Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 31
Wohl hundertmal schallte immer wieder der Ruf: »Heil dem goldenen Ritter! Sieg! Sieg! Unser Befreier!« Sie winkten mit den Händen, um ihre Freude auszudrücken, und rafften die Erde aus den Hufspuren seines Pferdes wie ein Heiligtum auf. Ihnen schien, daß der heilige Georg, den man während des Kampfes in allen Kirchen von Kortrijk angerufen hatte, ihnen in dieser Gestalt zu Hilfe gekommen war. Daß der Ritter so langsam und schweigsam dahinritt, festigte sie noch in dieser Meinung, und manche fielen, während er vorbeiritt, ehrfurchtsvoll auf ihre Knie nieder. Lange folgten sie ihm nach und schienen sich an seinem Anblick nicht sättigen zu können; denn je länger es dauerte, um so wundersamer erschien ihnen der goldene Ritter. Ihre Einbildung lieh ihm eine Gestalt, wie sie sich die Heiligen vorstellten.
Endlich gab er seinem Pferde den Sporn und verschwand wie ein Pfeil zwischen den Bäumen des Waldes. Das Volk versuchte, seines goldenen Harnisches noch zwischen dem Laube gewahr zu werden, aber vergebens; das Roß hatte seinen Herrn bereits weit aus dem Bereich ihrer Augen entführt. Da sahen sie denn einander an und sprachen traurig:
»Er ist in sein himmlisches Vaterhaus zurückgekehrt!«
Geschichtliche Darstellung
bis zur Befreiung Robrechts van Bethune, des dreiundzwanzigsten Grafen von Flandern.
Von den sechzigtausend Mann, die von Philipp dem Schönen ausgesandt waren, um Flandern zu verwüsten, entkamen nur etwa siebentausend, die in aller Eile auf verschiedenen Wegen den französischen Boden zu erreichen suchten. Gui von Saint-Pol hatte bei Rijssel fünftausend von ihnen gesammelt und glaubte, mit ihnen nach Frankreich zu gelangen, wurde aber von einem Teile des vlaemischen Heeres angegriffen und in blutiger Schlacht besiegt; fast alle seine Leute fanden daselbst den Tod, der sie in den früheren Kämpfen verschont hatte. Die excellente Cronike sagt uns, wie viele Franzosen in ihr Vaterland zurückgekehrt sind: >Und derer, die entkamen, waren wohl dreitausend Mann, der Rest des ganzen großen Heeres, das da versammelt gewesen war zum Untergang Flanderns; sie konnten die Märe überbringen von ihren Abenteuern, die so traurig waren.<
Die ausgezeichnetsten Edlen, die tapfersten Ritter blieben vor Kortrijk; ihre Zahl war so groß, daß, wie die Geschichte erzählt, kein Schloß, keine Herrschaft in Frankreich war, da man nicht Trauer anlegte; überall flossen Tränen über den Tod eines Ehegemahls, eines Vaters oder Bruders, und das ganze Land hallte von Klagen wider. Die vlaemischen Feldherren trugen Sorge dafür, das die gefallenen Könige und die vornehmsten Lehnsherren in der Abtei von Groeningen begraben wurden, wie das ein Gemälde kündet, welches sich noch in der St.-Michaeliskirche zu Kortrijk befindet.
