Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 5
Furcht malte sich auf den Gesichtern der Zuhörer; mit ängstlicher Neugier schauten sie auf Dietrich. Der füllte einen Becher mit Wein, trank und sprach dann:
»Das soll mir Mut machen. Hört denn und seht es dem Fuchs, eurem Diener, nach, daß sein Mund euch Schlimmes künden muß. Mit Recht habt ihr geglaubt, Philipp der Schöne würde euch in Gnaden empfangen; ist er doch ein edelmütiger Fürst. Noch vorgestern war er froh, euch seines Herzens Großmut zu erweisen; doch damals war er noch nicht von bösen Geistern besessen.«
»Wie denn?« riefen die Ritter erstaunt, »ist er besessen?«
»Herr Dietrich,« sprach Robrecht strenge, »laßt alle Umschweife; Ihr habt uns andres zu sagen, aber es scheint Euch nicht recht über die Lippen zu wollen.«
»Ganz recht, mein Herr van Bethune,« entgegnete Dietrich. »Hört, was mich so tödlich betrübt: Johanna von Navarra und Enguerrand von Marigny sind in Compiègne.«
Diese Namen wirkten auf alle Ritter fürchterlich. Wie betäubt beugten alle schweigend das Haupt. Endlich reckte der junge Wilhelm die Hände gen Himmel und rief verzweifelt:
»O Himmel! die schlimme Johanna -- Enguerrand von Marigny! Weh! meine arme Schwester! -- Vater, wir sind verloren!«
»Das also sind die Teufel, von denen der gute Fürst besessen ist,« sagte Dietrich. »Ihr sehet nun, durchlauchtigster Graf, daß es Euer Diener nicht schlecht meinte, als er Euch in Wijnendaal vor dieser Schlange warnte.«
»Wer hat Euch gesagt, daß die Königin von Navarra nach Compiègne gekommen sei?« fragte der Graf, als ob er noch an der Sache zweifle.
»Meine eigenen Augen, ihr Herren,« antwortete Dietrich. »Stets fürchtete ich Verrat, denn ich traute den doppelsinnigen Worten nicht. Deshalb habe ich dauernd gewacht, gespäht und aufgepaßt. So habe ich Johanna von Navarra gesehen, ihre Stimme gehört. Meine Ehre setz' ich dran, daß meine Worte wahr sind.«
»Hört, ihr Herren,« sprach Walter van Lowendeghem, »Dietrich sagt uns die Wahrheit, er gibt sein Ehrenwort darauf; Johanna von Navarra ist also beim König. Die ungnädige Fürstin wird alles aufbieten, um uns zu schädigen, und Gott weiß, was ihr alles zu Gebote steht. Am besten überlegen wir schleunigst, wie wir uns aus dieser Schlinge ziehen. Käme man, um uns festzunehmen, so wäre es zu spät.«
Der alte Graf versank in trostlose Trauer. Keine Rettung sah er aus dieser gefährlichen Lage, hier inmitten in des Königs Landen schien ihm die Flucht nach Flandern unmöglich. Robert van Bethune murrte und verwünschte innerlich die Reise, die ihn seinen Feinden wehrlos in die Hände geliefert hatte.
Während sie alle in trübem Schweigen auf den trostlosen Grafen blickten, trat ein Hofknappe in die Tür des Saales und rief:
»Herr von Nogaret, Gesandter des Königs!«
Eine plötzliche Bewegung offenbarte die Erschütterung der Vlaemen ob dieser Ankündigung. Nogaret war stets der Vollstrecker geheimer Befehle des Königs. Sie glaubten, er käme mit den Leibwachen, um sie gefangenzunehmen. Robrecht van Bethune zog seinen Degen aus der Scheide und legte ihn vor sich auf den Tisch; auch die andern griffen an die Schwerter, während sie zur Tür starrten.
