Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 4

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Während die Ritter in größter Bestürzung auf die Antwort des Grafen harrten, schlang dieser seine schwachen Arme um Robrechts Hals, und mit Tränen der Freude und Liebe rief er aus:

»O mein edler Sohn! Mein Blut, das Blut der Grafen von Flandern fließt rein in Deinen Adern. Dein Ungehorsam hat mir den schönsten Tag meines Lebens bereitet. Nun will ich gern sterben! Nimm mich in Deine Arme, o mein Sohn; denn ich fühle mich unaussprechlich glücklich.«

Die anwesenden Herren waren von Verwunderung und Mitgefühl tief erschüttert. In feierlicher Stille sahen sie schweigend auf diese Umarmung. Der alte Graf ließ seinen Sohn los und blickte in leidenschaftlicher Begeisterung auf seine Lehnsleute.

»Seht her, meine Herren,« sagte er, »so war ich in meiner Jugend; -- so waren die Dampierres immer. Urteilt nach dem, was ihr gehört und gesehen habt, ob Robrecht die Grafenkrone nicht verdient. -- O Flandern, so sind deine Krieger. Ja Robrecht, Du hast recht. Ein Graf von Flandern darf sein Haupt vor keinem Fremdling beugen. Aber ich bin alt und bin der Vater der gefangenen Philippa und auch Deiner, mein tapferer Sohn! Ich werde Philipp dem Schönen zu Füßen fallen. So befiehlt es Gott! Ich unterwerfe mich seinem heiligen Willen. Du wirst mich begleiten. Aber Dein Haupt wirst du nicht beugen. -- Bleibe stets dabei, auf daß die Grafen, die nach mir kommen werden, ohne jede Schmach und Schande ihr Haupt erheben können!«

Hierauf besprach man das Nähere der Reisevorbereitungen und noch verschiedene politische Fragen. Robrecht van Bethune hatte seine Ruhe wiedergewonnen; er verließ den Saal und ging in das kleinere Gemach, in dem sich Machteld aufhielt. Er ergriff die Hand des jungen Mädchens, führte es zu einem Lehnstuhl, und dann zog er, ohne ihre Hand loszulassen, einen zweiten Sessel heran, in den er sich setzte.

»Meine liebe Machteld,« sagte er, »Du hast Deinen Vater doch lieb, nicht wahr?«

»O ja, das wißt Ihr doch ganz genau,« rief die Maid aus, und streichelte mit ihren zarten Händen die rauhen Wangen des Ritters.

»Aber,« sagte nun Robrecht, »wenn nun jemand zu meiner Verteidigung sein Leben aufs Spiel setzte, würdest Du den nicht auch lieb haben?«

»Sicherlich,« war ihre Antwort, »und ich würde ihm dafür ewig dankbar bleiben.«

»Jetzt hat nun ein Ritter Deinen Vater gegen einen Feind verteidigt und ist tödlich verwundet worden.«

»O Gott,« seufzte Machteld, »ich will vierzig Tage für ihn beten und auch noch länger, -- bis er gesund wird.«

»Ja, bete auch für mich, mein gutes Kind; aber ich verlange noch etwas von Dir.«

»Sprecht nur, Herr Vater! Ich bin Eure gehorsame Tochter.«

»Versteh mich recht! Ich verreise auf einige Tage, -- und Dein Großvater und alle Edelleute, die Du kennst, ziehen gleichfalls fort. Wer wird nun dem armen verwundeten Ritter zu trinken geben, wenn ihn dürstet?«

»Wer das tun wird? Ich, Herr Vater; ich werde ihn nie verlassen, bis Ihr wiederkommt. Ich werde meinen Falken mit in sein Zimmer nehmen und ihm stets Gesellschaft leisten. Fürchte nicht, daß ich ihn den Dienstboten überlasse! Meine Hand soll ihm die Trinkschale an seine Lippen führen, wenn ihn dürstet. Und wie will ich mich freuen, wenn er wieder gesund wird!«

»Das ist recht von Dir, mein Kind. Ich kenne Dein liebevolles Herz; aber Du mußt mir noch versprechen, daß Du in den ersten Tagen seiner Krankheit kein Geräusch in seinem Zimmer machen wirst. Auch darf kein Dienstbote dort laut sein.«

»O, nein, das braucht Ihr nicht zu befürchten, Vater. Ich werde ganz leise mit meinem Falken sprechen, so daß es der Ritter nicht hören kann.«

Robrecht nahm die gute Machteld bei der Hand und führte sie aus dem Zimmer.

