Der Roman eines geborenen Verbrechers Selbstbiographie des Strafgefangenen Antonino M...

Part 10

Chapter 103,750 wordsPublic domain

Er ging, ich blieb allein mit meinen schwarzen Gedanken. Ich bekam Krankenkost und der Wächter sagte:

»D. Gennarino, 188, Gesellschaftshaupt, fragt an, ob Sie irgend etwas brauchen.«

»Ich möchte rauchen.«

»Rauchen! Tabak und Cigarren sind hier streng verboten; in den Anstalten darf nicht einmal der Direktor rauchen, wir nicht, keiner, auch nicht Viktor Emanuel II. Wenn Sie Schnupftabak wünschen, können Sie ihn haben und welche Sorte Sie wollen.«

»Dann bitte ich um etwas Schnupftabak.«

»Und was wollen Sie essen und trinken?«

»Nichts, sagen Sie Gennarino meinen Dank und meinen Gruß.«

»Es soll geschehen; fassen Sie Mut, Ihre Genossen wachen über Ihr Wohlergehen.«

»Aber sagen Sie mir, wie viel Gesellschaftshäupter sind hier?«

»Es sind hier zwei Parteien in der Anstalt, die Kalabreser und die Neapolitaner.«

Damit ging er.

Bei Gott! dachte ich, da liegt der Hase im Pfeffer! Hier heißt es neutral sein, sonst giebt es ein Unheil. Also sei vernünftig, lieber M...! Also es sind zwei Parteien hier, Kalabreser und Neapolitaner!

Der Wärter kam und brachte mir etwas Schnupftabak und bestellte Grüße von den neapolitanischen und sizilianischen Camorristen.

Am Abend bekam ich die zweite Suppe, denn hier gab es täglich zwei Suppen und zwei Brote. Der Wärter sagte:

»Das Gesellschaftshaupt Borghese, Ihr Landsmann und seine Gefährten lassen Sie grüßen; falls Sie etwas wünschen, möchten Sie es mir sagen.«

»Ich danke Ihnen und brauche nichts.«

Doch ich will die Sache kurz machen.

Einen Monat wohnte ich in der Zelle, jeden Morgen kam der Arzt oder der Wundarzt, um mich wie gewöhnlich zu untersuchen, wobei er mir von Zeit zu Zeit ein Fläschchen Medizin verschrieb. Der =Reporter= der beiden =camorristischen= Parteien erschien regelmäßig, ich aber war klug und sagte, daß ich nichts brauchte. Als der Monat der Einzelhaft um war, wurde ich in das Krankenhaus gebracht, um meinen schlechten Gesundheitszustand zu bessern.

Hier suchte mich D. Gennarino mit seinen Genossen auf, erzählte mir Wunder was für Schlechtigkeiten von Borghese und meinen Landsleuten und versuchte mir einzureden, daß ich zu ihnen gehören müsse.

Ich gab ihnen zu verstehen, daß es meine feste Absicht sei, neutral zu bleiben, und daß ich es nicht für anständig und eines ehrenhaften Mannes für würdig halte, gegen meine Landsleute zu konspirieren, und daß es auch für ein Mitglied der ehrenhaften Sekte der Camorra sich nicht schicke, gegen die Anhänger seiner Gesellschaft aufzutreten, daß ich sie alle gleichmäßig liebte und achtete als meine Genossen und Leidensgefährten, und erinnerte an einen Artikel unseres Statuts, welcher besagt:

»Wenn sich ein Zwiespalt der Parteien in der Camorra und unter den Camorristen zeigt, so kann jeder Genosse sich neutral zeigen, ohne irgend ein Gesetz zu verletzen. Artikel 151. Gezeichnet: Cirillo Capucci, Ettore Longo, G. Buongiovanni.«

»Gestempelt.«[33]

[33] Dies ist das Facsimile des Stempels, der sich im Manuskript des M... fand. Es ist unverständlich. Man erblickt zwei Degen, ein Auge und andere Zeichen, die ich vergebens mit den camorristischen Tätowierungen und den Verbrecherhieroglyphen in Einklang zu bringen versucht habe.

