Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 26
»Und ich will es nicht!« antwortete Hugo. »Hört, Herr d'Artois, Ihr habt mir bereits gesagt, daß meine Leute zu hohe Bezahlung verlangten und Euch zu teuer kämen. Wohlan, Ihr sollt nicht mehr zu bezahlen haben, ich will unter Eurem Heere nicht mehr dienen; so hat unser Streit ein Ende.«
Alle Ritter, selbst der Feldherr, wurden ob dieser Worte bestürzt, denn sie empfanden den Abzug Hugos als einen großen Verlust. Der Seeländer stieß seinen Sessel zurück, warf einen seiner Handschuhe auf den Tisch und rief:
»Meine Herren, ich sage, daß ihr alle lügt! Ich höhne euch ins Gesicht. Das ist mein Handschuh, wer Lust hat, mag ihn aufnehmen; ich fordere ihn auf den Kampfplatz!«
Fast alle Ritter griffen ungestüm danach, auch Rudolf von Nesle; aber Robert d'Artois hatte sich so hastig herzugedrängt, daß er ihn vor den anderen ergriffen hatte.
»Ich nehme Eure Herausforderung an,« sprach er, »kommt, wir wollen gehen!«
Der alte König Sigis von Melinde richtete sich auf und erhob zum Zeichen, daß er sprechen wollte, seine Hand über den Tisch. Die große Ehrfurcht, die beide Kämpfer vor ihm empfanden, hielt sie zurück; sie blieben schweigend stehen, um ihn zu hören. Der Greis sprach: »Meine Herren, laßt euren Eifer sich ein wenig abkühlen und schenkt meinem Rate Gehör. Ihr, Graf Robert, seid in diesem Augenblick nicht Herr Eures Lebens; wenn Ihr fallt, wird das Heer Eures Fürsten ohne Feldherr und deshalb der Unordnung und Zersplitterung ausgesetzt sein; das dürft Ihr nicht wagen. Euch, Herr van Arckel, frage ich, ob Ihr an der Tapferkeit des Herrn d'Artois zweifelt?«
»Keineswegs,« antwortete van Arckel, »ich erkenne gern an, daß Herr Robert ein unverzagter, mutiger Ritter ist.«
»Wohlan,« fuhr König von Melinde fort, »Ihr hört es, Feldherr, man tritt Eurer Ehre nicht zu nahe; so bleibt Euch nur noch die Schmach zu rächen, die Frankreich widerfahren ist. Ich rate euch beiden, den Kampf bis auf einen Tag nach der Schlacht zu verschieben. Meine Herren, gebt es nur alle zu: ist mein Rat nicht auf eine weise Vorsicht gegründet?«
»Ja, ja,« antworteten die Ritter, »es sei denn, daß der Feldherr einem von uns die Gunst erzeigen wollte, den Handschuh für ihn aufzunehmen.«
»Schweigt,« rief Artois, »davon will ich nichts hören! Herr van Arckel, willigt Ihr in diese Verzögerung?«
»Das geht mich nichts an. Ich habe meinen Handschuh hingeworfen, und der Feldherr hat ihn aufgenommen; er mag also die Zeit festsetzen, ihn mir wiederzugeben.«
»So sei es,« sprach Robert d'Artois, »wenn die Schlacht nicht bis Sonnenuntergang dauert, werde ich Euch noch am gleichen Abend aufsuchen.«
»Gebt Euch die Mühe nicht,« antwortete Hugo, »ich werde eher bei Euch sein, als Ihr es denkt.«
Sie riefen sich noch einige Drohungen zu, doch das dauerte nicht lange. Der alte König Sigis unterbrach sie:
»Meine Herren, es ziemt sich nicht, daß Ihr länger darüber sprecht! Laßt uns die Becher noch einmal vollschenken und vergeßt Euren Mißmut. Setzt Euch nieder, Herr van Arckel.«
»Nein, nein!« rief Hugo, »ich setze mich nicht nieder, ich verlasse sofort das Heer. Lebt wohl, meine Herren, wir werden einander auf dem Schlachtfeld wiedersehen: Gott behalte euch unter seinem Schutze!«
Damit verließ er das Zelt und rief seine achthundert Mann zusammen; kurz danach hörte man Trompetenschallen und das Waffengeklirr einer abziehenden Rotte. Hugo van Arckel verließ das Lager der Franzosen und kam noch am gleichen Abend zu den Vlaemen, denen er seine Dienste anbot. Es läßt sich leicht denken, mit welcher Freude sie ihn empfingen; denn man rühmte ihn und seine Leute als unüberwindlich, und sie verdienten auch diesen Namen.
