Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 19

Chapter 193,817 wordsPublic domain

Kurz nachdem er das Zelt verlassen hatte, kam er mit einem Zunftgesellen zurück und ließ ihn die Vorfälle, die sich an diesem Tage in Brügge ereignet hatten, mit allen Einzelheiten erzählen. Sie erfuhren von ihm, wie groß Châtillons neues Heer war, den Tod der gehängten Bürger und die schreckliche Plünderung der Stadt. Breydel hörte die Erzählung kaltblütig mit an; denn alle diese Schandtaten waren ihm nicht so schmerzlich wie die Ermordung derjenigen, der er das Leben verdankte. De Coninck dagegen wurde immer zorniger, je mehr er dies schreckliche Schauspiel vor seinem Geist sich entrollen sah. Vaterland und Befreiung waren die beiden Gefühle, welche ihn zu solcher Leidenschaft entflammten. Nun sah er wohl, daß es Zeit war, daß man unverzüglich losschlagen mußte; denn solch grausame Rechtspflege konnte die Vlaemen erschrecken und entmutigen. Er entließ den Gesellen und stützte schweigend den Kopf in die Hand, während Breydel ungeduldig erwartete, was er sagen würde.

Plötzlich schritt De Coninck auf Breydel zu und rief:

»Freund, schleift Euer Beil, verscheucht die Trauer aus Eurem Herzen, wir werden die Ketten des Vaterlands zersprengen.«

»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte Breydel.

»Hört: Der Landmann wartet, bis daß die Morgenkühle alle Raupen in ein Nest getrieben hat; dann schneidet er es vom Baume, legt es hin und zertritt das Ungeziefer auf einmal. Versteht Ihr das?«

»Vollendet Eure Verkündigung,« rief Breydel; »treuester Freund, ein Lichtstrahl verscheucht meine düstere Verzweiflung! Vollendet, sprecht aus!«

»Also: auch die Franzosen haben sich in unserer Vaterstadt wie Ungeziefer eingenistet. Sie sollen gleichfalls zermalmt werden, als fiele ein Berg über sie. Freuet Euch, Meister Jan, sie sind verurteilt. Der Tod Eurer Mutter soll mit Wucher gerächt werden, und das Vaterland wird aus diesem Blute frei emportauchen!«

Breydels Auge schweifte ungestüm im Zelte umher. Er suchte sein Beil, bis ihm einfiel, daß man es ihm abgenommen hatte. Gerührt ergriff er De Conincks Hand.

»Mein Freund!« rief er, »Ihr habt mich vielmals gerettet, aber alsdann gabt Ihr mir nur das Leben; jetzt erhalte ich durch Euch Freude und Glück zurück. Sagt mir nur schnell, wie wir diese Rache ins Werk setzen sollen, damit ich meiner Sache sicher bin.«

»Einen Augenblick Geduld, Ihr sollt es gleich hören; ich muß diesen Plan vor allen Obmännern darlegen; ich werde sie gleich rufen lassen.«

Er ging hastig aus dem Zelt, rief eine Schildwache und sandte sie nach dem Gehölz, um alle Anführer zu sich zu entbieten. Bald darauf standen sie, ihrer dreißig, in einem Kreise vor dem Zelte. De Coninck sagte zu ihnen:

»Genossen! Die feierliche Stunde ist gekommen. Die Freiheit müssen wir erringen oder den Tod. Lange genug trugen wir das Mal der Schande auf der Stirn. Es ist Zeit, daß wir unseren Feinden Rechenschaft über das Blut unserer Brüder abfordern; und wenn wir für das Vaterland sterben müssen, so denkt daran, Genossen, daß die Ketten der Sklaverei am Rande des Grabes abfallen, und daß wir frei und sonder Schmach bei unseren Vätern schlafen werden. Aber nein, wir werden siegen, das weiß ich. Der schwarze Löwe von Flandern kann nicht untergehen; und sehet, ob wir das Recht nicht auf unserer Seite haben? Die Franzosen haben unser Land geplündert, unseren Grafen und die Edeln, die Blüte der echten Vlaemen eingekerkert. Philippa haben sie vergiftet, unsere Stadt Brügge verwüstet und die redlichsten unserer Brüder an den Galgen gehängt. Die blutigen Leichen der Mutter und der Schwester unseres unglücklichen Freundes Breydel ruhen in unserer Mitte. Diese Leichen und alle, die durch die Hand der fremden Tyrannen gestorben sind, schreien in eurem Herzen nach Rache! Wohl, so bergt in eurem Herzen wie in einem Grabe, was ich euch sagen werde. Die Franzosen sind heute durch ihr teuflisches Treiben ermattet, sie werden fest schlafen; aber dieser Schlaf soll für die meisten bis zum jüngsten Gericht dauern! Sagt euren Gesellen nichts; aber führt sie morgen zwei Stunden vor Sonnenaufgang bis hinter Saint-Kruis in den Elsterbusch[29]. Ich gehe stehenden Fußes nach Aardenburg, um meine Mannen vorzubereiten und den Hauptmann Linden zu benachrichtigen; denn ich muß noch heute in Brügge sein. Das wundert euch: doch ihr werdet mir zugeben: ein Franzose ist in Brügge, den wir nicht töten dürfen, sein Blut würde über unsere Häupter kommen.«

[29] »Und sie kamen überein, daß sie sich am nächsten Morgen in aller Frühe, noch vor Sonnenaufgang, bei Sinte-Kruiskercke bei Brügge gut gewappnet und mit allem Nötigen versehen versammeln wollten.« (Die excellente Chronike.)

»Herr von Montenay?« antworteten viele Stimmen.

»Dieser Ritter,« fuhr De Coninck fort, »hat uns stets gütig behandelt; er hat gezeigt, daß ihm das Unglück unseres Vaterlandes nahe geht. Er hat sich gar manches Mal den grausamen Verfolgungen des verfluchten Jan van Gistel widersetzt und Gnade für die Verurteilten erhalten. Mit diesem edeln Blute dürfen wir unsere Waffen nicht färben; um dies zu verhüten, gehe ich heute nach Brügge, mag auch noch so große Gefahr damit verbunden sein.«

»Aber,« fiel ihm einer der Obmänner in die Rede, »wie sollen wir morgen in die Stadt kommen, da die Tore doch bis Sonnenaufgang verschlossen sind?«

»Die Tore werden uns geöffnet werden,« antwortete De Coninck, »ich werde nicht aus der Stadt zurückkehren, bevor unsere Rache unfehlbar sicher ist. Ich habe euch genug gesagt, morgen auf dem Versammlungsplatz werde ich euch nähere Befehle geben; haltet eure Leute bereit. Ich nehme unsere junge Gräfin von hier mit fort; sie soll dieses blutige Schauspiel nicht sehen.«

Breydel hatte während dieser Worte nicht die geringsten Zeichen der Zustimmung gegeben, aber sein Gesicht erstrahlte in ungemeiner Freude. Sobald die Obmänner fort waren, warf er sich an De Conincks Brust und sprach, während Tränen über seine Wangen rollten:

»Ihr habt mich aus meiner Verzweiflung gerissen, teurer Freund! Nun kann ich ruhig über den Leichen meiner Mutter und Schwester weinen und sie mit Andacht zur Erde bestatten. -- Und dann, wenn sich das Grab über ihnen geschlossen hat ...! O, was bleibt mir dann noch in der Welt, das ich lieben könnte?«

»Euer Vaterland und sein Aufblühen!« bekam er zur Antwort.

»Ja ja, Vaterland, Freiheit -- und Rache! Denn jetzt, hört Ihr, mein Freund, jetzt würde ich vor Grimm weinen, wenn die Franzosen unser Land verließen. Dann würde ja mein Beil keine Opfer mehr finden, ich würde ihre Leichen nicht mehr zertreten können, wie die Hufe ihrer Rosse unsere Brüder zerstampft haben. Die Freiheit ohne Kampf ginge mir wider die Seele; jetzt, wo sie das Herz, unter dem ich das Leben empfing, durchbohrt haben, kann mich nur der Anblick strömenden Blutes zufriedenstellen. Macht rasch und geht mit Gott, damit sich alles zum Guten wende; denn ich dürste nach der versprochenen Rache.«

De Coninck nahm von Breydel Abschied: »Haltet alles geheim und seid vorsichtig, mein Freund.«

Ehe er das Lager verließ, bereitete er alles zur Abreise der edeln Machteld vor; nachdem er noch kurz mit ihr gesprochen hatte, bestieg er einen Traber und verschwand in der Richtung nach Aardenburg.

