Der Marquis de Sade und seine Zeit.
Part 14
+Fräulein+ Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Beaumont, grossjährig, vormals Dragonerhauptmann, Ritter des königlichen Ludwigsordens, Adjutant des Marschalls und des Grafen von Broglie, vordem Doctor des kanonischen und des bürgerlichen Rechtes, Advokat am Parlament von Paris, königlicher Censor für belletristische und historische Werke, mit dem Chevalier Douglas nach Russland entsendet, um die Annäherung beider Höfe herbeizuführen, französischer Botschaftssekretär des bevollmächtigten Ministers am russischen Hofe, Marquis l’Hôpital, Gesandtschaftssekretär des Herzogs von Nivernais etc. andererseits -- sind über folgende Vertrags-Bestimmungen einig geworden:
Art. I. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der politischen Papiere.)
Art. II. Ich Caron de Beaumarchais fordere u. s. w. (Uebergabe der Correspondenz d’Eons.)
Art. III. Verpflichtet sich d’Eon, Guerchy’s Andenken und Familie fortan in Frieden zu lassen.
Art, IV. Und damit eine unübersteigliche Schranke zwischen den Streitteilen aufgerichtet werde, fordere ich im Namen Sr. Majestät, +dass die Verkleidung, welche bis zu diesem Tage die Person eines Mädchens fälschlich in Gestalt eines Chevalier d’Eon hat erscheinen lassen, völlig aufhöre+. Und ohne weiter Charles Geneviève Louise Auguste Andrée Thimothée d’Eon de Baumont einen Vorwurf aus dieser Veränderung ihres Standes und Geschlechtes zu machen, deren Schuld einzig und allein ihre Eltern trifft: ja, indem wir dem tapferen und kraftvollen Betragen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen, das sie stets in der Tracht ihrer Wahl (habits d’adoption) bewährt hat, verlange ich unbedingt, dass zur Behebung aller Zweifel über ihr Geschlecht, welches bis heute unerschöpflichen Anlass zu Gerede, unziemlichen Wetten und schlechten Spässen gegeben, die sich immerfort erneuern könnten, vor Allem in Frankreich: verlange ich also, dass das Phantom eines Chevalier d’Eon völlig verschwinde und eine öffentliche unzweideutige Erklärung über das wahrhaftige Geschlecht von Charles Geneviève etc. d’Eon vor ihrer Ankunft in Frankreich und vor der Wiederaufnahme ihrer Mädchenkleider diese Frage für alle Welt endgiltig zur Entscheidung bringe. Fräulein d’Eon kann sich heute diesem Begehren um so weniger verschliessen[312], als sie durch dessen Erfüllung in den Augen beider Geschlechter, welche sie gleicherweise durch ihre Lebensführung, ihren Mut und ihre Talente geehrt hat, nur desto interessanter erscheinen wird. Unter diesen Bedingungen werde ich ihr urkundlich freies Geleit zusichern, kraft dessen sie nach Frankreich gehen und daselbst unter dem besonderen Schutz Sr. Majestät verweilen kann; und nicht blos Schirm und Sicherheit wird ihr der König zu Teil werden lassen, er hat auch die Güte, die Jahrespension von 12000 Livres, welche ihr der verstorbene Herrscher im Jahre 1766 bewilligt hat, in einen Leibrentenvertrag auf die gleiche Summe umzuwandeln.“
+d’Eon+ verpflichtete sich zur Annahme all dieser Bedingungen, erhob aber noch Anspruch auf allerlei grosse und kleine Vorteile und Ehrenrechte. So wünschte er auf den Frauenkleidern das Ludwigskreuz tragen zu dürfen. Weiter einen ansehnlichen Geldbetrag zur Anschaffung von -- Mädchenwäsche und Frauenkleidern.
