Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 8

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Bald darauf stieg das Fürstenpaar ab und nahm auf dem Schaugerüst Platz. Die Edelknaben und Hofdamen stellten sich in zwei Reihen auf die Stufen, die edlen Ritter scharten sich hoch zu Roß um das Gerüst. Als alle die bestimmten Plätze eingenommen hatten, traten die Herren vom Magistrat mit den Jungfrauen als den Vertreterinnen der Stadt Brügge vor und überreichten auf einem kostbaren Sammetkissen die Schlüssel der Stadt. Gleichzeitig stießen die Engel wieder in ihre Posaunen, und die Leliaerts riefen abermals: »Es lebe der König! Es lebe die Königin!«

Totenstille herrschte unter den Bürgern; sie schienen sich absichtlich so ruhig zu verhalten, um ihre Unzufriedenheit um so deutlicher zu zeigen, und erreichten auch vollkommen ihren Zweck; denn Johanna bedachte schon in ihrem beleidigten Herzen, wie sie am besten diese unehrerbietigen Untertanen bestrafen und ducken könnte.

König Philipp der Schöne empfing in seiner Sanftmut den Magistrat mit größtem Wohlwollen und gelobte, für die Wohlfahrt Flanderns nach Möglichkeit zu sorgen. Dieses Versprechen war aufrichtig gemeint. Er war ja ein edelmütiger Fürst und ehrenhafter Ritter und hätte vielleicht in Frankreich wie in Flandern seine Untertanen glücklich gemacht, wenn nicht zwei Ursachen die Ausführung seiner guten Vorsätze verhindert haben würden. Die erste und schlimmste war die Herrschaft seiner stolzen Frau Johanna. Hatte Philipp der Schöne etwas Gutes im Sinn, so lenkte sie ihn wie ein böser Geist zum Schlechten und zwang ihn, all ihre verderblichen Pläne gutzuheißen. Dazu kam die Verschwendung, die ihn zu allen Mitteln, guten wie schlechten, greifen ließ, um das vergeudete Geld zu ersetzen. Wohl meinte er es jetzt aufrichtig gut mit Flandern, aber was nützte das, da doch Johanna darüber schon anders beschlossen hatte?

Nachdem die Schlüssel überreicht waren, lieh der König noch einige Zeit der Ansprache des Magistrats ein gnädiges Ohr und verließ dann den Thron. Alles stieg zu Pferde, und langsam ritt der Zug durch die übrigen Straßen der Stadt, bis zum Prinzenhof, wo sie einkehrten, um hier mit den vornehmsten Herren und Leliaerts das Mittagmahl einzunehmen.

Derweile kehrten die Zunftgenossen heim, und das Fest nahm sein Ende.

Abends, als die Gäste längst fort waren, saß die Königin Johanna allein mit ihrer Kammerfrau in ihrem Schlafgemach. Schon hatte sie einen großen Teil der lästigen Prachtgewänder abgelegt und war noch damit beschäftigt, sich ihrer Schmuckstücke zu entledigen. Ihre Hast und der unzufriedene Ausdruck ihrer Züge verrieten die größte Ungeduld. Die Kammerfrau mußte heftige Worte hören und alles, was sie tat, trug ihr scharfen Tadel ein. Halsband und Ohrgehänge flogen wie wertloses Zeug umher.

Dann schritt sie in weißem Nachtgewand, tief in Gedanken im Zimmer auf und ab. Sie hatte nicht die mindeste Lust zu schlafen, und ihre flammenden Augen irrten wild umher. Die Kammerjungfer näherte sich der Fürstin mit liebenswürdiger Ehrerbietung und fragte:

»Beliebt es Eurer Majestät noch länger zu wachen, und soll ich einen größern Leuchter mit mehr Wachslichtern herbeiholen?«

Ungestüm erwiderte die Königin:

»Es ist hell genug. Quält mich nicht mit Euren lästigen Fragen und laßt mich allein. Wartet im Vorsaal auf meinen Oheim de Châtillon -- er soll gleich kommen! Geht!«

