Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 21

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Nun waren zwei Jahre vergangen, seit der Fremdling den Fuß auf den vaterländischen Boden gesetzt und gerufen hatte: »Beugt euer Haupt, ihr Vlaemen! Ihr Abkömmlinge des Nordens, gehorcht den Söhnen des Südens oder sterbt.«

Aber damals wußten sie nicht, daß es in Brügge einen Mann voll Geist und Heldenmut gab, einen Mann, der unter all seinen Zunftgenossen hervorleuchtete, zu dem Gott wie zu Moses gesprochen hatte: »Gehe hin und erlöse Deine Brüder aus den Banden Pharaos!«

Sobald die verheerenden Scharen der Franzosen den Boden des Vaterlands betreten hatten und die Sonne vom aufgewirbelten Staub verfinstert wurde, ertönte eine geheime Stimme in De Conincks Seele, eine Stimme, die da sprach: Gib acht, jene suchen Sklaven! Bei diesem Gedanken erzitterte der edle Bürger in schmerzvoller Entrüstung.

»Sklaven, wir Sklaven?« war sein Seufzer. »O Herr, unser Gott, laß das nicht zu! Das Blut unserer freien Väter ist vor Deinen Altären dahingeströmt, im sandigen Arabien sind sie mit Deinem Namen auf den Lippen erschlagen worden; o gib es nicht zu, daß ihre Söhne von Fremdlingen in Ketten geschlagen werden, damit die Tempel, die wir Dir errichtet haben, nicht von Sklaven erfüllt werden.«

De Coninck hatte dieses Gebet in seiner Sprache gesprochen, aber das Herz der Menschen liegt offen vor ihrem Schöpfer. Er fand in dem Vlaemen noch all den Edelmut, den Geist, daraus seine Seele erschaffen war, und erleuchtete ihn mit einem göttlichen Strahl. Jählings von geheimer Kraft beseelt, fühlte sich der zwiefach stark und rief voll Begeisterung:

»Ja, Herr, ich habe Deine starke Hand auf meiner Stirn gefühlt; ja, ich werde mein Vaterland schützen! Ich werde die Gräber meiner Väter, Deiner Diener, nicht zertreten lassen! Gesegnet seist Du, o Gott, der mich berufen hat!«

Seit diesem Augenblick hatte De Coninck nur ein Sinnen, nur einen Wunsch in seinem Herzen bewahrt; aus dem großen Worte >Vaterland< entstanden all seine Gefühle, all seine Handlungen; Vorteil, Verwandtschaft, Ruhe, alles wurde geopfert, um allein der Liebe zu dem Lande des Löwen in seinem großen Herzen Raum zu geben. Wo gab es auch je einen edleren Sterblichen als diesen Vlaemen, der viele hundertmal sein Leben und seine Freiheit für Flanderns Freiheit wagte! Welchem Sterblichen ward jemals höherer Geist zuteil? Er allein vereitelte trotz aller Bastarde und Leliaerts, die Flandern verkaufen wollten, jegliche Unternehmung des Königs von Frankreich; er allein bewahrte sogar in Ketten ein Löwenherz und bereitete die Befreiung langsam vor.

Die Franzosen wußten es wohl: sie kannten den, der jeden Augenblick die Räder ihres Siegeswagens zerschellte. Sie hätten den lästigen Gegner wohl gern aus dem Wege geräumt, aber er besaß auch die List der Schlange. Er hatte sich in seinen Brüdern eine Brustwehr errichtet; das wußten die Fremdlinge und wagten nicht, ihn anzugreifen; denn alsdann würde er blutig gerächt worden sein. Während die Franzosen ganz Flandern unter das Joch der Tyrannei gebeugt hatten, lebte De Coninck im vollen Genuß seiner Freiheit unter seinen Mitbürgern und beherrschte sogar seine Gebieter; sie fürchteten ihn mehr, als er sie.

