Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien

Chapter 17

Chapter 173,653 wordsPublic domain

»Lieber Bruder,« sagte er, »es ist angemessen, die Liebe dieser beiden Obmänner unserer guten Stadt Brügge nicht unbelohnt zu lassen; ich gebe Euch deshalb die nötige Vollmacht, diesen meinen Wunsch auszuführen. Ich wünsche, daß Ihr auf dem Schlachtfelde inmitten aller Zünfte De Coninck und Breydel in Gegenwart all ihrer Gesellen zu Rittern schlagt; so soll die Liebe zum Vaterland in ihnen geadelt werden. Bewahret diesen Befehl wie ein Geheimnis in Eurem Herzen, bis die Zeit gekommen ist. Nun wollen wir wieder in den Saal zurück, denn ich muß Euch verlassen.«

Robrecht trat zu seiner Tochter heran, ergriff ihre Hand und sprach:

»Mein Kind, Du weißt, wie ich aus meiner Gefangenschaft herauskam: ein edelmütiger Ritter setzt für mich sein Leben in dem Kerker aufs Spiel. Werde nicht traurig, Machteld, beuge Dich mit mir dem schrecklichen Schicksal ...«

Machteld unterbrach ihn und antwortete:

»O, ich kenne das traurige Wort, das auf Euren Lippen schwebt: Ihr müßt mich verlassen!«

»Du hast es gesagt, mein edles Kind; ich muß in meinen Kerker zurück; ich habe bei meiner Treue gelobt, nur einen Tag in Flandern zu bleiben. Weine nicht, das Unglück wird uns nicht lange mehr verfolgen.«

»Ich werde nicht weinen, das wäre eine große Sünde. Ich bin dem Herrn dankbar für so viel Trost und werde durch Geduld und Gebet mein Glück von ihm zu verdienen suchen. Gehet, mein Vater, gebt mir noch einen Kuß, und mögen die Engel des Himmels Euch auf Eurer Reise begleiten.«

»Obmann Breydel,« sprach Robrecht, »ich gebe Euch den Befehl über die Leute von Brügge; Meister De Coninck sei der oberste Anführer. Jetzt ersuche ich Euch, eine gute Pflegerin zu meiner Tochter herbeizuschaffen; besorgt ihr andere Kleider. In Bälde werdet Ihr sie von hier fortführen und vor aller Schmach bewahren. Ich stelle sie unter Euren Schutz, damit sie behandelt wird, wie es ihrer Abkunft entspricht. Meister Breydel, wollet meinen Traber auf den Vorhof führen.«

Nachdem Robrecht von seinen beiden Brüdern Abschied genommen hatte, umarmte er seine Tochter und blickte sie mit größter Innigkeit an. Machteld küßte ihn wiederholt und hielt ihn fest umschlungen.

»Nun, mein Kind,« fuhr Robrecht fort, »tröste Dich, bald werde ich für immer zurückkehren. In wenigen Tagen wird Dein guter Bruder Adolf wieder bei Dir sein.«

»O, sagt ihm, ich bitte ihn, sich zu eilen.«

»Seid überzeugt, er wird seinem Rosse Flügel verleihen.«

»Gehet nun mit Gott, mein lieber Vater; ich werde über die Trennung von Euch nicht weinen.«

Robrecht verließ endlich seine Tochter und stieg mit den anderen Rittern zu Pferde. Als Machteld den Hufschlag der fortsprengenden Rosse hörte, strömten trotz ihres Versprechens Tränen über ihre Wangen. Doch das hatte keine schlimmen Folgen für sie, denn ihr blieb ein tröstliches Bewußtsein.

De Coninck und Breydel vollzogen die Befehle des Löwen, ihres Gebieters. Eine Frau wurde herbeigeholt, und Machteld erhielt reine Kleidung. Gegen Abend waren alle zu Damm im Lager der Brügger.

XV.

