Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 22

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Sobald der junge Feldherr mit seinen Reitern auf dem Freitagsmarkt anlangte, überreichten ihm die Altmeister die Schlüssel, und so wurde ihm, als zeitlichem Grafen von Flandern, bis zur Befreiung Robrechts van Bethune, seines Bruders, gehuldigt. Nun schien den Brüggern ihre Freiheit vollkommen; denn jetzt hatten sie einen Fürsten, der sie in den Krieg führen konnte. Die Reiter wurden bei den vornehmsten Bürgern untergebracht. Ja, der Eifer und die Dienstfertigkeit war so groß, daß man sich förmlich schlug, um den Zaum eines Pferdes zu erhaschen; jeder wollte einen der Leute des Grafen bei sich haben. Man kann sich vorstellen, wie gastfrei und freundlich diese Hilfstruppen empfangen wurden.

Als Gwijde die durch De Coninck eingerichtete Regierung bestätigt hatte, ging er unverzüglich zu dem Nieuwlandschen Hause, umarmte seine kranke Nichte immer und immer wieder und erzählte ihr, wie er die Franzosen aus dem geliebten Wijnendaal vertrieben habe. Ein köstliches Mahl harrte ihrer, das Maria anläßlich der glücklichen Rückkunft ihres Bruders hatte bereiten lassen. Sie tranken den Freudentrunk auf die Befreiung der gefangenen Vlaemen und weihten auch dem schmerzlichen Andenken der vergifteten Philippa eine Träne.

XIX.

Nach der schrecklichen Nacht, in der solche Ströme Franzosenblutes vergossen worden waren, kamen Châtillon, Jan van Gistel und die wenigen anderen, die dem Tod entronnen waren, nach Kortrijk. Das war noch stark besetzt, so daß die Truppen in dem festen Kastell ohne Gefahr bleiben konnten. Die Franzosen setzten auf diesen Ort ob seiner unüberwindlichen Festungswerke das meiste Vertrauen. Châtillon war ganz verzweifelt über seine Niederlage und glühte vor Rachedurst. Er zog noch einige Söldnerabteilungen aus anderen Städten heran, um Kortrijk gegen jeden Angriff zu sichern, und übergab den Oberbefehl der Stadt dem Kastellan van Lens, einem verräterischen Vlaemen. In aller Eile besuchte er noch die übrigen Grenzstädte und besetzte sie mit dem Rest der Truppen aus der Picardie; zum Befehlshaber von Rijssel machte er den Kanzler Pierre Flotte; dann reiste er nach Paris an den Hof des Königs, der die Niederlage seiner Truppen bereits erfahren hatte. Philipp der Schöne empfing den Landvogt von Flandern mit dem höchsten Unwillen und machte ihm Vorwürfe, daß seine Gewaltherrschaft all dies Unglück verschuldet hatte. Vielleicht wäre Châtillon für immer in Ungnade gefallen. Aber die Königin Johanna haßte ja die Vlaemen und hatte sich über ihre Bedrückung gefreut: sie wußte ihren Oheim Châtillon so gut zu entschuldigen, daß Philipp der Schöne sich schließlich mehr zum Dank als zum Zorn geneigt fühlte. Alsbald wandte der französische Fürst seinen Unwillen wider die Vlaemen und schwur, an ihnen sattsam Rache zu nehmen.

Schon war ein Heer von zwanzigtausend Mann vor Paris versammelt, um das Königreich Majorka aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. Es waren dies die Truppen, deren Einberufung Robrecht van Bethune den vlaemischen Herren angezeigt hatte. Mit diesem Heere hätte man gegen Flandern Krieg führen können, aber Philipp zog es vor, die Rache noch einige Zeit aufzuschieben, um mit noch mehr Truppen zu Felde zu ziehen. Durch außerordentliche Boten erging ein Aufruf durch ganz Frankreich: darin wurde den Bannerherren des Landes kundgetan, daß die Vlaemen siebentausend Franzosen ermordet hätten, und daß der Fürst seine Lehensleute mit ihren Untergebenen so eilig als möglich nach Paris berufe, um diese schmachvolle Niederlage zu rächen. In jenen Zeiten waren Waffenübungen und Krieg die einzige Beschäftigung der Edelleute; -- sie freuten sich, wenn sich irgendwo Gelegenheit zum Kämpfen bot; daher ist es also gar nicht verwunderlich, daß sie dem Rufe willig Folge leisteten. Aus allen Teilen des weiten Frankreich kamen die Vasallen mit ihren bewaffneten Leuten herbeigeeilt, und in wenigen Tagen war das französische Heer mehr als fünfzigtausend Mann stark.

