Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 7
»Die Weberzunft ist stark genug, um das Edelfräulein vor allem Unheil zu bewahren,« antwortete De Coninck listig; »ich kann Euch versichern, sie würde hier in Brügge ebenso sicher wie in Deutschland wohnen können, wenn ich sie beraten dürfte.«
»Aber wer hindert Euch daran?« fragte Adolf.
»O Herr, ein geringer Bürger kann nicht so ohne weiteres über seine Landesherrin verfügen; sollte es ihr aber belieben, künftig meinem Rate zu folgen, so könnte ich für sie einstehen.«
»Ich verstehe Euch nicht recht, Meister. Was verlangt Ihr denn von der Jungfrau? Ihr wollt sie doch nicht anderswohin bringen?«
»O nein; -- aber sie dürfte sich nicht ohne mein Wissen auf die Straße begeben, sich auch nicht weigern, auszugehen, wenn ich es für nötig halte. Übrigens soll es Euch freistehen, mir diese Vollmacht zu entziehen, sobald Ihr an meiner Aufrichtigkeit zweifelt.«
Da De Coninck in Flandern für einen der verständigsten Männer galt, so nahm Adolf an, daß sein Verlangen von Vorsicht diktiert war, und gestand ihm deshalb alles zu, unter der Bedingung, daß er persönlich für die Jungfrau einstehe. Der Obmann machte alsdann darauf aufmerksam, daß er die edle Machteld nicht kannte, und deshalb wurde sie von Maria herbeigeholt.
De Coninck verbeugte sich tief und demütig vor ihr; das Mägdelein aber betrachtete ihn erstaunt, denn es wußte nicht, wer er war. Da hörte man plötzlich Lärm auf dem Gang, als ob zwei Menschen sich stritten.
»So wartet doch!« rief einer von ihnen, »ich will gehen und fragen, ob Ihr eintreten dürft.«
»Was?« rief eine andere noch gewaltigere Stimme, »Ihr wollt die Fleischer fernhalten, während die Weber zugelassen werden? Rasch, macht Platz, oder Ihr werdet es bereuen!«
Die Tür ging auf, und ein junger kräftig gebauter Mann mit stolzen Zügen trat ins Zimmer. Er trug ein Koller wie De Coninck, nur war es geschmackvoller verziert. Ein großes Kreuzmesser steckte in seinem Gürtel. Als er in das Zimmer trat, warf er sein langes blondes Haar zurück und blieb verblüfft an der Tür stehen. Er hatte geglaubt, den Obmann der Weber mit einigen seiner Genossen zu finden. Als er jetzt aber diese herrliche Jungfrau und vor ihr De Coninck in demütiger Haltung erblickte, wußte er nicht, was er denken sollte. Doch ließ er sich weder hierdurch, noch durch Meister Rogaerts forschende Blicke außer Fassung bringen. Er entblößte sein Haupt, verbeugte sich hastig vor allen anwesenden Personen und ging stracks auf De Coninck zu. Dem klopfte er freundschaftlich auf die Schulter und meinte:
»Meister Peter, ich suche Euch schon seit zwei Stunden in der ganzen Stadt, aber ich konnte Euch nirgends finden. Ihr wißt ja noch nicht, was vorgeht, was ich Euch für Nachrichten bringe.«
»Nun, was gibt es denn, Meister Breydel?« fragte De Coninck ungeduldig.
»Starrt mich doch nicht so mit Eurem grauen Auge an,« rief Jan Breydel, »denn Ihr wißt wohl, daß ich mich vor Eurem Katzenblick nicht fürchte. Doch einerlei -- wisset denn, König Philipp der Schöne und die verfluchte Johanna von Navarra kommen morgen nach Brügge. -- Und die sauberen Herren vom Magistrat haben hundert Weber, vierzig Fleischer, und ich weiß nicht wie viele noch zum Herrichten von Triumphbogen, Wagen und Schafotten verlangt.«
»Und was besagt denn das so Außerordentliches, daß Ihr so lauft?«
»Wie, Meister! -- was das besagt? Mehr, als Ihr denkt; denn nicht ein einziger Fleischer mag helfen, und dreihundert Weber warten auf Euch vor dem Pand[19]. Was mich betrifft, so sollen sie nur warten, bis ich mich für die rühre. Die Goedendags[20] stehen bereit, die Messer sind geschliffen. Ihr wißt wohl, was das bei meiner Zunft besagen will.«
[19] Die Zünfte hatten besondere Gebäude, wo sie sich versammelten und ihr Festgerät, wie Standarten usw., bewahrten. Dies nannte man »Pand«.