Unterdes waren die Leichen der Mutter und Schwester Breydels von den Frauen gewaschen und umgekleidet worden. Sie hatten erst ein Zelt inwendig schwarz ausgeschlagen und in der Mitte die beiden Leichen auf ein Feldbett niedergelegt. Sie lagen in düsterem Totenkleid, nur das Antlitz konnte man sehen. Rund um die feierliche Lagerstätte brannten acht gelbe Wachskerzen; ein Kreuz mit einem silbernen Weihwasserkessel und einigen Palmzweigen stand am Kopfende, während weinende Frauen dabei saßen und beteten.

Unmittelbar nach De Conincks Abreise ging Breydel nach dem Gehölz und befahl, die Arbeit aufzugeben; er sandte die Zunftleute nach den Zelten zur Ruhe und kündigte ihnen an, daß sie am anderen Morgen vor Tagesanbruch aufbrechen müßten. Nachdem er noch einige Maßregeln getroffen, um die Frauen und Kinder im Lager unterzubringen, begab er sich nach dem Zelt, in dem die Leiche seiner Mutter lag. Dort schickte er die Frauen weg und schloß die Tür ab.

Vergeblich kamen mehrere Anführer zu dem Zelt, um den Obmann zu sprechen, Anweisungen oder Befehle zu holen; sie bekamen auf ihr Klopfen keine Antwort. Anfangs glaubten sie ihren Meister in Trauer versunken; aber als sie vier Stunden vor der Tür gewartet hatten, ohne das geringste Geräusch zu vernehmen, wurden sie von Furcht gepackt. Sie wagten nicht, ihre Gedanken zu äußern. War Breydel tot? Hatte das Beil oder der Schmerz seinen Lebensfaden zerschnitten?

Plötzlich öffnete sich die Tür, und Breydel erschien, anscheinend ohne ihre Gegenwart zu bemerken. Niemand sprach, denn seine Züge ließen das Herz erstarren, die Sprache stocken. Er war bleich, seine Blicke irrten wild umher, und viele bemerkten, daß zwei Finger seiner rechten Hand mit Blut befleckt waren. Keiner wagte, ihm zu nahen; der Tod strahlte aus seinen Augen, und wen er ansah, dem drang jeder Blick wie ein Pfeil in die Seele. Das Blut an seinen Fingern machte sie noch mehr zittern; eine schreckliche Ahnung ließ sie erraten, woher es stammte. Gewiß hatte er in die Wunde seiner Mutter gegriffen und aus dieser furchtbaren Berührung diese Raserei geschöpft, die seine Kraft mehren, seinen Rachedurst erhöhen mußte! So wandelte er sprachlos durch das Gehölz, bis der Abend das Lager mit Finsternis bedeckte und ihn den Augen seiner Genossen entzog.

Als De Coninck nach Aardenburg gekommen war, unterstellte er seine zweitausend Weber dem Befehl eines der ersten Anführer und sandte einen Boten mit Befehlen an den Hauptmann Lindens. Nachdem er die Vereinigung der drei Heeresabteilungen zu Saint-Kruis vorbereitet hatte, schwang er sich wieder aufs Pferd und ritt stracks nach Brügge. Dort ließ er seinen Traber in einer Herberge stehen und ging zu Fuß in die Stadt. Nichts trat ihm in den Weg; denn es war bereits spät am Abend, die Tore waren offen und keine Soldaten als die Schildwachen auf dem Wall zu sehen. Furchtbare Stille herrschte in den Straßen, durch die er gehen mußte. Alsbald machte er vor einem kleinen Hause an der Donatuskirche halt. Er wollte anklopfen, aber er ward inne, daß die Wohnung keine Tür mehr hatte und der Eingang mit einem langen Tuchstreifen verhängt war. Dies Haus und seine Räume mochten ihm wohlbekannt sein; denn er hob das Tuch und schritt rasch in den Laden geradeswegs zu einem kleinen Hinterstübchen, das durch das unbestimmte Licht einer Lampe erleuchtet war. Zwischen dem zertrümmerten Hausrat, der am Boden umherlag, saß eine Frau weinend an einem Tische. Sie hielt zwei kleine Kinder fest an ihre Brust gedrückt und küßte sie unter Schluchzen, als wäre sie glücklich, wenigstens diesen Reichtum behalten zu haben. Weiter hinten in einem Winkel, der von der Lampe nur halb erleuchtet wurde, saß ein Mann: er hatte das Haupt in die Hände gestützt und schien zu schlafen.

