Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 32
Als die Nachricht von dem Ausgang der Seeschlacht in das französische Lager kam, befand sich dies bei Rijssel auf dem Peuvelberg. Philipp der Schöne gab die Stellung, obgleich sie günstig war, auf und bezog etwas abseits eine andere, während jene unmittelbar nachher von den Vlaemen besetzt wurde. Die wollten die Schlacht nicht länger hinausschieben. Es war den Feldherren unmöglich, sie noch länger zurückzuhalten. So stellten sie sich also in Schlachtordnung, um den Feind anzugreifen. Als Philipp der Schöne das sah, sandte er einen Boten mit Friedensvorschlägen; aber die Vlaemen wollten nichts davon hören und schlugen den Boten tot.
Kurz darauf fielen sie mit furchtbarem Geschrei und donnerndem Hurra über die Franzosen her, die verwirrt und erschreckt durcheinander liefen. Beim ersten Ansturm wurden die vordersten Glieder über den Haufen geworfen und erschlagen. Das vlaemische Heer kämpfte mit noch größerer Erbitterung als in der Schlacht bei Kortrijk; und die Franzosen konnten ihnen nur schwachen Widerstand bieten, obzwar sie mit gleichem Mute fochten. Philipp von Flandern und Wilhelm von Jülich drangen durch alle feindlichen Scharen hindurch bis zu König Philipp dem Schönen, der dadurch in großer Gefahr schwebte. Seine Leibwache rund um ihn wurde niedergemacht; und er wäre sicherlich auch gefangen oder getötet worden, wenn man ihm nicht seinen Mantel und die anderen Abzeichen seiner Würde genommen hätte. Derart unkenntlich gemacht, entkam er; er hatte nur eine leichte Wunde durch einen eisernen Pfeil erhalten. Das französische Heer wurde vollständig in die Flucht geschlagen, und die Vlaemen errangen einen entscheidenden Sieg.
Selbst das französische Kronbanner (die Oriflamme) wurde in Stücke gerissen, wie die Chronik von Flandern es berichtet.
In dieser Schlacht verlor Wilhelm von Jülich das Leben. Die Vlaemen waren bis zum Abend damit beschäftigt, des Königs Zelt und all die anderen Kostbarkeiten zu erbeuten. Dann kehrten sie nach dem Peuvelberg zurück, um sich etwas zu erquicken. Da sie jedoch hier nichts fanden, brachen sie nach Rijssel auf. Am anderen Tage kehrten alle in ihre Heimat zurück. Diese Schlacht wurde am 15. August 1304 geliefert.
Vierzehn Tage später kam Philipp der Schöne mit einem neuen Heere nach Flandern, um Rijssel zu belagern. Die vlaemische Bürgerschaft schloß ihre Läden und griff einmütig zu den Waffen; Philipp von Flandern ließ sie alle bei Kortrijk zusammenkommen und zog einige Tage darauf gen Rijssel, den Franzosen entgegen. Als Philipp der Schöne ihre gewaltige Menge sah, rief er erstaunt aus: »Mich dünkt, Flandern speit oder regnet Krieger.«
Da er keine Niederlage mehr wagen durfte, machte er nach einigen kleinen Gefechten Friedensvorschläge. So kam ein Waffenstillstand zustande, und die Unterhandlungen begannen. Es dauerte aber lange, ehe die Bedingungen von beiden Seiten angenommen wurden.
Unterdessen starb der alte Graf Gwijde zu Compiègne in seinem Gefängnis; Johanna von Navarra folgte ihm bald in den Tod.
Schließlich wurde zwischen Philipp von Flandern und Philipp dem Schönen der Friede geschlossen und unterzeichnet. Robrecht van Bethune mit seinen Brüdern Wilhelm und Gwijde und all den anderen gefangenen Rittern kamen frei und konnten in ihr Vaterland zurückkehren. Das Volk war mit den Bedingungen des Friedens nicht zufrieden und nannte ihn einen Bund der Ungerechtigkeit. Dies Mißvergnügen führte aber zu keinen weiteren Folgen.
Als Herr Robrecht van Bethune nach Flandern kam, wurde ihm ein ungewöhnlich prächtiger Empfang bereitet und als Grafen gehuldigt. Er lebte noch siebzehn Jahre, hielt die Ehre und den Ruhm Flanderns aufrecht und entschlief im Herrn am 18. September 1322.