»Ich werde Euch den Kranken zeigen,« sagte er, »aber sprich nicht laut in seiner Gegenwart.« Adolf van Nieuwland war durch die Knappen in einem Saal in Robrechts Wohnung auf ein Bett gelegt worden. Zwei Ärzte hatten die Wunde verbunden und standen mit Dietrich dem Fuchs neben dem Krankenlager. Der Kranke gab kein Lebenszeichen von sich, sein Antlitz war bleich, die Augen geschlossen. --

»Nun, Meister Rogaert,« wandte sich Robrecht an einen der Ärzte, »wie geht es unserem unglücklichen Freunde?«

»Schlecht,« antwortete Rogaert, »recht schlecht, Herr van Bethune. Ich kann noch nicht sagen, ob man hoffen kann; aber ich glaube, er wird nicht sterben müssen.«

»Ist die Wunde nicht tödlich?«

»O doch, tödlich oder nicht tödlich, die Natur ist der beste Arzt; sie tut zuweilen mehr Wunder als Kräuter oder Steine[13]. Ich habe ihm einen Dorn von der Krone unseres Heilandes auf die Brust gelegt; -- diese heilige Reliquie wird uns helfen.«

[13] In früheren Zeiten gebrauchte man oft Steine zum Heilen von Krankheiten; man schrieb ihnen übernatürliche Kraft zu. Der Stein, den man im Neste eines Adlers gefunden hatte, wurde als bestes Heilmittel angesehen.

Während dieses Gesprächs war Machteld näher an den Kranken herangetreten. Die Neugier trieb sie, das Gesicht des kranken Ritters zu erkennen. Plötzlich erkannte sie Adolf Nieuwland. Mit einem Aufschrei fuhr sie zurück, eine Flut von Tränen stürzte aus ihren Augen, sie schrie laut auf.

»Was soll das heißen, meine Tochter?« sagte Robrecht. »Kannst Du Dich nicht mäßigen, Du mußt Dich ruhig und leise am Bett eines Kranken verhalten.«

»Ruhig sein!« schluchzte die Maid. »Ruhig sein, wo Herr Adolf im Sterben liegt, er, der mich so schöne Lieder lehrte! Wer wird nun der Minnesänger von Wijnendaal sein? Wer wird nun beim Abrichten meiner Falken helfen und mein Bruder sein?« --

Dann trat sie an das Bett, betrachtete weinend den verwundeten Ritter und rief schluchzend:

»Adolf, Herr Adolf, mein guter Bruder!«

Als sie keine Antwort bekam, schlug sie die Hände vors Gesicht und sank weinend in einen Stuhl. Robrecht glaubte, seine Tochter würde nicht aufhören mit Klagen, und ihre Gegenwart würde dadurch eher schädlich als nützlich sein; er ergriff deshalb die junge Machteld bei der Hand:

»Komm, mein Kind,« sagte er, »komm aus diesem Zimmer heraus, bis Du Dich gefaßt hast.«

Doch Machteld wollte das Gemach nicht verlassen, sie antwortete:

»O, mein Vater, laßt mich hier, ich will auch nicht mehr weinen. Laßt mich bei meinem Bruder Adolf, ich will die heißen Gebete, die er mich gelehrt hat, für ihn zu Gott schicken!«

Sie nahm ein Kissen von einem Sessel, legte es auf den Boden am Kopfende des Bettes und betete dort leise. Doch ihre Worte waren von tiefen Seufzern zerrissen, und heiße Tränen liefen über ihre Wangen.

Robrecht van Bethune wachte bis in die späte Nacht hinein an Adolfs Lager und hoffte, daß Gehör und Sprache wiederkehren würden. Doch vergeblich. Nur schwach und langsam atmete der Verwundete und lag regungslos da.

