Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 30

Chapter 303,717 wordsPublic domain

Sobald die Kriegstrompete ihre Töne über das Schlachtfeld sandte, erzitterten die beiden Frauen und erbleichten, als ob sie zur gleichen Zeit ein tödlicher Schlag getroffen hätte. In diesem bangen Augenblick vermochten sie die Gefühle ihrer Seele nicht auszusprechen; sie waren zugleich auf einen Betstuhl niedergesunken, hatten den Kopf darauf gestützt, und still flossen Tränen über ihre Wangen. So knieten sie nun dort in feurigem Gebet, ohne sich zu regen, als wären sie in tiefen Schlaf versunken gewesen; von Zeit zu Zeit hörte man einen schwachen Seufzer, und wenn das Tosen der Schlacht lauter anschwoll, dann schluchzte Maria:

»O allmächtiger Gott, Herr der Heerscharen, erbarme dich unser! Steh uns bei in der Not, o Herr!«

Und Machtelds zarte Stimme erwiderte:

»O süßer Jesus, Seligmacher, schütze ihn! Und rufe ihn nicht zu dir, o barmherziger Gott!«

»Heilige Mutter Gottes, bitte für uns!«

»O Mutter Christi, Trösterin der Betrübten, bitte für ihn!«

Dann tönte das donnernde Kriegsgetöse noch furchtbarer zu ihnen herüber, und ihre Hände zitterten vor Angst wie Espenlaub; ihre Häupter beugten sich tiefer, ihre Tränen flossen reichlicher, und ihr Gebet wurde wieder unverständlich; denn die Beklemmung raubte ihnen die Sprache.

Der Kampf dauerte lange, das furchtbare Geschrei der widereinander anstürmenden Scharen schwebte fortwährend über der Abtei von Groeningen, aber noch länger dauerte das stille Gebet der Frauen; denn als der goldene Ritter an die Pforte des Klosters klopfte, waren sie noch nicht vom Betstuhl aufgestanden. Plötzlich vernahmen sie dröhnende Männerschritte in dem Gange, der zur Zelle führte. Sie wandten das Haupt, und während sie starr auf die Tür blickten, erbebten beide in einem süßen Vorgefühl des Trostes.

»Adolf kommt wieder!« schluchzte Maria. »O, unser Gebet ist erhört worden.«

Machteld lauschte sorglicher hin und antwortete niedergeschlagen:

»Nein, nein, er ist es nicht, sein Schritt ist nicht so schwer. O, Maria, vielleicht ein Unglücksbote!«

In diesem Augenblick hörte man die Tür der Zelle in ihren Angeln knarren; eine Nonne öffnete sie und ließ den goldenen Ritter hinein. Die zarte Gestalt Machtelds erstarrte, ihre Augen hefteten sich zweifelnd auf den Krieger, der mit offenen Armen vor ihr stand, um sie zu empfangen. Erst schien es ihr, als ob ein falscher Traum sie narrte; aber dies Gefühl war flüchtiger denn der Blitz, und ungestüm warf sie sich jauchzend an die Brust des goldenen Ritters.

»Mein Vater,« rief sie, »o mein teurer Vater! Ich sehe Euch wieder, frei, ohne Ketten! Laßt mich Euch in meine Arme schließen! O Gott, wie gütig bist du! Entzieht mir Eure Wange nicht, lieber Vater; laßt mich die Freude, die ich empfinde, ausdrücken.«

Robrecht van Bethune umarmte seine zärtliche Tochter voller Entzücken; er hielt sie an seine Brust gepreßt, bis ihre Aufregung ein wenig nachgelassen hatte, und legte dann den Helm und seine eisernen Handschuhe auf den Betstuhl. Von der Anstrengung des Tages ermattet, zog er einen Sessel herbei und ließ sich darin nieder. Machteld umschlang seinen Hals mit beiden Armen; dann betrachtete sie mit Bewunderung und Ehrerbietung den Mann, dessen Züge sie mit so viel Glück erfüllten, und der sie so zärtlich, so innig liebte. Mit klopfendem Herzen lauschte sie den süßen Worten, die seine geliebte Stimme ihr zuflüsterte.

