Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...
Part 14
In meiner Kompagnie war ein Landsmann von mir, Namens Antonio P..., genannt Catanzaro, der noch am Leben ist und die Wahrheit meiner Erzählung bezeugen kann: ich versuchte jedes Mittel, um ihn zu sprechen und zu erfahren, weshalb man mich ins Gefängnis gebracht hatte, aber es war vergebens.
So vergingen drei Tage und drei Nächte in grausamen Qualen, endlich am vierten Tage öffnet sich die Thür, S... tritt lächelnd und heiter ein, die Thür schließt sich und S... bleibt als Gefangener bei mir. Ich fragte ihn:
»Kannst Du mir sagen, warum ich hier bin?«
»Der Soldat Gir... hat Dich verraten, er hat dem Oberst unser Verhältnis mitgeteilt und wir kommen zur Strafkompagnie; aber Gir... ist nicht hier, er hat einfachen Arrest; aber wenn wir auch zur Strafkompagnie kommen, das thut nichts.«
Wer mich liest, möge ermessen, von welchen Gedanken blutiger Rache gegen den Gir... ich erfüllt war.[49] Bald darauf wird S... abgerufen, ich bin wieder allein, in der finsteren Ungewißheit über meine Lage. Ich lasse mir den Arzt kommen, er untersucht mich kaum und verspottet mich; mit Wut im Herzen lege ich mich auf meine Pritsche.
[49] Die blutige Rache erscheint bei M... als die natürlichste Sache in der Welt.
Am Abend läßt man mich heraus, um Luft zu schöpfen; ich komme mit den andern Soldaten zusammen, die im einfachen Arrest sind; ich suche mit dem Blick, um Gir... zu finden, mit blutrünstigen Augen sah ich ihn an, wie ein hungriger Löwe seine Beute, ehe er sie im Rachen hat.
Es regnete, wir Gefangenen standen alle unter einem Schutzdach, nahe dem Gefängnis, ich spähe in das Wachtzimmer hinein und sehe meinen Landsmann Antonio P..., genannt Catanzaro, ich winke ihn zu mir herein, und flüstere ihm zu:
»Kannst Du mir ein scharfes Messer geben?«
Er steckte die Hand in die Tasche, holt ein altes Messer heraus und sagt:
»Da, mach' es nicht stumpf!«
Mit diesem alten Messer, ohne Schärfe und Spitze gehe ich in meine Zelle zurück, um es zu prüfen, ich finde es für meine Zwecke unbrauchbar, aber ich denke: du wirst es versuchen, und wenn es glückt, bist du gerächt und die verwünschte Dienstzeit hat ein für alle Mal ein Ende.
Ich begab mich zu den anderen Soldaten und suchte den Gir..., ich näherte mich ihm, er suchte mir zu entfliehen und behielt mich im Auge; mehr und mehr überzeugte ich mich, daß er die Ursache meiner Leiden sei, mit einem Sprunge war ich bei ihm, faßte ihn an der Brust und rief:
»Elender, so rächt sich Deine Schändlichkeit!«
Mit dem alten losen Messer schnitt ich ihm schnell mehrere Male durchs Gesicht und stieß es ihm in die Kehle, dann klappt das Messer zu und schneidet mir zwei Finger entzwei; ich muß meine Beute loslassen, aber verfolge sie wütend in den Hof, jedoch vergebens: die Schildwache ruft »Heraus!«, die wachthabenden Soldaten eilen herbei, das Gewehr in der Hand, der Lieutenant mit gezogenem Säbel ruft:
»Halt, M..., halt, oder ich lasse schießen!«
Wütend wie eine Hyäne, der man ihr Opfer entrissen, entblöße ich meine Brust, wende mich um und brülle, während der Schaum mir vorm Munde steht:
»Hier ist meine Brust, lassen Sie schießen, aber rasch, ich sterbe gern, wenn ich unter der Knechtschaft der Tyrannen leben muß.«[50]
[50] Das ist Wahnsinn; man beachte auch, daß die Tyrannei in diesem Fall darin besteht, ihn an der Ausübung der Päderastie zu behindern. Es ist sehr wohl möglich, daß M... diese Worte wirklich gesprochen hat; die Thatsache ist bekannt genug, daß der mörderische Impuls sich in einen selbstmörderischen verwandelt, besonders bei den Epileptikern.