Meister Rogaert fürchtete nun doch ernst für sein Leben; denn auf den Schläfen des Kranken brannte heißes Fieber. --

Inzwischen zogen die adligen Herren, die nicht im Schlosse wohnten, mit großer Genugtuung aus Wijnendaal. Die treuen Ritter freuten sich, daß sie sich ihrem Gebieter gefällig erweisen konnten. Die anderen, die im gräflichen Hause wohnten, suchten ihre Schlafgemächer auf.

Zwei Stunden später hörte man in Wijnendaal nur noch die Rufe der Wachen, das Anschlagen der Hunde und die schrillen Schreie der Nachteule.

IV.

Die Reise, die Graf Gwijde auf Anraten des Herrn von Valois unternahm, sollte für ihn und sein Land Flandern sehr gefährlich werden; denn Frankreich hatte zu schwerwiegende Gründe, das reiche Land möglichst lange zu besitzen.

Philipp der Schöne und seine Gemahlin Johanna von Navarra hatten zu ihrer leichtsinnigen Verschwendung alles Gold des Reiches in ihre Schatzkästen fließen lassen, und dennoch hatten die ungeheuren Summen, die das Volk bewilligt hatte, nicht genügt, um ihre unersättliche Geldgier zu befriedigen. Philipp hatte jetzt zu dem letzten Mittel gegriffen und fälschte die Münzen des Reiches, lud dadurch unmögliche Lasten auf sein Land, und doch war er noch nicht befriedigt.

Seine habsüchtigen Minister und besonders Enguerrand de Marigny veranlaßten ihn trotz der Unzufriedenheit des Volkes, unter dem jeden Tag der Ausbruch der Revolution drohte, dazu, neue Abgaben zu fordern.

Es ist unbegreiflich, daß Philipp der Schöne trotzdem immer an großem Geldmangel litt.

In Brügge allein war mehr Geld als in ganz Frankreich. Das wußte er und hatte seit Jahren alles aufgeboten, um Flandern zu unterwerfen.

Anfangs verlangte er Unmögliches vom alten Grafen Gwijde, um ihn zum Ungehorsam zu zwingen; dann nahm er seine Tochter gefangen und eroberte schließlich Flandern durch Waffengewalt. --

Das alles hatte sich der alte Graf wohl überlegt und verhehlte sich die möglichen Folgen der Reise keineswegs; aber der Schmerz, den ihm die Gefangenschaft seiner jüngsten Tochter bereitete, zwang ihn, auch dieses letzte Mittel zu ihrer Befreiung zu versuchen. Das freie Geleit, das Karl von Valois ihm zugesichert hatte, befestigte ihn in seinem Entschluß.

So machte er sich mit seinen Söhnen Robrecht und Wilhelm und fünfzig vlaemischen Edlen auf den Weg. Karl von Valois begleitete ihn mit einer großen Anzahl französischer Ritter.

Als der Graf mit seinen Edlen in Compiègne angekommen war, wurde er auf Veranlassung des Herrn von Valois ausgezeichnet beherbergt; er erwartete nun den Befehl des Königs, der ihn an den Hof rufen sollte.

Der edelmütige Franzose verwendete sich so eindringlich bei seinem königlichen Bruder, daß dieser gnädig Gwijde allein zu sich entbot.

Der alte Graf begab sich voller Hoffnung in den königlichen Palast. Hier führte man ihn in einen großen Prachtsaal. Im Hintergrunde stand der königliche Thron. Blaue, mit goldenen Lilien bestickte Samtbehänge fielen zu beiden Seiten auf den Boden herab. Die Stufen waren mit einem gold- und silberdurchwirkten Teppich belegt. Philipp der Schöne wandelte mit seinem Sohne Ludwig Hutin[14] auf und ab. Ihnen folgten viele französische Edle, von denen sich einer hin und wieder in das Gespräch des Königs mischte. Das war Herr von Nogaret, der es auf Philipps Befehl hin gewagt hatte, den Papst Bonifatius gefangen zu nehmen und zu mißhandeln.

[14] Hutin = Zänker.

