Part 23
Der kostbarste Teil des Vermächtnisses besteht mithin in den Werken, die dem Grimm des Autors rechtzeitig entzogen und in Sicherheit gebracht worden sind. Es sind dies drei Romane. ‚Der Heizer‘, die schon veröffentlichte Erzählung, bildet das erste Kapitel des einen Romans, der in Amerika spielt, und von dem auch das Schlußkapitel existiert, so daß er keine wesentliche Lücke aufweisen dürfte. Dieser Roman befindet sich bei einer Freundin des Toten; die beiden andern — „Das Schloß“ und den „Prozeß“ habe ich 1920 und 1923 zu mir gebracht, was mir heute ein wahrer Trost ist. Erst diese Werke werden zeigen, daß die eigentliche Bedeutung Franz Kafkas, den man bisher mit einigem Recht für einen Spezialisten, einen Meister der Kleinkunst halten konnte, in der großen epischen Form liegt.
Mit diesen Werken, die etwa vier Bände einer Nachlaßausgabe füllen dürften, sind aber die Ausstrahlungen von Kafkas zauberhafter Persönlichkeit bei weitem nicht erschöpft. Kann auch vorläufig an eine Herausgabe der Briefe nicht gedacht werden, von denen jeder einzelne dieselbe Natürlichkeit und Intensität besitzt wie Kafkas literarisches Werk, so wird man doch in einem kleinen Kreise rechtzeitig daran gehen, alles zu sammeln, was als Äußerung dieses einzigartigen Menschen in Erinnerung geblieben ist. Um nur ein Beispiel anzuführen: wie viele der Werke, die jetzt zu meiner bittern Enttäuschung in Kafkas Wohnung nicht mehr vorgefunden wurden, hat mir mein Freund vorgelesen oder wenigstens teilweise vorgelesen, teilweise ihren Plan erzählt! Wie unvergeßliche, ganz originelle, ganz tiefe Gedanken hat er mir mitgeteilt! Soweit mein Gedächtnis, soweit meine Kräfte reichen, soll nichts verlorengehen.
Das Manuskript des Romans „Der Prozeß“ habe ich im Juni 1920 an mich genommen und gleich damals geordnet. Das Manuskript trägt keinen Titel. Doch hat Kafka dem Roman im Gespräch stets den Titel „Der Prozeß“ gegeben. Die Einteilung in Kapitel sowie die Kapitelüberschriften rühren von Kafka her. Bezüglich der Anordnung der Kapitel war ich auf mein Gefühl angewiesen. Doch da mir mein Freund einen großen Teil des Romans vorgelesen hatte, konnte sich mein Gefühl bei der Ordnung der Papiere auf Erinnerungen stützen. — Franz Kafka hat den Roman als unvollendet betrachtet. Vor dem Schlußkapitel, das vorliegt, sollten noch einige Stadien des geheimnisvollen Prozesses geschildert werden. Da aber der Prozeß nach der vom Dichter mündlich geäußerten Ansicht niemals bis zur höchsten Instanz vordringen sollte, war in einem gewissen Sinne der Roman überhaupt unvollendbar, d. h. in infinitum fortsetzbar. Die vollendeten Kapitel, mit dem abrundenden Schlußkapitel zusammengenommen, lassen jedenfalls sowohl den Sinn wie die Gestalt des Werkes mit einleuchtendster Klarheit hervortreten, und wer nicht darauf aufmerksam gemacht wird, daß der Dichter selbst an dem Werke noch weiterzuarbeiten gedachte (er unterließ es, weil er sich einer andern Lebensatmosphäre zuwandte) —, wird kaum seine Lücke fühlen. — Meine Arbeit an dem großen Papierbündel, das seinerzeit dieser Roman darstellte, beschränkte sich darauf, die vollendeten von den unvollendeten Kapiteln zu sondern. Die unvollendeten lasse ich für den Schlußband der Nachlaßausgabe zurück, sie enthalten nichts für den Gang der Handlung Wesentliches. Eines dieser Fragmente wurde vom Dichter selbst unter dem Titel „Ein Traum“ in den Band „Ein Landarzt“ aufgenommen. Die vollendeten Kapitel sind hier vereinigt und geordnet. Von den unvollendeten habe ich nur eines, das offenbar nahezu vollendet ist, mit einer leichten Umstellung von vier Zeilen als Kapitel 8 hier eingereiht. — Im Text habe ich selbstverständlich nichts geändert. Ich habe nur die zahlreichen Abkürzungen transkribiert (z. B. statt F. B. „Fräulein Bürstner“ — statt T. „Titorelli“ voll ausgeschrieben) und einige kleine Versehen berichtigt, die offensichtlich nur deshalb in dem Manuskript stehen geblieben sind, weil es der Dichter einer definitiven Durchsicht nicht unterworfen hat.
Max Brod.