Nunmehr versucht der Lieutenant es im Guten:
»M..., kommen Sie zu sich, gehen Sie in Ihre Zelle, niemand soll Ihnen ein Haar krümmen, ich schwöre es bei meinen Tressen.«
Durch diese Worte beruhigt ging ich zurück, die Thür meiner Zelle schloß sich hinter mir und ich blieb allein mit meinen trüben Gedanken. Mein erster Gedanke war, das alte Messer aus dem Wege zu bringen, um den, der es mir gegeben hatte, nicht bloszustellen; ich sehe mich um und suche, aber finde keinen geeigneten Ort; es aus dem Fenster werfen, hieße es den Vorgesetzten direkt in die Hände liefern, denn das Fenster ging auf den Hof hinaus; aber ist es ein geheimnisvolles Gesetz des Zufalls, Gottes oder des höllischen Teufels: die Heißblütigen und Kopflosen werden gewöhnlich vom Zufall in ihren Gefahren, ihrem Mißgeschick begünstigt. So gelang es mir, das Messer zwischen die Bretter meiner Thür, die eine Art Doppelthür war, zu bringen und so das _corpus delicti_ zu entfernen.
Nachts erschienen mehrere Offiziere und Chargierte, ich wurde an Händen und Füßen gefesselt und mit Schmähreden überhäuft, von denen mir nur eine zu Gemüt ging. Ein Lieutenant schlug mich mit der Scheide auf den Arm und sagte:
»Wenn ich dabei gewesen wäre, hätte ich Dich durchbohrt.«
»Bisher haben Sie mich mit Ihrem langen Säbel noch nicht durchbohrt und werden auch schwerlich dazu kommen«, erwiderte ich rasch.
»Mörder, Lump!« rief er zornig und gab mir eine Ohrfeige.
»Pfui, Elender«, zischte ich, »Elender, einen gefesselten Menschen zu ohrfeigen!« Und ich fuhr in die Höhe, um ihn zu beißen.
Die ganze Nacht saß ich gefesselt auf meiner Pritsche, meine Schmerzen waren furchtbar, unerhört; aber sie drückten mich nicht nieder -- ich dachte an die Ohrfeige und nahm mir fest vor, wenn der Lieutenant mir wieder zu nahe kommen sollte, ihm die Nase abzubeißen.
Am Abend des folgenden Tages wurde ich nach dem Hof gebracht, das ganze Regiment war aufgestellt, ein Dienstwagen mit einem kräftigen Maultier bespannt, stand bereit; ich stieg ein, sechs Soldaten, vier Sergeanten und ein Offizier reihen sich darum. Der Wagen setzt sich in Bewegung, er hält an; die vier Sergeanten nehmen neben mir Platz; der Wagen setzt sich von neuem in Bewegung und führt einen Halbkreis im Hof; ich wende mich den schweigenden Truppen zu und grüße kalt und lächelnd mit der Hand und ein Ausruf erscholl aus allen Kehlen, ein Ausruf der Bewunderung.[51]
[51] Klassische Verbrechereitelkeit.
Der Wagen verließ die Kaserne in Begleitung der bewaffneten Soldaten. Nach zwei Stunden kamen wir in Cava dei Tirreni an, wo das Militärlazarett war; hier wurde ich in die Kleiderkammer geführt, ein Sergeant trug mich in ein Register ein und befahl mir, mich auszuziehen.
Während ich das that, näherte sich einer der Sergeanten, die mich eskortiert hatten, und flüsterte seinen Kameraden einige Worte ins Ohr.
»Herr Sergeant«, sagte ich, »es ist überflüssig, daß mein Sergeant mich Ihnen empfiehlt. Ich bin ein schlechter Soldat, ich komme vors Kriegsgericht, und wenn es mir glücken sollte, auszureißen, so würde ich nicht erst Lebewohl sagen, deshalb behalten Sie mich im Auge.«
Alle lachten und ich lachte mit.
