Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 28
Währenddes hatte sich Hugo van Arckel mit seinen achthundert unerschrockenen Kriegern bis mitten in die Reihen der Franzosen vorgewagt. Er war so sehr von allen Seiten von Feinden umringt, daß es den Vlaemen unmöglich war, ihn zu sehen. Hier kämpfte er so tapfer und gewandt, daß die Masse von Feinden, die ihn angriffen, seine Schar, so klein sie auch war, nicht durchbrechen konnte; schon hatte er rings um sich her eine gewaltige Menge Gegner zu Boden gestreckt. Jeder, der sich ihm zu nahen wagte, bezahlte es mit dem Leben. Allmählich drang er mehr und mehr nach dem Lager der Franzosen vor, und es schien, als ob er es erreichen wollte. Doch das war gar nicht seine Absicht. Als er die Mitte der französischen Scharen erreichte, wandte er sich seitlich der Standarte von Navarra zu und riß sie dem Fahnenträger aus der Hand. Die Söldner der Königin von Navarra fielen wütend über ihn her und machten viele seiner Leute nieder; doch er verteidigte die eroberte Fahne so tapfer, daß niemand sie seinen Händen wieder entreißen konnte. Schon war er fast wieder bis zum Heere der Vlaemen zurückgelangt, als ihm Ludwig von Forest durch einen furchtbaren Hieb den linken Arm zerschmetterte. Man sah das verstümmelte Glied neben dem Harnisch hängen. Das Blut floß in dichtem Strome hernieder, und Totenblässe breitete sich über seine Wangen; doch er ließ die Standarte nicht los. Ludwig von Forest wurde von einem anderen Vlaemen erschlagen, und Hugo van Arckel kam fast leblos mit der Standarte von Navarra in der Mitte des Heeres an. Er versuchte noch einmal den Ruf »Vlaenderen den Leeuw!« auszurufen, aber die Stimme versagte ihm, und er sank mit der eroberten Standarte zur Erde.
Am linken Flügel, wo Gwijdes Schar stand, wurde noch heftiger gekämpft. Châtillon hatte sich mit mehreren Tausend Reitern auf die Zünfte von Veurne geworfen und bereits einige hundert Mann niedergemacht. Eustachius Sporkijn lag schwer verwundet hinter der Schlachtreihe und rief seiner Schar zu, sie solle nur ja nicht ins Wanken kommen. Aber die Gewalt, die sie zurückdrängte, war zu groß, sie mußte weichen. Gefolgt von einem großen Trupp Reiter durchbrach Châtillon die Schlachtordnung, und über dem Haupte des sterbenden Sporkijn, der dann auch bald den Geist aufgab, entspann sich ein wilder Kampf.
Adolf van Nieuwland hatte allein mit Gwijde und seinem Fahnenträger standgehalten, so daß sie vom Heere getrennt waren und eines gewissen Todes gewärtig sein konnten. Châtillon bot alles mögliche auf, um das große Banner von Flandern zu ergreifen. Wenn auch Segher Lonke, der die Standarte trug, bereits mehrmals niedergeworfen worden war, so konnte Châtillon sein Ziel dennoch nicht erreichen. Er tobte, schrie wütend seine Leute an und hieb wie toll auf die Rüstung der drei unüberwindlichen Vlaemen ein. Sicher hätten diese es nicht so lange durchführen können, sich gegen eine Schar mutiger Feinde zu wehren; aber sie hatten so viel niedergemacht, daß die rund um sie angehäuften Leichen eine ziemliche Höhe erreicht hatten, die Annäherung der anderen Reiter erschwerten und ihnen als Brustwehr dienten. Châtillon ließ sich von seiner Wut und Ungeduld hinreißen: er nahm einen langen Speer aus den Händen einer seiner Reiter und stürmte damit auf Gwijde los. Er hätte wohl auch den jungen Grafen unfehlbar getötet, denn der sah seinen neuen Feind nicht ankommen, da er mit anderen Rittern focht. Schon war es, als ob der Speer zwischen Helm und Harnisch in seinen Hals eindrang, da erhob Adolf van Nieuwland wie ein Blitz sein Schlachtschwert, hieb den Speer in zwei Stücke und rettete so das Leben seines Feldherrn.