»Machteld,« sprach er, »mein edles Kind, der Herr hat uns lange geprüft; aber nun ist all unser Leid zu Ende. Flandern ist frei, das Vaterland ist gerächt, der schwarze Löwe hat alle Lilien zerrissen, und alle Fremden sind erschlagen. Fürchte nun nichts mehr, die bösen Söldner, die Johanna von Navarra ausgeschickt hat, sind tot.«

Machteld horchte mit ängstlicher Begierde den Worten ihres Vaters; sie blickte träumerisch in seine Augen und lächelte mit gar seltsamem Ausdruck. Sie war so von Freude erfüllt, daß sie dasaß, als ob sie jeglichen Gefühls beraubt wäre. Nach einigen Augenblicken merkte sie, daß ihr Vater nicht mehr sprach, und rief:

»O Herr, das Vaterland ist frei! Die Franzosen sind geschlagen! Und Euch, meinen Vater, Euch habe ich wieder! Dann wollen wir in unser schönes Wijnendaal zurückkehren, kein Kummer wird Eure alten Tage mehr verbittern, und ich werde mein Leben froh und glücklich in Euern Armen verbringen! Solches Glück konnte ich nicht erwarten, soviel wagte ich nicht von Gott in meinen Gebeten zu verlangen!«

»Höre, mein Kind, und werde nicht niedergeschlagen, ich bitte Dich: heute noch muß ich Dich wieder verlassen. Der edelmütige Krieger, der mich diesmal noch aus meinen Banden freiließ, empfing mein Ehrenwort, daß ich zurückkehren würde, sobald die Schlacht geliefert wäre.«

Tieftrauernd ließ die Jungfrau bei diesen Worten ihr Haupt auf die Brust sinken und schluchzte.

»Sie werden Euch ermorden, unglücklicher Vater!«

»Sei doch nicht so furchtsam, Machteld,« erwiderte Robrecht, »mein Bruder Gwijde hat sechzig französische Ritter von edelm Blute gefangengenommen; man wird Philipp dem Schönen kundtun, daß ihr Leben für das meine als Pfand dient, und er darf die übriggebliebenen Helden seiner Rachsucht nicht opfern. Ich habe nichts mehr zu befürchten, Flandern ist mächtiger denn Frankreich. Deshalb bitte ich Dich, weine nicht. Sei froh, unser harrt die schönste Zukunft! Ich werde Wijnendaal wiederherstellen lassen: es soll uns alle empfangen. Dann werden wir wieder zusammen auf die Falkenjagd gehen; denke Dir, wie fröhlich unser erster Jagdzug sein wird!«

Ein Lächeln unaussprechlicher Freude und ein herzlicher Kuß waren Machtelds Antwort. Aber plötzlich schien sich ein quälender Gedanke in ihrem Geist zu regen, ihre Züge wurden traurig, und schweigend blickte sie zu Boden, wie jemand, der von Scham ergriffen ist.

Robrecht warf einen forschenden Blick auf seine Tochter und fragte sie:

»Machteld, mein Kind, warum wirst Du plötzlich so traurig?«

Die Jungfrau erhob nur halb ihr Haupt und antwortete mit leiser Stimme:

»Aber, mein lieber Vater, Ihr sprecht ja gar nicht von Adolf, weshalb kommt er nicht mit Euch?«

Es dauerte einen Augenblick, ehe Robrecht ihre Frage beantwortete; er glaubte, in Machteld ein Gefühl entdeckt zu haben, das, vielleicht ihr selbst noch unbewußt, in ihrem Herzen verborgen ruhte. Nicht ohne Absicht sprach er daher folgende Worte:

»Ihn halten noch einige Geschäfte zurück, mein Kind; noch immer ziehen zersprengte Feinde im Feld umher; die verfolgt er gewiß. Machteld, ich kann Dir sagen, daß unser Freund Adolf der edelste und mutigste Ritter ist, den ich kenne; noch nie sah ich bei jemandem ein so männliches Verhalten. Zweimal hat er meinem Bruder Gwijde das Leben gerettet, bis unter das Kronbanner Frankreichs fielen die Feinde haufenweise unter seinem Schwert; alle Ritter rühmten seine Tapferkeit und gestanden, daß ihm ein großer Teil an der Befreiung Flanderns zukommt.«

Während Robrecht also sprach, hielt er die Augen auf seine Tochter geheftet und folgte jeder Regung, die sich in ihren Zügen aussprach. Er sah darin Freude und Stolz sich ablösen und zweifelte nicht mehr an der Richtigkeit seiner Ahnung.