Endlich war alles geordnet und der ehemalige Dragonerkapitän galt in ganz Frankreich -- mit Ausnahme der Eingeweihten -- als Mädchen.[313] Daher die Büste, welche ihm seine „Geschlechtsgenossinnen“ im „Tempel der Vesta“ errichteten. +Casanova+ erklärt geradezu: „Der König wusste und hat es stets gewusst, +dass er (d’Eon) eine Frau sei+, und der ganze Streit, den dieser falsche Chevalier mit dem Bureau der auswärtigen Angelegenheiten hatte, war eine Posse, welche der König bis zu Ende spielen liess, um sich dadurch zu unterhalten.“[314]
+Louvet de Couvray+ lässt seinen „Faublas“ dieselbe Metamorphose vom Manne zum Weibe durchmachen. Nur dass dieser Chevalier sich stets zur rechten Zeit und am rechten Orte als Mann, ja allzumännlich -- enthüllt.
Dass zur Zeit der Revolution die Viragines, die Weiber mit männlichen Allüren, immer mehr hervortraten, haben wir schon früher erwähnt. +Sade+ hat mehrere solche Typen geschildert.
Wie die Tribadie im vorigen Jahrhundert beurteilt wurde, erhellt aus einer Bemerkung des Grafen +von Tilly+ über die lesbische Freundin eines Mädchens, das er zu heiraten wünschte: „J’avoue, que c’est un genre de rivalité, qui ne me donne aucune humeur; au contraire, cela m’amuse et j’ai l’immoralité, d’en rire.“[315]
18. Die Paederastie.
Der Marquis de +Sade+ singt das Lied der Paederastie in allen Tonarten. Wohl der vollendetste und konsequenteste Paederast ist Dolmancé in der „Philosophie dans le Boudoir“. „Es giebt, sagt Dolmancé, keinen Genuss in der Welt, der diesem vorzuziehen wäre. Je l’adore dans l’un et l’autre sexe. Mais le c.. d’un jeune garçon me donne encore plus de volupté que celui d’une fille.“ (Philosophie dans le Boudoir I. 99). Er beschreibt ausführlich die Freuden dieses Lasters und betont vor allem, dass es die Schwängerung mit absoluter Sicherheit verhindere (ib. I. 104). Obgleich Dolmancé sich mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühlt, verschmäht er gelegentlich nicht paedicationem mulieris, und übernimmt es gern, Eugenie mit diesem „Vergnügen“ bekannt zu machen. Dagegen ist Bressac, den Justine im Verkehr mit seinem Lakaien überrascht (Justine I. 145) ein durchweg homosexuell veranlagter Jüngling, der einen angeborenen Hass gegen das weibliche Geschlecht empfindet, welches er das „infame“ nennt. Er ist, soweit wir uns erinnern, +der einzige Typus mit hereditärer sexueller Inversion+, den +de Sade+ gezeichnet hat. +Alle übrigen haben die sexuellen Perversitäten während des Lebens allmählig erworben.+ Wir sind überzeugt, dass +Sade+, der sich überall als ein genauer Kenner sexualpathologischer Persönlichkeiten und Neigungen erweist, hier nach der Wirklichkeit schildert. So ist es im Leben. Der Urning durch Heredität ist die Ausnahme, der Urning durch Verführung, durch lasterhafte Entartung, last not least durch Geisteskrankheit, ist die Regel. -- Bressac entwickelt (Justine I. 162-164) die Theorie, dass der +Pathicus+, der er ist, von Natur ein ganz anderer Mensch sei als die übrigen Männer. Er erklärt diese Leidenschaft für angeboren, beruhend auf einer „construction toute différente“. +Es wäre eine „stupidité“, sie zu bestrafen+! Dolmancé dagegen giebt eine Erklärung der Paederastie, die wohl für die meisten Urninge als Beweggrund zutreffen dürfte. „+Ah!+ sacredieu, si son intention (de la nature) n’était pas que nous f.... des culs, aurait-+elle aussi justement proportionné leur orifice à nos membres+; cet orifice n’est-il pas +rond+ comme eux, quel être assez ennemi du bon sens peut imaginer qu’un trou +ovale+ puisse avoir été créé par la nature pour des membres +ronds+. Ses intentions se lisent dans cette difformité.“ (Ph. d. l. B. I. 176). --
