Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 20
Ein Gemurmel glitt unter dem Laubdach der Bäume dahin, so düster und rachegierig, daß dieser Ton allein schon das Herz mit Bangen erfüllen konnte.
»Sie sollen des Todes sterben!« gaben die Anführer zur Antwort.
»Wohlan,« fuhr De Coninck fort, »noch heute werden wir frei sein; aber wir werden noch größeren Mutes bedürfen, um unsere Freiheit zu bewahren; denn ohne Zweifel wird der französische König mit einem neuen Heere nach Flandern kommen.«
»Um so besser,« fiel ihm Breydel ins Wort, »dann werden noch mehr Kinder um ihre Väter weinen müssen, wie ich meine arme Mutter beweine. Gott habe sie selig!«
Breydel hatte De Coninck unterbrochen. Der fürchtete, die Zeit, um ihnen die nötigen Anweisungen zu geben, könnte zu kurz werden, und fuhr fort:
»Hört zu, was ihr zu tun habt: sobald die Glocke von Saint-Kruis drei schlägt, laßt eure Leute aufstehen, sich gliedern und auf die Stadt zurücken. Ich werde mich mit einigen Gesellen an die Stadtmauern begeben; und wird gleich danach das Tor durch die Klauwaerts geöffnet, die ich in der Stadt gelassen habe, so ziehet schweigend in die Stadt ein und nehmt folgende Richtung: Meister Breydel mit den Fleischern wird das Speitor besetzen und sich dann mit seinen Leuten in alle Straßen nächst der Snaggaartsbrücke verteilen. Meister Lindens, Ihr nehmt das Kathelinentor und schickt Eure Leute in alle Straßen bei der Frauenkirche. Die Zunft der Gerber und Schuster soll das Genter Tor bis an den Stein und die Burg besetzen; die anderen Zünfte unter dem Obmann der Maurer sollen das Dammtor nehmen und sich im Umkreis der Saint-Donatuskirche ausbreiten; ich mit meinen zweitausend Leuten werde mich zum Boverietor begeben, und meine Gesellen werden das ganze Viertel von dort bis ans Eselstor und den großen Markt einkreisen. Habt ihr solcherart die Wachen der Tore überfallen, so bleibt möglichst still in den Straßen stehen; denn wir wollen die Franzosen erst wecken, wenn alles bereit ist. Merket wohl! Sobald ihr den vaterländischen Ruf hört: Flandern der Löwe! ruft ihn alle mit; der soll als Zeichen dienen, und ihr könnt euch dadurch in der Finsternis wiedererkennen. Stürmt dann die Türen der Häuser ein, wo die Franzosen untergebracht sind, und macht alles nieder.«
»Meister,« meinte einer der Anführer, »wir werden doch aber die Franzosen nicht von unseren Mitbürgern unterscheiden können, denn meist werden wir sie zu Bett und entkleidet antreffen.«
»Da gibt es ein leichtes Mittel, jeden Mißgriff zu vermeiden. Hört, was ihr zu tun habt. Könnt ihr auf den ersten Blick nicht sehen, ob ihr auf einen Franzosen oder Vlaemen trefft, dann heißt ihm: Schild en vriend! zu sagen. Wer diese Worte nicht aussprechen kann, hat eine französische Zunge, und den macht nieder.«
Eben schlug es drei Uhr auf dem Turme zu Saint-Kruis.