[20] Sprich: Gutentags. -- Die Vlaemen hatten eine fürchterliche Waffe, die sie mit großer Behendigkeit zu gebrauchen wußten. Es waren lange Speere, mit einer eisernen Spitze versehen. Sie hatten sie aus Scherz »Goedendags« genannt, was so viel bedeutete, als daß sie den Feind damit tüchtig begrüßen konnten.
Die Anwesenden lauschten neugierig den ungezwungenen Worten des Fleischers. Seine Stimme war angenehm und wohlklingend, ohne die Weichheit einer Frauenstimme. De Coninck bedachte, daß Breydels Vorhaben heikel war und antwortete daher:
»Meister Jan, ich komme mit; wir werden unter uns die nötigen Maßnahmen treffen. Erst aber erkennet in dieser edlen Jungfrau die Tochter von unserem Herrn Robrecht van Bethune!«
Breydel warf sich bestürzt vor Machteld auf die Knie, blickte zu ihr auf und rief:
»O meine durchlauchtigste Gebieterin! vergebt mir die unbesonnenen Worte, die ich ahnungslos vor Euch sprach. Die edle Tochter des Löwen von Flandern, unseres Herrn, möge es einem geringen Bürger nachsehen.«
»Steht auf, Meister,« antwortete Machteld freundlich. »Eure Worte haben mich nicht verletzt; denn Liebe zum Vaterland und Haß gegen unsere Feinde gaben sie Euch ein. Ich danke Euch für Eure Treue.«
»Gnädige Gräfin,« sprach Breydel, und stand auf, »Euer Edeln können nicht glauben, wie sehr ich die Snakkers[21] und Leliaerts hasse! O, könnte ich das Leid rächen, das dem Hause von Flandern angetan wurde, -- o, könnt' ich's doch! Aber der Obmann der Wollenweber kommt mir immer dazwischen. Vielleicht hat er recht, denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben; aber ich kann kaum an mich halten. Morgen kommt die falsche Königin von Navarra nach Brügge: Gott wende meinen Sinn, sonst sieht sie ihr verhaßtes Frankreich nicht wieder.«
[21] Wenn die Brügger kamen, um ihre Steuern zu bezahlen, wurden sie von den französischen Beamten barsch angefahren. Sie nannten die Scheltworte: »de Snakkers«. Die Brücke, an der das Zollhaus stand, heißt noch heute die »Snaggaartsbrücke«.
»Meister,« sprach Machteld, »wollt Ihr mir etwas versprechen?«
»Ich Euch etwas versprechen, edle Dame? Wie gütig sprecht Ihr doch zu Eurem unwürdigen Diener! Ein Gedanke von Euch soll mir ein heiliges Gebot sein, durchlauchtige Jungfrau!«
»Gut; ich wünsche, daß Ihr während der Anwesenheit Eurer neuen Fürsten die Ruhe nicht stört.«
»Es soll geschehen,« sagte Breydel betrübt, »ich hätte lieber gehört, daß Ihr meinen Arm und mein Messer braucht. Aber was nicht ist, kann noch werden!«
Dann beugte er nochmals ein Knie vor der jungen Machteld und fuhr fort:
»Ich bitte, ich beschwöre Euch, edle Tochter des Löwen, vergeßt Euren Diener Breydel nicht, falls Ihr jemals mutiger Männer bedürfet. Die Fleischerzunft wird ihre Goedendags und ihre Messer Euch zu Diensten geschliffen halten.«
Das Mädchen erschrak nicht wenig über dies blutige Anerbieten; aber der junge Mann gefiel ihr sehr.