Selbst die Tribaden fröhnen bei +Sade+ der griechischen Liebe, sei es mit künstlichen Instrumenten, sive auxilio clitoridis. -- Die Verbreitung dieses Lasters wird als eine sehr grosse geschildert. Die Duvergier erzählt, wie sehr gesucht und wie gut bezahlt jetzt die Paederastie werde. „Les cons ne valent plus rien, ma fille, on est en las, personne n’en veut (Jul. I. 234).“ Demgemäss wird manchmal der „coniste“ mit offenbarer Verachtung gegenüber dem „bougre“[316] behandelt. (Juliette III, 54). „Venus hat mehr als einen Tempel auf Cythera“, sagt Juliette (II, 18) und erzählt auch, dass „le cul est bien recherché en Italie (III, 290).“
Seit dem 16. Jahrhundert hatte die Paederastie immer mehr Anhänger in Frankreich gefunden. +Mirabeau+ versichert, dass während der Regierung +Heinrich’s+ III. „les hommes se provoquaient mutuellement sous les portiques du Louvre“, und dass unter +Ludwig+ XIV. die Paederastie ihre bestimmten Gesetze und Organisationen hatte.[317] +Heinrich+ III. war selbst homosexuell gewesen. +Heinrich+ IV. „trat zwar wieder sehr dagegen auf, konnte es aber nicht hindern, dass später unter +Ludwig+ XIII. der homosexuelle Geschlechtsverkehr, den man auf Italien glaubte zurückführen zu müssen, wieder am Hofe ausgeübt wurde. +Philipp von Orléans+, Bruder +Ludwigs+ XIV., wurde homosexuell, und es ist bekannt, in wie unglücklicher Ehe durch +Philipp’s+ Vorliebe für Männer seine Frau, die deutsche Fürstentochter +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz, oft ‚Lieselotte‘ genannt, mit ihm lebte. Was +Ludwig+ XIV. anbetrifft, so wird berichtet, dass verderbte Männer, die in seiner Umgebung vor seiner Grossjährigkeit lebten, versuchten, seinen Trieb umzuwandeln, um ihn ohne Vermittelung einer Maitresse beherrschen zu können. Der junge König soll allerdings bald eine Abneigung gegen jene Männer gefasst haben, die in dieser Weise ihn zu beeinflussen suchten. Der Kammerdiener des Königs, +Pierre de la Porte+, berichtet in seinen Memoiren sogar von einem Fall, wo der Kardinal +Mazarin+ im Jahre 1652 nach einem Diner, das der damals 15jährige König bei ihm einnahm, mit ihm geschlechtlich verkehrt habe. Doch ist die Sache nicht aufgeklärt und wird wohl auch niemals ganz aufgeklärt werden.“[318]
In einem alten Werke „La France Galante“ (1695), welches den zweiten Teil der „Histoire amoureuse des Gaules“ des Grafen von +Bussy-Rabutin+ bildet, befindet sich ein Kapitel „La France devenue italienne“, in dem über einen Paederasten-Club berichtet wird, den der Herzog von +Grammont+, der Malteserritter +de Tilladet+, +Manicamp+, der Marquis +de Biran+ als „Grosspriore“ begründet hatten. Alle Mitglieder wurden untersucht „pour voir si toutes les parties de leurs corps étaient saines, afin qu’ils pussent supporter les austérités“. Enthaltsamkeit vom Weibe war streng vorgeschrieben. Jedes Mitglied musste Sich den „rigueurs du Noviciat, qui durerait jusques à ce que la barbe fut venue au menton“ unterwerfen. Wenn einer der „Brüder“ sich verheiratete, musste er die Erklärung abgeben, dass dies wegen der Regelung seiner Vermögensverhältnisse geschehe, oder weil ihn seine Eltern dazu gezwungen hätten oder weil er einen Erben hinterlassen müsse. Zugleich musste er schwören, niemals seine Frau zu lieben, und nur so lange bei ihr zu schlafen, bis er einen Sohn bekäme. Er bedurfte für dieses Beisammensein noch einer besonderen Erlaubnis, die ihm nur einmal wöchentlich gewährt wurde. Man teilte die Brüder in vier Klassen, damit jeder Grossprior einen wie den anderen besitzen