Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Part 12

Chapter 123,575 wordsPublic domain

»Ich irre mich nicht, geben Sie mir die Cigarre.«

Und er kam näher um die Hand in meine Tasche zu stecken, da erhebe ich rasch die Hand und versetze ihm eine mächtige Ohrfeige.

Nach diesem niederträchtigen Streich nimmt der Wächter das Schlüsselbund und will sich auf mich stürzen, ich trete einen Schritt zurück, nehme eine Fechterstellung an und reiße die Pfeife aus der Tasche; der arme Wächter hält sie für einen Dolch, schließt die Thür, rennt den Korridor entlang und ruft um Hülfe.

Der Chef der Wache mit einigen Leuten eilt herbei und ich werde in eine Strafzelle geführt.

Wenn ein Gefangener etwas verbrochen hatte, fand ein förmliches Verhör statt, bei dem der Direktor als Vorsitzender, der Rechnungsführer als Ankläger und der Pfarrer als Verteidiger fungierte.

Ich werde in das Bureau des Direktors geführt, die Zeugen werden aufgerufen und leugnen, daß ich dem Wächter eine Ohrfeige gegeben und ihn mit bewaffneter Hand angegriffen habe, vielmehr habe der Wächter mich beleidigt und ich mich nur mit Worten verteidigt. Ich werde zu vierzehn Tagen Wasser und Brot verurteilt und in Ketten gelegt, der Wächter erhält zwei Monate Wachtdienst und sein Lohn wird für diese Zeit gespart.

Nachdem die Strafe verbüßt ist, kehre ich in meine Zelle zurück, der Wächter wird nach einer andern Strafanstalt versetzt.

Drei Monate fehlen noch bis zu meiner Befreiung, da werde ich vom Direktor gerufen, der sagt: »599, Sie müssen noch drei Monate verbüßen, wo wollen Sie Ihr Domizil aufschlagen?«

»In Parghelia, meinem Geburtsort.«

Als noch zwei Monate fehlen, rief der Direktor mich und sagte:

»599, Sie müssen noch zwei Monate verbüßen; wenn Sie wollen, lassen Sie sich den Bart und die Haare wachsen.« Als der Tag der Freiheit sich näherte, konnte ich Nachts nicht mehr schlafen und baute Luftschlösser. Meine Gefährten thaten sich zusammen, um ein prunkvolles Mahl zu veranstalten und so meine Freiheit zu feiern.

Der Direktor wurde um seine Erlaubnis gebeten, daß wir uns alle in einem großen Zimmer zusammen finden durften, um den letzten Tag meiner Gefangenschaft zu feiern, als Beweis unserer Treue, Liebe und Achtung. Am Vorabend vor meiner Befreiung waren wir einundzwanzig vereint, und aßen und tranken heiter, die Trinksprüche galten alle mir, die einen wünschen mir Glück, die andern langes Leben, und alle diese Wünsche kamen aus aufrichtigen aber unglücklichen Herzen; wir hatten Kuchen, Süßigkeiten, Liqueure, Caffee und auch die so sehr verbotenen Cigarren. Am Abend umarmten und küßten wir uns, Thränen feuchteten mir die Wangen, während einer sagte:

»599, denken Sie an mich im Reich der Lebenden.«

Ein anderer:

»Werden Sie mir schreiben, um mich zu trösten?«

Ein dritter umarmte mich und flüsterte mir ins Ohr:

»Werden wir uns wiedersehen, Genosse?«

Am Morgen wurde ich von den Gefangenen unbeobachtet nach dem Bureau des Rechnungsführers gebracht, man gab mir mein Geld und einen Brief an den Delegierten in Neapel. Ich vergaß zu erwähnen, daß ein Landsmann, der Spediteur Cosmo C... in Neapel, mir einen Anzug besorgt hatte, den ich nunmehr statt der Gefängnistracht anlegte.

Der Direktor kam, fragte mich, ob ich etwas vorzubringen hatte, und hielt mir dann eine schöne Predigt, wie ich mich in Zukunft betragen solle.

