Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 29
Der goldene Ritter kämpfte am linken Flügel wie ein wahrer Löwe gegen eine ganze Reiterschar. An seiner Seite fochten mit gleichem Mute der junge Gwijde und Adolf van Nieuwland; letzterer warf sich beständig mitten unter die Feinde und brachte sich oftmals in Lebensgefahr. Es war, als ob er beschlossen hätte, unter den Augen des goldenen Ritters zu sterben. Der Vater Machtelds sieht mich! dachte er, und dann fühlte er, wie seine Brust sich weitete; seine Muskeln spannten sich, und seine Seele war von Todesverachtung erfüllt. Der goldene Ritter rief ihm manchmal zu, er solle sich nicht so sehr der Gefahr aussetzen; aber diese Worte klangen in Adolfs Ohr wie ein Lob: sie hatten nur die entgegengesetzte Wirkung! Bei jedem Zuruf des goldenen Ritters sprengte das Roß des tapferen jungen Mannes vorwärts und drang immer tiefer in die Reihen der Franzosen. Es war ein Glück für den Jüngling, daß ein stärkerer Arm als der seinige sein Leben bewachte, daß jemand neben ihm war, der in väterlicher Liebe geschworen hatte, ihn zu beschützen.
Im ganzen Heere der Franzosen war nur mehr eine Fahne zu sehen: noch entfaltete das große Kronbanner seine schillernden Wappenzeichen, seine silbernen Lilien und all die glänzenden Perlen, woraus das Wappen Frankreichs zusammengesetzt war. Gwijde wies mit der Hand nach dem Ort, da der Fahnenträger stand, und rief dem goldenen Ritter zu:
»Dort ist es, das müssen wir haben!«
Sie versuchten zunächst, ein jeder von seiner Seite, durch die französischen Scharen zu dringen, doch das glückte ihnen anfangs nicht, mochten sie auch noch so unermüdlich die Feinde auseinandertreiben. Adolf van Nieuwland hatte endlich eine günstigere Stelle gefunden, drang allein durch und kam nach langem Kampf bis zum großen Banner.
Welch unseliger Eifer trieb den Jüngling so dem Tode entgegen! Wenn er gewußt hätte, wieviel bittere Tränen in diesem Augenblick seinetwegen vergossen wurden, wie oft sein Name aus dem Mund einer Jungfrau mit Gebeten zum Himmel gesandt wurde, dann würde er sich nicht so tollkühn dem Tode preisgegeben haben; vielleicht wäre er zurückgeblieben.
Das Kronbanner war von einer großen Reiterschar umringt. Sie hatten bei ihrer Ehre und Treue geschworen, lieber unter diesem letzten Zeichen zu sterben, ehe sie es rauben ließen. Was vermochte Adolf wider so viele mutige Krieger? Sobald sie seiner ansichtig wurden, begrüßten sie ihn mit höhnenden Worten: alle Schwerter wurden gleichzeitig über seinem Haupte geschwungen, und er sah sich rings umschlossen. Schläge hagelten unaufhörlich auf seine Rüstung nieder, und trotz seiner bewunderungswürdigen Gewandtheit konnte er sich nicht mehr verteidigen. Das Blut lief bereits unter seinem Helm hervor, es wurde dunkel vor seinen Augen; seine Muskeln waren unter so vielen Schlägen erlahmt. Voll Verzweiflung, in dem sicheren Vorgefühl, daß seine letzte Stunde gekommen sei, rief er mit so lauter Stimme, daß es die Franzosen hörten:
»Machteld! Machteld! Lebe wohl!«
Mit diesem Rufe sprengte er quer durch die Schwerter der Feinde zu dem Banner hin und riß es dem Fahnenträger aus der Faust. Aber zehn Hände nahmen es ihm wieder ab. Hiebe prasselten auf ihn nieder, und kraftlos fiel er auf den Rücken seines Rosses.
