Der Marquis de Sade und seine Zeit.

Part 6

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Im 18. Jahrhundert waren die Klöster immer mehr verweltlicht. „Das über dem Giebel des Klosters der ‚Nouvelles Catholiques‘ stehende Wort: Vincit mundum fides nostra, war längst nur noch ein toter Buchstabe. Die Welt hatte im Kloster Fuss gefasst.“[103] Zwar wohnten die weltlichen Pensionärinnen getrennt von den eigentlichen Nonnen. Aber es fand trotzdem ein Verkehr zwischen ihnen statt, und durch die Laienschwestern wurden auch die Nonnen über die Ereignisse ausserhalb des Klosters unterrichtet. Der Klatsch und Skandal blieben dem Kloster nicht fern, wie auch der Verkehr mit den jesuitischen Beichtvätern und das intime Zusammensein so vieler junger und alter Frauen gewiss die aus früheren Jahrhunderten bekannten sexuellen Verirrungen in Nonnenklöstern nicht haben aufhören lassen. Wenn die Gebrüder +Goncourt+ sich darüber wundern, dass im Kloster Panthémont ein Buch wie die „Confidences d’une jolie femme“ der Mademoiselle +d’Albert+ geschrieben werden konnte, mit seinen wenig moralischen Enthüllungen, so wundert uns noch mehr, dass die +Goncourts+ in ihrer bekannten Vorliebe für das 18. Jahrhundert, für die „gute, alte Zeit“ eine Unsittlichkeit in den geistigen Klöstern nicht anerkennen. Freilich haben wir gerade über die französischen Nonnenklöster wenig zuverlässige Berichte. Wir haben z. B. über das Kloster Panthémont nur eine einzige Skandalgeschichte auffinden können.[104] Aber was beweist das? Die gesamte geistliche Korruption lag offen zu Tage. Sie war es, gegen die sich von Anfang des Jahrhunderts bis zur französischen Revolution die heftigsten Angriffe von Seiten der klar blickenden Geister richteten. Man lese z. B. die auf zuverlässige Berichte gestützte Darstellung dieser Verhältnisse bei dem freilich weniger für das ancien régime begeisterten +Buckle+.[105] Man denke an das früher Mitgeteilte, an die Aufhebung des Jesuitenordens, an den historisch beglaubigten Verkehr der „Confesseurs“ mit den Nonnen. Selbst +Tocqueville+, ein erklärter Gegner der freiheitlichen Bestrebungen des 18. Jahrhunderts, sagt: „Le clergé prêchait une morale, qu’il compromettait par sa conduite“, was +Buckle+ als besonders bemerkenswert hervorhebt.[106] Was ferner die +Goncourts+ ganz übersehen haben, ist der entscheidende Umstand, dass das Treiben in den Nonnenklöstern sogar Gegenstand der Verspottung in +Theaterstücken+ wurde, wie +Lanjons+ „Kloster“, „Päpstin Johanna“; „Der Dragoner und die Benediktinerinnen“ dartun.[107] Das beweist ferner die ungeheure Verbreitung der +Tribadie+ in Frankreich im 18. Jahrhundert, die wir später untersuchen, und die doch in den Nonnenklöstern den geeignetsten Schauplatz ihrer Taten fand. Das beweist schliesslich der berühmte Roman +Diderots+ „Die Nonne“, und die vielen Darstellungen der Korruption in den Nonnenklöstern bei den übrigen erotischen Schriftstellern des 18. Jahrhunderts.[108]

So dürfen wir +Sade+ schon glauben, wenn er (Juliette I, 1) sagt, dass aus dem Kloster Panthémont seit vielen Jahren die „hübschesten und unzüchtigsten Frauen von Paris hervorgegangen sind“, wenn er die Tribade Zanetti (Juliette VI, 156) sagen lässt: Les églises nous servent de bordels, und wenn er ein von Frauen vielgebrauchtes Instrument der Wollust als „bijou de réligieuse“ bezeichnet (Juliette III, 56).