Nachwort.
Die Geschichte Belgiens ist die Geschichte von erbitterten Kämpfen des Germanentums gegen romanischen Vordrang, romanische Herrschsucht. Einst waren es die Römer, denen sich das Volk Flanderns unterwerfen mußte, später die Welschen, die romanisierten Franken, die in steten Kämpfen ihre Macht über Belgiens Lande auszudehnen strebten und trotz häufiger schwerer Niederlagen Fetzen auf Fetzen an sich rissen. Auch in den Zeiten, da der Kriegslärm zu ruhen schien, ging der Kampf weiter: dann waren es Sprache und Kultur, die widereinander stritten und das erbitterte Ringen fortsetzten. In dem Maße, als Belgien, als die deutschen Vlaemen den Anschluß an den großen germanischen Bruderstamm verloren, in demselben Maße wurde es dem französischen Einfluß möglich, Boden zu gewinnen. Die Erkenntnis dieser bedrohlichen Fortschritte führte zu der vlaemischen Sprachbewegung, die hauptsächlich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts immer mehr an Bedeutung gewann und das völkische Gewissen der Belgier wachzurütteln strebte.
Einer der erfolgreichsten Vertreter dieser Bewegung wurde Hendrik Conscience, der, am 3. Dezember 1812 geboren, nach Beendigung seiner militärischen Dienstzeit 1836 entschieden für das Vlaementum Stellung nahm. Gleich sein erster Roman »In't wonderjaer 1566«, den er, als ersten der neuen vlaemischen Literaturperiode, 1837, schrieb, erregte gewaltiges Aufsehen. Ihm folgte im nächsten Jahr als zweiter der »Löwe von Flandern«, der die goldene Sporenschlacht verherrlicht. Von da an war die Stellung des Dichters in seinem Vaterlande gesichert: angesehene Stellungen, ein Jahresgehalt aus der Schatulle des Königs lohnten seine verdienstvolle Tätigkeit und erlaubten ihm, sorgenlos seine dichterische Tätigkeit fortzusetzen und jene gewaltige Reihe von Romanwerken zu vollenden, die in den langen Jahren bis zu seinem Tode (1883 zu Brüssel) erschienen und in immer gleichem Maße von seinen Landsleuten freudig und dankbar anerkannt wurden. Bis zu welchem Grade er sich dem deutschen Brudervolke nahestehend fühlte, beweist der Umstand, daß er, der einen französischen Namen trug, besonders auf die Verbreitung seiner Werke in Deutschland bedacht war und deshalb die von 1846 bis 1884 in Münster erschienene Gesamtausgabe seiner Werke in deutscher Sprache selbst sorglich durchsah.
Denn es sind ja deutsche Kämpfe, deutsche Helden, von denen seine Werke handeln, so wie der Geist und die Art, die aus dem »Löwen von Flandern« zu uns spricht, deutsch ist, trotz mancher Züge, die uns etwas zu kraß anmuten. Aber man muß das Wesen eines Grenzstammes anders werten als das der Kernbevölkerung, die den Grenzkämpfen zumeist entrückt bleibt. Die Erbitterung immerwährenden Ringens verleiht dem Volkscharakter eine trotzige Härte, die zur Roheit ausarten kann und unverständlich bleibt, wenn man sie nicht aus der geschichtlichen Stellung des betreffenden Volkes heraus wertet. Um so mehr aber kann man stolz sein auf die glühende Vaterlandsliebe, auf die rückhaltlose Aufopferungsfähigkeit, die zähe Treue und die heldenhafte Kraft, die aus all diesen Kämpfen hervorleuchten und eines Deutschen würdig sind. Mit Schmerzen denkt man daran, daß es unlängst eine Zeit gegeben hat, da sich durch welschen Einfluß und lügenhafte Verhetzung auch Angehörige dieses deutschen Stammes gegen ihre deutschen Brüder wandten und mit allen Vorzügen und Fehlern ihres Wesens auf der Seite ihrer Unterdrücker für eine Freiheit fochten, die von Deutschland niemals bedroht war. Es ist wohl eine Fügung des Schicksals, daß der gewaltige Krieg der Gegenwart auch in Belgien eine Entscheidung zugunsten des Germanentums herbeiführte in dem Augenblick, da der Vordrang des Franzosentums in diesem Lande übermächtig geworden war und schon sicher auf seinen Sieg vertraute. Nun können Vlaemen und Deutsche gemeinsam jener heldenhaften Zeiten gedenken, die der »Löwe von Flandern« zurückzaubert, die Zeiten jenes Ringens, dessen Höhepunkt die goldene Sporenschlacht bildete, die Zeiten, da schlichte Männer aus dem Volke wider den hochmütigen französischen Adel stritten und durch ihre glühende Vaterlandsliebe die Eroberungslust ihrer westlichen Nachbarn zunichte machten. Auch wenn einst das große Weltenringen zu Ende sein wird und die dadurch erweckte seelische Erhebung nachgelassen hat, wird Consciences »Löwe von Flandern« eines der Werke bleiben, das immer wieder mit flammenden Worten zu Felde zieht gegen materialistische Überschätzung irdischen Wohllebens und kaufmännischer Erfolge und für die idealen Aufgaben und Ziele der Deutschen eintritt.