»Noch etwas!« sagte De Coninck hastig. »Ich habe das Haus des Herrn von Montenay unter meinen Schutz gestellt; es darf also von euch weder zerstört noch angegriffen werden; niemand soll einen Fuß über die Schwelle dieses edelen Feindes setzen. Nun rasch zu euren Leuten! Teilt ihnen meine Befehle mit und tut, wie befohlen. Macht rasch! Und bitte, kein Geräusch!«
Die Anführer begaben sich zu ihren Abteilungen und führten sie nacheinander zum Wegesrand. De Coninck stellte eine große Schar Weber längst des Weges bis auf Bogenschußweite von der Stadt auf. Er allein schlich dem Wall noch näher und suchte die Finsternis zu durchdringen. Das brennende Ende einer Lunte, das er in seiner Hand verborgen hielt, schimmerte rotglühend durch seine Finger. Er sah einen Kopf sich über die Stadtmauer erheben: es war der Weber, den er am Abend zuvor besucht hatte. Nun nahm er flink ein Bündel Flachs, das er unter dem Wams verborgen hatte, legte es auf den Boden und blies die Lunte stark an. Alsbald lohte eine lichte Flamme vom Felde auf, und das Haupt des Webers verschwand hinter der Stadtmauer. Das Zeichen war noch keine vier Minuten gegeben worden, als die Schildwache, die oben auf dem Wall stand, mit einem Schmerzensschrei zu Boden stürzte und über die Mauer geworfen wurde. Dann hörte man hinter dem Tore Waffen rasseln und das Stöhnen von Sterbenden; und gleich darauf folgte Totenstille.
Mit der größten Vorsicht zogen alle Zünfte in Brügge ein. Jeder Anführer begab sich mit seinen Leuten nach dem Stadtviertel, das ihm De Coninck angewiesen hatte. Eine Viertelstunde später waren die Wachen an allen Toren erschlagen, und jede Zunft befand sich auf ihrem Platz. Vor jedem Hause, da Franzosen untergebracht waren, standen acht Klauwaerts bereit, sich mit Hammer und Beil den Eingang zu schaffen. Keine einzige Straße war unbesetzt, die ganze Stadt war in den Händen der Klauwaerts, die nur des Zeichens zum Angriff harrten. De Coninck stand mitten auf dem Freitagsmarkt; nach kurzem Bedenken sprach er laut den Fluch über die Franzosen:
»Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is! Slaed al dood!«[30]
[30] Flandern der Löwe! Was welsch (französisch) ist, ist falsch! Schlagt alle tot!
Dieser Ruf, das Todesurteil für die Fremden, wurde von fünftausend Kehlen wiederholt. Man kann sich leicht das furchtbare Geheul, die schauerliche Verwirrung, das entsetzliche Mordgeschrei vorstellen. Im gleichen Augenblick wurden alle Türen eingestoßen und zertrümmert. Die Klauwaerts stürmten voll Rachedurst zu den Schlafkammern der Franzosen und ermordeten alles, was die Worte >Schild en vriend< nicht aussprechen konnte. Weil in einigen Häusern mehr Franzosen untergebracht waren, als man in so kurzer Zeit erschlagen konnte, hatten viele Zeit, sich anzukleiden und zu den Waffen zu greifen. Das geschah zumal in dem Stadtviertel, wo Châtillon mit seinen zahlreichen Wachen wohnte. Ungeachtet der Wut Breydels und seiner Leute hatten sich ungefähr sechshundert Franzosen solcherart zusammengerottet. Viele waren, wenngleich verwundet, dem Gemetzel entkommen und begaben sich aus den anderen Straßen zur Snaggaartsbrücke. So stieg die Zahl der Flüchtigen schließlich auf ungefähr tausend Mann, die ihr Leben so teuer als möglich verkaufen wollten. In dichten Scharen standen sie vor den Häusern und verteidigten sich verzweifelt gegen die Fleischer. Viele hatten Armbrüste und schossen gar manchen Klauwaert nieder. Aber das steigerte nur die Raserei der anderen, die ihre Genossen fallen sahen. Man hörte Châtillons Stimme, der die Seinen zum Widerstand anfeuerte, und ward auch Herrn von Montenays ansichtig, dessen Riesenschwert in der Finsternis wie ein Blitzstrahl leuchtete.
Breydel raste wie ein Wahnsinniger und hieb rechts und links auf die Franzosen ein. Er stand schon einige Fuß über der Erde, soviel Feinde hatte er vor sich niedergeworfen. Ströme von Blut flossen unter den Leichen, und der Ruf: »Flandern der Löwe! Schlagt alles tot!« mischte sich schauerlich mit dem Ächzen der Sterbenden.