Die französischen Ritter hatten sich wieder zu Tische gesetzt und tranken tüchtig. Während sie noch über Hugos Vermessenheit sprachen, trat ein Herold in das Zelt und verbeugte sich ehrerbietig vor den Rittern. Seine Kleidung und seine Waffen waren mit Staub bedeckt, und der Schweiß rann ihm von der Stirn. Alles verriet, daß er in größter Hast herbeigeeilt und fast außer Atem gekommen war. Die Ritter betrachteten ihn neugierig, während er ein Pergament unter seinem Harnisch hervorzog, es dem Feldherrn überreichte und sprach:
»Mein Herr, diese Urkunde wird Zeugnis dafür ablegen, daß ich von Herrn van Lens aus Kortrijk zu Euch gesandt bin, um Euch unsere Not zu klagen.«
»Wohlan, sprecht!« rief von Artois ungeduldig, »kann Herr van Lens das Kastell von Kortrijk nicht gegen einen Haufen Landstreicher verteidigen?«
»Gestattet mir, Euch zu sagen, daß Ihr Euch täuscht,« antwortete der Bote. »Die Vlaemen besitzen ein Heer, das keineswegs zu verachten ist; sie sind über dreißigtausend Mann stark und haben Pferde und Kriegsgerät im Überfluß; sie bauen furchtbare Wurfmaschinen, um das Kastell zu bestürmen. Unsere Lebensmittel und Pfeile sind zu Ende, und wir haben bereits begonnen, einige unsrer schlechtesten Pferde zu verzehren. Sollten Eure Hoheit noch einen Tag länger zögern, den Herrn van Lens zu entsetzen, dann werden inzwischen alle Franzosen in Kortrijk erschlagen sein; denn es gibt keinen Ausweg, um zu entkommen. Die Herren van Lens, Montenay und Rayecourt bitten demütigst, daß Ihr sie aus dieser Gefahr erretten wollet.«
»Meine Herren,« rief Robert d'Artois, »welch herrliche Gelegenheit; schöner können wir sie uns gar nicht wünschen. Alle Vlaemen haben sich bei Kortrijk zusammengerottet! Wir gehen hin, greifen sie an, und es sollen nicht viele von ihnen entkommen; durch die Hufe unserer Rosse soll diesem schlechten Volke sein Recht werden. Ihr, Bote, bleibt im Lager, morgen sollt Ihr mit uns in Kortrijk sein. Nun noch einen Trunk zum Abschied, meine Herren. Geht und rüstet eure Scharen für den Marsch, wir müssen schleunigst aufbrechen.«
Kurz darauf verließen sie das Zelt, um dem Befehl ihres Anführers nachzukommen. Von allen Seiten erklangen die Trompeten, um die Söldner aus dem Felde zurückzurufen; die Pferde wieherten, die Waffen klirrten, kriegerischer Lärm erscholl aus allen Teilen des Lagers. Einige Stunden später waren die Zelte abgebrochen und auf die Troßwagen gepackt, und alles war bereit. Wohl fehlten noch viele Söldner, die sich irgendwo mit Plündern aufhielten; aber das konnte bei einem so zahlreichen Heere nicht auffallen. Nachdem sich jeder Anführer an die Spitze seiner Scharen gestellt hatte, bildeten die Ritter zwei Abteilungen, und das Heer zog in folgender Ordnung aus der Verschanzung:
Die erste Abteilung, die mit fliegenden Standarten aus dem Lager kam, bestand aus dreitausend ausgezeichneten leichtberittenen Kriegern; sie hatten eine lange Streitaxt in der Hand, und lange Schwerter hingen an ihrem Sattelknopf. Ihre Rüstung war nicht so schwer wie die der anderen Reiter; deshalb ritten sie voraus und waren gleichsam für die ersten Plänkeleien bestimmt. Unmittelbar darauf folgten viertausend Bogenschützen zu Fuß; sie schritten stolz und in dichtgeschlossenen Reihen dahin, indem sie ihr Gesicht mit großen viereckigen Schilden vor den Strahlen der Sonne schützten. Ihre Köcher waren mit Pfeilen gefüllt, und ein kurzer Degen ohne Scheide glänzte an ihrem Gürtel. Das waren die Kriegsleute, die aus dem Süden Frankreichs gekommen waren; mehr als die Hälfte waren Spanier und Lombarden. Jean von Barlas, ein tapferer Krieger, ritt neben diesen Scharen auf und nieder und war ihr Oberbefehlshaber.