Maria stand begeistert vor Robrecht; sie lauschte mit Rührung dem Lobe auf ihren Bruder.

Während die junge Machteld ihren Vater in größter Erregung anblickte, vernahm man lautes Stimmengewirr an der Pforte des Klosters; das dauerte nur wenige Augenblicke, dann wurde alles wieder still. Bald öffnete sich die Tür der Zelle, und Gwijde, Robrechts Bruder, trat langsam, mit bedrückter Miene herein; er nahte ihnen und sprach:

»Ein großes Unglück, mein Bruder, trifft uns heute in einem Manne, der uns allen teuer ist. Die Genter haben ihn auf dem Schlachtfeld unter den Toten gefunden und hierher in das Kloster gebracht; seine Seele schwebt auf seinen Lippen, und vielleicht ist seine Sterbestunde nahe. Er wünscht Euch noch zu sehen, ehe er von der Welt scheidet; deshalb bitte ich Euch, ihm diese letzte Gunst zu erzeigen.«

Dann wandte er sich zu Adolfs Schwester und fügte hinzu:

»Euch läßt er gleichfalls bitten, edle Dame.«

Ein schmerzlicher Schrei entfloh dem Munde der beiden Frauen.

Machteld fiel ohnmächtig in die Arme ihres Vaters, und Maria eilte, ohne weiter auf etwas hören zu wollen, mit herzzerreißenden Weherufen zur Tür und verließ die Zelle. Auf diesen Lärm hin kamen zwei Nonnen herbei und empfingen die ohnmächtige Machteld aus den Armen des Ritters; der küßte seine Tochter noch einmal und wollte gehen, um den sterbenden Adolf zu besuchen. Aber die Jungfrau öffnete die Augen, und als sie die Absicht ihres Vaters merkte, riß sie sich aus den Händen der Nonnen los, umklammerte Robrecht und rief:

»Laßt mich mit Euch gehen, Vater, daß er mich noch einmal sieht. Wehe mir, welch tiefer Schmerz zerreißt mein Herz! Mein Vater, ich sterbe mit ihm -- schon fühle ich den Tod in mir -- ich will ihn sehen: eilt, kommt, o kommt rasch! -- Er stirbt -- Adolf!«

Robrecht betrachtete seine Tochter voll Mitleid. Jetzt blieb ihm kein Zweifel mehr über das Gefühl, das im geheimen im Herzen seiner Tochter Wurzel gefaßt hatte. Diese Gewißheit machte ihn aber weder bestürzt noch mißmutig. Da es ihm nicht möglich war, seine Tochter durch Worte zu trösten, so drückte er sie fest an sein Herz. Doch Machteld entwand sich bald den zärtlichen Banden; sie zog Robrecht bei der Hand fort und rief:

»O, Vater, erbarmt Euch meiner! Kommt, daß ich noch einmal die Stimme meines guten Bruders höre, daß seine Augen mich noch einmal in diesem Leben anblicken!«

Sie kniete vor ihm nieder, und während Tränen aus ihren Augen strömten, fuhr sie fort:

»Ich bitte Euch, mißachtet mein Flehen nicht. Erhört mich, Vater!«

Robrecht hätte am liebsten seine Tochter bei den Nonnen gelassen, denn er fürchtete, daß der Anblick des sterbenden Ritters sie zu sehr ergreifen würde. Doch den dringenden Bitten Machtelds konnte er nicht länger widerstehen; er nahm sie bei der Hand und sprach:

»Wohlan, meine Tochter, geh mit mir und besuche den armen Adolf. Aber, bitte, betrübe mich nicht zu sehr durch Deine Verzweiflung; bedenke, daß Gott uns heute so große Gnaden erwiesen hat, und daß er ob Deiner Verzweiflung zürnen könnte.« Als er diese Worte sprach, waren sie bereits im Gange vor der Zelle.