Im gleichen Augenblick, ehe noch Châtillon Zeit gehabt hatte, wieder zum Schwert zu greifen, sprang Adolf über die Leichen hinweg, gelangte so zu dem französischen Ritter und schlug ihm so furchtbar aufs Haupt, daß er einen Teil der Wange nebst einem Stück des Helms einbüßte. Das Blut strömte auf seine Schultern. Er wollte sich noch wehren, aber zwei kräftige Hiebe warfen ihn aus dem Sattel unter die Hufe der Pferde. Die Vlaemen zogen ihn darunter hervor, schleiften ihn hinter die Schlachtlinie und hieben ihn in Stücke.
Inzwischen war Arnold van Oudenaarde dem linken Flügel zu Hilfe gekommen; das gab dem Stand der Dinge schnell eine andere Wendung. Die Zünfte von Veurne hatten sich, mit dieser neuen Schar vereint, wieder vorwärts gestürzt, und die Franzosen wurden in der größten Verwirrung zurückgetrieben. Mengen von Pferden und Reitern stürzten zu Boden, und die Unordnung unter ihnen wurde so groß, daß die Vlaemen den Kampf für gewonnen hielten und auf dieser ganzen Linie unaufhörlich jauchzten:
»Sieg, Sieg! Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is! Slaet al dood!«
Wer in diesem Augenblick die Fleischer hätte sehen können, der wäre, auch ohne ihren Schlägen ausgesetzt zu sein, schier vor Schrecken und Graus gestorben. Über Leichen von Menschen und Pferden sah man sie mit bloßer Brust, bloßen Armen und bluttriefendem Beile daher laufen, springen und alles niederschlagen. Ihre Gesichter waren von Schlamm, Schweiß und Blut unkenntlich, ein grimmiges Lachen in ihren Zügen kündete den bitteren Haß gegen ihre Feinde und ihre Kampflust.
Die Franzosen hatten in ihrem Übermut von den Vlaemen gesprochen, als ob sie sie gleich mit einem Ansturm zu Boden werfen würden. Jetzt wurden sie zu ihrem eigenen Schaden inne, daß man mit eitlem Geschwätz auf dem Schlachtfeld nicht viel ausrichtet. Sie bedauerten die Folgen ihrer Unbesonnenheit und erkannten nun, was für ein Volk sie vor sich hatten. Doch den Mut verloren sie nicht; noch immer waren sie zahlreicher als die Vlaemen, denn sie besaßen Truppen, die noch gar nicht im Kampfe gewesen waren.
Während die vordersten Scharen des französischen Heeres solchermaßen vernichtet waren, stand der Seneschall d'Artois mit der zweiten Abteilung von dem vlaemischen Heere noch weiter entfernt. Da die Schlachtordnung des Feindes nicht breit genug war, daß man sie mit so vieler Mannschaft auf einmal bekämpfen konnte, war er noch nicht vorgerückt. Er glaubte, seine Leute hätten ohne Zweifel die Oberhand, denn er sah keinen von ihnen zurückkehren. Indessen sandte er Ludwig von Clermont mit viertausend normannischen Reitern, um die vlaemische Schlachtordnung auf dem linken Flügel anzugreifen. Es glückte Clermont, an dieser Seite festeren Boden zu finden. Er gelangte mit allen seinen Reitern über den Bach und brach plötzlich auf Gwijdes Scharen herein.
