Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Part 15

Chapter 153,732 wordsPublic domain

Man brachte mir meine Kleider, ich kleidete mich an, zwei Karabinieri begleiteten mich zur Polizeistation; dort stand ein offener Wagen bereit, und daneben zwei andere Karabinieri und ein Frauenzimmer in den Dreißigern, das ich für eine =Prostituierte= hielt, worin ich mich nicht täuschte.

Die Karabinieri ließen das Frauenzimmer einsteigen und wollten mich auf den Bock schieben.

Ich weigerte mich standhaft, indem ich sagte, daß der Wagen für mich und nicht für sie und ihre Dirne sei und nach langem Hin- und Herstreiten, wobei der Karabiniere mir den Arm mit der Handfessel zusammenschnürte, daß mir beinahe die Adern zerschnitten wurden, wurde mir endlich der Platz neben dem Weibe eingeräumt.

Nach mehreren Stunden Fahrt kamen wir in Salerno an. Als wir in die Stadt einfahren, laufen die Einwohner aus den Schenken heraus und treten an die Fenster und schreien:

»Seht den Soldaten, mit dem schönen Fräulein ist er ausgerückt, aber sie haben ihn gefaßt!« Und Lachen, Spotten und Pfeifen tönt hinter mir her.

Ich werde zum Kriegsgericht abgeführt, ein Karabiniere meldet mich dem Staatsanwalt, ich werde hereingerufen und wen erblicke ich! Den Staatsanwalt Herrn T..., denselben, der in Florenz die Staatsanwaltschaft vertrat, wo ich zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

Er sieht mich an und lacht, dann sagt er:

»Das ist das zweite Mal, daß Sie vor mir erscheinen, Sie scheinen Pech zu haben.«

»Was soll ich machen, Herr Staatsanwalt? Das Geschick des Menschen ist unbegreiflich, das Unglück verfolgt mich -- und sehen Sie, Herr Staatsanwalt, wie eng mir die Karabinieri die Handfesseln geschnürt haben, meine Hände sind ganz geschwollen, ist das nicht unrecht?«

»Lassen Sie sehen«, und er nahm meine Hand, »nein, sie sind gar nicht eng, im Gegenteil, sie scheinen zu weit zu sein.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Versicherung; das Lamm, das sich mit dem Wolf einläßt, geht seinem Tode entgegen. Es scheint mein Verhängnis, daß mir alles in die Quere geht.«

Der Herr Staatsanwalt lacht, die Karabinieri lachen mit, und, um ihnen einen Gefallen zu thun, lache auch ich, aber es war ein böses giftiges Lachen.

Er stellt mir den Schein für das Gefängnis aus, dann sagt er:

»Seien Sie vernünftig, M..., Sie scheinen unter keinem guten Stern geboren zu sein.«

Ich wurde in das Zivilgefängnis eingeliefert, weil es in Salerno kein Militärgefängnis giebt und ich fühlte mich glücklich, weil es mich an die alten Zeiten erinnerte, wo ich noch nicht Soldat war.

Nach einigen Tagen wurde ich meinem Verteidiger vorgestellt, einem jungen zwanzigjährigen Mann, der die Advokatenkarrière macht, er empfing mich freundlich und ich erzählte ihm alle Einzelheiten meines Verhältnisses zu dem elenden Korporal S... und alles, was ich von dem anonymen Brief wußte. Er machte mir gute Hoffnungen und ging.

Ich dachte immer an die Zuneigung, die jene Teresina M... mir entgegengebracht hatte, und es zerriß mir das Herz, wenn ich dachte, daß ich das Lazarett hatte verlassen müssen, ohne sie noch einmal sehen und ihr meinen neuen Aufenthaltsort mitteilen zu können; ich hatte ihr noch einmal danken wollen und daher schrieb ich ihr folgenden Brief:

»Meine liebe Schwester!

