Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 9
De Coninck sprach noch lange mit seinen Genossen und ermutigte sie zur Verteidigung ihrer Rechte; doch verlangte er keinerlei Aufstand, sondern empfahl ihnen, einfach Zahlung der acht Grooten zu verweigern und zu warten, bis er sie zu den Waffen rufen würde. Hierauf trennten sie sich und gingen heim. De Coninck allein schritt tief nachdenklich durch die alte Sackstraße, um sich zu seinem Freunde Breydel zu begeben. Er sah voraus, welche Anstrengungen die Lehensherren machen würden, um ihre Herrschaft über das Volk wiederzugewinnen, und bedachte, wie er seine Brüder vor der Knechtschaft bewahren könnte. Als er fast die Fleischerstraße erreicht hatte, wurde er von etwa zehn Bewaffneten umringt. Angesichts dieses Überfalls blieb er stehen, der Vogt trat an ihn heran und befahl ihm, ohne Widerstand den Dienern des Gesetzes zu folgen. Wie einem Missetäter wurden ihm die Hände auf den Rücken gebunden; man überhäufte ihn mit Schmähungen; aber er trug das alles mit der größten Geduld und ohne Murren; denn er begriff, daß jeder Widerstand hier nutzlos war. Er ließ sich von den mit Streitäxten bewaffneten Gerichtsdienern durch drei bis vier Straßen führen und schien gar nicht auf die Ausrufe des verwunderten Volkes zu achten. Endlich brachte man ihn in den oberen Saal des Prinzenhofs.
Hier waren die vornehmsten Leliaerts und der Magistrat versammelt. Der Oberzöllner Johannes van Gistel nahm unter ihnen den höchsten Rang ein; er war auch in ganz Flandern der wärmste Freund der Franzosen. Sobald er De Coninck vor sich sah, sprach er erzürnt:
»Wie wagt Ihr es, die Oberhoheit des Magistrats zu mißachten, hochfahrender Bürger? Eure Auflehnung ist uns bekannt, und in Bälde werdet Ihr Euren Ungehorsam am Galgen büßen.«
De Coninck antwortete ruhig:
»Mir ist die Freiheit des Volkes teurer als das Leben. Auch die schändlichste Todesstrafe werde ich furchtlos erleiden, denn mit mir stirbt das Volk doch nicht; es gibt noch Männer genug, die das Joch nicht mehr gewohnt sind.«
»Das ist ein Traum,« fuhr Gistel fort, »das Reich des Volkes hat ein Ende. Unter der Herrschaft der Franzosen muß ein Untertan seinem Herrn gehorchen. Die Vorrechte, die ihr schwachen Fürsten abgetrotzt habt, sollen überprüft und eingeschränkt werden; denn ihr werdet gar zu hochmütig durch die Gunst, die wir selbst euch bewiesen haben, und erhebt euch wider uns wie undankbare, verächtliche Diener.«
Ein Zornesblitz schoß aus De Conincks Auge. »Verächtlich!« rief er, »das weiß Gott, wer von beiden verächtlich ist, das Volk oder die entarteten Leliaerts. Ihr vergeßt Vaterland und Ehre, um feige dem fremden Gebieter zu schmeicheln; demütig kniet ihr vor einem Fürsten, der Flandern den Untergang geschworen hat; und warum? Um eure tyrannische Zwingherrschaft über das Volk wiederzuerlangen, aus Habsucht! Wartet nur! das glückt euch nicht. Denn wer die Früchte der Freiheit einmal gekostet hat, dankt für eure Gunst. Ihr seid ja doch Sklaven der Ausländer! Glaubt ihr etwa, daß die Brügger die Sklaven anderer Sklaven werden sollen? O, ihr täuscht euch, ihr Herren. Mein Vaterland ist groß geworden, das Volk hat seine Würde erkannt, und euch ist das eiserne Zepter für ewig entrissen.«