konnte. Diejenigen, welche in den Orden eintreten wollten, wurden nach der Reihe von den vier Grossprioren erprobt. Strenges Stillschweigen über die Vorgänge in diesem Paederastenklub war geboten, nur diejenigen, die der Neigung zur griechischen Liebe verdächtig waren, durften mit Vorsicht eingeweiht werden. Die paederastischen Orgien fanden in einem Landhause statt. Die Teilnehmer trugen bei denselben zwischen Rock und Hemd ein Kreuz, auf welchem in Relief ein Mann dargestellt war, der eine Frau mit Füssen trat! Der Klub bestand nicht lange, da ein königlicher Prinz sich ihm anschloss, und der König ihn auflöste, wobei der Prinz an dem Teil gezüchtigt ward, durch den er gesündigt hatte.[319]
Wenn +Bouchard+ von den Pagen des Herzogs von Orléans berichtet, dass dieser „cour était extrêment impie et débauchée, +surtout pour les garçons+. M. d’Orléans défendait à ses pages de se besonger ni branler la pique; leur donnant au reste congé de voir les femmes tant qu’ils voudraient, et quelquefois venant de nuit heurter à la porte de leur chambre, avec cinq ou six garces, qu’ils enfermaient avec eux une heure à deux“,[320] so sind wir geneigt, diese homosexuellen Neigungen der Knaben weniger auf ein noch „undifferenziertes Geschlechtsgefühl“ zurückzuführen, wie +Havelock Ellis+ und +Symonds+ annehmen, als auf das ihnen am Hofe dieses Herzogs von +Orléans+ gegebene Beispiel und auf direkte Verführung. Und wenn +Elisabeth Charlotte+ von der Pfalz über eben diesen Herzog von +Orléans+ schreibt: „Monsieur denkt an nichts, als was seiner Buben Bestes ist, fragt sonst nach nichts; das Bedientenpack ist überall Herr und Meister“,[321] so möchten wir +Bouchard’s+ obige Angaben einigermassen bezweifeln.
Jedenfalls rettete sich der Cultus der Paederastie am französischen Hofe auch ins 18. Jahrhundert hinüber. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn +Ludwig+ XV., dieser geile Lüstling, nicht auch an der Paedicatio und anderen homosexuellen Praktiken Gefallen gefunden hätte. So wird berichtet, dass er amico clunes nudatas monstravit, quas tamquam deae jussit hominem genubus flexis deosculando adorare.[322] Allerdings wurden noch 1750 zwei Paederasten in Paris lebendig verbrannt.[323]
Die Revolutionszeit brachte auch dieses Laster zur höchsten Blüte. Der auf die Paederastie sich beziehenden Abbildungen haben wir schon oben gedacht. Aus dem Jahre 1798 berichtet +Dupin+, der Regierungscommissar des Seinedepartements: „Seit einiger Zeit verbreitet sich eine noch +schändlichere+ Art von Unzucht. Die Berichte von Polizeiagenten über die Paederastie häufen sich in +schreckenerregender+ Weise. -- Die Sodomiterei und die sapphische Liebe treten mit derselben Frechheit auf, wie die Prostitution und machen beklagenswerte Fortschritte.“[324]
In seiner im Jahre 1789 erschienenen Schrift „Dom B... aux Etats-généraux, ou doléances du portier des Chartreux“ sagt +Rétif de la Bretonne+ in der Vorrede, dass „die Paederastie die Bestialität und andere Formen der Unzucht schon seit fünf oder sechs Generationen Frankreich erniedrigen“.[325]
+Rétif+ sieht in der allzugrossen Aehnlichkeit der männlichen und weiblichen Kleidung bei den Griechen und Römern die Ursache für die grosse Verbreitung homosexueller Neigungen. Er fordert deshalb, dass auch jetzt noch die Kleidung der Geschlechter möglichst differenziert werde.[326]
Auffällig ist allerdings, dass im vorigen Jahrhundert die Zeit der grössten Ausbreitung der sokratischen Liebe mit dem Auftreten der Moden à la grecque zusammenfiel, wodurch offenbar ein Beweis für den starken Einfluss der Mode auf diese Verhältnisse geliefert wird.