Unter den Franzosen befand sich auch Herr van Gistel. Da er wußte, daß sein Tod unvermeidlich war, wenn die Vlaemen den Sieg behielten, so rief er beständig: »Hoch Frankreich! Hoch Frankreich!« Er hoffte die Söldner dadurch anzufeuern. Aber Jan Breydel erkannte seine Stimme.
»Leute!« rief er in voller Wut, »ich muß die Seele dieses Abtrünnigen haben! Vorwärts! Das hat lange genug gedauert, wer mich liebt, der folge mir nach!«
Mit diesen Worten warf er sich mit seinem Beil mitten unter die Franzosen und hieb alles um sich her sofort nieder. Als seine Genossen das sahen, stürzten sie sich mit solcher Wut auf den Feind, daß sie ihn gegen eine Mauer drängten und an fünfhundert Leute töteten. In diesem entscheidenden Augenblick, in dieser furchtbaren Todesstunde, gedachte Montenay der Worte und des Gelübdes De Conincks; er hoffte, den Landvogt noch retten zu können, und rief:
»Ich bin Montenay, man gebe mir den Weg frei!«
Die Klauwaerts ließen ihn ehrerbietig durch und hemmten ihn nicht.
»Hierher, hierher! Folgt mir, Genossen!« rief er dem verbliebenen Häuflein Franzosen zu; denn er glaubte, sie so zu retten. Aber die Vlaemen hieben so schrecklich auf sie ein, die Zahl der Flüchtenden schmolz so zusammen, daß mit Châtillon nicht mehr als dreißig Leute in das Haus des Herrn von Mortenay gelangen konnten; die übrigen lagen alle in ihrem Blut am Boden. Breydel stellte seine Leute vor der Tür des Stadtvogts auf und verbot ihnen, das Haus zu betreten. Er kreiste die Wohnung ein, damit niemand entfliehen sollte, und hielt selbst vor dem Eingang Wache.
Während dieses Gefechts war De Coninck in der Steinstraße bei der St. Salvatorskirche noch damit beschäftigt, die letzten Franzosen aufzuspüren. Das gleiche taten auch die anderen Zünfte in den ihnen angewiesenen Straßenvierteln. Man warf die Leichen der Getöteten aus den Häusern, bis die Straßen ganz damit bedeckt waren und man in der Finsternis nur mit Mühe mehr hindurchdringen konnte. Viele Söldner der Besatzung hatten sich verkleidet und glaubten so, durch das eine oder andere Tor entfliehen zu können. Aber das glückte ihnen nicht, da man ihnen befahl, die Worte >Schild en vriend< auszusprechen. Kaum hörte man nur den Klang ihrer Stimme, da saß ihnen schon das Beil im Nacken, und stöhnend stürzten sie zur Erde. Aus allen Vierteln der Stadt ertönte der Ruf: »Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is -- slaed al dood!« Hie und da floh noch ein Franzose vor einem Klauwaert; aber er fiel bald einem anderen in die Hände und starb wenige Schritte weiter.
Dies Gemetzel dauerte, bis sich die Sonne bereits über den Horizont erhoben. Fünftausend Fremde wurden in dieser Nacht den Geistern der ermordeten Vlaemen geopfert. Das ist ein blutiges Blatt in den Chroniken Flanderns; die schreckliche Zahl steht genau darin aufgezeichnet.
Vor der Wohnung des Herrn von Montenay gab es ein seltsam schreckliches Schauspiel. Tausend Fleischer lagerten auf dem Boden, die Beile in der Hand, die Augen drohend und voll Rachsucht auf die Tür gerichtet. Ihre bloßen Arme, ihre Wämser waren von Blut gerötet, und zwischen ihnen lagen viele Leichen. Aber darauf schienen sie nicht zu achten. Einige Gesellen der anderen Zünfte schritten hie und da über die am Boden liegenden Fleischer und suchten die Leichen der erschlagenen Vlaemen, um sie zu bestatten. Wohl sah man den Fleischern die heftige Wut an, doch kein einziges Schimpfwort kam über ihre Lippen. Montenays Wohnung war ihnen dem gegebenen Wort gemäß heilig. Sie wollten De Conincks Gelübde nicht brechen; auch hatten sie zu viel Achtung vor dem Stadtvogt, und sie gaben sich deshalb damit zufrieden, das Quartier zu besetzen und zu bewachen.