»Schweigt! Ihr Aufrührer,« rief Gistel, »die Freiheit steht Euch nicht zu. Ihr seid nicht für sie geschaffen.«
»Die Freiheit,« antwortete De Coninck, »haben wir mit dem Schweiß unseres Angesichts, mit unserem Herzblut erkauft -- und Ihr solltet sie vernichten?«
Gistel lächelte spöttisch und fuhr fort:
»Eure Worte und Drohungen sind leerer Schall, Meister. Mit den französischen Truppen werden wir dem Ungestüm schon die Flügel beschneiden. Andere Gesetze werden die Gemeinden beherrschen; der Starrsinn hat lange genug gewährt. Seid nur ruhig, es ist dafür gesorgt, daß Brügge demütig seinen Nacken beugen wird und Ihr -- werdet das Sonnenlicht nicht mehr erblicken.«
»Tyrann!« rief der Obmann der Weber, »Ihr Schande von Flandern! Wölbt sich das Grab Eurer Väter nicht in dieser Erde? Ruhen ihre heiligen Gebeine nicht in dem Schoß des Landes, das Ihr dem Fremden verschachert, Ihr Bastard? Die Nachwelt wird das Urteil über Eure Schandtat fällen, und in den Chroniken Eurer Kinder wird man den Fluch über Euren Verrat lesen.«
»Genug von Euren lächerlichen Schmähungen!« rief Gistel; »in den Kerker der Missetäter mit ihm, bis der Galgen ihn empfängt.«
Auf dies Geheiß ward De Coninck über die Treppen in ein unterirdisches Verlies geführt. Ein eiserner Gürtel umschloß ihn, und eine Kette fesselte seinen linken Fuß an seine rechte Hand. Er bekam etwas Wasser und Brot; dann wurde der Kerker geschlossen, und er blieb allein an diesem dunklen Orte.
Die Worte des Zöllners hatten ihn tief erschüttert: er sah die Freiheit seiner Vaterstadt ernstlich bedroht. In seiner Abwesenheit konnte es den Leliaerts möglicherweise glücken, mit den französischen Truppen die Stadt einzunehmen und den Bau zu zerstören, dem er sein ganzes Leben geweiht hatte. Dieser Gedanke war für den Volksfreund furchtbar. Rüttelte er zuweilen schmerzlich an seinen Ketten, dann war es ihm, als sähe er seine Brüder in solchen Fesseln, als Opfer schändlichster Knechtschaft. Und dann erschimmerte eine bittere Träne auf seinen Wangen.
Die Leliaerts hatten schon längst einen verräterischen Anschlag unter sich vereinbart. Bisher konnten sie ihre Herrschaft in Brügge nicht fest begründen; denn da alle Bürger bewaffnet waren, so konnte man sie nicht zwingen, die Befehle auszuführen. Wollte der Magistrat gegen die Bürgerschaft Gewalt anwenden, dann kamen die schrecklichen Goedendags zum Vorschein, und alle Anstrengungen blieben fruchtlos, -- die Zünfte waren zu mächtig. Um nun ein für allemal dies lästige Hindernis fortzuräumen, waren die Leliaerts mit dem Landvogt Châtillon übereingekommen, am nächsten Morgen ganz früh die Bürgerschaft zu überfallen und zu entwaffnen. Châtillon sollte zur selben Stunde mit fünfhundert französischen Reitern vor den Toren stehen. De Coninck allein war es möglich, diesen Plan zu entdecken, so geheim man ihn auch halten mochte. Er verfügte über geheime Hilfsmittel, denen die Französlinge vergeblich nachzuspüren gesucht hatten. Der Obmann der Weber war listiger als sie alle, das wußten sie. Und um dem Volke seinen schlauen Beschützer zu entreißen und es hierdurch arg zu schwächen, hatten sie ihn gefangengenommen. Brakels Enthüllungen über den Widerstand der Weber diente ihnen nur als Vorwand.