Als man Gwijde meldete, ging der König neben den Thron. Sein Sohn Ludwig blieb an seiner Seite; die anderen Herren stellten sich in zwei Reihen längs der Wand auf. Langsam trat der alte Graf von Flandern näher und kniete vor dem König nieder --

»Vasall!« sprach er, »diese demütige Stellung gebührt sich für Euch nach all dem Verdruß, den Ihr uns bereitet habt. Ihr verdient den Tod und seid verurteilt. Dennoch beliebt es unserer königlichen Gnade, Euch Gehör zu schenken. Erhebt Euch und sprecht!«

Der alte Graf richtete sich auf und sagte: »Mein Fürst und Gebieter, im Vertrauen auf Eure königliche Gerechtigkeit bin ich Eurer Majestät zu Füßen gefallen und vertraue mein Schicksal Eurer Großmut an.«

»Ihr unterwerft Euch recht spät!« erwiderte der König. »Ihr habt mit Eduard von England gegen uns ein Bündnis geschlossen. Ihr habt Euch als ungetreuer Vasall gegen Euern Herrn erhoben und seid hochmütig genug gewesen, ihm den Krieg zu erklären. Euer Land habt Ihr Euch durch Euern Ungehorsam verscherzt.«

»O Fürst,« sprach Gwijde, »laßt mich Gnade vor Euch finden. Möge Eure Majestät bedenken, wie schmerzlich und kummervoll es für einen Vater sein muß, wenn man ihm sein Kind entreißt. Habe ich nicht in tiefer Wehmut gebeten? Habe ich nicht gefleht, um sie wieder zu erhalten? O König, wenn man Euch Euern Sohn, meinen zukünftigen Herrn Ludwig, der so stattlich neben Euch steht, wenn man Euch diesen entrisse und ihn in fremdem Lande einkerkerte, würde Eure Majestät nicht zu jeder Gewalttat bereit sein, um das Blut, das Euch entsprossen ist, zu rächen und zu befreien? O ja, Euer Vaterherz versteht mich, ich werde Gnade vor Euch finden!«

Philipp der Schöne blickte seinen Sohn zärtlich an; in diesem Augenblick erwog er Gwijdes Schmerz und empfand inniges Mitleid mit dem unglücklichen Grafen.

»Sire,« rief Ludwig in tiefer Rührung, »o seid ihm um meinetwillen gnädig! Habt doch Mitleid mit ihm und seinem Kinde, ich bitte Euch herzlich darum!«

Der König richtete sich auf, und seine Züge wurden streng.

»Laßt Euch durch die Worte eines ungehorsamen Vasallen nicht so leicht hinreißen, mein Sohn,« sagte er. »Aber ich will nicht unerbittlich sein, wenn man mir beweisen kann, daß er nur durch Vaterliebe und nicht durch Trotz zu seiner Handlung getrieben wurde.«

»Herr,« sagte Gwijde, »es ist Eurer Majestät bekannt, daß ich, um mein Kind wieder zu bekommen, alles versucht habe, was in meiner Macht lag. Aber vergebens. Mein Flehen, mein Bitten waren umsonst. Alles, selbst die Bemühung des Papstes, blieben fruchtlos ... Was war da noch zu tun? Da hatte ich zu hoffen gewagt, daß Waffengewalt meiner Tochter Befreiung bringen würde. Doch das Geschick war mir nicht günstig. Ew. Majestät behielt den Sieg.«

»Aber,« fiel ihm der König ins Wort, »was können wir für Euch tun? Ihr habt unseren Vasallen ein verderbliches Beispiel gegeben. Wenn wir Euch nun gnädig sind, werden sie alle gegen uns aufstehen, und Ihr werdet Euch sicher aufs neue mit unseren Feinden verbinden!«

»O, mein Fürst,« antwortete Gwijde, »beliebt nur, die unglückliche Philippa ihrem Vater wiederzugeben, und ich werde Euch ewig dankbar sein!«

»Und wird Flandern die geforderten Summen aufbringen, und werdet Ihr uns das nötige Geld verschaffen, um die Kosten, die Euer Ungehorsam verursacht hat, zu decken?«

»Dieser Gnadenbeweis Eurer Majestät wird mir nie zu teuer sein! Eure Befehle werde ich ehrerbietigst vollziehen. Aber mein Kind, o König, mein Kind!«

»Euer Kind,« wiederholte der König unschlüssig.