Im benachbarten Italien war jedenfalls im 18. Jahrhundert die Unsittlichkeit in den Nonnenklöstern bis zu einem hohen Grade gestiegen. +Gorani+, dessen Zuverlässigkeit sich immer mehr herausstellt, berichtet von wüsten Orgien in den neapolitanischen Nonnenklöstern.[109] Die Entdeckung der geschlechtlichen Ausschweifungen der +Nonnen von Prato+ (bei Florenz) hat einen der berüchtigsten geistlichen Skandale des 18. Jahrhunderts ans Licht gezogen. +v. Reumont+ gibt darüber folgende Nachricht[110]: „Sowohl in Pistoja wie in Prato hatten seit Jahren in Dominikanerinnen-Klöstern Unordnungen +schlimmster Art+ sich gewissermassen eingenistet, ein Gemisch von Pietismus und von fleischlichen Verirrungen, das an eine Art Wahnsinn grenzte und längst für die geistlichen Obern kein Geheimnis war. In Pistoja wurde einigermassen Ordnung geschaffen, in Prato aber, wohin die am meisten kompromittierten Nonnen hatten übersiedeln müssen, kam es zu Ostern 1781 zum Ausbruch. Auf des Bischofs Anzeige schritt der Grossherzog ein, liess durch einen Kanzler des Kriminalgerichts eine Untersuchung einleiten, zwei der vornehmsten Schuldigen erst in Prato einsperren, dann nach Florenz in das Spital von Bonifazio bringen und einem regelmässigen Prozess unterwerfen. Zugleich +liess er allen Dominikanern die Verbindung mit den Frauenklöstern ihres Ordens untersagen+ und im Falle von Ungehorsam den Provinzial mit allgemeiner Ausweisung bedrohen. Die Sache machte um so grösseres Aufsehen, da die inkriminierten Nonnen angesehenen Familien angehörten, und der Skandal in der Tat entsetzlich war.“ Eine ausführliche Schilderung aller Arten der scheusslichsten Unzucht zwischen den Dominikanerinnen von Prato und den Mönchen desselben Ordens, wobei auch das „Herz Jesu“ eine Rolle spielt, findet man in der Biographie des edlen, antipäpstlich gesinnten Bischofs von Prato, +Scipione de’ Ricci+ (nicht zu verwechseln mit dem Jesuitengeneral +Lorenzo Ricci+) von +Potter+.[111]

9. Die Frau im 18. Jahrhundert.

Das 18. Jahrhundert ist wenigstens in Frankreich das Jahrhundert der Frau. Mit Recht meint +Georg Brandes+[112], dass die +Goncourts+, diese so fein empfindenden Verehrer weiblichen Wesens sich deshalb gerade von der Geschichte des 18. Jahrhunderts angezogen gefühlt hätten, weil der „Einfluss der Frauen damals am grössten war.“ Das Buch der +Goncourts+ über die „Frau im 18. Jahrhundert“ gehört zu den anziehendsten kulturhistorischen Werken, wenn es auch als ein Werk der Galanterie mehr die Licht- als die Schattenseiten seines Gegenstandes hervorhebt.

Der allmächtige Einfluss der Frau hat in dem Kapitel „Die Herrschaft und Intelligenz der Frau“ dieses Buches eine bisher unübertroffene Schilderung gefunden[113]. „Die Seele dieser Zeit, das Zentrum dieser Welt, der Punkt, von dem alles ausstrahlt, der Gipfel, von dem alles herabsteigt, das Bild, nach dem alles sich gestaltet, ist die +Frau+.“ Vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts war die Regierung der Frau die allein sichtbare, die Regierung der Mesdames +de Prie+, +de Mailly+, +de Châteauroux+, +de Pompadour+, +du Barry+, +de Polignac+. Im Staat, in der Politik, in der Gesellschaft herrschte die Frau, ihr Einfluss machte sich auf allen Gebieten des Lebens geltend. Ueber Krieg und Frieden wurde nach dem Willen einer Frau entschieden, nicht zum Heile Frankreichs. Und in den berühmten „Salons“ des 18. Jahrhunderts, einer +Du Deffand+, +Necker+, +Lespinasse+, +Geoffrin+, im Salon des +Grandval+, gaben Frauen als die Schöpferinnen dieser Einrichtungen den Ton an bei der Erörterung der Tagesfragen und der wissenschaftlichen Probleme. Hier wurde die moderne „gebildete Gesellschaft“ geschaffen.[114]