So standen sie da, als Nogaret hereintrat. Er verbeugte sich höflich vor den Rittern und sagte zu Gwijde gewandt:
»Graf von Flandern, mein gnädiger König und Gebieter wünscht, daß Ihr Euch morgen vormittag gegen elf Uhr mit Euren Lehensmannen zu Hofe begebet, um öffentlich von ihm Verzeihung für Euer Vergehen zu erflehen. Die Ankunft der durchlauchtigsten Königin von Navarra hat diesen Befehl beschleunigt. Sie selbst hat sich bei ihrem fürstlichen Gemahl für Euch verwandt, und ich soll Euch von ihr ausrichten, daß sie Eure Unterwerfung gern sähe. -- Also bis morgen, ihr Herren! Entschuldigt, daß ich euch so eilig verlasse. Ihre Majestät wartet auf mich, und ich darf nicht säumen, -- der Herr beschütze euch!«
Mit diesem Gruß schritt er aus dem Saale.
»Dem Himmel sei Dank, meine Herren,« sprach Gwijde. »Der König ist uns gnädig gesinnt, und nun können wir getrost und heiter zur Ruhe gehen. Ihr habt des Königs Wünsche vernommen: rüstet euch also, ihnen geziemend zu entsprechen.«
Nun fanden die Ritter ihre frohe Laune wieder. Sie plauderten noch eine Weile von Dietrichs Furcht und dem verheißenen guten Erfolg, dann ward der letzte Becher auf ihres Grafen Wohl geleert. Als sie sich trennen wollten, ergriff Dietrich Robrechts Hand und sagte schwermütig:
»Lebt wohl, mein Freund und Gebieter! ja, lebt wohl; denn vielleicht wird eine lange Zeit vergehen, ehe ich Euch wieder einmal die Hand drücken kann. Denkt daran, daß Euer Diener Dietrich Euch immer trösten und beistehen wird, in welchem Kerker Ihr auch sein möget.«
Robrecht sah eine Träne in Dietrichs Augen glänzen und entnahm daraus die tiefe Rührung seines treuen Freundes. »Ich verstehe Euch, Dietrich,« flüsterte er ihm ins Ohr. »Was Ihr fürchtet, ahnt auch mir; aber es gibt keinen Ausweg. Lebt denn wohl, bis auf bessere Tage.«
»Ihr Herren,« rief Dietrich im Fortgehen, »wenn ihr Nachrichten an eure Blutsverwandten nach Flandern zu senden habt, so rate ich euch, macht sie bald fertig; ich werde euer Bote sein.«
»Was sagt Ihr,« verwunderte sich Walter van Lowendeghem, »wollt Ihr denn nicht mit uns zu Hofe gehen, Dietrich?«
»Jawohl, ich werde bei euch sein, aber ihr werdet mich so wenig erkennen als die Franzosen. Ich hab' es verschworen, Philipp soll den Fuchs nicht fangen! Gott behüte euch, ihr Herren!«
Als er ihnen diesen letzten Gruß zurief, war er bereits zur Tür hinaus. Der Graf zog sich mit seinen Leibpagen zurück, und auch die übrigen verließen den Saal, um schlafen zu gehen.
Zur festgesetzten Stunde konnte man in einem weiten Saale des königlichen Palastes die vlaemischen Ritter mit ihrem alten Grafen erblicken. Ihre Waffen hatten sie im Vorzimmer ablegen müssen. Heitere Zufriedenheit sprach aus ihren Zügen, als ob sie sich schon im voraus der gelobten Gnade freuten. Das Antlitz Robrechts van Bethune hatte freilich einen anderen Ausdruck. Es zeigte bitteren Groll, rasende Wut. Der mutige Vlaeme konnte nicht ertragen, wie hochmütig die Franzosen dreinschauten, und ohne die Liebe zu seinem Vater hätte er gar manchen deshalb zur Rechenschaft gezogen. Der Zwang der Not bedrückte ihn; bei genauer Beobachtung hätte man merken können, daß er die Hände rang, als wollten sie Fesseln sprengen.
Karl von Valois stand bei dem alten Gwijde und unterhielt sich freundlich mit ihm. Er harrte des Augenblicks, da er nach dem Geheiß seines königlichen Bruders die Vlaemen zum Throne geleiten sollte. Auch einige Äbte und Prälaten sah man unter den Anwesenden, ferner auch manch wackeren Bürger von Compiègne, der absichtlich zu dieser Feier geladen worden war.