»Meister,« entgegnete sie, »ich werde meinen Herrn und Vater, wenn ihn mir Gott zurückgibt, von Eurer Treue in Kenntnis setzen; ich kann Euch nur meiner Dankbarkeit versichern.«
Bei diesen Worten stand der Obmann der Fleischer auf und zog De Coninck am Arm mit sich fort. Nachdem beide das Zimmer und das Nieuwlandsche Haus verlassen hatten, plauderten die Zurückbleibenden noch lange über den unerwarteten Besuch.
Als die beiden auf der Straße waren, begann De Coninck:
»Meister Jan, Ihr wißt, der Löwe von Flandern war immer ein Freund des Volkes; deshalb ist es unsre Pflicht, seine Tochter wie ein Heiligtum zu hüten.«
»Still,« sprach Breydel, »der erste Franzose, der sie unfreundlich ansieht, soll mit meinem Kreuzmesser Bekanntschaft machen. Aber, Meister Peter, wäre es nicht besser, wenn wir die Tore schlössen und Johanna nicht in die Stadt ließen? Alle Fleischer stehen bereit; die Goedendags stehen hinter der Tür, und auf den ersten Ruf sind die Leliaerts ...«
»Hütet Euch wohl, Gewalttätigkeiten zu begehen,« unterbrach De Coninck. »Es ist überall Sitte, seinen Landesherrn prunkvoll zu empfangen -- das kann also die Gemeinde nicht entehren. Es ist besser, die Kräfte für wichtige Unternehmungen aufzusparen. Das Vaterland wimmelt von französischen Kriegsknechten, und wahrscheinlich würden wir gegen sie den kürzeren ziehen.«
»Aber, Meister, das dauert schon zu lange. Wir wollen lieber den Knoten mit einem guten Messer durchschneiden, statt ihn so langsam zu lösen. Ihr versteht --!«
»O ja, aber der Plan ist schlecht. Das beste Messer ist die Vorsicht, Breydel. Es schneidet zwar langsam, aber es wird nie stumpf und bricht auch nicht. -- Wozu wollt Ihr denn die Tore schließen? Nichts ist damit gewonnen. Ich will Euch einmal etwas sagen: Laßt das Unwetter sich ruhig verziehen, laßt die Kriegsknechte mählich nach Frankreich zurückkehren, gebt den Französlingen und Leliaerts ein wenig nach, damit ihre Wachsamkeit nachläßt.«
»Nein,« warf Breydel ein, »unmöglich. -- Schon werden sie herrisch, beginnen zu drohen; sie berauben die Bauern ihrer Freiheit und behandeln uns Bürger wie Sklaven.«
»Desto besser, Meister Jan, desto besser!«
»Desto besser! was soll das heißen? Geht, Meister! Habt Ihr den Mantel gedreht, wollt Ihr uns mit Eurer Fuchsesschläue verraten? -- Fast scheint es mir, als wenn Ihr mit der Zeit etwas nach Lilien röchet!«
»Nein, nein, mein Freund Jan! Bedenkt nur wie ich, daß die Befreiung um so schneller naht, je mehr die Erbitterung steigt. Würden sie ihr Tun beschönigen, mit scheinbarer Gerechtigkeit herrschen, dann würde das Volk im Joch entschlummern und das Gebäu unserer Freiheit sänke für immer dahin. Seht, die Tyrannei der Herrscher brütet die Freiheit des Volkes wie eine Henne aus. Sollten sie aber wagen, die Vorrechte unserer Stadt anzutasten, so wäre ich der erste, der Euch zum Widerstand ermunterte -- aber auch dann noch nicht zur offenen Gewalt. Es gibt andere Waffen, die sicherer arbeiten.«
»Meister,« gestand Jan Breydel zu, »ich verstehe jetzt, Ihr habt immer recht, als ständen Eure Worte auf Pergament. Aber es fällt mir sehr schwer, die kecken Franzosen so lange zu ertragen; lieber noch wäre ich sarazenisch als welsch[22]. Doch Ihr sagt ganz richtig: je mehr ein Frosch sich aufbläst, desto eher platzt er. Ich muß zugeben: im Verstand sind uns die Weber über.«
[22] In dieser Zeit bezeichnete man das französische Volk mit dem Namen »Walen«. Diese Bezeichnung ist aus dem französischen Wort »Gaulois« gebildet worden. Anscheinend haben die Walen ihren Namen auf diese Weise erhalten. Jakob von Maerlant, ein Dichter des 13. Jahrhunderts, nennt die französischen Dichter »welsche, falsche Poeten«.