Meine Seele ist von Qualen zerrissen, während ich Ihnen schreibe, um Ihnen mitzuteilen, daß ich ohne jedes Vorwissen in dieses Gefängnis gebracht worden bin, so daß ich keine Zeit mehr hatte, Sie zu benachrichtigen. Wo auch das Schicksal mich zu leben verdammen mag, mein erster Gedanke gilt Ihnen, die Sie ein Teil meiner Existenz sind. Wegen eines Vergehens, das ich nicht begangen habe, wegen der Schandthat eines bartlosen Jünglings, muß ich hier dulden, aber ich vertraue auf die göttliche Gerechtigkeit, wie Sie es mir geraten haben und werde für Sie, für Ihr Wohlergehen zu Gott beten.

Sobald ich weiß, was aus meinem Prozeß geworden ist, werde ich Sie benachrichtigen.

Empfangen Sie meinen Gruß und vergessen Sie nicht

Ihren unglücklichen Sie liebenden Bruder Antonino M...«

Aus dem Gerichtsgefängnis zu Salerno, 20. Juni 78.

Nachdem ich den Brief geschrieben hatte, fehlten mir die zwanzig Centesimi, um ihn zu frankieren, ich wandte mich an einen Kranken, um sie mir zu leihen, und da er sich weigerte, so wandte ich das Recht der Camorra an und zwang ihn dazu. Ich gab den Brief zur Post und wartete angstvoll auf Antwort, aber meine Hoffnungen wurden getäuscht.

Es fiel mir ein, meinem Bruder zu schreiben und ihn um Unterstützung zu bitten; ich schilderte ihm meine kritische Lage und meinen traurigen Zustand; nach einigen Tagen empfing ich folgenden liebenswürdigen Brief, der seiner Dummheit ganz würdig war.

»Lieber Bruder!

Ich empfing Deinen Brief und bedaure Deine Lage; aber an allem bist Du selbst schuld und wer an seinem Übel schuld ist, der muß sich selbst beklagen.

Du hast durch Dein schlechtes Verhalten unsere ganze Familie entehrt, so daß ich nicht mehr den Mut habe, aus dem Hause zu gehen. Der Lieutenant P... war hier auf Urlaub und erzählte schauderhafte Dinge von Dir, Dinge, daß wir alle uns nicht auf der Straße zeigen mögen -- und das alles um Deinetwillen.

Du sagst, ich soll Dir etwas schicken? Zunächst, wenn ich etwas hätte, würde ich es Dir nicht schicken, denn Du verdienst es nicht und wir haben Dir früher viel Geld nach dem Gefängnis geschickt; zweitens aber sind wir hier im größten Elend, meine Kinder gehen nackt und bloß und sterben vor Hunger; ich gehe nicht aus, weil ich keine Schuhe habe und meine Hosen keinen Boden mehr haben -- was soll ich Dir da schicken? Freue Dich, daß Du täglich Deine Suppe und Dein Brot umsonst hast.

Du brauchst uns nicht mehr zu schreiben, wir haben nichts mehr mit Dir zu thun; wir klagen über unser Unglück wie Du über Deines.

Dein Bruder Michele M...«

Parghelia, den 3. Juli 1878.

Das war das Gesudel, das mein Bruder, dieser Dummkopf, der Gatte der Donna Michela, genannt die ...-Sau, entworfen und geschrieben hatte.

Wer ihn kennt, der möge sagen, wie ich ihn schildern soll, diesen dummen Schweinehund. Meine Landsleute kennen ihn und bezeichnen ihn als dreckig, falsch, engherzig, bösartig, als einen Schwindler, einen Dummkopf, einen Schweinhund, ein Vieh, das um hundert Grad unter dem säuischsten und schmutzigsten Vieh auf Erden steht.

Er sagt, daß er mir ins Gefängnis so viel Geld geschickt hat, und ich behaupte und stelle unter Beweis, daß ich während meiner langen dreizehnjährigen Leidenszeit, die ich zum größten Teil wegen seiner Dummheit erdulden mußte, wie ich es in meinem »=Ersten Unglück=« gezeigt habe, von diesem gemeinen Schuft nicht mehr als zwölf Lire monatlich bekam, nur ein einziges Jahr hindurch, das letzte meiner Pein, schickte er mir dreißig Lire, weil der Elende wußte, daß ich bald zurückkehren würde.