Außer den goldenen Gefäßen, kostbaren Stoffen und reichen Waffen fand man auf dem Schlachtfeld siebenhundert vergoldete Sporen; die wurden mit den eroberten Standarten am Gewölbe der Frauenkirche zu Kortrijk aufgehängt, und danach wurde dieser Kampf auch die >Schlacht der goldenen Sporen< genannt. Auch einige tausend Pferde fielen in die Hände der Vlaemen, die in den folgenden Kämpfen großen Vorteil davon hatten. Vor dem Genter Tor, unweit von Kortrijk, hat man 1831 mitten auf dem ehemaligen Schlachtfeld eine Kapelle zu Ehren Unserer lieben Frau von Groeningen erbaut. Auf dem Altar sind die Namen der gefallenen französischen Feldherren zu lesen, und einer der goldenen Sporen hängt in der Mitte des Gewölbes. In Kortrijk wird dieser frohe Tag jedes Jahr durch ein öffentliches Volksfest gefeiert. Daran schließt sich ein Jahrmarkt, den man Vergaderdag (Versammlungstag) nennt. Jedes Jahr im Monat Juli ziehen die armen Leute von Haus zu Haus und erbetteln alte Kleider, um sie zu verkaufen, so wie man es im Jahre 1302 mit der reichen Beute getan hat; von einem Geiger begleitet, ziehen sie dann zum Potterberg, dem alten Lagerplatz der Franzosen, und erlustigen sich bis zur Tagesneige.
Die Nachricht von der Niederlage des Heeres versetzte den französischen Hof in tiefe Trauer; Philipp der Schöne entbrannte in Wut wider seine Gemahlin Johanna, deren Bosheit an diesem Unheil schuld war. Er machte ihr das mit bitteren Worten zum Vorwurf, so wie es uns Lodewijk van Velthem, ein Dichter, der in jener Zeit lebte und damals seine Reimchronik schrieb, erzählt. --
Der Magistrat von Gent, dem nur Leliaerts angehörten, vermeinte, Philipp der Schöne werde eiligst ein neues Heer nach Flandern senden. Deshalb wollte er die Tore nicht öffnen, um die Stadt so lange als möglich den Franzosen zu erhalten. Doch er wurde bald von den Gentern selbst für diese verräterische Absicht bestraft. Das Volk griff zu den Waffen, der Magistrat und alle Leliaerts wurden ermordet. Die vornehmsten Bürger überbrachten dem jungen Gwijde die Schlüssel der Stadt und gelobten ihm ewige Treue. Inzwischen kam Johann, Graf von Namur, der Bruder Robrechts van Bethune, nach Flandern und übernahm die Regierung; er sammelte schnell ein neues, noch mächtigeres Heer, um den Franzosen widerstehen zu können. Ohne seinen Scharen lange Ruhe zu gönnen, zog er nach Rijssel, das sich nach einigen Stürmen ergab; von dort eilte er nach Douai, nahm auch diese Stadt ein und machte die Besatzung kriegsgefangen; die Stadt Kassel ergab sich ebenfalls. Nachdem er den Franzosen noch einige andere feste Plätze abgenommen hatte und sah, daß keine neuen Feinde aus Frankreich heranrückten, sandte Johann von Namur den größten Teil seines Heeres nach Hause und behielt nur einige erlesene Scharen erfahrener Krieger.
Das Land war nun ruhig, und der Handel begann von neuem zu blühen; die verwüsteten Äcker wurden wieder besät, und es schien, als hätte Flandern neues Leben, neue Kraft bekommen. Man glaubte nicht ohne Grund, daß sich Frankreich nun die Lehre zu Herzen nehmen würde.
Philipp der Schöne hatte in der Tat keine Lust mehr, den Krieg von neuem zu beginnen; aber der Racheschrei, der sich in allen Teilen Frankreichs erhob, die Klagen der Ritter, deren Brüder vor Kortrijk gefallen waren, und vor allem die Hetzerei der rachsüchtigen Königin Johanna trieben ihn schließlich doch wieder zum Kriege. So versammelte er denn ein Heer von achtzigtausend Mann, darunter sich fast zwanzigtausend Reiter befanden; dennoch kam es bei weitem dem ersten an Wert nicht gleich, welches er verloren hatte. Denn es bestand zumeist aus Mietlingen oder zum Dienste gezwungenen Soldaten. Der Oberbefehl wurde König Ludwig von Navarra übertragen; der sollte, ehe er eine Schlacht lieferte, Douai und die anderen französischen Grenzfestungen den Händen der Vlaemen entreißen. Als dies Heer nach Flandern kam, schlug es zwei Stunden von Douai bei Vitry sein Lager auf.