Jetzt hatten siebentausend Franzosen die zweijährige Unterdrückung mit dem Leben gebüßt; kein einziger Fremdling atmete mehr in dem befreiten Brügge; das Volk jubelte über seine Erlösung; die Stadt hallte wider von fröhlichen Liedern, die von den Minnesängern für dieses Fest gedichtet wurden, und die weiße Flagge mit dem blauen Löwen flatterte aufs neue vom Wachtturm. Dies Symbol, das in früheren Zeiten gleichermaßen auf den Mauern Jerusalems geprangt hatte und Zeuge so glorreicher Taten gewesen war, erfüllte die Herzen der Brügger mit Stolz; von diesem Tage an wurde eine Unterjochung Flanderns unmöglich: die Bürger erinnerten sich, wie viel Blut ihre Väter für die Freiheit vergossen hatten. Bisweilen stürzten Tränen aus ihren Augen, Tränen, die das Herz erleichtern, wenn es zu feurig ist und von edler Leidenschaft erglüht.

Vielleicht wird man annehmen, daß De Coninck das Werk nun für vollendet gehalten, sich damit beschäftigt hätte, seine zerstörte Wohnung wiederherzustellen. Doch nein, er dachte weder an sein Haus, noch an den Reichtum, der ihm geraubt war; das Wohlergehen und die Ruhe seiner Brüder war seine erste Sorge. Er wußte wohl, daß von Freiheit zur Unordnung nur ein Schritt ist; drum erwählte er noch am gleichen Tage von jeder Zunft einen Altmeister und legte mit Zustimmung des Volkes die Regierung in ihre Hände. Er wurde nicht zum Vorsitzenden dieses Rates ernannt, keine Geschäfte wurden ihm übertragen, aber er übernahm sie alle. Niemand durfte etwas ohne sein Wissen tun, sein Rat war Befehl in allen Dingen, und ohne jemals etwas zu gebieten, war sein Gedanke doch die einzige Richtschnur für das Gemeinwohl, -- so groß ist die Herrschaft des Geistes.

Das französische Heer war zwar vernichtet, aber man konnte sicher sein, daß Philipp der Schöne neue, noch zahlreichere Truppen nach Flandern schicken würde, um die ihm widerfahrene Schmach zu rächen. Die meisten dachten wenig an diese furchtbare Gewißheit, es genügte ihnen, jetzt frei und froh zu sein; aber De Coninck teilte nicht die allgemeine Freude. Er hatte die Gegenwart bereits vergessen. Denn er sorgte schon dafür, künftigem Unheil vorzubeugen. -- Es war ihm nicht unbekannt, daß mit der Gefahr auch die Begeisterung und der Mut des Volkes dahingeht, und deshalb wandte er alle Mühe auf, um in der Stadt die Erinnerung an den Krieg dauernd lebendig zu erhalten. Jedem Gesellen wurde ein Goedendag oder eine andere Waffe gegeben, eine neue Einteilung der Zünfte vorgenommen und der Befehl erteilt, sich jederzeit zum Kampf bereitzuhalten. Die Maurerzunft begann, die Festungswerke wiederherzustellen, und in den Werkstätten der Schmiede war es verboten, anderes als Waffen für die Gemeinde herzustellen. Die Zölle wurden neu eingerichtet und die städtischen Abgaben wieder erhoben. Durch diese weisen Maßnahmen lenkte De Coninck alle Gedanken, alle Bestrebungen auf ein Ziel und bewahrte auf diese Weise seine Vaterstadt vor dem mannigfachen Unheil, das eine große Umwälzung, so edel sie auch sei, allzeit nach sich zieht. Man hätte glauben sollen, die neue Regierung Brügges hätte schon längst bestanden.

Unmittelbar nach der Befreiung, während das Volk noch in allen Straßen den Wein der Freude trank, hatte De Coninck einen Boten in das Lager zu Damm gesandt, um die übrigen Zunftleute gleichwie die Frauen und Kinder in die Stadt zu rufen. Mit ihnen war auch Machteld gekommen, und man hatte ihr eine prachtvolle Wohnung im Prinzenhof angeboten. Sie hatte jedoch das Haus van Nieuwland erwählt, den Ort, da sie so manche trübe Stunde verlebt hatte, den Ort, daran alle ihre Tränen geknüpft waren. Hier fand sie an Adolfs guter Schwester eine zärtliche Freundin wieder, in deren Herz sie die Liebe und die Bangigkeit ihres beklemmten Herzens gießen konnte.