Während alle von Gwijdes Angelegenheit sprachen, kam ein alter Pilger in den Saal, mit einem breiten Hut auf dem demütig geneigten Haupte, so daß die Gesichtszüge kaum zu erblicken waren. Ein brauner muschelgezierter Pilgerrock verhüllte seine Gestalt, und ein langer Stab, mit einem Trinkgefäß daran, stützte seine matten Glieder. Sobald die Prälaten ihn erblickten, traten sie zu ihm und überschütteten ihn mit Fragen. Der eine wollte wissen, wie es den Christen in Syrien erginge, der andre, wie der Krieg in Italien stände, ein dritter erkundigte sich, ob er keine wunderbaren Reliquien mitgebracht habe, und was man sonst noch alles von Pilgern erfahren möchte. Auf alles das antwortete er wie jemand, der erst eben aus diesem fernen Lande kommt, und erzählte so viel Wundersames, daß ihm die Umstehenden ehrerbietig und neugierig lauschten. Inmitten seiner ernsten, sachlichen Schilderung gebrauchte er aber doch zuweilen so komische Wendungen, daß selbst die Prälaten laut lachen mußten. Bald hatten sich mehr als fünfzig Personen rund um ihn geschart, und einige gingen in ihrer Bewunderung und Verehrung so weit, daß sie unauffällig seinen Rock berührten, als ob ihnen das besonderen Segen brächte. Dennoch kam dieser seltsame Pilger nicht von der Reise; er hatte die Lande, die er so gut zu kennen schien, nur in der Jugend besucht und wußte nicht viel mehr von dem, was er gesehen hatte. Aber wo die Erinnerung versagte, kam die Phantasie zu Hilfe; dann erzählte er von übernatürlichen Dingen und lachte innerlich über die leichtgläubigen Zuhörer: es war Dietrich der Fuchs. Niemand kam ihm in der Kunst gleich, sich zu verkleiden und alle möglichen Gestalten anzunehmen. Er konnte sein Gesicht durch Wässer und Farben älter und jünger machen, und zwar so geschickt, daß selbst seine Freunde ihn nicht zu erkennen vermochten. Er traute dem Wort des französischen Fürsten nicht im mindesten und wollte, wie er im voraus zum Grafen gesagt hatte, nicht leiden, daß man den Fuchs finge. Deshalb hatte er diese Verkleidung angelegt, um den Feinden nicht in die Hände zu fallen.
Kurz darauf betrat der König mit der Königin, gefolgt von zahllosen Rittern und Hofdamen, den Saal, und beide bestiegen den Thron. Die meisten französischen Herren stellten sich längs der Wand in zwei Reihen auf, die andern blieben in der Nähe der Bürger stehen. Zwei Herolde mit den Bannern von Frankreich und Navarra nahmen zu beiden Seiten des Thrones Aufstellung.
Auf ein Zeichen des Königs trat Karl von Valois mit den vlaemischen Edlen vor; selbige beugten vor dem Thron ein Knie auf Sammetkissen nieder und verharrten schweigend in dieser demütigen Haltung. Zur Rechten des Grafen kniete sein Sohn Wilhelm, zur Linken, auf Robrechts Platz, ein Edler, Walter van Maldeghem. Robrecht war bei den französischen Rittern geblieben; anfangs glückte es ihm, von Philipp dem Schönen unbemerkt zu bleiben.