Das Frankreich des 18. Jahrhunderts liefert aber auch den Beweis dafür, dass dort, wo der Einfluss der Frauen zu gross wird, die Bande der Familie, dieses Fundamentes jeder Gesellschaft, sich lockern, dass die Liebe unsittliche Formen annimmt, und dass neben diesem allmächtigen Einflusse der Frauen ganz gut eine +Verachtung+ des weiblichen Geschlechts bestehen kann, wie dies im 18. Jahrhundert der Fall ist.

Die Liebe des 18. Jahrhunderts war durchweg sinnlich. Sie war Wollust geworden. Die Leidenschaft wurde durch die Begierde ersetzt und der Ehemann brachte seiner Gattin alle Liebeskünste einer Maitresse bei. (+Goncourts+ a. a. O. S. 158.) Die Philosophie diente dazu, die Wollust zu rechtfertigen, sie war eine Apologie der Schande. „Bei einem Souper im Hause einer berühmten Schauspielerin, an der Tafel einer +Quinault+, unter den unzüchtigen Reden eines +Duclos+ und +Saint-Lambert+, berauscht von den Paradoxen des Champagners, hörte die Frau in süsser Geistestrunkenheit von der +Scham+ sagen: Schöne Tugend! die man mit Nadeln an sich befestigen muss.“[115] Bequeme Sophismen verwirrten alle sittlichen Begriffe der Frau. Die rein physische Liebe, welche von dem Naturalismus und Materialismus als das Ideal verkündet worden war, welche von +Helvétius+ u. a. vor ihrer Heirat praktisch ausgeübt und von +Buffon+ in der berühmten Phrase: Nur das Sinnliche ist gut in der Liebe, verherrlicht wurde, erschien endlich bei der Frau „in all ihrer Brutalität“[116].

Die Geschlechtsverbindungen erhielten ganz sinnliche Zwecke, und diejenigen, welche die Liebe zu verschönern suchten, beschränkten sich darauf, die gröbsten Begierden durch kurze Hindernisse und Beimischung solcher Verzierungen, woran der Verstand mehr Anteil hatte als das Herz, schmackhafter und dauernder zu machen. Das Wort „Galanterie“ erhielt eine ganz neue Bedeutung. Es bezeichnete sittenlose Aufführung, die sich nur von der Ausgelassenheit gemeiner Dirnen durch Beobachtung solcher Formen unterschied, welche zur Erhöhung des Vergnügens und zur Bewahrung des Scheins der Achtung vor dem Publikum dienten. +Bernards+ berühmte Nachäffung des +Ovid+, die „l’art d’aimer“ predigte conventionelles Benehmen in der grössten Unzucht. Nicht viel besser waren die „amours platoniques“, die „Intérêts oder Liaisons de Société“, die „Commerces d’habitude“ jener Zeit. Der +Abbé Galiani+ sagt: „Die Frauen dieser Zeit lieben nicht mit dem Herzen, sie lieben mit dem Kopfe“.[117] Die Liebe ist eine „libertinage de la pensée.“ Man verwirklichte in ihr die schmutzigen Träume einer künstlich erregten Einbildungskraft, die Versuchungen der geistigen Korruption, die sonderbarsten Einfälle einer unersättlichen Wollust. Die Liebe wurde zu einem aufregenden Spiel, bei dem alles Raffinement der geistigen Unzucht aufgeboten wurde, um den Genuss zu erhöhen.[118]