Neben dem Löwen von Flandern und Karl von Valois war Robert d'Artois einer der kühnsten Kriegshelden Europas und war jenen beiden sogar durch die Kriegskunde und Erfahrung überlegen, die er auf seinen zahlreichen Streifzügen erworben hatte. Noch niemals hatte er volle acht Tage hintereinander seinen Harnisch abgelegt, und so war er in Waffen ergraut. Sein unerbittlicher Haß war damals gegen die Vlaemen aufgeflammt, als sie seinen einzigen Sohn bei Veurne erschlagen hatten; er bestimmte die Königin Johanna, ihn zum obersten Befehlshaber des Heeres zu ernennen; das begegnete auch gar keiner Schwierigkeit; denn niemandem stand dieses ehrenvolle Amt mehr zu als Robert d'Artois.

Geldmangel und auch der tägliche Zustrom noch weiterer Vasallen aus fernliegenden Herrschaften hielten das Heer einige Zeit in Frankreich zurück. Die übergroße Hast, mit der die Franzosen gewöhnlich bei ihren Feldzügen zu Werke gingen, war ihnen schon gar manches Mal verderblich geworden. Sie hatten durch eigenen Schaden gelernt, daß auch Vorsicht eine Macht ist; deshalb wollten sie sich diesmal auf alle Fälle vorsehen und mit mehr Klugheit zu Werke gehen. --

Die boshafte Königin von Navarra entbot Robert d'Artois zu sich und peitschte ihn zu jeder nur möglichen Grausamkeit in Flandern auf. Unter anderem befahl sie ihm, allen vlaemischen Säuen die Brüste abschneiden, all ihre Ferkel mit dem Schwerte durchbohren und die Hunde von Flandern totschlagen zu lassen: Die >Hunde< von Flandern, das waren die Tapferen, die mit dem Schwert in der Faust für das Vaterland stritten; mit den >Säuen< und >Ferkeln< waren die Frauen und Kinder gemeint! Solch schändliche Worte im Munde einer Königin, eines Weibes, werden als Beweis ihrer Grausamkeit in den Chroniken aufbewahrt.

Während dieser Verzögerung verstärkten sich aber auch die Vlaemen ganz gewaltig. Herr Johann van Borluut hatte die Genter gegen die Besatzung ihrer Stadt aufgewiegelt und vertrieb die Franzosen aus Gent; ihrer siebenhundert blieben in diesem Kampf. Auch Oudenaarde und mehrere andere Gemeinden machten sich frei, so daß solcherart nur noch in den stark befestigten Städten, wohin sich die flüchtigen Franzosen zusammengezogen hatten, Feinde verblieben. Wilhelm von Jülich kam mit einer großen Schar Bogenschützen aus Deutschland nach Brügge. Sobald Herr Johann van Renesse mit vierhundert Seeländern zu ihm gestoßen war, brachen sie beide mit den Truppen und einer Menge Freiwilliger nach Kassel auf, um die französische Besatzung anzugreifen und zu vertreiben. Die Stadt war außerordentlich stark befestigt und konnte nicht leicht genommen werden. Wilhelm von Jülich hatte auf die Mitwirkung der Bürger gerechnet; aber sie wurden zu gut von den Franzosen bewacht, als daß sie sich hätten rühren können. Das zwang ihn, eine regelrechte Belagerung zu beginnen; doch es dauerte recht lange, ehe er sich die nötigen Werkzeuge dazu verschaffen konnte.