Und sprecht, meine lieben Landsleute, wenn er mir monatlich die gottgesegneten zwölf Lire schickte, hat er das von seinem Vermögen? Hat mein unglücklicher Vater mich bei seinem Tode enterbt? Wenn seine Söhne Hunger leiden, ist das meine Schuld? Wenn er keine ganzen Hosen auf dem Leibe hat, wenn er sich keine Schuhe kaufen kann, ist das auch meine Schuld?

Sprecht rund heraus, was Ihr meint, liebe Landsleute, Euch rufe ich als unparteiische Richter an.

Der dreckige Brief ärgerte mich nicht wenig und ich nahm mir vor, nicht mehr zu schreiben.

Ich erhielt die Anklageschrift von der Staatsanwaltschaft, welche mich als den Verfasser des anonymen Briefes erklärte.

Es kam der Tag, wo die Verhandlung stattfand, zwei Karabinieri führten mich zum Gerichtssaal, ich nehme auf der Anklagebank Platz, mein junger Verteidiger war zur Stelle und mit ihm der Zivilanwalt Herr di Leo, der erste von Salerno.

Der Gerichtshof trat ein, jeder nahm seinen Platz ein, die Akten wurden gelesen, meine Vorstrafen festgestellt, der Staatsanwalt T... war zur Stelle, mit seiner großen schwarzen Toga angethan, und ließ mich nicht aus den Augen.

Nach den gewöhnlichen Formalitäten fragte mich der Präsident:

»Was haben Sie auf die Anklage zu erwidern? Ist es wahr, daß Sie dem Korporal S... einen Brief zur Besorgung übergeben haben?«

»Großmütiger Herr Richter«, antwortete ich, »von dem Verbrechen, dessen man mich anklagt, weiß ich nichts. Es ist unwahr, daß ich dem S... einen Brief zur Besorgung übergeben habe; es ist eine schwarze Verleumdung und eine Sünde und Schande; ich schwöre es vor Gott und vor den Menschen. Ich könnte mich leicht vor diesem S... schützen, aber ich will von Dingen nicht reden, die eine so gebildete Zuhörerschaft entsetzen würde; ich will nur meine Ehrenhaftigkeit betonen.«

»Ich bin unschuldig, ich bin unschuldig und Sie als hervorragende Militärs und gelehrte Juristen werden einen Unschuldigen nicht wegen der niederträchtigen Verdächtigung eines Schurken verurteilen wollen, der nicht wert ist, daß er zur menschlichen Gesellschaft zählt.«

»Mein Herz sagt mir, daß Sie mich verurteilen werden; aber mein Herz sagt mir auch, daß bald Licht in dieses grausige Geheimnis kommen wird, und dann -- o dann ist es zu spät und Sie werden es bereuen, daß Sie einen Unschuldigen verurteilt, einen Menschen hingemordet haben.«

»Und wer sagt Ihnen, daß ich schuldig bin?«

»Der Korporal S..., S..., dieses verworfene Geschöpf, S..., dieser passive Päderast, der schändliche Sodomit, der Abschaum der Menschheit, der Auswurf der Natur! S..., ein ehrloses, sinnloses Wesen ... Soll ich das beweisen, soll ich es ihn mit eigenem Munde aussprechen lassen?«

»Und Sie könnten wollen, daß ich den Schlingen der Bosheit und Schändlichkeit zum Opfer falle? Muß ich erst diesen Zwitter S... zeugen lassen?«

»O, ich schaudere bei dem Gedanken, und eine schwarze eiserne Larve müßte unsere und der ganzen Armee Gesichter bedecken, wenn das geschehen sollte.«