Während die Kammerjungfer dem groben Befehl Folge leistete, setzte sich Johanna an einen Tisch und ließ den Kopf auf die Hand niedersinken. In dieser Stellung verharrte sie einige Augenblicke: sie gedachte, wie man ihrer gespottet hatte. Dann stand sie auf, schritt hastig mit heftigen Gebärden im Zimmer auf und ab. Endlich sprach sie mit gedämpfter Stimme:

»Wie! Ein kleines erbärmliches Volk sollte mich, die Königin der Franzosen, verhöhnen dürfen? Ein trotziges Mädchen wagt es, meinen Blick zu erwidern? Das ist Hohn!« Tränen des Zornes rollten über ihre glutroten Wangen.

Plötzlich warf sie den Kopf zurück und lachte tückisch wie ein böser Geist. Dann fuhr sie fort:

»Wartet nur, ihr aufgeblasenen Vlaemen, ihr kennt Johanna von Navarra noch schlecht; ihr wißt nicht, wie schrecklich ihre Rache euch treffen kann. Ruht und schlaft nur ohne Bangen in eurer Vermessenheit; ich weiß euch zu foltern! Tränen sollt ihr vergießen, schmerzhaft sollt ihr meine Hand fühlen! Ja, ihr sollt meine Macht kennen lernen! Kriechen sollst du und winseln, vermessenes Volk! Und ich werde euerm Flehen taub sein. Mit Wonne werde ich eure stolzen Häupter mit Füßen treten. Vergebens sollt ihr weinen und jammern, Johanna von Navarra ist unerbittlich -- das wißt ihr noch nicht.«

Jetzt vernahm sie die Schritte der Kammerjungfer im Vorzimmer. Aufgeregt eilte die Fürstin zum Spiegel und änderte ihre ganze Haltung; sie glättete ihre Züge, alle Erregung schien geschwunden. In der Kunst der Verstellung, der größten Untugend der Frauen, war Johanna von Navarra Meisterin.

Alsbald trat Châtillon in das Zimmer und beugte ein Knie vor der Königin.

»Herr von Châtillon,« sprach sie, und hob ihn mit der Hand empor, »Ihr scheint auf meine Wünsche nicht viel Wert zu legen. Habe ich Euch nicht vor zehn Uhr hierher beschieden?«

»Es ist wahr, Madame, aber der König, mein Herr, hielt mich wider meinen Willen zurück. Seid versichert, durchlauchtigste Nichte, daß ich auf glühenden Kohlen gestanden habe; ich brannte, Eurem königlichen Befehl Folge zu leisten.«

»Eure Ergebenheit freut mich; ich beabsichtige auch, Euch heute für Eure treuen Dienste zu belohnen.«

»Gnädige Fürstin, es ist schon eine hohe Gnade für mich, Eurer Majestät folgen und dienen zu dürfen. Laßt mich Euch überall begleiten. Ein anderer Untertan mag höheren Ämtern nachjagen; für mich ist Eure huldreiche Gegenwart das größte Glück; weiter verlange ich nichts.«

Die Königin lächelte und sah mißbilligend auf den Schmeichler; denn sie durchschaute, wie sehr sein Herz seine Worte Lügen strafte. Dann sagte sie mit Nachdruck zu ihm: »Und wenn ich Euch das Land Flandern zu Lehen geben wollte?«

Châtillon, der solches Anerbieten nicht erwartet hatte, bereute sofort seine Worte; er wußte im ersten Augenblick nicht, was er antworten sollte. Doch sammelte er sich schnell und sprach:

»Falls Eure Majestät mich gnädigst mit soviel Vertrauen beehren wollte, wie dürfte ich es da wagen, mich Eurem königlichen Willen eigensinnig zu widersetzen. In dankbarer Ergebenheit würde ich diese hohe Gunst hinnehmen und Eure großmütige Hand mit ehrerbietiger Liebe küssen.«