Herr von Châtillon und Jan van Gistel, der Leliaert, waren in Montenays Haus geflüchtet. Furchtbarste Angst hatte sie gepackt, denn sie sahen den sicheren Tod vor Augen; Châtillon war ein mutiger Ritter und erwartete kaltblütig sein Schicksal. Jan van Gistel dagegen war bleich und bebte. Trotzdem er sich Gewalt antat, konnte er seine Angst nicht verhehlen und erregte das Mitleid der anderen Franzosen, selbst bei Châtillon, der doch in derselben Gefahr schwebte. Die Herren waren in einem Saal des oberen Stockwerks nach der Straße zu. Von Zeit zu Zeit gingen sie zum Fenster und blickten schaudernd auf die Fleischer, die vor den Türen lagerten wie ein Haufen Wölfe, die auf ihre Beute lauern. Als auch van Gistel zum Fenster trat, hatte Breydel ihn bemerkt und mit dem Beil bedroht. Eine jähe Bewegung entstand unter den Fleischern. Alle hatten ihre Waffen zu dem Verräter, den sie töten wollten, erhoben. Wie bebte des Leliaerts Herz, als ihm diese tausend Beile sein Todesurteil entgegenblitzten! Er wandte sich zu den anderen Rittern und sprach gar kläglich:
»Wir müssen sterben, meine Herren, es gibt keine Gnade für uns; denn sie dürsten nach unserem Blute wie rasende Tiger. Sie werden nicht fortgehen; ach Gott, was sollen wir tun?«
»Durch dieses Pack umzukommen,« entgegnete Châtillon, »ist nicht ehrenvoll. Ich wünschte, ich wäre wie ein Ritter mit dem Degen in der Faust gefallen; aber nun läßt sich das nicht ändern!«
Châtillons Kaltblütigkeit entmutigte van Gistel noch mehr.
»Es läßt sich nicht ändern!« wiederholte er, »ach Gott, welch schrecklicher Augenblick, wie werden sie uns martern! Herr von Montenay, ich bitte Euch um Gottes willen, Ihr vermögt doch so viel über sie, fragt doch, ob sie uns für großes Lösegeld das Leben schenken wollen.«
»Ich werde sie fragen,« antwortete Montenay, »aber laßt Euch nicht sehen, sonst holen sie Euch aus dem Hause!«
Er öffnete das Fenster und rief:
»Meister Breydel! Herr van Gistel läßt Euch fragen, ob Ihr ihm gegen ein großes Lösegeld freies Geleit gewähren würdet. Verlangt alles, was Ihr wollt, bestimmet selbst die Summe. Verweigert es nicht, ich bitte Euch.«
»Leute!« rief Breydel seinen Genossen bitter lachend zu, »sie bieten uns Geld! Sie glauben, die Rache eines Volkes könnte mit Geld gesühnt werden; sollen wir das annehmen?«
»Wir müssen den Leliaert haben,« heulten die Fleischer, »sterben muß er, der Verräter, der Bastardvlaeme!«
Dieses Geschrei gellte fürchterlich in Gistels Ohren. Es kam ihm vor, als ob die Beile ihm schon den Todesstreich versetzten. Montenay wartete, bis sich das ungestüme Rachegeschrei gelegt hatte, und rief dann von neuem:
»Ihr habt mir gesagt, daß meine Wohnung eine Freistatt sei. Warum brecht Ihr nun das gegebene Wort?«
