, begangen durch Absendung eines anonymen Briefes an den Feldwebel V... und wegen falscher und verleumderischer Aussagen gegen mich. Von meiner Vernehmung war vom Gericht abgesehen worden.

Und wer entschädigte mich für das Jahr Gefängnis, das nun bald verbüßt war? Wer tröstete mich für die Leiden, die ich erduldet?

+Die Hand Gottes.+

Und wenn wir der Hand Gottes blindlings und unerschütterlich vertrauen, dann schützen wir uns davor, uns in den entsetzlichen, dunklen Abgrund des Nichts zu stürzen.

Es ist nicht wahr, daß die Hand Gottes schwer auf uns Menschen lastet und wenn wir das glauben, so beleidigen wir die Majestät des Ewigen.

Es ist ein Geheimnis, ein unlösbares Rätsel wie Belsazars +Menetekel+.

Ich bat den Kommandanten, daß er mir erlauben möchte, an Teresina M... zu schreiben, da sie eine nahe Verwandte von mir sei, er gab es nicht zu.

Das Jahr meiner Pein ging zu Ende, und das Gewissen und das Ehrgefühl jener Richter hatte nicht gesprochen, ich hatte wegen der Schändlichkeit des S... leiden müssen und wegen der Unaufmerksamkeit eines tauben, stumpfsinnigen, kindischen Gerichtshofs!...

Am Morgen des 17. Juni 1879 wurde ich entlassen und von einigen Karabinieri der ersten Strafkompagnie auf dem Lido zu Venedig überliefert.

Gemäß Artikel 130 des Aushebungsgesetzes wurde ich der Klasse 1879 zugeschrieben.

Diese Strafkompagnie enthielt zweihundert Soldaten verschiedener Waffengattungen, und von verschiedenen Armeekorps; es wurden solche Soldaten einrangiert, welche unwürdig waren, dem Heere anzugehören und welche sich durch unlautere Handlungen, schlechtes Betragen und umstürzlerische Bestrebungen gegen das Vaterland entehrt hatten.

Hier fand ich zu meinem Unglück einen Soldaten Gir..., einen Vetter des Gir..., den ich beim Regiment schlecht behandelt hatte, er war durch seinen Vetter über mich unterrichtet, so daß man in der Strafkompagnie meine Antecedentien kannte.

Als ich auf dem Lido angekommen und in den »Serail« genannten Teil der Kaserne untergebracht war, geriet die ganze Strafkompagnie in Bewegung, einzelne Soldaten kamen heran, sahen mich an und liefen davon.

Gir... trat mit seinen piemontesischen Landsleuten zusammen und sie verabredeten sich, mir einen Streich zu spielen.

Einige Soldaten, die aus der Gefängniszeit her eng mit mir befreundet waren, brachten mir zu essen sowie Wein und Cigarren.

Ein Freund von mir, ein Genuese Namens Civ... verriet mir den Anschlag der Piemontesen, die sich rächen wollten, weil ich ihren Landsmann, den Vetter Gir...'s beim Regiment mißhandelt hatte.

Mir mißfiel das sehr, denn ich hatte mir fest vorgenommen, alles geduldig zu ertragen und dann meinen Abschied zu nehmen, aber mein böser Stern folgte mir bis an die lachenden Ufer der Lagune.

+Was thun?+

Wenn ich still bin, so glauben sie, daß ich Furcht habe und reizen mich erst recht; wenn ich ihnen entgegentrete, so können die schlimmsten Folgen daraus entstehen: ich war zwischen Scylla und Charybdis, gute und böse Gedanken kämpften in mir mit einander; nach langem Nachdenken beschloß ich den Kampf aufzunehmen und dem Schicksal die Frage zu stellen: Welchen Schluß hat dieses

+düstere Drama?+

Dritter Teil.

In der Strafkompagnie.

Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden; sonach ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.