Durch die Bewegung, die in diesem Augenblick unter die Streitenden kam, wurde der goldene Ritter auf die Gefahr Adolfs aufmerksam. Er dachte an den Schmerz, den seine unglückliche Machteld erleben würde, wenn Adolf von Feindeshand stürbe, wandte sich zu seinen Leuten und rief mit einer Stimme, die wie Donner das Schlachtgetümmel beherrschte:
»Vorwärts! Männer von Flandern! Heran! heran!«
Gleich der stürmenden See, die mit unermeßlicher Kraft wider ihre Dämme tobt, sie nach langem Kampf unter einer himmelhohen Welle begräbt und ihre schäumenden Wogen über die Fluren ergießt, Wälder entwurzelt und Städte zu Boden wirft, so warf sich die vlaemische Löwenschar bei diesem Rufe des unbekannten Ritters vorwärts. Die Franzosen wurden mit solcher Wut angegriffen, daß beim ersten Stoße ganze Haufen niederstürzten; die Keulenschläge und die Hiebe der Beile prasselten auf sie ein wie Hagel, der die Früchte des Feldes vertilgt. Noch nie sah man ein solch hartnäckiges Gefecht; alle Streiter waren mit Blut überdeckt, und viele hatten noch die Waffen in der Faust, während sie schon längst von tödlicher Wunde getroffen waren. Es war ein unbeschreibliches Wirrsal von Menschen und Pferden. Gräßlichstes Mordgeschrei, schmerzlichste Klagen verschmolzen ineinander und bildeten ein dröhnendes Tosen, das die Herzen noch mehr zur Wut entflammte. Die französischen Ritter konnten sich nicht mehr bewegen, denn sie wurden von allen Seiten auf die hinter ihnen stehenden Scharen gedrängt, während Beile und Schwerter die vordersten Glieder der Reihe niederhieben.
Der goldene Ritter hatte sich mit seinem vertilgenden Waffenhammer einen Weg durch die Feinde gebahnt und war dem Kronbanner von Frankreich genaht. Dicht hinter ihm kamen Gwijde, Arnold van Oudenaarde und noch einige der mutigsten Vlaemen. Er versuchte, in dieser Verwirrung die grüne Feder Adolfs van Nieuwland im Umkreise des Banners zu entdecken, doch vergebens. Einen Augenblick später schien es ihm jedoch, als ob er sie in der Ferne unter den Vlaemen gewahrte. Die vierzig erlesenen Ritter, die noch bei dem Banner standen, sprengten dem goldenen Ritter entgegen. Aber er ließ seine Waffe so rasch kreisen, daß kein Schwert ihn berührte. Das erste Mal, da er seinen Hammer wie ein Felsstück niedersausen ließ, zerschmetterte er den Herrn Alin von Bretagne, mit dem zweiten Schlage zertrümmerte er den Harnisch Richards von Falais und zerbrach ihm die Rippen.
Inzwischen kämpften die Vlaemen mit gleichem Mut; Arnold van Oudenaarde empfing eine Wunde am Kopf, und mehr als zwanzig seiner Leute wurden von den Franzosen niedergemacht. Der goldene Ritter hieb alles nieder, was er erreichen konnte; schon lagen die Herren Jean d'Emmery, Arnold von Wahain und Hugo de Viane zu seinen Füßen; das Auge konnte dem Schwunge seines Hammers nicht folgen, so rasch flog er von einem Feind zum andern.
Der Fahnenträger ward alsbald inne, daß das Banner auf diesem Platze nicht mehr zu halten war, und deshalb floh er mit ihm zurück. Als aber der goldene Ritter das sah, warf er mit wunderbarer Kraft drei oder vier Feinde zur Seite und verfolgte den Fahnenträger bis weitab vom Kampfplatz. Als er ihn eingeholt hatte, kämpfte er so lange und unverdrossen, bis er schließlich das Banner errungen hatte. Eine ganze Schar Reiter war über ihn hergefallen, um die Fahne wieder zu erobern. Doch der goldene Ritter hatte sie wie einen Speer in den Steigbügel gestellt und begann jählings so wild auf sie einzuhauen, daß gar viele umkamen. Jetzt drang er unter fortwährenden Kämpfen durch die Feinde hindurch und gelangte mitten unter das vlaemische Heer. Er hob das Banner empor und rief:
»Vlaenderen den Leeuw! Unser ist der Sieg! Heil! Heil!«
Die Scharen antworteten durch ein lautes Jauchzen und schwangen als Zeichen ihrer Freude die Waffen hoch in der Luft. Ihr Mut wuchs noch beim Anblick dieses eroberten Feldzeichens.
