Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 24
Zu Tode erschrocken, griff der Sänger mit seinen zitternden Händen in die Harfe. Aber er brachte nur falsche, wirre Töne hervor. Nun merkten die Fleischer, daß er nicht spielen konnte.
»Er ist ein Spion,« rief Breydel, »entkleidet ihn und seht nach, ob er nichts bei sich trägt.«
In einem Augenblick waren ihm die Oberkleider vom Leibe gerissen, und wenngleich er flehentlich um Gnade bat, wurde er bei dieser Untersuchung von einer Ecke in die andere gestoßen.
»Hier habe ich's!« rief ein Fleischer, der mit der Hand zwischen das Wams auf der Brust des Unbekannten gegriffen hatte, »hier ist der Verrat!«
Als er die Hand aus dem Wams hervorzog, hielt er darin ein Pergament. Es war in drei- oder vierfaches Wachstuch gewickelt, und daran hing ein Siegel, das mit Flachs umwunden war, um es vor dem Zerbrechen zu schützen. Der Sänger stand zitternd da, als hätte er den Tod vor Augen; während er den Vorsteher ängstlich ansah, murmelte er einige unverständliche Worte, welche die Fleischer aber nicht hörten.
Jan Breydel ergriff das Pergament, und nachdem er es entfaltet hatte, starrte er es lange Zeit an, ohne daß ihm dadurch die mindeste Aufklärung wurde.
Damals konnten außer den Geistlichen nur wenige lesen, selbst fast alle Edelleute lebten noch in größter Unwissenheit.
»Was ist das, Ihr Schelm?« rief Breydel.
»Es ist ein Brief des Herrn van Lonchijn ...« stammelte der angebliche Sänger abgebrochen.
»Warte,« fuhr Breydel fort, »das werde ich bald sehen.«
Er nahm seinen Dolch und schnitt den um das Siegel gewundenen Flachs ab. Kaum ward er der Lilien des Wappens von Frankreich ansichtig, da sprang er voll Wut auf, packte den Unbekannten beim Bart, schleifte ihn daran hin und her und rief dabei:
»Ist das ein Brief des Herrn van Lonchijn, Ihr Verräter? Nein, es ist ein Brief des Kastellans van Lens, und Ihr seid ein Spion. Ihr sollt eines bitteren Todes sterben, Ihr Bösewicht!«
Bei diesen Worten zog er mit solcher Gewalt an dem Bart des Spions, daß die Bänder rissen, mit denen er am Kopfe befestigt war; nun erkannte Breydel sein Gesicht. Er stieß ihn mit solchem Ingrimm zurück, daß er gegen einen Pfeiler des Zeltes taumelte.
»O Brakels! Brakels! Eure letzte Stunde ist gekommen!« rief Breydel, als ob ihn ein Gespenst erschreckte.
Der alte Fleischer, den man ob seiner schlechten Zähne verspottet hatte, sprang auf Brakels zu, griff ihn mit den Händen bei der Kehle und preßte ihn wider den Pfeiler, gegen den ihn Breydel geworfen hatte. Die Augen seines Opfers verdrehten sich in den Höhlen; denn unter dem Griff des Fleischers ging dem Verräter der Atem aus. Er wäre fast erwürgt worden, wenn er nicht durch seine Bemühungen, sich loszureißen, von Zeit zu Zeit Luft bekommen hätte. Das Geschrei der Fleischer hatte viele geweckt; die strömten nun aus allen Zelten neugierig herbei. Der eine kam ohne Koller, der andere ohne Wams. Kaum vernahmen sie die Ursache des Lärms, da verlangten sie wütend, daß man ihnen Brakels überliefern solle.