Ein Schutzmann erscheint, ich küsse dem braven Direktor die Hand und gehe mit dem Schutzmann eine lange Treppe hinauf, ein großes massiv eisernes Gitter öffnet sich und ich befinde mich auf der Straße. Will man es glauben? Ich konnte nicht mehr gehen; meine Augen schmerzten von dem Licht, das Blut jagte in den Adern und am ganzen Körper hatte ich ein Jucken, als ob ich die Krätze hätte. Wenn man lange die Freiheit verloren hat, weiß man, wie süß sie ist.

Wir gingen zum Delegato, der mich in ein Register eintrug und dann sagte:

»Wann wollen Sie reisen?«

»Ich möchte einige Tage hier bleiben.«

»Schön, wenn Sie reisen wollen, holen Sie Ihren Paß und das Reisegeld ab.«

Ich suchte Leonardo und Cosmo C... auf, besuchte einige Freunde und nachdem ich mich fünf Tage vergnügt hatte, ging ich zum Delegato, der mir meinen Paß und das Reisegeld gab.

Tags darauf reiste ich mit dem Dampfschiff ab und nach vierundzwanzig Stunden angestrengter Reise kam ich nach Pizzo, wo ich mit dem Wagen nach Monteleone fuhr. Dort versuchte ich, einen Wagen zu finden, um mich nach Tropea zu begeben, aber ein Wagen war augenblicklich nicht zu haben.

Da traf ich vier Seminaristen, denen ich mich anschloß und die ich fragte:

»Wohin gehen Sie?«

»Nach Tropea«, antwortete einer.

»Und haben Sie einen Wagen?« fragte ich.

»Nein. Hier wohnt der Bischof Vaccari, mit dem ich zusammen fahre; meine drei Gefährten hier fahren mit dem Lastwagen, der unser Gepäck zum Seminar bringt.«

»Dann gestatten Sie, daß ich mitfahre.«

Sie willigten gern ein und wir verabredeten Zeit und Ort, wo wir uns treffen wollten.

»Ich möchte dem freundlichen Bischof die Hand küssen.«

»Kommen Sie mit, und Sie werden ihn sehen.«

Sie führten mich in das Haus des Apothekers Ortona, wir treten in eines der Zimmer und ich sehe den Bischof wie eine Wurst gekrümmt im Bett liegen; er sagte zu dem Priester Ortona, dem Bruder des Apothekers:

»Ich bin müde, ich habe von der Reise gelitten.«

Ich trat ans Bett und küßte ihm die Hand.

»Wo sind Sie her, braver junger Mann?« fragte er.

»Aus Tropea.«

»Und woher kommen Sie?«

»Aus Neapel, ich war auf dem Colleg.«

Der Apotheker unterbrach unser Gespräch, das wer weiß was für ein Ende hätte nehmen können.

»Nun kommt mit mir zum Essen«, sagte Ortona. Die vier Seminaristen erheben sich und folgen dem Hausherrn, ich stehe ebenfalls auf, werfe dem Bischof einen Blick zu und begebe mich mit den andern in ein großes Zimmer, einen wahren Speisesaal. Wir setzen uns zu Tisch, jeder erhält eine halbe Literflasche Wein, es kommt eine Schüssel mit Käse, eine andere mit Schinken, dazu frisches Brot. Ich esse von allem, trinke noch eine Flasche Wein, dann gehen wir; ich in einen Gasthof, um zu ruhen, denn schlafen kann ich nicht -- wer aus dem Gefängnis kommt, gewöhnt sich nur langsam wieder an den Schlaf der Freiheit.

Tags darauf fuhren die drei Seminaristen und ich auf dem Lastwagen ab, der mit Decken und Matratzen belegt war; als wir nach einem Ort namens Piozzi kamen, sehe ich hinter uns einen Menschen herlaufen; ich lasse den Wagen anhalten und wir sehen, daß es Silvestro C... ist, der nach Monteleone gegangen war, dort aber keinen Wagen gefunden hatte und nun sechs Stunden gelaufen war, um uns einzuholen -- ein nettes Vergnügen!

