Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 18
»Ich habe auf dem Boden ein Geräusch gehört, sicher verbergen sich Vlaemen unter dem Dach. Ich glaube, wir werden da noch bessere Beute finden, denn sie haben gewiß ihr Geld mitgenommen.«
Die Söldner wandten sich hastig nach der Treppe. Jeder wollte zuerst hinauf, aber die Stimme ihres Genossen hielt sie zurück.
»Wartet, wartet!« rief er, »ihr könnt nicht hinauf, die Bodenluke ist wenigstens zehn Fuß hoch, und die Leiter haben sie aufgezogen; aber das hat nichts zu sagen, ich habe eine Leiter im Hofe stehen sehen; ich gehe schnell hin und hole sie.«
Er kam bald damit zurück und stieg mit seinen Genossen nach oben. Die Leiter wurde unter die Luke gestellt und man versuchte, sie aufzuheben. Aber das gelang nicht; ein starker Riegel hinderte sie.
»Schön!« rief einer von ihnen, während er ein schweres Stück Holz vom Boden aufnahm, »da sie nicht gutwillig öffnen, wollen wir ein anderes Mittel versuchen.«
Er schlug mit dem Holz gewaltig vor die Luke, doch sie blieb fest und rührte sich nicht. Ein Wehelaut tönte vom Boden her, so schmerzlich, als ob jemand sein Leben ausgehaucht hätte.
»Ha, ha,« riefen die Söldner, »sie liegen auf der Luke!«
»Wartet,« meinte ein anderer, »ich werde sie bald wegjagen; wollt ihr mir etwas helfen?«
Nun nahmen sie einen schweren Balken, hoben ihn zusammen auf und stießen ihn dann mit solcher Gewalt gegen die Luke, daß die Bretter davon losbrachen und herabfielen. Mit tobendem Geschrei legten sie rasch die Leiter an und stürmten alle nach oben. Hier blieben sie plötzlich stehen; es schien, daß ihre Herzen weicher wurden, denn die Flüche erstarben auf ihren Lippen, und sie blickten sich unschlüssig an. Im Hintergrund des Bodens stand ein Knabe, nicht über vierzehn Jahre alt, mit einem Schlachtbeil in der Hand; bleich vor Angst und bebend hielt er die Waffe wider die Franzosen erhoben, ohne einen Laut von sich zu geben. Aus seinen blauen Augen schossen Strahlen von Verzweiflung und Heldenmut. Er war sichtlich von heftiger Bewegung ergriffen; denn die Muskeln seiner zarten Wangen zogen sich zusammen und verliehen ihm einen furchtbaren Ausdruck. Er glich im kleinen einer griechischen Statue. Hinter dem jungen Fleischer knieten zwei Frauen: Eine alte Mutter mit gefalteten Händen und zum Himmel erhobenen Augen, und eine zarte Jungfrau mit aufgelöstem Haar. Das geängstigte Mägdelein hatte sein Gesicht in den Kleidern seiner Mutter verborgen und hielt sie wie in Todesangst umschlungen. In dieser Haltung saßen sie regungslos. Kein Seufzer, keine Klage kam über ihre Lippen.
Als sich die Söldner von ihrem ersten Erstaunen erholt hatten, nahten sie sich den Unglücklichen ungestüm und ergingen sich in Scheltworten gegen sie. Just wollten sie Hand an sie legen, denn das Kind flößte ihnen nicht die mindeste Furcht ein. Aber wie packte sie der Zorn, als der junge Fleischer den linken Fuß zurücksetzte und sein Beil verzweifelt schwang. Sie stutzten, einen Augenblick wurden sie in ihren schändlichen Plänen gehemmt. Dann wollte einer von ihnen das Kind durchbohren, aber der Knabe wehrte den Degen ab und hieb mit verzweifelter Kraft seinem Feind in die Schulter, so daß dieser wankend seinen Genossen in die Arme fiel. Als hätte dieser Schlag des Kindes Kraft erschöpft, stürzte es rücklings zu Boden und blieb regungslos neben den Frauen liegen.