»Gebt ihn uns,« schrien sie, »sein Blut, sein Leben!«
Breydel nahm den alten Fleischer bei den Schultern, schob ihn von Brakels weg und rief:
»Besudelt Euch nicht mit dem Blute dieses Verräters! Er ist zu verächtlich, sonst wäre er bereits durch meine Hand getötet worden.«
»Nein,« rief der Fleischer, sein Beil erhebend, »ich muß an diesem Spiel meine Freude haben. Man tut ein verdienstliches Werk, wenn man einen Landesverräter erschlägt. Laßt mich, Meister, ich bitte Euch um Gottes willen; nur einen Schlag.«
»O Meister, habt doch Mitleid mit mir ... ich werde dem Vaterland getreulich dienen ... tötet mich doch nicht!«
Breydel betrachtete ihn voll Wut und tiefer Verachtung, setzte ihm einen Fuß in die Seite und schleuderte ihn plötzlich bis in die andere Ecke des Zeltes. Inzwischen hatten die Fleischer die größte Mühe, die Menge zurückzuhalten, die voll Rachsucht das Zelt umringte.
»Gebt ihn uns,« rief die wütende Schar, »ins Feuer, ins Feuer!«
»Ich will nicht,« sprach Breydel mit gebieterischem Blick zu seinen Leuten, »daß das Blut dieser Schlange eure Beile beflecke. Er soll dem Volke ausgeliefert werden.«
Der Befehl war noch nicht ausgesprochen, als schon ein Mann aus der Schar hervortrat und Brakel eine Schnur um den Hals warf; dann rissen sie den Verräter rücklings über und schleiften ihn aus dem Zelte. Seine bangen Schreie verschmolzen mit dem stürmischen Jauchzen der Menge. Nachdem sie ihn rund um das Lager geschleift hatten, kamen sie unter johlendem Geheul zu dem Feuer und zogen ihn vier-, fünfmal durch die Glut, bis er ganz unkenntlich geworden war. Dann setzten sie ihren Lauf wieder fort und verschwanden mit dem leblosen Körper in der Finsternis. Lange noch hörte man ihr Geschrei in der Ferne, und noch lange zerrten sie die Leiche des Verräters, bis sie schließlich eine Stunde später ganz verstümmelt an einem Galgen beim Feuer zur Schau aushing. Dann kehrten alle in ihre Zelte zurück, und tiefe Stille folgte diesem schrecklichen Lärm.
XXI.
Gwijde hatte Befehl gegeben, daß sich das ganze Heer, eine jegliche Rotte unter ihrem Anführer, am anderen Morgen auf dem Groeninger Kouter vor dem Lager einfinden sollte; er wollte eine allgemeine Musterung halten.
Gemäß diesem Befehle hatten sich die Vlaemen auf dem bestimmten Platz geschickt in einem Viereck aufgestellt, gleich vier Grundmauern eines Gebäudes. Jede Rotte bestand aus acht geschlossenen Gliedern; die viertausend Weber De Conincks bildeten das vordere Ende des rechten Flügels. Das erste Glied seiner Abteilung bestand aus Schützen, die ihre schweren Armbrüste über die Schulter gehängt hatten, während eiserne Pfeile in einem Köcher an ihrer Seite hingen. Sie hatten keine andere Schutzwaffe als eine dicke eiserne Platte, die ihnen mit vier Riemen vor die Brust gebunden war. Über sechs tieferen Gliedern starrten Tausende von Speeren zehn Fuß hoch empor. Diese Waffe, der berüchtigte Goedendag, wurde von den Franzosen am meisten gefürchtet, denn mit ihr konnte man ein Pferd sehr leicht durchbohren. Kein Harnisch schützte gegen ihren gewaltigen Stich, jeder Ritter, der davon getroffen wurde, fiel unfehlbar aus dem Sattel.