In Tropea verließ ich die Seminaristen und ihren Wagen und ging mit Silvestro C... in einen Gasthof. Dort fanden wir einen schurkischen Mönch, der sich uns anschloß; wir ließen uns Würstchen braten und Wein und Brot bringen und aßen und tranken zu drei.

Nachher wollte der schurkische Mönch nicht bezahlen; Silvestro C..., vom Wein umnebelt, fängt an zu lallen, der Mönch antwortet ihm ebenfalls lallend.

Silvestro C... glaubt, daß der Mönch ihn verhöhnt und fängt an zu schimpfen, auf den Mönch, die Priester, den Papst und die ganze Klerisei.

Der Mönch wird nun auch zornig und benennt C... mit häßlichen Worten, sie fassen sich an, ziehen sich hin und her und lallen.

»Za--ah--le Du!«

»Nein, za--ah--le Du!«

»Ich za--a--ah--le nicht!«

»Ich za--a--ah--le die Hä--ä--älfte!«

»Nein, Du za--a--ahlst all--les!«

»Nein, u--nd ich za--a--ahle ni--ichts!«

»Wa--arum willst Du nicht za--a--ahlen?«

»Nein -- nein, es geht mich nichts a--an!«

»Dann za--ahlen wir zusa--ammen!«

»Ja, za--a--ahlen wir zusammen!«

Zweiter Teil.

Meine Dienstzeit.

Ein klassischer Schriftsteller, eine wissenschaftliche Abhandlung wird von gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen verstanden; eine gewöhnliche Darstellung, die leicht geschrieben ist, wird sowohl vom gebildeten, gelehrten, wissenschaftlichen Menschen, wie vom unwissenden Mann aus dem Volke verstanden: sonach ist es besser, sich beiden als blos einem verständlich zu machen.

Vorbemerkungen.

Wer unklug ist, findet im Soldatenspielen den Samen der Gelehrsamkeit.

Der Soldat legt seinen Verstand ab, bevor er die Kaserne betritt.

Schande, Feigheit, Trug, Falschheit, Mißbräuche, Quälereien und Tyrannei sind der Teil des Soldaten.

Und wenn Du Dich beklagst, kommst Du auf die Galeere.

Sklaverei und Soldatenspielen sind Geschwister.

Der Heeresdienst ist ein Übel, das innen und außen schadet.

Willst Du verdammt sein? Werde Soldat!

An mein liebes Söhnchen Francesco Antonio.

Mein heißgeliebter Junge!

Für Dich allein schreibe ich diese schmerzensreichen Abenteuer meines Lebens, das durch vierzehn lange Jahre eines furchtbaren Geschickes und durch heftige Schmerzen und Unglücksfälle zerrissen ist. In diesen Zeilen, die von meiner heißen Liebe zu Dir diktiert sind, findest Du die traurigen Wechselfälle des menschlichen Lebens und die raschen Wandlungen dieser schmutzigen, unsauberen, bösen Welt.

Mögen Dir diese Denkwürdigkeiten als Schule auf dem schlüpfrigen Pfade in der Welt dienen, als Warnung vor der heuchlerischen Gesellschaft, als Führer in den Banden der Freundschaft, als Zügel in den maßlosen Leidenschaften, als Beruhigung im Unglück, als Ermutigung und Unterwerfung in die Schicksalsschläge des Lebens.

Du wirst diese meine Briefe durchlesen, Du wirst, mein geliebter Sohn, das Ergebnis meiner Leiden betrachten und mit einem Herzen voll kindlicher Liebe wirst Du den beklagen, der Dir das Leben gab, der Dich Jahre hindurch in seinen Armen trug, der Dir soviel Küsse gab, wie Sterne am Himmel stehen, und der mit überströmender Liebe Deine ersten Schritte lenkte, denn Du allein warst der kostbare Edelstein meiner im Unglück verbitterten Seele.

