Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 23
Von allen Seiten kamen die Zünfte mit ihren Waffen herangelaufen. Das Rasseln der eisernen Platten, die einige umgehängt hatten, klang klirrend in das Ohr und verschwamm mit dem furchtbaren Spottgesang der geängstigten Frauen und Kinder: Wehe! wehe! Wenn einige Männer sich in der Straße begegneten, blieben sie wohl einen Augenblick stehen, um einige Worte miteinander zu wechseln und sich zum Siegen oder Sterben zu ermutigen. Hier und da sah man, wie ein Vater vor der Tür seiner Wohnung Frau und Kind umarmte; aber dann trocknete er bald die Tränen und verschwand pfeilgeschwind in der Richtung zum Freitagsmarkt. Die Frau blieb noch lange auf der Schwelle stehen und starrte nach der Ecke, hinter der der Vater ihrer Kinder verschwunden war. Das Lebewohl schien ihr ein Abschied auf ewig gewesen zu sein, und Tränen rannen über ihre Wangen; dann hob sie ihre schluchzenden Kinder vom Boden auf und lief verzweifelt ins Haus zurück.
In kurzer Zeit standen schon die Zünfte in langen Reihen auf dem Freitagsmarkt versammelt. Breydel hatte sein Versprechen erfüllt. Zwölftausend Gesellen von den verschiedenen Zünften hatte er unter sich. Die Beile der Fleischer blinkten wie Spiegel im Sonnenlicht und blendeten den Zuschauer. Über der Schar der Weber ragten zweitausend Goedendags mit ihren eisernen Spitzen empor; auch eine Abteilung Bogenschützen war darunter. Gwijde stand in der Mitte des Platzes, etwa zwanzig edle Ritter um ihn. Er wartete auf die Rückkunft der Boten, die man nach allen Karren und Pferden ausgeschickt hatte, die in der Stadt aufzutreiben waren. Ein Weber, den De Coninck auf den Glockenturm geschickt hatte, kam in diesem Augenblick mit der großen Fahne von Brügge auf den Markt. Kaum wurden die Zunftleute des blauen Löwen gewahr, da stieg ein hinreißendes Jubelgeschrei aus ihren Scharen empor. Unaufhörlich wiederholten sie denselben Ruf, der in der blutigen Nacht das Zeichen der Rache gewesen war:
»Vlaenderen den Leeuw! Wat Walsch is, valsch is!«
Und dann schwangen sie ihre Waffen, als ob sie ihren Feinden bereits gegenüberständen.
Als das Gepäck des Heeres auf die Wagen geladen war, ertönten die schmetternden Klänge der Trompeten, und die Bürger verließen mit wehenden Fahnen durch das Genter Tor ihre Stadt. Da die Frauen sich ohne jeden Schutz sahen, packte sie die Angst noch mehr. Jetzt war ihnen, als ob sie nur noch den Tod zu erwarten hätten.
Nachmittags verließ Machteld die Stadt mit all ihren Dienern und Frauen, und diese Abreise brachte viele auf den Gedanken, daß sie in Kortrijk sicherer würden wohnen können. Rasch packten sie alles ein und zogen, nachdem sie ihre Häuser verschlossen hatten, mit ihren Kindern zum Genter Tor hinaus.
Solcherart zogen unzählige Familien nach Kortrijk, und ihre bitteren Tränen netzten das Gras, das am Rande des Weges grünte.
In Brügge ward es so still wie im Grab.
XX.
Es war dunkle Nacht, als Gwijde mit ungefähr sechzehntausend Mann in Kortrijk anlangte. Die Einwohner waren durch vorausgesandte Reiter benachrichtigt worden; sie standen gar zahlreich auf den Wällen der Stadt und empfingen ihren Landesherrn bei Fackelschein mit frohem Jauchzen. Sobald sich das Heer innerhalb der Mauern aufgestellt hatte, brachten die Kortrijker alle nur möglichen Lebensmittel heran. Ganze Fässer Wein schenkten sie an ihre ermüdeten Brüder aus, blieben die ganze Nacht mit ihnen auf den Wällen und umarmten sie in ihrer Freude einmal übers andere. Während dieser Beweise brüderlicher Liebe gingen eine ganze Menge den ermatteten Kindern und Frauen auf dem Wege entgegen, um ihnen die Last des Gepäcks abzunehmen. Manche dieser schwachen Wesen, die sich die Füße wund gelaufen hatten, wurden auf den breiten Schultern der hilfreichen Bürger Kortrijks zur Stadt getragen. Alle wurden beherbergt und sorglich gepflegt und getröstet. Die Dankbarkeit der Kortrijker und ihre innige Freundschaft steigerte den Mut der Brügger gewaltig; denn allezeit wird der Menschen Geist durch edle Gefühle gehoben.