Der junge Gwijde war in den bedeutendsten Städten Flanderns mit Jubel empfangen worden. Seine Anwesenheit hatte gar manchem Mut gegeben, ihn zur Verteidigung des Vaterlandes angespornt. Ebenso hatte Adolf van Nieuwland die kleineren Ortschaften besucht, um das Volk zu den Waffen zu rufen.

In Kortrijk lagen fast dreitausend Franzosen unter dem Befehl des Kastellans van Lens. Statt sich durch gute Behandlung bei der Bürgerschaft beliebt zu machen, begingen diese zusammengelaufenen Kriegsknechte alle möglichen Ausschreitungen. Aber das hatten die Kortrijker sehr bald satt. Durch das Beispiel der anderen Städte ermutigt, erhoben sie sich einmütig gegen die Franzosen und erschlugen mehr als die Hälfte; die übrigen flohen in aller Eile auf das Kastell und verschanzten sich gegen den Ansturm des Volkes. Aus Rache schossen sie Brandpfeile auf die Stadt und steckten die schönsten Gebäude in Flammen. Alle Häuser rings um den Markt und der Begijnenhof wurden durch das Feuer von Grund aus vernichtet. Die Kortrijker belagerten das Kastell voll Mut und sonder Zagen; doch es war ihnen nicht möglich, die Franzosen ohne fremde Hilfe zu vertreiben. Angesichts der trüben Aussicht, ihre Stadt bald ganz abbrennen zu sehen, sandten sie einen Boten nach Brügge, um Herrn Gwijde dringend um Beistand zu bitten.

Der Bote kam am 5. Juli 1302 zu Gwijde, legte ihm die beklagenswerte Lage der guten Stadt Kortrijk dar und versprach ihm im Namen der Bürger jede Hilfe und unbedingten Gehorsam. Dem jungen Grafen ging dieser Bericht sehr nahe, und er beschloß, sich unverzüglich nach der unglücklichen Stadt zu begeben. Da Wilhelm von Jülich alle Kriegsknechte nach Kassel geführt hatte, wußte Gwijde kein anderes Mittel, als die Zünfte von Brügge anzurufen. Er ließ sofort alle Obmänner in den oberen Saal des Prinzenhofs entbieten und ging selbst mit den Rittern, die sich bereits zu ihm begeben hatten, dorthin. Eine Stunde später waren die Einberufenen, dreißig an der Zahl, in dem bestimmten Gemach versammelt; mit entblößtem Haupt standen sie am Ende des Saales und erwarteten schweigend, was man ihnen mitteilen würde. De Coninck und Breydel, als die Häupter der beiden angesehensten Zünfte, standen vornan. Herr Gwijde saß in einem reichen Lehnstuhl am oberen Ende des Saales; ringsumher standen die Herren Jan van Lichtervelde und van Heyne, beide Beers von Flandern[31], der Herr van Gavere, dessen Vater durch die Franzosen vor Veurne ermordet worden war; der Tempelritter Herr van Bornhem, Herr Robrecht van Leeuwerghem, Balduin van Ravenschoot, Ivo van Belleghem, Hendrik, Herr van Lonchyn, ein Luxemburger, Goswijn, van Goetsenhove und Johann van Cuyck aus Brabant, Peter und Ludwig van Lichtervelde; Peter und Ludwig Goethals van Gent und Heinrich van Petershem. Adolf van Nieuwland stand rechts vom jungen Grafen und sprach mit ihm.

[31] Es gab vier edle Geschlechter in Flandern, deren Häupter jedesmal den Namen >Beers< trugen; wenn das Grafengeschlecht ausstarb, wurde der neue Fürst aus einer dieser Familien gewählt.