Auf demselben Flügel standen auch die schweren Truppen von Ypern; ihr vorderstes Glied bestand aus fünfhundert kräftigen Leuten, deren Kleidung von einem so hellen Rot wie das der feinsten Korallen war; von ihren glänzenden Helmen wallten wehende Federbüsche auf die Schultern herab, große Keulen, mit stählernen Spitzen beschlagen, standen mit dem dicken Ende neben ihrem Fuße, während ihre Hand am Griffe ruhte; ihre Arme und Schenkel waren mit kleinen eisernen Platten bedeckt. Die übrigen Leute dieser trefflichen Schar waren alle in Grün gekleidet; ihre stählernen Bogen ragten entspannt über ihre Köpfe hinaus. Der linke Flügel bestand lediglich aus den zehntausend Kriegern Breydels. An der einen Seite blendeten die unzähligen Beile der Fleischer die Augen der anderen Kriegsknechte, die auch ständig den Kopf abwendeten; denn die Glut der Sonne, die aus diesen stählernen Spiegeln zurückstrahlte, brachte sie in die Gefahr, zu erblinden. Die Fleischer waren nicht kunstvoll gekleidet; kurze braune Hosen und Jacken von gleicher Farbe bildeten ihren ganzen Anzug; die Ärmel waren bis an den Ellenbogen aufgestreift. Das war ihre gewöhnliche Art, denn sie waren auf ihre kräftigen Muskeln stolz. Viele hatten blondes Haar, aber sie waren von der Sonne ganz verbrannt. Lange Narben aus früheren Gefechten zogen sich wie tiefe Furchen über ihr Gesicht. Für sie waren es Lorbeeren, die ihre Tapferkeit bezeugten. Die Züge Breydels stachen auffallend gegen diese düsteren, unheimlichen Wesen ab; während die meisten seiner Genossen durch ihren furchtbaren Ausdruck Schrecken einflößten, war Breydels Gesicht angenehm und edel: schöne blaue Augen flammten unter fein gezogenen Augenbrauen, lange blonde Locken fielen über seinen Hals, und sein Bart verlängerte das schöne Oval seines Gesichts. Jetzt, da er heiter und zufrieden war, berührten seine Züge angenehm; aber wenn ihn der Zorn hinriß, hätte kein Löwenhaupt das seine an Furchtbarkeit übertroffen; dann furchten sich seine Wangen, seine Zähne knirschten ingrimmig, und seine Brauen ballten sich buschig über den Augen.
Im dritten Flügel standen die Leute von Veurne mit den Waffenknechten Arnolds van Oudenaarde und Balduins van Papenrode. Die Zünfte von Veurne hatten tausend Schleuderer und fünfhundert Helmschläger. Die ersteren standen in den vordersten Gliedern und waren ganz in Leder gekleidet, damit die Schleuder beim Schwingen an der Kleidung kein Hindernis fände. Um ihre Lenden wand sich ein breiter lederner Schlauch wie ein Gürtel; darin lagen die runden Kiesel, die sie auf den Feind warfen. An ihrer rechten Hand hing ein lederner Riemen mit einer Öffnung in der Mitte: das war die Schleuder, eine furchtbare Waffe, mit der sie ihren Feind so genau zu treffen wußten, daß die schweren Steine, die sie gegen ihn schleuderten, selten ihr Ziel verfehlten. Hinter ihnen standen die Helmschläger; sie waren ganz mit eisernen Platten bedeckt und trugen schwere Sturmhauben auf dem Kopf. Ihre Waffe war eine Streitaxt mit einem langen Stiel; oben an der Axt war eine dicke eiserne Spitze, mit der sie die Helme und Harnische durchbohrten: darum hießen sie Helmschläger. Die Leute von Oudenaarde und Papenrode, die auf derselben Seite standen, hatten verschiedenerlei Waffen; die beiden ersten Reihen bestanden aber nur aus Bogenschützen. Die anderen hatten Speere, Keulen und Schlachtschwerter.
Den letzten Flügel, der das Viereck schloß, bildete die ganze Reiterei des Lagers, jene elfhundert Mann zu Pferde, die Johann Graf von Namur seinem Bruder Gwijde geschickt hatte. Diese Abteilung war ganz in Eisen und Stahl gehüllt; man konnte nichts sehen als die Augen der Reiter, die aus dem Visier des Helmes hervorblitzten, und die Hufe der Pferde, die aus ihrer eisernen Verhüllung herausragten.
Solcherart war das Heer gemäß dem Befehl des Feldherrn aufgestellt. Größte Stille herrschte in den Scharen; die Kriegsknechte fragten einander wohl, was es geben solle, aber dann sprachen sie so leise, daß es niemand außer ihren Nebenmännern hören konnte.
