Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 25
Die Brügger betrachteten diese feierliche Handlung mit ruhiger Aufmerksamkeit. Ihre Herzen waren von Zufriedenheit erfüllt, und sie waren so bewegt, als ob ihnen selbst diese Ehre widerfahren wäre. Als die Obmänner in ihr Gewaffen gekleidet waren, mußten sie das eine Knie zur Erde beugen; dann trat Gwijde vor und erhob sein Schlachtschwert über De Conincks Haupt.
»Herr De Coninck,« sprach er, »seid ein treuer Ritter, verletzt nie die Ehre und greift nie zum Schwert, es sei denn für Gott, Euer Vaterland und Euren Fürsten.«
Damit versetzte er ihm dem Brauch der Ritterschaft zufolge einen leichten Schlag mit seinem Schlachtschwert. Ebenso wurde Jan Breydel zum Ritter geschlagen. Zu gleicher Zeit trat Machteld aus dem Zug und stellte sich vor die knienden Obmänner; sie nahm die Schilde aus den Armen der Knappen und hing sie um den Hals der neuen Ritter. Viele Zuschauer bemerkten, daß sie den Schild zuerst um Breydels Hals gehängt hatte, und daß dies absichtlich geschehen sein mußte, da sie deshalb einige Schritte seitwärts zu tun hatte.
»Dies Wappen ist ein Geschenk meines Vaters für Euer Edeln,« sprach sie, mehr zu Breydel hingewandt; »ich weiß, edle Herren, daß ihr sie vor aller Schmach bewahren werdet; ich freue mich, daß ich an der Belohnung eurer Vaterlandsliebe teilnehmen kann.«
Breydel sah die junge Edeldame mit tiefster Dankbarkeit an; seine Augen sprachen den Eid feurigster Zuneigung und Aufopferung. Er würde sich ohne Zweifel der edlen Jungfrau zu Füßen geworfen haben, aber die feierliche Haltung der umstehenden Ritter machte zu großen Eindruck auf ihn; erstaunt, bewegungslos stand er da, ohne zu sprechen.
»Meine Herren, nun könnt ihr zu euren Leuten zurückgehen,« sprach Gwijde. »Wir hoffen, daß ihr diesen Abend in unseren Rat kommen werdet, wir müssen mit euch eine längere Besprechung haben. Führet nun eure Truppen nach dem Lager zurück.«
De Coninck verbeugte sich leicht und ging fort, und ebenso tat es Breydel; aber kaum hatte sich dieser einige Schritte entfernt, als er schon die Last der Waffen inne wurde, die ihn überall beklemmte; er kehrte hastig zu Gwijde zurück und sprach:
»Edler Graf, ich ersuche Euer Edeln um noch eine Gunst.«
»Sprecht, Herr Breydel, sie soll Euch zugestanden werden.«
»Seht, durchlauchtiger Herr,« fuhr der Obmann fort, »Ihr habt mir heute eine große Gnade erwiesen, aber Ihr wollt mich doch nicht hindern, gegen unsere Feinde zu streiten?« Die Ritter kamen näher an Breydel heran, seine Worte versetzten sie in großes Staunen.
»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte Gwijde.
»Daß diese Waffen mich überall beengen und kneifen, Herr Graf! Ich kann mich in dem Harnisch nicht rühren, und dieser Helm lastet so schwer auf meinem Kopfe, daß ich den Hals nicht bewegen kann; ich versichere Euch, daß ich mich in diesem eisernen Kerker totschlagen lassen müßte wie ein gebundenes Kalb.«
»Der Harnisch wird Euch vor den Schwertern der Franzosen schützen,« bemerkte der Ritter.