Um Dich habe ich manche lange und kalte Winternacht durchwacht und hier, in diesen väterlichen Armen, habe ich Dich ganze Nächte lang gewiegt; ich spürte keinen Frost; der Schlaf floh meine Augen und nimmer müde, nimmer überdrüssig, habe ich Dich gewiegt. Ja, mein geliebter Sohn, ich war glücklich, Dich an meine Brust zu drücken, in der Stille der Nacht, wenn draußen der kalte, eisige Wind raste und an unserem Fenster rüttelte, dann war ich glücklich und zufrieden und sang Dich in den Schlaf.[39]

Parghelia, den 20. Juni 1888.

Dein zärtlicher Vater

Antonino M...

[39] Hier folgt ein italienisches Wiegenlied.

Die Abreise.

Nach sechs langen Jahren der Gefangenschaft, wie ich im ersten Teil dieser Erzählung berichtet habe, erblickte ich am 16. November 1874 die Freiheit wieder.

Am 27. Januar 1875 hatte ich das Unglück, Soldat[40] werden zu müssen, denn aus der Klasse 1850 wurde ich der Klasse 1855 überwiesen und auf zwölfjährige Dienstzeit in das zwanzigste Infanterieregiment eingestellt.

[40] Dieser Teil der Selbstbiographie des M... ist ein Beweis zu Gunsten derer, welche behaupten, daß Verbrecher nicht in die Armee aufgenommen werden sollten.

Die Frage ist als Gefühls- und als Nützlichkeitsfrage behandelt worden. Ich übergehe den ersten Gesichtspunkt, weil sich darüber nicht verhandeln läßt: ein Heer braucht namentlich in Friedenszeiten einen hohen Grad sittlicher Reife in seinen Bestandteilen, um in Ermangelung eines unmittelbaren Nutzens eine Existenzberechtigung zu haben.

In Kriegszeiten kommt es auf solche Moralität weniger an und niemand würde sich darum kümmern; Sergi hat in seinem _Eroismo e criminalità_ gezeigt, wie ein Verbrecher bisweilen zu heroischen Thaten sich erheben kann. Der Mangel an Voraussehung schwächt bei ihm das Gefühl der Gefahr ab.

Ich will mich auf den zweiten Punkt beschränken: daß es nutzlos und unthunlich sei, Verbrecher in die Armee aufzunehmen, und zwar auf der Basis elementarer Gründe des Positivismus.

Wenn man zugiebt, daß der Verbrecher ein pathologischer und anormaler Typus ist, weshalb wird diese moralische Abnormität nicht ebenso in Betracht gezogen, wie so viele andere, die physischer Natur sind? Individuen, die eine Mißbildung der Füße zeigen, werden ausgeschlossen, und man sollte die nicht zurückweisen, welche eine tiefgehende Abnormität der Seele zeigen?

Man wird sagen: Es ist schwer, diese Abnormität festzustellen. Und ich antworte: Zugegeben; aber so schwer es auch sein mag, in der großen Mehrzahl der Fälle ist ein unfehlbares Kennzeichen gegeben -- die Strafen, welche die zur Aushebung sich vorstellenden Leute erlitten haben -- oder wenn sie schon Soldaten sind, die Vergehen, welche sie sich zu Schulden kommen lassen. Der Verbrecher wird als ein antisoziales Element definiert, d. h., er wendet sich gegen die Ordnungsgrundsätze, die zur Existenz einer gegebenen Gesellschaft notwendig sind: er will sich deren Zwang nicht unterwerfen und findet sie für sein eigenes Temperament und seine eigenen Neigungen zu eng. Ist es nun nicht widersinnig, einen solchen Widerstrebenden in die Schranken eines Organismus wie die Armee einzustellen, die durch eine noch viel straffere Disziplin als die, welche in der gewöhnlichen Gesellschaft herrscht, regiert wird? Heißt das nicht, aus einem Narren einen Philosophen machen wollen? Sowohl der Narr wie der Verbrecher sind individualistische Übertreibungen, Wesen, deren Verstand oder moralisches Empfinden sich den Bedingungen des sozialen Leben, den Vorschriften, die der Egoismus auf Gegenseitigkeit diktiert, nicht anpassen können.