»Hört, Herr von Châtillon,« rief die Königin ungeduldig, »ich beabsichtige nicht, Eure Höflichkeit auf die Probe zu stellen; deshalb wäre es mir lieber, wenn Ihr Eure Redensarten ließet und offen reden würdet! Denn Ihr könnt mir doch nichts sagen, was ich nicht besser wüßte. Was dünkt Euch von meinem Einzug hier? Hat Brügge nicht die Königin von Navarra über die Maßen herrlich empfangen?«

»Ich bitte Euch, durchlauchtige Nichte, laßt diese bittern Scherze. Mir ist der Hohn, der Euch zuteil ward, furchtbar nahe gegangen; ein schlechtes, verächtliches Volk hat Euch offen getrotzt und Eure Würde mit Füßen getreten. Doch bekümmert Euch nicht darüber. Es fehlt uns ja nicht an Mitteln, die vermessenen Untertanen zu bändigen und zu zähmen.«

»Kennt Ihr Eure Nichte, Herr von Châtillon? Das stolze Herz der Königin von Navarra?«

»Wahrlich, o Fürstin, edelster, preislichster Stolz. Denn wer eine Krone trägt, ohne ihr Achtung zu verschaffen, verdient sie nicht. Mit Recht bewundert jedermann Euer königliches Wesen.«

»Wißt Ihr auch, daß kleine Rache mir nicht genügt? Die Strafe der Beleidiger muß meiner Stellung entsprechen. Ich bin Königin und ein Weib; das genügt Euch, um zu wissen, wie Ihr Euch zu verhalten habt, wenn ich Euch zum Landvogt von Flandern mache.«

»Eure Majestät braucht sich deshalb nicht länger Sorgen zu machen; seid sicher, daß Eure Rache vollkommen befriedigt werden wird. Vielleicht werde ich Eure Wünsche übertreffen, denn ich habe nicht nur Eure Schmach, nein auch die Beleidigungen zu rächen, die dies starrköpfige Volk der Krone von Frankreich täglich antut.«

»Herr von Châtillon, laßt Eure Schritte durch schlaueste Politik leiten; zieht den Strick nicht mit einem Male um ihren Hals zusammen; raubt ihnen vielmehr durch langsame Demütigung den Mut. Nehmt ihnen mählich ihr Geld, das ihren Widerstand spornt, und habt Ihr sie an den Pflug gewöhnt, so preßt das Joch so fest, daß ich mich siegesfroh an ihrer Erniedrigung weiden kann. Überhastet nichts; ich habe genügend Geduld, wenn man dadurch besser zum Ziel kommt. Es wird schneller gehen, wenn man klüglich einen gewissen De Coninck, den Obmann der Weber, entfernt und stets nur Franzosen oder gute Freunde zu einflußreichen Ämtern zuläßt.«

Châtillon lauschte aufmerksam dem Rat der Königin und wunderte sich innerlich über ihre schlaue Politik. Da ihn schon eigene Rachsucht zu schlimmer Zwingherrschaft trieb, so freute er sich sehr, gleichermaßen seiner Leidenschaft und den Wünschen seiner Nichte entsprechen zu können.

Er antwortete mit sichtlicher Freude:

»Dankbar empfange ich die Ehre, die mir Eure Majestät erzeigt, und ich werde nichts versäumen, um als treuer Diener den Rat meiner Fürstin zu befolgen. Habt Ihr mir sonst noch Befehle zu geben?«

Diese Frage bezog sich auf die junge Machteld. Châtillon wußte wohl, daß diese Jungfrau den Zorn der Königin erregt hatte, und konnte sich deshalb wohl denken, daß sie es sühnen mußte. Johanna entgegnete:

»Es scheint ratsam, die Tochter des Herrn van Bethune nach Frankreich zu überführen, denn auch sie hat sich die vlaemische Starrköpfigkeit zu eigen gemacht. Es wäre mir lieb, sie am Hofe zu haben. Doch genug davon -- Ihr versteht meine Absichten. Morgen verlasse ich dies verwünschte Land, denn ich habe schon zu lange den Hohn ertragen. Raoul von Nesle folgt uns, Ihr bleibt als Statthalter in Flandern mit der Vollmacht, das Land nach Eurem Willen zu regieren.«

»Oder vielmehr gemäß dem Willen meiner königlichen Nichte,« fiel von Châtillon ihr schmeichelnd ins Wort.

