Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 6
Der Wortbruch des französischen Hofes erfüllte das Volk mit größter Bestürzung. Das Mitleid steigerte noch die Liebe, mit der es jeder Zeit seinem Grafen ergeben war, und diese Treulosigkeit löste Empörung aus. Aber die zahlreichen französischen Truppen, die allenthalben lagen, und die Uneinigkeit unter den Bürgern brach vorerst den patriotischen Klauwaarts[17] den Mut. So blieb Philipp der Schöne ruhig im Besitz von Gwijdes Erbteil. Als die traurige Mär nach Flandern kam, begab sich Maria, die Schwester Adolfs van Nieuwland, mit zahlreicher Dienerschaft nach Wijnendaal, um ihren verwundeten Bruder in einer Tragbahre in sein Vaterhaus nach Brügge zu überführen. Die junge Machteld folgte angesichts der schmerzlichen Trennung von all ihren Blutsverwandten der neuen Freundin und verließ Schloß Wijnendaal, das französische Besatzung erhalten hatte.
[17] Zu dieser Zeit wurden die französisch gesinnten Vlaemen Leliaerts genannt, wogegen die Freunde des Grafen und der Unabhängigkeit des Landes unter dem Namen Klauwaarts bekannt waren; dies bezog sich auf die Klauen, womit der Löwe von Flandern die Lilien zu bedrohen schien. (Voisin, Notice sur la bataille de Courtrai.)
Das Haus der Familie Nieuwland lag an der spanischen Straße zu Brügge. Zwei runde Türme ragten zu beiden Seiten des Giebels mit ihren Wetterhähnen über das Dach und beherrschten alle umliegenden Gebäude. Zwei Pfeiler aus Quadersteinen in griechischem Stil stützten den Torbogen, den der Schild und Wahlspruch derer van Nieuwland zierte: »Pulchrum pro patria mori!« Zu beiden Seiten des Schildes schwebte ein Engel mit Palmenzweigen in der Hand. In einem Gemach, welches fern genug von dem dauernden Lärm der Straße lag, ruhte der kranke Adolf auf einem kostbaren Bett. Er war so bleich und durch den Schmerz der Wunde so abgezehrt, daß man ihn kaum wiedererkennen konnte. Zu Häupten des Bettes stand auf einem Tischchen ein kleiner Krug und ein silberner Becher. An der Wand hing der Harnisch, der unter Saint-Pols Waffe geborsten war und dadurch Adolfs Wunde verschuldet hatte; daneben eine Harfe mit zerrissenen Saiten. Rings um ihn war es totenstill. Da die Fenster halb geschlossen waren, wurde das Gemach nur schwach erleuchtet.
Schweigend saß in einer Ecke Machteld, mit niedergeschlagenen Augen. Der Falke auf der Lehne ihres Stuhles schien an dem Gram der Gebieterin teilzunehmen: den Kopf unter dem Flügel ruhte er regungslos. Einst war das Mägdelein in ihrer munteren Fröhlichkeit gegen jeden Schmerz gefeit gewesen; nun war sie ganz umgewandelt. Die Gefangenschaft aller, die ihr teuer waren, hatte ihr junges Herz tief erschüttert. Jetzt schien ihr alles schwarz und düster: der Himmel war für sie nicht mehr blau, die Felder nicht mehr grün, -- durch ihre Träume zogen sich nicht mehr Gold- und Silberfäden. Nur Kummer und stille Verzweiflung fanden den Weg zu ihrem Herzen; nichts konnte sie über den schmerzlichen Gedanken an die Gefangenschaft ihres Vaters trösten.