Jetzt dachte er an Johanna von Navarra, die die Tochter des Grafen von Flandern nicht gutwillig freigeben würde. Er durfte seinem guten Herzen nicht folgen; denn zu sehr fürchtete er den Zorn der trotzigen Johanna. Deshalb wollte er kein bestimmtes Versprechen geben und sagte:

»Nun, die Fürsprache meines geliebten Bruders hat viel für Euch getan. Seid guter Hoffnung, denn Euer trauriges Los rührt mich. Ihr wart schuldig, aber Eure Strafe ist schwer. Ich werde versuchen, sie zu erleichtern. Trotzdem beliebt es uns heute nicht, Euch in Gnaden zu empfangen: erst müssen gründliche Nachforschungen stattfinden. Dann verlangen wir Eure Unterwerfung in Gegenwart aller Vasallen, damit sie sich an Euch ein Vorbild nehmen. Verlaßt uns jetzt, damit wir beraten können, was sich für einen untreuen Vasallen tun läßt.«

Auf diesen Befehl verließ der Graf von Flandern den Saal. Er war noch nicht aus dem Palast gegangen, als sich schon unter den französischen Herren das Gerücht verbreitete, daß ihm der König Land und Tochter wiedergeben wollte. Viele beglückwünschten ihn von Herzen; andere wieder, die auf die Eroberung von Flandern ihre ehrgeizigen Pläne gebaut hatten, waren tief ergrimmt. Aber sie ließen es nicht merken, da sie gegen den königlichen Willen doch nichts ausrichten konnten. --

Freude und Vertrauen erfüllten jetzt die Herzen der vlaemischen Ritter; sie schmeichelten sich mit süßer Hoffnung und freuten sich schon auf die Befreiung ihres Vaterlandes. Sie glaubten, daß nichts den guten Ausgang des Unternehmens hindern könnte, da der König nach dem guten Empfang Herrn von Valois versichert hatte, daß er Gwijde großmütig entgegenkommen wollte. --

Graf Gwijde traf schon die nötigen Vorbereitungen, um bei seiner Rückkehr den königlichen Befehlen nachzukommen und seine Untertanen durch einen langen Frieden für den letzten Krieg zu entschädigen. Sogar Robrecht van Bethune zweifelte durchaus nicht an der versprochenen Gnade; denn seit sein Vater am Hofe gewesen, waren die französischen Herren äußerst liebenswürdig und ehrerbietig zu den Vlaemen. Hierin zeigte sich nach ihrer Meinung des Königs Wohlwollen: sie wußten, daß die Absichten und Gedanken der Fürsten stets auf den unentschiedenen Mienen der Höflinge zu lesen sind. --

Herr von Châtillon hatte den Grafen auch einige Male aufgesucht und beglückwünscht. Aber sein Herz barg ein teuflisches Geheimnis, und er lächelte, um es zu verbergen. Seine Nichte, Johanna von Navarra, hatte ihm Flandern als Lehen versprochen. Alle seine herrschsüchtigen Pläne hatten auf die Erlangung dieser reichen Grafschaft gezielt, und nun verschwand diese Aussicht wie ein Traum.

Châtillon, der von politischem Ehrgeiz ergriffen war, schmiedete einen verräterischen Plan und beschönigte ihn vor seinem Gewissen mit dem Namen der Pflicht. --

An dem gleichen Tage, an dem er aus Flandern am königlichen Hofe ankam, rief er einen seiner treuesten Diener zu sich und sandte ihn auf seinem besten Pferde nach Paris.

Ein Brief, den er dem Boten mitgab, mußte die Königin und Enguerrand de Marigny von allem unterrichten und sie nach Compiègne rufen.

Sein verräterischer Plan glückte vollkommen. Als Johanna den Brief las, bebte sie vor Wut. Sie, die den Vlaemen ewigen Haß geschworen hatte, sollte sich nun diese Beute entgehen lassen. Und erst Enguerrand de Marigny, der das Geld, das man mit Gewalt aus Flandern erpressen wollte, bereits verspielt und verausgabt hatte! Beiden lag viel zu viel an Flanderns Untergang, als daß sie mit seiner Befreiung einverstanden hätten sein können. Kaum hatten sie die Nachricht erhalten, als sie auch schon, so schnell sie konnten, nach Compiègne fuhren und unerwartet in die Gemächer des Königs eilten.