»Ganz recht,« fuhr Johanna fort, »Eure Bereitwilligkeit freut mich. Zwölfhundert Reiter sollen Euch zur Seite bleiben und Euren Befehlen Nachdruck verschaffen. Nun möge Euer Edlen mich die nötige Ruhe genießen lassen. Ich wünsche Euch gute Nacht, mein trefflicher Oheim!«

»Ein guter Engel bewahre Eure Majestät,« sprach Châtillon, indem er sich verneigte und das Gemach der argen Frau verließ.

VIII.

Die Herren vom Magistrat hatten mit Zustimmung der Leliaerts übergroße Kosten zur Einholung der französischen Fürsten aufgewandt. Das Errichten von Siegesbögen und Prunkgerüsten mit den dazu nötigen Stoffen hatte bedeutende Ausgaben verursacht. Zudem hatte jeder Mann von der Leibwache des Königs ein gutes Maß vom besten Wein erhalten. Da diese Ausgaben durch die Regierung angeordnet waren und deshalb auch aus dem Gemeindesäckel bestritten werden mußten, so hatten sich die Bürger dazu ziemlich gleichgültig verhalten.

Nun war all dies Prunkwerk schon wieder fortgeräumt. Châtillon war in Kortrijk, der Einzug der fremden Fürsten fast vergessen, als eines Morgens um zehn Uhr ein Ausrufer vor dem Stadthaus auf dem Pui[24] erschien und mit einigen Posaunenstößen das Volk zusammenrief. Als der Haufe groß genug war, zog er ein Pergament aus der Tasche und las mit lauter Stimme:

[24] Dies war der Platz vor dem Rathause, von welchem man zu dem Volke sprach (rostra).

»Es wird jeglichem Bürger kund und zu wissen getan, daß der Magistrat das Folgende beschlossen hat:

Eine außerordentliche Besteuerung ist festgesetzt, um die Kosten vom Einzug unseres gnädigsten Fürsten Philipp, des Königs von Frankreich, zu decken.

Jeder Eingesessene der Stadt Brügge hat hierzu, ohne Unterschied des Alters, auf jeden Kopf acht Grooten Vlaamsch zu bezahlen;

die Zollbeamten sollen das Geld am nächsten Samstag an den Türen in Empfang nehmen; wer sich mit List oder Gewalt der Zahlung entzieht, soll hierzu durch den Herrn Baljuw von Rechts wegen dazu gezwungen werden.«

Die Bürger sahen sich ob dieser Verkündigung verwundert an und murrten im stillen gegen das willkürliche Gebot. Auch einige Mitglieder der Weberzunft waren darunter. Sie gingen unverzüglich zu ihrem Obmann, um ihn sofort davon in Kenntnis zu setzen.

De Coninck vernahm die Nachricht mit innerem Grimm. Dieser einschneidende Streich gegen die Vorrechte der Gemeinde machte ihn sehr besorgt; er sah in diesem Erlaß ein Vorzeichen dafür, daß sich die Adligen aufs neue unter französischem Schutz Gewaltherrschaft über das Volk anmaßen wollten, und beschloß, diesen ersten Versuch durch List oder Gewalt zu vereiteln. Zwar konnte er das Opfer seiner Vaterlandsliebe werden, weil das fremde Heer noch in Flandern stand. Aber das vermochte ihn nicht zurückzuhalten; mit Leib und Seele hatte er sich dem Wohle seiner Vaterstadt geweiht. Sofort berief er den Zunftknappen zu sich und hieß ihn:

»Geh schnell zu allen Meistern und entbiete sie in meinem Namen zum Pand. Sie sollen sofort ihr Geschäft verlassen, denn es eilt!«

Der Weberpand war ein geräumiges Gebäude mit rundem Giebel. Durch ein einziges großes Fenster mit dem Wappen der Zunft darüber fiel das Licht in das erste Stockwerk der Vorderseite. Über dem großen Tore ragte kunstvoll in Stein gehauen St. Georg mit dem Drachen. Im übrigen war der Giebel dieses Versammlungshauses unbedeutend und ohne Zierat. Nach seinem Äußern hätte man schwerlich erraten können, daß die reichste Zunft in Flandern hier ihre Zusammenkünfte hielt; denn viele Häuser in der Nachbarschaft übertrafen es an Größe und Pracht. War es auch in zahlreiche größere und kleinere Räume geteilt, so blieb doch keiner leer oder unbenutzt. In einer geräumigen Kammer des zweiten Stockwerks waren die Probestücke der Freigesellen und Meister mit den Mustern vom kostbarsten Tuch oder Stoff aufgehängt, der je in Brügge gefertigt worden war. In einem anderen Gemach daneben waren all die Werkzeuge aufgestellt, die von den Webern, Tuchwalkern und Färbern gebraucht werden. Ein drittes Gemach diente zur Aufbewahrung der Prachtgewänder und Festwaffen der Zunft.

Der große Versammlungssaal der Meister lag vorn an der Straße. Alle Wandlungen der Wolle auf dem Wege vom Schafhirten bis zum Weber, vom Färber bis zu dem fremden Kaufmann, der aus fernen Landen kam, um vlaemisches Tuch gegen Gold zu erhandeln, waren auf den Wänden dargestellt. Einige eichene Tische und viele schwere Sessel standen auf den Quadersteinen des Fußbodens. Sechs mit Sammet ausgeschlagene Lehnstühle bezeichneten die Plätze des Obmannes und der Altmeister im Hintergrund des Gemaches.

In kurzer Zeit waren die Weber bereits zahlreich in dem Saale versammelt. Leidenschaftlich besprachen sie die wichtige Frage, und die größte Unzufriedenheit leuchtete aus ihren Zügen. Die meisten ergingen sich in bitteren Worten über den Magistrat, doch einige schienen nicht sehr zum Widerstand geneigt. Während die Versammlung ständig wuchs, kam De Coninck in den Saal und schritt langsam durch seine Genossen auf den für ihn bestimmten großen Sessel zu. Die Altmeister setzten sich neben ihn; die übrigen blieben zumeist bei ihren Lehnstühlen stehen, um auf der gefurchten Stirn ihres Vorstehers den Sinn seiner Worte besser lesen zu können. Zusammen waren es ihrer sechzig.

Sobald De Coninck die Aufmerksamkeit seiner Genossen auf sich gerichtet sah, sprach er ausdrucksvoll und anschaulich:

»Meine Brüder! Achtet auf meine Worte: denn die Feinde unserer Freiheit, unserer Wohlfahrt wollen uns aufs neue in Banden schlagen! Der Magistrat und die Leliaerts haben dem fremden Gebieter mit ungewohnter Pracht geschmeichelt, sie haben uns zur Errichtung von Prunkgerüsten gezwungen, und nun verlangen sie, daß wir ihre dummen Verschwendungen mit dem Lohn unserer Arbeit bezahlen! Das widerspricht den Vorrechten der Stadt und der Zunft. Meine Brüder, versteht mich wohl und richtet mit mir einen Blick auf die Zukunft! Wenn wir dieses Mal dem willkürlichen Gebot Gehorsam leisten, wird unsere Freiheit bald niedergetreten sein. Dies ist der erste Versuch, das erste Stück des Sklavenjochs, das man unserm Nacken aufbürden will. Die treulosen Leliaerts, die es dulden, daß ihr Graf, unser rechtmäßiger Herr, bei dem Fremden im Kerker schmachtet, um uns desto ungestörter unterdrücken zu können, -- sie haben sich lange vom Schweiß unseres Angesichts gemästet. Lange hat das Volk wie ein verächtliches Lasttier für sie die schwerste Arbeit getan und sich abgequält; Euch, Brügger! Kameraden! euch ward zuerst des Himmels Licht zuteil; ihr habt die Ketten zuerst gebrochen; groß und männlich habt ihr euch aus der Knechtschaft erhoben und eure Häupter beugen sich nicht mehr vor Zwingherrn. Nun beneiden uns die Völker ob unseres blühenden Wohlstands; sie bewundern unsre Größe. Ist es denn nicht unsere Pflicht, ungeschmälert die Freiheit zu bewahren, die uns zum edelsten Volke der Welt macht? Ja, eine heilige Pflicht! Wer sie vergißt, ist ein Feigling, der seine Menschenwürde verkennt: ein Sklave nur, der zur Verachtung geboren ward.«