Man bereitete sich durch die obscönste Unterhaltung auf die Genüsse vor. Immer wieder wird von +Sade+ in seinen Romanen betont, wie sehr durch die wollüstige Unterhaltung, durch das Aussprechen drastischer und gemeiner Worte der Liebesgenuss gesteigert werde. Er hatte diese Erfahrung aus der Wirklichkeit entnommen. +Mercier+ erzählt[119], dass die grosse Zahl der öffentlichen Dirnen den jungen Männern einen sehr freien Ton gegeben habe, dessen sie sich auch gegenüber den ehrbarsten Frauen bedienen, so dass man in diesem so höflichen Jahrhundert „grob in der Liebe sei“. Die Konversation mit den am meisten geachteten Frauen sei selten zartfühlend, sondern überreich an schlechten Scherzen, Zweideutigkeiten und Skandal-Geschichten. „Schmutzige, ungezogene Scherze, die sogar die Würze der Zweideutigkeit verschmähten: Stellungen und Geberden, welche die ekelhaftesten Ideen erweckten und überhaupt ein Ton von offenbarer Vertraulichkeit, der die geheimere ahnen liess, die kurz vorher eingetreten war, oder gleich darauf eintreten sollte“, das waren gewöhnliche Reizmittel der Liebe in jener Zeit.[120]

Daraus resultierte eine unerhörte +Schamlosigkeit+ des Weibes. Mit 30 Jahren hatte die Frau den letzten Rest von Schamgefühl verloren. Es blieb nur noch die „Eleganz in der Unzucht“ übrig, die Grazie in der Wollust. Die Frau nahm alle Gewohnheiten des männlichen Wüstlings an; ihr grösstes Vergnügen war, „den Verlust ihres guten Rufes zu geniessen.“[121] So jauchzen und freuen sich auch die Frauen in +Sades+ Romanen, dass sie Dirnen sind, dass sie aller Welt angehören und den Ehrennamen der „putain“ tragen dürfen! Selbst ein so frommes Gemüt, eine so zart empfindende Seele wie Madame +Roland+ kennt kein Gefühl der Zurückhaltung. Sie beschreibt in ihren Denkwürdigkeiten sich selbst und ihre Körperbildung aufs Genaueste; sie berichtet von ihrer Brust, ihren Hüften, ihren Beinen so kaltblütig, als gelte ihre Kritik einer Marmorbildsäule.[122] Dürfen wir uns dann wundern, wenn z. B. bei +Sade+ (Juliette IV, 103) Juliette mit grenzenlosem Cynismus ihre eigenen Reize beschreibt?

Vornehme Frauen trieben die Schamlosigkeit so weit, dass sie gleich männlichen Wüstlingen sogenannte „petites maisons“ ähnlich den petites maisons der Roués mieteten, um wie die +Goncourts+ sich ausdrücken, „die Wollust einzuquartieren“. Ja, es kam vor, dass Aristokratinnen in Bordellen ihr Vergnügen suchten. +Rétif de la Bretonne+ glaubte die Gräfin +d’Egmont+ in einem Freudenhaus als Dirne gesehen zu haben.[123] Umgekehrt war es keine Seltenheit, dass Bordellmädchen in vornehme Kreise hineinheirateten. In den „Contemporaines“ heisst es[124]: „Ich habe wohl noch etwas Aergeres gesehen, nämlich, dass die Tochter einer Salzhökerin, nachdem sie schon durch die Hände der Weiber gegangen war, ein Kind gehabt, in der Strasse Saint-Honoré als öffentliche Hure gelebt hatte, und in der neuen Halle nochmals war erwischt worden u. s. f., dass diese, sage ich, doch noch einem reichen Manne gefiel, ihn heiratete und ihm Kinder brachte.“ Wir brauchen nur noch ein weiteres Beispiel zu nennen: die +Du Barry+! Tochter eines niedrigen Steuerbeamten, war sie zuerst Modistin in Paris und kam dann in das Freudenhaus der Madame +Gourdan+, von dem später noch die Rede sein wird. Hier, also im Bordell, lernte sie Graf +Jean Du Barry+ kennen, an dessen Bruder sie später bei ihrem Avancement zur Maitresse Ludwigs XV. verheiratet wurde. Kein Wunder, dass die hohe Aristokratie solchem Beispiel mit Begierde nacheiferte und eine wahre Jagd auf die „beautés populaires“ veranstaltete. So entstand ein neues Modewort, das Wort „s’encanailler“.[125]