Nach einiger Zeit erhob sie sich aus ihrer Regungslosigkeit und nahm ihren Falken auf die Hand. Weinend blickte sie auf den Vogel, und während sie hie und da eine Träne auf ihren bleichen Wangen trocknete, flüsterte sie leise:
»Du treuer Vogel, traure nicht so bang, mein Vater wird bald wiederkehren. Die böse Königin von Navarra soll ihm kein Leid antun: ich hab so heiß für ihn zum heiligen Michael gebetet, und Gott ist immer gerecht. Darum traure fürder nicht, du lieber Falke.«
Das Mägdelein weinte heiße Tränen. Schienen auch ihre Worte voller Trost und Hoffnung -- in ihrem Herzen wohnte tiefer Gram. Und weiter sprach sie:
»Du armer Falke, nicht wirst du nun mehr in den Gefilden unseres väterlichen Schlosses jagen; Franzosen hausen in unserem schönen Wijnendaal. Meinen unglücklichen Vater haben sie in einen Kerker geworfen, in schwere Ketten geschlossen. In dunklem Gefängnis schmachtet er so einsam, und wer weiß, ob ihn nicht die grausame Johanna noch umbringt! Ach du mein lieber Vogel, dann werden auch wir vor Angst vergehen. -- Der Gedanke, der furchtbare Gedanke allein raubt mir alle Kraft. Ach! setze dich doch nieder, meine zitternde Hand kann dich nicht mehr tragen.«
Das trostlose Kind sank ermattet in den Sessel, doch ihr Antlitz ward nicht bleicher; waren doch schon längst die Rosen auf ihren Wangen gewelkt, die Augenlider durch ewiges Weinen gerötet. Der Huldreiz ihrer Züge war geschwunden und ihr Auge ohne Feuer und Leben.
Lange blieb sie so in Traurigkeit versunken; der Reihe nach grübelte sie über all das nach, was ihre Verzweiflung nur noch steigern mußte. Die traurigen Gedanken weckten die schauerlichsten Vorstellungen. Sie sah ihren unglücklichen Vater gefesselt in einem feuchten Kerker, hörte seine Ketten rasseln, hörte den Widerhall seiner wehen Seufzer an dieser grausen Stätte. Auch der Gedanke, daß man in Frankreich so häufig die Menschen vergiftete, quälte sie beständig, und die gräßlichsten Bilder tauchten vor ihren Augen auf. Solcherart wurde das Mägdelein unaufhörlich gefoltert und lebte in tödlicher Pein.
Ein unterdrückter Seufzer tönte vom Bette her. Schnell wischte Machteld die Tränen von ihren Wangen und eilte in banger Sorge zu dem Kranken. Sie goß den Trank in die silberne Schale, stützte mit der rechten Hand ein wenig Adolfs Haupt und brachte die Schale an seinen Mund.
Weit öffnete der Ritter die Augen und heftete sie voller Staunen auf das junge Mägdelein. Dankbarkeit sprach aus seinen matten Blicken, und ein unbeschreibliches Lächeln verklärte seine bleichen Züge.
Seit seiner Verwundung hatte der Kranke noch nicht wieder verständlich gesprochen; es schien sogar, als ob er die Worte, die man leise zu ihm sprach, nicht vernahm. Doch als Machteld ihn in den ersten Tagen seiner Krankheit freundlich ermunterte: »Werde doch gesund, armer Adolf, mein teurer Bruder; ich will für dich beten, denn dein Tod würde mich noch unglücklicher machen,« -- und mancherlei, was sie ganz arglos an seinem Bette sprach, hatte Adolf gar wohl vernommen und verstanden, wenn es ihm auch an Kraft gebrach, zu sprechen.
In der vergangenen Nacht hatte sich Adolfs Zustand wirklich gebessert. Nach langem Kampf hatte ihm die Natur heilsamen Schlaf geschenkt, und daraus war er mit neuer Lebenskraft erwacht. Der Seufzer, der sich bei seinem Erwachen seiner Brust entrang, war kräftiger, als es ihm seine Wunde bisher gestattet hatte.
Als nun Machteld den Becher von seinem Munde nahm, faßte sie gewaltiges Staunen; denn mit schwacher, doch klarer Stimme sprach er:
»O edle Jungfrau! Mein lieber Schutzengel! Ich danke dem gütigen Gott für den Trost, den er mir durch Euch beschert hat. Bin ich der Sorge wert, edle Maid, daß Eure durchlauchtige Hand mein Haupt so freundlich stützt? Seid gesegnet für Eure Mühen um einen armen Rittersmann.«
Das Mägdelein sah ihn verwundert an; als sie aber merkte, wie sehr er an Lebenskraft gewonnen hatte, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und lieh ihrer Freude jubelnden Ausdruck.