»Sire,« rief Johanna aus, »gelte ich Euch denn nichts mehr, daß Ihr in dieser Weise und ohne mich zu fragen meine Feinde gnädig empfangt? Oder habt Ihr den Verstand verloren, daß Ihr diese Vlaemischen zu Euerm eigenen Schaden erhalten wollt!«

»Madame,« antwortete der König voll Selbstbeherschung, »es wäre ratsam, daß Ihr Euerm König und Gemahl mehr Ehrerbietung entgegenbrächtet! Wenn es mir beliebt, den alten Grafen von Flandern gnädig zu empfangen, so werde ich meinen Willen durchsetzen.«

»Im Gegenteil!« rief Johanna rot vor Zorn, »das wird nicht geschehen. Ich dulde es nicht, versteht Ihr? Ich dulde es nicht! Wie! Die Meuterer, die meine Oheime enthauptet haben, sollen straflos bleiben. Sie sollten damit prahlen können, daß sie Blutsverwandte der Königin von Navarra ungestraft verhöhnen durften!«

»Der Zorn reißt Euch hin, Madame!« antwortete der König, »überwägt es selbst in aller Ruhe und sagt mir dann, ob es recht und billig ist, daß man Philippa wieder zu ihrem Vater führt?«

Diese Worte steigerten die Wut Johannas bis zum Äußersten. --

»Ich sollte Philippa wieder hergeben!« fiel sie ihm ins Wort. »Aber Majestät, überlegt Ihr denn nicht, was Ihr da sagt? Sie vermählt sich dann mit dem Sohne Eduards von England, und Euer eigenes Kind wird um diese Hoffnung betrogen. Nein, um keinen Preis! Ihr könnt Euch drauf verlassen; das wird niemals geschehen. Außerdem ist Philippa ja meine Gefangene, und es wird Euch nicht gelingen, sie mir zu entreißen!«

»Aber, Madame,« rief Philipp aus, »da irrt Ihr Euch nun doch! Vergeßt auch nicht, daß mir Eure hochmütigen Worte sehr mißfallen, und daß ich Euch meinen Unwillen fühlen lassen kann, sobald es mir beliebt. Mein Wille ist zugleich der Wille Eures Fürsten.«

»Und Ihr wollt Flandern dem trotzigen Gwijde wiedergeben? Ihr wollt es ihm möglich machen, Euch nochmals den Krieg zu erklären? Diese Unklugheit soll Euch noch teuer zu stehen kommen! Ich werde mich, da ich jetzt gesehen habe, wie wenig Ihr mich achtet, mit Philippa in mein Königreich Navarra zurückziehen!«

Diese letzten Worte trafen den König hart. Navarra war der wertvollste Teil Frankreichs, und er hätte es nicht gern entbehrt. Da Johanna diese Drohung schon mehrmals ausgesprochen hatte, fürchtete er, sie könnte sie endlich verwirklichen. Nach einigem Bedenken sagte er:

»Ihr regt Euch unnütz auf, Madame. Wie könnt Ihr behaupten, daß ich Flandern zurückgeben wollte? Ich habe in dieser Angelegenheit noch gar keinen Entschluß gefaßt!«

»Eure Worte waren deutlich genug,« antwortete Johanna. »Aber wie dem auch sei, ich erkläre Euch: verwerft Ihr meinen Rat, so verlasse ich Euch; denn ich mag die Folgen Eurer Unvorsichtigkeit nicht tragen. Der Krieg gegen Flandern hat des Reiches Schatzkammern erschöpft, und nun wollt Ihr die Meuterer in Gnaden aufnehmen, da Ihr doch in der Lage seid, Euch wieder alles Nötige zu beschaffen! Nie hat unsere Geldlage schlechter dagestanden! Das kann Euch Herr von Marigny beweisen.«

Bei diesen Worten trat Enguerrand von Marigny vor den König.