Gui de Saint-Pol stand noch mit etwa zehntausend Fußknechten und einer starken Reiterschar am Pottelberg. Schon hatte er die kostbarsten Güter im Lager zusammenpacken lassen und wollte seine Leute durch die Flucht retten; Peter Lebrun, einer der Ritter, die bei dem Kronbanner gefochten hatten, war halb betäubt vom Schlachtfeld zurückgekommen. Als er das sah, ging er auf ihn zu und rief:
»Wie, Saint-Pol! Könnt Ihr das wagen? Wollt Ihr wie ein Feigling den Tod Roberts d'Artois und all unserer Brüder ungerächt lassen? Ich bitte Euch um der Ehre Frankreichs willen, tut das nicht! Laßt uns lieber sterben, um dieser Schande zu entgehen! Führt Eure Scharen vorwärts in den Kampf, vielleicht werdet Ihr noch mit Euren frischen Truppen den Sieg erringen.«
Gui von Saint-Pol wollte nichts von Kämpfen hören; Furcht hatte ihn übermannt, und er antwortete:
»Herr Lebrun, ich weiß, was ich zu tun habe. Ich werde das Gepäck des Heeres nicht rauben lassen; es ist besser, daß ich die übriggebliebenen Leute nach Frankreich zurückbringe, als daß ich sie nutzlos erschlagen lasse.«
»Und so wollt Ihr alle, die noch mit dem Schwert in der Faust dastehen, verlassen und dem Feinde ausliefern? Aber das wäre gar verräterisch von Euch! Sollte ich den heutigen Tag überleben, so werde ich Euch der Treulosigkeit beim König beschuldigen.«
»Die Vorsicht gebietet mir den Rückzug, Herr Lebrun. Ich werde abziehen, mögt Ihr auch sagen, was Ihr wollt; denn Euer Rat gibt Euch die Aufregung ein, und Ihr seid gar zu sehr in Wut entbrannt.«
»Und Ihr seid gar zu sehr von Furcht ergriffen! Aber sei es denn, wenn Ihr es durchaus wollt; um Euch zu zeigen, daß ich noch vorsichtiger bin als Ihr, werde ich mit einem Trupp den Rückzug decken. Ziehet denn ab, ich werde den Feind aufhalten.«
Er nahm zweitausend Fußknechte und führte sie auf das Schlachtfeld.
Inzwischen war die Zahl der kämpfenden Franzosen so zusammengeschmolzen, daß ihre Schlachtordnung an vielen Stellen durchbrochen war. Das erlaubte den Vlaemen, sie von vorn und im Rücken anzugreifen.
Der goldene Ritter, der ob seiner riesigen Gestalt und der Größe seines Pferdes das ganze Schlachtfeld übersehen konnte, bemerkte die Bewegung Lebruns und durchschaute seine Absicht. Es war ihm klar, das Saint-Pol mit dem Troß des Heeres entwischen wollte. Deshalb ritt er zu Gwijde heran und setzte ihn von dem Vorhaben des Feindes in Kenntnis. Sofort wurden einige Ritter hinter die Schlachtlinie gesandt, um den Anführern die nötigen Befehle zu überbringen. Wenige Augenblicke später setzten sich mehrere Scharen in Bewegung und breiteten sich nach allen Richtungen hin über das Schlachtfeld aus. Jan Borluut zog mit seinen Gentern an den Stadtwällen entlang und griff Lebrun von der Seite an; die Fleischer mit ihrem Obmann Breydel schwenkten um das Kastell Nedermosschere herum und stürmten das französische Lager von hinten.