»Sie haben Recht, lieber Freund«, sagte mir das Gesellschaftshaupt, »aber Sie dürfen auch für Ihre Landsleute nicht Partei nehmen.«

»Nein, ich bin neutral und der Freund und Bundesgenosse aller.«

»Ihre Hand!«

»Hier ist sie!«

Wir schüttelten uns die Hände und sahen uns in die Augen. Abends kam Borghese, der berühmte Camorrist, aus Reggio di Calabria; nachdem er wegen eines in Procida verübten Verbrechens fünfzehn Jahre im dortigen Bagno gewesen war, war er zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt; er war der Meister der Schneiderstube und hatte eine kleine Einnahme von monatlich zwanzig Lire, ohne irgend etwas zu thun, und erfreute sich nicht geringer Achtung und Rücksicht von Seiten seiner Vorgesetzten.[34]

[34] Ein neuer Beweis für das, was ich von der Schwäche der Beamten der Camorra gegenüber gesagt habe.

»Landsmann und Genosse«, sagte er, nachdem er mich umarmt hatte, »ich freue mich, Sie zu sehen, ein neuer Genosse wird unserer Gesellschaft eingereiht werden; verlangen Sie aber auch, wenn Sie etwas brauchen. Es schmerzt mich, Sie leiden zu sehen, aber bald hoffe ich, werden Sie so gesund und blühend sein, wie Sie jetzt krank sind. Ich habe mit dem Herrn Direktor gesprochen, Sie werden ebenfalls zu mir in die Schneiderstube kommen. Die elenden Kanaillen, die Neapolitaner, werden wir über die Klinge springen lassen!!!«

»Mein teurer Landsmann, ich nehme für niemand Partei; ich liebe und achte Sie wie einen anderen Menschen, und das ist meine Pflicht; alle meine Genossen muß ich gleichmäßig lieben und achten.«

Es fiel mir schwer, den erbitterten Feind der Neapolitaner zu überzeugen, daß ich auf alle Fälle neutral bleiben wolle.

Endlich sagte er:

»Nun wohl, Landsmann, machen Sie, was Sie für gut halten, ich habe kein Recht, Sie zu zwingen; aber wenn Sie etwas brauchen, so verlassen Sie sich auf mich; wenden Sie sich nicht an die Neapolitaner! Sind wir einig?«

»Ja, wir sind einig«, erwiderte ich.

Ich blieb zwei Monate in dem Krankenhaus, umgeben von den Aufmerksamkeiten der Neapolitaner und der Kalabreser. Dann wurde ich an den Direktor, Herrn Luigi M... di Aversa, gewiesen, einem Manne von gutem Herzen, einem wahren Vater der Gefangenen. So treffen sich böse und gute Menschen auf dem Pfade des Unglücks. Luigi M... war der Typus eines Edelmannes; eine zärtliche Mutter ist nicht so liebevoll, geduldig und freundlich gegen ihre Kindlein, wie jener Luigi M... gegen uns Söhne des Unglücks, uns traurige, bloßgestellte Geschöpfe war.

»Wie geht es, 599?« fragte er, als er meiner ansichtig wurde.

»Herr Direktor, es geht gut, Gott sei Dank.«

»Und ich sage mir Glück dazu, wie Ihnen selbst; ich hörte, es ging Ihnen schlecht, als Sie hierherkamen?«