Ich kleidete mich aus, legte ein Hemd von rauher Leinwand, ein Paar wollene Hosen an, die mit Flicken aller Art, in allen Farben, bedeckt waren, außerdem waren sie zu weit und vier Handbreit zu lang, aber ich krempelte sie um und so leisteten sie dieselben Dienste, dazu zog ich ein Paar Pantoffeln an, die Simson gepaßt hätten, sowie ein Rock, der mir bis auf die Fersen hing und mit Blut und Eiter befleckt war, so daß mir übel wurde; auf den Kopf stülpe ich mir eine Mütze, die bis über die Ohren geht; so im Paradeanzug stelle ich mich den beiden Sergeanten vor:
»Nun, was meinen Sie, könnte ich nicht auf der Bühne auftreten? Das wäre zu nett! Wenn Sie erlauben, würde ich als wandernder Mime gleich losziehen.«
Und ich trällerte ein Liedchen; beide lachten aus vollem Halse.
Ein Sanitätskorporal führte mich in meine neue Wohnung. Es war eine Zelle, die etwas länger war als mein Bett, ein kleines Fenster mit Gitter und einem Drahtnetz gesichert, ging auf das Feld hinaus, ein anderes großes breites vergittertes Fenster auf einen Korridor, eine hölzerne Bank, ein zinnerner Napf, ein ebensolcher Becher und ein Holzsessel machten das bescheidene Mobiliar aus.
Am folgenden Morgen höre ich einen neapolitanischen Gruß sagen, die Thür meiner Zelle öffnet sich und herein tritt ein Stabsarzt mit einem Sergeanten, man reißt mir die Bettdecke weg, der Arzt befühlt und besieht mich und sagt dann:
»Hier müssen wir schneiden, ein Stück abschneiden!«
»Alle Wetter, Herr Doktor, was sagen Sie?« rief ich aus, »schneiden Sie mir lieber den Kopf ab.«
»Haben Sie den Dreck so lieb?«
»Er ist mein Abgott, und das Entzücken meiner armen Nerven.«
Lachend und trällernd ging er ab, die Thür wird geschlossen und ich bleibe allein. Der Stabsarzt war ein Dreißiger, heiter und sorglos, er scherzte gern mit mir und oft sagte er:
»Sie haben eine gute Natur, ein fröhliches und starkes Gemüt; wenn ich in Ihrer Haut steckte, würde ich keine vierundzwanzig Stunden leben.«
Zur Essenszeit kam der Sergeant mit einem Lazarettgehilfen und brachte mir etwas Salbe auf Papier, etwas gelbes Wasser in einem Becher, meine Suppe und mein Brot.
»Damit reiben und waschen Sie die Wunde; wenn etwas passiert, rufen Sie nur aus dem Fenster.«
Ich blieb allein, und obgleich ich mich kaum bewegen konnte, mußte ich mich selbst besorgen. Ich kletterte aus dem Bett und kroch auf der Erde zu dem Kübel hin, um mich selbst zu bedienen, mich selbst zu kurieren! Wenn mir dann oft die Kräfte zu erlahmen schienen, dann sagte ich mir oft:
Mut, M..., Mut! Auch dieses Drama wird sein Ende haben; und ich lachte, ich lachte wie ein Wahnsinniger.
Um nicht zu weitschweifig zu werden und so viel unnützes Zeug zu erzählen, komme ich zum Nötigsten.
Eines Tages, um Mittag, da ich mich gerade niedergelegt hatte und im Begriff war, einzuschlafen, höre ich, wie an mein Fenster geklopft wird, ich öffne die Augen und sehe einen Stock, der an das Gitter klopft, ich erhebe mich von meiner Pritsche und klettere, mir die Schmerzen verbeißend, auf die Bank, die unter dem Fenster steht, und was erblicke ich? Ein reizendes junges Mädchen, siebenzehn Jahre alt, schön wie eine Madonna, mit schwarzen schmachtenden Augen, das goldene Haar in Zöpfen gebunden und auf dem Kopf durch ein rotes Tuch bedeckt, die Stirn marmorweiß und keusch.
»Was wünschen Sie, mein liebes Fräulein?« fragte ich.