19. Flagellation und Aderlass.
Die Flagellation, dieses mächtige Hilfsmittel der Wollust, hat der Marquis +de Sade+ ausgiebig in seinen Werken verwendet. Wir erwähnen nur die +grossen Flagellationsszenen+ in der „Justine“ und „Juliette“ (Justine III, 129; Juliette II, 138-150 zwischen Frauen; Juliette V, 335). Juliette besuchte im Auftrage der Duvergier mit drei jungen Modistinnen den Herzog Dendemar in St. Maur, dessen sexuelle Monomanie darin besteht, junge Mädchen (und zwar selten Prostituierte) bis aufs Blut zu geisseln, wofür derselbe seinen Opfern grosse Summen bezahlte. (Juliette I, 344 ff.).
Der Marquis +de Sade+ hat auch auf diesem Gebiete litterarische Studien gemacht. Er verweist auf die zu seiner Zeit bedeutendsten Schriften über den Flagellantismus von +Meibom+ und +Boileau+ (Juliette V, 169). Diese Studien haben ihn belehrt, dass zu allen Zeiten die Männer es gewesen sind, welche bei der Flagellation die aktive Rolle übernahmen. Er wundert sich deshalb, dass bei der natürlichen Grausamkeit des Weibes dieses der aktiven Geisselung so wenig Geschmack abgewonnen habe (?)[327], und er lässt durch den Mund des Dolmancé die Hoffnung aussprechen, dass die Frauen auch dieser Spezialität bis zu dem „point où je le désire“ ausbilden möchten (Phil. dans le Boud. I. 157).
Interessante Einzelheiten über die Flagellation im 18. Jahrhundert teilt +Cooper+ mit[328]. +Voltaire+ erwähnt die Rute oft in seinen Schriften, namentlich, wenn er die Jesuiten damit lächerlich machen kann. Auch in den Memoiren jener Zeit wird die Rutenstrafe häufig erwähnt.
Die Schläge wurden schon an ganz kleine Kinder ausgeteilt, da die Bonnen behaupteten, dass dadurch Muskulatur und Haut „gestärkt“ würden. In allen französischen Klosterschulen war die Rutenstrafe für junge Mädchen etwas gebräuchliches, wie dies ja auch natürlich ist bei dem Flagellantismus, der unter den Nonnen herrschte. „Die heiligen Schwestern straften mit Entzücken ihre Schülerinnen auf dieselbe Weise, wie die heiligen Väter ihre Beichtkinder zu absolvieren pflegten.“
Während der Schreckenszeit lauerten die Tricoteusen den Nonnen auf, um sie schimpflich auszupeitschen. Bekannt ist der tragische Fall der +Théroigne de Méricourt+, die auf der Terrasse „Des Feuillants“ öffentlich von einer Bande von Weibern ausgepeitscht wurde und darüber den Verstand verlor. Auch nach dem Sturze +Robespierre’s+ wurden von den Anti-Terroristen junge Mädchen auf der Strasse entblösst und gegeisselt.
Es soll sogar kurz vor der Schreckensherrschaft ein „+Rutenklub+“ bestanden haben, dessen weibliche Mitglieder sich „gegenseitig mit entzückender Eleganz die Rute gaben.“ Viele vornehme Damen gehörten zu diesem Klub, über dessen sexuelle Tendenzen wohl kein Zweifel bestehen kann.