Sobald man in Flandern vernahm, daß ein neues französisches Heer gesammelt worden war, lief durch das ganze Land der Ruf: »Zu den Waffen! Zu den Waffen!« Noch nie sah man ähnliche Begeisterung; aus allen Städten, aus den kleinsten Dörfern kamen große Haufen Volkes mit allerart Waffen herbeigeeilt. Singend und jubelnd ging es dem Feinde entgegen, und Johann von Namur mußte viele zurücksenden aus Furcht, daß es an Lebensmitteln fehlen könnte. Diejenigen, die als Leliaerts bekannt waren, wollten ihr früheres Tun vergessen machen und baten flehentlichst, als Beweis ihrer Sinnesänderung ihr Blut für das Vaterland vergießen zu dürfen! Das wurde ihnen denn auch freudig zugestanden.
Unter dem Feldherrn Johann von Namur standen fast alle Ritter, die sich auch in der Schlacht vor Kortrijk ausgezeichnet hatten: der junge Gwijde, Wilhelm von Jülich, Jan van Renesse, Jan Borluut, Peter De Coninck, Jan Breydel und noch manch anderer. Adolf van Nieuwland war von seiner Krankheit noch nicht wiederhergestellt und konnte daher diesem Zuge nicht beiwohnen.
In zwei verschiedenen Abteilungen zogen die Vlaemen bis auf zwei Meilen dem Feind entgegen und nahmen dort Stellung. Nachdem sie hier kurze Zeit gelagert hatten, zogen sie weiter bis zur Skarpe, einem kleinen Fluß bei Flines. Täglich forderten sie die Franzosen zum Kampf heraus. Da aber weder die vlaemischen noch französischen Feldherren zum Kampf bereit schienen, so kam es zu keinem Ereignis. Der Grund zu dieser Ruhe war, daß Johann von Namur die Befreiung seines Vaters und Bruders bewirken wollte und deshalb Boten nach Frankreich gesandt hatte, um zu versuchen, ob man mit Philipp dem Schönen nicht Frieden schließen könne. Wahrscheinlich konnte man am französischen Hofe über die Bedingungen nicht einig werden, denn die Boten blieben aus, und man bekam nur ungünstige Antworten.
Das vlaemische Heer begann indes zu murren und wollte trotz des Verbots des Feldherrn mit den Franzosen eine Schlacht wagen; die Forderung der Truppen wurde schließlich so nachdrücklich, daß Johann von Namur gezwungen war, über die Skarpe zu ziehen, um den Feind anzugreifen. Aus fünf Schiffen wurde eine Brücke über den Fluß geschlagen, und das vlaemische Heer zog singend hinüber, froh, daß es endlich zum Kampfe ging. Aber da kam eine zweideutige Nachricht aus Frankreich, die sie noch einige Tage zurückhielt. Am Ende wollten sich die Scharen durchaus nicht mehr halten lassen, und es gab schon bedenkliche Anzeichen von Aufruhr. Nun wurde alles zum Angriff bereit gemacht, und die Vlaemen zogen den Franzosen entgegen; die wollten jedoch keine Schlacht wagen, brachen ihr Lager eilig ab und zogen in Unordnung davon. Die Vlaemen fielen über die Fliehenden her und erschlugen ihrer eine große Zahl. In weiterem Vorstoß nahmen sie das Kastell Harne, wo der König von Navarra die Speicher für das Heer angelegt hatte. Die Vorräte, die Zelte und alles, was das französische Heer mitgebracht hatte, fiel in die Hände der Vlaemen. Danach ereigneten sich noch einige unbedeutende Gefechte, deren Ergebnis war, daß die Franzosen mit Schmach bedeckt bis tief nach Frankreich zurückgetrieben wurden.
Als die vlaemischen Feldherren sahen, daß kein Feind mehr im offenen Felde zu bekämpfen war, entließen sie einen Teil ihres Heeres und behielten nur so viel Leute, um die Besatzungen der französischen Grenzstädte am Rauben und Plündern hindern zu können.