Und sie sagte:
»Sie sind hier allein, Sie Armer! Wissen Sie, ich habe Mitleid mit den Soldaten; ich habe einen Bruder bei der Kapelle des 90. Regiments. Wenn Sie wüßten, wie ich Sie beklage ... haben Sie eine Mutter, einen Vater?... woher sind Sie?«
»Ich bin verwaist, meine Eltern sind lange tot ... ich bin aus Kalabrien und sehr unglücklich.«
»O Sie Armer!« beklagte mich das reizende Geschöpf. »Verwaist! Fern von der Heimat im Gefängnis eingeschlossen, ohne Hülfe, von allen verlassen« -- sie weinte heiße Thränen -- »aber wissen Sie, verlieren Sie das Vertrauen nicht, der liebe Gott lebt für uns Unglücklichen und er verläßt uns nicht, wenn wir auf ihn und seine Vorsehung vertrauen. Sagen Sie, Bruder, und erlauben Sie, daß ich Sie von jetzt ab mit diesem süßen Namen nenne; was haben Sie begangen und wie lange müssen Sie hier bleiben?«
»Ich weiß nicht, weswegen ich hier bin, aber ich glaube, ich werde hier zwei Monate lang bleiben müssen.«
»Es schmerzt mich, Sie so leiden zu wissen, aber ich werde Sie zu trösten versuchen, und Ihnen Gesellschaft leisten, ich werde meinen Papa und meine Mama mitbringen; ich werde Gott für Sie bitten so lange, bis ich das Glück habe, Sie frei zu sehen. Und wenn Ihnen jetzt etwas fehlt, so öffnen Sie Ihr zerrissenes Herz Ihrer armen Schwester.«
»Ich möchte ein Licht und Streichhölzer haben, weil man mich Abends im Dunkeln läßt, sowie etwas Papier, eine Feder und Halter, um meiner Familie zu schreiben und sie um etwas Geld zu bitten.«
»Nachher werde ich alles bringen, seien Sie nicht mehr traurig.«
Am Mittag kam sie mit ihrem Vater, ihrer Mutter und einem kleinen Bruder, und brachte mir etwas Fleisch, Käse, Pasteten, Wein, zwei Cigarren und ich weiß nicht was sonst noch.
Ich öffnete das Drahtnetz und reichte meinen Napf heraus, so wurde nach und nach der ganze Vorrat hereingeschafft. Teresina bat mich dann, sie als meine liebe Schwester anzureden; ich that, wie sie mir sagte; sie sprach so freundlich und teilnahmsvoll zu mir und ermahnte mich, geduldig und mutig im Unglück zu sein. Dann gingen sie alle wieder fort, schmerzerfüllt über mein Mißgeschick.
Ich schrieb mehrere Male an den =Ehrenmann=, meinen Bruder, und bat ihn, mir für meine dringendsten Bedürfnisse etwas Geld zu schicken, aber auf alle meine Briefe, die ich durch Teresina zur Post besorgen ließ, empfing ich keine Antwort.
Traurig und träge schlichen meine Tage dahin, meine Schmerzen nahmen zu, immer war ich allein, immer eingeschlossen, nie konnte ich ein einziges Mal nur frische gesunde Luft atmen; der ekelhafte Geruch der Salbe und meiner Exkremente verursachte mir Schmerzen in Kopf und Brust.
Wiederholt bat ich den Arzt, den Lazarettinspektor, daß sie mir eine Stunde Bewegung auf dem Hof gestatten möchten -- sie antworteten:
»+Wir können es nicht!+«
Mein einziger Trost war das unaussprechliche Glück, täglich mehrere Male Teresina zu sehen, die mir zu essen, trinken und rauchen brachte, alles was ich wünschte. Eines Tages schrieb sie mir folgenden Brief, den ich noch aufbewahre als Pfand meiner Ergebenheit und Dankbarkeit; durch ihren Bruder hatte sie ihn mir geschickt:
»Mein lieber Bruder!
Gestern konnte ich nicht kommen, Sie zu besuchen, ich war mit Hausarbeiten beschäftigt, deshalb schreibe ich, damit Sie mir sagen sollen, wenn Sie etwas brauchen; das Essen und das andere schicke ich durch meinen Bruder.