Da diese somit von neuen Feinden im Rücken angegriffen wurden, während sie mit Châtillons Leuten vor sich noch genug zu tun hatten, konnten sie nicht länger Widerstand leisten; die ersten Glieder wurden niedergeworfen, die übrigen gerieten in Verwirrung, und dieser ganze Teil des vlaemischen Heeres wich in Unordnung zurück. Zwar flößte ihnen die Stimme des jungen Gwijde genugsam Mut ein, indem sie beschwor, stehen zu bleiben, aber das half alles nichts. Der Ansturm war zu gewaltig, und die Bitten ihres Feldherrn konnten einzig und allein erreichen, daß sie ihren Rückzug so langsam als möglich ausführten.
Das Unglück wollte, daß Gwijde in diesem Augenblick einen so furchtbaren Schlag auf seinen Helm bekam, daß er vornüber auf den Nacken seines Pferdes stürzte und sein Schwert fallen ließ. Er war verwirrt und betäubt und konnte sich in dieser Lage nicht wehren. Es wäre wohl um ihn geschehen gewesen, wenn ihm Adolf nicht geholfen hätte. Dieser Ritter sprengte vor Gwijdes Pferd und schwang sein Schwert so kühn und unverzagt in die Runde, daß die Franzosen nicht zu dem jungen Gwijde gelangen konnten. Nachdem er einige Zeit gekämpft hatte, wurde sein Arm schwach und müde: man konnte das an den Streichen seines Schwertes sehen, die immer langsamer wurden. Schläge und Hiebe prasselten auf seine Rüstung nieder, er fühlte seine Kräfte schwinden und hauchte der Welt bereits sein letztes Lebewohl zu. Inzwischen war Gwijde hinter die Schlachtordnung gebracht worden und hatte sich von der Betäubung erholt. Angstvoll bemerkte er die Lage seines Retters, ergriff ein anderes Schwert und stürzte sich aufs neue in den Kampf. Mit ihm waren einige der Kühnsten herbeigeeilt, und die Franzosen wurden noch zurückgedämmt, bis wieder neue Haufen zum Kampf anrückten. Nun aber konnten die vlaemischen Ritter trotz aller Furchtlosigkeit die Franzosen nicht mehr aufhalten; der Ruf: »Vlaenderen den Leeuw!« wurde von einem anderen übertönt; jetzt waren es die Franzosen, die da riefen:
»Noël, Noël! Vorwärts, der Sieg ist unser! Schlagt sie tot, diese Fußgänger!«
Die Vlaemen wurden über den Haufen geworfen und auseinandergetrieben. Mochte auch Gwijde noch so Erstaunliches leisten, er konnte den Rückzug seiner Truppen nicht mehr hindern; denn es kamen wohl drei Reiter auf jeden Vlaemen; die Pferde rannten sie um oder trieben sie mit unwiderstehlicher Gewalt zurück. Nun kamen ihre Glieder in Unordnung, und dieser Flügel des vlaemischen Heeres mußte vor dem Feinde fliehen; viele von ihnen wurden erschlagen, die anderen alle so zerstreut, daß sie den Reitern keinen Widerstand mehr zu leisten vermochten und von den Franzosen bis an die Leye verfolgt wurden, wo ein großer Teil ertrank.
Am Ufer dieses Flusses hatte Gwijde seine Leute wieder einigermaßen in geschlossenen Gliedern aufstellen können, aber die Übermacht der Feinde war zu groß. Obgleich zerstreut, fochten die Leute von Veurne voller Verzweiflung; der Schaum stand ihnen vor dem Mund, und überall rieselte das Blut an ihrem Körper herab. Doch all ihr Heldenmut konnte ihnen nichts nützen. Jeder hatte schon drei bis vier Reiter erschlagen, aber es wurden ihrer immer weniger, während die Zahl der Feinde stetig wuchs. Ihr einziger Gedanke war, ehrenvoll zu sterben und die Rache vollzogen zu haben.