»O, Herr Direktor, sehr schlecht.«

»Armer Unglücklicher!« Zwei Thränen traten ihm in die Augen. »Sie haben gelitten, aber hier wird es Ihnen gutgehen, wenn Sie meinen Rat anhören. Vertrauen Sie auf Gott, er ist unser Vater und verläßt uns nicht. Ich will Ihnen eine Mahnung zu Teil werden lassen, aber ich bitte Sie, nehmen Sie sie nicht übel. Sie sind Mitglied der Camorra, das ist für einen anständigen jungen Mann nicht schicklich; ich bin überzeugt, daß man Sie durch Versprechungen und hochtrabende Redensarten dazu verleitet hat; aber es ist ein Verderben, es ist der schlüpfrige Weg, der direkt zum Übel führt. Wir haben hier in der Anstalt traurige Vorkommnisse gehabt wegen dieser verwünschten Sekte, die hier in zwei Parteien gespalten ist, die sich täglich mit dem Messer zu Leibe gehen; sie wissen nicht, wieviel Kummer sie uns dadurch verursachen, oder sie wollen es nicht wissen. Tausendmal habe ich sie gebeten, wie nur ein zärtlicher Vater seine Söhne bitten kann, diese Streitigkeiten zu lassen, sich einander zu lieben, wie es Leidensgefährten zukommt; aber ich habe nicht das Glück gehabt, verstanden zu werden. Sie zwangen mich zur Strafe: fünf Gefangene sind in kurzer Zeit in das Gerichtsgefängnis überführt worden, um sich wegen Mord und Körperverletzung zu verantworten. Glauben Sie, 599, solche Handlungen, die unter meiner Leitung vorkommen, betrüben mich und ich werde schlecht belohnt für die Liebe und das Wohlwollen, das ich ihnen erweise.«

Der brave Mann war untröstlich.

»Sie, 599, werden mir keinen Anlaß zum Mißfallen geben, nicht wahr?«

»Nein, Herr Direktor, ein so edles Herz wie Ihres verdient Achtung, Ergebenheit und Dankbarkeit.«

»Brav! Auch Sie haben ein edles Herz. Wenn Sie etwas brauchen, so wenden Sie sich direkt an mich und Sie werden einen Vater finden. Eine Zeitlang werden Sie in der Schneiderstube beschäftigt werden; später werden Sie dem Schreiber des Krankenhauses als Gehilfe beigegeben werden; dort wird es Ihnen gefallen, und Sie werden vor den bösen Genossen geschützt sein.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ich hatte nicht gehofft, hier einen so edelmütigen, menschenfreundlichen Mann zu finden; ich werde für Ihr Wohlergehen zu Gott beten.«

»Thun Sie das, ich habe es nötig.«

Ein Wärter führte mich in das Magazin; er gab mir einen zinnernen Napf, einen hölzernen Löffel und eine ebensolche Gabel, ein Litergefäß aus Zinn und einen irdenen Becher, reines Handtuch, reine Kleider und eine Schuhbürste, trotzdem die Schuhe nie geputzt wurden, da es streng verboten war und sie die natürliche Lederfarbe tragen mußten. Ich habe nicht begreifen können, weshalb man mir eine Schuhbürste gab, wenn ich von einer Schuhbürste keinen Gebrauch machen konnte. Dann gab man mir ein zinnernes Becken und ein viereckiges Stück Pappe mit der Nummer 599, die ich am Kopfende meines Bettes anbringen mußte. Der Wärter führte mich in ein großes Zimmer, ich blicke über die Thür und lese in großen Lettern: Schlafzimmer der Schneider. Der Zimmerkehrer stellte mir das Bett und die anderen Sachen zurecht, und danach führte der Wärter mich zum Arbeitszimmer der Schneider. So gut ich kann und in dunklen Farben will ich die Anstalt hier beschreiben. Von der äußeren Treppe herkommend, trifft man auf zwei einander gegenüber liegende Bureaux, das zur rechten gehört dem Rechnungsführer, das zur linken dem Direktor. Fünf Meter weiter trifft man ein großes hohes eisernes Gitter, durch welches man auf einen finsteren, etwa fünfundzwanzig Meter langen Korridor gelangt, der rechts und links mit Zimmern besetzt ist, wo die Gefangenenwärter schlafen; ferner sind dort die Zimmer der Schreiber und einige Lagerräume. Am Ende des Korridors ist ein zweites Gitter, dem ersteren ähnlich; dann kommt ein krummer Gang und ein Hofraum, etwa zwölf Meter lang und acht Meter breit; in diesem Hof sind zwei mit Erde gefüllte Becken, in denen Bäumchen und Blumen wachsen. Wenn die Gefangenen sich auf diesen Hof begeben, um Luft zu schöpfen, eine Stunde abends und eine Stunde morgens, so gehen sie paarweise in langer Reihe um diese Becken herum; für die, welche müde sind und nicht mitgehen wollen, sind an der Wand mehrere steinerne Sitze angebracht. Hier bewegen sich die Kalabreser und eine fünf Meter hohe Mauer trennt diesen Hof von einem andern, wo sich die Neapolitaner und die Sizilianer bewegen.