Die Gewänder der Fürstin Johanna glänzten von Gold und Edelsteinen, und die königliche Krone, die ihr Haupt schmückte, strahlte mit ihren tausend Diamanten heller denn des Tages Licht. Hochmütig und eitel warf die stolze Frau verächtliche Blicke auf die Vlaemen, die vor ihr auf den Knien lagen, und lächelte haßerfüllt und ließ den alten Grafen absichtlich so lange warten. Endlich flüsterte sie Philipp dem Schönen einige Worte ins Ohr, und dieser sprach mit erhobener Stimme zu Gwijde: »Ungetreuer Vasall, in Unsrer königlichen Gnade haben Wir es für gut befunden, Erhebungen über Eure Verbrechen anstellen zu lassen. Wir wollten sehen, ob es Uns möglich sei, Euch zu vergeben; aber Wir haben befunden, daß die Vaterliebe nur ein Vorwand für Eure Widerspenstigkeit war, und daß Euch verbrecherischer Hochmut zum Ungehorsam angetrieben hat.«
Bei diesen Worten schlugen die Herzen der Ritter in wildem Schreck, und Staunen erfüllte sie. Jetzt wurden sie der Schlinge gewahr, vor der Dietrich der Fuchs sie gewarnt hatte. Da Gwijde sich nicht regte, blieben auch sie noch auf den Knien. Der König fuhr fort:
»Ein Vasall, der sich treulos gegen seinen König und Landesherrn auflehnt, geht seines Lebens verlustig, und wer mit Frankreichs Feinden in Verbindung tritt, verwirkt sein Leben. Ihr habt Euch den Befehlen Eures Königs widersetzt; Ihr habt mit Eduard von England, Unserm Feinde, die Waffen wider Uns erhoben und mit Uns Krieg geführt[15]. Somit habt Ihr als ungetreuer Lehensmann das Leben verwirkt. Dennoch wollen Wir dieses Urteil nicht überhastet vollstrecken, sondern vorerst ordnungsgemäß eine Untersuchung anstellen lassen. Deshalb sollt Ihr und die Edlen, die an Eurer Auflehnung teil hatten, in Haft gehalten werden, bis es Uns beliebt, andre Maßregeln zu Eurer Beaufsichtigung zu treffen.«
[15] »Der Graf Gwijde hatte bereits im Jahre 1295 mit dem König von England ein Bündnis geschlossen, worin unter anderem eine Heirat zwischen dem Prinzen von Wales und der Tochter des Grafen von Flandern festgesetzt war.« (Jahrbücher von Brügge.)
Karl von Valois hatte diese Rede mit tiefem Herzeleid mitangehört. Jetzt trat er vor den Thron und sprach:
»Mein König und Herr! Es ist Euch bekannt, mit welcher Treue ich Eurer Majestät gleich dem geringsten Eurer Untertanen gedient habe. Nie hat jemand sagen können, daß ich mein Wappenschild auch nur durch einen Schein von Feigheit oder Untreue besudelt hätte. Und nun solltet Ihr es sein, o König, der meine Ehre, -- die Ehre Eures eigenen Bruders -- schändete? Ihr könntet mich zum Verräter machen, -- Euer Bruder sollte ein treuloser Ritter genannt werden dürfen. O Sire, bedenkt, daß ich Gwijde freies Geleit verbürgt habe, daß Ihr mich jetzt zu einem Meineidigen macht!«
Während Karl von Valois also sprach, war er in flammende Wut geraten. Sein Blick strahlte so gewaltige Kraft, daß Philipp der Schöne fast bereit war, sein Urteil zu widerrufen. Da ihm selbst die Ehre des Ritters über alles ging, fühlte er innerlich den Schmerz seines treuen Bruders mit. Derweile hatten sich die Vlaemen erhoben und harrten bangend des Erfolges. Die Übrigen erwarteten in regungsloser Angst, was kommen würde.
Aber die Königin Johanna ließ ihrem Gemahl keine Zeit zur Antwort; voll Sorge, daß ihr die Beute wieder entgehen könnte, rief sie mit leidenschaftlichem Eifer:
»Herr von Valois, es steht Euch nicht zu, die Feinde Frankreichs zu verteidigen! Ihr begeht damit eine Treulosigkeit! Es ist dies nicht das erste Mal, daß Ihr Euch dem Willen Eures Königs widersetzt!«
»Madame,« widersprach Karl bitter, »Euch ziemt es wahrlich nicht, den Bruder Philipps des Schönen einer Treulosigkeit zu beschuldigen. Soll es um Euretwillen heißen, daß Karl von Valois einen unglücklichen Landesherrn verraten habe? Soll mein Wappenschild mit Schande bedeckt werden? Nein, beim Himmel! das wird nicht geschehen. Ich berufe mich auf Euch, Philipp, mein Fürst und mein Bruder; werdet Ihr es dulden, daß das Blut Ludwigs des Heiligen in mir entehrt wird? Soll das der Lohn für meine treuen Dienste sein?«
Offensichtlich versuchte der König, Johanna zu einer Milderung des Urteils zu bestimmen; doch in ihrem unerbittlichen Haß gegen die Vlaemen wies sie die Vorstellungen des Fürsten hochmütig zurück und wurde bei den Worten Karls von Valois flammend rot. Plötzlich rief sie mit lauter Stimme:
»Heda, Leibwachen, des Königs Wille geschehe; man nehme die ungetreuen Lehensmannen gefangen!«
Auf diesen Ruf drangen zahlreiche Wachmannschaften durch alle Türen in den Saal. Die vlaemischen Ritter ließen sich ohne Gegenwehr gefangennehmen. Sie wußten, daß Gewalt sie nicht retten konnte, da sie unbewaffnet und von vielen Feinden umringt waren.