Man hatte Adolf in den großen Speisesaal des Klosters gebracht, ein Federbett auf der Erde hingebreitet und ihn daraufgelegt. Ein Priester, der in der Heilkunde wohlerfahren war, hatte seinen Körper ganz genau untersucht und keine offene Wunde an ihm gefunden; lange blaue Striemen kennzeichneten die empfangenen Schläge auf seiner Haut, und unter den schweren Quetschungen war das Blut zusammengelaufen und geronnen. Nach einem Aderlaß wurde er gewaschen und mit kräftigem Balsam gerieben. Durch die sachverständige Behandlung des Priesters war er schon ein wenig gekräftigt, doch schien er noch immer seinem Ende nahe, obgleich seine Augen nicht mehr so trübe und glasig waren. Rund um das Bett standen gar viele Ritter, die stumm um ihren Freund trauerten. Jan van Renesse, Arnold van Oudenaarde und Peter De Coninck leisteten dem Priester hilfreiche Hand, Wilhelm von Jülich, Jan Borluut und Balduin van Papenrode befanden sich zur Linken, während der junge Gwijde mit Jan Breydel und den anderen vornehmsten Rittern gebeugten Hauptes am Fußende standen.

Breydel war gräßlich anzuschauen. Seine Hände waren in vielen Stellen geritzt, und ein blutiges Tuch bedeckte die Hälfte seines Hauptes. Seine Arme und Kleider waren zerrissen und das stumpf gewordene Beil hing an seiner Seite. Die anderen Ritter hatten gleichfalls das eine oder andere Glied mit Tüchern umwickelt, und eines jeden Rüstung zeigte furchtbare Beulen und war schrecklich zerhackt.

Maria kniete weinend neben ihrem Bruder. Sie hatte seine Hand ergriffen und benetzte sie mit ihren Tränen, während Adolf sein mattes Auge auf sie heftete.

Sobald Robrecht mit seiner Tochter den Saal betrat, packte alle Ritter Staunen und Bewunderung: der Held, der ihnen in der Not so wunderbar zu Hilfe gekommen war, war der Löwe von Flandern, ihr Graf! Sie beugten alle mit der größten Ehrerbietung ein Knie zur Erde und sprachen:

»Ehre sei dem Löwen, unserem Herrn!«

Robrecht ließ seine Tochter los, hob die Herren Jan Borluut und van Renesse auf und küßte beide auf die Wangen. Dann gab er den übrigen ein Zeichen, sich zu erheben, und sprach:

»Meine treuen Untertanen, meine Freunde! Ihr habt mir heute bewiesen, wie mächtig ein Heldenvolk ist. Jetzt trage ich die Krone meines kleinen Reiches mit mehr Hochgefühl als Philipp der Schöne die von Frankreich; denn auf euch kann ich mit Recht stolz sein.«

Dann ging er zu Adolf, ergriff seine Hand und betrachtete ihn lange; in beiden Augen des Löwen von Flandern glänzten helle Tränen, die allmählich schwerer wurden, sich schließlich losrissen und wie Perlen blinkend zu Boden fielen. Machteld lag schon neben Adolfs Haupt auf den Knien. Sie hatte den grünen Schleier, der jetzt beschmutzt und blutig war, an sich genommen und benetzte mit ihren Tränen dieses Zeichen ihrer Zuneigung und seiner Aufopferung. Sie sprach kein Wort, sah auch Adolf nicht an; denn sie hielt ihre beiden Hände vor das Gesicht und schluchzte in tiefer Betrübnis, ohne sich zu rühren.