Die Söldner hatten sich um ihren verwundeten Genossen versammelt, und entkleideten ihn unter Rachegeschrei und Verwünschungen. Derweile weinte die alte Frau in größter Angst und flehte um Gnade.
»O, ihr Herren!« rief sie und streckte die Arme aus, »habt doch Mitleid mit uns Unglücklichen! Mordet uns nicht, um der Liebe des Herrn willen! Seht doch meine Tränen und erbarmt euch unserer Leiden. Was nützt euch der Tod von zwei wehrlosen Frauen?«
»Es ist die Mutter des Fleischers, der so viele Franzosen zu Male ermordet hat,« rief einer der Söldner; »sie muß sterben!«
»O nein, nein, mein Herr!« erwiderte die alte Frau, »taucht eure Hände nicht in mein Blut, ich bitte euch beim bitteren Leiden unseres Erlösers, laßt uns das Leben! Nehmt alles, was wir besitzen.«
»Heraus mit eurem Geld!« rief eine Stimme.
Daraufhin ergriff die Frau ein Kästchen, das hinter ihr stand, und warf es dem Söldner zu.
»Da, meine Herren,« sprach sie, »das ist alles, was uns in der Welt geblieben ist, ich schenke es euch gern.«
Das Kästchen ging auf, und eine Menge Goldstücke und kostbares Geschmeide rollte auf den Boden. Während die Söldner einander wegstießen, um die Beute zu haschen, faßte einer das Mädchen beim Arm und schleifte es grausam über die Erde.
»Mutter, o Mutter, hilf mir!« schluchzte die Jungfrau mit ersterbender Stimme.
Aus Verzweiflung und Liebe zu ihrem Kinde wurde die Mutter zur rasenden Furie; ihre Augen sanken tief in ihre Höhlen zurück und funkelten unter den dichten Brauen wie bei den Wölfen; ihre Lippen bebten im Krampf und ließen die Zähne sehen, als wäre die Mutter in diesem furchtbaren Augenblick von der Wildheit einer Tigerin erfaßt. Wütend sprang sie auf den Söldner los, schlang ihre Arme um seinen Kopf, packte ihn dann mit ihrer Hand wie mit einer Klaue, preßte ihm die Nägel in das Gesicht und zerfleischte ihm die Wangen, so daß ihm das Blut über das Kinn lief.
»Mein Kind!« schluchzte sie, »mein Kind, Bösewicht!«
Das Gesicht des Söldners verriet hinlänglich den unerträglichen Schmerz, denn die Augen traten ihm aus dem Kopfe. Da er das Mägdelein nicht loslassen wollte, setzte er der Mutter den Degen auf die Brust und durchbohrte ihr grausam das Herz. Die unglückliche Frau ließ ihren Feind los und lehnte sich wankend an das Dach. Blut lief über ihre Kleider, ihre Augen erloschen, ihre Züge erstarben und ihre Hände griffen ins Freie wie nach einer Stütze. Der Söldner riß das goldene Gehänge aus den Ohren des jammernden Mägdeleins, zog ihr die Perlenschnur vom Hals, die Ringe vom Finger. Dann ergriff er mit einem wilden Lachen seinen Degen, durchbohrte sie, und rief dabei höhnisch der sterbenden Mutter zu:
»Ihr sollt die lange Reise zusammen machen können, vlaemische Brut!«
Die Mutter stieß noch einen Schmerzensschrei aus, stürzte nach vorn und sank dann auf die Leiche ihres Kindes.
Das alles war in wenigen Augenblicken geschehen, so daß die anderen Söldner noch immer die Juwelen zusammenrafften, als Mutter und Tochter schon die Erde mit einer besseren Welt vertauscht hatten. Sobald die fremden Plünderer alles nur einigermaßen Wertvolle geraubt hatten, verließen sie das Haus und eilten weiter, um anderswo die gleiche Verwüstung anzurichten. Die unglücklichen Bürger, die nunmehr aus ihren Wohnungen vertrieben waren oder nicht darin zu bleiben wagten, irrten wie verloren in den Straßen umher, und die Franzosen riefen ihnen Schmähworte nach. Wie mußte diese Verzweiflung, diese Ohnmacht den vlaemischen Herzen nahe gehen! Wie bitter und leidenschaftlich verwünschten sie alles, was französisch hieß!