Nachdem sie die Stadt Brügge derart durch nichtswürdige Anschläge den geldgierigen Fremden verkauft hatten, wollten sie sich trennen. Da flog die Saaltür auf, und ein Mann drängte sich gewaltsam durch die Wächter. Mit stolzem Schritte trat er zu dem Magistrat und rief:
»Die Zünfte von Brügge lassen euch fragen, ob ihr De Coninck loslassen wollt oder nicht? Ich rate euch, bedenkt euch nicht lange!«
»Meister Breydel,« antwortete Gistel, »Ihr habt keine Erlaubnis, in diesen Saal zu treten; verlaßt ihn schleunigst!«
»Ich frage euch,« wiederholte Jan Breydel, »ob ihr den Vorsteher der Wollweber loslassen wollt?«
Gistel flüsterte leise einer der Magistratspersonen etwas ins Ohr und rief dann:
»Wir beantworten die Drohungen eines starrköpfigen Schurken mit der verdienten Strafe: Nehmt ihn gefangen!«
»Ha, ha! Nehmt ihn gefangen?« rief Breydel lachend, »wer soll mich denn gefangennehmen? Wisset denn, daß die Bürgerschaft im Begriff steht, sich des Prinzenhofs gewaltsam zu bemächtigen, und daß ihr alle mit eurem Leben für das Leben des Obmanns der Weber haftet. Das Liedchen wird gleich anders klingen, das versichere ich euch.«
Derweile waren einige Wachen herangekommen und hatten den Vorsteher der Fleischer beim Kragen gepackt; einer richtete schon die Stricke, mit denen er gebunden werden sollte. Während Breydel sprach, hatte er diese Vorbereitungen kaum beachtet; als er sich nun aber von den Leliaerts den Wachen zuwandte, entrang sich ein dumpfer Laut seiner Brust, gleich dem Gebrüll eines Stieres. Flammenden Auges blickte er seine Häscher an und rief:
»Denkt ihr, Jan Breydel, ein Fleischer von Brügge, läßt sich wie ein Kalb binden? Ho, ho, heute jedenfalls nicht!«
Er hatte diese Worte mit fürchterlicher Wut ausgestoßen. Nun hieb er dem Söldner, der ihn beim Wams festhielt, so gewaltig mit der Faust auf den Kopf, daß der wankend zu Boden stürzte. Wie ein Blitz fuhr er unter die erschrockenen Wächter, warf eine Menge nieder, und als er zur Tür gelangt war, drehte er sich um und fuhr die Leliaerts heftig an:
»Das sollt ihr büßen, ihr Halunken! Einen Fleischer von Brügge binden! Schmach! Wehe euch, Tyrannen! Hört ihr, die Trommel der Fleischer schlägt euren Totenmarsch!«
Er hätte sie noch weiter bedroht; aber er konnte den andringenden Wachen nicht länger widerstehen und lief wütend die Treppe hinab.
Ein dumpfes Geräusch wie ferner Donner ertönte in diesem Augenblick von der anderen Seite der Stadt her. Die Leliaerts erbleichten, dies drohende Unwetter jagte ihnen Furcht ein. Doch sie wollten ihren Gefangenen nicht loslassen, stellten mehrere Wachen vor dem Hof auf, um den Ansturm des Volkes abzuwehren, und ließen sich durch Kriegsknechte bis heim geleiten. -- Eine Stunde später war die ganze Stadt in Aufruhr.
Die Sturmglocke ertönte, die Trommeln der Zünfte dröhnten durch alle Straßen, und ein furchtbares Getöse, gleich dem Geheul eines Orkans, fegte durch die Stadt. Türen und Fenster wurden geschlossen, und die Wohnungen öffneten sich nur, um den bewaffneten Hausvater hinauszulassen. Die Hunde bellten fürchterlich, als hätten sie den Wehruf verstanden, und vereinten ihre rauhe Stimme mit dem Geschrei ihrer racheheischenden Herren. Große Volkshaufen liefen eilig hin und her. Der eine hatte eine Keule, der andere einen Goedendag oder eine Streitaxt. Inmitten der wogenden Scharen konnte man die Fleischer leicht an ihrem blinkenden Schlachtbeil erkennen. Die Schmiede mit ihren großen Vorhämmern auf den Schultern begaben sich ebenfalls zum Sammelplatz bei dem Weberpand. Hier standen bereits unzählige Zunftgesellen, und ihre Zahl wuchs in dem Maße, als sich die angekommenen Freunde unter ihre Fahne scharten.