Der Priester blickte gleichfalls bewegungslos auf den leidenden Ritter. Ihm schien es, als vollzöge sich eine wunderbare Veränderung in seinen Zügen, als strömte wieder mehr Leben in ihn über. Und wirklich, seine Augen erhielten mehr Glanz, und sein Gesicht verlor die Anzeichen des nahenden Todes. Bald richtete er einen Blick voll Liebe auf Robrecht und sprach langsam und mit Anstrengung:

»O, mein Herr und Graf, Eure Gegenwart ist mir ein süßer Trost. Nun kann ich sterben; das Vaterland ist frei! Ihr werdet den Thron in friedensreichen Tagen besitzen ... Ich verlasse freudig die Welt, jetzt, da die Zukunft Euch und Eurer edeln Tochter dauerndes Glück verheißt. O, glaubt mir in meiner Todesstunde! Euer Unglück war für mich, Euren unwürdigen Diener, ergreifender als für Euch selbst. So manchmal habe ich in stillen Nächten mein Lager mit Tränen benetzt, wenn ich der traurigen Lage der edlen Machteld und Eurer Gefangenschaft gedachte ...«

Dann wandte er das Haupt ein wenig zu Machteld, und ihre Tränen flossen noch reichlicher, als er also sprach:

»Weinet nicht, edle Jungfrau, ich verdiene dieses liebevolle Mitleid nicht. Es gibt noch ein anderes Leben; dort werde ich meine gute Schwester wiedersehen! Bleibet auf Erden, um im Alter Eurem Vater eine Stütze zu sein, und denkt zuweilen in Euren Gebeten an den guten Bruder, der Euch verlassen muß ...«

Hier brach er plötzlich ab und schaute wie verwundert um sich.

»Aber, mein Gott,« sprach er und sah den Priester fragend an, »was ist das? Ich fühle neue Kraft, das Blut kreist freier durch meine Adern.«

Machteld erhob sich und betrachtete ihn mit ängstlicher Erwartung.

Alle blickten gespannt auf den Priester. Der hatte inzwischen den Kranken mit scharfem Blicke gemustert und alle Eindrücke, welche auf ihn gewirkt hatten, geprüft. Er ergriff Adolfs Hand und fühlte ihm den Puls, während alle Umstehenden angstvoll seinen Bewegungen folgten; sie schlossen aus den Mienen des Priesters, daß noch nicht jede Hoffnung dahin war, den Leidenden am Leben zu erhalten.

Der Geistliche setzte schweigend seine Untersuchung fort. Er hob die Augenlider des Kranken auf und betrachtete sie, er öffnete ihm den Mund und ließ die Hand über seine bloße Brust gleiten. Dann wandte er sich zu den umstehenden Rittern und sprach im Tone der tiefsten Überzeugung:

»Ich sage euch, meine Herren, das Fieber, das diesem jungen Ritter den Tod bringen mußte, ist vorüber -- er wird nicht sterben.«

Alle wurden so von ihrem Gefühl übermannt, als hätten die Lippen des Priesters ein Todesurteil ausgesprochen. Aber bald vermochten sie, ihrer Freude durch Worte und Gebärden Ausdruck zu verleihen.

Maria hatte die Verkündigung des Priesters mit einem lauten Schrei beantwortet und ihren Bruder in größter Aufregung umarmt. Machteld fiel auf die Knie nieder, erhob ihre Hände und rief mit lauter Stimme:

»Ich danke Dir, Du gütiger, Du barmherziger Gott, daß Du das Gebet Deiner demütigen Dienerin erhört hast!«

Nach dieser kurzen Danksagung sprang sie auf und warf sich voll grenzenloser Freude in die Arme ihres Vaters. »Er bleibt am Leben! Er wird nicht sterben!« rief sie. »O, jetzt bin ich so glücklich!« und einen Augenblick ruhte sie ermattet an Robrechts Brust. Aber ebenso rasch kehrte sie zu Adolf zurück und gab ihrem Entzücken ihm gegenüber Ausdruck.

Was allen wie ein Wunder erschien, war nur eine Folge von Adolfs Zustand. Er hatte weder offene noch tiefe Wunden empfangen, sondern viele Quetschungen; die Schmerzen, die er infolgedessen litt, hatten ein gefährliches Fieber hervorgerufen, das ihm den Tod hätte bringen können. Aber Machtelds Gegenwart, die seiner Seele Kräfte verdoppelte, verscheuchte das tödliche Fieber, und so entrann er dem Grabe, das schon den Rachen nach ihm aufsperrte.