»Ja,« entgegnete Breydel, »dessen bedarf ich aber durchaus nicht. Wenn ich frei bin mit meinem Beil in der Faust, dann fürchte ich nichts. Wahrlich, ich würde da eine schöne Figur machen, steif und unbehilflich! Nein, nein, meine Herren, ich will das nicht am Leibe haben; deshalb, Herr Graf, ersuche ich Euch: erlaubt mir, bis nach dem Kampfe Bürger zu bleiben; später will ich dann mit diesem lästigen Harnisch Bekanntschaft machen.«
»Das mögt Ihr halten, wie es Euch beliebt, Herr Breydel,« antwortete Gwijde, »dennoch seid und bleibt Ihr ein Ritter.«
»Wohlan!« rief Breydel erfreut, »dann bin ich der Ritter mit dem Beil! Dank, Dank, durchlauchtiger Herr.«
Mit diesem Ausruf lief er zu seinen Leuten, die ihm durch laute Glückwünsche und allerlei Zurufe ihre Freude bekundeten. Er hatte bereits die ganze Rüstung abgeworfen, noch ehe er die Reihen der Fleischer erreichte. Nur den Wappenschild behielt er, den ihm Machteld um den Hals gehängt hatte.
»Albrecht, mein Freund,« rief er einem seiner Leute zu, »nimm die Waffen auf und trage sie nach meinem Zelt! Ich will kein Eisen an meinem Leibe tragen, während ihr mit bloßer Brust der feindlichen Waffe entgegengeht; dieser Kirmeß will ich im Fleischergewand beiwohnen. Sie haben mich zu einem Edelmann gemacht, meine Gesellen, aber das ändert nichts an der Sache! Mein Herz ist und bleibt den Fleischern treu, und das werden die Franzosen schon fühlen. Kommt, wir gehen nach dem Lager, ich werde mit euch Wein trinken, wie vorhin, ich schenke euch jedem ein Maß, und dann trinken wir ein Hoch auf den schwarzen Löwen!«
All seine Gesellen wiederholten diesen Ruf; die Glieder kamen etwas in Unordnung, und ungestüm wollten sie sich nach dem Lager zurückbegeben.
»Oho, Leute,« rief Breydel, »so nicht, jeder in sein Glied, oder wir werden schlechte Freunde.«
Die anderen Abteilungen waren bereits in Bewegung und kehrten beim Schall der Hörner mit fliegenden Fahnen nach der Verschanzung zurück; der Zug der Ritter rückte in das Stadttor und verschwand hinter den Wällen. Bald danach plauderten sämtliche Vlaemen vor ihren Zelten von der Erhebung der Obmänner. Eine große Schar Fleischer saß in weitem Kreise, die Humpen in der Hand, auf dem Boden; große Kannen standen neben ihnen; einstimmig sangen sie das Lied vom schwarzen Löwen. Mitten unter ihnen, auf einer leeren Tonne, saß der geadelte Breydel, der als Vorsänger jeden Vers begann; er trank wiederholt auf die Befreiung des Vaterlandes und suchte durch größere Vertraulichkeit die Änderung seines Standes vergessen zu machen; denn er fürchtete, daß seine Gesellen denken könnten, er wolle ihnen nicht mehr, wie zuvor, ihr Freund und Genosse sein.
De Coninck hatte sich in seinem Zelt eingeschlossen, um den Glückwünschen seiner Weber zu entgehen; die Beweise ihrer Liebe gingen ihm zu nahe, und es wurde ihm zu schwer, diese Rührung zu verbergen; deshalb blieb er den ganzen Tag allein, während das Heer sich der ungetrübtesten Freude hingab.
XXII.