»Gut, Meister Breydel, und in Mut und Kühnheit die Fleischer. Gehen beide Tugenden, Vorsicht und Mut, bei uns stets Hand in Hand, dann wird es den Franzosen an Zeit fehlen, uns in Ketten zu schlagen.«
Der Obmann der Fleischer lachte laut und zufrieden über die Schmeichelei. »Ja,« meinte er, »in meiner Zunft gibt's tapfere Leute, Meister Peter. Und die Welschen sollen das merken, wenn der bittere Apfel reif ist. Aber da fällt mir ein: wie wollt Ihr die Tochter des Löwen, unseres Herrn, den Augen der Königin entziehen?«
»Ich werde sie ihr im Sonnenlicht zeigen.«
»Wie, Meister? Jungfrau Machteld Johanna von Navarra zeigen? Mir scheint, Ihr redet irre! Seid Ihr auf den Kopf gefallen?«
»Keineswegs! Morgen, beim Einzug der fremden Herrschaften, sollen alle Weber unter Waffen sein; Ihr werdet an der Spitze der Fleischer stehen. Was können die Welschen dann ausrichten? Nichts natürlich. Schön. Dann stelle ich Jungfrau Machteld in die vorderste Reihe, damit Johanna von Navarra sie bestimmt bemerkt. So erfahre ich auch zugleich, was die Königin im Sinne hat, und was wir für Machteld zu befürchten haben.«
»Recht so, Meister Peter! Ihr habt zu viel Verstand für einen sterblichen Menschen! Ich werde die Tochter des Löwen bewachen und habe nur den einen Wunsch, daß ein Franzose sie beleidigt, denn es juckt mir gewaltig in den Fäusten. Aber heute muß ich noch nach Lijseele gehen und Hornvieh kaufen, so lange werdet Ihr über die junge Gräfin wachen.«
»Nun seid nur ruhig, Freund Jan, und laßt Euer Blut nicht zu arg kochen. So, da sind wir ja am Weber-Pand.«
Wie Breydel gesagt hatte, standen dort unzählige Weber vor der Tür. Alle hatten sie Wämser und Mützen genau wie ihr Obmann. Hie und da hatte wohl ein junger Gesell längeres Haar und mehr Verzierungen am Rocke, aber schlimm war das nicht, denn allzu viel Eitelkeit war bei der Zunft nicht gestattet.
Jan Breydel sprach noch leise ein paar Worte mit De Coninck und verließ ihn dann ganz befriedigt.
Beim Nähern ihres Obmannes löste sich die Schar der Weber; sie entblößten ehrerbietig das Haupt und folgten ihm in die Herberge.
VII.
Die Leliaerts hatten ungewöhnliche Anstalten zum Schmucke der Stadt getroffen; sie hofften sich dadurch die Gunst des neuen Fürsten zu erringen. Alle Zunftgesellen hatten an der Errichtung der Triumphbögen mitgearbeitet; mit Geld war nicht gespart worden; die reichsten Stoffe waren aus den Läden hervorgesucht und an den Giebeln der Häuser aufgehängt worden; auch viele junge Bäume hatte man abgehauen und in den Straßen aufgestellt. Am andern Morgen um zehn Uhr war alles fertig.