Aus dem Städtchen Lessines, auf der Grenze von Hennegau, drangen täglich Haufen von Söldnern ins vlaemische Gebiet und richteten großen Schaden unter den Bewohnern des platten Landes an. Als Johann von Namur davon hörte, legte er sich mit einem Teil seiner Truppen davor und erstürmte, eroberte und verbrannte Lessines, das dem Grafen von Hennegau gehörte.
Inzwischen wandte sich Wilhelm von Jülich mit den Zünften von Brügge und Kortrijk nach Saint Omaar, um den Franzosen diese Stadt zu nehmen. Dort wurde er von der französischen Reiterei, die bei weitem zahlreicher war als die seinige, mit Ungestüm angegriffen. Da er keinen Ausweg sah, stellte er seine Leute in einem Kreis auf und wehrte sich, bis es ihm die Finsternis gestattete, zurückzuweichen und so einer sicheren Niederlage zu entgehen. Einige Tage später kehrte Johann von Namur von Lessines zu Wilhelm zurück, so daß deren vereinigte Macht an die dreißigtausend Mann stark wurde. Sie griffen das französische Heer an, schlugen es in die Flucht und zerstreuten die feindlichen Scharen.
Jetzt begann man Saint Omaar zu bestürmen; alle Tage wurde die Stadt mit ungewöhnlichem Mute von verschiedenen Seiten angegriffen. Da jedoch die Besatzung sehr stark war, so wurden die Belagerer oft mit Verlust vieler Leute zurückgeschlagen; das hinderte sie aber nicht, Massen von Steinen über die Wälle zu werfen und die Häuser arg zu beschädigen. Auch viele Einwohner von Saint Omaar wurden in den Straßen durch die Steine getötet. Die Franzosen wurden um die Erhaltung der Stadt besorgt, und in der Absicht, einen kräftigen Versuch zu machen, ließen sie alle Bürger unter die Waffen treten. Dadurch bildeten sie eine ansehnliche Kriegsmacht, die sie in zwei Scharen teilten.
In der Nacht, da undurchdringliche Finsternis die Fluren bedeckte, schlichen sie insgeheim aus der Stadt, legten die eine Hälfte ihrer Truppen in ein dichtes Gebüsch zur Seite des vlaemischen Lagers, der andere Teil zog zur Feste Areques, das gleichfalls von den Vlaemen belagert wurde. Bei Sonnenaufgang begann der Angriff bei Arcques mit solcher Gewalt, daß die Vlaemen, die ganz überrascht waren, fliehen wollten; die Stimme ihrer Anführer gab ihnen jedoch den Mut wieder, sie trieben die Franzosen zurück, und der Sieg schien sich ihnen zuzuneigen, als sie plötzlich eine große Reiterschar im Rücken angriff. Die warf beim ersten Stoß mehrere Glieder über den Haufen und trieb die Vlaemen nach hartnäckigem Kampf auseinander und in die Flucht.
Der andere Teil des vlaemischen Heeres wurde unvermutet von den in dem Gehölz verborgenen Soldaten angegriffen. Er stellte sich schleunigst in Schlachtordnung auf und zog sich langsam zurück. Vielleicht würden die Vlaemen ohne große Verluste davongekommen sein, wenn nicht ein beklagenswertes Unglück ihre Niederlage verursacht hätte. Als sie an den Aafluß gekommen waren, betraten sie in so großer Anzahl und so dicht gedrängt die Brücke, daß diese das Gewicht der vielen Menschen nicht mehr tragen konnte und mit furchtbarem Krachen in den Fluß stürzte. Das Geschrei und die Klagen der Verwundeten, die in das Wasser fielen, jagte den vlaemischen Scharen, die noch vor dem Flusse standen, argen Schrecken ein. Ohne auf die Stimme ihrer Anführer zu hören, wandten sie sich zur Flucht und liefen in völliger Auflösung vom Schlachtfeld. Diese Niederlage kostete den Vlaemen fast viertausend Mann.