Robrecht van Bethune ließ seine Tochter, die vor Freude ganz außer sich war, neben Adolf niedersitzen, trat zu den Rittern und redete sie folgendermaßen an:

»Ihr edeln Männer von Flandern habt heute einen Sieg errungen, der als ein Beweis eurer großen Tapferkeit auf eure Kinder und Kindeskinder übergehen wird; ihr habt der ganzen Welt gezeigt, wie es dem Fremden ergeht, der den Fuß auf unseres Vaterlandes Boden zu setzen wagt. Die Liebe zum Vaterland hat in euren Heldenseelen unerhörten Mut entflammt und, durch gerechte Rache gestählt, haben eure Arme die Tyrannen erschlagen. Die Freiheit ist einem Volke, das sie mit seinem Blute besiegelt hat, teuer; fortan kann kein Fürst des Westens mehr die Vlaemen auch nur für einen Augenblick zu Sklaven machen; denn ihr alle würdet lieber sterben, ehe ihr das duldetet. Doch das brauchen wir ja auch nicht mehr zu befürchten. Flandern hat sich heute über alle Völker erhoben, und ihr edeln Männer seid es, denen das Vaterland diesen Ruhm verdankt. Jetzt wünschen wir, daß Friede und Ruhe unsere Untertanen für ihre Treue belohnt; es wird uns glücklich machen, von allen mit dem Namen Vater begrüßt zu werden, wenn wir uns durch unsere fürsorgliche Liebe und das unaufhörliche Bestreben, sie glücklich zu machen, diesen Namen verdienen können. Sollte es dennoch wieder geschehen, daß die Franzosen zurückzukommen wagten, so würden wir _noch_ der Löwe von Flandern sein, und unser Hammer würde euch nochmals zum Kampfe führen. Wir bitten euch, ihr Herren, sänftigt die Gemüter, sobald ihr in eure Lehen zurückgekehrt seid, bringt alles zur Ruhe, damit der Sieg nicht durch Aufruhr befleckt werde, und leidet vor allem nicht, daß das Volk die Verfolgungen wider die Leliaerts nochmals aufnimmt. Es ist unsere Sache, über sie zu Gericht zu sitzen. Wir müssen euch nun verlassen. Während unseres Fernseins werdet ihr unserem Bruder Gwijde als eurem Herrn und Grafen Gehorsam leisten.«

»Uns verlassen!« rief Jan Borluut ungläubig. »Ihr kehrt nach Frankreich zurück? Tut es nicht, edler Graf, sie werden ihre Niederlage an Euch rächen.«

»Meine Herren,« unterbrach ihn Robrecht, »ich frage euch, wer unter euch möchte aus Furcht vor dem Tode sein Ehrenwort und seine Rittertreue brechen?«

Alle beugten das Haupt, und keiner sprach ein Wort; voll Schmerz sahen sie ein, daß nichts ihren Grafen zurückhalten konnte. Der fuhr fort:

»Meister De Coninck, Eure Weisheit hat uns großen Nutzen gebracht und soll es auch ferner tun; wir berufen Euch in unseren Rat und wünschen, daß Ihr bei uns an unserem gräflichen Hofe verbleibt. Herr Breydel, Eure Tapferkeit und Eure Treue verdienen großen Lohn; seid von jetzt an für immerdar Oberbefehlshaber all Eurer Stadtgenossen, die uns mit den Waffen dienen können; wir wissen, wie ehrenvoll Ihr dieses Amt ausüben könnt. Zudem sollt auch Ihr zu unserem Hofe gehören und dorten wohnen können, wenn es Euch beliebt.«

»Und Ihr, mein Freund Adolf, Ihr verdient noch größeren Lohn. Wir alle waren Zeugen Eures furchtlosen Mutes; Ihr habt Euch des edeln Namens Eurer Vorfahren würdig gezeigt. Ich habe Eure Aufopferung nicht vergessen. Ich weiß, mit welcher Sorge, mit welcher Liebe Ihr mein unglückliches Kind beschützt und getröstet habt; ich weiß, welch reines, welch inniges Gefühl in euer beider Herzen, still und euch selbst unbewußt, lodert. Wohlan, ich will Euch an Edelmut gleichkommen; die durchlauchtige Familie des Grafen von Flandern vereinige sich mit der der Edelherren van Nieuwland; der schwarze Löwe glänze auf Eurem Schilde. Ich gebe Euch mein teures Kind, meine Machteld, zum Weibe!«