Früher waren beide Höfe ein einziger gewesen, da aber die beiden Parteien sich gebildet hatten, hielt der verdienstvolle Direktor es für gut, ihn zu trennen, damit sich die feindlichen Parteien nicht täglich umbrachten. Die Fenster der Schlafzimmer der Schneider, Former und Tischler gingen nach diesem Hofe hinaus. Am Ende des Hofes stand die Kapelle, wo der Priester, Signor Domenico Borzelli, ein gelehrter und geistreicher Mann, Sonntags die Messe las und von Camorra und Picciotti predigte. Wir wenden uns zurück, ein kleiner Gang, ein kurzer Korridor, zur rechten die Zimmer der Schneider, Former und Tischler, und die Zimmer der Zimmerkehrer und Köche, zur linken die Arbeitszimmer der Weber und eine Treppe, eine große Bibliothek, die Bücher über Reisen in Innerafrika und Asien enthielt und zum Gebrauch der Gefangenen diente, an der Wand der Bibliothek hing eine Pendeluhr.

Wenn die Werkstatt der Weber passirt war, befand man sich einem langen Korridor gegenüber, der zur rechten und zur linken etwa zwanzig Zellen hatte, deren jede sechs Gefangene faßte, wo die Neapolitaner und die Kalabreser schliefen. Wir wenden uns zurück, begeben uns in den Korridor der Bibliothek und stehen einer Treppe gegenüber, wir gehen hinauf und befinden uns in einem dunklen Korridor, auf dessen beiden Seiten lange Reihen-Zellen für sechs Personen: hier schliefen Kalabreser, Neapolitaner, Abruzzen und Sizilianer.

An der Thür jeder Zelle war ein kleines Pförtchen, von wo aus der Wärter sie Tag und Nacht übersehen konnte, und in jeder Zelle war ein großes langes Fenster mit einem Gitter aus Gußeisen, vier dicke eiserne Stangen. Links von diesem Korridor eine massive Thür, ein kurzer gerader Gang und acht dunkle Zellen, die Strafzellen. Ich blieb neun Monate in der Schneiderwerkstatt, wo ich Schnupftücher, Handtücher &c. säumte, ich verdiente das ansehnliche Gehalt von 6 Centesimi täglich, hundertundachtzig Centesimi monatlich, aber wir Gefangenen konnten unser Geld nicht ausgeben; nur Schnupftaback gab es beim Oberwächter zu kaufen, soviel man wollte. Rauchtabak und Cigarren waren streng verboten, und es rührte mich, als ich sah, wie einige etwas Schnupftabak in ein Tuch banden und sich den Knäuel in den Mund steckten, um den Tabak zu kauen. Ich versuchte es ebenfalls, aber in zwei Tagen schwoll mir der Gaumen und das Zahnfleisch an und wurde rissig, so daß ich diese neue Art zu kauen aufgab.

Ich wurde der Gehilfe des Schreibers des Krankenhauses, eines braven Burschen aus Benevent, mit dem ich lange Zeit wie mit einem Bruder lebte. Ich hatte Krankenkost, eine Suppe, ein gutes Stück gebratenes Fleisch, einen Becher Wein und Morgens ein Weißbrod, Abends Mehl- oder Reissuppe, Fleisch oder zwei Eier, Käse, Brod und einen Becher Wein; es ging mir gut und ich hatte mehr Freiheit als die anderen Gefangenen.

Soll ich eine Episode erzählen, die Euch erschauern lassen wird? So hört:

Eines Tages traf ein Jüngling von vierzehn Jahren in der Anstalt ein, aus der Provinz Salerno, er war zu drei Jahren verurteilt, rosig und frisch. Nach einem Monat Einzelhaft wurde er in die Schneiderwerkstatt geschickt, wo ich mich befand. Mehrere kalabresische und abruzzische Camorristen fingen an, ihm den Hof zu machen und die Eifersucht bemächtigte sich der elenden Sodomiten. Eines Abends löschten sie die Lampe aus, die mitten im Zimmer brannte und blieben im Dunkeln; ich ahnte, was für ein Unglück kommen sollte, sprang im Hemde aus dem Bett, steckte die Hand in meinen Strohsack und holte ein langes krummes Messer heraus, das gut geschärft und gespitzt war, und auf dem Bettrand sitzend, hielt ich Wacht.