In der Mitte des großen Marktes hatte die Zunft der Zimmerleute ein prachtvolles, mit blauem Sammet überzogenes Schaugerüst errichtet. Darauf standen Sessel mit goldenen Borden und gestickten Kissen und daneben zwei Standbilder, der Friede und die Macht, die Kronen aus Lorbeer- und Ölzweigen über die Häupter Philipps des Schönen und Johannas von Navarra halten sollten. Leichte Behänge schmückten den Thron, und der Markt war rings mit reichen Teppichen belegt. Am Eingang der Steinstraße ragten vier marmorne Fußsäulen; auf jeder stand ein Posaunenbläser in Engelskleidung, mit langen Flügeln und purpurnem Gewand. Gegenüber der großen Fleischhalle in der Frauenstraße war ein prächtiger Triumphbogen mit gotischen Pfeilern errichtet worden. Ob der Wölbung hing das Wappen von Frankreich auf purpurnem Grunde, weiter unten an Pfeilern die Schilde von Flandern und Brügge. Überall an den Leisten waren Sinnbilder angebracht, um dem fremden Gebieter zu schmeicheln. Hier kroch Flanderns schwarzer Löwe vor einer Lilie, dort waren die Sterne des Himmels mit Lilien vermengt, kurz lauter plattes Zeug, das die Bastardvlaemen erdacht hatten.
Wäre Jan Breydel nicht durch den Obmann der Weber zurückgehalten worden, so hätten die unwürdigen Darstellungen das Volk nicht lange erbittert; so aber verhehlte er seinen Ärger und beschaute alles mit finsterer Ruhe. De Coninck hatte ihm begreiflich gemacht, daß der rechte Augenblick noch nicht gekommen war.
Die Kathelinenstraße war ihrer ganzen Länge nach mit schneeweißer Leinwand und langen Laubkränzen behangen. Willkommensprüche schmückten die Häuser der Leliaerts. Auf kleinen viereckigen Ständern brannte allerlei Rauchwerk in prächtig getriebenen Vasen und junge Mägdelein streuten Blumen auf die Straßen. -- Das Kathelinentor, durch das die Fürsten in die Stadt einziehen mußten, war von außen mit kostbarem Scharlach behangen. Sinnbilder schmeichelten den Fremden und entehrten den Löwen, das siegreiche Zeichen früherer Geschlechter. Acht Trompeter standen neben dem Tor auf dem Wall, um den Willkomm zu blasen und die Fürsten anzukündigen. Auf dem großen Markte standen die Zünfte mit ihren Goedendags in Reihe und Glied längs der Häuser. De Coninck lehnte sich mit dem rechten Flügel der Weber an den Eiermarkt; Breydel mit der Fleischerzunft stand zur Steinstraße hin; die anderen Zünfte verteilten sich in kleineren Gruppen auf der anderen Seite. Die Leliaerts und vornehmsten Edlen der Stadt hatten sich unter der Halle auf einem prächtigen Gerüst versammelt.
Gegen elf Uhr kündeten die Trompeter auf den Wällen die Ankunft der Herrschaften an, und endlich betrat der königliche Zug durch das Kathelinentor die Stadt. Voraus ritten vier Herolde auf schönen weißen Pferden; an ihren Trompeten hingen die Banner Philipps des Schönen, ihres Gebieters, mit goldenen Lilien auf blauem Felde. Sie bliesen einen schönen Marsch und entzückten die Zuhörer durch den Zusammenklang der Töne.
Zwanzig Schritt dahinter ritt König Philipp der Schöne hoch zu Roß einher. Keiner von allen Rittern, die ihn begleiteten, konnte ihn an Schönheit übertreffen; schönes schwarzes Haar fiel in leichten Locken auf seine Schultern nieder und spielte schmeichelnd um seine zarten Wangen, auf die ein Weib hätte stolz sein können. Die gebräunte Farbe seines weichen Gesichts verlieh ihm einen männlichen Ausdruck; sein Lächeln war sanft und seine ganze Erscheinung sehr einnehmend. Die hohe, schöne Gestalt und die edle Haltung machten ihn zum vollkommensten Ritter seiner Zeit. Deshalb wurde er denn auch in ganz Europa le Bel >der Schöne< genannt. -- Seine Kleidung war reich mit Gold und Silber gestickt und doch nicht überladen. Überhaupt empfand man, daß feinster Geschmack, nicht Eitelkeit den Ausschlag gab. Der versilberte Helm auf seinem Haupte war mit einem großen Federbusch geschmückt, der bis auf den Rücken seines Pferdes herabhing.