Schon lange wollte ich Ihnen etwas sagen, aber ich hatte keinen Mut dazu, das persönlich zu thun, deshalb schreibe ich es jetzt und bitte, es mir nicht übel deuten zu wollen.
Sie wissen, daß die Zuneigung, die ich zu Ihnen habe und immer haben werde, daher rührt, daß ich ein lebhaftes Mitgefühl habe für alle, welche leiden, und besonders für Sie, der Sie leidend und von allen verlassen sind; der bloße Gedanke daran erpreßt mir Thränen und zerreißt mir das Herz. Ich weiß aus den Reden meines Vaters, daß mein Mitleid mit den armen Soldaten mir zuweilen anders ausgelegt wird, aber ich bin nun einmal so: ich liebe die Unglücklichen und die Leidenden, aber mit heiliger, reiner, schwesterlicher Liebe, und deshalb müssen Sie mich ebenfalls als Schwester lieben, denn wenn Sie irgend welche andere bösen Absichten hätten, dann müßte ich aufhören, Ihnen gut zu sein.
Seien Sie nicht traurig, daß Ihr Bruder nicht auf Ihre Briefe antwortet, vielleicht hat er sie nicht erhalten oder irgend ein Umstand hindert ihn am Schreiben, und was fehlt Ihnen denn auch? Bin ich nicht hier? Ich werde Ihnen mit allem zur Seite stehen, so lange Sie hier sind, wenn Sie dann frei sind, dann suchen Sie mich auf und ich werde glücklich sein, Sie zu sehen.
Ich bete täglich zu Gott, daß er Ihre Schmerzen lindern möge, und mein armes Herz sagt mir, daß Sie bald in Freiheit sein werden. Und beten auch Sie in Ihrer Zelle zu ihm, inmitten Ihrer Schmerzen und Kümmernis, denn das Gebet der Unglücklichen dringt bald zu unserm Heiland; beten Sie auch für mich.
Fassen Sie Mut, verzagen Sie nicht, alles ist vergänglich, alles ist ein schrecklicher und abscheulicher Traum.
Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und denken Sie oft an Ihre arme Schwester
Teresina M...«
Cava dei Tirreni, 8. Mai 1878.
Meine Antwort:
Aus dem Militärlazarett zu Palermo in Cava dei Tirreni, 9. Mai 1878.
»Meine zärtliche Schwester!
Ich weiß nicht, wie ich Ihnen Ihre heilige Liebe vergelten soll; der Dank allein kann mich nicht entlasten für die innere Zuneigung, die Sie mir so edelmütig entgegenbringen. Meine Liebe zu Ihnen ist heilig und fromm; ich liebe Sie, wie nur die Engel Gott lieben und verehren können. Ich war verloren, Sie haben in meiner Brust hohe und reine Gefühle entfacht; ich war dem Wahnsinn nahe, mich zu töten, Sie, die Sie die Schönheit der Engel tragen, haben mir mein armes Herz wieder geöffnet für die Schönheit des Schöpfers; Ihre silberhelle Stimme hat mich von dem Abgrund meines Nichts zurückgerufen und mich ermahnt, mein Mißgeschick zu tragen und zu überwinden.
Wieviel Dank schulde ich Ihnen! Wie kann ich all' das Gute vergelten?
Ich werde unaufhörlich zu Gott beten, im Unglück und im Wohlleben, daß er Sie beschützt und Sie erhält zum Wohle der Unglücklichen und Leidenden.
Mir ist jetzt wohl, nur krampft mein Herz sich zusammen, wenn ich Sie nicht sehe, wenn Ihre Stimme mich nicht der Bangigkeit, dem Trübsinn entreißt.
Den ganzen Tag stehe ich am Fenster meiner elenden Zelle und erwarte Sie, bei jedem Geräusch erbebt mein Herz, das Sie so zärtlich liebt.