Unweit der Stadt Rijssel, auf einem ungewöhnlich großen Felde, war das französische Lager aufgeschlagen. Die unzähligen Zelte, die für so viele Menschen nötig waren, bedeckten fast eine halbe Meile Landes. Da ein hochaufgeworfener Wall das Lager einfaßte, hätte man von fern glauben können, daß man eine befestigte Stadt vor sich habe, wenn nicht das Wiehern der Pferde, die Rufe der Söldner, der Rauch der Wachtfeuer und die Tausende flatternder Wimpel die Anwesenheit eines Lagers verraten hätte. Die Abteilung, in der die edlen Ritter wohnten, war an den kostbaren Standarten und gestickten Fähnlein zu erkennen. Während hier samtene Zelte von verschiedenerlei Farben standen, traf man in der anderen Abteilung nur kleine Zelte von Leinwand oder Stroh an. Es scheint unglaublich, daß ein so zahlreiches Heer nicht vor Hunger umkam; denn in jenen Zeiten führte man selten Lebensmittel mit sich; aber es war im Gegenteil an allem Überfluß. Das Getreide lag im Schmutz herum, und die besten Lebensmittel wurden unter die Füße getreten. Die Franzosen gebrauchten ein gutes Mittel, sich mit allem zu versorgen und sich zu gleicher Zeit bei den Vlaemen verhaßt zu machen. Unaufhörlich zogen große Söldnerscharen aus der Verschanzung, um das Land zu durchstreifen und alles zu rauben, zu plündern und zu vernichten. Die wilden Kriegsknechte hatten die Absicht ihres Feldherrn Robert d'Artois vollständig begriffen; um sie auszuführen, vollbrachten sie die furchtbarsten Greuel, die man im Kriege nur begehen kann. Als Sinnbild der Verwüstung, mit der sie Flandern bedrohten, hatten sie kleine Besen an ihre Speere gehängt, womit sie andeuten wollten: sie kämen, um Flandern auszukehren und zu säubern; und in der Tat, sie unterließen nichts, um diese Drohung auszuführen. Schon nach wenigen Tagen stand im ganzen südlichen Teile des Landes kein einziges Haus mehr, nicht eine Kirche, kein Schloß, kein Kloster, ja selbst kein Baum mehr. Alles war zerstört und vernichtet. Man achtete weder Alter noch Geschlecht. Frauen und Kinder wurden ermordet und ihre unbegrabenen Leichen den Raubvögeln zur Speise gegeben.
In dieser Weise begannen die Franzosen den Kampf. Nicht die mindeste Furcht, nicht die geringste Reue regte sich im Herzen der fremden Bösewichte bei ihrem schändlichen Unternehmen; gestützt auf ihre übergroße Macht, hielten sie sich für unüberwindlich; desto feiger und schändlicher war ihr Tun. Bei ihren ehrlosen Waffen hatten sie geschworen, daß ganz Flandern das gleiche Los treffen solle!
Am selben Morgen, da Gwijde die schöne Aufgabe erfüllte, die treuen Dienste De Conincks und Breydels zu belohnen, hatte der französische Feldherr die vornehmsten seiner Ritter zu einem prächtigen Gastmahl geladen.
Das Zelt des Grafen d'Artois war ungemein lang und breit und in verschiedene Räume eingeteilt; da waren Gemächer für die Ritter, andere für die Schildknappen und Waffenträger, für die Leibdiener und Köche und für verschiedene andere Personen seines Gefolges. In der Mitte war ein großer Saal, der abwechselnd zu Gastmählern oder Versammlungen des Kriegsrats bestimmt war und gar viele Ritter fassen konnte. Die gestreifte Seide des Zeltes war mit unzähligen kleinen silbernen Lilien bedeckt; an der Vorderseite über dem Eingang hing das Wappen des Hauses Artois; ein wenig weiter auf einer Erhöhung flatterte das große Lilienbanner Frankreichs. In diesem prächtigen Gemach, das mit reichen Teppichen ausgehangen war, hatte man lange geschnitzte Tische und Samtsessel aufgestellt. Wahrlich, ein Palast konnte nicht mehr Reichtum und Pracht entfalten!
Oben an der Tafel saß Robert Graf d'Artois. Er hatte bereits ein hohes Alter erreicht, war aber noch voll Lebenskraft; eine Narbe auf seiner rechten Wange zeugte von seiner Tapferkeit im Krieg und verlieh seinen Zügen noch mehr Strenge. War auch sein Gesicht durch tiefe Furchen und braune Flecken entstellt, so blitzten doch seine Augen noch mit allem Feuer männlicher Leidenschaft unter seinen buschigen Brauen hervor. Sein Gebaren war wild, und seine kühnen Blicke ließen den unerbittlichen Krieger erkennen.