Ueber +Jean Jacques Rousseau’s+ Vorliebe für diese Art geschlechtlicher Erregung ist schon so viel geschrieben worden, dass wir darauf verzichten, die Geschichte seiner Züchtigung durch Mademoiselle +Lambercier+ nochmals ausführlich darzustellen und auf R. v. +Krafft-Ebing+ verweisen[329]. Die französische Litteratur des letzten Jahrhunderts ist nach +Cooper+ reich an Geschichten von Prügelstrafen, die namentlich bei dem schönen Geschlecht grossen Anklang fanden. Ueber einige causes célèbres dieser Art berichtet ebenfalls +Cooper+.
+England+ ist bekanntlich heute das klassische Land des sexuellen Flagellantismus, und seine berühmteste Geisslerin war +Theresa Berkley+ in London, Charlotte-Street 28, welche in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts sich grossen Ruhm und ein Vermögen durch ihre Kunst erwarb. Sie besass zahllose rutenartige Instrumente mit allen möglichen Reizvorrichtungen zur Erregung und Erhöhung der Wollust. „Thus, at her shop, whoever went with plenty of money, could be birched, whipped, fustigated, scourged, needle-pricked, half-hung, holly-brushed, furse-brushed, butcher-brushed, stinging-nettled, curry-combed, phlebotomized and tortured till he had a belly full.“[330] Auch hielt sie für die Ausübung der aktiven Flagellation Dirnen, u. a. eine Negerin und eine Zigeunerin. Sie erfand eine Maschine, auf der die Männer festgebunden wurden und die eine sehr sinnreich-wollüstige Einrichtung hatte. „There is a print in Mrs. Berkley’s memoirs, representing a man upon it quite naked. A woman is sitting in a chair exactly under it, with her bosom, belly and bush exposed: she is +manualizing+ his +embolon+, whilst Mrs. Berkley is birching his posteriors. The female acting as +frictrix+, was intended for Fisher, a fine, tall, dark haired girl, all must remember who visited Charlotte Street at that day, as well as the good humoured blonde, Willis; the plump, tight, frisky and merry arsed Thurlow. Grenville with the enormous bubbies; Bentinc, with breadth of hip and splendour of buttock; Olive, the gipsy, whose brown skin, wicked black eye, and medicean form would melt an anchorite; the mild and amiable Palmer with luxuriant and +well fledged+ wount, from whose tufted honors many a noble lord has stolen a sprig; and Pryce, the pleasing and complaisant, who, if birch was a question, could both give and take.“[331] Die +Berkley+ starb im September 1836, nachdem sie von 1828 bis 1836 über 10000 Pfund Sterling erworben hatte. Ihre Korrespondenz, die Dr. +Vance+, ihr Testamentsvollstrecker aufbewahrte, enthielt Briefe von Personen beiderlei Geschlechts aus den höchsten Kreisen und wurde vernichtet.
Wir geben diesen kleinen Excurs, weil wir das Institut der Frau +Berkley+ in den neueren Werken über Flagellantismus und auch sonst nicht erwähnt fanden, und dieses Curiosum um so eher für Forscher auf diesem Gebiete von Interesse sein wird, als auch in den Romanen des Marquis +de Sade+ ganz +ähnliche Maschinen+ vorkommen, auf denen die Opfer festgebunden werden. Wir bemerken gleich an dieser Stelle, dass wir auf die höchst interessante Geschichte des englischen Flagellantismus ausführlicher in demjenigen der folgenden Bände zurückkommen, in welchem wir das Geschlechtsleben in England, vorzüglich in +London+ untersuchen, das manche aus dem englischen Wesen sich ergebenden Eigentümlichkeiten darbietet.[332]
Anhangsweise sei noch einer Rolle gedacht, welche der +Aderlass+ bei +Sade+ spielt. Im dritten Bande der „Justine“ (S. 223 ff.) tritt ein Graf Gernande auf, der sich nur dadurch sexuelle Befriedigung verschaffen kann, dass er die Frauen zur Ader lässt, nachdem er dieselben hat reichlich essen lassen. +Sade+ verfehlt nicht, solche Szenen darzustellen. Besonders schauerlich ist die, bei welcher der Graf seine eigene Frau venaeseciert und sich an der Bewusstlosen geschlechtlich befriedigt (Justine III, 253).