Etwa um Mittag ritt eine große Reiterschar durch die Stadt, um die Söldner wieder zusammenzurufen; denn Herr von Châtillon fand, daß Frankreichs Krone nun hinlänglich gerächt war. Man ließ ausrufen, die Leichen sollten begraben werden, und jeder möge nach seiner Wohnung zurückkehren. Einige Klauwaerts waren in das Haus des Obmannes Breydel gegangen, hatten die Leichen der beiden Frauen vom Boden geholt und brachten sie auf einer Tragbahre nach dem Damm-Tor. Hier vollzog sich ein trauriges, herzzerreißendes Schauspiel. Tausende weinender Frauen, jammernder Kinder und schwacher Greise baten kniend, die Stadt verlassen zu dürfen; doch den Söldnern war befohlen, die Tore geschlossen zu halten. Sie hörten auf kein Flehen und beantworteten die Tränen der geängstigten Bürger mit bitterem Hohn. Als diese lange Zeit vergebens gebeten hatten, kam eine der Frauen auf den glücklichen Gedanken, den Wachen ihr Geschmeide zu geben. Viele andere folgten dem Beispiel, und bald lagen ein großer Haufen von kostbaren Halsschnüren, Schlössern, Ohrgehänge und anderem reichen Zierat vor dem Tore. Die Söldner griffen gierig nach dem blinkenden Tande und versprachen, die Tore zu öffnen, wenn man ihnen all diese Kostbarkeiten schenken würde. Daraufhin warfen die Frauen hastig ihr Geld und Gut auf den Boden, und die Tore wurden geöffnet. Frohes Jauchzen begrüßte die glückliche Befreiung. Die Mütter nahmen ihre Kinder auf den Arm, der Sohn stützte den Vater, und so strömte alles durch das Tor. Die Männer, welche die Leichen der Mutter und Schwester Jan Breydels trugen, folgten den anderen auf der Flucht, und hinter ihnen schloß sich wieder das Tor.
XVI.
Jan Breydel hatte sich mit seinen siebenhundert Genossen unweit Damm, etwa eine Meile von Brügge gelagert. Dreitausend Gesellen anderer Zünfte hatten sich seinem Befehl unterstellt. So befand er sich an der Spitze eines Heeres, das zwar gering an Zahl, aber machtvoll war durch seinen Mut und seine Unerschrockenheit: denn die Herzen dieser Männer lechzten nach Freiheit und Rache. In dem Gehölz, das der Obmann zum Lagerplatz gewählt hatte, war eine Viertelstunde weit alles mit Zelten bedeckt. Am Morgen des 18. Mai, kurz bevor Châtillon in Brügge einrückte, rauchten vor den regelmäßigen Linien dieses Lagers unzählige Feuer; doch man sah nur wenig Volk bei den Zelten. Frauen und Kinder waren genug da, aber nur selten zeigte sich ein Mann, und auch dann war es nur eine Schildwache. Etwas abseits von dem Lager, hinter den Bäumen, die ihre Zweige über die Zelte breiteten, befand sich ein offener, unbewachsener Platz. Dort hörte man das summende Geräusch vieler Stimmen, das nur zuweilen von starken Schlägen übertönt wurde. Der Amboß ertönte von den Schmiedehämmern klingend wider, und die größten Bäume sanken krachend unter den Beilen der Fleischer dahin. Lange Stangen wurden gerundet, geglättet und mit einer Eisenspitze versehen. Schon lagen große Haufen solcher Goedendags am Boden. Andere Gesellen flochten Weidenzweige zu Schilden und gaben sie der Reihe nach der Gerberzunft, die sie mit einer Ochsenhaut überzogen. Auch die Zimmerleute verfertigten allerlei schweres Kriegswerkzeug zum Sturm auf Städte, zumal Ballisten und andere Wurfmaschinen.