Neben ihm zur Rechten saß der greise Sigis, König von Melinde; das Alter hatte sein Haar gebleicht und sein Haupt gebeugt, und doch wollte er dieser Schlacht beiwohnen. In der Gesellschaft so vieler alter Kriegskameraden fühlte er den Mut in sein Herz zurückkehren und gelobte sich innerlich, noch manche rühmliche Waffentat auszuführen. Das Gesicht des alten Fürsten flößte die größte Ehrfurcht ein; Milde und Seelenruhe waren darin ausgedrückt. Der gute Sigis würde die Vlaemen gewiß nicht bekämpft haben, wenn ihm der Stand der Dinge bekannt gewesen wäre; aber man hatte ihn gleich vielen anderen hintergangen, hatte vorgegeben, die Vlaemen wären schlechte Christen, und man täte also ein gottgefälliges Werk, wenn man sie bis auf den letzten Mann ausrottete. In dieser Zeit leidenschaftlichsten Glaubenseifers genügte es, jemanden der Ketzerei zu beschuldigen, um ihm in jedermann einen Todfeind erstehen zu lassen.
Zur Linken des Feldherrn saß Balthasar, König von Majorka, ein wilder und tapferer Krieger; seine Züge bezeugten das hinlänglich. Der starre Blick seiner schwarzen Augen war schier unerträglich. Wilde Freude erheiterte sein Antlitz, da er hoffte, sein Reich, das ihm von den Mauren entrissen war, wieder zu erhalten. Neben ihm saß Châtillon, der frühere Landvogt von Flandern, der Mann, der das Werkzeug der Königin Johanna, die Ursache alles geschehenen Unglücks war. Seine Schuld war es, daß so viele Franzosen in Brügge und Gent ermordet worden waren; er war die Ursache der schrecklichen Metzelei, die noch bevorstand. Welche Ströme nach Rache schreienden Blutes lasteten auf dem Haupte dieses Tyrannen! Er gedachte, wie ihn die Brügger schmachbedeckt aus ihrer Stadt verjagt hatten und rechnete auf gewaltige Rache; es schien ihm unmöglich, daß die Vlaemen der vereinigten Macht so vieler Könige, Fürsten und Grafen widerstehen könnten, und innerlich jubelte er bereits, und sein Gesicht war fröhlich.
Auf ihn folgte sein Bruder Gui de Saint-Pol, der nicht minder rachsüchtig war als er; weiter konnte man auch Thibaud, Herzog von Lothringen, zwischen den Herren Johann von Barlas und Renauld von Trier bemerken; er war den Franzosen mit sechshundert Pferden und zweitausend Bogenschützen zu Hilfe gekommen.
Rudolf von Nesle, ein tapferer und edelmütiger Ritter, saß neben Herrn von Ligny an der linken Seite der Tafel. Seine Züge verrieten Unzufriedenheit und Betrübnis, und es war deutlich zu merken, daß ihm die grausamen Drohungen, welche die Ritter gegen Flandern ausstießen, nicht behagten.
In der Mitte der rechten Seite, zwischen Louis von Clermont und dem Grafen Jean d'Aumale, saß Gottfried von Brabant, der den Franzosen Berittene zugeführt hatte.
Neben ihnen bewunderte man die hohe Gestalt des Seeländers Hugo van Arckel; er ragte weit über die anderen Ritter empor, und sein kräftiger Wuchs verriet hinlänglich, wie furchtbar ein solcher Kämpfer auf dem Schlachtfeld sein mußte. Dieser Ritter war seit langen Jahren nirgend anders denn in dem einen oder anderen Kriegslager zu Hause gewesen; seiner Tapferkeit und großen Waffentaten wegen überall berühmt, hatte er eine Abteilung von achthundert unverzagten Männern um sich versammelt und zog mit ihnen in alle Lande, wo es nur etwas zu kämpfen gab. Mehrmals hatte er den Sieg durch seine Gegenwart dem Fürsten, dem er diente, zugewandt; er wie seine Leute waren mit Narben bedeckt. Dies beständige Kämpfen war sein Leben und seine Erholung; Ruhe war ihm unerträglich. Er hatte sich in das französische Lager begeben, weil er dort viele seiner Waffenbrüder gefunden hatte; und da ihn lediglich die Lust zum Krieg leitete, so kümmerte er sich wenig darum, für wen oder weshalb er kämpfte.