»Sire, es ist unmöglich, die Soldaten noch weiter zu löhnen,« sagte er; »das Volk will die Lasten nicht mehr aufbringen. Der Obmann der Pariser Kaufleute hat den Zuschuß verweigert, und bald vermag ich die Ausgaben des königlichen Hauses nicht mehr zu bestreiten. Auch die Münzen dürfen nicht weiter entwertet werden. Flandern allein kann uns retten. Die Zollbeamten, die ich dahin geschickt habe, treiben die Gelder ein, die uns aus dieser Verlegenheit erretten sollen. Bedenket, Sire, welch großem Unheil Ihr Euch aussetzt.«

»Ist denn alles Geld bereits dahin, das dem dritten Stande auferlegt wurde?« fragte der König mißgestimmt.

»Sire,« antwortete Enguerrand, »die Gelder, welche die Zollpächter von Paris Eurer Majestät geliehen hatten, habe ich Etienne Barbette zurückerstattet. Im Reichsschatz blieb nichts oder doch nur sehr wenig.«

Die Königin merkte voll Freude, wie sehr diese Nachricht den König erschütterte. Ihr dünkte, nun würde das Urteil über Gwijde unschwer zu erlangen sein. Listig trat sie zu ihrem Gemahl und sprach:

»Ihr sehet wohl, Sire, wie vorteilhaft mein Rat für Euch ist. Wie könnt Ihr Frankreichs Heil aus den Augen lassen, um Aufrührer zu begünstigen? Sie haben Euch und mich verhöhnt, unsern Feinden geholfen und es gewagt, unsern Befehlen zu trotzen. Der Besitz des Goldes macht sie stolz und aufgeblasen. Nichts ist leichter, als sie dieses überflüssigen Geldes zu entledigen; sie sollten Eure königliche Hand küssen, die ihnen das Leben läßt, denn allesamt haben sie den Tod verdient.«

»Aber Herr von Marigny,« fragte der König, »findet Ihr denn gar keine Möglichkeit, noch für einige Zeit die Ausgaben des Reiches aufzubringen? Denn ich glaube nicht, daß die Gelder aus Flandern so bald kommen werden. Dieser Zustand bringt mich in die größte Verlegenheit.«

»Keine, Sire, wir haben schon zu viel versucht.« Johanna mischte sich ein:

»Wenn Ihr meinem Rate folgen und mit Gwijde verfahren wollt, wie ich's begehre, so werde ich eine außerordentliche Steuer in meinem Königreiche Navarra erheben, und für lange Zeit werden wir dann dieser lästigen Sorgen enthoben sein.«

Mochte nun Schwäche oder Geldgier den König bestimmen, jedenfalls gab er Johannas Drängen nach, und so ward ihr der alte Gwijde ausgeliefert. Das arglistige Weib beschloß, den Grafen von Flandern den Fußfall tun zu lassen; doch in sein Vaterland sollte er nicht mehr zurückkehren.

V.

Spät am Abend kam Johanna von Navarra zu Compiègne an. Während sie dem wankelmütigen König mit List und Drohungen die Verurteilung der Vlaemen entlockt hatte, saß Graf Gwijde mit seinen edlen Lehensmannen in einem Saale seines Hauses. In silbernen Schalen kreiste der Wein, und jeder ermunterte die andern mit frohen Hoffnungen und tröstlichen Aussichten.

So hatten sie fröhlich über dies und jenes gesprochen, als Dietrich der Fuchs in den Saal trat, der als Robrechts bester Freund in dem Hause des Grafen untergebracht war. Schweigend hemmte er den Schritt und blickte bald auf den alten Grafen, bald auf dessen beiden Söhne. Aus seinen Zügen sprach tiefer Schmerz und inniges Mitleid. Da er sonst immer fröhlich und offenherzig war, so erschraken die Ritter nicht wenig ob seines gramvollen Aussehens; sie ahnten, daß irgendeine schlimme Nachricht sein Antlitz verdüsterte.

Als erster verlieh Robrecht van Bethune seinen Gedanken Ausdruck: »Stockt Euch die Zunge, Dietrich? Sprecht! Und bringt Ihr traurige Kunde, so lasset, bitte, Eure Scherze ruhn.«

»Das will ich gern, Herr Robrecht,« meinte Dietrich; »aber ich weiß nicht, wie ich Euch die Nachricht beibringen soll; es schmerzt mich, den Unglücksboten spielen zu müssen.«