Jan Breydel lief von der einen Seite zur anderen und trieb seine Genossen durch ermutigende Worte an; zuweilen nahm er selbst ein Beil aus den Händen seiner Fleischer und brachte dann zu ihrem Staunen mit bewunderungswürdiger Kraft einen Baum in ganz kurzer Zeit zu Falle.
Auf der linken Seite dieses offenen Platzes stand ein prächtiges Zelt von himmelblauem Stoff mit silbernen Borten. Daran hing ein Schild, auf dem der schwarze Löwe in goldenem Felde gestickt war: das zeigte, daß hier eine Person von gräflichem Blute untergebracht war. Es war Machteld, die sich unter den Schutz der Zünfte gestellt hatte und bei ihnen wohnte. Zwei Frauen aus dem durchlauchtigsten Hause van Renesse waren aus Seeland gekommen, um als Ehrendamen und Freundinnen bei ihr zu sein. Nichts fehlte ihr; die kostbarsten Möbel, die prächtigste Kleidung hatte ihr der edle Herzog von Seeland zugeschickt. Zwei große Scharen Fleischer mit blinkendem Beile standen zu beiden Seiten des Zeltes und dienten der jungen Gräfin als Leibwache.
Der Obmann der Weber ging vor dem Eingang auf und ab -- in tiefem Sinnen; -- -- er starrte zu Boden. Die Leibwachen betrachteten ihn still, und voller Ehrerbietung wagten sie nicht zu sprechen. Er war mit dem Entwurf eines allgemeinen Lagerplatzes beschäftigt. Damit es ihnen nicht am Nötigsten fehlte, hatte er das ganze Heer in drei Gruppen geteilt. Die Fleischer und Gesellen verschiedener Zünfte ließ er unter Breydels Befehl zu Damm ein Lager beziehen. Hauptmann Lindens stand mit zweitausend Webern bei Sluis, und De Coninck selbst blieb mit zweitausend anderen zu Aardenburg. Aber diese erzwungene Trennung der verschiedenen Heeresteile mißfiel ihm; er hätte lieber vor der Rückkunft des Herrn Gwijde alle Abteilungen zusammengezogen. Deshalb war er nach Damm gekommen und hatte schon mit Jan Breydel darüber verhandelt. Jetzt wartete er auf die Erlaubnis, die Tochter seines Herrn zu sehen und zu begrüßen. Während er noch diesen Entwurf überdachte, wurde der Vorhang des Zeltes beiseite gezogen, und Machteld schritt langsam über den Teppich, der vor dem Eingang lag. Sie war bleich und matt, ihre schwachen Glieder trugen sie nur mit Mühe; sie schwankte schon bei den wenigen Schritten, die sie tat, und ruhte schwer auf dem Arme der jungen Adelheid van Renesse, die sie begleitete. Ihre Kleidung war kostbar, aber prunklos; sie hatte jeden Schmuck verschmäht und trug als einziges Kleinod die goldene Brustplatte mit dem schwarzen Löwen von Flandern.