Als Gwijde sein Heer erliegen sah und die Schlacht für verloren hielt, hätte er vor Schmerz weinen mögen; aber in seinem Herzen war für Trauer kein Raum; düstere Raserei hatte ihn gepackt. Seinem Eide getreu, wollte er nicht länger leben, und wie ein Wahnsinniger trieb er sein Pferd mitten unter die frohlockenden Feinde. Adolf van Nieuwland und Arnold van Oudenaarde folgten ihm; sie kämpften so wütend, daß die Feinde ob ihrer Wundertaten erschraken. Wie durch Zauberei sanken die Reiter von ihren Schwertern dahin. Doch die meisten Vlaemen lagen schon am Boden, und die Franzosen schrien mit Recht: »Noël, Noël!« denn nichts schien mehr Gwijdes Scharen retten zu können.
In diesem Augenblick sah man von Oudenaarde her, hinter dem Haverschen Bach etwas hell in der Sonne aufleuchten, das sich zwischen den Bäumen bewegte. Diese seltsame Gestalt nahte sich rasch und langte endlich auf dem offenen Felde an; zwei Reiter wurden sichtbar, die in größter Eile auf das Schlachtfeld gesprengt kamen. Der eine war seiner prächtigen Rüstung nach ein Ritter; sein Harnisch und alles Eisen, das ihn und sein Pferd bedeckte, war vergoldet und verbreitete ungemeinen Glanz. Ein großer, blauer Federbusch wallte im Winde auf seinen Rücken nieder, das Zaumzeug seines Rosses war ganz mit silbernen Schuppen bedeckt, und auf seiner Brust prangte ein rotes Kreuz; über diesem Zeichen stand auf schwarzem Grunde mit silbernen Buchstaben das Wort »Flandern«.
Kein Ritter auf dem ganzen Schlachtfeld war so prächtig gerüstet wie dieser Unbekannte, aber was ihn am meisten von allen unterschied, war seine Gestalt. Er war einen Kopf größer als die Größten, und seine Glieder waren so kräftig, daß man ihn für einen Riesen hätte halten können. Das Pferd, das er ritt, trug viel zu seinem ungewöhnlichen Aussehen bei, denn es war auch wunderbar groß und stark, der schönste deutsche Hengst, den man sich denken konnte. Lange Schaumflocken flogen um sein Maul, und schnaubend kam er heran. Der Ritter hatte keine andere Wehr als einen furchtbaren Waffenhammer, dessen Stahl sich glänzend in der goldenen Rüstung spiegelte. Der andere Reiter war ein Mönch. Der war schlecht gewappnet: Harnisch und Helm waren so verrostet, daß sie ganz rot zu sein schienen. Er hieß Bruder Wilhelm van Saestinge. In seinem Kloster zu Doest erfuhr er, daß bei Kortrijk gegen die Franzosen gekämpft werden solle; er nahm deshalb zwei Pferde aus dem Stall, gab das eine für die verrosteten Waffen dahin, die er trug, und auf dem anderen kam er jetzt herangesprengt, um der Schlacht beizuwohnen. Auch er war ungewöhnlich kräftig gebaut und unverzagten Mutes; ein langes Schlachtschwert blitzte in seiner Faust, und schon an seinen Augen konnte man erkennen, daß er ein furchtbarer Kämpfer sein mußte; er war dem wunderbaren Ritter soeben begegnet, und da beide demselben Ziel zustrebten, so waren sie zusammen geritten.
Die Vlaemen richteten ihre Augen mit freudiger Erwartung auf den goldenen Ritter, den sie von ferne herankommen sahen. Sie konnten das Wort Flandern noch nicht lesen und also nicht wissen, ob er ein Freund oder Feind war; aber in ihrer gefährlichen Lage vermeinten sie, daß Gott ihnen unter dieser Gestalt einen seiner Heiligen sende, um sie zu befreien. Dazu trugen die glänzende Rüstung, die ungewöhnliche Gestalt und das rote Kreuz, das der Ritter auf seiner Brust trug, nicht wenig bei.