Unter anderem waren ferner noch die Herren Simon von Piémont, Louis de Beaujeu, Froald, Kastellan von Douai, und Alin de Bretagne anwesend.
Eine weitere Ritterschar fand sich am unteren Ende der Tafel. Gleich als hätten die Franzosen sie nicht zwischen sich haben wollen, saßen sie alle nebeneinander auf dem am wenigsten ehrenvollen Platz. Wirklich hatten die Franzosen darin nicht unrecht: diese Ritter waren verächtlich. Denn während ihre Vasallen als echte Vlaemen den Feind erwarteten, waren ihre Lehensherren im französischen Heere. Welche Verblendung trieb die Abtrünnigen dazu, den Schoß ihrer Mutter gleich einer Schlange zu zerfleischen? Sie fochten unter feindlicher Fahne, um das Blut ihrer Landsleute auf vaterländischem Boden zu vergießen, vielleicht das Blut eines Bruders oder das eines Busenfreundes; und weshalb? Um das Land, in dem sie geboren waren, in Sklavenketten zu schlagen und den Fremden zu unterwerfen.
Die Entarteten erkannten nicht, daß Schande und Verachtung über ihrem Haupte schwebte; sie hatten kein Herz, um darin nagende Vorwürfe zu empfinden! Die Namen dieser Abtrünnigen sind der Nachwelt erhalten geblieben: Hendrik van Bautershem, Geldof van Winghene, Arnold van Eickhove und sein ältester Sohn, Hendrik van Wilre, Willem van Redinghe, Arnold van Hofstad, Willem van Cranendonc und Jan van Raneel waren unter den vielen anderen die Vornehmsten.
Alle Ritter aßen von Tellern aus getriebenem Silber und tranken die kostbarsten Weine aus goldenen Bechern. Die Gefäße, die vor Robert d'Artois und den beiden Königen standen, waren kostbarer und größer als die der anderen Herren; ihre Wappen waren kunstvoll darin eingegraben, und manch unschätzbarer Stein glänzte an ihrem Rande. Während der Mahlzeit war viel über den Stand der Dinge die Rede, und aus den Worten der Gäste konnte man sehr wohl entnehmen, welch furchtbares Los dem verurteilten Flandern zugedacht war.
»Ja, ja,« antwortete der Feldherr auf eine Frage Châtillons, »alles muß vernichtet werden. Diese verwünschten Vlaemen sind nicht anders zu bändigen als durch Feuer und Schwert; ließen wir diese Bauernschar leben, so hätten wir nichts erreicht. Das muß ein Ende nehmen! Meine Herren! Laßt uns kurzerhand vorgehen, damit wir unsere Schwerter nicht länger mehr mit diesem schlechten Blute zu besudeln brauchen.«
»Fürwahr,« sprach Jan van Raneel, der Leliaert, »fürwahr, Herr d'Artois, Ihr habt recht. Es ist nicht möglich, mit diesen Meuterern anders fertig zu werden. Sie sind zu reich und würden sich bald über uns erhaben glauben. Sie wollen bereits nicht mehr anerkennen, daß wir, die wir doch auch aus edelm Blute entsprossen sind, sie als unsere Untertanen behandeln dürfen, -- als ob das Geld, welches sie mit ihrer Hände Arbeit gewonnen haben, ihr Blut veredeln könnte! Sie haben sich in Brügge und Gent Häuser gebaut, die unsere Schlösser an Pracht übertreffen; ist das nicht eine Schmach für uns? Gewiß, wir dürfen das nicht länger ertragen.«
»Wenn wir nicht alle acht Tage von neuem Krieg führen wollen,« bemerkte Willem van Cranendonc, »so müssen alle Zunftleute erschlagen werden, denn die Verbleibenden werden sich nicht ruhig verhalten; deshalb finde ich, daß Herr d'Artois allen Grund hat, keinen zu verschonen.«
»Und was werdet ihr tun, wenn ihr all eure Vasallen ermordet habt?« fragte der gewaltige Hugo van Arckel lachend. »Meiner Treu! Dann könnt ihr eure Ländereien selbst pflügen. Eine schöne Aussicht, wahrhaftig.«