Gwijde und all die anderen Ritter, welche keine Truppen mitgebracht hatten, wohnten in Kortrijk; das ganze Heer stand bereits einige Zeit in der beschriebenen Aufstellung, als man plötzlich das Banner des Herrn Gwijde unter dem Stadttor hervorkommen sah. Herr van Renesse, der in Abwesenheit des Feldherrn Oberbefehlshaber des Lagers war, rief:
»Die Waffen auf, schließt an! Richtet die Glieder! Ruhe!«
Auf den ersten Befehl des edeln Herrn van Renesse brachte jeder seine Waffe in gehörige Lage; dann nahmen sie näher Fühlung und richteten sich. Kaum war das geschehen, als die Reiterlinie sich öffnete, um den Feldherrn mit seinem zahlreichen Gefolge in das Viereck hineinzulassen.
Voran ritt der Fahnenträger mit dem Banner Flanderns; der schwarze Löwe auf goldenem Felde flatterte leicht neben dem Kopfe des Pferdes und schien den erfreuten Vlaemen seine Krallen wie ein Siegeszeichen zu weisen. Gleich nach ihm kam Gwijde mit seinem Neffen Wilhelm von Jülich. Der junge Feldherr trug einen blinkenden Harnisch, auf dem das Wappen Flanderns kunstreich dargestellt war; seinen Helm schmückte ein schöner Federbusch, der bis auf den Rücken seines Pferdes herabwallte. Auf dem Harnisch Wilhelms von Jülich war ein breites rotes Kreuz. Die weiße Priesterkleidung hing unter seinem Panzerhemd hervor und reichte bis auf den Sattel; sein Helm war ohne Federn und seine ganze Rüstung einfach und ohne Verzierung. Unmittelbar nach diesen durchlauchtigen Herren folgte Adolf van Nieuwland; seine ganze Bewaffnung war äußerst zierlich, überall an den Verbindungsstellen der Schuppen seiner Rüstung waren goldene Knöpfe angebracht. Sein Helmbusch war grün und seine eisernen Handschuhe versilbert. Unter seinem Panzerhemd konnte man einen grünen Schleier hervorhängen sehen, -- das Geschenk, das ihm die Tochter des Löwen als Zeichen der Dankbarkeit überreicht hatte. Neben ihm ritt Machteld auf einem schneeweißen Zelter. Die Jungfrau war noch blaß, aber nicht mehr krank. Die Ankunft ihres Bruders Adolf hatte ihre Krankheit verscheucht. Ein himmelblaues Reitkleid vom feinsten Samt, mit kleinen silbernen Löwen wie übersät, fiel in leichten Falten über ihre Füße bis zur Erde nieder, und ein seidener Schleier hing von der Spitze ihres Hutes bis auf das Pferd herab.
Dann kamen noch ungefähr dreißig Ritter und Edelfrauen, alle auf das kostbarste gekleidet und so froh und munter, als ob sie irgendeinem Turnier beiwohnen wollten. Endlich folgten vier Schildknappen zu Fuß; die beiden ersten trugen jeder einen reichen Harnisch und ein Schlachtschwert am Arme, die anderen jeder einen Helm und einen Schild. Während die Scharen in feierlicher Stille dastanden, kam der glänzende Zug in die Mitte des Vierecks und machte dort halt.
Gwijde ließ seinen Herold kommen und gab ihm ein Pergament, dessen Inhalt er verkünden sollte.
»Füge den Kriegsnamen >Löwe von Flandern< hinzu,« sprach er; »denn das freut unsere guten Leute von Brügge.«
Die Neugier der Kriegsknechte tat sich durch eine augenblickliche Bewegung und die größte Aufmerksamkeit kund; sie sahen wohl, daß hinter all diesen feierlichen Formen ein Geheimnis verborgen sei; denn sicherlich hatten sich die Edeldamen nicht ohne Absicht so reich gekleidet. Der Herold ritt vor, stieß dreimal in die Posaune und rief mit lauter Stimme:
»Wir, Gwijde von Namur, entbieten im Namen unseres Grafen und Bruders Robrecht van Bethune, des Löwen von Flandern, allen, die dieses lesen oder lesen hören, Heil und Frieden. In Anbetracht ...«
Plötzlich hielt er inne; ein Murmeln ging durch die verschiedenen Rotten, und während jeder hastig nach seinen Waffen griff, spannten die Schützen ihre Bogen, als ob ihnen irgendeine Gefahr drohte.