Gwijde und Adolf, die mitten unter den Feinden standen, sahen einander hocherfreut an; sie hatten den goldenen Ritter erkannt. Nun hielten sie die Franzosen für verloren; denn auf die Kraft und Erfahrung dieses neuen Kriegers hatten sie das größte Vertrauen. Die Blicke, die sie sich einander zuwarfen, besagten: O, welch ein Glück, da ist der Löwe von Flandern!
Der goldene Ritter kam endlich an die französischen Truppen heran; ehe man noch fragen konnte, wen er bekämpfen, wem er beistehen wollte, stürzte er sich in die dichtesten Reiterhaufen und schlug mit seinem Hammer so wild und furchtbar auf sie ein, daß sie, von Schrecken ergriffen, einander umrannten, um nur seinen Schlägen zu entgehen. Alles stürzte unter seinem schmetternden Hammer nieder, und überall, wo er durch die feindlichen Scharen drang, blieb hinter seinem Rosse eine Spur wie von einem segelnden Schiffe. Solcherart warf er alles, was er treffen konnte, nieder und gelangte mit unheimlicher Schnelligkeit zu den Scharen, die gegen die Leye gedrängt wurden. Da rief er:
»Vlaenderen den Leeuw! Folgt mir! folgt mir!«
Mit diesen Worten schleuderte er eine große Anzahl Franzosen in den Schlamm und erschlug so erstaunlich viele, daß die Vlaemen ihn für ein übernatürliches Wesen ansahen.
Jetzt kehrte der Mut in ihre Herzen zurück. Unter Freudengeschrei stürzten sie vorwärts und strebten, den Wundertaten des Ritters gleich zu tun. Die Franzosen konnten diesem unerschrockenen Löwen nicht länger widerstehen. Die vordersten machten kehrt und wollten fliehen, aber sie stürzten auf die Pferde ihrer Genossen, und einer warf den anderen zu Boden.
Ein allgemeines Gemetzel begann jetzt, soweit nur das Heer reichte. Die Vlaemen schlugen alles nieder und sprangen über große Haufen Leichen, um die entfernteren Feinde anzugreifen. Jetzt wurde nicht mehr »Noël!« geschrien, der Ruf: »Vlaenderen den Leeuw!« beherrschte jeden anderen Laut und betäubte die Kämpfer so, daß sie die Schläge ihrer eigenen Waffen nicht mehr hören konnten.
Bruder Wilhelm, der Mönch, war von seinem Pferde gesprungen und kämpfte zu Fuß; alles, was in seinen Bereich kam, wurde von tödlichen Streichen getroffen. Er schwang sein Schwert, als wäre es eine Feder, und verlachte spottend die Feinde, die ihn angreifen wollten. Man hätte denken können, daß er sich an einem Spiel erlustige: er war so fröhlich und scherzte so ausgelassen, als ob er mit Kindern zu kämpfen hätte. Trotz seiner Gewandtheit fiel doch mancher Schwerthieb auf seinen verrosteten Harnisch. Ein anderer wäre recht wohl unter jedem dieser Schläge gefallen; aber Bruder Wilhelm blieb unerschütterlich. Jeder, der das Unglück hatte, ihm zu begegnen, sank im gleichen Augenblick vor seinem Riesenschwert dahin.
Plötzlich sah er etwas weiter Ludwig von Clermont mit seinem Banner stehen.
»Vlaenderen den Leeuw!« rief Bruder Wilhelm. »Die Standarte ist mein!«
Als sei er tödlich getroffen, ließ er sich zu Boden sinken, kroch auf Händen und Füßen unter den Pferden dahin und stand plötzlich neben Ludwig von Clermont wieder auf. Von allen Seiten prasselten die Hiebe auf ihn nieder, doch wußte er sich so gut zu verteidigen, daß er nur einige arge Quetschungen davontrug. Daß er es auf die Standarte abgesehen hatte, ließ er sich nicht merken; ja, er kehrte ihr sogar den Rücken zu. Aber plötzlich wandte er sich um, hieb dem Fahnenträger jählings den Arm ab und zerriß das gefallene Banner in Stücke. Sicherlich hätte der Mönch hier seinen Tod gefunden; aber inzwischen waren die Seinigen schon bis zu ihm vorgedrungen, und die Franzosen wurden in größter Unordnung zurückgetrieben.