»O, Ihr werdet wieder genesen, Herr Adolf!« rief sie. »Nun mag ich nicht mehr trauern; jetzt werde ich wenigstens einen Bruder haben, der mich tröstet.«
Als erinnerte sie sich dann aber an etwas Vergessenes, hemmte sie jäh ihre heftige Bewegung; ihr Gesicht wurde ernst, und kniend warf sie sich vor einem Kreuz am Kopfende des Bettes nieder. Sie faltete ihre Hände und richtete ein langes Dankgebet an den Herrn, der ihren Freund und Bruder Adolf hatte genesen lassen. Dann erhob sie sich, blickte noch einmal den Ritter an und sprach fröhlich:
»Haltet Euch recht still, Herr Adolf, und rühret Euch nicht, so hat es Meister Rogaert geheißen.«
»Was habt Ihr nicht alles für mich getan, durchlauchtigste Tochter meines Herrn,« sprach Adolf. »Beständig vernahm ich Eure Gebete, so manches Mal hat Eure tröstende Stimme mein Herz gestärkt! Ja, im Schlummer schien es mir, daß ein Engel Gottes den Tod von meinem Bett abwehrte. Ein Engel, der mein Haupt stützte, meinen brennenden Durst mitleidig stillte und mir unaufhörlich versicherte, daß ich nicht sterben würde. Möge Gott mir bald meine Gesundheit wieder geben, auf daß ich mein Blut für die Euren vergießen kann.«
»Herr van Nieuwland,« entgegnete das Mägdelein, »Ihr habt Euer Leben für meinen Vater gewagt; Ihr liebt ihn so treu wie ich; ziemte es mir da nicht, Euch meine Dankbarkeit zu beweisen und für Euch wie für meinen Bruder zu sorgen? Der Engel, den Ihr sahet, war der heilige Michael, den ich bat, daß er Euch seine Hilfe leihe. -- Nun will ich geschwind Eure gute Schwester Maria rufen; sie soll sich mit mir über Eure Besserung freuen.«
Sie verließ den Ritter und kam einige Augenblicke danach mit Maria ins Gemach zurück. Ihre Freude über die Fortschritte in Adolfs Befinden sprach aus ihren Zügen und ihrer ganzen Haltung. Ihre Bewegungen wurden rascher und bestimmter; die Tränen waren versiegt, und der treue Vogel hörte wieder heitere Worte. Sobald sie mit Maria in das Gemach zurückgekehrt war, hatte sie den Falken vom Stuhl auf ihre Hand genommen und war mit ihm an Adolfs Bett getreten.
»Mein teurer Bruder,« rief Maria und küßte ihn auf die bleiche Wange, »du wirst gesund; nun werden die trüben Träume von mir weichen. O, wie bin ich froh! Wie oft habe ich an deinem Bette in bittrem Herzeleid geweint, wie oft glaubte ich, daß du sterben würdest, doch nun schwindet aller Gram. Willst du trinken, Bruder?«
»Nein, gute Maria,« antwortete Adolf. »Nie habe ich in meiner Krankheit Durst gelitten: hat mich doch die edelmütige Machteld gar fürsorglich gelabt! Sobald ich nur zum heiligen Kreuz[18] wandern kann, soll mein Gebet den Segen Gottes auf sie niederflehen, auf daß ihr nie ein Unglück widerfahren möge.«
[18] Ein Dorf in geringer Entfernung von der Stadt Brügge. Es war dort eine berühmte Kapelle zum heiligen Kreuze.
Inzwischen erzählte Machteld eifrig flüsternd ihrem Falken von der erfreulichen Besserung. Als der Vogel seine Gebieterin so fröhlich sah, schüttelte er sein Gefieder, als rüstete er sich zur Jagd.
»Treuer Vogel,« sagte das Mägdelein, indem es des Falken Kopf Adolf zuwandte, »sieh, nun wird Herr van Nieuwland gesund, den wir so lange in tiefem Schweigen daliegen sahen. Nun können wir zusammen sprechen und werden nicht mehr so im Dunkeln sitzen. Unsere Furcht entschwand, und so wird auch aller Kummer entweichen, denn nun wirst du wohl inne, daß Gott gütig und gerecht ist. Ja, mein schöner Falke, so endet wohl auch dereinst die bittere Gefangenschaft von ...«
Hier merkte Machteld, daß sie fast etwas gesagt hätte, was der kranke Ritter nicht wissen sollte. Aber brach sie auch kurz ab, das Wort »Gefangenschaft« erklang befremdend in Adolfs Ohr. Auch die Tränen, die er bei seinem Erwachen auf des Mägdeleins Wangen bemerkt hatte, erfüllten ihn nun mit banger Ahnung.