Machteld und Maria, die Schwester Adolfs van Nieuwland, und eine große Anzahl anderer Edelfrauen aus Brügge waren bereits einige Stunden in Kortrijk, ehe das Heer anlangte; sie waren bei ihren Bekannten abgestiegen und hatten für das Unterkommen der Ritter bei ihren Blutsverwandten und Freunden Sorge getragen, so daß die Edelleute, die Gwijde begleiteten, bei ihrer Ankunft die Abendmahlzeit schon bereit fanden.
Am nächsten Morgen besichtigte Gwijde in aller Frühe mit einigen vornehmen Einwohnern der Stadt die Festungswerke des Kastells und fand zu seiner großen Betrübnis, daß es nicht ohne große Sturmwerkzeuge erobert werden könnte. Die Mauern waren zu hoch, und aus den Trümmern, die darob emporragten, konnten die Belagerer mit zuvielen Pfeilen überschüttet werden. Nachdem er alles vorsichtig bedacht hatte, beschloß er, keinen tollkühnen Sturm zu wagen, der ihm zum mindesten tausend Mann hätte kosten können. Er gebot, Sturmrammen und Falltürme zu bauen und das in der Stadt befindliche Kriegswerkzeug herbeischaffen. Dies bestand aus einigen Ballisten und ganz wenigen »Blijden«[33]. So konnte man erst nach fünf Tagen daran denken, das Kastell zu bestürmen. Dieser Verzug war übrigens den Kortrijkern nicht mehr so schlimm; denn seit der Ankunft des vlaemischen Heeres hatte die französische Besatzung damit aufgehört, Brandpfeile auf die Stadt zu schleudern. Wohl sah man die Besatzung vor den Schießscharten der Türme mit ihren Armbrüsten bereit stehen, aber sie schoß nicht. Den Vlaemen war der Grund unbekannt; sie glaubten, daß eine List dahinter steckte und hielten ihrerseits sehr scharfe Wacht. Jeder Angriff war von Gwijde verboten worden; er wollte nichts wagen, ehe seine Sturmwerkzeuge bereit waren und er des Sieges gewiß sein konnte. Der Kastellan van Lens war in äußerster Not; seine Bogenschützen hatten nur noch wenige Pfeile übrig, und daher gebot ihm die Vorsicht, sie für einen Angriff aufzusparen. Auch waren die Vorräte so zusammengeschrumpft, daß er der Besatzung nicht mehr als die Hälfte der gewöhnlichen Ration geben konnte. Er hoffte, daß die Wachsamkeit der Vlaemen etwas nachlassen und er so Gelegenheit finden würde, einen Boten nach Rijssel in das französische Lager zu senden.
[33] Das waren scharfe, schwere Wurfgeschosse, die man bei der Belagerung von Städten und Burgen gebrauchte.
Arnold van Oudenaarde, der einige Tage zuvor mit dreihundert Mann den Kortrijkern zu Hilfe gekommen war, hatte sich unter den Wällen der Stadt auf dem Groeninger Kouter nicht weit von der Abtei gelagert. Dieser Platz war für ein allgemeines Lager sehr günstig und wurde in dem Kriegsrat, den Gwijde zusammengerufen hatte, auch für diesen Zweck bestimmt. Schon am anderen Tage, während die Zunft der Zimmerleute an den Sturmwerkzeugen arbeitete, wurden die anderen Vlaemen aus der Stadt geführt, um die Gräben des Lagerplatzes auszuwerfen. Die Weber und die Fleischer bekamen jeder eine Hacke und einen Spaten und machten sich eifrig ans Werk. Die Verschanzungen stiegen wie durch Zauberei empor, das ganze Heer wetteiferte bei der Arbeit, man stritt sich förmlich darum. Die Spaten und Hacken wurden so rasch gehandhabt, daß man ihnen mit den Augen nicht folgen konnte, und große Erdschollen flogen in Massen auf die Verschanzung, gleich den zahllosen Steinen, die eine belagerte Stadt auf den Feind wirft.