»Seien Sie gerecht, nur um Gerechtigkeit, nicht um Gnade flehe ich, ich, der arme, unschuldige Mann, ich fordere von dem unerbittlichen Schwerte des Gesetzes, von den unbestechlichen Richtern, ein Urteil, das durch Argwöhnungen und betrügerische Verdächtigungen nicht beeinflußt ist -- der Schuldige verlangt Gnade, Verzeihung, Erbarmen!«

»Machen Sie, in deren Hände das Gesetz gelegt ist, daß diese mit dem Banner Italiens geweihte Halle, die das Entsetzen der Bösen und ein Hort der Gerechten ist, nicht dem Betrug, der Fälschung eines verworfenen Schurken dienstbar werde.«[53]

[53] Diese wahnsinnigen Tiraden erinnern an die Verteidigungsrede, die der Soldat Francesco Torres vor dem Militärgericht zu Mailand hielt. Zwischen beiden ist eine große Familienähnlichkeit. Und das beweist, was Lombroso aufgezeichnet hat, daß nämlich der Begriff der sozialen Gerechtigkeit im Keime vorhanden ist; M... erklärt sich als einen »reinen, unschuldigen Mann«, als ob er nicht an dem päderastischen Verhältnisse beteiligt wäre, das M... dem S... in so glühenden Worten vorwirft, als ob er ihm nicht den anonymen Brief diktiert und noch schlimmeres angeraten hätte.

Es ist derselbe Fall wie bei dem Straßenräuber, den Lombroso (_Palimsesti del carcere_) beschrieben hat, der, um seine Unschuld zu erweisen, den Schauplatz der Straßenräuber zeichnete, wobei er den unmittelbaren Empfänger einer Uhrkette darstellte, die ein anderer gemeinschaftlich mit der Uhr eines Passanten aus der Tasche gerissen hatte. Und darüber war geschrieben: =Ich bin unschuldig.= -- Das Kriterium der Unschuld bestand darin, daß er als Räuber beider Gegenstände angeklagt war, während er nur die Kette genommen hatte.

»Genug M..., genug,« unterbrach mich der Präsident, »das Gesetz ist für alle gleich.«

Der Feldwebel V... wird gerufen und sagt aus:

»Ich hatte mit dem Gemeinen M... nichts zu thun gehabt, er war ein guter Untergebener, ich habe ihm mehrere Male Geld geliehen, das er mir später zurückgab, ich kann nicht begreifen, weshalb er mir den Brief hätte schreiben sollen.«

Der Korporal S... wird gerufen und sagt aus:

»Ich war mit M... sehr befreundet, er vertraute mir manches an, und dabei schimpfte er auf den Feldwebel V...«

»Weshalb that er das?« fragte der Präsident.

»Ich glaube, das hat er mir nicht gesagt, oder ich habe es vergessen; aber ich weiß, daß er ihn haßte. Eines Abends sagte er: Ich gebe Dir einen Brief, willst Du mir den Gefallen thun und ihn zur Post besorgen? Ich versprach es, er gab mir den Brief; ich las die Aufschrift und vermutete, daß Schmähungen und Drohungen darin enthalten sein konnten; darauf war ich unentschlossen, was ich thun sollte, vier Tage behielt ich den Brief bei mir, M... fragte mich mehrere Male, ob ich ihn abgeschickt hatte und ich sagte immer ja; endlich wurde M... krank und kam ins Lazarett, und da entschloß ich mich, die Sache dem Herrn Oberst zu melden.«

Ich lasse den S... fragen, wo ich ihm den Brief übergeben haben soll, er antwortet, in einem Wirtshaus um ein Uhr Mittags. »Herr Präsident,« sage ich, »es scheint mir ein Unding, daß ich um ein Uhr Mittags, wo ich zwei Freistunden vor mir hatte, einen so gefährlichen Brief einem Andern zur Besorgung übergeben haben sollte. Weshalb gab ich ihn denn nicht selbst zur Post? Wer hinderte mich daran?«

Die Richter nickten verständnisinnig zu meinen Worten, der Staatsanwalt erhebt sich, hält seine Anklage aufrecht und beantragt schließlich vier Jahre Gefängnis.