Als Johann von Namur und Wilhelm von Jülich merkten, daß der Feind ihr verlassenes Lager plünderte, und dadurch aufgehört hatte, sie zu verfolgen, da sammelten sie die Flüchtlinge, so gut sie konnten, hielten ihnen die Schmach dieser Niederlage vor Augen und riefen in ihnen den Wunsch nach schleuniger Rache wach. Dann kehrten sie zum Feinde zurück, überraschten ihn, als er eben damit beschäftigt war, das Lager zu plündern, und warfen sich unversehens mit großem Geschrei über ihn her. Die meisten Plünderer wurden erschlagen und die anderen in die Stadt getrieben; so behielten die Vlaemen den Sieg des Tages.
Während man gegen Frankreich einen langwierigen und wenig erfolgreichen Krieg führte, war Seeland durch den Tod seines letzten Fürsten herrenlos geworden. Wilhelm von Hennegau wollte dies Land in Besitz nehmen, indem er vorgab, daß es ihm durch Erbrecht zugehöre. Die Söhne des Grafen von Flandern erhoben gleichfalls Anspruch darauf. Johann von Namur rüstete schleunigst eine Flotte aus und landete mit einem vlaemischen Heer auf der Insel Katsand; nach einem unbedeutenden Gefecht wandte er sich nach Walchern und stieg bei Vere, das sich ergab, ans Land. Wilhelm von Hennegau hatte gleichfalls ein Heer aufgebracht und kam damit nach Seeland, wo er Johann von Namur eine Schlacht anbot. Die Vlaemen besiegten ihn in einem furchtbaren Kampf und trieben ihn bis Arnemuiden in die Flucht. Wilhelm von Hennegau, der dort frische Hilfstruppen fand, sammelte sein zerstreutes Heer und zog aufs neue wider die Vlaemen. Aber dieses Mal war seine Niederlage nur noch schrecklicher: er sah sich gezwungen, auf die Insel Schouwen zu flüchten. Kurz darauf eroberten die Vlaemen die Stadt Middelburg und viele andere Ortschaften. Das nötigte Wilhelm von Hennegau zu einem Waffenstillstand, durch den der größte Teil von Seeland an Flandern abgetreten wurde.
Philipp der Schöne sammelte inzwischen ein anderes mächtiges Heer, um sich für die Niederlage bei Kortrijk zu rächen. Er gab den Oberbefehl darüber Walter de Châtillon und gab ihm den Auftrag, bei seiner Ankunft in Flandern alle Besatzungen aus den Grenzstädten an sich zu ziehen, wodurch sein Heer weit über hunderttausend Mann stark werden mußte.
Philipp, einer der Söhne des alten Grafen von Flandern, der in Italien die Grafschaften Tyetta und Lorette geerbt hatte, hörte nicht sobald von dieser neuen Heeresbildung, als er mit einigen Hilfstruppen nach Flandern eilte, und dort von seinen Brüdern zum Oberbefehlshaber erwählt wurde. Mit dem Heere, das in Seeland gekämpft hatte, und noch einigen anderen Truppen brachte er seine Macht auf fünfzigtausend Mann, zog bis Saint-Omaar, um die Franzosen zu erwarten, und überrumpelte die Feste Arcques. Die feindlichen Heere gerieten bald aufeinander. In den beiden ersten Tagen fanden einige kleine Gefechte statt, in denen Pierre de Courtrenel, einer der französischen Feldherren, mit seinen Söhnen fiel und die Franzosen viele Leute verloren. Von Furcht ergriffen, wagte es Walter de Châtillon nicht, eine allgemeine Schlacht zu liefern. Er zog nachts mit seinem Heere nach Utrecht, und zwar so heimlich, daß die Vlaemen, die nichts von diesem Abzuge gemerkt hatten, am anderen Morgen ganz erstaunt waren, als sie nicht einen einzigen Franzosen mehr erblickten. Philipp benützte den Rückzug des Feindes, stürmte und nahm die Städte Terwanen, Lens, Lillers und Bassee. Zur Rache für die Greuel, die von den Franzosen vor der Schlacht bei Kortrijk in Flandern verübt worden waren, wurde die ganze Gegend durch die Vlaemen verwüstet und geplündert. Mit reicher Beute beladen, kehrten sie nach Flandern zurück.