»Was sagt Ihr, Machteld?« rief er, »von wessen Gefangenschaft sprecht Ihr? Ihr weint! Himmel, was ist Euch widerfahren?«
Machteld durfte nicht antworten; aber Maria lenkte geschickt ein und flüsterte ihm ins Ohr:
»Sie meint die Gefangenschaft ihrer Tante Philippa; sprich nicht mehr darüber; denn sie weint unaufhörlich. Da es dir nun besser geht, kann ich bald Wichtiges mit dir besprechen, wenn Meister Rogaert es erlaubt; aber sie darf uns nicht hören, auch will ich erst Meister Rogaert erwarten. Nun bleib' ruhig, lieber Bruder, ich will Machteld in ein anderes Zimmer führen.«
Der Ritter ließ sein Haupt in die Kissen sinken und stellte sich, als ob er ruhe. Alsbald wandte sich Maria zu Machteld und sprach:
»Kommt, laßt uns gehen; denn Adolf möchte ein wenig schlafen. Aus Dankbarkeit gegen Euch spricht er zu viel.«
Das Mädchen folgte willig ihrer Freundin. Bald darauf trat der Wundarzt Rogaert ein, und Maria führte ihn zu ihrem Bruder.
»Nun, Herr Adolf,« rief Rogaert und ergriff seine Hand, »ich sehe, es geht gut. Nur keine Furcht, wir sind nun über den Berg. Ich brauche Eure Wunde jetzt nicht zu verbinden. Trinkt nur reichlich von diesem Wasser und haltet Euch so ruhig wie möglich. In weniger als einem Monat werden wir eine Wanderung zusammen machen, wenn nicht ganz unvorhergesehene Rückfälle eintreten. Da aber Euer Geist nicht so krank ist wie Euer Körper, so gestatte ich, daß Fräulein Maria Euch von dem traurigen Ereignis berichtet; aber bitte, Herr Adolf, erschreckt nur nicht und bleibt immer hübsch ruhig.«
Maria hatte schon zwei Stühle herangeschoben und setzte sich mit Meister Rogaert beim Kopfende des Bettes nieder. Der kranke Ritter betrachtete sie voll gespannter Neugierde. Man konnte in seinen Zügen lesen, wie sehr es ihm schon jetzt nahe ging.
»Laß mich erst ganz ausreden,« begann Maria, »unterbrich mich nicht und sei vernünftig, lieber Bruder. -- Am Abend deines Mißgeschicks rief unser Graf seine getreuen Lehnsleute zusammen und teilte ihnen mit, daß er nach Frankreich reisen wolle, um dem König Philipp dem Schönen zu Füßen zu fallen, und Gwijde von Flandern zog also mit den Edlen nach Compiègne; aber dort wurden sie allesamt gefangen genommen, und nun wird unser Land von den Franzosen beherrscht. Flandern untersteht Raoul von Nesle ...«
Dieser knappe Bericht ergriff den Ritter nicht so heftig, als man hätte erwarten sollen. Er antwortete nicht und schien in tiefes Nachdenken versunken.
»Ist das nicht traurig?« fragte Maria.