»Der Feind! der Feind!« rief es hier und da.
In der Ferne sah man ein zahlreiches Heer heranrücken; mehrere tausend Mann schritten in dichtgedrängten Scharen vorwärts, und das Ende war nicht abzusehen. Doch war man ungewiß, ob es der Feind wäre oder nicht, da keine Reiterei dabei war. Bald sah man, wie sich ein Reiter von diesem unbekannten Zug ablöste und in vollem Trab auf den Lagerplatz zusprengte. Er hing vornüber auf dem Hals seines Trabers, so daß man ihn nicht erkennen konnte, obgleich er nun schon ganz dicht herangekommen war. Immer mehr nahte er dem erstaunten Heere und rief zugleich:
»Vlaenderen den Leeuw! Vlaenderen den Leeuw! Hier sind die Genter!«
Man erkannte den alten Krieger: ein frohes Jauchzen antwortete seinem Ruf, und sein Name erscholl aus aller Mund:
»Hoch Gent! Heil Herrn Johann Borluut! Willkommen, gute Brüder!«
Als die Vlaemen sahen, daß ihnen ein so unerwarteter Beistand, ein so zahlreiches Heer zu Hilfe kam, da war ihre Freude nicht mehr zu bändigen; die Anführer mußten alles aufbieten, um sie nur in ihren Gliedern zu halten. Sie ergingen sich in ungestümen Bewegungen und tobten vor Freude, als ob sie wahnsinnig wären. Herr Jan Borluut rief ihnen zu:
»Habt Mut, meine Freunde, Flandern wird frei sein. Ich bringe fünftausend wohlbewaffnete, unverzagte Leute.«
Und aufs neue erscholl der Ruf: »Heil, Heil dem Helden von Woeringen! Borluut! Borluut!«
Borluut kam zu dem jungen Grafen und wollte ihn mit höflichen Wendungen begrüßen; aber Gwijde unterbrach ihn:
»Laßt die Redensarten beiseite, Herr Johann, gebt mir die Hand als Freund. Ich bin froh, daß Ihr gekommen seid, Ihr, der Ihr Euer Leben unter dem Harnisch verbracht habt, und dem so tiefe Weisheit innewohnt; ich war schon mißmutig, als ich Euch nicht kommen sah. Ihr habt lange gezaudert ...«
»O ja, edler Gwijde,« war die Antwort, »länger, als ich wünschte, aber die feigen Leliaerts haben mich zurückgehalten. Können Euer Edeln wohl glauben, daß in Gent eine Verschwörung ausgebrochen war, um den Franzosen wieder Eingang in die Stadt zu verschaffen? Sie wollten uns nicht herauslassen, als es galt, unseren Brüdern zu Hilfe zu kommen; aber, Gott sei Dank! das ist ihnen nicht geglückt, denn das Volk haßt und verachtet sie über die Maßen. Die Genter haben den Magistrat auf die Burg gejagt und die Tore der Stadt erbrochen. Dort hinten kommen nun fünftausend unerschrockene Männer, die es ebensosehr nach dem Kampf wie nach einer Mahlzeit verlangt: sie haben heute noch keinen Bissen Brot gegessen.«
»Ich dachte mir wohl, daß Euch große Hindernisse zurückhielten, und fürchtete schon, Ihr würdet nicht kommen.«