Als der Trupp groß genug war, stieg Jan Breydel auf einen Wagen, der sich zufällig auf dem Platze befand, und schwang sein Schlachtbeil in furchtbaren Kreisen um sein Haupt.
»Männer von Brügge,« schrie er, »es gilt jetzt Leben und Freiheit! Wir wollen den Verrätern zeigen, wie es mit den Brüggern steht und ob ein Pfund Sklavenfleisch unter uns zu finden ist; denn das glauben sie schon. Meister De Coninck liegt in Ketten -- mag denn unser Blut für seine Befreiung fließen! Dies ist für alle Zünfte Pflicht, für die Fleischer ein Fest! Geschwind die Ärmel aufgestreift!«
Während die Fleischerzunft diesen Befehl ausführte, entblößte er selbst seine sehnigen Arme bis an die Schultern und rief, vom Wagen springend:
»Vorwärts und Heil! Heil De Coninck!«
»Heil De Coninck!« riefen alle. »Vorwärts! vorwärts!«
Gleich den rollenden Wogen der brausenden See strömte die Menge zum Prinzenhof. Todesschreie und Waffenklirren begleiteten die furchtbare Schar. Die Rufe der Männer und das Heulen der Hunde mengte sich mit Glockenschall und Trommelwirbel. Es schien, als wären die Bürger von allgemeiner Raserei ergriffen.
Kaum wurden die Wachen dieser wütenden Rotte ansichtig, so flohen sie nach allen Seiten und ließen so das Gebäude schutzlos; aber nicht alle hatten sich durch die Flucht retten können, denn im Nu lagen mehr als zehn Leichen auf dem Vorhof.
Rasend wild, wie ein gereizter Löwe, stürmte Breydel die Treppen hinauf und warf einen französischen Diener, den er im Gange betraf, von oben hinab unter das Volk. Das unglückliche Opfer ward auf den Spitzen der Goedendags aufgefangen und sofort mit Keulen erschlagen. Bald erfüllte das Volk den ganzen Hof. Breydel hatte einige Schmiede herbeigerufen und ließ die Türen der Kerker sprengen. Zu ihrem größten Schmerz fanden sie sie alle leer. Nun fluchten sie noch wilder, daß sie den Tod De Conincks rächen wollten.
Als die Weber erfuhren, daß ihr Obmann nicht zu finden war, ließen sie sich nicht mehr halten; statt weiter nach ihm zu suchen, liefen sie in Scharen nach den Wohnungen der vornehmsten Leliaerts und zertrümmerten dort alles. Doch gelang es ihnen nicht, einen einzigen Leliaert aufzuspüren, denn die hatten den Besuch vorausgesehen. Eben wollte Breydel voll Verzweiflung und Rachedurst den Prinzenhof verlassen; da trat ein greiser Tuchwalker zu ihm und sprach:
»Meister Breydel, Ihr sucht nicht gut; es gibt noch einen Kerker an der anderen Seite des Gebäudes, ein tiefes Loch, in dem ich schon ein Jahr meines Lebens verbracht habe. Kommt, folgt mir, bitte.«
Durch mehrere Gänge hindurch gelangten sie zu einer kleinen eisernen Tür. Der alte Walker nahm einem der umherstehenden Schmiede einen großen Hammer aus den Händen und zertrümmerte das Schloß mit wenigen Schlägen, doch die Tür ging nicht auf. Ungeduldig riß Jan Breydel den Hammer an sich und schmetterte so gewaltig wider die Tür, daß gleichzeitig alle Klammern aus der Tür sprangen. Nun die Tür zusammengebrochen war, konnte man in den Kerker sehen. In einem Winkel stand De Coninck, mit einer schweren Kette an die Mauer gefesselt. Voll leidenschaftlicher Freude lief Jan Breydel ihm entgegen und umarmte den Freund wie einen wiedergefundenen Bruder.