Man wirft ein: Auch das Gefängnis und das Irrenhaus sind Institute, die von eiserner Disziplin regiert werden, aber jeder sieht ein, daß die Zusammenstellung mit dem Heer nicht möglich ist. Dieses hat im Staat eine opportunistische, jenes eine, im wesentlichen utilitarische Funktion. Die Armee wird verschwinden können und müssen; die Gefängnisse werden ihr Aussehen ändern, wenn der Begriff der Strafe durch den der Abwehr abgelöst worden ist; die Irrenhäuser werden in Stätten der Pflege und der Hut umgewandelt werden, da die Gesellschaft nur stets, auch in ihren fortgeschrittensten Formen, den Begriff der Selbstverteidigung aufrecht halten und erweitern muß, weil dies zur Entwickelung der gesunderen und normaleren Kräfte beiträgt. Die soziale Disziplin ist ein absolutes Bedürfnis, die militärische Disziplin ein relatives Bedürfnis.

Nun kann die Ausbildung derer, welche Strafen von einer gewissen Schwere erlitten, helfen, das Heer sicher zu stellen. Ich lege nicht viel Wert darauf, weil es eine Wahrheit ist, von der wir uns in diesen letzten Jahren überzeugt haben. Misdea, Serghetti, Scaranari, Marino, Missivoli und endlich Pasquala Torres haben dem Heer noch mehr geschadet als zwanzig Friedensjahre. Andererseits ist bekannt, daß das Kriegsministerium das Aushebungsgesetz in dem Sinne reformieren will, daß diejenigen ausgeschlossen bleiben und dem königlichen Heer nicht angehören können, welche zu Kerkerstrafe und zu Gefängnis nicht unter fünf Jahren verurteilt sind, während das zur Zeit in Kraft befindliche Gesetz nur die wegen irgend eines Verbrechens zu Zwangsarbeit Verurteilten und die zu Zuchthaus und Gefängnis wegen Verbrechen schwerer Art Verurteilten ausschließt.

Doch sollten auch die zu geringen Strafen Verurteilten besonders behandelt werden, indem sie während des Dienstes mit der Waffe einer besonderen Abteilung zugewiesen werden, wie es in Frankreich und Deutschland üblich ist.

Dazu wird nun noch ein Reglement treten, welches gleichzeitig die Überweisung derjenigen Personen in eine besondere Abteilung verfügt, die sich =während der Dienstzeit= schwerer Vergehen schuldig machten. Dasselbe Ministerium anerkennt in dem der Kammer schon vorgelegten Bericht die Nützlichkeit solcher Verfügungen, indem es hervorhebt, daß man nicht erst jetzt darauf verfallen sei, sondern schon in einem dem Senat am 10. Juni 1884 vorgelegten Gesetzentwurf des Ministers General Ferrero, in dem von einem Spezialkorps die Rede war.

Damit, das wird jeder einsehen, wird die Frage verschoben, aber nicht gelöst. Es schließt zwar die schlimmsten Verbrecher aus, aber zu viele umfaßt es gar nicht, oder umfaßt sie mit einer Verschärfung der Disziplin. Wenn heute der Verbrecher seine Strafe verbüßt hat, wird er veranlaßt sein, die besondere Behandlung, die er erfährt, als eine Ungerechtigkeit zu betrachten und den Fatalismus der Schuld zu verstärken, von dem die Seiten M...'s voll sind. Er wird als Soldat eine strengere Disziplin und daher mit größter Wahrscheinlichkeit die Bestrafung finden. Ist das gerecht und logisch?

Ist im sozialen Leben die moralische oder intellektuelle Inferiorität einer Person nicht eine Entschuldigung für uns? Von einem Bauern verlangen wir gewisse Äußerungen des Zartgefühls nicht, die wir bei einer gebildeten Person fordern; von jenem dulden wir, was bei dieser eine Beleidigung wäre.