Sowie ein Teil der Erdarbeiten vollendet war, kamen andere Leute und spannten dort ihre Zelte auf. Von Zeit zu Zeit ließen die Arbeiter ihre Werkzeuge in der Erde stecken und erkletterten hastig die Verschanzung. Dann hallte ein allgemeiner Willkommgruß über dem Lager, und der Ruf: »Vlaenderen den Leeuw! Vlaenderen den Leeuw!« klang noch aus der Ferne als Antwort wieder. Dies geschah jedesmal, wenn Beistand aus anderen Städten herankam.
Das vlaemische Volk hatte seine Edeln doch etwas mit Unrecht der Treulosigkeit und Feigheit beschuldigt; freilich hatten sich viele von ihnen offen für Frankreich erklärt; aber die Zahl der treugebliebenen war dennoch größer als die der Abtrünnigen. Zweiundfünfzig der vornehmsten vlaemischen Ritter saßen in Frankreich gefangen, und gewiß war es nur die Liebe zum Vaterland und zu ihrem Fürsten, die sie ins Gefängnis gebracht hatte. Die anderen treuen Edelleute, die in Flandern lebten, hielten es für unrühmlich, mit einem aufrührerischen Volke gemeinsame Sache zu machen. Turnier und Schlachtfeld allein waren würdige Stätten für ihre Waffentaten. Die Sitten jener Zeit hatten diese Meinung in ihnen gefestigt, denn damals war der Abstand zwischen einem Ritter und einem Bürger so groß, wie jetzt zwischen dem Herrn und seinem Diener. Solange sich der Kampf innerhalb der Mauern der Städte und unter dem Befehl der Volksführer abspielte, blieben sie auf ihren Kastellen und trauerten über die Unterdrückung des Vaterlands. Jetzt aber, da Gwijde als Feldherr über seine Untertanen gebot, kamen sie alle mit ihren Untergebenen aus ihren Herrschaften herbeigeeilt.
Am Morgen des ersten Tages langten die Herren Balduin van Papenrode, Hendrik van Raveschoot, Ivo van Belleghem, Salomon van Sevecote und Herr van Maldeghem mit seinen zwei Söhnen zu Kortrijk an. Gegen Mittag stieg wirbelnd eine ungeheure Staubwolke in der Richtung von Moorseele über dem umliegenden Wald empor. Während die Brügger in ihren Verschanzungen laut aufjauchzten, zogen fünfzehnhundert Mann von Veurne in die Stadt, an ihrer Spitze der berühmte Krieger Eustachius Sporkijn. Eine große Ritterschar, der sie unterwegs begegnet waren, begleitete sie; die vornehmsten darunter waren: Herr Johann van Ayshoven, Wilhelm van Dakenam und sein Bruder Peter, Herr van Landeghem, Hugo van der Moere und Simon van Caestere. Auch Johann Willebaert van Thourout hatte sich mit einigen Reitern dem Befehl Sporkijns unterstellt. Fast jeden Augenblick kamen einzelne Reiter in das Lager, ja selbst Angehörige anderer Länder oder Grafschaften, die sich eben in Flandern befanden, zauderten nicht, zur Befreiung Flanderns mitzuwirken. So waren Hendrik van Lonchijn aus Luxemburg, Goswijn van Goetsenhove und Jan van Cuyck, zwei edle Brabanter, bereits bei Gwijde, als die Leute von Veurne in die Stadt kamen. All diese Truppen zogen sofort, nachdem sie in Kortrijk etwas erfrischt worden waren, ins Lager und wurden dem Befehl des Herrn van Renesse unterstellt.