In der Mitte des Raumes, zwischen den Vorstehern und Rittern, stand der Bote von Kortrijk. Sobald jeglicher seinen gehörigen Platz eingenommen hatte, hieß Gwijde dem Boten, seine Mitteilung vor den Obmännern zu wiederholen. Er gehorchte diesem Befehl und sprach:

»Meine Herren, die Bürger von Kortrijk lassen euch durch mich wissen, daß sie die Franzosen aus ihrer Stadt vertrieben und ihrer fünfzehnhundert erschlagen haben; aber jetzt leidet die Stadt die größte Not. Der Verräter van Lens hat sich in das Kastell geworfen; er läßt täglich mit brennenden Pfeilen auf die Häuser schießen, und schon ist der reichste Teil der Stadt in Asche gelegt. Herr Arnold van Oudenaarde ist den Kortrijkern zu Hilfe gekommen, ihre Feinde sind jedoch zu zahlreich. In dieser schlimmen Lage bitten sie den Herrn Gwijde insonderheit und ihre Freunde in Brügge insgesamt um Hilfe und hoffen, daß sie keinen Tag zögern werden, ihre bedrängten Brüder zu befreien. Das ist es, was die Bürger von Kortrijk euch künden lassen.«

»Ihr habt es gehört, Obmänner,« sprach Gwijde, »eine unserer besten Städte ist in Gefahr, ganz vernichtet zu werden; ich glaube nicht, daß der Hilferuf eurer Brüder von Kortrijk vergeblich sein wird. Aber die Sache heischt Eile, allein eure Mitwirkung kann sie aus ihrer Bedrängnis retten; deshalb ersuche ich euch, schnellstmöglich eure Zünfte zu den Waffen zu rufen. Wieviel Zeit braucht ihr, um eure Leute für diesen Zug zu rüsten?«

De Coninck antwortete:

»Heut nachmittag, durchlauchtigster Herr, werden viertausend bewaffnete Weber auf dem Freitagsmarkt stehen; ich werde sie führen, wohin Ihr befehlt.«

»Und Ihr, Meister Breydel, werdet Ihr auch da sein?«

Breydel trat mit stolzem Selbstbewußtsein vor und entgegnete:

»Edler Graf, Euer Diener Breydel wird Euch nicht weniger als achttausend Gesellen liefern.«

Die Ritter bekundeten die größte Verwunderung.

»Achttausend!« riefen sie wie aus einem Mund.

»Ja, ja, meine Herren,« fuhr Breydel fort, »achttausend oder mehr. Alle Zünfte Brügges, nur die Weber ausgenommen, haben mich zum Anführer gewählt, und Gott weiß, wie ich mich für diese Gunst dankbar bezeigen werde. Heut mittag schon, wenn es Euer Edeln befiehlt, werden sich die getreuen Brügger auf dem Freitagsmarkt versammeln, und ich kann kühnlich behaupten, daß Euer Edeln an meinen Fleischern tausend Löwen in Euerm Lager haben; denn niemand ist ihnen gleich. Je eher, je lieber, edler Herr! Unsere Beile setzen schon Rost an.«

»Meister Breydel,« sprach Gwijde, »Ihr seid ein tapferer, kühner Untertan meines Vaters. Das Land, das solche Männer hervorbringt, kann nicht lange in Sklaverei bleiben; ich danke Euch für Eure Tüchtigkeit.«

Ein freundliches Lächeln der umstehenden Ritter verriet, wie angenehm ihnen Breydels Worte gewesen waren. Der Obmann kehrte zu seinen Genossen zurück und flüsterte De Coninck ins Ohr:

»Ich bitte Euch, Meister, ärgert Euch nicht über das, was ich eben Herrn Gwijde gesagt habe. Ihr seid und bleibt mein Anführer, denn ohne Euern Rat würde ich nicht viel Gutes ausrichten. Meine Worte haben Euch doch nicht beleidigt?«

Der Obmann der Weber drückte Breydels Hand als Zeichen seiner Freundschaft und seines Einverständnisses.