»O Meister!« rief er, »welche Freudenstunde für mich! Ich wußte nicht, daß ich Euch so innig liebte.«
»Ich danke Euch, tapferer Freund,« gab De Coninck zur Antwort, während er den Kuß des erregten Fleischers erwiderte. »Ich wußte wohl, daß Ihr mich nicht im Kerker sitzen lassen würdet; zu gut kenne ich Euren edlen Mut. Ihr seid wie die Vlaemen von echtem Schrot und Korn.«
Dann wandte er sich zu den anderen und rief mit einer Begeisterung, die leidenschaftlich zu Herzen ging:
»Brüder! Ihr habt mich heute vom Tode befreit. Euch weihe ich mein Blut; eurer Freiheit jeder Funke meiner Seele! Betrachtet mich nicht mehr als einen Obmann, als einen Weber, der unter euch wohnt, sondern als einen Mann, der vor Gott geschworen hat, eure Freiheiten gegen den Feind zu schützen. Unverbrüchlich sei der Eid, der durch die dunklen Gänge meines Gefängnisses hallte! Mein Blut, mein Leben, meine Ruhe dem Vaterland ...«
Der Ruf: »Heil De Coninck! Heil! Heil!« verschlang seine Stimme und dröhnte weithin durch das Gefängnis. Von Mund zu Mund ging der Schrei hinaus, und bald hörte man nur ihn allein in der ganzen Stadt, ja selbst die Kinder stammelten: »Heil De Coninck!«
Der eiserne Gürtel wurde durchgefeilt, und De Coninck trat mit Jan Breydel in das Haupttor. Kaum aber hatte das harrende Volk die Fesseln an seinen Händen und Füßen bemerkt, da erhob sich von allen Seiten ein rasendes Mordgeschrei. Tränen der Rührung und der Wut strömten aus den Augen der Zuschauer, und der Ruf: »Heil De Coninck!« erdröhnte mit donnernder Gewalt[25]. Plötzlich stürzte ein Haufe Weber zu De Coninck und hob ihn voll Eifer auf den blutigen Schild eines erschlagenen Kriegsknechts. Mochte sich auch der Obmann gegen diese Ehrung sträuben, mußte er es dulden, daß man ihn derart sieghaft durch alle Straßen der Stadt trug.
[25] »De Coninck blieb nicht lange eingekerkert, denn er wurde noch am gleichen Tage durch die Waffengewalt der Stadtgemeinde in Freiheit gesetzt.« (Vgl. Brügger Jahrbücher.)
Es war ein seltsames Schauspiel. Tausende von Menschen liefen mit Messern, Beilen, Speeren, Hämmern, Keulen und anderen Zufallswaffen schreiend und wie toll über den Markt. Ob ihren Häuptern auf dem Schilde saß De Coninck; er hatte noch an Händen und Füßen seine Fesseln. Neben ihm gingen die Fleischer mit bloßen Armen und blinkenden Beilen. Als solchermaßen eine gute Stunde vergangen war, verlangte De Coninck die Obmänner und Anführer der Zünfte zu sprechen und bedeutete sie, daß es sich um eine höchst wichtige Angelegenheit der Bürgerschaft handelte. Er ersuche sie deshalb, am Abend in seine Wohnung zu kommen, um die nötigen Maßregeln zu besprechen.
Alsdann dankte er dem Volk und empfahl ihm stete Bereitschaft, zu den Waffen zu greifen. Nachdem dann seine Hände und Füße von den Ketten befreit waren, wurde er unter dem Jubel der Brügger bis an die Tür seiner Wohnung in der Wollstraße geleitet.
IX.