Die zweite Abteilung stand unter dem Befehl Renaulds von Trier und zählte dreitausendzweihundert schwere Reiter. Sie saßen auf großen, kräftigen Schlachtrossen und hatten ein breites, glänzendes Schwert rechts geschultert; Harnische von Eisen umhüllten ihren Leib, und Platten aus einem Stück waren überall um ihre Glieder geschnallt. Den größten Teil dieser Leute hatte das Gebiet von Orleans geliefert.
Der Herr Konstable von Nesle führte die dritte Abteilung. Erst kam eine Schar von siebenhundert edeln Rittern, in schimmernder Rüstung und mit zierlichen Fähnlein an ihren Speeren; flatternde Federbüsche hingen von ihren Helmen auf den Rücken herab, und ihre Wappen waren in allerlei Farben auf ihren Harnischen dargestellt. Die Pferde waren vom Kopf bis zu den Füßen mit Eisen bekleidet, und zierliche Troddeln hingen überall an ihrer Seite. Mehr als zweihundert gestickte Standarten ragten über diese Schar empor; das war unstreitig der herrlichste Ritterzug, den man in diesen Zeiten sehen konnte. Alle waren auf das kostbarste bewaffnet. Hinter ihnen kamen noch zweitausend Söldner zu Pferde, mit langen Marteelen oder Waffenhämmern auf den Schultern, dann hing noch das Schlachtschwert an ihrem Sattel. Sie waren aus Geschwadern zusammengesetzt, die zum stehenden Heere Philipps des Schönen gehörten.
Die Spitze der vierten Abteilung führte Herr Ludwig von Clermont, ein erfahrener Krieger. Sie bestand aus dreitausendsechshundert Lanzenreitern, die das Königreich Navarra gestellt hatte. An ihrer gleichmäßigen Bewaffnung konnte man wohl bemerken, daß es erlesene, wohlgeübte Truppen waren. Vor dem ersten Gliede ritt der Fahnenträger mit der großen Standarte von Navarra.
Robert Graf d'Artois, der Oberfeldherr des Heeres, hatte die fünfte, die Hauptabteilung unter seinen Befehl genommen. Alle Ritter, die keine Leute mitgebracht oder sie den anderen Scharen einverleibt hatten, befanden sich bei ihm. Die Könige von Majorka und Melinde ritten an seiner Seite. Unter allen anderen stach Thibaut II., Herzog von Lothringen, durch seine kostbare Rüstung hervor; ebenso bemerkte man die stolzen Standarten der Herren Johann Graf von Tarcanville, Angelin von Vimeu, Renold von Longueval, Farald von Reims, Arnold van Wesemaal, Marschall von Brabant, Robert von Mortfort und unzählige andere. Diese Abteilung übertraf die dritte noch an Pracht. Die Helme der Ritter waren versilbert oder vergoldet und ihre Harnische an den Gelenken mit goldenen Knöpfen verziert. Die Sonne, die auf den blinkenden Stahl ihrer Rüstungen niederbrannte, hüllte diesen herrlichen Zug in flammende Glut. Die Schlachtschwerter, die an ihrer Seite hingen, schwankten hin und her und schlugen klirrend an die eiserne Bedeckung der Pferde. So entstand ein fortwährendes Klingen und Klirren, das den Zug wie Kriegsmusik auf dem Wege begleitete. Auf die edeln Ritter folgten fünftausend Reiter mit Streitäxten und Waffenhämmern. Außerdem gehörten zu dieser Abteilung noch sechzehntausend Fußmannen, welche in drei Gruppen geteilt waren. Die erste bestand aus tausend Armbrustschützen; sie hatten nur eine stählerne Brustplatte und einen flachen, viereckigen Helm als Schutzwaffe; kleine Köcher voll eiserner Pfeile hingen an ihrem Gürtel und lange Degen an ihrer Seite. Die zweite Schar zählte sechstausend Mann. Sie war mit Keulen bewaffnet, die am dicken Ende mit furchtbaren stählernen Spitzen beschlagen waren. Die dritte bestand aus Helmhauern mit langen Beilen. Alle diese Leute waren aus der Gascogne, der Languedoc und der Auvergne[35] gekommen.