Einer der Anführer ging auf den alten Gwijde zu, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:
»Herr Graf, ich nehme Euch im Namen des Königs, meines Gebieters, gefangen.«
Der Graf von Flandern blickte ihn traurig an, wandte sich zu Robrecht hin und seufzte:
»Weh, unglücklicher Sohn!«
Robrecht van Bethune stand regungslos bei den französischen Rittern, die ihn fragend anschauten. Als hätte ihn eine unsichtbare Hand mit einem Zauberstabe berührt, zuckte jäh eine krampfhafte Bewegung durch seinen Körper; seine Muskeln spannten sich, seine Augen sprühten. Wie ein Löwe sprang er vor, und der ganze Saal erdröhnte von seiner gewaltigen Stimme, da er ausrief:
»Unselige, ich sah eine unedle Hand die Schulter meines Vaters berühren; hinweg mit ihr, oder ich will des Todes sein!«
Im Sprunge riß er einem Söldner gewaltsam die Streitaxt aus den Händen. Ein furchtbarer Schrei entfuhr den Rittern ringsum, und alle zogen die Degen, denn sie glaubten das Leben des Königs bedroht. Doch bald schwand die Furcht, denn Robrecht hatte schon zugeschlagen. Er hatte seine Drohung ausgeführt: der Arm des Anführers, der seinen Vater berührt, lag mit der vermessenen Hand am Boden, und das Blut strömte aus der schrecklichen Wunde.
Ein Haufen Söldner stürzte auf Robrecht zu, um ihn zu packen, doch blind und toll vor Wut schwang er die Streitaxt ums Haupt, und nicht einer wagte sich in seinen Bereich. Ohne Zweifel würde noch mehr Unglück geschehen sein, wenn nicht der alte Gwijde in ängstlicher Sorge um das Leben seines Sohnes diesem flehend zugerufen hätte:
»Robrecht, du mein großherziger Sohn, ach, ergib dich um meinetwillen; tue es, ich bitte dich, ich befehle es dir!«
Bei diesen Worten umfaßte er Robrecht, und dieser fühlte die Tränen seines Vaters auf seine Hand niedertropfen. Jetzt sah er seine Unbesonnenheit ein. Er entrang sich den Armen des Grafen, warf die Streitaxt wuchtig über die Köpfe der Söldner hinweg an die Wand und rief:
»Heran, ihr feigen Mietlinge! fangt denn den Löwen von Flandern; zaget nicht mehr, er ergibt sich.«
In großer Anzahl warfen sich die Söldner auf ihn und nahmen ihn gefangen.
Während er mit seinem Vater aus dem Saale geführt wurde, rief er Karl von Valois zu:
»Euer Wappenschild ist nicht beschmutzt; Ihr waret und seid weiter der edelste Ritter von Frankreich, Eure Treue bleibt unversehrt. Dies sagt der Löwe von Flandern, auf daß man es höre.«
Die französischen Ritter hatten ihre Degen wieder eingesteckt, sobald sie inne wurden, daß das Leben des Königs nicht bedroht war. Mit der Gefangennahme der Vlaemen mochten sie nichts zu tun haben, -- es hätte ihren Adel geschändet.