So ergriff, je mehr man sich den Zeiten der Revolution näherte, die sittliche Korruption auch die Frauen des Volkes. Vorbereitet und genährt wurde sie durch die berühmten „+Convulsionen+“, jene merkwürdigen hysterischen Krampfepidemien, welche fast 40 Jahre lang (von 1727 bis 1762) besonders in den niedrigeren Volksschichten herrschten. Sie hatten den St.-Medarduskirchhof mit der Grabstätte des einst durch seine Askese so berühmten Abbé +Paris+ zum Mittelpunkte. „Von allen Vierteln der Stadt bewegten sich die Massen zu dem St.-Medarduskirchhofe, um Anteil zu nehmen an den Verkrümmungen und Verzückungen. Der ganze Kirchhof mit den angrenzenden Strassen war dicht gefüllt mit Mädchen, Frauen, Kranken jeden Alters, die gewissermassen mit einander um die Wette convulsionierten.“[126] Frauen luden, hingestreckt in ganzer Länge, die Zuschauer ein, auf ihren Bauch zu schlagen und beruhigten sich nicht eher, als bis die Last von 10 oder 12 Männern sich mit voller Gewalt über ihnen aufgetürmt hatte. Leidenschaftliche Tänze, wie der berühmte, von Abbé +Bécherand+ ausgeführte „saut de carpe“ gaben bald diesen „Convulsionen“ eine erotische Färbung. +Dulaure+ hat beschrieben, welche Rolle zuletzt die Wollust bei dieser merkwürdigen Form von Hysterie gespielt hat, und wie diese Convulsionen nicht wenig dazu beigetragen haben, die sexuelle Zügellosigkeit zu verbreiten[127]. Man konnte den Erotismus in diesen Konvulsionen daran erkennen, dass die jungen Mädchen bei ihren Anfällen „niemals Frauen zur Hilfeleistung verlangten, sondern stets Männer, und zwar junge und kräftige Männer.“ Dazu kleideten sie sich höchst indecent, zeigten stets Neigung zur adamitischen Entblössung, nahmen lascive Stellungen an, warfen verlangende Blicke auf die ihnen zu Hilfe eilenden jungen Männer. Ja, einige riefen mit lauter Stimme: Da liberos, alioquin moriar! So liessen Unzucht und Ausschweifungen nicht auf sich warten, und wenn die Frauen in ihrem Orgasmus die Männer eingeladen hatten, ihren „Bauch, Busen und ihre Schenkel zu Promenaden zu benutzen“, mit ihnen zu „kämpfen“, konnten die in der Folge „zahlreichen Entbindungen“ von Convulsionärinnen auf die natürlichste Weise erklärt werden.

Die +Hysterie+ („vapeurs“) war im 18. Jahrhundert unter den französischen Frauen ungemein verbreitet, wie das Buch der Madame +Abricossoff+ zeigt.[128] +Sauvages+ hielt nicht mit Unrecht für die Ursachen dieser Hysterie den krassen Egoismus (amour excessif de soi-même), das weichliche, wollüstige Leben der Damen jener Zeit.[129] Die „Hysteria libidinosa“ zeitigte denn auch merkwürdige Exzentrizitäten.