[35] Französische Provinzen.
Herr von Châtillon, der Landvogt, führte den Befehl über die sechste Abteilung. Deren zahlreiche Glieder bestanden aus dreitausendzweihundert Söldnern zu Pferde. Auf die Wimpel ihrer Speere hatten sie flammende Besen gemalt, zum Zeichen, daß sie Flandern säubern wollten; sie hatten die schwersten Pferde vom ganzen Heer, und doch konnten auch diese nur mit Mühe unter der Last all des Eisens, das sie bedeckte, vorwärtskommen.
Dann folgten die siebente und achte Abteilung; die erstere stand unter dem Befehl von Johann Graf von Aumale, die andere unter dem Herrn Ferry von Lothringen. Jede von ihnen umfaßte zweitausendsiebenhundert Reiter aus Lothringen, der Normandie und der Picardie[36].
[36] Französische Provinzen.
Herr Gottfried von Brabant bildete mit seinen eigenen Vasallen, insgesamt siebenhundert wohlgerüsteten Reitern, die neunte Abteilung.
Die zehnte und letzte Abteilung des Heeres war Herrn Gui de Saint-Pol anvertraut; er mußte den Nachtrab bilden und das Gepäck des Heeres bewachen.
Dreitausendvierhundert Reiter von allen Waffengattungen ritten voraus, dann folgte noch ein großer Haufe Fußvolks mit Bogen und Schlachtschwertern. Im ganzen waren es beinahe siebentausend Mann. Ein Teil von ihnen schwärmte mit brennenden Fackeln vom Heere nach allen Richtungen hin aus, um alles, was nur brennen wollte, zu vernichten. Endlich folgten unzählige Troßwagen, die mit den Zelten und dem Kriegsgerät beladen waren.
So zog das französische Heer, in zehn Scharen geteilt und über sechzigtausend Mann stark, langsam den Weg dahin, der nach Kortrijk führte. Das Auge konnte diesen ungeheuren Zug in seiner ganzen Ausdehnung gar nicht erfassen; die vordersten waren schon am Horizont verschwunden, ehe noch die letzten das Lager verließen.
Tausende flatternder Wimpel wehten über dem wandernden Heere, und die Sonne spiegelte sich herrlich blinkend in den Rüstungen der stolzen Truppen. Die Pferde schnaubten und stöhnten unter ihrer Last; die Waffen schlugen klirrend widereinander, und aus all diesen verschiedenen Tönen entstand ein dumpfes Geräusch, das dem Brausen der stürmenden See glich. Überall, wohin die vernichtenden Krieger gedrungen waren, stoben die Flammen in dichten Rauchwolken zum Himmel empor. Nicht eine einzige Wohnung entging der Verwüstung; die Chroniken bezeugen, daß kein Mensch, kein Tier verschont wurde.
Flandern war von Rijssel bis Douai und Kortrijk so verheert, daß sich die französischen Vandalen wohl mit Recht rühmen konnten, es wie mit einem Besen ausgefegt zu haben.