Zum vierten Male erhob sich die Sonne mit strahlender Glut über dem freien Brügge. Machteld saß allein in dem Gemach, das sie früher in dem Haus Adolfs van Nieuwland bewohnt hatte. Der treue Vogel, ihr geliebter Falke, war nicht mehr bei ihr, er war tot. In den ernsten Zügen der Jungfrau zeigten sich die bleichen, untrüglichen Kennzeichen ihrer Krankheit. Ihre Augen waren trübe, ihre Wangen eingefallen; alles verriet, daß bitteres Weh an ihrem Herzen nagte.

Just eben trat ihre Freundin Maria in das Gemach. Das Lächeln, welches jetzt über die Züge der Jungfrau glitt, war dem ähnlich, das sich zuweilen, selbst nach einem schmerzlichen Tode, auf dem Antlitz mancher Gestorbenen hält; es drückte, mehr als die heftigste Klage, ihren Schmerz und Kummer aus. Sie sah die Schwester Adolfs mit einem Blick an, der zu ihr sagte: O, gib mir Trost und Linderung! Maria nahte dem bekümmerten Mägdelein und drückte ihm voll zärtlichen Mitleids die Hand. Sie verlieh ihrer Stimme den sanften Laut, der so wohltuend auf das Herz der Unglücklichen wirkt, und sprach:

»Ihr vergießt im stillen Tränen, teure Machteld, Euer Herz vergeht vor Leid und Kummer, und nichts, nichts erleichtert Euer bitteres Los! O, wie seid Ihr doch unglücklich!«

»Unglücklich, sagt Ihr, liebste Freundin? O ja, es ist etwas in meinem Innern, das mir das Herz zusammenpreßt und quält. Wißt Ihr, welch schreckliche Bilder mir stets vor Augen schweben? Begreift Ihr, warum ich immerdar weinen muß? Ich habe meinen Vater durch Gift sterben sehen, habe die Stimme eines Sterbenden vernommen, eine Stimme, die da sagte: Leb' wohl, mein Kind, das ich so zärtlich liebte.«

»Ich bitte Euch, teure Machteld,« fiel Maria ihr ins Wort, »verbannt diese gräßlichen Gedanken. Ihr macht mich beben! Euer Vater lebt; Ihr versündigt Euch schwer durch diese Verzweiflung! Vergebt mir diese harten Worte.«

Machteld ergriff die Hand Marias und drückte sie sanft, als wollte sie ihrer Freundin zu verstehen geben, daß ihre Worte dennoch für sie tröstlich gewesen wären. Trotzdem hing sie weiter ihren traurigen Betrachtungen nach, als wenn es ihr Freude machte. Die Klagen vergrämter Herzen sind auch Tränen, die den Schmerz erleichtern. Sie fuhr fort:

»Ich habe noch mehr gesehen, Maria: ich sah den Scharfrichter, von der grausamen Johanna von Navarra entsandt, sein Beil über dem Haupt Eures Bruders erheben!«

»O Gott,« rief Maria, »welch furchtbarer Gedanke!«

Sie bebte, und Tränen erzitterten in ihren Augen.

»Und auch seine Stimme habe ich vernommen, eine Stimme, die sagte: Lebe wohl! Lebe wohl!«

Von diesem schrecklichen Worte betroffen, warf sich Maria in Machtelds Arme; ihre Tränen flossen auf die klopfende Brust ihrer unglücklichen Freundin, und man hörte sie nur noch still schluchzen. Nachdem sie einander solcherart einige Zeit stumm und voll bitteren Schmerzes umschlungen gehalten hatten, fragte Machteld:

»Versteht Ihr nun meinen Schmerz? Begreift Ihr nun, weshalb ich langsam hinsieche?«

»O ja,« antwortete Maria verzweifelt, »ja, ich verstehe, ich fühle Eure Leiden. O mein armer Bruder! Aber warum, teuerste Machteld, sollten wir uns so sehr durch trügerische Gedankengebilde peinigen lassen? Nichts kann diesem schmerzlichen Vorgefühl, das uns quält, auch nur einige Gewißheit geben; ich bin überzeugt, daß unserem Herrn Robrecht, Eurem Vater, nichts Schlimmes widerfahren, daß mein Bruder bereits auf dem Wege ist, ins Vaterland zurückzukehren.«