Der König von Frankreich hatte sich durch so viele Niederlagen überzeugt, daß es ihm unmöglich sein würde, Flandern durch die Gewalt der Waffen zu gewinnen. Daher sandte er Amadeus von Savoyen als Friedensunterhändler zu dem vlaemischen Feldherrn Philipp. Die Kinder des gefangenen Grafen wünschten nichts sehnlicher, als die Befreiung ihres Vaters Gwijde und ihres Bruders Robrecht zu erlangen. Sie waren gern zum Frieden mit Frankreich bereit und nahmen dafür selbst ungünstigere Bedingungen hin. So wurde ein Waffenstillstand geschlossen, bis der Vertrag von beiden Seiten angenommen wäre.
Der war am französischen Hof aufgesetzt worden und enthielt verschiedene, für Flandern höchst nachteilige Punkte. Dennoch hoffte Philipp der Schöne, die Annahme durch List zu erreichen. Er ließ den achtzigjährigen Grafen von Flandern aus seiner Gefangenschaft zu Compiègne nach Flandern gehen und nahm ihm sein Ehrenwort ab, daß er im Monat Mai des künftigen Jahres in seinen Kerker zurückkehren würde, wenn er die Annahme des Vertrags, so wie ihn der französische Hof aufgestellt, nicht erreichen könnte.
Der alte Graf wurde von seinen Untertanen prunkvoll empfangen und nahm auf dem Schlosse Wijnendaal Wohnung. Als er aber die Bedingungen des Friedens mit Frankreich vorgelegt hatte, wurden sie von Grund auf von den Städten verworfen. Der alte Graf hoffte allerdings, mit der Zeit ihre Annahme zu erlangen.
Als der Waffenstillstand mit Wilhelm von Hennegau abgelaufen war, vernahm der Graf, daß ein holländisches Heer aufgeboten sei, um Seeland zu nehmen; in aller Eile wurden deshalb Jan van Renesse und Florenz von Borseele ausgesandt, diesen neuen Feinden entgegenzutreten. Die Vlaemen besiegten die holländische Flotte in einer Seeschlacht, darin die Holländer und Hennegauer mehr als dreitausend Mann und all ihre Schiffe verloren. Der Bischof von Utrecht, der Feldherr der Utrechtschen Scharen, wurde gefangengenommen und nach Wijnendaal in Gewahrsam gebracht. In derselben Schlacht fielen Wilhelm van Horn, Dietrich van Harlem, Dietrich van Zulen und Suederus van Beverenweerdt. Die Vlaemen zogen siegreich durch ganz Nordholland und eroberten fast alle Städte, außer Harlem, das sich hartnäckig wehrte. Die vornehmsten Bürger von Nordholland wurden als Geiseln gefangen nach Gent gebracht.
Während der Graf von Hennegau das Feld räumte und Holland den Vlaemen überließ, erhob sich in Dortrecht ein tapferer Mann, namens Niklas van den Putte; der wollte sein Vaterland befreien, sammelte einige Kriegerscharen, überfiel mit ihnen eine Abteilung Vlaemen und erschlug in einem Gefecht fast zweitausend. Von einer anderen Seite brachte auch Witte van Haemstedde, gleichfalls ein tapferer Mann, viele Krieger zusammen und machte kurz darauf einen Teil des vlaemischen Heeres, dem er bei Hillegom begegnete, bis auf den letzten Mann nieder. Diese einzelnen Gefechte änderten wenig den Stand der Dinge in Seeland und verhinderten nicht, daß die Belagerung von Zierikzee fortdauerte.