Der goldene Ritter hatte die Feinde, die den jungen Gwijde umringten, in wenigen Augenblicken zerstreut und drang immer weiter vorwärts. Mit seinem Hammer zerschmetterte er Helme und Schädel, und niemanden fand er, der ihm Widerstand leisten konnte. Jeder, der, von seinen Schlägen betäubt, zu Boden fiel, wurde unter den Hufen der Rosse zertreten. Gwijde nahte sich ihm und sagte rasch:
»O Robrecht, mein Bruder, wie danke ich Gott, daß Ihr angekommen seid! Ihr habt das Vaterland gerettet!«
Der goldene Ritter antwortete nicht. Nur legte er den Finger auf den Mund, als wollte er sagen: Still! still!
Adolf hatte dies Zeichen ebenfalls gesehen und beschloß, sich so zu verhalten, als ob er den Grafen von Flandern nicht kenne.
Inzwischen stürzten die Franzosen einer über den anderen nieder; die vlaemischen Scharen drangen unwiderstehlich auf die Fliehenden ein und erschlugen die gefallenen Ritter mit Keulen und Streitäxten. Tausende von Pferden lagen halb versunken in dem sumpfigen Boden; unzählige Leichen der Feinde bedeckten den Kampfplatz. Der Groeninger Bach war nicht mehr zu sehen: die Leichen, mit denen er angefüllt war, bildeten eine Masse mit denen, die an seinen Ufern lagen; vielleicht hätte man seinen Lauf an dem Blutstrom erkannt, aber das Blut stand überall in großen Lachen. Das Wimmern der Sterbenden, die Klagen der Erstickenden, das Jauchzen der siegesfrohen Vlaemen vermischte sich zu einem grausigen Lärm; dazu kam das Schmettern der Trompeten, das Klirren der Schwerter auf den Harnischen, das schmerzliche Wiehern der verwundeten Pferde! Einzig ein berstender Vulkan, der unter rollendem Donner das Innere der Erde zerreißt, kann ein Bild solcher Schrecken geben. Es war, als wenn der Jüngste Tag hereingebrochen wäre.
Es schlug neun Uhr auf dem Turm zu Kortrijk, als Nesles und Châtillons weichende Reiterei zu den Scharen Roberts d'Artois flüchteten. Als er die Niederlage der Seinen vernahm, entbrannte Robert in wilder Wut. Er wollte sich mit den zahlreichen Abteilungen, die seinem Befehl unterstanden, auf das vlaemische Heer werfen. Die anderen Ritter suchten ihn von diesem unvorsichtigen Vorhaben abzubringen und machten ihm klar, daß sich kein Pferd auf dem Kampfplatz bewegen könne; aber er wollte auf niemand hören und sprengte, von all seinen Leuten gefolgt, mitten durch die Flüchtlinge dahin. Die Reiter, die der ersten Niederlage entkommen waren, wurden von dem Seneschall und seinen neuen Truppen niedergeritten und entflohen alsbald in größter Unordnung nach allen Seiten hin vom Schlachtfeld, um dieser schrecklichen Verwirrung zu entrinnen. Aber das war nicht möglich; die ersten Scharen wurden von den letzten vorwärts gedrängt, und so warf sich die Masse frischer Truppen mit größtem Wagemut auf die vlaemische Schlachtordnung.