»Wie, edler Gwijde, ich hätte nicht in Kortrijk sein sollen? Ich, der ich mein Blut für Fremde vergossen habe, ich sollte meinem Vaterland in der Not nicht beistehen? Das sollen die Franzosen erfahren! Ich fühle mich, als wäre ich keine dreißig Jahre alt! Und meine Leute erst, o Himmel! Wartet nur, edler, Herr, bis die blutige Stunde gekommen ist, und achtet dann auf den weißen Löwen von Gent, wie Ihr da die Franzosen werdet fallen sehen.«
»Ihr erfreut mich, Herr Borluut. Auch unsere Leute sind allesamt ebenso mutig, ebenso unverzagt; wenn wir im Kampf unterliegen sollten, würden nicht viele Vlaemen nach Hause zurückkehren, das versichere ich Euch!«
»Verlieren, sagt Ihr? Verlieren, Herr Gwijde? Das glaube ich nicht, dafür sind unsere Leute zu guten Mutes. Und Breydel erst! Der Sieg steht ihm auf dem Gesicht geschrieben. Seht, edler Herr, ich möchte meinen Kopf verwetten: wenn man Breydel gehen ließe, würde er mit seinen Fleischern durch die zweiundsechzigtausend Franzosen durchbrechen, wie man durch ein Kornfeld dringt. Gott und der heilige Georg werden uns beistehen, hofft nur alles Gute; aber nun entschuldigt mich, Herr Gwijde, mein Heer ist angelangt. Ich verlasse Euch für einen Augenblick.«
Die Genter schritten schon ganz ermattet und mit Staub bedeckt auf den Groeninger Kouter; bei starker Sonnenglut waren sie in schnellem Marsch dahergeeilt. Man sah bei ihnen all die verschiedenen Waffengattungen, die wir bereits beschrieben haben. An der Spitze trabten etwa vierzig Edle hoch zu Roß; es waren fast lauter Freunde des alten Kriegers Jan Borluut: Herr van Leerne, Jan van Coyeghem, Balduin Steppe, Simon Bette, Paul van Severen und sein Sohn, Jan van Aerseele, Junker van Vijnkt, Thomas van Vuselaare, Jan van Mechelen, Wilhelm und Robrecht Wenemaer und noch viele, viele andere. Mitten über diesem Heere flatterte das Banner von Gent mit seinem weißen Löwen. Die Brügger, die nun fühlten, wie ungerecht ihre Schmähungen gegen die Genter gewesen waren, riefen immer wieder: »Willkommen! Willkommen, Brüder! Heil Gent!«
Jan Borluut stellte inzwischen seine Leute in regelmäßigen Abteilungen vor dem linken Flügel des Vierecks auf; er wollte seine tapferen Genter gleichsam zur Schau stellen, damit sich die Brügger überzeugen sollten, daß sie ihnen auch in der Liebe zum Vaterland nicht nachstanden. Auf Befehl Gwijdes verließ er dann den Lagerplatz und rückte in Kortrijk ein, um seine Leute gut unterzubringen, so daß sie die nötige Ruhe genießen konnten.
Sobald die Genter abgezogen waren, trat Johann van Renesse vor und rief: »Die Waffen auf! Still!«
Der Zug, der sich in die Mitte des Heeres begeben hatte, nahm seinen vorigen Platz wieder ein. Alles schwieg auf Befehl des Herrn van Renesse und lauschte aufmerksam dem Herold, der die drei Posaunenstöße wiederholte und dann mit lauter Stimme las:
»Wir, Gwijde von Namur, entbieten im Namen unseres Grafen und Bruders Robrecht van Bethune, des Löwen von Flandern, allen, die dieses lesen oder lesen hören, Heil und Frieden!