Unterdessen kam das Ende des Waffenstillstandes mit Frankreich heran, und alles kündete einen neuen Krieg an. Der Friede hatte nicht zustande kommen können, weil die Bedingungen für die Vlaemen unannehmbar waren. Am letzten Tage des Monats April kehrte der alte Gwijde krank und schwach gleich einem zweiten Regulus nach Frankreich in die Gefangenschaft zurück.
Philipp der Schöne hatte während des Waffenstillstandes alles nur mögliche getan, um ein ungeheures Heer zusammenzubringen. In allen Landen waren für seine Rechnung Hilfstruppen geworben und dem Volk verschiedene neue Abgaben aufgezwungen worden, damit die Kosten dieses Krieges bestritten werden konnten. Der König selbst kam gegen Ende Juni an die vlaemische Grenze. Obgleich er über die größte Kriegsmacht gebot, die Frankreich je besessen hatte, so segelte doch noch eine zahlreiche Flotte unter Reinier Grimaldi von Genua zur vlaemischen Seeküste, um den jungen Gwijde und Jan van Renesse, die in Seeland waren, in Schach zu halten.
Philipp von Flandern hatte inzwischen auch einen Aufruf im Land erlassen und viele Kriegsscharen um seine Fahnen versammelt; er zog mit ihnen dem französischen Heer entgegen, um Philipp dem Schönen eine Schlacht anzubieten. Beide Lager befanden sich so dicht nebeneinander, daß sie im anderen die flatternden Banner erblicken konnten. Am ersten Tage fand nur ein kleines Gefecht statt, in dem der französische Anführer Genuilla mit all seinen Leuten erschlagen wurde. Ungeduldig und kampfbegierig stellten sich die Vlaemen am anderen Tag in Schlachtordnung auf und rüsteten sich zu einem gewaltigen Angriff. Als die Franzosen aber das merkten, zogen sie sich eiligst nach Utrecht zurück und überließen ihr Lager den Vlaemen, die große Beute machten und alle Werke, welche die Franzosen errichtet hatten, schleiften oder zerstörten. Die Stadt Bassee wurde von ihnen zum zweiten Male erobert und die Vorstädte der Stadt Lens niedergebrannt.
Philipp der Schöne wollte nun Flandern vom Hennegau aus angreifen und zog mit seinem Heere nach Doornick. Aber schon am ersten Tage nach seiner Ankunft standen ihm die Vlaemen gegenüber. Es lag nicht in seiner Absicht, eine Schlacht anzunehmen, ehe er wußte, was seine Flotte in Seeland ausgerichtet hatte. Um nicht handgemein zu werden, brach er fast jede Nacht sein Lager ab und zog, stets von den Vlaemen verfolgt, kreuz und quer durchs Land.
Am 10. August 1304 fand endlich die Seeschlacht zwischen den beiden Flotten statt. Das Gefecht dauerte zwei Tage, vom Morgen bis zum Abend. Am ersten Tag war das Kriegsglück auf seiten der Vlaemen, und vielleicht würden sie den vollen Sieg errungen haben: aber ihre Schiffe waren des Nachts auf eine Sandbank festgetrieben worden, und so wurden sie am anderen Tage von den Franzosen unter dem berühmten Admiral Renier Grimaldi geschlagen. Ihre Schiffe wurden verbrannt, und der junge Gwijde fiel mit vielen anderen Rittern in die Hände der Feinde. Jan van Renesse, der mutige Seeländer, der mit wenigen Leuten Utrecht bewachte, wollte die Stadt verlassen und bestieg einen Nachen, um über die Leck zu fahren; doch das Schiff hatte zu schwer geladen, sank mitten im Fluß, und der edle Ritter Jan fand ein klägliches Ende -- er ertrank. Als die Vlaemen dieses Unglück von den Flüchtigen erfuhren, betrauerten sie ihn mit schmerzlichen Klagen und schwuren, ihn nicht ungerächt zu lassen.