Dank, Teresina, unendlichen Dank für Ihre Güte, die mir ewig unvergeßlich bleiben wird. Nun kommen Sie, um mich zu trösten, empfehlen Sie mich den Ihrigen und vergessen Sie nicht
Ihren Sie liebenden Antonino M...«
Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
»Machen Sie sich etwas fein, der Auditeur will Sie sprechen.«
Ich sollte mich »fein machen!« Seit zwei Monaten hatte ich weder die Bett- noch andere Wäsche gewechselt, zwei Monate lang hatte ich mir nicht Gesicht und Hände gewaschen, denn das Wasser war mir so knapp zugemessen, daß es kaum genügte, den Durst zu löschen. Ich war voll von +Läusen+, von Läusen jeder Art und Größe; das Bett, die Zelle, meine Kleider, meine Person wimmelten davon; mein Haar war lang und struppig, der Bart nicht geschnitten und voll Schmutz: ich sah aus wie ein Wilder.
Zwei Karabinieri führten mich zum Auditeur; als wir allein waren, mußte ich mich setzen, und er fragte mich:
»Wissen Sie, wessen Sie angeklagt sind?«
»Weil ich den Soldaten Gir... verwundet habe.«
»Nein, hier handelt es sich nicht um Körperverletzung, sondern um einen anonymen Brief.«
»Davon weiß ich keine Silbe; ich habe keinen anonymen Brief geschrieben.«
Der Beamte entfaltete ein Blatt, das vor ihm auf dem Tische lag und holte einen Brief heraus, den er mir überreichte.
Ich nahm den Brief aus dem Umschlag und las:
»=Denken Sie an das traurige Ereignis vom 23.=«
Dann nahm ich den Umschlag und las die Aufschrift:
»An den Herrn Feldwebel V... von der 8. Kompagnie 20. Infanterie-Regiments Nocera.«
Der Leser möge ermessen, was in diesem Augenblick in meinem Herzen vorging und welchen Entschluß ich faßte.
»Nun?« fragte ich.
»Nun, können Sie mir sagen, was diese Worte bedeuten, worauf die Zahl 23 anspielt? Der Korporal S... hat den Brief Ihrem Obersten überreicht und erklärt, daß Sie ihm denselben gegeben hätten, damit er ihn zur Post besorgen solle.«
»Herr Auditeur, ich erkläre, daß das eine Unwahrheit ist; das ist nicht meine Handschrift, und wenn ich den Brief doch geschrieben hätte, wozu hätte ich ihn dann dem Korporal S... zur Besorgung übergeben? Konnte ich nicht selbst auf die Post gehen? Auf den ersten Blick muß doch klar werden, daß hier ein Geheimnis, eine Schändlichkeit zu Grunde liegt!«
Der Auditeur nahm meine Aussage zu Protokoll und ließ mich zum Vergleich mit der Handschrift des Briefes einige Zeilen schreiben; ich unterschrieb das Protokoll und wurde in meine Zelle zurückgeführt. Was ich in diesen Tagen dachte, weiß nur Gott allein, ich war in eine Schlinge verwickelt, aus der ich mich nicht befreien konnte, ich zermarterte mein Hirn, um den Schlüssel des Geheimnisses zu finden, aber vergebens, und so dachte ich: warten wir die Entwickelung dieses rätselhaften Dramas ab.
Eines Tages beschwerte ich mich bei dem Arzt, daß die Läuse mich beinahe lebendig auffräßen und entsetzt ordnete dieser verweichlichte Feigling an, daß ich gewaschen und umgekleidet würde. Ich bekam ein reines Bett, man ordnete mein Haupt- und Barthaar, man wusch und striegelte mich, wie in der Strafanstalt zu Neapel und gab mir saubere Kleidung.
Meine Teresina verließ mich nicht, lange Stunden saß sie unter meinem Fensterchen und tröstete mich mit ihren Ermahnungen und sanften Ratschlägen. Gott segne sie und lasse ihr seine Gnade zukommen, der edelmütigen Seele.