Die Scharen Saint-Pols waren dieses Angriffs nicht gewärtig. Sie waren damit beschäftigt, die kostbarsten Güter des Lagers zu sammeln, als sie die Beile der Fleischer und mit ihnen den Tod über ihren Häuptern schweben sahen. Das furchtbare Geschrei der angreifenden Vlaemen erschreckte sie so sehr, daß sie in Unordnung durcheinanderliefen und nach allen Seiten hin über die Felder entflohen; die Fleischer aber hieben gar furchtbar auf sie ein. Gui de Saint-Pol, der auf einem guten Traber saß, entging der Todesgefahr und entfloh so rasch als möglich, ohne sich mehr um seine Leute zu bekümmern.
Das Lager war bald gesäubert, und nach wenigen Minuten war nicht ein einziger lebender Franzose mehr darin. Die Vlaemen eroberten alle die goldenen und silbernen Gefäße und noch unendlich viele andere Schätze, die der Feind mitgebracht hatte.
Auf dem Schlachtfeld war der Kampf noch nicht beendet. Ein Haufe von etwa tausend Reitern verteidigte sich noch; sie kämpften wie die Löwen, trotzdem sie bereits über und über mit Wunden bedeckt waren. Darunter befanden sich mehr als hundert edle Ritter, die diese Niederlage nicht überleben wollten und mit rasender Wut auf die Vlaemen einhieben. Allmählich wurden sie unter die Wälle der Stadt, in die Bittermeersch[37], getrieben. Hier stürzten die Pferde in den Ronduitebach oder versanken an den Ufern. Die Ritter konnten sich nicht mehr auf ihren Pferden halten; deshalb sprang einer nach dem anderen aus dem Sattel, sie scharten sich wieder zu einem Kreise, kämpften weiter zu Fuß und schlugen noch gar manchen Vlaemen tot. Die Bittermeersch war zu einem Blutsee geworden; die Kämpfenden standen bis über die Knöchel im Blute. Köpfe, Arme, Beine, alles lag hier mit zerbrochenen Helmen und Schwertern durcheinander.
[37] Der Platz, der hier die »Bittermeersch« genannt wird, erhielt später den Namen »Blutmeersch«, zum Andenken an das Blut, das hier vergossen wurde.
Einige Leliaerts, darunter Jan van Gistel und eine Anzahl Brabanter, sahen, daß an Entkommen nicht mehr zu denken war. Deshalb liefen sie mitten unter die Vlaemen und riefen: »Vlaenderen den Leeuw! Heil, Heil Flandern!« Sie glaubten sich hierdurch zu retten; aber gleich kam ein Weber auf Jan van Gistel zugelaufen und versetzte ihm einen so furchtbaren Schlag auf den Kopf, daß sein Schädel zerschmettert wurde. Der Weber murmelte mit unterdrückter Stimme:
»Mein Vater hat Euch gesagt, daß Ihr nicht auf dem Bette sterben würdet, Ihr Verräter!«
Die anderen wurden an ihren Wappen erkannt und als Verräter niedergemacht und durchbohrt.
Der junge Gwijde empfand Mitleid mit den noch verbliebenen Rittern, die sich so mutig verteidigten, und rief ihnen zu, sie sollten sich gefangen geben, damit ihr Leben erhalten bliebe. Da sie einsahen, daß Mut und Tapferkeit ihnen nichts mehr helfen konnten, ergaben sich die Ritter und wurden entwaffnet. Sie wurden Jan Borluuts Obhut anvertraut.
Der vornehmste dieser edlen Kriegsgefangenen (im ganzen waren es etwa sechzig) war Thibaut II., nachmals Herzog von Lothringen; auch die übrigen waren von hoher Geburt und als tapfere Ritter berühmt.