Tief in der Nacht kam das Heer des Herrn d'Artois in die Nähe von Kortrijk. Châtillon kannte die Gegend genau, weil er geraume Zeit in der Stadt gewohnt hatte; deshalb wurde er zum Feldherrn gerufen, um den Platz zum Lager zu bestimmen. Nach kurzer Beratung bogen sie mit den verschiedenen Abteilungen ein wenig rechts ab und schlugen ihre Zelte auf dem Pottelberg und den umliegenden Feldern auf.
Herr d'Artois nahm mit den beiden Königen und einigen vornehmen Herren Besitz von dem Schlosse Hoogmosscher, das unweit des Pottelberges lag. Zahlreiche Wachen wurden ausgestellt, und die übrigen begaben sich ganz furchtlos zur Ruhe; in allzu großem Vertrauen auf ihre Übermacht hätten sie nie geglaubt, daß man es wagen würde, sie anzugreifen.
Solcherart befanden sich die Franzosen etwa eine Viertelstunde vom Lager der Zünfte; die Vorposten konnten einander in der Finsternis auf und ab wandeln sehen.
Die Vlaemen hatten ihre Wachen verdoppelt und befohlen, daß man nur bewaffnet zur Ruhe gehen dürfe.
XXIII.
Die vlaemischen Ritter, die in Kortrijk Unterkunft gefunden hatten, lagen alle zu Bett, als sich die Nachricht von der Ankunft der Franzosen in der Stadt verbreitete. Sogleich ließ Gwijde die Trompeten erklingen, die Trommeln rühren, und eine Stunde später waren alle Männer, die in der Stadt sich befanden, auf den Wällen versammelt. Die Ritter waren in voller Rüstung herbeigeeilt; denn sie vermeinten, daß die Franzosen sie unmittelbar angreifen würden.
Es stand zu befürchten, daß der Kastellan van Lens während des Gefechts aus dem Kastell hervorbrach und über die Stadt herfiel. Deshalb ließ man die Yperner aus dem Lager kommen. Sie sollten die französische Besatzung bewachen und einen Ausfall verhindern. Am Steintor wurde eine ansehnliche Wachttruppe aufgestellt, um die Frauen und Kinder innerhalb der Mauern zurückzuhalten. Denn denen war der Schrecken in die Glieder gefahren, und sie wollten noch in derselben Nacht entfliehen. Sie glaubten, den unvermeidlichen Tod vor Augen zu haben: von der einen Seite konnte der Kastellan van Lens jeden Augenblick einen Ausfall aus dem Schlosse machen, und nach der anderen Seite hin war die Aussicht noch furchtbarer. Auf die geringe Anzahl ihrer bewaffneten Brüder hatten sie nicht genügend Vertrauen, um zu hoffen, daß der Sieg auf deren Seite sein werde. Und wirklich: wenn Heldenmut und Furchtlosigkeit die Vlaemen nicht gehindert hätte, die Gefahr zu erkennen, so würden auch sie wohl an ihr letztes Stündlein gedacht haben. Nicht nur besaß ja das französische Heer mehr Fußvolk als das ihrige, sie hatten dort zudem noch zweiunddreißigtausend Reiter zu bekämpfen.
Die vlaemischen Anführer berechneten kaltblütig die möglichen Folgen der bevorstehenden Schlacht; wie groß auch ihre Tapferkeit und Kampflust sein mochte, die Gefahr konnten sie sich nicht verhehlen. Der Heldenmut hindert den Menschen nicht, all des Furchtbaren einer solchen Lage inne zu werden. Er läßt die angeborene Furcht vor dem Tode nicht schwinden; aber er gibt dem Manne Kraft genug, diese niederdrückenden Gefühle zu überwinden. Für sich selbst fürchteten die vlaemischen Führer nicht, aber das Vaterland, die Freiheit, die man gegen eine so ungleiche Macht aufs Spiel setzte, erfüllte sie mit bangem Ahnen. Trotzdem sie also nur schwache Hoffnung hegen durften, beschlossen sie, den Kampf anzunehmen und lieber als Helden auf dem Schlachtfeld zu sterben, als sich schmachvoll zu unterwerfen.