»Meister De Coninck,« fragte Gwijde, »habt Ihr die Zünfte von meinem Wunsch in Kenntnis gesetzt? Sollen mir die nötigen Gelder besorgt werden?«

»Die Zünfte von Brügge,« war die Antwort, »stellen Euch all ihre Mittel zur Verfügung, edler Herr. Wollet nur einige Diener mit einem schriftlichen Befehl nach dem Pand senden: dort soll ihnen so viel Geld in Silber ausgezahlt werden, als Euer Edeln es wünschen. Sie bitten Euch, keine Rücksicht auf sie zu nehmen, denn die Freiheit kann ihnen gar nicht zu teuer sein.«

In dem Augenblick, da Gwijde die Bereitwilligkeit der Brügger mit dankenden Worten anerkennen wollte, tat sich die Tür auf. Alles blickte erstaunt auf den Mönch, der, ungerufen, keck in den Saal trat und auf die Obmänner zuging. Eine Kutte von schwerem braunen Tuche war durch einen Strick um seinen Leib zusammengehalten, eine schwarze Kappe verbarg seine Züge, so daß man ihn nicht erkennen konnte. Er schien sehr alt, denn sein Rücken war gebeugt, und ein langer Bart hing über seine Brust herab. Flüchtig betrachtete er der Reihe nach alle Ritter, und sein scharfer Blick drang bis auf den Grund ihrer Herzen; wenigstens war es sichtlich sein Bestreben. Adolf van Nieuwland erkannte in ihm den gleichen Mönch, der ihm den Brief von Robrecht van Bethune gebracht hatte, und wollte ihn mit lauter Stimme begrüßen, aber das Gebaren des Mönches war so seltsam, daß dem jungen Ritter die Worte auf den Lippen erstarben. Alle Anwesenden wurden von Zorn ergriffen. Das kecke Auftreten des Fremden war eine Schmach, die sie sich nicht gefallen lassen wollten. Doch bald löste sich das Rätsel: da der Mönch seine Prüfung beendet hatte, band er den Strick von den Lenden los, warf seine Kutte und den Bart ab und blieb mitten im Saale stehen. Er erhob sein Haupt, und so gewahrte man einen Mann von ungefähr dreißig Jahren, von schlanker, kühner Gestalt, der die Ritter betrachtete, als ob er fragen wollte: Nun, erkennt ihr mich wieder?

Aber die Umstehenden antworteten nicht so rasch, wie er es wünschte, und so rief er:

»Meine Herren, es scheint Euer Edeln zu befremden, einen Fuchs unter dieser Kutte zu finden, und doch habe ich schon zwei Jahre darin verbracht.«

»Willkommen, willkommen, teurer Freund Dietrich!« riefen die Edeln wie aus einem Mund; »wir dachten, Ihr wäret längst tot!«

»Dann könnt ihr Gott danken, daß ich wieder auferstanden bin,« erwiderte Dietrich der Fuchs; »aber nein, ich war nicht tot, unsere gefangenen Brüder und Herr van Nieuwland können es bezeugen. Ich habe sie alle getröstet, denn als ein Wanderpriester durfte ich die Gefangenen besuchen; Gott vergebe mir das Latein, das ich gesprochen habe. Ja, ja, meine Herren, lacht nicht, ich habe Latein gesprochen. Ich bringe Nachrichten von all unseren unglücklichen Landsleuten für ihre Blutsverwandten und Freunde.«

Einige der Ritter wollten ihn über das Schicksal der Gefangenen ausfragen; aber er verweigerte jede Antwort und fuhr fort:

»Um Gottes willen! fragt mich jetzt nicht darüber. Ich habe euch viel Wichtigeres zu erzählen. Hört und zittert nicht; denn ich bringe euch traurige Kunde. Ihr habt das Joch abgeschüttelt und eure Freiheit erkämpft; ich bedauere, daß ich dem Feste nicht habe beiwohnen können. Ehre sei euch, ihr edeln Ritter und Bürger, die ihr das Vaterland befreit habt. Ich kann euch versichern: wenn die Vlaemen binnen vierzehn Tagen keine neuen Ketten tragen, werden ihnen alle Teufel der Hölle die Freiheit nicht wieder rauben können; aber daran zweifle ich noch stark.«

»So erklärt Euch denn, Herr Dietrich, erklärt Euch näher und erschreckt uns nicht durch unverständliche Worte.«

»Nun denn, so sage ich euch: vor der Stadt Rijssel lagern zweiundsechzigtausend[32] Franzosen.«

[32] Die Geschichtschreiber machen die verschiedensten Angaben über die Stärke der französischen Macht. Wir haben den Durchschnitt der verschiedenen Zahlen gegeben.