»Wir werden Eure Wohnung achten,« antwortete Breydel. »Aber ich gebe Euch mein Wort: weder Châtillon noch Gistel sollen die Stadt lebend verlassen; ihr Blut soll das Blut unserer Brüder sühnen, und wir werden nicht von hier weichen, bis unsere Beile ihnen den letzten Nackenstreich versetzt haben.«
»Und darf ich frei die Stadt verlassen?«
»Ihr, Herr von Montenay, Ihr mögt mit Euren Dienern gehen, wohin Ihr wollt. Kein Haar auf Eurem Haupt soll gekrümmt werden; aber täuscht uns nicht, denn wir kennen die Leute, die wir suchen, nur zu wohl.«
»Nun denn, so sage ich Euch, daß ich binnen einer Stunde nach Kortrijk abreisen werde.«
»Gott nehme Euch in seinen Schutz!«
»Ihr habt also mit wehrlosen Rittern keinerlei Mitleid?«
»Sie haben auch mit unseren Brüdern kein Mitleid gehabt, wir müssen ihr Blut haben. Der Galgen, den sie errichteten, steht noch da.«
Montenay schloß das Fenster wieder und sprach zu den Rittern:
»Meine Herren, ich beklage euch tief: sie verlangen euren Tod. Ihr schwebt in großer Gefahr! Aber ich hoffe dennoch, daß ich Euer Edeln noch mit Gottes Hilfe werde retten können. Denn hier führt eine Hintertür nach dem Hofe, durch die ihr vielleicht euren blutdürstigen Feinden entrinnen könnt. Verkleidet euch und steigt zu Pferde. Dann werde ich mit meinen Dienern zur Tür hinausgehen, und während ich so die Aufmerksamkeit der Fleischer auf mich ziehe, müßt ihr schleunigst durch die Hintertür nach den Wällen fliehen. Am Schmiedetor ist die Mauer abgebrochen, und es kann euch nicht schwer fallen, ins freie Feld zu gelangen; denn eure Pferde wird man nicht aufhalten können.«
Châtillon und van Gistel warfen sich voller Freude auf dieses letzte Mittel. Der Landvogt legte die Kleider seines Kaplans an, van Gistel die eines einfachen Dieners; dreißig andere Franzosen, die noch übriggeblieben waren, zogen die Pferde aus den Ställen und trafen die nötigen Vorbereitungen, um mit ihrem Feldherrn zu entfliehen.
Als sie alle aufgesessen waren, trat Herr von Montenay mit seinen Dienern auf die Straße, wo die Fleischer lagen. Diese argwöhnten nicht im geringsten, daß man auf einer anderen Seite hinauskommen könne; sie standen auf und betrachteten alle, die den Stadtvogt begleiteten, ganz genau. Aber plötzlich erhob sich in einer anderen Straße der Ruf: »Vlanderen den Leuw! Wat walsch is, valsch is! Slaet al dood!« und man hörte den Hufschlag der davonjagenden Rosse an der Straßenecke. Hals über Kopf liefen alle Fleischer mit wildem Geheul zu der Stelle, von wo der Lärm herübertönte; aber es war zu spät. Châtillon und van Gistel waren entflohen; von den dreißig Mann, die sie begleiteten, waren zwanzig niedergemacht worden; denn überall stießen sie auf Feinde, die über sie herfielen; doch das Glück fügte es, daß die beiden Ritter entkamen. Sie flohen hinter Saint-Klara vorbei zum Stadtwall und gelangten ans Schmiedetor; hier sprangen sie mit ihren Trabern in den Graben und schwammen mit großer Gefahr hindurch, wobei Châtillons Troßknecht samt seinem Pferde ertrank.