Jetzt blieb kein einziger Feind mehr auf dem Schlachtfeld; aber nach allen Richtungen sah man sie entfliehen. Die Vlaemen waren ganz verwundert, daß sie nichts mehr zu bekämpfen hatten, und glühten noch von Kampfbegier. So liefen sie scharenweise durch die Felder, um die Fliehenden zu verfolgen; beim St. Magdalenen-Hospital holten sie eine Abteilung von Saint-Pols Leuten ein und erschlugen sie alle; etwas weiter fanden sie Willem van Mosschere, den Leliaert, der sich mit einigen anderen aus dem Gefecht entfernt hatte. Als er sich umringt sah, bat er um Gnade und gelobte, Robrecht van Bethune als ein treuer Untertan zu dienen. Aber sie hörten ihn nicht an, und die Beile der Fleischer raubten ihm Sprache und Leben.
So ging es den ganzen Tag fort, bis nicht ein einziger Franzose oder französisch Gesinnter mehr zu finden war.
XXIV.
Obgleich eine starke Abteilung der vlaemischen Truppen den Feind scharenweise in den Feldern verfolgte, blieben doch noch einige geordnete Truppenteile auf dem Schlachtfeld zurück. Jan Borluut hatte seine Leute haltmachen lassen, um dem Kriegsbrauch gemäß das Schlachtfeld bis zum anderen Tage zu behaupten; nur wenige hatten in heftiger Leidenschaft auf diesen Befehl nicht geachtet; die Abteilung, die er bei sich hatte, bestand noch aus dreitausend Gentern; dazu kamen Leute von allen Waffengattungen, die von Anstrengung oder Wunden ermattet waren, den Feind nicht verfolgen konnten und deshalb auf dem Schlachtfeld geblieben waren. Jetzt, da der Kampf gewonnen und die Fesseln des Vaterlands gebrochen waren, jauchzten die Vlaemen mit inniger Freude:
»Vlaenderen den Leeuw! Sieg! Sieg!«
Alsbald antworteten die Yperner und Kortrijker von den Wällen der Stadt mit noch lauterem Jubel. Auch sie konnten wohl Sieg rufen; denn während die beiden Heere einander auf dem Groeninger Kouter bekämpften, war der Kastellan van Lens mit hundert seiner Leute von dem Kastell in die Stadt gedrungen und hätte sie vielleicht ganz niedergebrannt. Aber die Yperner hieben so unverzagt auf seine Schar ein, daß die Franzosen nach langem Kampf in Unordnung in das Kastell zurückflohen. Als van Lens seine Leute zählte, fand er, daß nur der zehnte Teil der Wut der Feinde entgangen war.
Die meisten Anführer und Edeln hatten sich in das Lager begeben und um den goldenen Ritter versammelt; sie drückten ihm alle ihre Dankbarkeit aus, er aber antwortete nicht, aus Furcht, sich zu verraten. Gwijde, der bei ihm stand, wandte sich zu den Rittern und sprach:
»Meine Herren, der Ritter, der uns alle und Flandern so wunderbar errettet hat, ist ein Kreuzfahrer, der unbekannt zu bleiben wünscht: der edelste Sohn Flanderns trägt seinen Namen.«
Die Ritter sagten nichts, aber jeder bemühte sich, zu erraten, wer das wohl sein mochte, der so edel, so tapfer und so stark war. Diejenigen, die bei der Zusammenkunft in dem Gehölz bei Dale gewesen waren, wußten schon längst, wer es war, aber sie wagten nicht, ihre Überzeugung zu verkünden, da sie feierlich gelobt hatten, das Geheimnis zu wahren. Unter den anderen waren viele, die gar nicht daran zweifelten, daß es der Graf von Flandern selbst sein müsse; allein sie schwiegen, weil Gwijde den Wunsch des goldenen Ritters ausgesprochen hatte.