»Und Ihr habt geweint, Maria? Weint man, wenn einem die Rückkehr des Bruders entgegenlacht?«

»Ihr quält Euch selbst, liebe Jungfrau! O, der Schmerz muß tiefe Wunden in Eurem Herzen geschlagen haben, daß Ihr diesen schwarzen Bildern so hartnäckig nachhängt. Glaubt mir, Euer Vater lebt, und vielleicht steht seine Befreiung nahe bevor. Denkt nur, wie Ihr Euch freuen werdet, wenn Ihr erst seine Stimme hört, die zu Euch sagen wird: Meine Ketten sind zerbrochen! Wenn er einen zärtlichen Kuß auf Eure Stirn drücken und seine liebevolle Umarmung Eure Wangen wieder röten wird. Ihr werdet wieder in dem herrlichen Schloß Wijnendael wohnen: Herr van Bethune wird den Thron seiner Väter besteigen, und dann sollt Ihr durch Eure Liebe eine Stütze seines Alters werden! Dann werdet Ihr nicht mehr Eurer gegenwärtigen Schmerzen gedenken, es sei denn, um Euch an dem zu erfreuen, was Ihr aus Liebe zu Eurem durchlauchtigen Vater gelitten habt. Sagt mir nun, meine teuerste Machteld, wollt Ihr denn jeglichen Hoffnungsstrahl von Eurer Seele abwehren, können diese frohen Aussichten Euch keinen Trost verleihen?«

Während dieser Worte war eine merkliche Veränderung in Machteld vor sich gegangen. Sanfte Freude hatte ihr Auge geheitert, und ein liebliches Lächeln schwebte um ihre Lippen.

»O Maria,« schluchzte sie, während sie ihren rechten Arm um den Hals ihrer tröstenden Freundin schlang, »wüßtet Ihr, welche Erquickung ich empfinde, welch unerwartetes Glück Ihr wie einen Balsam über mich ausgegossen habt! So möge der Engel des Herrn Euch in Eurer letzten Stunde trösten. Welch süße Worte gab Euch die Freundschaft ein, meine Schwester!«

»Eure Schwester,« wiederholte Maria, »dieser Name kommt Eurer Dienerin nicht zu, durchlauchtige Jungfrau. Ich bin hinlänglich belohnt, wenn ich diesen tiefen Gram von Euch gescheucht habe.«

»Nehmt diesen Namen an, meine liebe Maria. Ich liebe Euch so zärtlich. Und ward Euer edler Bruder nicht mit mir erzogen? Ward er mir nicht von meinem Vater zum Bruder gegeben? Ja, wir sind von der gleichen Familie. O, ich bete ganze Nächte, daß die heiligen Engel Adolf auf seiner gefährlichen Reise bewahren mögen! Er kann mich noch trösten, noch erheitern! Aber horch! sollte mein Gebet erhört sein? Ja, ja, da ist er, mein lieber Bruder!«

Sie reckte den Arm und wies regungslos mit dem Finger nach der Straße. Sie stand da gleich einer Statue und schien einem fernen Geräusch zu lauschen. Maria erschrak; sie glaubte, Machtelds Sinne hätten sich verwirrt. Gerade als sie sprechen wollte, hörte sie den Hufschlag eines Rosses in der Straße widerhallen und begriff jetzt den Sinn von Machtelds Worten. Dieselbe Hoffnung durchdrang auch sie, und sie fühlte die ungestümen Schläge ihres Herzens sich verdoppeln. Einige Augenblicke hatten sie miteinander solcherart sprachlos dagestanden, dann verstummte plötzlich das Geräusch, das sie gehört hatten, und schon glaubten beide, sie hätten sich in ihrer frohen Hoffnung getäuscht, als die Tür des Gemachs ungestüm aufgerissen wurde.