Neben ihm ritt seine Gemahlin, die stolze Johanna von Navarra. Sie saß auf einem falben Zelter und war ganz mit Gold und Edelsteinen beladen. Ein langes Reitkleid von Goldstoff, das eine silberne Schnur auf der Brust zusammenfaßte, fiel in schweren Falten bis auf die Erde und schillerte lebhaft in tausendfältigem Glanz. Perlen, Knöpfe und Eicheln aus den kostbarsten Stoffen hingen im Übermaß an ihr und ihrem Zelter. Man konnte in den Zügen der hochmütigen, eitlen Fürstin lesen, daß dieser siegreiche Einzug ihrem stolzen Herzen schmeichelte. Sie blickte mit hochfahrender Aufgeblasenheit auf das überwundene Volk, das in den Fenstern, auf den Brunnen, ja sogar auf den Dächern stand, um den Zug sehen zu können.
An der andern Seite des Königs ritt sein Sohn Ludwig Hutin. Der junge Fürst war trotz seiner hohen Stellung demütig und gutartig; Wohlwollen für seine neuen Untertanen strahlte von seinem Gesicht, und die Bürger sahen ihn stets freundlich lächeln. Er besaß die guten Eigenschaften seines Vaters, nichts von den häßlichen Wesenszügen seiner Mutter.
Dicht hinter dem König kamen einige Schildknappen, Pagen und Hofdamen, dann folgte ein langer Zug prächtig gekleideter Ritter, darunter die Herren Enguerrand von Marigny, Châtillon, Saint-Pol, de Nesle, de Nogaret und andere. Die königliche Standarte und eine Menge kleiner Fahnen flatterten lustig über den edlen Rittern.
Schließlich kam noch ein Trupp Leibwachen, wohl dreihundert Mann, alle zu Pferde, von Kopf bis zu Füßen in Eisen. Lange Speere ragten wohl zwanzig Fuß über die Schar empor; sie hatten Helme, Harnische, Waffenröcke, Schilde und eiserne Handschuhe, auch die schweren Pferde waren mit Eisenplatten bedeckt.
Die vielen Bürger, deren Scharen überall standen, betrachteten den Zug in feierlichem Schweigen. Kein einziger Willkommengruß ertönte aus ihren Reihen, keinerlei Freude tat sich kund. Durch diesen kalten Empfang fühlte sich Johanna von Navarra schwer gekränkt, und ihre Erbitterung stieg, als sie bemerkte, daß viele Augen ohne jede Ehrerbietung auf ihr ruhten, und daß manch verächtliches Lächeln ihr den Haß der Vlaemen gegen sie bezeigte.
Sobald der Zug zum Markt kam, setzten die beiden Engel auf den Marmorsäulen ihre Posaunen an und bliesen ihren Willkomm, daß es über den ganzen Platz schallte. Dann stimmten die Herren vom Magistrat mit einigen anderen Leliaerts den Ruf an: »Hoch Frankreich! Es lebe der König! Es lebe die Königin!«
Die stolze Johanna kochte innerlich vor Wut, als sie auch nicht einen Einzigen aus dem Volk oder den Zünften rufen hörte. Alle Bürger standen regungslos da, nicht das kleinste Zeichen von Ehrerbietung oder Freude ward laut[23]. Die zornige Königin verbiß vorerst ihren Grimm, und nur ihr Gesicht verriet ihre Mißstimmung.
[23] Als Philipp seinen Einzug in Brügge hielt, verwunderte er sich darüber, daß ihn die Einwohner ohne jedes Zeichen von Freude empfingen. (Brügger Jahrbücher.)
Etwas abseits vom Throne befand sich eine Schar Edeldamen auf auserlesenen Zeltern. Um die Königin Johanna mit geziemender Pracht zu empfangen, hatten sie sich so reich mit Juwelen und kostbarem Schmuck behangen, daß das Auge den Glanz kaum ertragen konnte. Machteld, die schöne junge Tochter des Löwen von Flandern, war ganz vorn und fiel der Königin zuerst in die Augen.