De Coninck hatte sein Haupt entblößt und stand ehrerbietig vor ihr. Machteld lächelte ergreifend. Auf ihren Zügen mischte sich bitterer Schmerz mit ruhiger Zufriedenheit, denn sie war erfreut, den Obmann zu sehen. Mit schwacher Stimme sprach sie:
»Seid gegrüßt, Meister De Coninck, unser Freund! Ihr seht, ich fühle mich nicht wohl, das Atmen fällt mir recht schwer; aber ich mag nicht immer in meinem Zelte bleiben. Die Trauer überwältigt mich in dieser engen Behausung. Ich will die treuen Untertanen meines Vaters arbeiten sehen, wenn mich meine Füße so weit tragen können. Ihr werdet mich begleiten; ich bitte Euch, Meister, beantwortet meine Fragen; das wird meinem kranken Geiste Erleichterung schaffen. Die Wachen sollen uns nicht folgen. Die reine Morgenluft tut mir so wohl.«
De Coninck folgte seiner Landesherrin und begann, mit ihr über mancherlei zu plaudern; mit seinem gewohnten Scharfsinn und seiner Beredsamkeit wußte er ihr viel Trost zu schaffen und verscheuchte so vorübergehend all ihre trüben Gedanken. Als die Jungfrau inmitten der Zunftleute stand, ward sie mit Jauchzen und Glückwünschen begrüßt. Alsbald ertönte allenthalben der Ruf: »Heil der edeln Tochter des Löwen!« Er lief langhin hallend durch das Gehölz, und Machteld empfand innige Freude über dies Zeichen feuriger Liebe. Sie trat zu dem Obmann der Fleischer und sagte freundlich:
»Meister Breydel, ich habe Euch von weitem gesehen, Ihr arbeitet mit mehr Eifer als der geringste Eurer Gesellen. Es scheint, die Arbeit gefällt Euch!«
»Meine Gebieterin,« antwortete Breydel, »wir machen Goedendags, die das Vaterland und den Löwen, unseren Herrn, befreien sollen. Ich habe gewaltige Freude an dieser Arbeit, denn es kommt mir vor, als wenn auf der Spitze eines jeden Goedendags, den wir herstellen, bereits ein Franzose steckt. Verwundert Euch nicht, durchlauchtige Gräfin, wenn ich so zornig in diese Bäume haue; mir ist dabei, als hiebe ich auf den Feind ein, und dieser Rachetraum läßt meine Hand nicht matt werden.«
Machteld bewunderte den jungen Mann, dessen Blicke all sein Heldenfeuer verrieten, dessen Gesicht, wie das einer griechischen Gottheit, den Ausdruck der zartesten und wildesten Leidenschaften vereinte. Mit Wohlgefallen betrachtete sie diese Augen, darin männlicher Stolz unter den langen Wimpern hervorstrahlte, die sanften Züge, die als der Spiegel einer edeln Seele in hingebender Aufopferung und Vaterlandsliebe erglänzten. Mit wohlwollendem Lächeln meinte sie:
»Meister Breydel, Eure Gesellschaft wäre mir sehr angenehm: wollet uns bitte folgen.«
Jan Breydel warf das Beil weg, strich die blonden Locken zurück, setzte seine Mütze anmutiger auf den Kopf und folgte der Jungfrau voll Stolz. Machteld sagte leise zu De Coninck:
»Wenn mein Vater tausend so treuer, unerschrockener Untertanen in seinem Dienste hätte, so würden die Franzosen nicht lange in Flandern bleiben.«
»Vlaemen wie Breydel gibt es nur einen,« antwortete De Coninck. »Die Natur vereint selten einen so feurigen Geist mit einem so kräftigen Körper, und das ist eine weise Fügung Gottes; denn sonst würden die Menschen in ihrem Kraftgefühl zu stolz werden, gleich den Riesen des Altertums, die den Himmel erstürmen wollten ...«
Er wollte in seiner Rede fortfahren, aber eine Wache mit Schild und Schwert kam atemlos zu ihnen gelaufen und meldete Breydel:
»Meister, meine Genossen von der Lagerwache haben mich geschickt, um Euch zu benachrichtigen, daß man vor dem Tor unserer Stadt Brügge eine dichte Staubwolke von dem Wege emporsteigen sieht und ein brausendes Tosen wie von einem Heere vernehmbar ist. Der Zug verläßt die Stadt und kommt auf unseren Lagerplatz zu.«
»Zu den Waffen! Zu den Waffen!« rief Breydel so kraftvoll, daß es alle hörten. »Jeder in seine Abteilung; rasch!«
Die Arbeiter griffen voller Ungestüm zu den Waffen und liefen wild durcheinander, aber nur einen Augenblick. Schnell hatten sich die Züge geordnet, und bald standen die Gesellen bewegungslos in dichtgeschlossenen Reihen da. Breydel schickte fünfhundert erlesene Leute zu Machtelds Zelt; die Jungfrau war eilends dorthin zurückgekehrt. Ein Wagen und einige leichte Pferde wurden vor das Zelt gebracht und alles zur Flucht vorbereitet. Dann ging Breydel mit seinen Leuten rasch aus dem Gehölz und stellte sie in Schlachtordnung auf, um den Feind zu empfangen.