Beim ersten Stoß sah sich Gwijdes Heer genötigt, hinter den Groeninger Bach zurückzuweichen. Hier aber dienten die gefallenen Pferde als Brustwehr: es war, als ob sie sich hinter eine Verschanzung zurückgezogen hätten. Die französischen Reiter konnten sich in dem sumpfigen Boden nicht aufrecht erhalten; einer fiel über den andern, und im Fallen töteten sie sich gegenseitig. Als Robert d'Artois das sah, wurde er wie wahnsinnig; er setzte mit einigen furchtlosen Rittern über den Bach und drang auf Gwijdes Scharen ein. Nach kurzem Gefecht, in dem eine Menge Vlaemen fielen, ergriff Robert d'Artois einen Zipfel der großen Standarte von Flandern und riß ein Stück mit der vordersten Klaue des Löwen davon ab.
Ein rasendes Geschrei erhob sich aus den vlaemischen Scharen, die zunächst standen. Alles rief:
»Schlagt ihn tot! schlagt ihn tot!«
Der Seneschall versuchte, die Standarte den Händen des Segher Lonke zu entreißen. Aber Bruder Wilhelm warf sein Schwert fort, sprang am Pferde Roberts d'Artois hinauf und schlang seine beiden Arme um den Hals des Feldherrn. Dann stemmte er seinen Fuß gegen den Sattel und riß mit solcher Gewalt an Roberts Haupte, daß dieser das Gleichgewicht verlor und beide zur Erde fielen. Inzwischen waren die Fleischer herbeigeeilt. Jan Breydel wollte die Schmach rächen, die der Standarte Flanderns widerfahren war, und hieb Robert den Arm mit einem Schlag ab.
Als der unglückliche Seneschall inne ward, daß er dem Tode verfallen war, fragte er, ob kein Edelmann da sei, dem er seine Waffen übergeben könne. Die Fleischer aber brüllten, daß sie diese Sprache nicht verständen, und hieben so lange auf ihn ein, bis er seinen Geist aufgab.
Derweile hatte Bruder Wilhelm den Kanzler Pierre Flotte ebenfalls zu Boden geworfen und erhob sein Schwert, um ihm das Haupt zu spalten; der Franzose flehte um Gnade. Bruder Wilhelm lachte höhnisch auf und hieb ihm in den Nacken, also daß er leblos zu Boden sank. Die französischen Herren von Tarcanville und von Aspremont wurden von dem Hammer des goldenen Ritters niedergeschmettert: Gwijde spaltete Renold von Longueval mit einem Schlage das Haupt, und Adolf van Nieuwland warf Raoul von Nortfort aus dem Sattel. In wenigen Augenblicken fielen mehr als hundert Edelleute.
Herr Rudolf von Gaucourt hatte sich mit den beiden Königen Balthasar und Sigis und noch siebzehn auserlesenen Rittern lange Zeit gegen die Genter Jan Borluuts verteidigt. Die beiden Könige waren mit vielen andern Rittern bereits erschlagen, auch sein Pferd war schon gefallen. Aber Rudolf stand noch mit wundersamer Kühnheit inmitten seiner Feinde. Er wehrte sich mit der größten Gewandtheit gegen die Genter und hielt sie mit furchtbaren Schlägen von sich fern. Als er eines Trupps von fast vierzig französischen Reitern ansichtig wurde, sprang er mitten in ihre Reihen. Doch Jan Borluut setzte ihm mit einer großen Anzahl Genter nach. Die vierzig Ritter waren bald erschlagen, und noch immer verteidigte sich Rudolf von Gaucourt mit gleichem Mute. Von Wunden und Anstrengung ermattet, sank er schließlich auf die Leichen seiner Waffenbrüder nieder, und die Genter liefen herzu, um ihn zu töten; aber Jan Borluut wollte den tapferen Franzosen nicht sterben lassen. Er ließ ihn hinter die Schlachtlinie tragen und nahm ihn unter seinen Schutz.
Obgleich die Franzosen in den vordersten Gliedern während dieses Gefechts unterlegen waren, rückte die vlaemische Schlachtordnung doch nur wenig vor. Denn immer neue Feinde eilten herbei, um die Gefallenen zu ersetzen.