Am zweiten Tag eilten die Yperner heran. Obgleich sie die eigene Stadt bewachen mußten, mochten sie doch nicht zugeben, daß Flandern ohne ihr Zutun befreit würde. Ihre Truppen waren weitaus die schönsten und reichsten ringsum: fünfhundert Keulenträger, ganz in Scharlach gekleidet, mit schönen Federn auf ihren glänzenden Helmen, zudem mit kleinen Brustplatten und Kniescheiben, die im Sonnenschein erglänzten; siebenhundert andere Leute trugen ungewöhnlich große Armbrüste mit stählernen Federn; sie waren grün mit gelber Verzierung gekleidet. Bei ihnen befanden sich folgende Herren: Jakob van Ypern, Waffenträger des Grafen Jan van Namen, Dietrich van Vlamertinghe, Josef van Hollebeke und Balduin van Passchendale; die Anführer waren Philipp Baalde und Peter Belle, die Vorsteher der beiden vornehmsten Zünfte von Ypern. Am Nachmittag kam die übrige Bevölkerung von der Ost- und Westgrafschaft aus den Dörfern, die rund um Brügge herum lagen, zweihundert wohlgerüstete Krieger.
Am dritten Tage kam vormittags Wilhelm von Jülich mit Jan van Renesse von Kassel zurück, und mit ihnen trafen fünfhundert Reiter, vierhundert Seeländer und noch eine Anzahl Brügger im Lager ein.
Die einberufenen Ritter und Vertreter der Städte hatten sich fast sämtlich eingestellt, und alle möglichen Waffengattungen befanden sich unter Gwijdes Befehl. Die Freude der Vlaemen während dieser Tage war unaussprechlich; jetzt sahen sie, daß ihre Landsleute noch nicht entartet waren, daß es noch mutige Männer in ihrem Vaterland gab. Schon waren an einundzwanzigtausend tapferer Krieger unter dem Banner des schwarzen Löwen versammelt, und noch strömten unaufhörlich kleine Abteilungen herzu.
Obgleich die Franzosen ein Heer von zweiundsechzigtausend Mann hatten, davon die Hälfte beritten war, konnte in den Herzen der Vlaemen nun keine Furcht mehr Platz finden. In ihrer Begeisterung ließen sie bisweilen ihre Arbeit liegen, um einander zu umarmen, und dann sprachen sie so zuversichtlich, als ob ihnen der Sieg nicht entgehen könnte.
Gegen Abend, just als sie mit ihren Spaten in die Zelte gehen wollten, erhob sich aufs neue der Ruf: »Vlaenderen den Leeuw!« von den Mauern Kortrijks. Alle liefen nach der Verschanzung zurück, um zu sehen, was da vorging, und antworteten dann mit lauter, froher Stimme auf den Ruf der Kortrijker. Sechshundert Reiter trabten, ganz mit Eisen bedeckt, unter allgemeinem Jubel in das Lager. Dieser Zug kam von Namur und war durch den Grafen Johann, Bruder Robrechts van Bethune, nach Flandern gesandt worden.
Durch das Eintreffen dieser Hilfstruppen stieg noch die Freude der Vlaemen; denn gerade an Reiterei litten sie den größten Mangel. Obgleich sie wohl wußten, daß die Leute von Namur sie nicht verstanden, riefen sie ihnen Grüße zum Willkomm entgegen und brachten ihnen Wein in Überfluß. Als die fremden Krieger dieser großen Freundschaft gewahr wurden, fühlten auch sie in sich Gegenliebe erwachen und schwuren, ihr Blut für so gute Leute zu vergießen.
Nur die Stadt Gent hatte den Aufruf noch nicht beantwortet; nicht ein einziger Geselle war von dorther nach Kortrijk gekommen. Man wußte schon längst, daß es in Gent von Leliaerts wimmelte und der Magistrat ganz französisch gesinnt war; trotzdem waren dort siebenhundert französische Söldner erschlagen worden, und Jan Borluut hatte seinen Beistand zugesagt. In dieser Ungewißheit erhoben zwar die Vlaemen im Lager gegen ihre Brüder von Gent noch nicht laut den Vorwurf der Verräterei, doch der Argwohn gegen sie war recht stark.