Die Frauen haben im 18. Jahrhundert das geschaffen, was die neuere Zeit im engeren Sinne als „Sadismus“ bezeichnet, was wir aber später in einem bedeutend erweiterten Sinne definieren werden. Die „méchanceté“, die Schlechtigkeit, und die „noirceurs“, die heimtückischen Streiche werden Mode in der Liebe, die verbrecherische Gesinnung („scélératesse“) wird ein notwendiger Bestandteil des Liebesgenusses.[130] „Die Wollust wird eine Kunst der Grausamkeit, der Treulosigkeit, des Verrats und der Tyrannei. Der Macchiavellismus beherrscht die Liebe.“ Kurz vor der Revolution treten nach den „petits maîtres“ der Liebe die „grands maîtres“ der Perversität auf, die herzlosen Verteidiger der theoretischen und praktischen Immoralität. Menschen ohne Gewissen, freche Heuchler, die jede Gelegenheit zu ihren Untaten benutzen, die mit kaltem Blute überlegen, welche „horreurs“ sie begehen wollen, die vor nichts zurückschrecken, und nur verführen, um zu verderben. Die Typen der Gestalten +Sades+ lebten! Darüber kann kein Zweifel bestehen. Und sie fanden in den entarteten Frauen bei ihren Schandtaten Helferinnen, die noch schlimmer waren als sie selbst. „Das Rouétum steigerte sich in einigen fürchterlichen Frauen bis zum Satanismus.“[131] Diese Scheusale marterten die anständige Frau, deren Tugend ihnen zuwider war, sie liessen meuchelmörderisch und in boshafter Freude die Gegenstände ihres Hasses, aber auch ihrer -- Liebe aus dem Wege räumen. Sie verkörperten die Wollust des Bösetuns, die „libertinage des passions méchantes.“[132]

Man glaube nicht, sagen die sonst so schönmalenden +Goncourts+, dass diese Typen Gebilde der Phantasie seien. Es sind wirkliche Menschen, die dieser Gesellschaft das Gepräge geben, deren Existenz durch zahlreiche Persönlichkeiten bezeugt wird. Die +Goncourts+ nennen den Herzog von +Choiseul+, den Marquis +de Louvois+, den seine Geliebte, Madame +de Blot+, folternden Grafen +de Frise+ als solche männliche Wollust-Teufel. Und eine vornehme Dame von Grenoble, die Marquise L. T. D. P. M., war das weibliche Gegenstück dieser Helden, vielleicht ein Vorbild für +Sades+ Juliette.[133] Die Schreckenszeit war für die Liebe schon vor der Schreckensherrschaft der grossen Revolution angebrochen, noch bevor +Sade+, berauscht von dem in Strömen fliessenden Blute auf den Guillotinen, in den merkwürdigsten literarischen Dokumenten das ausmalte, was jener mordsüchtigen Zeit nicht fremd war: la Terreur dans l’Amour! Und als in der Schreckenszeit unter +Chaumettes+ Leitung die „theosophischen Orgien der Wollust“ gefeiert wurden, als die „Göttinnen der Vernunft“ wie die +Maillard+, die +Moncoro+, die +Aubry+ auf sehr irdische Weise verehrt wurden, da erschienen auch urplötzlich die „tricoteuses de Robespierre“, die „flagelleuses“ und die schrecklichen „furies de guillotine“.