Brakels, ein Weber, der schon zweimal Obmann gewesen war, erhob sich von seinem Sessel und unterbrach De Conincks Rede:

»Ihr sprecht immer von Knechtschaft und Rechten! Aber wer sagt denn, daß der Magistrat uns schmälern will? Ist es nicht besser, die acht Grooten zu zahlen und Ruhe zu halten? Ihr könnt Euch doch denken, daß es zum Blutvergießen kommen wird. Gar mancher von uns wird die Leichen seiner Kinder und Brüder begraben müssen -- und all das wegen acht Grooten! Hörte man auf Euch, so hätten die Weber mehr mit dem Goedendag als mit dem Weberschiff zu schaffen; aber ich hoffe, daß es unter unseren Meistern noch mehr gescheite Leute gibt, die Eurem Rat nicht folgen.«

Diese Worte riefen unter den Webern die größte Bestürzung hervor. Einige, doch nur ganz wenige, hatten durch ihre Gebärden zu erkennen gegeben, daß sie diese Ansicht teilten. Die meisten waren mit Brakels Rede unzufrieden.

Mit forschendem Auge hatte De Coninck alle scharf beobachtet und seine Anhänger gezählt. Es schmeichelte ihn, daß nur wenige die Besorgnisse seines Gegners teilten. So antwortete er:

»Es steht ausdrücklich im Gesetz, daß man dem Volk ohne seine Zustimmung keine neuen Lasten aufbürden darf. Wir bezahlen diese Freiheit nur allzu teuer, und niemand, selbst der Höchste nicht, darf sie antasten. Für einen Menschen, der nicht weiter in die Zukunft blickt, machen freilich acht Grooten einmal bezahlt nicht viel aus; aber es sind ja auch nicht die acht Grooten, die mich zum Widerstande reizen; sollen wir etwa die Vorrechte, unsere Schutzwehr gegen die Herrschsucht der Leliaerts zerstören lassen? Nein, das wäre feig und höchst unvorsichtig. Wißt, meine Brüder, die Freiheit ist ein zarter Baum, bricht man einen seiner Zweige ab, so vergeht er und stirbt. Duldet ihr, daß die Leliaerts den Baum derart beschneiden, so werden sie uns bald die Kraft rauben, den verdorrten Stamm zu verteidigen. Wer ein Männerherz hat, darf die acht Grooten nicht bezahlen! Wer das echte Klauwaarts-Blut in sich strömen fühlt, der ergreife den Goedendag und verteidige die Rechte des Volkes! Die Abstimmung mag hierüber entscheiden, denn mein Rat ist kein Befehl.«

Nun ergriff der Weber, der bereits gesprochen hatte, wieder das Wort:

»Ihr gebt uns einen verderblichen Rat. Ihr freut Euch an Aufruhr und Blutvergießen, damit Ihr überall als Anführer genannt werdet; wäre es nicht viel weiser, uns der französischen Herrschaft als getreue Untertanen zu unterwerfen und dadurch unseren Handel auf dieses große Land auszudehnen? Ja, ich behaupte: die Regierung Philipps des Schönen wird unseren Wohlstand vermehren, und jeder wohldenkende Bürger muß die französische Herrschaft als ein Glück betrachten. Unser Magistrat besteht aus achtbaren, weisen Herren.«

Alle Weber waren höchst verdutzt und viele warfen finstere, verächtliche Blicke auf den Mann, der solch feige Worte gesprochen hatte. De Coninck flammte zornig auf. Seine Volksliebe kannte keine Grenzen; daß ein Weber so reden konnte, schien ihm die ganze Zunft zu entehren.