Unter den vielen Inseln, die Venedig umgeben, dehnt sich östlich von der Stadt eine Landzunge aus, welche vom adriatischen Meer bespült wird und den Namen Lido trägt; sie hat die besondere Aufgabe, vermittelst starker Befestigungswerke den Feind an einem Flottenangriff auf die Stadt zu hindern. Aber außer seiner Bestimmung als Bollwerk gegen feindliche Angriffe und außer seiner Eigenschaft als Vergnügungsort in den Tagen des Friedens, ist der Lido der Aufenthaltsort derer, welche sich zu Sklaven einer unsinnigen Disziplin gemacht haben und verurteilt sind, in stetem Leiden und unter besonderen Strafen dahin zu leben. Blühende Akazien, grünende Felder, lachende klare Seen und was es sonst Herrliches in der Natur giebt, schmückt diese Gegend im Sommer, wo sie Scharen von Besuchern empfängt. Verborgen blüht die Rose zwischen den Büschen, wenn der Morgenstrahl der Sonne die Erde küßt und die Vögel ihre sehnsüchtigen Melodien ertönen lassen -- und in den düsteren Zellen der Kaserne seufzt der Verworfene.

Die träge Welle der Adria bricht sich am Lido, sie liebkost in wollüstigen Umarmungen die schönen venezianischen Sylphiden und erglüht unter ihrem verliebten Blick -- und sie führt die Klagen und Thränen der Unseligen, die im Elend leben, mit sich hinweg. Lange habe ich hier dem Willen eines Tyrannen mich beugen müssen und weinen müssen, fern von meinen Lieben, und kämpfen müssen, um die Grundpfeiler meiner Zukunft wieder aufzurichten.

Wenn die Sonne in goldiger Glut hinter den Bergen versank, und wenn sie in rosigen Farben wieder emporstieg, meine Seele vermochte es nicht zu trösten, und so oft auch die Natur sich ihres Schmuckes entkleidete und von neuem ihr schimmerndes Blütengewand anlegte -- es vermehrte nur die Empfindung meines Leidens.

O arme Seele, was hoffest Du? Denke an den Jammer und die Seufzer, damit ich mit den Farben der Wahrheit ein Bild meines Unglücks und der Unwissenheit der selbstsüchtigen Tyrannen entwerfen kann.

Denke an die unselige verworfene Knechtherrschaft! Schildere, wenn Du es vermagst, die Thaten jenes Despoten, der väterliche Gefühle und kindliche Liebe mißachtend auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom häuslichen Herd hinwegriß, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu schänden, um dem Bajonett, dem Galgen und den Galeeren das Recht zu geben, den letzten Gedanken des Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.

Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen meines Glückes die Klagen deuten, welche in dieser Sphäre ertönten, wo Kummer, Qualen, Ketten und der Wille eines gesetzmäßigen Mörders den Herzen der jungen Soldaten alle Hoffnung entrissen und die fern weilenden Familien ins Unglück stürzten.

Wie gesagt mißfiel mir der Anschlag der Piemontesen sehr, und ich bat meinen Freund Civ... mir irgend eine Waffe zu verschaffen, um mich nötigenfalls verteidigen zu können; er brachte mir einen langen dreieckig geschliffenen Dolch.

Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, mit meinem Dolch an der Brust begab ich mich zu ihm. Er empfing mich mit Schmähreden, aber ich sagte:

»Herr Kommandant, ich bin nicht gewöhnt, Vorwürfe zu hören; wenn Sie meinen, daß ich gefehlt habe, so haben Sie ja Kerker und Ketten zur Verfügung.«

»Wissen Sie, M..., ich bin Familienvater, ich liebe die Soldaten wie meine Söhne und strafe nur, wenn ich dazu gezwungen werde: deshalb nehmen Sie es mir nicht übel, meine Verweise sind die eines Vaters und glauben Sie mir, ein Vorwurf ist besser, wie acht Tage bei Wasser und Brot. Ich wünschte von Herzen, daß Ihr alle in Bälde Eure Familien, Freunde und Bekannten wiedersehen könntet. Sie sind ein verständiger junger Mann, und es wäre eine Sünde, Sie im Unglück umkommen zu lassen. Deshalb seien Sie vernünftig, bis jetzt haben Sie sehr viel zu leiden gehabt und ich beklage Sie, denn das ist meine Natur. Deshalb wenden Sie sich an mich, wenn Ihnen irgend etwas fehlt, oder wenn Ihre Vorgesetzten Sie schlecht behandeln. Sind wir einig? Dann seien Sie ruhig, führen Sie sich gut und halten Sie sich von den schlechten Elementen fern, deren es hier nur zu viele giebt; thun Sie Ihre Pflicht, und nehmen Sie Rücksicht auf mich.«