In dem Herzen des Königs und der Königin herrschten sehr verschiedene Gefühle. Philipp der Schöne war schmerzlich ergriffen und betrübt über das gefällte Urteil. Johanna hingegen freute sich über Robrechts Widerstand. Er hatte es gewagt, in Gegenwart des Königs einen seiner Diener zu verwunden; diese Tat konnte ihr in ihren rachsüchtigen Plänen vortrefflich zustatten kommen.
Der König vermochte seine Rührung und Betrübnis nicht zu bergen und wollte gegen den Wunsch seiner stolzen Gemahlin den Thron und den Saal verlassen. Er erhob sich und sprach:
»Meine Herren! Wir beklagen den ungestümen Verlauf dieses Verhörs gar sehr. Lieber hätten Wir bei dieser Gelegenheit euer Edlen Unsere Gnade erzeigt; aber zu Unserm großen Leidwesen war das im Interesse Unserer Krone nicht möglich. Gemäß Unserm königlichen Willen sorget, daß die Ruhe in Unserm Palast fürder nicht gestört werde.«
Auch die Königin erhob sich und wollte mit ihrem Gemahl die Stufen des Thrones herabsteigen, doch ein neues Hemmnis trat ihr in den Weg. Karl vor Valois hatte lange fernab in tiefem Nachdenken gestanden; die Ehrerbietung und Liebe, die er seinem Bruder entgegen brachte, kämpften lange in ihm gegen den Ärger über diesen Verrat. Plötzlich brach sein Zorn los, sein Antlitz ward weiß, rot und blau, und wie rasend warf er sich der Königin entgegen.
»Madame,« schrie er, »Ihr sollt mich nicht ungestraft entehren! Hört, meine Herren, ich spreche vor Gott, unser aller Richter: Ihr, Johanna von Navarra, seid es, die das Vaterland durch ihre Verschwendung gebrandschatzt hat! Ihr seid es, die das Reich meines edlen Bruders zugrunde richtet! Ihr bringt Frankreich nur Schmach und Hohn! Die Untertanen des Königs machtet Ihr durch Verfälschung der Münzen und ungerechte Erpressungen unglücklich! -- Und ich sollte Euch noch dienen?! Nein, Ihr seid ein falsches, verräterisches Weib!«
Wütend riß er seinen Degen aus der Scheide, brach ihn auf dem Knie entzwei und warf die Stücke mit solcher Gewalt zu Boden, daß sie auf die Stufen des Thrones flogen.
Johanna barst schier vor rasendem Zorn. Ihren Zügen entschwand in teuflischer Verzerrung alles Weibliche; man hätte glauben können, daß sie vom Schlag getroffen sei.
»Packt ihn! packt ihn!« stieß sie hervor.
Die Leibwachen, die noch im Saale waren, wollten diesen Befehl vollziehen. Schon trat ihr Hauptmann an Karl von Valois heran; aber der König liebte seinen Bruder zu innig, als daß er dies dulden konnte.
»Wer Herrn von Valois berührt, soll noch heute sterben!« rief er.
Auf diese Drohung blieben die Wachen regungslos stehen, und von Valois verließ ungehindert den Saal, so sehr auch die wütende Königin zeterte.
Derart endigte dies stürmische Schauspiel. Gwijde ward zu Compiègne eingekerkert, Robrecht führte man nach Bourges in Berry, seinen Bruder Wilhelm nach Rouen in der Normandie. Die übrigen vlaemischen Herren wurden, ein jeglicher in einer andern Stadt, gefangen gehalten, damit sie einander nicht trösten konnten. Dietrich der Fuchs kehrte als einziger nach Flandern zurück, denn in seinem Pilgerrock hatte man ihn nicht erkannt.
Mit Hilfe seiner Freunde zog Karl von Valois alsbald nach Italien und kam erst wieder nach Frankreich, als Ludwig Hutin nach dem Tode Philipps des Schönen den Thron bestiegen hatte. Er verklagte dann Enguerrand von Marigny wegen vieler Staatsverbrechen und ließ ihn zu Montfaucon henken. Aber in Wahrheit darf man behaupten, daß der Tod dieses Ministers mehr der Gefangennahme des Grafen Gwijde als seinen anderen Missetaten zuzuschreiben ist, und daß Karl von Valois ihn henken ließ, um für diesen Verrat Rache zu nehmen.