Am Abend, als die Sonne schon hinter dem Dorfe Moorseele gesunken war, hatten sich alle Arbeiter in ihre Zelte zurückgezogen. Hie und da ertönte Gesang. Bisweilen war er vom Klingen der Kannen unterbrochen, und sein Schlußvers wurde von vielen Stimmen jauchzend wiederholt. In anderen Zelten hörte man wildes Stimmengewirr. Nur der Ruf: »Vlaenderen den Leeuw!« verriet, daß die Sprechenden sich gegenseitig Mut machten und überschäumende, ungezügelte Worte der Begeisterung austauschten. In der Mitte des Lagers etwas abseits von den Zelten brannte ein großes Feuer, das seinen roten Glanz weithin verbreitete. Etwa zehn Leute waren damit beschäftigt, es zu unterhalten; man sah sie hin und wieder große Baumstämme heranschleppen und hörte bisweilen, wie ein Anführer ihnen zurief:
»Vorsichtig, Leute! Hört auf, und schürt das Feuer nicht zu arg; jagt die Funken nicht so hoch über das Lager hinaus!«
Einige Schritt von diesem Feuer stand das Zelt der Lagerwache. Es bestand aus einem Dach, das mit Ochsenhäuten überdeckt war. Sein Fachwerk ruhte auf acht schweren Balken; die vier Seiten waren offen, damit man das Lager nach allen Richtungen übersehen könnte.
Jan Breydel mußte mit fünfzig seiner Leute während der Nacht Wache halten. Sie saßen alle auf kleinen hölzernen Stühlen rund um einen Tisch unter dem Dache, das sie vor Tau und Regen schützte; ihre Beile blitzten im Widerschein des Feuers und glimmten in ihren Händen auf, als ob sie glühende Waffen wären. Man konnte im Finstern die von ihnen ausgestellten Wachen auf- und abschreiten sehen. Vor ihnen auf dem Tisch standen ein großer Krug Wein und einige zinnerne Kannen, und obgleich ein Trunk ihnen nicht versagt war, so konnte man dennoch merken, daß sie sehr mäßig tranken. Denn nur selten führten sie die Kannen zum Munde. Sie lachten und schwatzten heiter, um die Zeit zu verbringen, und sprachen schon im voraus von den schönen Schlägen, die sie den Franzosen beibringen wollten.
»Nun soll mal einer sagen,« rief Breydel, »daß die Vlaemen ihren Vätern nicht gleichen, wenn sich ein Heer, wie das unsrige, aus freiem Willen versammelt! Jetzt mögen die Franzosen nur kommen mit ihren zweiundsechzigtausend Mann! Je mehr Wild, desto besser die Jagd. Sie sagen, wir wären ein Haufen schlechter Hunde; aber sie mögen Gott bitten, daß sie nicht gebissen werden. Die Hunde haben gute Zähne.«
Die Fleischer lachten herzlich über die scherzenden Worte ihres Obmannes und blickten dabei auf einen greisen Gesellen, dessen grauer Bart sein hohes Alter bezeugte. Einer von ihnen rief ihm zu:
»Ihr, Jakob, werdet sie wohl nicht mehr beißen können!«
»Wenn meine Zähne auch nicht so gut sind wie die Eurigen,« brummte der alte Fleischer, »so habe ich doch ein Beil, welches schon lange ans Beißen gewöhnt ist. Ich möchte wohl zwanzig Maß Wein auf die Wette wagen, wer von uns beiden die meisten Franzosen zur Hölle sendet.«
»Es gilt,« rief der andere, »wir wollen sie zusammen austrinken; ich gehe und hole sie.«
»Oho!« rief Breydel, »wollt ihr euch wohl still verhalten! Trinkt morgen; denn das sage ich euch: den ersten von euch, der sich betrinkt, lasse ich in Kortrijk einsperren; er soll am Kampfe nicht teilnehmen.«
Diese Drohung übte eine wundersame Wirkung auf die Fleischer aus; die Worte erstarben auf ihren Lippen, und keiner von ihnen rührte auch nur mehr ein Glied. Einzig der alte Fleischer wagte noch zu sprechen.