Während der acht Tage, die auf diese Vorfälle folgten, verließen noch mehr als dreitausend Bürger die Stadt Brügge und begaben sich nach Ardenberg zu De Coninck oder nach Damm zu Breydel. Durch den Abzug dieser streitbaren Männer ermutigt, überließen sich die Franzosen allen Zügellosigkeiten und behandelten die verbliebenen Einwohner wie gekaufte Sklaven. Es gab aber auch viele Brügger, denen die Franzosen keine Schwierigkeiten machten, und die mit ihnen sprachen und scherzten wie mit Brüdern; das waren Vlaemen, die ihr Vaterland verleugnet hatten und durch Selbsterniedrigung die Gunst der Feinde zu erlangen suchten. Sie rühmten sich des Schandnamens »Leliaert«, als wäre er ein Ehrentitel. Die übrigen waren Klauwaerts, echte Söhne Flanderns, die das Joch mit Ungeduld trugen; aber das Gut, das sie im Schweiß ihres Angesichts erworben hatten, war ihnen zu teuer, als daß sie es schutzlos den Händen der fremden Plünderer überlassen hätten.

An diesen Klauwaerts und den Frauen und Kindern der Verbannten ließen die Franzosen ihre feige Gewalttätigkeit aus. In ihrer schändlichen Rache ließen sie sich durch nichts hindern; ungestört raubten sie alles nach Belieben, holten mit Gewalt die Waren aus den Läden und bezahlten sie mit Schimpfworten und Schmähungen. Dies erbitterte die bedrückten Bürger so sehr, daß sie sich sämtlich weigerten, den Franzosen auch nur mehr ein Stück Fleisch oder einen Bissen Brot zu verkaufen und in ihren Läden irgend etwas auszuhängen. Sie verbargen die Lebensmittel in der Erde, um sie dem Späherblick des Feindes zu entziehen, und in vier Tagen war die Besatzung so ausgehungert, daß sie in Scharen auf den Feldern umherlief, um etwas zu finden. Zu ihrem Glück kam ihnen noch einiges durch die Fürsorge der Leliaerts zugute; trotzdem aber herrschte fortwährend drückender Mangel in der Stadt. Die Zunftleute waren ohne Arbeit; sie konnten deshalb die Schätzungen nicht mehr aufbringen und mußten sich verbergen, um den Verfolgungen des Zollmeisters Jan van Gistel zu entgehen. Wenn die Zolldiener Sonnabends herumgingen, um den weißen Pfennig in Empfang zu nehmen, fanden sie nie einen Mann zu Hause; dann war es, als ob alle Brügger die Stadt verlassen hätten. Viele von den Zünften klagten bei Jan van Gistel, daß sie nichts verdienten und deshalb den Zoll nicht bezahlen könnten. Aber der entartete Vlaeme hörte sie nicht an und wollte die Abgaben durch Zwang erheben. Viele Bürger wurden ins Gefängnis geworfen, andere umgebracht.

Herr von Montenay, der französische Stadtvogt und Befehlshaber der Besatzung, war weniger grausam als der Zollmeister. Er wollte angesichts dieser drängenden Not die Lasten herabsetzen und sandte zu dem Zweck einen Boten nach Kortrijk, der dem Feldherrn Châtillon die Hungersnot und die gefährliche Lage der Besatzung vorstellen und ihn zur Abschaffung des weißen Pfennigs bewegen sollte. Jan van Gistel, der als abtrünniger Vlaeme von seinen Landsleuten verachtet und gehaßt wurde, nahm die Gelegenheit wahr, um Châtillon zur Strenge aufzustacheln. Er schilderte die Widerspenstigkeit der Brügger in den schwärzesten Farben und bat ihn, für ihre Starrköpfigkeit Rache zu nehmen, indem er vorgab: sie wollten nicht arbeiten, um aus anscheinend stichhaltigen Gründen den weißen Pfennig verweigern zu können. Als Châtillon hiervon benachrichtigt wurde, entbrannte er in heftigem Zorn. Es ging ihm wider den Strich zu sehen, wie nutzlos alle von ihm aufgewandte Mühe war, des Königs Befehle auszuführen; denn das vlaemische Volk war nicht zu bändigen. Täglich gab es Aufläufe in allen Städten, der Haß gegen die Franzosen brach überall hervor, und an einigen Orten, wie zum Beispiel in Brügge, wurden die Diener des Königs Philipp im geheimen, sogar am hellen Tage umgebracht. Noch rauchten die zerstörten Türme von Male, und das Blut der erschlagenen Franzosen klebte ungerächt an den Trümmern.