»In Anbetracht der guten und treuen Dienste, die dem Lande von Flandern und uns selbst von Meister De Coninck und Meister Breydel aus Brügge erwiesen worden sind;
»willens, ihnen beiden, mit Wissen all unserer Untertanen, einen Beweis unserer Gunst zu geben;
»willens auch, ihre edelmütige Liebe zum Vaterland zu belohnen, wie es sich geziemt und gehört, auf daß ihre treuen Dienste bleiben mögen in ewigem Gedächtnis und Andenken;
»also unser Graf und Vater, Gwijde von Flandern, uns die Macht dazu gegeben hat, tun zu wissen:
»Peter De Coninck, Obmann der Wollweber, und Jan Breydel, Obmann der Fleischer, aus unserer guten Stadt Brügge, und ihre Nachkommen bis in ewige Zeiten, sind und sollen bleiben von edelm Blute; genießen die Vorrechte, in deren Genuß die Lehnsherren in unserem Lande von Flandern sind;
»und damit sie in Ehren hiervon Gebrauch machen können, wird jedem von ihnen ein Zwanzigstel des Zolles in unserer guten Stadt Brügge zum Unterhalt ihrer Häuser zugestanden.«
Ehe noch der Herold geendet hatte, übertönte hallendes Jauchzen der Weber und Fleischer seine Stimme. Die große Gunst, die ihren Obmännern bewiesen worden, war auch ein Lohn für ihre Tapferkeit. Ein Teil dieser Ehre mußte auch auf die Zünfte zurückfallen. Wären sie nicht so fest von der Treue und Liebe ihrer Obmänner gegen das Volk überzeugt gewesen, so hätten sie diese Erhebung ohne Zweifel mit Zorn aufgenommen und als eine politische List der Edeln angesehen. Sie würden gesagt haben: So rauben die Lehnsherren uns die Vertreter unserer Rechte und bringen unsere Obmänner auf ihre Seite. In einem anderen Falle wäre dieser Verdacht vielleicht nicht unbegründet gewesen, denn die Menschen lassen sich gewöhnlich durch Ehrfurcht verleiten. Daher ist es nicht zu verwundern, daß das Volk bitteren Haß gegen diejenigen seiner Brüder hegt, die zu hoch emporsteigen. Denn aus edelmütigen Volksfreunden werden sie schlechte, feige Schmeichler und unterstützen die Macht, die sie erhoben hat. Sie wissen, daß sie mit derselben steigen und fallen müssen, und sehen voraus, daß sie das Volk, das sie verlassen haben, als Überläufer verstoßen und verachten wird.
Die Zünfte von Brügge vertrauten zu fest auf De Coninck und Breydel, um in diesem Augenblick solchen Gedanken Raum zu geben. Ihre Obmänner gehörten jetzt zu den Edelleuten; sie hatten nun zwei Leute, die zum Grafenrat zugelassen wurden und den Feinden ihrer Vorrechte frei entgegentreten, sie offen bekämpfen konnten. Sie fühlten, wie sehr ihre Macht hierdurch wachsen mußte, und gaben sich deshalb der ungetrübtesten Freude hin; ihr Jauchzen hallte so lange fort, bis ihnen die Stimme versagte. Dann schwieg der Lärm, und der Jubel war nur noch in ihren Zügen, an ihren Bewegungen zu erkennen.
Adolf van Nieuwland trat jetzt zu den Obmännern und ersuchte sie, vor den Feldherrn zu treten; sie gehorchten und nahten langsam dem Zuge der Ritter.
In De Conincks Zügen war keine Freude zu lesen. Er kam stattlich und ruhig heran, ohne auch nur die mindeste Erregung zu zeigen. Doch in seinem Herzen herrschte innige Zufriedenheit und edler Stolz. Nur hatte seine gewohnte Vorsicht seine Züge so sehr in die Gewalt bekommen, daß man seine Gefühle nur selten aus ihnen entnehmen konnte. Jetzt wollte er sich seine Unabhängigkeit bewahren; wenn man dann einst von ihm etwas verlangen sollte, das dem Vorteil des Volkes zuwiderlief, so konnte er dem Fürsten sagen: Wer hat Eure Gunst verlangt, was habt Ihr mir denn gegeben, daß Ihr nun Unrechtes von mir fordert? -- Anders bei Breydel: der hatte seine Empfindungen nie bezwungen; die geringste Regung, das leiseste Gefühl, das sein Herz bewegte, drückte sich in seinen Zügen aus, und man konnte leicht bemerken, daß eine seiner Tugenden seine große Offenherzigkeit war. Auch konnte er die Tränen, die seinen blauen Augen entströmten, nicht zurückhalten; er beugte sein Haupt, um sie zu verbergen, und stellte sich pochenden Herzens neben seinen Freund De Coninck.
Alle Ritter und Edelfrauen waren abgestiegen und hatten ihre Pferde den Schildknappen übergeben. Gwijde ließ die vier Waffenträger vortreten und bot den Obmännern die überaus kostbare Rüstung dar; der Harnisch wurde ihnen angelegt und der Helm mit der blauen Feder ihnen aufs Haupt geschnallt.