Machtelds Brust entfloh nur ein Laut, der Name Adolfs; aber sie ergriff bewegt seine Hand, zitterte heftig und sah ihm tief in die Augen; dann strömten ihre Tränen reichlicher; doch jetzt waren sie durch reinste Freude hervorgelockt. Der junge Ritter sprach gleichfalls kein Wort, sein Glück war zu innig, zu groß, als daß er es hätte ausdrücken können. Er hob nur seine glänzenden Augen voll Liebe zu Machteld empor, voll Erkenntlichkeit zu Robrecht und voll Dankbarkeit zu Gott.

Seit einiger Zeit war lautes Tosen bei dem äußeren Tor der Abtei vernehmlich geworden. Es klang, als ob sich ein Volksauflauf zusammenrottete. Dies Getöse nahm ständig mehr und mehr zu und wuchs bisweilen zu lautem Jauchzen an. Jetzt kam eine Nonne herein und teilte mit, daß eine große Volksmenge vor dem Tor stehe und unaufhörlich verlange, den goldenen Ritter zu sehen. Nun, da die Tür des Saales offen stand, war der Jubelruf »Vlaenderen den Leeuw! Heil unserem Befreier, Heil, Heil!« bei den Rittern deutlicher zu verstehen.

Robrecht wandte sich zu der Nonne und sprach:

»Wollet ihnen sagen, daß der goldene Ritter, nach dem sie rufen, in wenigen Augenblicken zu ihnen kommen werde.«

Dann trat er zu dem kranken Ritter, ergriff seine noch schwache Hand und sprach:

»Adolf van Nieuwland, meine teure Machteld wird nun Eure eheliche Gemahlin. Der Segen des Allmächtigen komme über eure Häupter und verleihe euren Kindern die Tapferkeit ihres Vaters, die Tugenden ihrer Mutter. Ihr habt mehr verdient; aber es steht nicht in meiner Macht, Euch ein kostbareres Geschenk zu geben, denn das Kind, das der Trost und die Stütze meiner alten Tage werden sollte.«

Während Adolf von Danksagungen überfloß, schritt Robrecht eilig auf Gwijde zu.

»Lieber Bruder,« sprach er, »ich will, daß diese Hochzeit so bald als möglich mit Pracht gefeiert und durch den Segen der Kirche bekräftigt wird; das ist mein inniger Wunsch. Meine Herren, ich verlasse euch jetzt in der Hoffnung, bald frei und ungehindert für das Glück meiner treuen Untertanen wirken zu können. Ich ersuche euch alle, das Geheimnis von dem wahren Namen des goldenen Ritters aufs sorglichste zu wahren; mein Bruder Gwijde wird den Leuten der Abtei dies gleichfalls befehlen.«

Nach diesen Worten trat er zu Adolf und küßte ihn auf die Wange.

»Lebe wohl, mein Sohn,« sagte er.

Und seine Machteld ans Herz drückend:

»Lebe wohl, geliebte Machteld. Weine nun nicht mehr über mich; ich bin glücklich, da das Vaterland gerächt ist, und ich werde nun bald zurück sein.«

Dann umarmte er noch seinen Bruder Gwijde, Wilhelm von Jülich und seine anderen Freunde, drückte allen bewegt die Hand und rief:

»Lebt wohl, lebt wohl, ihr alle, edle Söhne von Flandern, treue Waffenbrüder!«

Auf dem Vorhof legte er seine Rüstung an, stieg zu Pferde, ließ das Visier seines Helmes fallen und ritt zum Tor hinaus. Eine unübersehbare Volksmenge hatte sich davor versammelt; sobald sie des goldenen Ritters ansichtig wurde, teilte sie sich in zwei Reihen, um ihn durchzulassen, und begrüßte ihn mit jauchzenden Zurufen.