Darauf ergreift mein jugendlicher Verteidiger das Wort, widerlegt der Reihe nach die Ausführungen des Staatsanwalts und unterzieht dann den S... einer Beurteilung, in der er ihn in den schwärzesten Farben schildert, ihn einen falschen Verleumder, einen ehrlosen Schurken nennt; er stellt den Richtern ernste und sorgfältige Erwägung des Falles anheim.

Nunmehr endet der Advokat di Leo und ruft, indem er sich das Gesicht mit den Händen bedeckt:

»Man müßte sich das Gesicht verhüllen, um, ohne zu erröten, die Schandthaten des S... aufzuzählen; und er trägt noch die Tressen! Soll ich Ihnen das schmutzige Verhältnis dieses Ungeheuers mit dem armen M... vorenthalten? Nein, darum lassen Sie die Thüren schließen, denn was ich mitzuteilen habe, paßt nicht für das Ohr der Öffentlichkeit.«

»Herr Präsident, stellen Sie beide gegenüber und lassen Sie den unglücklichen M... ihn fragen, ob er sich an die Vergangenheit erinnert, an die laubverhüllte Grotte, an den strengen Arrest, an die Klagen des S... über den Feldwebel V..., der ihm einen Blutfluß verursacht hatte, =über das Verhältnis Beider, um ihn dann zu verfolgen=; ob er sich erinnert, wie er sagte: =Nachdem er mir die Ehre geraubt und mich acht Monate lang genossen hat, verließ er mich, um mich zwei Jahre lang zu mißhandeln, er nannte mich seine süße Alfonsine u. s. w.=«

»Wollen Sie noch mehr! Soll ich noch weiter wühlen in diesem Abgrund von Schmutz und Kot? Sehen Sie ihn sich an, meine Herren, seht ihn an, den Korporal S..., wie er bleich, zitternd und gebeugt dasteht, wie er weint! Meinen Sie, daß er Reue über seine Schandthat fühlt! Nein, meine Herren, solche verworfenen Geschöpfe empfinden keine Reue, weil sie kein Herz haben.«

Und er schließt mit dem Ersuchen um ein freisprechendes Urteil.

Der Gerichtshof zieht sich zurück und erscheint nach drei Stunden wieder. Ich muß mich erheben, der Präsident liest das Urteil vor: wegen Insubordination werde ich zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt. Meine Verteidiger waren außer sich, das Publikum ging zischend hinaus, und ich blieb kalt und unbeweglich angesichts dieser furchtbaren Komödie stehen. Sie wollten appellieren, ich wollte nicht, um nicht mehr von diesen Dingen sprechen zu hören; dann wurde ich in das Gefängnis zurückgeführt.

In mein armes unglückliches Taschenbuch schrieb ich die Worte ein: Antonino M... vom 20. Infanterie-Regiment ist am 18. Juni 1878 vom Militärgericht zu Salerno unschuldig zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, wegen der Schändlichkeit des Korporals Alfonso S...

Eines Tages werde ich in das Wachtzimmer geführt und wen sehe ich? Teresina's Vater; ich werfe mich an seine Brust, wir umarmen und küssen uns wie Vater und Sohn; der arme Greis weinte heiße Thränen, er brachte mir einen Brief von Teresina, den zunächst der Chef der Wache las und abstempelte. Wir sprachen von gar manchen Dingen, er erzählte mir, daß seit meiner plötzlichen Abreise Teresina keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt habe und täglich von mir spreche und mein Unglück beklagte.

Als ich ihm mitteilte, daß ich zu einem Jahr verurteilt wäre, drückte der gute Alte mir lange und fest die Hand; wer vermöchte zu sagen, wie viel Liebe und Schmerz in diesem Händedruck lagen.

Er gab mir acht Lire, die mir Teresina schickte, ich wollte sie um keinen Preis nehmen, aber da er sagte, daß es Teresina Schmerz bereiten würde, wenn ich sie zurückwiese, so mußte ich sie wohl oder übel behalten. Wir verabschiedeten uns und er ging, ohne seine Thränen verbergen zu können. Teresina schrieb mir:

»Mein heißgeliebter Bruder!

Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint.

Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber meine Eltern haben es nicht erlauben wollen.

Ich bete stets zu Gott, daß ich Sie bald wieder gesund und frei sehe, denn erst dann kann ich wieder fröhlich werden.

Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, das wir armen Leute zu Hause haben; für den Augenblick werden sie genügen, später, wenn Sie dort bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel mitbringen.

Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in Trauer verharren. Vertrauen Sie auf Gott, der uns heimsucht und tröstet. Wir sind allzumal Sünder und müssen büßen. Die Mutter Gottes möge zu Ihrem Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behüten.

Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und vergessen Sie nicht

Ihre arme Schwester Teresina M...«

Cava dei Tirreni 22. Juni 1878.

Auf diesen Brief antwortete ich:

»Innig geliebte Schwester!

Als ich Ihren guten alten Vater sah, habe ich vor Rührung geweint, wir haben uns umarmt, haben lange von Ihnen gesprochen, und er hat mir Ihren Kummer bei meinem Fortgehen von da geschildert.

Beten Sie zu Gott um meinetwillen, beten Sie zu ihm mit aller Kraft, denn es thut mir not.

Tausend Dank, liebste Schwester, ewigen Dank für Ihre Freundlichkeit.

Ihr Vater hat mir acht Lire gegeben und gesagt, daß Sie sie mir schicken, ich habe sie angenommen aus Liebe zu Ihnen mit dem Wunsche, sie eines Tages zurückgeben zu können. Das Gericht hat mich verurteilt, aber ich schwöre Ihnen, liebe Schwester, ich bin unschuldig an dem Verbrechen, dessen ich angeklagt worden bin, und Sie glauben es, nicht wahr? Ja, Sie sind die einzige, die mich für unschuldig hält.

Binnen kurzem werde ich von hier abreisen, um die höchst ungerechte Strafe zu verbüßen, die mir jene Richter auferlegt haben; wohin ich komme weiß ich nicht, und von da aus werde ich wohl nicht schreiben können, da ich nur an Verwandte, die meinen Namen tragen, schreiben darf, aber ich werde es doch versuchen. Ihnen gehört mein gekränktes und verbittertes Herz, Ihnen meine ewige Ergebenheit, grüßen Sie die Ihrigen und denken Sie oft an den unglücklichen Gefangenen im Militärlazarett zu Cava dei Tirreni.

Ihr ergebenster Bruder Antonino M...«

Geschrieben im Gerichtsgefängnis zu Salerno

25. Juni 1878.

Einen Monat verbrachte ich in diesen Gefängnismauern in nicht geringem Schmerz; möge der, welcher mich würdigt, diese schmucklosen Blätter zu lesen, die ohne Zusammenhang, ohne Gelehrsamkeit, ohne Grammatik niedergeschrieben sind, ermessen, in welchem Zustand ich war und was für traurige Gedanken mir durch den Kopf gingen.

Das Auge des Allmächtigen sah ernst auf mich hernieder und las in den Fasern meines Herzens meine Demut und Ergebenheit.

Der Mensch, der seinem Bruder Böses thut, wird unglücklich, elend, verworfen, und grausam quält ihn ein innerer Drang, der gegen ihn selbst zeugt; das steinharte Herz zersplittert, erdrückt von der Gewalt des eigenen Gewissens und früher oder später leuchtet ein silberner Glanz in dem tiefsten, finstersten Abgrund des Unglücks.

Eines Morgens im Monat Juni 1878 saß ich auf meinem Bett, den Kopf zwischen den Händen und dachte an die Vergangenheit, klagte über Gott und seine Vorsehung, dachte an die Schändlichkeit des Korporals S..., an die Schlingen, die mir gelegt waren, dachte an den Brief, den der Hallunke von meinem Bruder mir geschrieben hatte, dachte an die heiße Liebe Teresina's, an die acht Lire, die sie mir geschickt hatte, an das Militärgericht zu Salerno, an den Präsidenten, an den Staatsanwalt Herrn T..., an meinen Verteidiger, an die kalten Richter, dachte an meine Unschuld, an meine ungerechte Strafe, dachte an S...