Guar... Signor Battista aus der Markgrafschaft Ligurien war ein vorzüglicher, edler Vorgesetzter, aus vornehmer Familie, von Haus aus reich, wegen einer unglücklichen Liebe war er ins Heer eingetreten und war zur Zeit Hauptmann.

Er war ein zärtlicher Vater den Soldaten gegenüber, menschenfreundlich, wohlwollend, human; er hatte eine Frau und zwei Söhne. -- Die Strafkompagnie war eine Lust für uns: eine Stunde am Tage wurde exerziert und dann gespielt, gesungen, gescherzt, gelärmt -- kurz, wir machten, was wir wollten.

Tags darauf sagten meine Bekannten zu mir:

»M..., nimm Dich in Acht, Dir wird es schlimm gehen.«

Es war für mich ein ewiges Hin- und Herschwanken -- wie konnte ich das Leben fassen mit dem Gedanken, jeden Tag überfallen zu werden.

Endlich entschloß ich mich, der Sache ein Ende zu machen.

Am Abend saßen die Soldaten im Hof und plauderten in Gruppen oder spielten Ball, Dame und Domino oder promenierten hin und her -- kurz, jeder war auf seine Weise beschäftigt.

Ich rief meinen Freund C... und ließ mir den Gir... zeigen, der hauptsächlich den Anschlag gegen mich angezettelt hatte.

Er führte mich unter einen Säulengang und zeigte mir einen langen hageren Soldaten, der in einer Zelle arbeitete. Ein kurzer schrecklicher Entschluß fuhr mir durch den Kopf, ich trat auf den Pfosten der Zelle und rief ihn heraus. Er kam, ich stellte mich vor ihn auf; die Rechte hielt hinter dem Rücken den Dolch bereit.

»Also Sie sind die Seele der Verschwörung gegen mich, Sie wollen mir ans Leben? Sie sind ein Schurke, wissen Sie das, rufen Sie Ihre Landsleute, damit ich denen dasselbe sagen kann!«

Ich schwang meinen Dolch und war im Begriff, ihm den Leib aufzuschlitzen, als eine eiserne Faust meinen Arm umklammerte, während Gir... angstvoll rief:

»M..., was machen Sie?! ich bin unschuldig! Ich habe nie von Ihnen gesprochen.«

»Sie sind ein Schurke, wir müssen ein Ende machen.«

Auf unser lautes Gespräch kamen viele Soldaten hinzu, die sich um uns aufstellten und gespannt das Ende des Dramas erwarteten.

»M..., was machen Sie?« rief der, welcher mich festgehalten hatte. »Ich bin Esp..., Ihr Freund und Landsmann, beruhigen Sie sich, M..., Sie machen sich unglücklich.«

Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, ich erzählte ihm freimütig alles, was vorgekommen war.

Der Ehrenmann war trostlos und beklagte sich, daß ich ihn nicht von Anfang an unterrichtet hätte. Er versammelte die Piemontesen und meine Landsleute auf dem Hof und sprach eine Stunde lang zu ihnen, wie nur ein zärtlicher Vater zu seinen geliebten Söhnen unter so traurigen Umständen sprechen kann.

»Und jetzt,« schloß der würdige Offizier, »jetzt gebt Euch das Pfand des Friedens, der Eintracht, der Brüderlichkeit. Gir..., umarmen Sie Ihren Kameraden M...«

Wir küßten und umarmten uns, Gir... hielt seine Thränen mit Mühe zurück.