Beim unerwarteten Erscheinen De Conincks erschrak die Frau heftig. Sie drückte ihre Kinder fester an sich, und ein lauter Schrei kündete ihre Angst. Der Mann griff hastig nach seinem Dolch; als er aber seinen Obmann erkannte, stand er auf und sprach:

»O Meister, welch schmerzliche Last habt Ihr mir auferlegt, da Ihr mir gebotet, in der Stadt zu bleiben; die Gnade Gottes allein hat uns von dem unvermeidlichen Tode gerettet. Unsere Häuser sind geplündert, unsere Brüder gehängt und ermordet, und Gott weiß, was morgen noch geschehen wird. O gestattet mir, zu Euch nach Aardenburg zu gehen: ich bitte Euch flehentlich.«

De Coninck antwortete nicht auf diese Bitte; er winkte den Zunftgesellen in einen Winkel, der am dunkelsten war, und sagte dann mit leiser Stimme:

»Gerhard, als ich die Stadt verließ, habe ich Euch mit dreißig anderen Gesellen zurückgelassen, um die Anschläge der Franzosen zu entdecken. Ich wählte gerade Euch hierzu, weil ich Euren Mut und Eure Vaterlandsliebe kenne. Der Tod Eurer Genossen hat Euch wohl Angst gemacht: ist dem so, dann möget Ihr noch heute nach Aardenburg abreisen.«

»Meister,« antwortete Gerhard, »Eure Worte machen mich bekümmert. Ich fürchte den Tod durchaus nicht; aber mein Weib und meine armen Kinder bleiben hier allem Unheil ausgesetzt. Furcht und Schrecken machen sie krank. Sie weinen und beten den ganzen Tag, und die Nacht gibt ihnen die Kräfte nicht wieder. Könntet Ihr sie sehen, wie bleich sie sind! Sollte mich der Anblick all dieser Leiden, all dieser Angst unberührt lassen? Ich bin doch ihr Vater und Beschützer. Und heischen sie nicht von mir allein den Trost, den ich ihnen doch nicht geben kann? O Meister, glaubt mir, ein Vater leidet mehr, als seine Frau und Kinder leiden können. Und doch bin ich bereit, für das Vaterland alles zu vergessen, selbst die Meinen: wenn ich Euch mit irgend etwas dienlich sein kann, dürft Ihr auf mich rechnen. Sprecht also, ich spüre, daß Ihr mir eine wichtige Anordnung zu geben habt.«

De Coninck ergriff des braven Gerhard Hand und drückte sie gerührt. »Noch eine Seele wie die Breydels,« dachte er.

»Gerhard,« rief er aus, »Ihr seid ein würdiger Gesell; ich danke Euch für Eure Treue und Euren Mut. Hört also, denn ich habe wenig Zeit. Ihr müßt rasch zu Euren Genossen gehen und sie benachrichtigen. Heut Nacht sollt Ihr heimlich mit ihnen in die Pfeffergasse schleichen. Ihr allein werdet dann auf den Wall zwischen dem Damm- und dem Kruistor steigen. Legt Euch platt auf die Erde und schauet nach der Gegend von Saint-Kruis aus. Seht Ihr ein Feuer im Felde leuchten, so werft Euch mit Euren Genossen auf die Wache und öffnet das Tor; es sollen siebentausend Vlaemen davorstehen.«

»Das Tor wird zur bestimmten Zeit offen sein, seid deshalb, bitte, ohne Sorge,« antwortete Gerhard kaltblütig.