»Da ist er! Da ist er!« rief Machteld. »Gott sei Dank, meine Augen sehen ihn wieder!«

Sie lief dem Ritter hastig entgegen, und auch Adolf eilte herbei; doch er fuhr plötzlich bebend zurück. Statt der lieblichen Jungfrau, der er zu begegnen glaubte, sah er eine abgehärmte Gestalt vor sich mit eingefallenen Wangen und tiefliegenden Augen. Während er bedachte, ob dieser Schatten Machteld sei oder nicht, lief ihm ein eiskalter Schauer über den Körper; alles Blut drang ihm von den Wangen zum Herzen, und sein Gesicht war bleicher denn das weiße Gewand seiner Freundin. Seine Arme sanken nieder, und die Augen starrten auf die abgezehrten Wangen Machtelds. So stand er bewegungslos, als ob ihn der Blitz getroffen hätte. Plötzlich senkte er die Augen zu Boden, und eine Flut bitterster Tränen strömte über seine Wangen. Er sprach kein einziges Wort, selbst keine Klage, kein Seufzer kam über seine Lippen. Vielleicht hätte er noch lange in stiller Verzweiflung geweint, denn sein Herz war zu sehr von Trauer ergriffen, um es durch Worte entlasten zu können; aber seine Schwester Maria, die sich aus Achtung vor Machteld bis dahin zurückgehalten hatte, flog ihm um den Hals und weckte ihn durch Küsse, mit denen sie unter zärtlichen Worten die Wange ihres geliebten Bruders bedeckte. Die Jungfrau betrachtete die Äußerung schwesterlicher Liebe mit inniger Rührung, sie zitterte und wurde von tiefster Niedergeschlagenheit ergriffen. Adolfs Erbleichen und der Schreck, den er so deutlich verriet, hatten ihr gekündet: Du bist entstellt, deine abgezehrten Wangen beängstigen, deine erloschenen Augen flößen Furcht und Schrecken ein; sogar der Mann, den du deinen Bruder nennst, erbebte bei deinem Anblick. Von düsterer Verzweiflung durchschüttert, fühlte sie die bebenden Knie versagen. Mühsam schleppte sie sich bis zu einem Lehnstuhl und ließ sich kraftlos und matt in ihn hineinsinken. Sie barg das Gesicht in den Händen und blieb in dieser Stellung sitzen. Nach einigen Augenblicken hörte sie in dem Gemach keinen Laut mehr, größte Stille herrschte um sie her, und sie vermeinte, daß man sie grausam verlassen habe.

Aber bald fühlte sie eine Hand die ihre drücken; sie hörte sich mit zärtlich-flehentlicher Liebe anrufen: »Machteld! Machteld! O meine unglückliche Schwester!«

Dann öffnete sie die Augen und sah Adolf weinend vor sich stehen. Tränen rollten über seine Wangen, und aus seinen Blicken sprach heiße Zuneigung, tiefes Mitleid.

»Ich bin verändert, nicht wahr, Adolf,« seufzte sie. »Ihr fürchtet Euch vor mir; Ihr werdet mich nicht mehr so gern wie früher haben.«

Der Ritter verfärbte sich bei diesen Worten und betrachtete das Mädchen mit seltsamem Blick. Er faßte sich jedoch schnell und sprach:

»Machteld, habt Ihr an meiner Zuneigung zweifeln können? O, das ist nicht recht von Euch! Wirklich, Ihr seid allerdings verändert! Welche Krankheit, welcher Kummer hat Euch so gequält, meine arme Schwester, daß alle Farbe aus Euren Wangen gewichen ist? Ich habe geweint und war erschreckt. Ja, aber es war aus Mitleid, aus Teilnahme an Eurem Schicksal. Immer, immer will ich Euer Freund und Bruder sein, Machteld. Ich will Euch trösten durch eine frohe Nachricht, durch gute Neuigkeiten Euch heilen!«

Die Jungfrau war allmählich heiterer geworden. Die Stimme Adolfs übte einen wunderbaren Einfluß auf sie aus, und froh und lebhaft antwortete sie: »Eine gute Nachricht, sagt Ihr, Adolf? Gute Nachricht von meinem Vater? O, sprecht, sprecht, mein Freund!«

Dabei zog sie zwei Stühle zu ihrem Sessel und bot sie Maria und ihrem Bruder an. Adolf reichte Machteld die eine Hand, die andere seiner teuren Schwester. So saß er inmitten der beiden nun weniger bekümmerten Mägdelein wie ein tröstender Engel, auf dessen Worte man lauscht wie auf ein frommes Lied.