Die junge Machteld wurde mit Adolfs Schwester und mehreren anderen Edelfrauen nach der Abtei von Groeningen gesandt, um da einen sicheren Aufenthaltsort zu haben, wenn die Franzosen sich Kortrijks bemächtigen sollten. Nachdem alles derart angeordnet war, zogen die Ritter sämtlich in das Lager.
Das französische Volk hat immer die anderen Nationen mißachtet und verkannt; Übermut ist ein Hauptmerkmal seines Wesens. Dieser eitle Wahn ist ihnen schon so oft verderblich gewesen! Wie viele Franzosen liegen auf fremdem Boden begraben, die als Opfer ihres Leichtsinns in der Blüte des Lebens gefallen sind!
Der Feldherr Robert d'Artois war zwar ein erfahrener, tapferer Krieger, aber er war zu vermessen; er hielt es in diesem Falle nicht für nötig, vorsichtig zu Werke zu gehen, und stellte sich vor, er würde gleich beim ersten Angriff das vlaemische Volk über den Haufen rennen. Diese stolze Überzeugung erfüllte auch die Herzen seiner Krieger; ja, das ging so weit, daß das französische Heer so ruhig schlief, als ob es irgendwo in einer befreundeten Stadt gelegen hätte, während sich Gwijdes Heer in der Finsternis zur Schlacht vorbereitete. Im Vertrauen auf ihre zahllose Reiterei waren die Franzosen sicher, daß einem solchen Heere nichts widerstehen könne. Wären sie nicht so tollkühn, so anmaßlich zu Werke gegangen, so hätten sie die Stätte, darauf sie kämpfen mußten, wohl erst untersucht und die Vorzüge und Nachteile seiner Lage erwogen. Dann hätten sie gefunden, daß die Bodengestaltung zwischen den beiden Heeren ihre Reiterei unnütz machte. Doch wozu solch überflüssige Sorge? War das vlaemische Heer denn etwa so bedeutend, daß es Vorsicht nötig machte? Robert d'Artois glaubte es nicht.
Die Vlaemen hatten auf dem Groeninger Kouter Stellung genommen. Hinter ihnen gen Norden zog sich die Leye hin, ein breiter Fluß, der jeden Angriff von dieser Seite her unmöglich machte. Vor der Schlachtlinie floß der Groeninger Bach, der durch seine Breite und seine seichten, sumpfigen Ufer der französischen Reiterei ein unüberwindliches Hindernis entgegenstellte. Der rechte Flügel lehnte sich an den Teil der Wälle Kortrijks unweit der St. Martinskirche. Der linke Flügel war durch eine Bucht des Groeninger Baches eingeschlossen, so daß die Vlaemen wie auf einer Insel standen, gegen die ein Angriff sehr schwierig durchzuführen war. Das Gelände, das sie von dem französischen Heere trennte, bestand aus einigen tiefliegenden Weideflächen. Ihr Boden war durch den Mosscherbach, der sich hindurchschlängelte, bewässert und durchweicht. So mußte die französische Reiterei mindestens über zwei kleine Flüsse setzen, ehe sie etwas ausrichten konnte, und diese Hindernisse zu überwinden, war nicht leicht, da die Pferde auf den sumpfigen Ufern keinen festen Grund fanden und bis an die Knie einsanken.
Der französische Feldherr ging zu Werke, als ob er auf hartem, festem Boden zu kämpfen hätte, und entwarf den Angriffsplan in einer Weise, die mit den Regeln der Kriegskunst durchaus nicht in Einklang stand. Daran konnte man wieder sehen, daß allzu großes Selbstvertrauen den Menschen unvorsichtig macht.
Bei Anbruch des Tages, ehe noch die glühende Sonnenscheibe am Horizont erschien, standen die Vlaemen schon in Schlachtordnung am Groeninger Bach. Gwijde führte den Befehl über den linken Flügel. Bei ihm waren alle die kleineren Zünfte von Brügge. Eustachius Sporkijn mit den Leuten von Veurne bildete den Mittelpunkt dieser Abteilung. Die zweite Schar hatte Herrn Jan Borluut zum Anführer und zählte fünftausend Genter. Die dritte Schar unterstand Herrn Wilhelm von Jülich und umfaßte die Weber und Freisassen von Brügge. Der rechte Flügel, der sich an Kortrijks Wälle anlehnte, bestand aus den Fleischern mit ihrem Vorsteher Breydel und den Leuten aus Seeland; Herr Jan van Renesse war ihr Befehlshaber. Die anderen vlaemischen Ritter hatten keinen bestimmten Platz, sie schlossen sich an, wo es ihnen gut dünkte, und wo ihre Hilfe etwa nötig sein konnte; die elfhundert Namurschen Reiter waren hinter der Schlachtordnung aufgestellt. Man wollte von ihnen keinen Gebrauch machen, damit sie keine Unordnung unter das Fußvolk brachten.