Bevor die Sonne am nächsten Morgen aufgegangen war, stand Jan van Gistel mit den Leliaerts in voller Rüstung auf dem Gemüsemarkt; wohl dreihundert Reiter und bewaffnete Diener waren dort versammelt. Tiefstes Schweigen herrschte in dem kleinen Heere; denn sollte ihr Anschlag glücken, so durften sie die Bürger von Brügge nicht wecken. Sie erwarteten geduldig die ersten Strahlen der Morgensonne, um das Volk zu überfallen und zu entwaffnen; dann wollten sie De Coninck und Breydel wegen ihres aufrührerischen Trotzes hängen lassen und die Zünfte zur Unterwerfung zwingen. Châtillon sollte am selben Tage seinen Einzug in die entwaffnete Stadt halten, Brügge für immer eine andere Verfassung bekommen. Zu ihrem Unglück hatte jedoch der schlaue De Coninck ihr Geheimnis entdeckt und sich zum Kampfe gerüstet. Zur nämlichen Zeit und ebenso still standen die Weber und die Fleischer mit den anderen Zunftgenossen in der vlaemischen Straße. De Coninck und Breydel gingen etwas abseits von der Schar auf und ab und entwarfen den Plan, nach dem sie handeln wollten. Während die Weber und die Fleischer die Leliaerts angriffen, sollten die übrigen Gesellen sich der Stadttore bemächtigen und dieselben verschlossen halten, damit der Feind von außen keine Hilfe bekäme.
Kaum war dies beschlossen, da tönte die Morgenglocke auf der St. Donatus-Kirche, und weithin hallte das Gestampf der Rosse Jan van Gistels.
Nun setzten sich auch die Zünfte in Bewegung und zogen in größter Stille den Leliaerts entgegen. Auf dem Markt erblickten die beiden feindlichen Haufen einander. Die Französlinge traten eben aus der Breydelstraße, während die Zünfte noch in der vlaemischen Straße waren. Die Leliaerts erschraken gewaltig, als sie merkten, daß ihr Geheimnis entdeckt war. Doch gaben sie ihren Plan nicht auf, denn sie waren Ritter und mutige Krieger. Bald ließ die Kriegsdrommete ihre ermunternden Klänge ertönen, die Rosse stoben mit ihren Reitern gegen die noch in der vlaemischen Straße zusammengedrängten Bürger. Die gefällten Speere der Leliaerts kreuzten sich mit den Goedendags der Weber, die standhaft den Stoß abwarteten. Aber aller Mut, alle Gewandtheit der Zunftleute war vergebens, sie konnten ob ihrer ungünstigen Stellung der Gewalt des stürmischen Angriffs nicht widerstehn. Fünf aus dem ersten Glied fielen tot oder verwundet nieder und so ward es den Reitern möglich, die Schlachtordnung zu durchbrechen. Drei Abteilungen wichen zurück; die Leliaerts glaubten sich schon Herren des Schlachtfelds und brachen in den Siegesruf aus: »Monjoie St. Denis! Frankreich! Frankreich!« -- Sie stachen und hieben links und rechts auf die Weber ein und bedeckten den Platz mit den Leichen der Bürger.