Die Lampe wird wieder angezündet und zwei mit langen Dolchen bewaffnete Camorristen fingen an, in größtem Stillschweigen zu fechten, das Blut floß in Strömen aus ihren Wunden, aber stets herrschte Scherzton, die Kämpfenden waren entblößt, die übrigen Gefangenen saßen auf ihren Betten. Mit furchtbarer Gewandtheit springen sie hin und her, jetzt sich beugend, jetzt einen Stoß parierend, auf einmal fällt einer der Gefangenen, erhebt sich wieder und rollt mitten in das Zimmer; der andere stürzt sich auf ihn, setzt ihm das Knie auf die Brust, hält mit der rechten den bewaffneten Arm des Gefallenen und stößt mit der Linken wiederholt seinen Dolch dem Unglücklichen in Hals und Brust. Mit Blut bespritzt erhebt er sich, öffnet das Fenster und ruft die dienstthuende Wache.

»Was giebt's?« antwortet ein Mann von draußen.

»Rufen Sie einen zweiten Wächter, um Nummer 336 in die Totenkammer zu bringen.«

Die Wächter mit ihrem Chef eilen herbei, sehen das entsetzliche Schauspiel und erbleichen, der blutgetränkte Leichnam wurde fortgeschleppt, der Mörder in eine Zelle geschafft, -- wir schlossen in jener Nacht kein Auge.

Tags darauf wurde der vierzehnjährige Jüngling, die unfreiwillige Ursache des blutigen Ereignisses, in seinem eigenen Bette schwer verstümmelt gefunden. Der Leib war ihm bis zum Nabel aufgespalten, er war bewußtlos und starb am Abend, unaufhörlich nach seiner Mutter rufend. Wenn ich alles erzählen wollte, würden Euch vor Grausen die Haare sich sträuben und das Blut in den Adern gerinnen, aber die gute Sitte, die Rücksicht auf den Leser verbietet es.[35]

[35] Man beachte, daß er selbst ein Sodomit ist, wie sich in der Folge zeigen wird.

Meint Ihr, daß Tags darauf von dem traurigen Ereignis gesprochen wurde? Niemals, als ob nichts passiert wäre; wenn man jemand fragte, so antwortete man ganz trocken:

»Ich weiß nichts, kümmern Sie sich um Ihre eigenen Sachen.«

Ein ander Mal ermordete ein Sizilianer einen armen Wächter in der Schneiderwerkstatt mittelst einer Scheere, weil er ihm untersagt hatte, laut zu sprechen.

In der Werkstatt sollte die größte Ruhe herrschen, alle Gebote wurden übertreten; man sprach, lachte und scherzte, in dem Schlafzimmer durfte nur halblaut gesprochen werden, statt dessen herrschte dort ein Höllenlärm, weil der Direktor nie Strafen verhängte. Es war strenge Vorschrift, daß alle arbeiten sollten: aber niemand kümmerte sich darum, der eine blieb in seinem Zimmer, der andere ging zwar in die Werkstatt, aber arbeitete nicht.

Einmal wurden zwei Gefangene, ein Abruzze und ein Neapolitaner, krank; nachdem der Arzt gekommen war, wurden sie in das Krankenhaus geschickt, dort ziehen sie in Gegenwart des Arztes ihre Messer und stechen auf einander los; der Wärter, der sie trennen sollte, erhielt einen tüchtigen Messerstich in den Unterleib, der eine der Kämpfenden eine tötliche Wunde, der andere eine leichte Schmarre; bei einem neuen Versuch, sie zu trennen geht der Medizinkasten in Stücke, das Schreibpult des Arztes fällt um, und die in einander verbissenen Gegner waren noch nicht vom Blut gesättigt.