Anmerkungen zur Transkription:
Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, ebenso unterschiedliche Schreibweisen wie Klauwaart und Klauwaert, Saint Kruis und Saint-Kruis etc. Es wurden einige Änderungen in der Zeichensetzung vorgenommen.
S. 28: "ein Mittel, daß Eurer Tochter" wurde geändert in "ein Mittel, das Eurer Tochter" S. 28: "sollten unsere Bemühungen furchtlos bleiben" wurde geändert in "sollten unsere Bemühungen fruchtlos bleiben" S. 38: "o eilige Magd" wurde geändert in "o heilige Magd" S. 57: "antwortete Euguerrand" wurde geändert in "antwortete Enguerrand" S. 62: "Karl van Valois" wurde geändert in "Karl von Valois" S. 101: "furchbar nahe gegangen" wurde geändert in "furchtbar nahe gegangen" S. 109: "in ungestümen Drohungen und Scheltworte" wurde geändert in "in ungestümen Drohungen und Scheltworten" S. 121: "Die Weber und Fleischer verfolgtn" wurde geändert in "Die Weber und Fleischer verfolgten" S. 153: "Ich hoffe, mein Heer," wurde geändert in "Ich hoffe, mein Herr," S. 170: "Breydel erfaßt ob ihres Spottes" wurde geändert in "Breydel erfaßte ob ihres Spottes" S. 171: "Furchbare Wut kochte" wurde geändert in "Furchtbare Wut kochte" S. 192: "mit erhobener Simme" wurde geändert in "mit erhobener Stimme" S. 210: "ist es nötig, das" wurde geändert in "ist es nötig, daß" S. 216: "nahm die Gelegenheit war" wurde geändert in "nahm die Gelegenheit wahr" S. 235: "Nur ein herzzeißendes" wurde geändert in "Nur ein herzzerreißendes" S. 242: "Pötzlich öffnete sich die Tür" wurde geändert in "Plötzlich öffnete sich die Tür" S. 311: "mein Herr ist angelangt" wurde geändert in "mein Heer ist angelangt" S. 316: "den ihn Machteld um den Hals gehängt hatte" wurde geändert in "den ihm Machteld um den Hals gehängt hatte" S. 321: "Line weitere Ritterschar" wurde geändert in "Eine weitere Ritterschar" S. 328: "davon will ich nichts hören?" wurde geändert in "davon will ich nichts hören!" S. 329: "unter seinen Harnisch hervorzog" wurde geändert in "unter seinem Harnisch hervorzog" S. 331: "Regnaulds von Trie" wurde geändert in "Renaulds von Trier" (vgl. S. 320) S. 341: "denn aldann werden mehr Franzosen" wurde geändert in "denn alsdann werden mehr Franzosen" S. 357: "Adolf von Nieuwland" wurde geändert in "Adolf van Nieuwland" S. 366: "Arnold von Oudenaarde" wurde geändert in "Arnold van Oudenaarde" S. 368: "und er anwortete" wurde geändert in "und er antwortete" S. 407: "die Zeiten jenes Ringes" wurde geändert in "die Zeiten jenes Ringens"
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