De Coninck wehrte sich tapfer an der Spitze mit einem langen Goedendag und verhinderte einige Zeit, daß die ersten Glieder zerstreut wurden. Diese hatten allein die ganze Macht der Leliaerts wider sich; denn da die Straße sie einschloß, konnten die hintersten Glieder nicht in den Kampf eingreifen. Doch die Zurufe und das Beispiel des Obmannes beschworen das Schicksal nicht lange. Mit erneuter Kraft griffen die Leliaerts die vorderen Scharen an und warfen sie in großer Verwirrung aufeinander. Das geschah so schnell, daß schon viele getötet waren, ehe Jan Breydel den Kampf bemerkte. Denn er stand mit seiner Zunft weiter hinten in der Straße. Erst eine Wendung, die De Coninck angeordnet hatte, zeigte ihm endlich, in welcher Gefahr die Weber schwebten. Er brüllte mit heiserer Stimme einige unverständliche Worte, wandte sich dann zu seinen Leuten und rief:
»Vorwärts, Fleischer, vorwärts!«
Wie rasend fuhr er durch die Weber hin und stürmte mit all den Seinigen auf die Reiter los. Der erste Schlag seines Beils ging durch die Nasenplatte und den Kopf eines Pferdes, der zweite streckte dessen Reiter zu seinen Füßen hin. Im Nu war er über vier Leichen hinweg und kämpfte grimmig weiter, bis er selbst eine kleine Wunde an dem linken Arm erhielt. Der Anblick des eigenen Blutes brachte ihn vollends außer sich. Wutschäumend erspähte er den Ritter, der ihn verwundet hatte, mit jagendem Blick warf er sein Beil fort, bückte sich dann unter den Speer seines Feindes, sprang am Pferde hinauf und umklammerte den Leliaert. Mochte der auch fest im Sattel sitzen, der Kraft des tollen Breydel konnte er nicht widerstehen: er flog aus dem Sattel und stürzte zu Boden. Während der Obmann der Fleischer seine Rache an ihm kühlte, hatten sich seine Genossen und die übrigen Zunftleute stracks auf die Leliaerts geworfen und viele niedergeschmettert. Da der Kampf lange auf demselben Platze stand, so türmten sich die Leichen von Menschen und Pferden, und Ströme von Blut färbten die Straße dunkelrot.
Bald konnte nichts mehr dem wuchtigen Ansturm der Zünfte widerstehen, denn mit dem Weichen der Leliaerts konnten sich ihre Feinde auf dem Markte ausbreiten und nunmehr sämtlich in den Kampf eingreifen. Offenbar suchten sie die Reiter zu umzingeln und dehnten deshalb ihren rechten Flügel bis zum Eiermarkt aus. Nun wandten die besiegten Ritter ihre Pferde und flohen eiligst, um dem drohenden Tode zu entgehen. Die Weber und Fleischer verfolgten sie mit Siegesgeschrei; doch sie konnten sie nicht einholen, da alle gut beritten waren.
Beim Klange der Drommeten und dem Lärm des Kampfes war die ganze Stadt in Aufruhr geraten. Bald war alles auf den Beinen. Tausende bewaffneter Bürger strömten aus allen Straßen herbei, um den streitenden Brüdern beizustehen; aber der Sieg war schon erfochten. Da die Leliaerts auf die Burg geflohen waren, so wurde dieser Platz von den Zunftgenossen rings umzingelt und bewacht.
Während sich dies auf dem Markte zutrug, umringte der Landvogt Châtillon die aufrührerische Stadt mit fünfhundert französischen Reitern. Er hatte vorausgesehen, daß die Brügger nach alter Gewohnheit die Stadttore geschlossen halten würden und deshalb auch das Nötige zur Beseitigung dieses Hindernisses vorbereitet. Sein Bruder Gui de Saint-Pol mußte mit zahlreichem Fußvolk und den nötigen Angriffsmaschinen zu ihm stoßen. In Erwartung dieser Hilfe entwarf er bereits einen Plan für den Sturm und suchte die schwächste Seite der Stadt ausfindig zu machen. Obgleich er nur wenig Mannschaften auf den Wällen sah, hielt er es doch nicht für ratsam, mit Reitern allein etwas zu unternehmen; denn er wußte wohl, was für ein unbändiges Volk in Brügge wohnte. Eine halbe Stunde später erschien in der Ferne der Zug Saint-Pols. Die Spitzen der Speere und die Streitäxte blitzten in den ersten Strahlen der Sonne, und eine undurchdringliche Staubwolke erhob sich vor den Pferden, welche die Sturmwerkzeuge zogen. Die wenigen Bürger, welche die Tore und Wälle bewachten, sahen nicht ohne Furcht die zahlreichen Haufen nahen. Als sie der schweren Balken und Sturmwerkzeuge ansichtig wurden, beschlich sie eine bange Ahnung. In wenig Augenblicken verbreitete sich die Schreckenskunde durch die ganze Stadt, und die Herzen der Frauen packte Weh und Angst.