Eines Morgens sagte der Arzt zu mir:
»M..., nachher werden Sie den Besuch des Herrn Generals bekommen, ich empfehle Ihnen, sich anständig zu betragen und nicht soviel zu sprechen.«
»Gut«, sagte ich, »schon lange wollte ich eins von diesen großen Tieren sehen, endlich ist die Stunde gekommen, und besser spät als nie, sagt ein altes Sprichwort.« Am Mittag hörte ich Geräusch und Stimmengewirr auf dem Korridor, die Thür öffnet sich und ein großer Mensch in Generalsuniform mit dem Obersten und verschiedenen Ärzten des Lazaretts tritt herein, während andere draußen warten.
»Wie heißen Sie?« fragte der General mit grober rauher Stimme, indem er mich vom Kopf bis zum Fuß musterte.
»M..., Antonino M... vom 70. Infanterieregiment, zur Zeit hier im Lazarett in Behandlung.«
»Weswegen sind Sie angeklagt?«
»Ich weiß es nicht, ich glaube, ich bin unschuldig, und ungerechter Weise büße ich in dieser schmutzigen Zelle, von Guten und Bösen verlassen, von Gelehrten und Unwissenden verworfen, von Mächtigen und Elenden erniedrigt, von Tyrannen und Sklaven gequält, von ...«[52]
[52] Wer ein Irrenhaus besucht hat, wird mehr als einen gefunden haben, der ihm so antwortete und durch seine geschwollene Ausdrucksweise sein Unglück zu adeln suchte. Diese Großsprecherei ist für die Wahnsinnigen charakteristisch.
»Genug, genug! Sie haben nur auf das zu antworten, was Sie gefragt werden.«
»Herr General haben mich gefragt und ich glaubte, es sei meine Pflicht, mit klaren Worten zu antworten.«
»Schweigen Sie! Antworten Sie nur auf das, was ich sage, und sonst nichts. -- Wie geht es Ihnen hier?«
»Sehr schlecht, Herr; zwei Monate liege ich in diesem Jammerloch, von Gott und allen Heiligen verlassen; zwei Monate lang atme ich diese üblen Dünste, die mir die Lunge zerfressen; unendlich oft habe ich den Herrn Oberst gebeten, gefleht, angebettelt, mir eine einzige Stunde frische Luft zu gestatten -- er hat es nicht gewährt. Tage lang wurde mein armer Körper von Ungeziefer gereizt, ich war voll, übervoll von Läusen.«
»Schweigen Sie, so spricht man nicht zu einem Vorgesetzten; ich werde Sie in Eisen legen lassen!«
»O, Herr, hören Sie mich an, erfüllen Sie meine einzige Bitte; ich flehe Sie an, gewähren Sie mir eine einzige Stunde am Tage in freier Luft, auf dem Hof!«
»Nein, das geht nicht; Sie sind Gefangener, ich kann es nicht erlauben.«
»O dann, Herr«, rief ich wütend, »dann lassen Sie mich lieber niederschießen, anstatt mich langsam hinzumorden; machen Sie ein Ende mit dieser verfluchten Dienstzeit!«
Fluchend gingen sie fort, die Thür fiel krachend in's Schloß.
Als ich allein war, erfaßten mich die Furien der Hölle, ich war entschlossen mich zu töten und hätte mich nicht die Stimme meiner Teresina an's Fenster gerufen, wer weiß, welche Schandthat ich befangen hätte!
Gegen Abend wurde mir meine Suppe gebracht und die Thür wurde aufgelassen; ich aß die Suppe und überlegte, endlich stand ich auf und ging hinaus und setzte mich zu den anderen Kranken auf den Hof.
Die Wachtposten sahen mich, aber keiner hielt mich an.
So ging es mehrere Tage und schon hatte ich die Absicht gefaßt, einen Fluchtversuch zu machen, die Ringmauer war von innen nur mannshoch -- wie sie von außen war, das wußte ich nicht, aber wenn ich auch fürchten mußte, mir Hals und Beine zu brechen, ich war entschlossen, einen Versuch zu machen.
Am Morgen, nachdem ich diesen Entschluß gefaßt hatte, kam mein Arzt und teilte mir mit, daß ich in das Krankenhaus des Zivilgefängnisses zu Salerno überführt werden würde.
Ich machte Einwendungen, da ich noch zu krank sei, aber er sagte, daß mir ein Wagen gestellt werden würde.