Endlich begann sich auch das französische Heer vorzubereiten. Tausende von Trompeten schmetterten gleichzeitig ihre schrillen Töne in die Luft, die Pferde wieherten, und das Waffengerassel war so furchtbar, daß die Vlaemen ein kalter Schauer überkam. Welch eine gewaltige Masse von Feinden sollte auf sie eindringen! Doch die mutigen Männer wurden dadurch nicht aus der Fassung gebracht. Sie gingen dem Tod entgegen, das wußten sie; was aber sollte aus ihren verlassenen Frauen und Kindern werden? In diesem feierlichen Augenblick dachten sie an alles, was sie auf Erden am meisten liebten. Den Vater folterte heftiger Schmerz bei dem Gedanken, seine Söhne den Fremden als Sklaven zurückzulassen; und der Sohn schluchzte wehmütig auf in Erinnerung an seinen kranken, greisen Vater. Furchtlosigkeit und Kummer beherrschten zugleich die Brust der Vlaemen. Wenn diese beiden Gefühle sich angesichts einer drohenden Gefahr verschmelzen, so entsteht daraus verzweifelte Wut. So geschah es auch bei den Vlaemen. Ihre Blicke wurden starr und wild, sie knirschten ingrimmig mit den Zähnen, brennender Durst dörrte ihnen Mund und Gaumen aus, und der Atem ihrer klopfenden Brust war kurz und schwer. Furchtbare Stille lastete auf dem Heere; niemand gab seinen Gefühlen Ausdruck, denn alle waren in düstere Gedanken versunken. So standen sie schon geraume Zeit, in langen Reihen aufgestellt, als sich die Sonne über dem Horizont erhob und ihnen das Heer der Franzosen sichtbar werden ließ.
Der Reiter waren so viele, daß die Speere über den feindlichen Truppen dichter emporragten denn die Ähren eines Kornfeldes. Die Rosse in den vordersten Gliedern stampften ungeduldig und bedeckten ihre eiserne Rüstung mit Flocken weißen Schaumes. Die Trompeten schmetterten wie in festlichem Jubel, und leicht spielte der Wind mit den flatternden Fahnen und Standarten.
Die Stimmen der Anführer übertönten bisweilen diesen kriegerischen Lärm, während dann und wann aus einer Abteilung der Waffenruf: »Noël, Noël! Frankreich, Frankreich!« erscholl und alles Getöse beherrschte. Die französischen Reiter waren ungeduldig. Sie spornten hie und da ihre Schlachtrosse, um sie aufzumuntern; dann wieder streichelten sie sie und sprachen ihnen zu, damit sie die Stimme ihres Herrn im Kampfe besser erkennen sollten. Wer wird die Ehre haben, den ersten Stoß zu tun? Dieser Gedanke beherrschte alle und war die Ursache der Ungeduld. Jene Ehre wurde unter den Rittern gar hoch gehalten. Wenn sie einem in einer bedeutenden Schlacht zuteil wurde, so rühmte er sich ihrer das ganze Leben hindurch als eines Beweises unzweifelhafter Tapferkeit. Deshalb hielten sie alle ihre Pferde bereit und den Speer gefällt, um auf das geringste Zeichen ihres Feldherrn vorwärts zu stürmen.
Auf den Weiden, die sich neben dem Heere erstreckten, bewegten die französischen Fußknechte sich in wogenden Scharen und zogen langsam, wie ein furchtbares Ungetüm, in schlängelnden Windungen durch das Feld. Sie befleißigten sich der größten Stille.