Ein langer spitzer Hut von gelber Seide und rotsammeten Bändern saß leicht auf ihrem Kopf; darunter fiel ein Tuch von feinstem Linnen über Wangen, Hals und Schultern bis zur Mitte des Rückens hernieder. An einem goldenen Knopf, oben auf dem Hut, hing ein durchsichtiger, mit tausend goldenen und silbernen Punkten durchwirkter Schleier; ihr Obergewand war vorn offen und ließ einen Latz von blauem Sammet mit silbernen Schnüren hervorschauen; es reichte nur bis an die Knie und war von dem kostbarsten Goldstoff. Darunter kam ein grünes Atlasgewand hervor, das lang, in reichen Falten bis zur Erde niederhing. Lieblich schimmerte dies reiche Gewand, denn bei jeder Bewegung änderte es die Farbe: bald schien es im Sonnenlichte wie feinstes Gold in gelbem Glanze zu erstrahlen, bald wieder ward es grün, bald blau. Auf der Brust der jungen Edeldame an einer kostbaren Perlenschnur, blinkte eine Platte von geschlagenem Gold, die den schwarzen Löwen von Flandern, kunstvoll in Achat geschnitten, umfaßte. Ein goldener Schuppengürtel mit seidenen und silbernen Fransen zeigte einen Verschluß aus zwei Rubinen. Das Geschirr des Zelters, der die liebliche Jungfrau trug, war auch über und über mit goldenen und silbernen Plättchen und beweglichen Eicheln verziert. Ebenso kostbar und prächtig waren auch die anderen Frauen gekleidet.
Die Königin von Navarra kam mit dem ganzen Zuge langsam angeritten und richtete den Blick mit unwilliger Neugierde auf diese Frauen, die so im Sonnenlicht glänzten. Als sie sich ihnen auf eine bestimmte Entfernung genähert hatte, ritten ihr die Edeldamen mit vielem Anstand entgegen und bewillkommneten ihre neue Fürstin mit manch höflichem Gruße. Nur Machteld schwieg und betrachtete Johanna ernst; es war ihr nicht möglich, die Frau zu ehren, die ihren Vater hatte in den Kerker werfen lassen. Ihr Grimm war deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen; Johanna bemerkte es. Hochmütig blickte sie auf Machteld, um sie einzuschüchtern; aber sie täuschte sich, denn die Jungfrau senkte ihre Augenlider nicht und sah die grimmige Königin stolz an. Diese war schon durch die ungewohnte Pracht der Edeldamen erregt, nun konnte sie nicht länger an sich halten, wandte mit sichtlichem Ärger ihren Zelter um und rief, mit dem Kopf auf die Damen weisend:
»Seht, meine Herren, ich glaubte allein Königin in Frankreich zu sein; aber fast dünkt mich, die Vlaemen, die in unseren Gefängnissen liegen, sind allesamt Prinzen, da ich ihre Frauen hier gekleidet sehe wie Königinnen und Prinzessinnen.«
Sie hatte das so laut gerufen, daß alle umstehenden Ritter, ja, selbst einige Bürger es verstanden. Mit schlecht verhehltem Mißvergnügen fragte sie den Ritter, der ihr folgte:
»Herr von Châtillon, was ist das nur für eine trotzige Jungfrau hier vor mir mit dem Löwen von Flandern auf der Brust? Was bedeutet das?«
Châtillon ritt heran und antwortete:
»Es ist die Tochter des Herrn van Bethune, sie heißt Machteld.«
Dabei legte er seinen Finger auf den Mund, um der Königin Verstellung und Schweigen anzuraten. Sie verstand und gab ihre Zustimmung durch ein Lächeln zu erkennen, ein Lächeln voll grausamer Falschheit und häßlicher Rachsucht.
Wer in diesem Augenblick den Vorsteher der Weber beobachtete, der konnte sehen, wie starr sein einziges Auge auf die Königin gerichtet war; kein Fältchen war auf ihrer Stirn erschienen und verschwunden, das De Coninck nicht bemerkt hätte. In ihren wechselnden Zügen hatte er ihren Zorn, ihre Absichten und Pläne gelesen. Schon wußte er, daß Châtillon der Vollstrecker ihrer Befehle sein sollte, und sann sofort auf Mittel, der List und Gewalt dieser Feindin zu begegnen.