VI.
Damals gab es in Flandern zwei Parteien, die einander gegenüberstanden, und die nichts unversucht ließen, um sich gegenseitig nach Kräften zu schaden. Die meisten Edlen und Machthaber hatten bei allen Gelegenheiten zur französischen Regierung gestanden und bekamen deshalb den Namen »Leliaerts«, weil sie der französischen Lilie anhingen. Weshalb sie die Feinde des Vaterlands so begünstigten, wird sich aus dem Folgenden leicht entnehmen lassen.
Seit einigen Jahren waren durch die kostbaren Ritterspiele, die inländischen Kriege und die weiten Kreuzfahrten die meisten Edelleute verarmt. Hierdurch sahen sie sich gezwungen, ihre Stadt- und Herrschaftsrechte an die Einwohner gegen große Summen zu verkaufen und ihnen Freiheiten und Vorrechte zu verleihen.
Die Städte verarmten wohl anfangs dadurch; doch bald trug die erkaufte Freiheit die schönsten Früchte. Das niedere Volk, das vordem mit Leib und Eigen den Edlen zugehörte, begriff nun, daß es den Schweiß seines Angesichts nicht mehr für ungerechte Herren vergoß. Es erwählte sich Bürgermeister und Ratsherren und bildete eine Regierung, um welche die Herren des Landes sich nicht im mindesten zu kümmern hatten. Die Gilden wirkten vereint für die allgemeine Wohlfahrt und setzten Obmänner ein, welche der Sachwaltung vorstanden. Die liebenswürdigste Gastfreiheit lockte Fremde aus allen Weltgegenden nach Flandern, und der Handel entfaltete ein Leben und eine Betriebsamkeit, wie sie unter den Lehensherren unmöglich gewesen waren. Der Gewerbefleiß blühte, das Volk wurde reich und war stolz auf die so lang verkannte Würde, es erhob sich mehr als einmal mit den Waffen in der Hand gegen die früheren Herren. Die Edlen sahen ihre Rechte und Güter dadurch schwer bedroht und suchten durch List und Gewalt die wachsende Macht der Gemeinden zu behindern; doch das war ihnen nie geglückt. Denn der Reichtum der Städte erlaubte selbigen, ein Heer aufzubieten, die bestehenden Freiheiten zu verteidigen und sie ungeschmälert zu bewahren. In Frankreich war das anders. Philipp hatte in seiner Geldnot wohl zuweilen den dritten Stand oder die Bürger zusammengerufen; aber dieses verlieh dem Volke nur zeitweilig einiges Ansehen, das unmittelbar darauf durch die Lehensherren wieder vernichtet wurde.
Die zurückgebliebenen Edlen, die in Flandern nicht mehr viel zu sagen hatten und nun mit allen anderen gleiche Eigentumsrechte besaßen, betrauerten gar sehr ihre verlorene Macht. Um sie wieder zu erhalten, hätten sie die blühenden Gemeinden zerstören müssen. Da es in Frankreich noch keine Freiheit gab und die Herrschaft der Lehensherren dort noch ausschließlich und gewaltherrlich war, so hofften sie, Philipp der Schöne würde die Verhältnisse in Flandern umstoßen und ihnen die einstigen Rechte wieder verleihen. Deshalb also begünstigten sie Frankreich gegen Flandern, und das trug ihnen den Schimpfnamen Leliaerts[16] ein. Deren gab es zu Brügge, das damals nächst Venedig die reichste Handelsstadt der Welt war, sehr viele. Sogar die Bürgermeister und andere Verwaltungsbeamte, die ihre Stellung französischem Einfluß verdankten, waren Leliaerts.
[16] Leliaert = Lilienverehrer. Vgl. das Wappen des französischen Herrscherhauses.
Die Gefangennahme des Grafen und der ihm treu gebliebenen Edelleute wurde von ihnen mit Freude begrüßt; denn nun war Flandern Philipp dem Schönen ausgeliefert und dieser konnte daraufhin alle Gesetze und Vorrechte umstoßen.