»Freut Euch, Machteld, dankt Gott für seine Güte. Euer Vater ist zwar betrübt, doch ganz gesund nach Bourges zurückgekehrt; niemand denn der alte Kastellan und Dietrich der Fuchs wissen um seine kurze Abwesenheit. Er genießt noch Freiheit in seinem Gefängnis; die Feinde, die ihn bewachen müssen, sind seine besten Freunde geworden.«

»Aber wenn die böse Johanna Frankreichs Schmach an ihm rächen wollte, wer würde ihn dann vor ihren Henkersknechten schützen? Ihr seid nicht mehr bei ihm, edler Freund.«

»Seht, Machteld, die Wachen, denen die Feste zu Bourges anvertraut ist, sind alle alte Krieger, die ob schwerer Wunden zu weiten Kriegsfahrten nicht mehr tauglich sind. Die meisten unter ihnen haben die Heldentaten des Löwen von Flandern zu Benevent mit erlebt. Ihr könnt Euch nicht vorstellen, welche Liebe, welche Bewunderung ein echter Krieger vor dem Manne fühlt, dessen Name die Feinde Frankreichs so oft erzittern machte. Wenn Herr van Bethune ohne Erlaubnis des Kastellans, ihres Befehlshabers, entfliehen wollte, würden sie ihn ohne Zweifel zurückhalten; aber ich versichere Euch, -- denn ich kenne den Edelmut dieser Krieger, die unter dem Harnisch ergraut sind, -- daß sie alle ihr Blut für ihn dahingeben würden, wenn man auf dem von ihnen so verehrten Haupte nur ein Härlein krümmen wollte. Fürchtet nichts, das Leben Eures Vaters ist in Sicherheit, und wäre ihm Euer neues Unglück nicht so nahe gegangen, er würde seine Haft geduldig ertragen.«

»O, wie gut sind Eure Nachrichten, mein Freund, wie hold erklingen Eure Worte meinem erleichterten Herzen! Ich fühle mich bei Eurem Lächeln wieder aufleben; fahrt fort, damit ich Eurer Stimme noch weiter lauschen kann.«

»Noch süßere Hoffnungen gab mir der Löwe für Euch mit auf den Weg, Machteld. Vielleicht steht die Befreiung Eures Vaters nahe bevor; vielleicht werdet Ihr in kurzem mit ihm und all Euren Blutsverwandten wieder in dem schönen Wijnendaal sein.«

»Was sagt Ihr, Freund? Eure Liebe gibt Euch diese Worte ein, umschmeichelt mich doch nicht mit einem unmöglichen Glück.«

»Seid doch nicht so ungläubig, Machteld. Hört, worauf diese frohe Hoffnung gegründet ist: Ihr wißt, daß sich Karl von Valois, der edelste Franzose, der wackerste Ritter, nach Italien zurückgezogen hat. Auch am römischen Hofe hat er nicht vergessen, daß er die schuldlose Ursache für die Gefangennahme Eurer Verwandten war. Der Gedanke peinigt ihn, wie ein Verräter seinen Freund und Waffengefährten, den Löwen von Flandern, den Händen seiner Feinde selbst überliefert zu haben. So bemüht er sich denn, auf jede nur mögliche Weise seine Befreiung zu bewirken. Schon sind die Gesandten des Papstes Bonifacius vor König Philipp dem Schönen erschienen und haben von ihm dringend die Freilassung Eures Vaters und all Eurer Verwandten gefordert. Der Heilige Vater spart keine Mühe, um Flandern seine gesetzmäßigen Fürsten zurückzugeben. Der französische Hof ist zum Frieden geneigt. Wir wollen uns an diese tröstende Hoffnung klammern, treue Freundin.«

»Gewiß, Adolf, wir wollen so trostvolle Gedanken nähren! Aber wir schmeicheln uns nur mit trügender Hoffnung. Wird der König von Frankreich den Untergang seiner Söldner nicht rächen? Wird Châtillon, unser erbitterter Feind, seine grausame Nichte Johanna nicht aufstacheln? Bedenkt doch, Adolf, was für Folterqualen diese blutdürstige Frau ersinnen kann, um sich an uns für die Tapferkeit der Vlaemen zu rächen.«