»O großer Gott!« seufzte Adolf, »welche holde Seligkeit hast du Gwijde zugedacht, da er so viele Demütigungen hienieden erdulden muß! -- Aber sage mir, Maria, ist auch der Löwe von Flandern gefangen?«
»Ja, lieber Bruder, Robrecht van Bethune sitzt zu Bourges in Berry gefangen und Herr Wilhelm in Rouen. Von all den Edlen, die mit ihm beim Grafen waren, ist nur einer diesem traurigen Schicksal entgangen -- der listige Dietrich.«
»Nun begreife ich auch die abgebrochenen Worte und die Tränen der unglücklichen Machteld. -- Ohne Vater, ohne Verwandte muß die Tochter des Grafen von Flandern bei Fremden Zuflucht suchen!«
Hell funkelten seine Augen, sein Gesicht strahlte vor Begeisterung, und er fuhr fort:
»Das teure Kind meines Fürsten und Gebieters ist mein Schutzengel gewesen! Wohl ist sie jetzt verlassen, unglücklich, allen Verfolgungen ausgesetzt; aber eingedenk der Wohltaten des Löwen werde ich über sie wachen wie über ein Heiligtum. O, welch schöne, welch erhabene Aufgabe ward mir zuteil! Wie ist mir nun das Leben wert, da ich es ganz der Dankbarkeit weihen kann.«
Nach kurzem, tiefem Nachdenken ward plötzlich sein Gesicht finster; flehend blickte er den Arzt an und sprach:
»O Gott! wie quälend wird nun meine Wunde, wie unerträglich das Krankenlager! Rogaert, werter Freund, o macht mich doch rasch gesund -- Gott wird's Euch vergelten, damit ich etwas für sie tun kann, die mich so liebreich in meiner Krankheit gepflegt hat. Spart kein Geld, braucht die köstlichsten Kräuter, die edelsten Arzneien, damit ich aus dem Bett komme, denn hier werde ich fürder keine Ruhe mehr haben!«
»Aber, Herr van Nieuwland,« antwortete Rogaert, »die Heilung Eurer Wunde läßt sich nicht beschleunigen, die Natur muß immer Zeit haben, die Wundflächen wieder zu vereinigen. Geduld und Ruhe werden Euch mehr helfen als alle Wundersteine. Aber wir wollten Euch noch mehr sagen. Wißt, daß die Franzosen überall die Herren spielen und mit jedem Tag hochmütiger werden. Bisher haben wir die junge Machteld noch ihren Augen entzogen, aber wir fürchten, sie könnte doch einmal entdeckt werden, und dann kann es geschehen, daß auch sie an Johanna von Navarra ausgeliefert wird.«
»Heiliger Himmel!« rief Adolf aus, »Ihr habt recht, Meister Rogaert, man würde sie nicht schonen! Aber was tun? Welch Elend, so da zu liegen, während sie meine Hilfe braucht!«
»Ich weiß einen Platz,« erwiderte Rogaert, »wo Machteld in Sicherheit sein würde.«
»O, Ihr rettet mich aus der Verzweiflung, sagt rasch, wo das ist!«
»Meint Ihr nicht, Adolf, daß sie im Jülicher Lande bei ihrem Ohm Wilhelm in aller Ruhe bleiben könnte?«
Bei dieser Frage erschrak der Ritter sichtlich. Sollte er Machteld in fremde Lande ziehen lassen? Sollte er sich selbst in die Unmöglichkeit setzen, ihr zu helfen, sie zu verteidigen? Dazu konnte er sich nicht entschließen, da er sich doch schon innerlich vorgenommen hatte, Machteld persönlich ihrem Vater zurückzugeben und sie vor jeder Kränkung zu bewahren.