Robrecht hatte schon einige Zeit leise mit Gwijde gesprochen; da ließ er sein Auge über die anwesenden Scharen schweifen und sagte endlich:
»Ich sehe Adolf van Nieuwland nicht; sollte mein junger Freund unter dem Schwerte der Feinde gefallen sein? O, das würde mich ewig schmerzen. Und wie würde meine arme Machteld heiß um ihren guten Bruder weinen!«
»Gefallen wird er nicht sein, Robrecht; mich dünkt, ich hätte soeben noch seine grüne Feder zwischen den Bäumen des Neerlander Busches gesehen. Gewiß jagt er nun den übrigen Feinden nach; Ihr habt gesehen, mit welch unbändiger Wut er sich stets mitten unter die Franzosen wagte. Fürchtet nichts, Gott hat ihn sicherlich nicht sterben lassen.«
»O Gwijde, ich wollte, Ihr sprächet die Wahrheit! Mein Herz bricht bei dem Gedanken, daß sich mein unglückliches Kind an einem so frohen Tage nicht freuen sollte. Ich bitte Euch, mein Bruder, laßt die Leute Borluuts das Schlachtfeld absuchen, ob Adolf nicht zu finden ist. Ich gehe, um meine kranke Machteld zu trösten. Die Gegenwart ihres Vaters möchte ihr zum wenigsten einen frohen Augenblick geben.«
Er grüßte die anwesenden Ritter mit der Hand und eilte nach der Abtei von Groeningen. Gwijde befahl Jan Borluut, seine Leute über das Schlachtfeld zu schicken, um die Verwundeten unter den Leichen hervorzuziehen und in das Lager zu bringen.
Als die Genter das Schlachtfeld betraten, blieben sie anfangs, entsetzt über den furchtbaren Anblick, stehen. Jetzt, da die Leidenschaft des Kampfes in ihnen erloschen war, schweiften ihre Augen mit Schaudern über das ausgedehnte Blutfeld, darauf Tausende von Leichen, Pferden, Fahnen und allerlei Waffen in wilder Verwirrung durcheinanderlagen. Hie und da sah man einen Sterbenden den Arm bittend um Hilfe ausstrecken. Schrecklich tönten über das Schlachtfeld die Stimmen der Verwundeten, die da riefen:
»Trinken, trinken ... gebt uns um Gottes willen zu trinken!«
Die Sonne brannte mit sengender Glut auf ihre offenen Wunden und quälte sie mit unerträglichem Durst; ihre trockenen Lippen klebten aufeinander, und nur mit Mühe konnten sie röchelnd die Todesklage hervorbringen. Die Luft war von schwarzen Raben wie von einer Gewitterwolke erfüllt; das Krächzen dieser gefräßigen Raubvögel hallte wie der Ruf des Todes über das Schlachtfeld und erfüllte die Herzen der Überlebenden mit düsterer Beklemmung. Die kreischenden Vögel stürzten sich auf die Leichen, und die Verwundeten kämpften mit Angst gegen diese scheußlichen Feinde und erzitterten bei dem Gedanken, sie könnten eine Beute dieser Tiere werden, sie sollten keine Ruhestätte nach dem Tode finden, keine geweihte Erde, um bis zum Jüngsten Tage darin zu schlafen!
Welch schreckliche Aussicht! Welch fürchterlicher Gedanke!
Unzählige Hunde hatte der Geruch des Blutes aus der Stadt gelockt; sie liefen von einer Leiche zur anderen und heulten sich in furchtbaren Tönen an. Zu alledem gesellte sich das dumpfe Wiehern oder vielmehr das Röcheln der sterbenden Rosse und der jauchzende Siegesruf der Leute in der Stadt.