»Ist das sicher?«

»Ganz sicher.«

»Dann guten Abend, werter Freund. Gott behüte Euch!«

»Und sei auch mit Euch, Meister!«

De Coninck ließ den Zunftgesellen zu seiner Frau zurückkehren und entfernte sich aus dem Hause. So gelangte er zu einer prächtigen Wohnung bei der alten Halle. Er klopfte an, und die Tür wurde geöffnet.

»Was wollt Ihr, Vlaeme?« fragte der Diener.

»Ich wünsche Herrn von Montenay zu sprechen.«

»Ja, habt Ihr aber auch keine Waffen? Man kann Euch nicht trauen.«

»Was kümmert das Euch!« meinte der Obmann; »geht und sagt Eurem Herrn, daß De Coninck ihn sprechen will.«

»Herr du mein Gott! Ihr heißt De Coninck; dann kommt Ihr sicherlich in böser Absicht!« Damit lief der Diener eiligst nach oben und kam nach einigen Augenblicken zurück.

»Ihr möchtet hinaufkommen,« sagte er; »wollet mir, bitte, folgen.«

Er führte De Coninck die Treppe hinauf bis zum Eingang eines Gemachs. Montenay saß an einem kleinen Tisch, auf dem sein Helm, sein Degen und seine eisernen Handschuhe lagen. Er sah den Obmann verwundert an; der beugte sich vor dem Stadtvogt und sprach:

»Herr von Montenay, im Vertrauen auf Eure Rechtlichkeit kam ich hierher. Ich bin fest überzeugt, daß ich diese Kühnheit nicht zu bereuen habe.«

»Gewiß,« antwortete Montenay, »Ihr sollt zurückkehren, wie Ihr gekommen seid.«

»Euer Edelmut ist unter uns sprichwörtlich geworden,« fuhr De Coninck fort, »ich kam auch nur deshalb zu Euer Edeln, um Euch zu zeigen, daß wir einen geradherzigen Feind hochachten. Châtillon hat heute unsere Stadt der Wut seiner Söldner preisgegeben, acht unserer unschuldigen Brüder hängen lassen. Gebet selbst zu, Herr von Montenay, daß es unsere Pflicht ist, ihren Tod zu rächen; denn was konnte der Landvogt ihnen anderes vorwerfen, als daß sie sich seinen tyrannischen Befehlen nicht fügen wollten?«

»Der Untergebene muß seinem Herrn gehorchen; mag auch die Strafe noch so streng sein, es steht ihm nicht zu, die Handlungen seiner Vorgesetzten zu verurteilen.«

»Ihr habt recht, Herr von Montenay, so spricht man in Frankreich, und da Euer Edeln von Rechts wegen Untertan Philipps des Schönen sind, so ziemt es Euch, seine Befehle auszuführen. Wir aber sind freie Vlaemen und können die schmählichen Ketten nicht länger tragen; da nun der Landvogt in seinen Grausamkeiten so weit gegangen ist, so kann ich Euch die Versicherung geben, daß in Bälde das Blut in Strömen fließen wird. Wäre uns das Schicksal feind, behieltet ihr Franzosen den Sieg, dann blieben euch nur wenig Sklaven, denn wir wollen sterben. Aber wie dem auch sei, und deshalb kam ich her: kein Haar Eures Hauptes soll Euch von uns gekrümmt werden. Das Haus, in dem Ihr Euch befindet, soll uns heilig sein; kein Vlaeme soll den Fuß über die Schwelle Eurer Wohnung setzen. Empfangt darauf mein Wort.«

»Ich danke den Vlaemen für ihre Liebe zu mir; aber ich lehne den Schutz, den Ihr mir anbietet, ab und werde nie davon Gebrauch machen. Fiele wirklich etwas der Art vor, so würde ich mich unter des Landvogts Banner und nicht in meiner Wohnung befinden, und falls ich sterbe, soll es mit dem Schwert in der Faust geschehen. Aber ich glaube nicht, daß es so weit kommen wird, denn die Unruhen werden wohl gedämpft werden. Euch, Obmann, rate ich als Freund, das Land schleunigst zu verlassen.«