Er bot all seine Seelenkräfte auf, um einen anderen Weg zu finden, ohne daß sie so weit von ihm fort mußte. Als er ihn gefunden glaubte, verklärte die Freude sein Gesicht, und er entgegnete:
»Wahrlich, Meister Rogaert, dieser Ort scheint mir recht günstig; aber Ihr sagt selbst, daß die französischen Banden über ganz Flandern verstreut sind; deshalb wäre solche Reise für ein Edelfräulein wohl zu gefährlich. Mit einem Geleit stände es noch ärger. Und sollte ich Jungfrau Machteld allein mit einigen Dienern ziehen lassen? Nein! ich muß über sie wie über mein Seelenheil wachen, denn Robrecht van Bethune wird von mir einst seine Tochter zurückfordern.«
»Aber, Herr Adolf, erlaubt mir zu erwidern, daß Ihr die Jungfrau noch mehr bloßstellt, wenn Ihr sie in Flandern haltet; denn wer soll sie beschirmen? Ihr nicht, -- dazu seid Ihr nicht imstande. -- Die Herren der Stadt werden es auch nicht tun, sie sind ja Frankreich ergeben. Was würde aus dem armen Edelfräulein werden, wenn die Franzosen es entdeckten?«
»Ich habe ihren Beschirmer bereits gefunden,« antwortete Adolf, -- »Maria, schick' bitte einen Knecht zu dem Zunftmeister der Wollenweber, er möchte mich besuchen. Meister Rogaert, ich beabsichtige, unsere junge Edeldame unter den Schutz der Gemeinde zu stellen. -- Findet Ihr den Einfall nicht gut?«
»O ja, er ist nicht übel, aber es wird Euch nicht glücken; denn das Volk ist aufgebracht gegen alles, was sich adlig nennt; man darf ihm damit nicht kommen. -- Und eigentlich haben sie nicht so unrecht, Herr Adolf, denn die meisten der Edelleute halten zu den Feinden und wollen die Rechte der Gemeinden vernichten.«
»Das kann mich von meinem Vorhaben nicht abbringen, Meister Rogaert. Mein Vater hat der Stadt Brügge viele Vorrechte verschafft, und der Zunftmeister der Weber und seine Kameraden haben das nicht vergessen. Sollte es mir aber dennoch mißglücken, so werden wir überlegen, wie wir die Jungfrau nach Jülich bringen.«
Etwa eine halbe Stunde nach dieser Unterredung trat Meister De Coninck, Obmann der Wollweber, in Adolfs Zimmer.
Ein langes Koller von braunwollenem Tuche, ohne Zierat oder Borten, also gänzlich verschieden von der stolzen Kleidung der Edlen, wallte bis auf seine Füße herab. Man sah, daß der Vorsteher der Weber absichtlich allen Putz mied, um seinen niedrigen Stand anzuzeigen und so Hochmut mit Hochmut zu beantworten; denn dieses wollene Wams umhüllte den mächtigsten Mann von Flandern. Auf dem Haupte trug er eine flache Mütze, unter der seine Haare einen halben Fuß lang über die Ohren fielen. Ein Gürtel hielt die weiten Falten seines Kollers über den Hüften zusammen, und der Griff eines Kreuzmessers blinkte an seiner Seite. Da er ein Auge verloren hatte, war sein Antlitz nicht sehr einnehmend. Ungewöhnliche Blässe, vorstehende Backenknochen und die gefurchte Stirn verliehen seinem Gesicht einen sinnenden Ausdruck. Gewöhnlich fiel nichts Besonderes an ihm auf; wenn aber etwas seine Aufmerksamkeit erregte, ward sein Blick durchdringend und lebhaft; dann leuchtete sein kluger, männlicher Geist aus dem einzigen Auge, das ihm noch geblieben war, und seine Haltung wurde trotzig und stolz. Beim Eintreten betrachtete er wie ein mißtrauischer Fuchs die Menschen im Zimmer und zumal Meister Rogaert; denn er merkte gleich, daß dieser listiger war als die anderen.
»Meister De Coninck,« sprach Adolf, »wollet bitte näher treten. Ich habe eine Bitte, die Ihr mir nicht abschlagen werdet; denn meine ganze Hoffnung ruht auf Euch. Aber erst müßt Ihr mir geloben, das Geheimnis, welches ich Euch anvertrauen will, niemandem zu entdecken.«
»Die Rechtfertigkeit und die Freundlichkeit des Herrn van Nieuwland sind den Wollwebern noch unvergessen,« antwortete De Coninck, »deshalb mögen Euer Edeln auf mich als einen dankbaren Diener rechnen. Sollte allerdings Eure Bitte den Rechten des Volkes und der Gemeinde widersprechen, so würde ich Euch raten, das Geheimnis für Euch zu behalten und nichts von mir zu verlangen.«
»Seit wann,« rief Adolf etwas unwillig, »seit wann, Meister, haben die Herren van Nieuwland Eure Rechte verkürzt? Ihr beleidigt mich.«
»Vergebt mir, Herr, wenn Euch meine Worte verletzt haben,« entgegnete De Coninck; »es ist so schwer, die Guten von den Bösen zu unterscheiden, daß man klüglich allen mißtraut. Gestattet mir eine Frage, um allen Zweifel in mir zu zerstreuen: Ist Euer Edeln ein Leliaert?«
»Ein Leliaert?« fuhr Adolf entrüstet auf, »nein, Meister De Coninck, in mir pocht ein Herz, das allen Franzosen feind ist; meine Bitte an Euch sollte gerade gegen sie gerichtet sein.«
»O Herr, dann sprecht frei heraus, ich stehe zu Euren Diensten.«
»Schön. Also Ihr wißt, daß unser Graf Gwijde mit all' seinen Edlen gefangen ist; noch aber ist jemand in Flandern verblieben, die, aller Hilfe, alles Beistands bar, des Mitleids der Vlaemen um ihres Unglücks und ihrer edlen Abkunft willen wert ist.«
»Ihr sprecht von Jungfrau Machteld, der Tochter des Herrn van Bethune,« fiel De Coninck ein.