Bald bemerkten sie, daß sie sich getäuscht hatten, denn der Zug, der den Staub aufwirbelte, kam ohne jede Ordnung heran. Massen von Frauen und Kindern liefen durcheinander. Die Frauen weinten und wehklagten alle um eine Bahre, die von Männern herbeigetragen wurde. Die Ursache, weshalb die Zunftleute zu den Waffen gegriffen hatten, bestand also nicht mehr. Dennoch blieben sie in ihren Gliedern, stützten sich auf ihre Waffen und warteten neugierig, was das bedeute.
Endlich nahte der Zug dem Heere. Während sich viele Frauen und Kinder herzudrängten, um ihre Männer oder ihre Väter zu umarmen, enthüllte sich inmitten der Scharen ein schreckliches Bild. Vier Männer trugen die Bahre nahe vor Breydel hin und legten die Leichen zweier Frauen auf den Boden: deren Kleider waren ganz mit Blut befleckt; ihre Züge konnte man nicht erkennen, da ein schwarzer Schleier ihre Häupter bedeckte. Als die Leichen von der Bahre gehoben und auf den Boden gelegt wurden, erfüllten die Frauen die Luft mit ihren Klagen. Nur ein herzzerreißendes Wehe! Wehe! konnte man verstehen. Endlich rief eine Stimme:
»Die Franzosen haben sie grausam ermordet!«
Dieser Ruf weckte Wut und Rachedurst unter den Zunftleuten, die bis dahin bestürzt gewartet hatten; aber ihr Vorsteher Breydel wandte sich ihnen zu und rief:
»Der erste, der sein Glied verläßt, wird streng bestraft!«
Er war von quälender Unruhe gepeinigt, als ob ein Vorgefühl seines Unglücks sein Herz ergriffen hätte. Ungestüm lief er zu den am Boden liegenden Leichen und zog das Tuch von ihrem Angesicht. Aber o Gott! Welch furchtbarer Anblick für ihn. Kein Seufzer entrang sich seiner Brust, kein Glied bewegte er: er stand, als wäre er vom Schlage getroffen. Er war totenblaß, und seine Haare sträubten sich. Er starrte nur regungslos auf die Augen der Leichen; seine Lippen bebten; es war, als sei seine letzte Stunde gekommen. In dieser Stellung blieb er wenige Augenblicke; dann atmete er tief auf. Verzweifelt sprang er vorwärts zu seinen Leuten, reckte zugleich beide Arme und schrie schmerzvoll:
»O welch entsetzliches Unglück! Meine alte Mutter!... Meine arme Schwester!«
Mit diesen Worten warf er sich in De Conincks Arme und lag, aller Kraft beraubt, an der Brust seines Freundes. Mit schrecklichen Blicken stierte er rings umher, also daß seine Gefährten vor Angst und Mitleid zitterten. In seiner düsteren Verzweiflung nahm er sein Beil an seinen Mund und biß wie ein Rasender mit solcher Kraft in den Stiel, daß er ein Stück davon zwischen den Zähnen behielt; aber man nahm ihm rasch die gefährliche Waffe fort. De Coninck gebot den Gesellen, in Ordnung zur Arbeit zurückzukehren, bis ein Befehl sie zu den Waffen rufen werde. Sie hätten lieber schleunige Rache genommen, aber sie wagten keinen Widerspruch, denn ihnen war bekannt, daß De Coninck von dem jungen Gwijde zum Oberbefehlshaber ernannt worden war; so kehrten sie murrend ins Gehölz zurück und setzten ihre Arbeit widerwillig fort.
Als die beiden Obmänner in Breydels Zelt gekommen waren, setzte sich dieser matt und niedergeschlagen an einen Tisch und ließ das Haupt auf die Brust sinken. Er sagte nichts; ein bitteres Lächeln glitt über seine Züge, als spottete er des eigenen Unglücks.