Der Aderlass war ja im 18. Jahrhundert eine auch von Laien ausgeführte Operation. +Brissaud+ erzählt, dass in den Klöstern die Regel des Aderlasses in gewissen Perioden bestand. Bei den Karthäusern z. B. fünfmal, bei den Praemonstratensern einmal jährlich. Die Feste Sanct Valentin und St. Mathias wurden durch besonderes Blutvergiessen gefeiert:
Seigneur du jour Saint Valentin Fait le sang net soir et matin Et la saignée du jour devant Garde des fièvres en tout l’an.
+Raulin+ pflegte die so häufige Hysterie der Frauen durch Aderlässe zu heilen,[333] ganz wie man nach dem Vorschlage von +Dyes+ u. A. in unseren Tagen die Chlorose durch Venaesectionen zu bessern glaubt. Vielleicht kehren auch für uns die blutsaugerischen Zeiten eines +Broussais+ und +Bouillaud+ mit ihren „saignées coup sur coup“ wieder. Dann können wir auch wieder „sexuelle Venaesectionen“ erleben. +Brierre de Boismont+ berichtet über einen Mann, der seiner Geliebten an den Genitalien und dem After Blutegel ansetzen oder einen Aderlass machen liess, wobei er sich in den gemeinsten Schimpfreden erging. Sobald er Blut sah, steigerte sich seine sexuelle Erregung aufs höchste, und er befriedigte dieselbe an dieser Person.[334]
Wir zweifeln nicht daran, dass dieser Mensch die „Justine“ gelesen und einfach die Handlungen des Grafen Gernande +nachgeahmt+ hat. Später werden wir noch mehrere solche Beispiele offenbarer Nachahmungen einzelner Vorkommnisse in +Sade’s+ Romanen bringen.
20. Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv- und Geheimmittel im 18. Jahrhundert.
Den „Sexualmitteln“ (im weitesten Sinne) widmet +Sade+ in seinen Werken eine besondere Aufmerksamkeit. Gerade hier lässt sich wieder recht deutlich machen, wie sehr er nach Vorbildern gearbeitet hat, und wie dadurch seinen Schilderungen ein eigentümlicher sittengeschichtlicher Wert zukommt.
Es ist kein Wunder, dass die durch häufige und unnatürliche Ausschweifungen entnervten Wüstlinge bei +Sade+ künstlicher Anregung und sexueller Stimulantien in hohem Masse bedürfen. So ist denn auch kein Mangel an den verschiedensten +Aphrodisiaca+ zur Belebung der entschwundenen Kräfte dieser ausgemergelten Individuen. Die Delmonse reibt dem impotenten Grosskaufmann Dubourg die Hoden mit einer Flüssigkeit ein. Darauf muss dieser Unglückselige noch eine Bouillon „composé d’aromates et d’épins“ einnehmen. (Justine I, 62). Cornaro lässt sich die Testes mit Branntwein einreiben (Juliette VI, 223). Die Durand reibt nicht die Hoden, sondern das Glied selbst mit einer „anregenden“ Flüssigkeit ein.[335] Im fünften Bande der Juliette (Seite 330) werden „stimulierende Flüssigkeiten mit Jasmingeruch“ auf die Teilnehmer der Orgie gespritzt. -- Neben diesen äusserlichen Aphrodisiaca kennt +Sade+ auch innerliche. Juliette gebraucht als solche Wein und Liqueure, Opium[336] und andere „Aphrodisiaca, die in Italien öffentlich verkauft werden.“ (Juliette IV, 104). Die Durand betreibt einen Handel mit Aphrodisiacis und Antiaphrodisiacis (Juliette III, 229).