»Zweiundsechzigtausend!« wiederholten die Ritter und blickten einander erschrocken an.

»Zweiundsechzigtausend!« wiederholte auch Breydel, während er erfreut die Hände rieb, »o Gott, welch schöne Herde!«

De Coninck senkte sein Haupt und verfiel in tiefes Sinnen; dieses war immer das erste, was der kluge Obmann der Weber in schwierigen Fällen tat. Dann berechnete er rasch die Gefahr und die Mittel, ihr zu begegnen.

»Ich versichere euch, meine Herren,« nahm Dietrich wieder das Wort, »es sind ihrer mehr denn zweiunddreißigtausend Reiter und wohl ebensoviel Fußknechte. Sie rauben und brennen, als ob sie sich dadurch den Himmel verdienen sollten.«

»Seid Ihr dieser schlimmen Kunde auch ganz gewiß,« fragte Gwijde ängstlich, »hat Euch der, der es Euch sagte, nicht getäuscht, Herr Dietrich?«

»Nein, nein, edler Gwijde, ich habe es mit eigenen Augen gesehen, habe selbst gestern abend in dem Zelt des Seneschalls Robert d'Artois gespeist. Er hat mir auf seine Ehre geschworen, daß der letzte Vlaeme von seiner Hand sterben solle. Seht nun, was Ihr tun könnt. Ich meinesteils werde schleunigst einen Harnisch anlegen; und müßte ich auch allein gegen die zweiundsechzigtausend verwünschten Franzosen kämpfen, ich würde keinen Schritt zurückweichen; ich mag Flanderns Sklaverei nicht mehr länger mit ansehen.«

Jan Breydel konnte sich keinen Augenblick stillhalten; ständig waren Arme und Beine in Bewegung. Hätte er nur zu sprechen gewagt; aber die Ehrfurcht vor den anwesenden Herren hielt ihn zurück. Gwijde und die anderen Edeln sahen einander in ratloser Betrübnis an. Zweiunddreißigtausend geübter Reiter, das schien ihnen zu viel, um Widerstand leisten zu können. Im vlaemischen Heere waren nur die fünfhundert Reiter, die Gwijde mitgebracht hatte. Was vermochte diese kleine Anzahl gegen die furchtbare Masse der Feinde?

»Was sollen wir tun,« fragte Gwijde, »wie sollen wir jetzt das Vaterland retten?«

Einige waren der Meinung, man müsse sich in der Stadt Brügge einschließen, bis das französische Heer aus Mangel an Lebensmitteln abziehen würde; andere wieder wollten gerade dem Feinde entgegenziehen und ihn nachts überfallen. Es wurden noch verschiedene Vorschläge gemacht, aber die meisten als unvorteilhaft, die übrigen als undurchführbar verworfen.

De Coninck stand noch immer gesenkten Hauptes sinnend da; er lauschte wohl auf das, was da gesagt wurde, aber das hinderte ihn nicht an weiterem Nachdenken.

Endlich fragte ihn Gwijde, welche Mittel er angesichts solcher bedenklichen Lage vorschlagen könne.