Ein ander Mal war ich auf dem Hof, um Luft zu schöpfen, als ein Mann von der andern Seite der Mauer ruft:

»+Ihr elenden Kalabreser!+«

Das war kein Ruf, sondern ein Kampfsignal. Dreißig Kalabreser klettern auf die Mauer, die Waffen in der Hand, ein wütender Angriff erfolgt, man kämpft Mann gegen Mann; das Blut fließt in Strömen; der Wächter, der Direktor, eine Abteilung Soldaten eilen herbei; sie drohen Feuer zu geben, wenn die Gefangenen nicht auseinander gehen -- vergebens. Mit aufgepflanztem Bajonett gehen sie auf die blutdürstigen Tiger los. Sechszehn blieben zum Tod verwundet liegen, ein Gefangenenwächter mit den Eingeweiden in den Händen, zwei Neapolitaner tot, einer leicht verwundet, und Gennarino, das Haupt der Gesellschaft der Neapolitaner, mit zerfetztem Gesicht, mit blutbefleckten Händen, kämpft wie ein Rasender mit Borghese, dem Haupt der Kalabreser, der trotz Stichwunden im Gesicht und in der Brust den Dolch meisterhaft handhabte.

Das sind die Wirkungen der Camorra und die schweren Folgen der Spaltung in zwei feindliche Parteien. Elf Neapolitaner und Kalabreser wurden in das Gefängnis gebracht, um wegen Totschlags und schwerer Körperverletzung verurteilt zu werden. +Arme Thoren!!+

Der brave Direktor jammerte, er sagte, er wolle die Anstalt verlassen, da seine Liebe und sein Interesse für die Gefangenen so schlecht belohnt würden. Nach diesem blutigen Kampf herrschte Frieden und fünf Monate lang war alles ruhig; und es ist recht so, daß nach dem Sturm die Windstille folgt, und die gequälten Herzen sich beruhigen können. Inzwischen kam Befehl vom Ministerium, daß die Gefangenen, die sich gut geführt hätten, nach der Insel Caprera gebracht würden, um dort Erdarbeiten auszuführen.

Der Direktor verfiel darauf, die kalabresischen und neapolitanischen Camorristen abzuschicken, teils, um sich die Sache vom Halse zu schaffen, teils um ihnen Gelegenheit zu geben, sich in aller Ruhe nach Belieben umzubringen.

Zweiunddreißig reisten ab, aber nach wenigen Tagen kehrten sie zurück, da sie sich nicht gut geführt hatten; andere kamen hin und blieben dort. Von neuem sind die feindlichen Parteien wieder zusammen und ein Gefangener aus Benevent entfacht den Streit wieder, indem er Borghese einen Messerstich in den Rücken giebt, im Auftrage D. Gennarinos, der von seinem Leiden wieder hergestellt war. Das erbitterte die Partei der Kalabreser sehr, und sie schworen blutige Rache. Ich schlief in dem Zimmer, wo Borghese und andere Camorristen waren, mir gefiel es da nicht, heute oder morgen konnte ich in einen Kampf verwickelt werden, so daß ich keinen heilen Knochen behielt; ich ließ den Direktor rufen und bat ihn, mich in eine der unteren Zellen zu bringen; er willigte gern ein und lobte mein Betragen.

Ich kam in eine Zelle, wo fünf Gefangene waren, zwei brave neapolitanische Schuster und drei sizilianische Former; hier war ich in Frieden, den ganzen Tag war ich im Krankenhause, wo ich dem Schreiber half: Abends plauderten und scherzten wir in der Zelle wie gute Kameraden, und liebten einander von ganzem Herzen.