»Wehe!« rief er, »ist denn alle Liebe zur Freiheit und zu eurem Vaterland in eurer Brust erstorben? Wollt ihr aus Geldgier denen die Hände küssen, die euch in Ketten schlagen? Sollen unsere Nachkommen sagen, die Brügger hätten ihr Haupt vor einem Fremden und vor dessen Sklaven gebeugt? Nein, Brüder, duldet das nicht, besudelt euren Namen nicht mit solcher Schmach! Laßt die feigen Leliaerts immerhin um der Ruhe und des Geldes willen ihre Freiheit dem Ausländer verpfänden. Wir bleiben frei von Schande und Schmach! Mögen die Kinder des freien Brügge nochmals ihr Blut für das Recht dahingeben. Um so herrlicher prangt die purpurne Standarte, um so fester wird des Volkes Recht besiegelt!«

Meister Brakels ließ De Coninck nicht fortfahren:

»Was Ihr auch sagen mögt, ich wiederhole, es ist keine Schande für uns, einem fremden Fürsten zu unterstehen; im Gegenteil sollten wir uns freuen, daß wir nunmehr dem großen Frankreich zugehören. Was kümmert es ein handeltreibend Volk darum, unter wem es seinen Reichtum mehrt? Mohammeds Gold ist so gut wie das unserige.«

Die Erbitterung gegen Brakels erreichte jetzt den Höhepunkt; niemand antwortete. De Coninck seufzte laut und schmerzlich: »O welche Schande! ein Leliaert, ein Bastard hat in der Versammlung der Weber gesprochen; der Fleck ist nicht zu tilgen.«

Ungestümer Zorn packte die Schar der Weber; wutentbrannt, flammenden Auges blickten sie auf Meister Brakels. Und plötzlich ertönte hier und dort der Schrei: »Stoßt ihn aus, den Leliaert! Kein französisch Gesinnter soll unter uns sein!«

De Coninck mußte allen Einfluß aufbieten, um die Ruhe wiederherzustellen, denn manche waren drauf und dran, zu Gewalttaten zu schreiten. Es ward beantragt, daß man Meister Brakels von der Zunft ausschließen oder zu einer Buße von vierzig Pfund Wachs verurteilen sollte. Während der Schreiber mit der Abstimmung beschäftigt war, stand Brakels ganz ruhig vor dem Obmann. Er baute auf alle, die seine erste Rede gutgeheißen hatten. Aber er täuschte sich gewaltig; der Name Leliaert galt allen als Schandfleck, und deshalb blieb ihm kein einziger Freund. Alle Stimmzettel trugen das Urteil: Ausgestoßen, und diese Entscheidung wurde mit allgemeinem Jubel begrüßt.

Nun flammte der Zorn des Leliaerts auf, und er erging sich in ungestümen Drohungen und Scheltworten gegen De Coninck. Der Obmann blieb mit der größten Ruhe in seinem Stuhl sitzen und antwortete nicht auf die Schmähungen seines Gegners. Zwei starke Gesellen, die als Türwärter angestellt waren, traten alsbald zu dem Ausgestoßenen und befahlen ihm, auf der Stelle die Versammlung zu verlassen. In bitterem Grimm gehorchte Brakels dem Geheiß und lief wutschnaubend zu Johannes van Gistel, dem Oberzöllner, den er von dem Widerstand des Obmanns der Weber in Kenntnis setzte.