»Nein, mein Herr, ich verlasse dieses Land nicht, die Gebeine meiner Väter ruhen in dieser Erde. Bitte, bedenkt, daß nichts unmöglich ist, daß auch französisches Blut durch uns vergossen werden kann; dann gedenket meiner Worte. Das ist alles, was ich Eurer Edeln zu sagen hatte. Ich wünsche Euch Lebewohl, Gott nehme Euch unter seinen Schutz.«

Montenay überdachte die Worte des Obmannes genau und ward zu seinem großen Schmerz inne, daß sie ein furchtbares Geheimnis bargen. Er beschloß deshalb, am nächsten Tage Châtillon zur Wachsamkeit zu mahnen und selbst einiges zur Sicherheit der Stadt anzuordnen. Aber er ahnte nicht, daß seine Befürchtung so bald eintreten würde, legte sich zu Bett und schlief ruhig ein.

XVII.

Hinter dem Dorfe Saint-Kruis, einige Pfeilschüsse von Brügge, lag ein kleines Gehölz, der Elsterbusch, unter dessen schattigen Bäumen die Einwohner der volkreichen Stadt sich gewöhnlich des Sonntags ergingen. Die Bäume standen nicht sehr dicht, und weicher Rasen deckte die Erde wie mit einem grünen Teppich. Um zwei Uhr nachts war Breydel bereits auf der festgesetzten Stelle. Es war undurchdringlich finster; der Mond hatte sich hinter schweren Wolken verborgen. Leise säuselnd hauchte der Wind wie ein Seufzer durch das Laub, und das eintönige Rauschen der Blätter mehrte noch die Schrecken dieser furchtbaren Nacht. Auf den ersten Blick konnte man im Elsterbusch nichts wahrnehmen; nur bei genauerem Zusehen hätte man die vielen Menschen wie dunkle Schatten auf dem Boden ausgestreckt bemerkt. Bei jeder Gestalt blinkte ein flimmernder Stern, als wäre der Rasen in ein Himmelsgewölbe verwandelt. Es war, als hätte man mit vollen Händen tausende leuchtender Punkte darüber hingestreut. Diese Sterne waren Beile, auf deren glattem Stahl sich das wenige Licht der Nacht spiegelte. Mehr als zweitausend Fleischer lagen reihenweise, alle in der gleichen Haltung auf der Erde; ihre Herzen pochten, ihr Blut strömte rasch, denn die langersehnte Stunde, die Stunde der Rache und der Erlösung war nahe. Größte Stille herrschte unter den Leuten, und etwas Geheimes, Schaudererregendes hing wie ein Zauberschleier über dem schweigenden Heer.

Breydel lag tiefer in dem Busch; einer seiner Genossen, den er ob seiner Unverzagtheit ganz besonders liebte, hatte sich neben ihn auf den Boden hingestreckt. Mit unterdrückter Stimme plauderten sie:

»Die Franzosen sind auf dies seltsame Erwachen nicht gefaßt,« sagte Breydel, »sie schlafen gut, denn sie haben ein verstocktes Gewissen, diese Bösewichte. Ich bin auf ihre Gesichter neugierig, wenn sie zugleich meine Waffe und den Tod vor sich sehen.«

»O, mein Beil schneidet wie Gift; ich habe es geschliffen, bis ich mir die Haare vom Arm damit scheren konnte, und ich hoffe, daß es diese Nacht stumpf wird. Sonst schleife ich es nie wieder!«

»Es ging ja auch zu weit, Martin. Die Franzosen behandeln uns wie eine Herde dummer Ochsen und denken, wir sollen vor ihrer Tyrannei weichen; aber, weiß Gott, sie kennen uns nicht und täuschen sich, wenn sie uns nach den verfluchten Leliaerts beurteilen.«

»Ja, diese Bastarde rufen: Heil Frankreich! Sie schmeicheln den Fremden, aber auch sie sollen etwas erleben! Als ich mein Beil so sorglich schliff, habe ich auch an sie gedacht.«

»Nein, Martin, das Blut Eurer Landsleute dürft Ihr nicht vergießen. De Coninck hat es verboten.«

»Und Jan van Gistel, dieser feige Verräter: soll er etwa am Leben bleiben?«

»Jan van Gistel soll sterben! Er muß für den Tod von De Conincks altem Freunde Rechenschaft abgeben. Aber er soll auch der einzige sein.«