Die Fleischer hatten die fliehenden Franzosen bis zum Tor hinein verfolgt. Als sie ihre beiden Erzfeinde in der Ferne zwischen den Bäumen verschwinden sahen, packte sie rasende Wut, und sie begannen förmlich zu toben; denn nun war es ihnen, als sei die Rache dennoch unvollständig geblieben. Nachdem sie einige Zeit wie versteinert auf die Stelle gestiert hatten wo Châtillon verschwunden war, verließen sie den Wall und wandten sich mißvergnügt zum Freitagsmarkt. Plötzlich weckte ein anderes Geräusch ihre Aufmerksamkeit. Inmitten der Stadt erhob sich ein Stimmengewirr, ein öfters unterbrochenes, langanhaltendes Geschrei, als ob ein Fürst frohen Einzug hielte. Den Fleischern war dies Freudengeschrei unverständlich; sie waren noch zu weit davon entfernt. Allmählich kam die jauchzende Menge näher, und bald wurde der Siegesruf verständlich:
»Heil dem blauen Löwen! Heil unserem Obmann! Flandern ist frei! Heil! Heil!«
Die unübersehbare Menge aller Einwohner von Brügge fegte wie eine Gewitterwolke durch die Straßen. Das Jauchzen der Vlaemen, die ihre Freiheit erkämpft hatten, hallte wider die Mauern der Häuser und dröhnte wie rollender Donner über der Stadt. Frauen und Kinder liefen zwischen den bewaffneten Zunftgenossen einher, und frohes Händeklatschen mischte sich in den immer wiederkehrenden Ruf:
»Heil, heil dem blauen Löwen!«
Mitten aus diesen Scharen ragte eine weiße Standarte empor, darauf ein springender Löwe in blauer Seide gestickt war. Es war das große Banner der Stadt Brügge, das so lange den Lilien hatte weichen müssen. Jetzt hatte man es wieder aus seinem Versteck hervorgeholt, jetzt prangte es über den Leichen der erschlagenen Feinde, und die Wiederkehr dieses Wappens ward von Tausenden mit frohem Zuruf begrüßt.
Ein Mann von kleinem Wuchs trug das bejubelte Sinnbild und preßte es mit den über der Brust verschränkten Armen an sein Herz, als wollte er es mit der innigsten Liebe umfangen. Tränen liefen in Strömen über seine Wangen, Tränen der Liebe zum Vaterland und des Glückes; denn eine unaussprechliche Seligkeit verklärte seine Züge. Er, der selbst bei dem größten Unglück nie geweint hatte, vergoß jetzt Tränen, da er den Löwen seiner Vaterstadt wieder auf dem Altar der Freiheit aufstellte.
Die Augen der unabsehbaren Menge waren beständig auf ihn gerichtet, und der Ruf: »Heil De Coninck! Heil dem Löwen!« erscholl immer kraftvoller. Als der Obmann der Weber mit der Standarte dem Freitagsmarkt nahte, wurden auch schon die Fleischer von toller Freude ergriffen. Auch sie stimmten in den jauchzenden Siegesruf ein und drückten einander mit feuriger Liebe die Hände. Wahrlich, Vaterlandsliebe erweckt im Menschen edle Gefühle. Wie von Sinnen stürzte Breydel vorwärts, erreichte die Standarte und streckte mit sichtlicher Ungeduld beide Hände nach dem Löwen aus. De Coninck reichte ihm das Banner und sprach:
»Hier, mein Freund, nun haben wir es zurückerobert, das Sinnbild der Freiheit unserer Väter.«
Breydel antwortete nichts, sein Herz war zu voll. Zitternd vor Rührung umschlang er die Standarte und umarmte so den blauen Löwen. Er barg sein Haupt in den Falten der Seide und weinte regungslos einige Augenblicke. Dann ließ er die Fahne los und warf sich in höchster Erregung an De Conincks Brust.
Während die beiden Vorsteher einander feurig in die Arme schlossen, rief das Volk unaufhörlich weiter, und fort und fort erscholl das laute Jauchzen der Tausende. Der Freitagsmarkt war nicht groß genug für alle Bürger, obgleich sie sich bis zum Ersticken drängten. Die Steinstraße war noch bis an die St. Salvatorskirche voller Menschen, ebenso wimmelte die Schmiede- und Boveriestraße bis weit hinauf von Kindern und Frauen.