»Beim Barte unseres Obmanns!« rief er, »wenn mir das widerführe, dann ließ ich mich lieber noch am Feuer braten, wie das einst dem heiligen Laurentius geschehen ist. Denn solch ein Fest werde ich nie weder erleben.«
Breydel merkte, daß seine Drohung der ganzen Wache Furcht und Betrübnis einjagte; dies war ihm nicht recht, da er selbst freudig gestimmt war. Um ihnen ihre Heiterkeit wiederzugeben, ergriff er den Krug, füllte die Kannen und sprach:
»Nun, Leute, weshalb schweigt ihr jetzt? Da, nehmt und trinkt, damit euch der Wein die Sprache wiedergibt. Es ist mir leid, daß ich mit euch so gesprochen habe. Ich kenne euch ja und weiß, daß echtes Fleischerblut in euren Adern strömt! Nun denn, auf euer Wohl, Genossen!«
Nun war plötzlich die Freude zurückgekehrt, und das Schweigen endete mit anhaltendem Gelächter, da sie inne wurden, daß die Drohung ihres Obmannes nur Scherz gewesen war.
»Trinkt nur,« fuhr Breydel fort, indem er seinen Becher füllte, »diesen Krug will ich euch darangeben, ihr mögt ihn bis zum Grunde leeren. Für eure Freunde, die auf Wache stehen, soll ein anderer herbeigeschafft werden. Jetzt, da wir sehen, daß aus allen Städten Hilfe herbeieilt und wir so stark werden, können wir uns dieses Glückes wohl freuen.«
»Ich trinke einen Verachtungsschluck auf die Genter,« rief ein Geselle; »wir wissen schon längst, daß man sich auf einen zerbrochenen Stab stützt, wenn man ihnen vertraut. Aber das hat nichts zu sagen; mögen sie nur zu Hause bleiben, dann hat eben unsere Stadt Brügge allein die Ehre des Kampfes und der Befreiung.«
»Sind etwa die Genter Vlaemen wie wir?« spottete ein anderer, »schlägt ihr Herz auch für die Freiheit? Und wohnen auch wohl Fleischer in Gent? Es lebe Brügge! Da ist der echte Stamm.«
»Oho!« rief Breydel, »zu Gent wohnt ein Mann, der ein Löwenherz zu eigen hat. Ist Jan Borluut nicht in der ganzen Welt bekannt? Ich bin überzeugt, wollte er die Sache genau untersuchen, so würde er finden, daß seine Voreltern Fleischer waren oder doch so etwas der Art; denn Herr Jan gleicht einem Genter, wie ein Stier einem Schaf.«
Die Fleischer brachen von neuem in schallendes Gelächter aus; sie begriffen sehr gut, daß ihr Obmann damit sagen wollte, die Genter wären Schafe.
»Und ich weiß nicht,« fuhr Breydel fort, »weshalb Herr Gwijde ihre Ankunft überhaupt wünscht; wir haben keinen solchen Überfluß an Lebensmitteln im Lager, daß wir uns noch mehr Esser zu der Mahlzeit rufen brauchen. Glaubt der Feldherr vielleicht, wir würden das Spiel verlieren? Da merkt man so recht, daß er in Namur gewohnt hat, er kennt die Brügger nicht, sonst würde er nicht nach den Gentern verlangen. Wir haben sie nicht nötig. Sie mögen daheim bleiben, wir werden unsere Sachen schon ohne sie erledigen, und zudem ist es ja doch nur wankelmütiges Volk!«
Als ein echter Brügger liebte Breydel die Genter nicht. Zwischen den beiden ersten Städten Flanderns herrschte seit ihrem Ursprung her eine gewisse Eifersucht. Nicht, daß die eine etwa mutigere Leute besaß als die andere; aber beide waren arbeitsam und suchten einander den Handel zu rauben und an sich zu ziehen. Noch heute besteht dieser Haß zwischen den Einwohnern von Gent und Brügge; so schwer ist es, dem gemeinen Volke ererbte Gefühle zu nehmen, daß sich diese Eifersucht trotz aller Umwälzungen bis auf uns erhalten hat.