Da werden Weiber zu Hyänen Und treiben mit Entsetzen Scherz; Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen, Zerreissen sie des Feindes Herz,

wie unser +Schiller+ mit unverkennbarer Andeutung diese entarteten Geschöpfe, diese in Blut getauchten Gestalten der Hölle charakterisiert, wie sie auch in einer französischen Gedichtsammlung jener Zeit, „La République ou le livre de sang“ geschildert werden, wo es heisst:

De ces effrayantes femelles Les intarissables mamelles Comme de publiques gamelles, Offrent à boire à tout passant; Et la liqueur qui toujours coule, Et dont l’abominable foule Avec avidité se saoule, +Ce n’est pas du lait, mais du sang+.[134]

Wir haben gesehen, wie im 18. Jahrhundert in Frankreich die Frauen bestrebt waren, sich zum Teil wenigstens in Männer zu verwandeln, wie sie in der Politik, in der Liebe und in der Wissenschaft den grössten Einfluss ausübten, wie zwar eine Emanzipation de iure nicht bestand, de facto aber sich geltend machte. Und doch war die +Missachtung des Weibes+ nie so gross gewesen wie in diesem Jahrhundert. Was nützten alle geistreichen Einfälle, alles wissenschaftliche Streben der Frau, das z. B. die junge Gräfin +Crigny+ zur Teilnahme an Sektionen trieb[135], wenn dabei sichtlich das Familienleben zerstört wurde, wenn der Schwerpunkt des weiblichen Wirkens ausserhalb des eignen Hauses fiel. Wir fürchten beinahe, dass wir im Frankreich des 18. Jahrhunderts das Spiegelbild einer nahen Zukunft vor uns haben, und es wäre eine dankbare Aufgabe, zu untersuchen, wovon die wahre Schätzung des Weibes als solches abhängig ist, und ob wirklich die sogenannte Frauenemanzipation die Würde des Weibes für alle Zeit sichern wird.

Die vier grössten Denker Frankreichs im 18. Jahrhundert: +Montesquieu+, +Rousseau+, +Voltaire+ und +Diderot+ haben die Verachtung des Weibes gepredigt. Man denke nur an +Voltaires+ bitter-sarkastische Aeusserungen über seine treue Freundin Madame +Du Châtelet+. Das Weib ist nach +Rousseau+ nur zum Vergnügen des Mannes geschaffen worden. Nach +Montesquieu+ hat der Mann die Kraft und Vernunft, die Frau nur Anmut, und +Diderot+ sah in der Frau einzig und allein ein Objekt der Sinnenlust. „So ist die Frau nach +Diderot+ eine Courtisane, nach +Montesquieu+ ein anmutiges Kind, nach +Rousseau+ ein Gegenstand des Vergnügens, nach +Voltaire+ -- Nichts.“[136] Als in der Revolution +Condorcet+ und +Siéyès+ für die häusliche und politische Emanzipation der Frauen eintraten, da „wurden ihre Proteste erstickt durch die mächtigen Stimmen der drei grossen Fortsetzer (continuateurs) des 18. Jahrhunderts, durch +Mirabeau+, +Danton+ und +Robespierre+.“ Und für +Napoléon+ I. gab es eins in der Welt, das nicht französisch sei: eine Frau tun zu lassen, was ihr gefällt. Einer der besten Kenner der Frau im 18. Jahrhundert, +Rétif de la Bretonne+, äussert oft in starken Worten seine Geringschätzung des Weibes.[137] Die Ursache dieser Verachtung ist klar. Die Ehe ist, wie +Westermarck+ in seinem klassischen Werke zur Evidenz nachgewiesen hat, dasjenige Institut, dem die Menschheit ihre sittliche Vervollkommnung verdankt, sie ist das +absolut sittliche Institut+. In der Ehe ist das Weib dem Manne +ebenbürtig+, weil es ihn ergänzt. +Ausserhalb+ der Ehe kann das Weib den Mann +nicht ersetzen+, wird folglich alsbald minderwertig erscheinen. Eine vollständige Emanzipation muss an den unleugbaren Verschiedenheiten zwischen männlichem und weiblichem Wesen scheitern. Eine Gefährdung der Ehe ist gleichbedeutend mit der Verringerung der sittlichen Achtung, die der Mann dem Weibe entgegenbringt. Dies zu sagen, klingt heute noch spiessbürgerlich, wird aber nach vollendeter Emanzipation des Weibes bestätigt werden.

10. Die Litteratur.