Der Obmann der Weber wandte sich zur Mitte des Marktes und nahte sich dem dort ragenden Galgen. Die Leichen der gehenkten Vlaemen waren abgenommen und bereits begraben worden; aber die acht Schlingen hatte man absichtlich als ein Erinnerungszeichen an die Zwingherrschaft noch daran gelassen. Die Standarte mit dem Brügger Löwen wurde neben dem Galgen aufgepflanzt und alsdann mit neuem Freudengeschrei begrüßt. Nachdem De Coninck noch einmal seine Augen zu dem wiedererrungenen Wappen erhoben hatte, sank er in die Knie, senkte das Haupt und betete mit gefalteten Händen. -- Läßt man einen Stein in ruhiges Wasser fallen, so breitet sich die Bewegung in zitternden Kreisen mählich über die ganze Wasserfläche. Solcherart ging auch De Conincks Gedanke auf die Bürger über, obgleich die meisten ihn nicht sahen. Erst knieten die schweigend nieder, welche ihm zunächst standen; sie teilten die Bewegung den anderen mit, und so senkten sich der Reihe nach alle Häupter. Die Stimmen verstummten erst in der Mitte des Kreises und wurden dann immer leiser, bis zuletzt die größte Stille unter der Menge eingetreten war. Achttausend Menschen knieten auf dem noch blutigen Boden; achttausend Häupter beugten sich vor Gott, der die Menschen für die Freiheit erschaffen hat; sie hofften, daß der Herr huldvoll auf sie herabblickte, die Chöre der seligen Geister einstimmten in ihre innigen Dankgebete. Nach kurzer Zeit erhob sich De Coninck wieder vom Boden, und da noch immer die frühere Stille herrschte, sprach er mit lauter Stimme, so daß viele ihn verstehen konnten:
»Brüder, heute hat die Sonne ein helleres Licht für uns; denn die Luft in unserer Stadt ist wieder rein; der Atem der Fremden vergiftet sie nicht mehr. Die stolzen Franzosen glaubten, wir würden ihre Sklaven sein und bleiben; aber jetzt haben sie die Lehre, daß unser Löwe wohl schlafen, aber nicht sterben kann, mit dem Verlust ihres Lebens bezahlt. Wir haben das Erbe unserer Väter wiedererrungen, die Fußstapfen der Fremden mit Blut verwischt. Aber noch sind nicht all unsere Feinde tot; Frankreich wird uns noch mehr bewaffnete Söldner senden, denn Blut verlangt Blut. Doch das hat nichts zu sagen, jetzt sind wir unüberwindlich. Trotzdem dürft ihr nach dem errungenen Siege nicht rasten! Erhaltet eure Herzen stark und kühl, laßt das edle Feuer, das jetzo in eurer Brust glüht, nicht erlöschen. Nun gehe ein jeglicher heim und freue sich mit seinem Hausgesinde über die glückliche Befreiung. Jauchzet! Trinket den Wein der Freude, denn dies ist der schönste Tag eures Lebens. Die Bürger, die keinen Wein haben, mögen nach der Halle gehen, dort soll jedem ein Maß verabfolgt werden.«
Das Geschrei, welches mählich wieder anwuchs, hinderte De Coninck, in seiner Rede fortzufahren; er winkte den umstehenden Anführern und ging mit ihnen an die Ecke der Steinstraße. Die Scharen öffneten sich ehrfurchtsvoll vor ihm, und überall begrüßte ihn der frohe Zuruf der Bürger. Alles drängte jetzt zu der Standarte, die neben dem Galgen aufgepflanzt war. Alle betrachteten in höchster Freude den blauen Löwen, blickten auf ihr Stadtwappen wie auf das Angesicht eines Freundes, der nach langen Reisen aus fremden Landen unter seine Brüder zurückgekehrt ist. Sie reckten die Hände so fröhlich empor, daß sie ein kühler, gleichgültiger Beobachter für sinnlos gehalten hätte.
Bald kamen auch Gesellen, die sich bereits Wein geholt hatten, mit ihren Kannen auf den Markt und verbreiteten die frohe Nachricht, daß in der Halle ein Maß für jeden verschenkt würde. Eine Stunde später hatte jeder seinen Trinkbecher in der Hand, und so endete dieser frohe Tag ohne Unordnung und Streit; nur ein Gefühl herrschte: ein Gefühl, wie es die Seele des Gefangenen packt, wenn er die Sonne wieder über seinem Haupte strahlen sieht und sich bewußt wird, daß fortan nur noch die weite Welt sein Kerker ist.
XVIII.