»O,« antwortete Jan van Raneel, »ich weiß ein gutes Aushilfsmittel: wenn Flandern von dieser starrköpfigen Bande gesäubert ist, werde ich französische Freigelassene aus der Normandie rufen und ihnen meine Ländereien übergeben.«
»Auf diese Weise könnte Flandern wirklich ein Teil Frankreichs werden. Das ist ein guter Vorschlag; ich werde dem König das vorstellen, damit er die anderen Lehnsherren auffordert, sich auch dieses Mittels zu bedienen. Ich glaube, das dürfte so schwer nicht sein.«
»Gewiß nicht, mein Herr. Findet Ihr meinen Gedanken nicht gut?«
»Ja, ja, das wollen wir schon zuwege bringen; laßt uns aber zuvor damit beginnen, den Platz zu säubern.«
Bei diesen Worten verfinsterte innerer Gram die Züge Rudolfs von Nesle, denn sein Edelmut sträubte sich gegen solche Grausamkeit. Er sagte leidenschaftlich:
»Aber, Herr d'Artois, ich frage Euch, sind wir Ritter oder nicht, und schätzen wir unsere Ehre so gering, daß wir ärger als die Sarazenen hausen sollen? Ihr treibt die Grausamkeit zu weit; ich versichere Euch, es wird uns nur Schande bringen vor der ganzen Welt. Wir wollen das Heer der Vlaemen bekämpfen und besiegen, aber damit auch genug! Nennt dies Volk nicht einen Haufen Bauern, wir werden genug damit zu tun haben! Und unterstehen sie nicht dem Sohn ihrer Fürsten?«
»Konstable von Nesle,« rief Artois leidenschaftlich, »ich weiß, daß Ihr die Vlaemen über alle Maßen liebt. Diese Liebe ehrt Euch, in der Tat! Sicherlich flößt Euch Eure Tochter solch liebevolle Gesinnung ein?«[34]
[34] Adela, die Tochter Rudolfs von Nesle, war mit Wilhelm van Dendermonde, einem der Söhne des alten Grafen von Flandern, verheiratet.
»Herr d'Artois,« antwortete Rudolf, »daß meine Tochter in Flandern wohnt, hindert mich nicht, ein ebenso guter Franzose zu sein wie nur irgendeiner; mein Schwert hat das zur Genüge bewiesen, und ich habe deshalb allen Grund zu glauben, daß diese Ritter Euren scherzenden Worten kein Gehör schenken werden. Aber etwas liegt mir mehr am Herzen: die Ehre der Ritterschaft; und ich versichere Euch, daß Ihr diese in große Gefahr bringt.«
»Was heißt das?« rief der Feldherr, »soll man daraus etwa verstehen, daß Ihr die Meuterer verschonen wolltet?! Haben sie den Tod etwa nicht verdient, als sie siebentausend Franzosen ohne Gnade ermordet haben?«
»Ohne Zweifel haben sie sich des Todes schuldig gemacht, und deshalb werde ich auch die Krone meines Fürsten so schwer als möglich rächen. Aber nur an denen, die mit den Waffen in der Hand gefunden werden. Ich berufe mich auf diese Ritter: ziemt es sich wohl, daß wir unser Schwert zu einem Henkerswerk gebrauchen und wehrlose Leute ermorden, während sie auf dem Felde pflügen?!«
»Er hat recht!« rief Hugo van Arckel ergrimmt, »wir streiten gegen keine Mauren, meine Herren, und es ist ein schändliches Werk, das uns da aufgetragen wird. Bedenkt, daß wir es mit Christen zu tun haben! In meinen Adern strömt auch deutsches Blut, und ich werde nicht leiden, daß man meine Brüder wie Hunde behandelt; sie führen Krieg in offenem Feld und müssen deshalb den Gesetzen des Krieges gemäß bekämpft werden.«