»Quält Euch doch nicht selbst, meine liebe Machteld. Eure Furcht ist ja unbegründet. Vielleicht wird auch Philipp der Schöne durch die schreckliche Vernichtung seiner Söldner inne werden, daß die Vlaemen sich niemals der Franzosenherrschaft fügen. Sein eigner Vorteil wird ihn zwingen, unsere Landesherren in Freiheit zu setzen, sonst verliert er das schönste Lehen seiner Krone. Ihr seht, edle Jungfrau, daß alles sich günstig gestaltet.«

»Ja, ja, Adolf, in Eurer Gegenwart weicht all mein Kummer. Ihr sprecht so tröstlich, daß mein Herz gar freudig davon erklingt.«

Solcherart sprachen sie noch lange über ihre Befürchtungen und Hoffnungen, und als Adolf Machteld alles dargelegt und ihr Herz mit Trost gelabt hatte, richtete er in brüderlicher Liebe auch das Wort an seine Schwester. So entspann sich ein ruhiges Geplauder, das sie recht froh und heiter stimmte. Machteld vergaß alles erlittene Weh; sie atmete freier, kräftiger, und ihre Wangen färbten sich mit einer leichten Röte.

Plötzlich ließ sich brausender Lärm in den Straßen vernehmen. Tausende von Stimmen erklangen, und laute Freudenrufe der Menge schollen durcheinander. Nur in den Pausen ließen sich einzelne Rufe verstehen. »Vlaenderen den Leeuw! Heil, Heil unserem Grafen!« schrie das begeisterte Volk mit frohem Händeklatschen. Adolf war mit den Frauen zum Fenster getreten. Sie sahen die wogende Menge, Kopf an Kopf, nach dem Markt eilen. Auch Frauen und Kinder befanden sich in dem Menschenstrom. In einer anderen Straße vernahmen sie den Hufschlag zahlreicher Rosse. Aus allem konnten sie schließen, daß ein Reiterheer in Brügge seinen Einzug hielt. Während sie die mögliche Ursache dieser Volksbewegung besprachen, teilte ein Diener mit, daß ein Bote um die Erlaubnis bäte, vor ihnen erscheinen zu dürfen. Sobald sie erteilt war, trat der Bote in das Zimmer. Es war ein junger Edelknabe, ein liebliches Kind, dessen Züge Unschuld und Treue kündeten. Seine Kleidung war aus schwarzer und blauer Seide und gar zierlich geschmückt. Er nahte bis auf wenig Schritt den Frauen, entblößte ehrerbietig das Haupt und verbeugte sich tief, ohne aber zu sprechen.

»Welch gute Nachricht bringst Du uns, mein lieber Knabe?« fragte Machteld freundlich.

Jetzt hob der Edelknabe das Haupt und antwortete mit zarter Kinderstimme:

»An die durchlauchtigste Tochter des Löwen, unseres Grafen! Ich bringe eine Botschaft von meinem Herrn und Meister Gwijde, der in diesem Augenblick mit fünfhundert Reitern in die Stadt eingerückt ist. Er läßt seine schöne Nichte Machteld van Bethune grüßen und wird ihr in nur wenigen Stunden seine innige Zuneigung selbst bezeigen. Dies meine Botschaft, die Euch hiermit kund getan sei, edle Jungfrau.«

Dann trat er gesenkten Hauptes zur Tür zurück und entfernte sich. Gemäß dem Versprechen, das der junge Gwijde von Flandern im Gehölz bei den Ruinen von Nieuwenhove De Coninck gegeben hatte, war er mit der vereinbarten Hilfe von Namur eingetroffen. Unterwegs hatte er das Schloß Wijnendaal erstürmt und die französische Besatzung niedergemacht. Ebenso hatte er die Burg Sijsseele bis auf den Grund zerstört, weil ihr Kastellan ein geschworener Leliaert war und den Franzosen in seinen Mauern Zuflucht gewährt hatte. Der siegreiche Einzug Gwijdes riß die Bürger zu höchster Freude hin. In allen Straßen jauchzte und jubelte die Menge:

»Heil unserem Grafen! Vlaenderen den Leeuw!«