Sowie die Genter sich über das Schlachtfeld hinbreiteten, stiegen die Raben vor ihnen auf und flogen weiter auf Raub aus. Man untersuchte alle Gefallenen, und die, deren Herz noch schlug, trug man in das Lager, um sie in das Leben zurückzurufen. Eine große Schar hatte in allen möglichen Gefäßen frisches Wasser aus dem Gaverschen Bach geschöpft, um die noch Lebenden damit zu laben. Es war rührend und ergreifend anzuschauen, wie gierig die Verwundeten das kühle Wasser einsogen, wie dankbar sie mit einer Freudenträne diese Labung aus den Händen ihrer Brüder und Feinde entgegennahmen. War man eben derart mit einem beschäftigt, so reckten sich in der Nähe flehend eine Menge Arme, und viele schwache Stimmen riefen:
»O, gebt auch mir zu trinken -- nur einen einzigen Tropfen Wasser! Bei den Leiden unseres Seligmachers, Brüder, befeuchtet meine Lippen und errettet mich vom Tode!«
Die Genter hatten den Befehl erhalten, die vlaemischen Ritter, die sich fänden, tot oder lebend in das Lager zu tragen. Sie hatten nun schon fast die Hälfte des Schlachtfelds abgesucht. Die Leichen der edeln Herren Salomon van Sevecote, Philipp van Hofstade, Eustachius Sporkijn, Jan van Severen, Peter van Brügge waren bereits fortgetragen, und man war dabei, dem verwundeten Jan van Mechelen den Harnisch loszuschnallen. Jetzt waren sie zu der Stelle gekommen, wo der Kampf am hartnäckigsten getobt hatte; die Leichen lagen mit Blut bedeckt rings um sie her. Während sie noch damit beschäftigt waren, Herrn van Mechelen zu laben, hörten sie plötzlich ein Stöhnen, gleich als stieg es aus dem Boden auf; sie horchten, doch sie sahen nichts, keine der Leichen ringsumher gab das geringste Lebenszeichen von sich. Nach einiger Zeit wiederholte sich das Stöhnen, und nun merkten sie, daß es etwas weiter abseits unter mehreren gefallenen Pferden hervortönte. Nach langen Mühen hatten sie diese endlich beiseite geschafft und fanden einen sterbenden Ritter.
Er lag ausgestreckt auf dem Rücken, ganz mit Blut bedeckt. Sein Harnisch war von der Last eines darauf gefallenen Pferdes ganz eingedrückt. Mit der rechten Hand hatte er noch das Schlachtschwert umfaßt, während er in der linken einen grünen Schleier hielt; seine Wangen waren bleich und trugen das Zeichen des nahenden Todes. Mit wirrem, mattem Blicke betrachtete er die Leute, die zu seiner Rettung herbeikamen. Seine Wimper hatte nicht mehr die Kraft, das brechende Auge vor der Sonne zu schützen.
Jan Borluut erkannte den unglücklichen Adolf van Nieuwland.
In aller Eile wurden die Riemen seines Harnischs gelöst, sein Haupt aus dem Schlamm emporgehoben und seine Lippen mit erquickendem Wasser benetzt. Mit ersterbender Stimme flüsterte er einige unverständliche Worte, und seine Augen schlossen sich, als ob seine Seele aus dem wunden Leib entflohen sei. Einige Augenblicke war er ganz ohne Bewußtsein; dann kam er wieder zu sich, doch er blieb äußerst schwach. Er ergriff Jan Borluuts Hand und sprach so langsam, daß zwischen jedem Wort eine lange Pause war:
»Ich sterbe, Ihr seht es, Herr Jan; meine Seele wird nicht lange mehr auf Erden weilen. Aber -- beweint mich nicht. Ich sterbe froh, -- da das Vaterland befreit ist ...«
Sein Atem war zu kurz, als daß er länger hätte sprechen können; er ließ sein Haupt in den Arm Jan Borluuts sinken und führte den grünen Schleier langsam an seine Lippen. Dann sank er wie tot an Jan Borluuts Brust. Sein Herz schlug aber noch, und die Wärme des Lebens verließ ihn nicht. Der Anführer der Genter ließ den verwundeten Ritter mit aller nur erdenklichen Vorsicht in das Lager bringen.
Machteld hatte sich mit Adolfs Schwester vor dem Gefecht in eine Zelle der Abtei Groeningen zurückgezogen. Sicherlich war in diesem Augenblick niemand in Flandern geängstigter als diese unglückliche Jungfrau. All ihre Verwandten und ihr Freund Adolf waren im Kampfe. Von dieser Schlacht, welche die Vlaemen gegen eine so überlegene Macht wagten, hing die Freiheit ihres Vaters ab; diese Schlacht mußte den Thron von Flandern wiederherstellen oder für immer vernichten. Wenn die Franzosen den Sieg errangen, dann mußte sie auf den Tod all derer, die ihr teuer waren, für sich selbst auf das furchtbarste Los gefaßt sein.