»Mein unglücklicher Freund,« sprach De Coninck, »beruhigt Euch um Gottes willen.«
»Beruhigt Euch, beruhigt Euch!« wiederholte Breydel, »bin ich nicht ruhig? Habt Ihr mich je so ruhig gesehen?«
»Lieber Freund,« fuhr De Coninck fort, »wie bitter sind doch die Qualen Eurer Seele; ich sehe den Tod auf Eurem Gesicht. Trösten kann ich Euch nicht; -- Euer Unglück ist zu groß, für solche Wunden weiß ich keinen Balsam.«
»Ich wohl,« antwortete Breydel, »der Balsam, der mich heilen kann, ist mir bekannt, aber mir fehlt die Macht. O meine arme Mutter! Sie haben ihre Hände in dein Blut getaucht, weil dein Sohn ein Vlaeme ist -- und dieser Sohn, ach, dieser Sohn kann dich nicht rächen!«
Sein Gesichtsausdruck änderte sich bei diesem Ausruf; er knirschte mit den Zähnen und packte die Füße des Tisches, als ob er ihn zerbrechen wollte; trotzdem wurde er bald wieder ruhig, und tiefste Trauer beschattete sein Gesicht.
»Nun, Meister, seid ein Mann, überwindet Eure Verzweiflung. Seid mutig bei dem bitteren Leid, das Euch heute trifft; das Blut Eurer Mutter soll gerächt werden.«
Ein grauenhaftes Lächeln trat wieder auf Breydels Lippen, und er entgegnete:
»Gerächt werden? Wie leicht gelobt Ihr etwas, das Ihr nicht halten könnt! Wer kann mich rächen? Ihr nicht. Glaubt Ihr, daß ein Strom französisches Blut hinreicht, um meiner Mutter Leben wieder zu erkaufen? Ruft das Blut eines Tyrannen seine Schlachtopfer wieder ins Leben zurück? O nein, sie sind tot, für immer, für ewig, mein Freund! Ich werde still und ohne Klagen leiden; nichts kann mich trösten; wir sind zu schwach, unsere Feinde zu mächtig.«
De Coninck antwortete nicht auf Breydels Worte und schien über etwas Wichtiges zu sinnen. Zuweilen glitt ein Schatten über sein Gesicht, als ob er sich Gewalt antäte, die innere Wut zu verbergen. Breydel betrachtete ihn neugierig in der Meinung, daß etwas Außergewöhnliches in der Brust seines versonnenen Freundes vorging. Der leidenschaftliche Ausdruck verschwand von De Conincks Gesicht, er stand langsam auf und sprach:
»Unsere Feinde sind zu mächtig, sagt Ihr; morgen werdet Ihr das nicht mehr sagen. Sie haben sich des Verrats und der Bosheit bedient und sich nicht gescheut, unschuldiges Blut zu vergießen, als ob kein Racheengel mehr am Throne des Herrn wäre. Sie wissen nicht, daß ihrer aller Leben in meiner Hand steht, und daß ich sie zermalmen kann, als wenn mir Allmacht von Gott verliehen wäre. Sie suchen ihren Vorteil in Treubruch und schändlicher Niedertracht. Wohlan, ihr eigenes Schwert soll sie vernichten; das sage ich Euch!«
De Coninck erschien in diesem Augenblick wie ein Prophet, der dem lasterhaften Jerusalem den Fluch des Herrn kündet; es war etwas so Furchtbares im Tone seiner Stimme, daß Breydel voll ehrfürchtiger Andacht seinen Worten lauschte.
»Wartet ein wenig,« fuhr De Coninck fort, »ich werde einen der Neuankömmlinge holen, damit wir erfahren, wie dieses alles sich zugetragen hat. Laßt Euch durch seine Erzählung nicht hinreißen; ich gelobe Euch eine Rache, wie Ihr sie selbst nicht vollkommener wünschen könntet. Denn nun ist es doch so weit gekommen, daß Geduld eine Schmach wäre.«