Es besteht die Vorschrift, daß ein Gefangener, der während der Zeit, wo auf dem Hof spazieren gegangen wird, den Abtritt benutzen muß, einen Zettel heraushängt, auf dem das Wort »Besetzt« steht; und auf dessen Rückseite das Wort »Frei« sich befindet, welches sichtbar zu machen ist, wenn er seine Bedürfnisse befriedigt hat. Wenn ein Gefangener das Wort »Besetzt« vorfindet, muß er warten und darf die Thür des Abtritts unter keinen Umständen öffnen, widrigenfalls er schwerer Strafe entgegensieht. Nun geschah es, daß ein Sizilianer auf den Abtritt ging und das Wort »Besetzt« herausgehängt hatte; nachher vergaß er, den Zettel umzudrehen. Ein Former, der nachher kommt, findet das Wort »Besetzt« und wartet, aber aus dem Abtritt kommt niemand heraus, so daß ihm der Gedanke kommt, die Nr. 448 ist tot. Ich stehe dabei und berste vor Lachen, während der Dummkopf eine halbe Stunde steht und wartet. Ich kann mich nicht mehr lassen; er stiert den Zettel an, wie ein Gespenst, das ihm zu sagen scheint: Hinweg, komm' nicht heran! Der arme Teufel verzehrt sich in seinen Nöten; endlich kann er den inneren Drang nicht mehr halten und es passiert ihm etwas; in seinem Zorn und um zu sehen, ob die Nr. 448 tot ist, öffnet er die Thür und bleibt wie gebannt stehen -- der Abtritt ist leer, Nr. 448 ist nicht da; wie ein Rasender eilt er zu den Gefangenen, sucht und findet Nr. 448, nähert sich ihm und giebt ihm eine riesige Ohrfeige mit den Worten:

»+Verfluchter Dummkopf, warum hast Du den Zettel nicht umgedreht?+«

Auf diesen Gewaltakt stürzten einige Landsleute der 448 hinzu und verabfolgten dem Missethäter einige Ohrfeigen: das zündet, man ergreift die Waffen, und wenig fehlte, so wäre eine zweite Schlacht gefolgt; so endete die Sache mit einigen leichten Verwundungen.

Mein Verwandter Cosmo M..., der in Neapel wohnte, suchte mich auf und war trostlos, als er mich so elend und abgemagert sah; er stellte sich mir zur Verfügung, wenn mir etwas fehlen sollte und gab mir seine Visitenkarte und seine Adresse. Durch einen Gefangenenwächter übermittelte er mir ein Päckchen Rauchtaback, eine Pfeife und Zündhölzchen; der Wächter brachte sie mir heimlich, so daß ich mir Nachts eine Pfeife leisten konnte. Ich teilte den Tabak in zwei Hälften, die ich in mein Taschentuch einwickelte und versteckte, die eine im Kopfende, die andere im Fußende meines Strohsackes, die Pfeife und die Zündhölzer verbarg ich da, wo ich meine Waffen hielt. Nach zwei Tagen wurde eine Untersuchung veranstaltet, während die Gefangenen in den Werkstätten waren; man begiebt sich in meine Zelle, untersucht den Strohsack und findet eine Hälfte mit Tabak.

Der Direktor kommt und sagt mir:

»Woher haben Sie diesen Tabak?«

»Das kann ich auf keinen Fall sagen.«

»Wissen Sie, daß der Rauchtabak hier streng verboten ist?«

»Nur zu gut.«

»Ich müßte Sie mit vierzehn Tagen Wasser und Brot bestrafen, aber diesmal will ich Ihnen verzeih'n, hüten Sie sich in Zukunft.«

Und ich ging frei aus. Ich erfuhr, daß derselbe Wächter, der mir den Tabak gebracht hatte, den Verräter gespielt hatte. Der Tabak war unter den Wächtern verteilt worden. Ich brachte in Erfahrung, daß Tags darauf eine neue Untersuchung stattfinden solle, wobei die andere Hälfte des Tabaks gefunden werden sollte. Am Abend nehme ich den Rest des Tabaks und verstecke ihn in dem Strohsack eines Genossen ohne dessen Wissen; dann fülle ich ein Taschentuch mit Koth und stecke es in meinen Strohsack. Tags darauf gingen wir wie gewöhnlich in die Werkstatt. Die Untersuchung erfolgt, man findet Waffen aller Art, man begiebt sich in meine Zelle und derselbe Wächter, der mir den Tabak brachte und ihn nachher entdeckte, stürzt wie ein Hungriger hinein auf meinen Strohsack, steckt die Hand hinein und holt das zusammengerollte Tuch hervor, zeigt es seinen Genossen, drückt es mit väterlicher Liebe an die Brust und sagt:

»Hier ist die Leiche!«