Solcherart fuhr Breydel fort, mit seinen Genossen zu schwatzen, und manch höhnisches Scheltwort fiel gegen die Genter, bis diese Frage ganz erschöpft war und das Gespräch auf einen anderen Stoff überging. Plötzlich wurde die Aufmerksamkeit durch ein Geräusch geweckt; sie hörten ein paar Schritte hinter dem Zelt einen Wortwechsel, wie wenn sich zwei Männer stritten. Alle standen auf, um zu sehen, was da sein mochte; aber ehe sie noch das Zelt verlassen hatten, kam schon ein Fleischer, der auf Wache gestanden hatte, mit einem anderen Menschen herbei, den er gewaltsam vorwärts riß.
»Meister,« sagte er, während er den Fremdling in das Zelt stieß, »hinter dem Lager habe ich diesen Minstrell entdeckt; er ging an alle Zelte, lauschte und schlich wie ein Fuchs durch die Finsternis; ich bin ihm lange gefolgt und habe ihn beobachtet. Sicher steckt dahinter Verrat, denn seht nur, wie der Schelm zittert!«
Der Mann, den man in das Zelt gebracht hatte, war mit einem blauen Wams bekleidet, eine Mütze mit einer Feder bedeckte sein Haupt. Ein langer Bart beschattete sein halbes Gesicht. In der linken Hand hielt er ein kleines Instrument, das fast einer Harfe glich, als ob er darauf vor der Gesellschaft ein Liedchen spielen wollte. Er zitterte vor Furcht, und sein Gesicht war so bleich, als ob er am Sterben sei; sichtlich suchte er sich den Blicken Jan Breydels zu entziehen, denn er wandte das Haupt nach der anderen Seite, damit jener seine Züge nicht erblicken sollte.
»Was habt Ihr in dem Lager zu tun,« rief Breydel, »weshalb lauscht Ihr an den Zelten? Antwortet rasch!«
Der Sänger antwortete in einer Sprache, die hochdeutsch zu sein schien, und weckte dadurch die Vermutung, daß er in irgend einem anderen Landesteile zu Hause wäre.
»Meister, ich komme von Luxemburg und habe dem Herrn van Lonchijn zu Kortrijk eine Botschaft gebracht. Man hat mir gesagt, einer meiner Brüder wäre im Lager, und ich war hergekommen, um ihn zu suchen. Ich bin ängstlich und fürchte mich, weil die Schildwache mich für einen Spion angesehen hat; aber ich hoffe, ihr werdet mir nichts zuleide tun.«
Breydel, der Mitleid mit dem Sänger empfand, sandte die Schildwache zurück, wies dem Fremdling einen Stuhl und meinte:
»Ihr müßt von einer so langen Reise ermüdet sein. Da, mein schöner Sänger, setzt Euch her, trinkt -- diese Kanne ist für Euch. Ihr müßt uns einige Lieder vorsingen, und wir wollen Euch einschenken. Habt Mut, Ihr befindet Euch unter guten Leuten.«
»Vergebt mir, Meister, ich kann nicht hierbleiben, denn Herr van Lonchijn wartet auf mich. Ich hoffe, daß Ihr mich nicht dem Wunsche dieses edlen Ritters zuwider länger aufhalten werdet!«
»Erst ein Lied!« riefen die Fleischer; »er kommt nicht fort, ehe er ein Lied gesungen hat!«
»Macht rasch,« rief Breydel; »wenn Ihr uns nicht das Vergnügen gewähren wollt, einige Lieder zu hören, dann halte ich Euch bis morgen hier. Hättet Ihr gleich gutwillig damit angefangen, so wäret Ihr schon fertig damit. Singt, ich befehle es Euch!«
Die Furcht des Sängers steigerte sich angesichts dieses strengen Befehls; nur mit Mühe konnte er die Harfe in den Händen halten, denn er bebte so, daß die Saiten des Instruments seine Kleider streiften und davon erklangen. Dies kitzelte die Lust der Fleischer noch mehr.
»Wollt Ihr spielen oder singen?« rief Breydel; »wenn Ihr nicht eilt, so ergeht's Euch schlecht!«