»Woher wißt Ihr das?« fragte Adolf erstaunt.
»O, ich weiß noch mehr. So heimlich habt Ihr Machteld nicht in Eure Wohnung bringen können, daß De Coninck es nicht gewußt hätte, und sie würde sie auch nicht ohne mein Wissen verlassen haben. Aber seid nur ruhig; ich kann Euer Edeln versichern, daß nur wenige Personen in Brügge außer mir um dieses Geheimnis wissen.«
»Meister, Ihr seid ein wunderlicher Mann; doch Euer Edelmut bürgt mir dafür, daß Ihr die junge Tochter des Löwen von Flandern gegen die Gewalt der Franzosen beschützen werdet, falls es nötig wäre.«
De Coninck entstammte wohl dem Volke, aber er war einer jener seltenen Geister, die durch Verstand und Einsicht die geborenen Beherrscher ihrer Mitmenschen sind. Kaum hatten die Jahre seine Gabe zur Reife gebracht, da rüttelte er seine Brüder aus ihrem trägen Schlummer, überzeugte sie von der Macht der Einigkeit und erhob sich mit ihnen wider die Zwingherren. Die wollten freilich das Erwachen ihrer einstigen Sklaven gewaltsam hindern, doch vergeblich: De Conincks Beredsamkeit hatte den Geist seiner Brüder so hoch gestimmt, daß sie kein Joch mehr tragen mochten. Wurden sie dennoch bisweilen mit bewaffneter Hand unterdrückt, so beugten alle demütig den Nacken, und De Coninck tat, als ob ihm Sprache und Verstand fehle; aber sein rastloser Geist ruhte nicht: Kaum hatte er den Mut seiner Brüder in der Stille wieder gestählt, so standen sie vereint gegen die Bedrücker auf, und die Gemeinde erlangte wieder ihre Freiheit. Alle politischen Pläne der Edelleute zerstoben vor De Conincks Geist, und durch ihn sahen sie all ihre Rechte auf das Volk schwinden, ohne es hindern zu können. Entschieden hat De Coninck mit am meisten das Verhältnis der Edlen zum Volke umgestaltet; all sein Planen galt lediglich der Erhebung eines Volkes, das so lange in der niederen Knechtschaft der Lehensherren geschmachtet hatte.
Als Adolf van Nieuwland die junge Machteld seinem Schutz anvertraute, da lächelte er befriedigt, denn das war ja ein Triumph des Volkes, welches er vertrat. Er berechnete die Vorteile, die ihm bei der Ausführung des großen Befreiungsplanes aus der Gegenwart des durchlauchtigsten Edelfräuleins erwachsen konnten.
»Herr van Nieuwland,« antwortete er, »Eure Bitte ehrt mich sehr. Alles soll zum Schutz eines so edlen Sprosses geschehen.« Und um die Bedeutung des Volkes noch mehr zu unterstreichen, fügte er hinzu:
»Aber sie könnte von hier entführt werden, noch ehe ich ihr zu Hilfe kommen kann.«
Das erzürnte Adolf sehr, denn er schloß daraus, daß der Obmann nicht so recht bei der Sache war. Deshalb erwiderte er:
»Wenn Ihr uns nicht tatkräftig helfen könnt, Meister, so ratet mir bitte, was man am besten zum Schutze der Tochter unseres Landesherrn tun könnte.«