»Edler Herr,« antwortete De Coninck, »wäre ich Befehlshaber, so würde ich mich folgendermaßen verhalten: Ich würde in aller Eile mit den Zünften nach Kortrijk ziehen, um den Kastellan van Lens zu verjagen -- dann würden die Franzosen diese Stadt nicht als Ausgangspunkt für ihre Pläne benutzen können. Wir aber hätten eine sichere Unterkunftsstätte für die Frauen und Kinder und auch für uns selbst; denn Kortrijk mit seinem Kastell ist stark, während Brügge, so wie es jetzt ist, nicht einen einzigen Sturm aushalten kann. Ich würde noch in dieser Stunde dreißig Boten zu Pferde mit der Nachricht von der Ankunft des Feindes in alle Städte Flanderns senden und alle Klauwaerts nach Kortrijk berufen. Desgleichen würde ich Herrn van Renesse und Herrn Wilhelm von Jülich dorthin bitten. Auf diese Weise, edler Graf, davon bin ich überzeugt, werden binnen vier Tagen dreißigtausend streitbare Vlaemen im Lager sein, und dann brauchen wir die Franzosen nicht so sehr zu fürchten.«

Die Ritter lauschten in feierlicher Stille; sie bewunderten den ungewöhnlichen Mann, der in so wenig Augenblicken einen allgemeinen Kriegsplan entworfen hatte und ihnen jetzt so treffliche Maßregeln darlegte. Obgleich sie die Tüchtigkeit des Obmanns kannten, kostete es sie doch Mühe, sich zu überzeugen, daß ein Weber, ein Mann aus dem gemeinen Volke, soviel Geist besaß.

»Ihr habt mehr Verstand als wir alle zusammen,« rief Dietrich, »ja, ja, so muß es geschehen! Wir sind stärker, als wir glaubten: nun wendet sich das Blatt. Ich glaube, die Franzosen werden ihr Kommen noch bereuen.«

»Ich danke Gott, daß er Euch diesen Gedanken eingegeben hat, Meister De Coninck,« fuhr der junge Graf fort, »Eure guten Dienste sollen nicht unbelohnt bleiben. Ich werde Eurem Rate folgen; er zeugt von großer Weisheit. Meister Breydel, ich hoffe, Ihr werdet die Leute, die Ihr uns versprochen habt, auch herbeischaffen.«

»Achttausend habe ich gesagt, edler Graf,« entgegnete Breydel; »nun gut! jetzt sage ich zehntausend. Ich will nicht, daß auch nur ein einziger Geselle oder Lehrjunge in Brügge bleibe. Jung und alt, alles muß mit. Ich werde schon sorgen, daß uns die Franzosen nicht auf einmal über den Haufen rennen; und diese Obmänner, meine Freunde, werden das auch tun, das weiß ich.«

»Fürwahr, edler Herr,« riefen die Obmänner einstimmig, »es soll niemand fehlen, denn alle brennen auf den Kampf!«

»Die Zeit ist zu kostbar, um uns noch länger aufzuhalten,« sprach Gwijde, »geht nun schnell, eure Zünfte zu versammeln; binnen zwei Stunden werde ich für den Kriegszug bereit sein und an der Spitze eurer Scharen auf dem Freitagsmarkte stehen. Geht, ich bin mit eurer Bereitwilligkeit und eurem Mute zufrieden.«

Alle verließen den Saal. Gwijde sandte sofort zahlreiche Boten nach allen Richtungen mit Befehlen für die Edelleute aus, die dem Vaterland treu geblieben waren; desgleichen schickte er auch Herrn Wilhelm von Jülich die Botschaft, daß er mit Herrn Jan van Renesse nach Kortrijk kommen müsse.

Die schreckliche Kunde verbreitete sich in kurzer Zeit durch die ganze Stadt. In dem Maße sie von einem zum anderen ging, vergrößerte das Gerücht die Zahl der Feinde gar wundersam; bald waren die Franzosen über hunderttausend Mann stark. Man kann sich denken, wie zagend und ängstlich die Frauen und Kinder dem nahenden Unheil entgegenblickten! In allen Straßen sah man weinende Mütter, die ihre zitternden Töchter voll Liebe und Mitleid umarmten. Die Kinder jammerten, weil sie ihre Mütter weinen sahen, und zitterten, ohne die drohende Gefahr ganz zu begreifen. Die schmerzlichen Klagen und die Todesangst in den Zügen dieser schwachen Wesen stachen seltsam von der kühnen, trotzigen Haltung der Männer ab.