»So sollen die anderen Abtrünnigen unbestraft bleiben? Seht, Meister, solch Gedanke tut mir weh, das kann ich nicht übers Herz bringen.«

»Ihre Strafe wird groß genug sein -- Schmach und Verachtung wird ihnen zuteil; wir werden sie höhnen und schmähen. Sagt doch, Martin, macht Euch nicht der Gedanke beben, daß Euch jeder ins Gesicht speien, Euch sagen dürfte: Ihr seid ein Abtrünniger, ein Feigling, ein Landesverräter? Das soll ihnen widerfahren.«

»Wirklich, Meister, bei Euren Worten geht mir ein kalter Schauer über den Leib! Welch furchtbare Strafe, tausendmal härter fürwahr als der Tod. Welche Hölle für sie, wenn sie ein vlaemisches Herz besäßen!«

Sie schwiegen einige Augenblicke, da sie von ferne etwas wie Menschenschritte hörten, doch das Geräusch entschwand bald; alsdann fuhr Breydel fort:

»Die schändlichen Franzosen haben meine alte Mutter ermordet. Ich habe mich davon überzeugt: ein feindlicher Degen hat das Herz durchbohrt, das mich so innig liebte. Sie empfanden kein Mitleid mit ihr, weil sie einen unbeugsamen Vlaemen geboren hatte; aber nun werde auch ich kein Mitleid mit ihnen haben und zugleich mein Blut und das Vaterland rächen.«

»Geben wir auch Gnade, Meister? Machen wir auch Gefangene?«

»Unglück über mich, wenn ich jemand gefangen nehme oder ihm das Leben schenke! Geben sie etwa Gnade? Nein, sie schöpfen Mut aus dem Morden, zerstampfen die Leichen unserer Brüder unter den Hufen ihrer Rosse. Und glaubt Ihr, Martin: nun, da der blutige Schatten meiner lieben Mutter mir stets vor Augen schwebt, könnte ich einen Franzosen sehen, ohne in Raserei zu kommen? O, mit den Händen würde ich sie zerfetzen, mit den Zähnen zerfleischen, wenn mein Beil durch die vielen Schlachtopfer stumpf würde. Aber das kann nicht sein, meine Waffe war mir schon seit langem ein treuer Begleiter.«

»Hört, Meister, das Geräusch auf dem Wege von Damm nimmt zu! Wartet ein wenig!«

Er legte sich mit dem Ohr zur Erde nieder, richtete sich dann auf und sprach:

»Meister, die Weber sind nicht mehr weit, nur mehr vier Bogenschüsse.«

»So kommt denn, stehen wir auf! Geht still die Rotten entlang und heißt sie liegen bleiben. Ich gehe De Coninck entgegen, damit er weiß, nach welcher Seite er seine Leute aufstellen kann.«

Einige Augenblicke später kamen viertausend Weber von verschiedenen Seiten in das Gehölz und legten sich, wie ihnen befohlen war, schweigend auf den Boden nieder. Die Stille wurde durch ihre Ankunft kaum gestört, und bald war kein Laut mehr zu vernehmen. Nur einige Leute konnte man von einer Schar zur anderen gehen sehen; sie überbrachten den Anführern den Befehl, sich zur Ostseite des Busches zu begeben. Als sie dort zahlreich versammelt waren, scharten sie sich um De Coninck, um seine Befehle in Empfang zu nehmen. Der hub an:

»Brüder, heute muß die Sonne unsere Freiheit oder unseren Tod bestrahlen; kämpft zaglos, wie es euch die Liebe zum Vaterland lehrt; bedenket wohl, daß ihr für die Stadt, da die Gebeine eurer Väter ruhen, für die Stadt, da eure Wiege stand, streiten müßt. Gebt niemand Gnade; tötet alle Franzosen, die euch in die Hände fallen, laßt auch nicht einen Strunk dieses fremden Unkrautes übrig. Wir oder sie müssen sterben! Ist jemand unter euch, der noch Mitleid für die Leute empfindet, die unsere Brüder erbarmungslos erhängt oder erschlagen haben, für diese Verräter, die unseren Grafen gefangengenommen, sein Kind vergiftet haben?«