Wenn man bei einer Spezialdisziplin annimmt, daß diese Individuen Verbrecher sind und wenn man sie nur deshalb als Soldaten betrachtet, weil sie sich dem Recht, welches das Land über sie hat, nicht entziehen können, so müßte man sie wenigstens dem gewöhnlichen Gesellschaftscodex unterstellen, anstatt sie unter den militärischen Codex zu bringen.

Der Grundsatz der Ausschließung, nach der vorher erlittenen Strafe beurteilt, hat für mich keinen Wert. Der Soldat kommt immer im jugendlichen Alter zur Aushebung; wenn er ein Verbrecher war, so war es in seinen Jugendjahren, wo einerseits das Strafgesetzbuch und andererseits das Mitleid der Geschworenen ihm alle möglichen mildernden Umstände zubilligen.

Das sieht man aus der ersten Strafe des M... wegen Mordes, wo die Überlegung und die Nachstellung nicht hinderten, daß die Strafe auf fünf Jahre beschränkt wurde, und man sieht es aus den Antecedentien aller Soldaten, die in diesen letzten Jahren erschossen oder dem Kerker übergeben wurden. Alle hatten Strafen erlitten und keiner hatte vom Dienst befreit werden können. Die angeblichen fünf Jahre würden in der That zwanzig bis dreißig Jahren Gefängnis gleichkommen. Vier Körperverletzungen und drei Widersetzlichkeiten gegen die Polizeiorgane würden weniger gelten als ein versuchter Mord, und zwar für einen Soldaten, für den das Spezialgesetzbuch des Heeres die Erschießung von hinten sanktioniert, wenn er nur mit bewaffneter Hand seinen Vorgesetzten bedroht.

Die Blätter des M... können dazu ermahnen, eine offene und wirkliche Lösung zu finden, die einerseits dem Heere nützt und andererseits den Postulaten des gesellschaftlichen Positivismus entspricht.

In dieser Anmerkung, das begreift jeder, habe ich eine solche Lösung nur andeuten können.

Ich reiste nach Florenz, um zu meinem Regiment zu kommen.

In diesem Regiment war ein Landsmann von mir, Signor Pietropaolo A..., Lieutnant; diesem würdigen und wohlverdienten Herrn wurde ich empfohlen; und er wies mich der achten Kompagnie zu: das Unglück schien mir anzuhängen; diese Kompagnie war die meist gequälte vom ganzen Regiment und bestand aus Leuten, die sich nicht durch gute Führung hervorthaten.

Als Signor Pietropaolo von meiner Ankunft hörte, kam er in mein Quartier und hielt mir eine Vorlesung über die Art und Weise, wie ich mich zu benehmen hätte; er empfahl mich den Vorgesetzten, meinem Hauptmann und den Lieutenants, mit denen ich zu thun hatte.

Tags darauf erhielt ich das Gewehr, den Säbel, die Patronentaschen und was sonst noch dazu gehört; dann wurde ich mit den anderen Rekruten auf den Exerzierplatz geführt, wo ein Korporal und ein Sergeant uns unterrichtete; sobald einer sich irrte oder ein Kommando schlecht ausführte, wurde er geschimpft und mißhandelt, und oft hörte man solche Worte:

»Sie sind ein Rindvieh, ein Dummkopf, Sie sind ein Schweinehund!« und ähnliche Schmähungen. Mir stieg das Blut zu Kopf, wenn ich sah, wie ein unwissender Vorgesetzter uns so behandeln konnte.

(Hier fehlen im Manuskript einige Blätter.)

Ich stand an meinem Bett, hatte Helm und Gürtel abgelegt und suchte meine Mütze, die ich am Morgen an die Wand gehängt hatte. Inzwischen stellte sich die Kompagnie in Reih und Glied auf und da ich weiter suche, kommt der Korporal C... auf mich zu und fragt mich wütend, weshalb ich mich nicht auf meinen Platz begebe.