»Ist es wohl möglich,« erwiderte d'Artois, »daß Ihr diesen schlechten Bauern das Wort redet? Unser Fürst, der ja nur zu gut ist, hat bereits jedes Mittel versucht, um sie zu bändigen, aber alles war vergebens. Wir sollten also unsere Leute ermorden, unseren König höhnen und schmähen lassen und dann noch das Leben dieser aufrührerischen Schurken schonen? Nein, das soll nicht geschehen! Ich weiß, welche Befehle mir gegeben sind, und werde sie vollziehen.«
»Herr d'Artois,« fiel Rudolf von Nesle noch leidenschaftlicher ihm ins Wort, »ich weiß nicht, welche Befehle Ihr empfangen habt, aber ich sage Euch, daß ich ihnen nicht Folge leisten werde, wenn sie mit der Ehre der Ritterschaft in Widerspruch stehen; selbst der König hat nicht das Recht, meine Waffen zu entehren. Und hört, meine Herren, ob ihr anderer Ansicht seid oder nicht: heute morgen bin ich in aller Frühe aus dem Lager gegangen, überall fand ich die Zeichen der schrecklichsten Verwüstung. Die Kirchen sind verbrannt und die Altäre beraubt, die Leichen von kleinen Kindern und Frauen liegen haufenweise auf den Feldern und werden von den Raben zerfleischt. Ich frage euch, handeln so ehrliche Krieger?«
Bei diesen Worten erhob er sich von der Tafel und nahm die Zeltdecke auf:
»Seht, meine Herren,« fuhr er fort und wies auf das Feld, »laßt eure Augen nach allen Richtungen schweifen, überall gewahrt ihr die Flammen der Verwüstung; der Himmel ist düster vom Rauch, dort hinten steht ein ganzes Dorf in Flammen. Was bedeutet solch ein Krieg? Das ist schlimmer, als wenn die grausamen Normannen wiedergekommen wären, um die Welt in eine Mördergrube zu verwandeln!«
Robert d'Artois wurde rot vor Zorn, er rückte ungeduldig auf seinem Sessel hin und her und rief:
»Genug davon! Ich werde nicht dulden, daß man so in meiner Gegenwart spricht! Ich weiß, was ich zu tun habe! Flandern muß gesäubert werden, ich kann ihm nicht helfen. Diese Redensarten mißfallen mir sehr, und ich ersuche den Herrn Konstable, sich nicht länger in dieser Weise zu äußern. Er mag sein Schwert rein erhalten, wir werden das auch tun; die Handlungen unserer Söldner können uns nicht zur Schande gereichen. Laßt uns deshalb dies ärgerliche Gespräch abbrechen, und ein jeder tue seine Pflicht.«
Er erhob seine goldene Trinkschale und rief: »Auf Frankreichs Ehre und der Meuterer Vernichtung!«
Rudolf von Nesle wiederholte: »Auf Frankreichs Ehre!« und legte absichtlich besonderen Nachdruck auf diese Worte; ein jeder sah daraus, daß er nicht auf die Vernichtung der Vlaemen trinken wollte. Hugo van Arckel legte seine Hand an den Becher, der vor ihm stand, erhob ihn jedoch nicht und sagte auch nichts. Alle anderen wiederholten den Ruf des Feldherrn und tranken auf die Vernichtung der Vlaemen.
Seit einigen Augenblicken hatten die Züge Hugos van Arckel einen eigentümlichen Ausdruck angenommen: man konnte Mißvergnügen und Ärger darauf lesen. Er blickte starr auf den Feldherrn, dann rief er aus:
»Ich würde mich schämen, noch auf Frankreichs Ehre zu trinken.«
Robert d'Artois flammte zornig auf; er schlug mit seiner Trinkschale auf den Tisch, daß die Trinkgefäße der anderen Ritter in die Höhe sprangen, und schrie:
»Herr d'Arckel, Ihr sollt auf Frankreichs Ehre trinken; ich verlange es!«
»Mein Herr,« entgegnete Hugo mit erkünstelter Ruhe, »ich trinke nicht auf die Verwüstung eines Christenlandes. Ich habe lange in allen Gegenden gekämpft, aber noch nie habe ich Ritter angetroffen, die ihr Gewissen mit so schrecklichen Übeltaten hätten beschweren mögen.«
»Ihr sollt mir Bescheid tun, das fordere ich!«