Da rief eine Stimme an dem Gitter:

»M..., M..., Sie werden verlangt!«

Verwirrt stehe ich auf und eile an das Gitter.

Es war ein Sergeant von meiner Kompagnie, der mit einem nach Salerno detachierten Bataillon hergekommen war; er sagte:

»M..., hol's der Teufel, ich habe das Individuum entdeckt, das mit eigener Hand den Brief an den Feldwebel V... geschrieben hat, S... soll den Brief diktiert haben, als Sie nicht zugegen waren. Ich habe den Namen vergessen, aber aus dem, was ich Ihnen sagen werde, können Sie leicht das Nötige ermitteln, nur nennen Sie meinen Namen nicht, denn beim Militär kann alles schief gehen.«

»Lassen Sie sich nach Nocera bringen, dort gehen Sie zur Strada Porteri, bis Sie einen großen Palast mit großem Thorweg sehen, daselbst befindet sich ein Hofraum mit mehreren Steinsitzen und dort wohnt ein junger Bursche von zwölf bis vierzehn Jahren, blond, blauäugig und anständig gekleidet, dieser hat den Brief nach S...'s Diktat geschrieben. Sie sind unschuldig, weiß der Teufel, und es ist nicht hübsch, einen Unschuldigen wegen der Schurkereien eines andern zu verurteilen.«

Er empfahl mir die größte Verschwiegenheit und ging.

Ich überlegte lange: Sollte das alles wahr sein? Und wenn auch, würde ich es beweisen können? Denn beweisen mußte ich es, wenn ich Anzeige erstattete, sonst lief ich Gefahr, wegen falscher Anschuldigung mindestens zu fünf Jahren verurteilt zu werden. Was war zu thun?

Endlich entschloß ich mich, alles zu gewinnen oder alles zu verlieren, und ich erstattete die Anzeige gegen S... wegen Meineides, indem ich mitteilte, daß ich die Person des Briefschreibers, die auf S...'s Befehl gehandelt habe, bezeichnen könnte, wenn ich nach Nocera geführt werde.

Nach zwei Tagen suchte der Staatsanwalt mich auf und sagte: ob ich meiner Sache so sicher sei, da ich mir sonst schlimme Folgen zuziehen konnte. Ich bejahte es und so erschienen Tags darauf zwei Karabinieri, die mich gefesselt nach Nocera schafften; hier angekommen, nahmen sie mir die Fesseln ab und ließen mich frei gehen, wobei sie mir in kurzer Entfernung folgten.

Ich kannte Nocera wenig und erst recht nicht die Straße, welche der Sergeant mir bezeichnet hatte, aber ich verließ mich auf den Zufall.

Ich gehe die Hauptstraße hinunter und dann erinnere ich mich, hier war ich an dem Abend mit S..., wo wir erst Wein tranken und dann so furchtbar sündigten, ich gehe eine Viertelstunde weiter, endlich komme ich an ein kleines Haus, hier rede ich eine Frau an, die vor der Thür sitzt:

»Liebe Frau, haben Sie Kinder?«

»Ja, zwei Söhne.«

»Wie alt sind Ihre Söhne?«

»Einer dreißig, der andere siebenundzwanzig.«

»Kennen Sie einen Jungen, der hier wohnen soll, er ist blond und blauäugig, aus guter Familie!«

»Nein, den kenne ich nicht,« antwortete sie trocken.

Nach langem Suchen endlich fand ich einen großen Palast mit weitem Eingang, der auch im übrigen nach der Beschreibung paßte, die jener Sergeant mir gegeben hatte. Und jetzt erblickte ich auch einen jungen Burschen, der pfeifend die Treppe herunterkam; mir wird heiß und kalt, meine Hände zittern, in den Ohren summt es mir.