»Ich suche meine Mütze, die ich heute Morgen hier aufgehängt habe.«

»Sie wissen nicht, was Sie sagen; Sie verlieren immer etwas.«

»Ich habe noch nie etwas verloren; aber meine Mütze finde ich nicht.«

»Schweigen Sie! Passen Sie besser auf, Sie Schweinehund! Was meinen Sie denn, wer Sie sind, Sie Galgenschwengel?«

Mir stieg das Blut zu Kopf, ich verlor meine Kaltblütigkeit, wütend wie eine Hyäne sprang ich ihm an den Hals, gab ihm eine mächtige Ohrfeige und schüttelte ihn hin und her wie ein Rohr.

Der Korporal verliert das Gleichgewicht und fällt hin, ich werfe mich mit voller Kraft auf ihn, halte ihn an der Gurgel fest und ziehe einen Dolch aus der Tasche, um ihn zu ermorden -- in diesem Augenblick stürzt sich ein Haufe von Offizieren und Gemeinen auf mich, reißen uns auseinander und ich werde in die Wachtstube geführt, wo man mich mit Schimpfreden überschüttet, um mich dann unter einer Eskorte von acht Chargierten mit aufgepflanztem Bajonett ins Gefängnis zu führen.

Tags darauf suchte mich Signor Pietropaolo auf; Thränen standen ihm in den Augen, er beklagte den Vorfall und sagte, daß er alles thun werde, um die Gefahr abzuwenden; dann ging er, nachdem er mir zwei Cigarren gegeben und einen zärtlichen Blick auf mich geworfen hatte.

Eingeschlossen, allein, sah ich mehrere Tage hindurch niemand; unvertraut mit den militärischen Gesetzen wußte ich nicht, was aus mir werden sollte und machte mich auf alles gefaßt. Signor Pietropaolo kam wieder und sagte lächelnd:

»Ich habe alles besorgt; morgen wirst Du in Freiheit gesetzt werden, aber versprich mir, daß Du Dich gut führen willst.«

»Je nach den Umständen«, antworte ich.

In der folgenden Nacht, etwa um ein Uhr, wird die Thür meines Gefängnisses geöffnet; ich fürchtete, daß man mir etwas böses thun werde und schickte mich an, mich zu verteidigen.

Es war der Hauptmann, der mich herausrief. Ich folgte, er führte mich auf den Hof, eintöniges Schweigen herrschte ringsum, nur unterbrochen durch die Schritte der Schildwache; der silberne Mond stand am Himmelsbogen.

»Der Herr Oberst verzeiht Ihnen diesmal, morgen werden Sie in Freiheit gesetzt; aber ich empfehle Ihnen, sich gut zu führen, dann werden Sie in drei Monaten die Korporaltressen bekommen.«

»Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann und bitte Sie, dem Herrn Oberst ebenfalls meinen Dank zu sagen; wenn ich nicht gereizt worden wäre, würde ich einen solchen Schritt nicht gethan haben, aber --«

»Genug, genug, seien Sie in Zukunft ruhiger. -- Korporal, führen Sie den Mann ins Gefängnis.«

Ich wurde wieder eingeschlossen, tausend Gedanken durchzogen mein Gehirn und ungeduldig erwartete ich die Stunde meiner Befreiung.

Tags darauf wartete ich angstvoll, jedes Geräusch gab mir einen Stich ins Herz; aber niemand kam, auch der Lieutenant Pietropaolo nicht. Es wurde Abend, endlich höre ich den Schlüssel klirren, die Thür öffnet sich und ein Sergeant, den ich nicht kenne, sagt:

»Auf, M..., schnell, es geht los; alles ist bereit.«

Ich folge ihm, auf dem Hof steht ein verschlossener Wagen, von drei schwarzen Pferden gezogen, die ungeduldig scharren und wiehern; auf dem Bock sitzt ein Soldat mit aufgepflanztem Bajonett, vier andere Soldaten, zwei Korporale und zwei Sergeanten, alle mit aufgepflanztem Bajonett, standen um den Wagen herum.

»Rasch, M..., steigen Sie ein und machen Sie sich's bequem,« sagte ein Sergeant in befehlerischem Ton.