Der Quell all dieses Leides, das sich für Frankreich über ganz Flandern ergoß, entsprang in Brügge. Hier war die Flamme des Aufruhrs zuerst aufgetreten. Breydel und De Coninck waren die Häupter des Drachen, der sich unter Philipps des Schönen Zepter nicht beugen wollte. In dieser Erwägung beschloß Châtillon, einen kräftigen Anlauf zu nehmen und Flanderns Freiheit im Blute der Widerspenstigen zu ersticken. Er versammelte schleunigst siebzehnhundert Reiter aus dem Hennegau, der Picardie und dem französischen Flandern, nahm noch eine große Abteilung Fußknechte dazu und zog mit diesem Heer voll Wut nach Brügge. Neben Lebensmitteln und sonstigem Gut fanden sich in diesem Zuge auch mehrere große Fässer voller Seile und Schlingen, die Châtillon für einen furchtbaren Zweck bestimmt hatte: De Coninck, Breydel und all ihre Genossen sollten daran gehängt werden. Um den Klauwaerts keine Zeit zur Vorbereitung von Meutereien zu lassen, hatte der französische Landvogt seine Ankunft heimlich Herrn von Montenay angezeigt; niemand als der Stadtvogt wußte etwas von den schrecklichen Dingen, die da kommen sollten.

Am 18. Mai 1302 um neun Uhr morgens rückte das französische Heer mit fliegenden Fahnen in die Stadt. Châtillon ritt an der Spitze seiner siebzehnhundert Reiter. Sein Blick war wild und drohend; die Bürger befiel quälende Angst, und sie ahnten bereits einen Teil der Leiden, die ihrer harrten. Die Klauwaerts konnte man an ihren Gefühlsäußerungen erkennen. Ihre Häupter waren gebeugt, und schwerster Kummer sprach aus ihren Zügen. Doch sie glaubten nicht, daß ihnen noch Schlimmeres widerfahren könnte als die Eintreibung des weißen Pfennigs und allenfalls noch härtere Bedrückung. Die Leliaerts hatten sich auf dem Freitagsmarkt um die Besatzung geschart. Ihnen war die Ankunft des Landvogts sehr willkommen, denn er sollte ja auch sie für die Verachtung seitens der Klauwaerts rächen. Als Châtillon herankam, riefen die feigen Abtrünnigen immer wieder:

»Heil Frankreich! Heil dem Landvogt!«

Die Neugierde hatte das Volk zusammengetrieben, und es stand nun dichtgedrängt am Markte. Überall sah man unbeschreibliche Furcht und Beklemmung. Die Frauen drückten ihre Kinder schweigend ans Herz, und manche weinten, ohne recht zu wissen, warum. Aber trotz aller Furcht vor der Rache des Landvogts rief doch keiner: Heil Frankreich! Waren sie auch jetzt ohnmächtig, so lohte doch der Haß gegen die Unterdrücker Flanderns in ihrem Herzen, und trotz allen Kummers sprühte noch bisweilen ein drohender Blick aus ihren Augen, wie ein flüchtiger Strahl; dann dachten sie an Breydel und De Coninck und träumten von blutiger Rache.

Während sie die Franzosen scharf beobachteten, hatte Châtillon seine Leute folgendermaßen aufgestellt: An jeder Seite stand eine lange Reihe Reiter, dazwischen eine Abteilung Söldner, so daß der Platz mit Ausnahme einer Seite geschlossen war; diese hatte man absichtlich offen gelassen, damit die Bürger sehen könnten, was vor sich ging. Nachdem diese Anordnung getroffen war, wurden die übrigen Reiter und Söldner unbemerkt nach den Stadttoren geschickt, um sie zu schließen und zu bewachen.

Châtillon stand mit einigen Anführern inmitten seiner Reiter. Der Kanzler Pierre Flotte, der Stadtvogt Montenay und Jan van Gistel, der Leliaert, schienen mit ihm über etwas sehr Wichtiges zu verhandeln. Ihre Züge drückten die größte Bestürzung aus. Obgleich sie nicht so laut sprachen, daß sie von den Bürgern gehört werden konnten, so verstanden doch die französischen Anführer zuweilen etwas; mancher brave Ritter blickte mitleidig auf das bange Volk und mit tiefer Verachtung auf den Verräter van Gistel, als der zum Landvogt sagte:

»Glaubt mir, Herr, ich kenne meine starrköpfigen Landsleute; Eure Gnade würde ihren Trotz nur steigern. Wärmt keine Schlange an Eurer Brust. Sie wird Euch tödlich verletzen. Ich weiß aus Erfahrung: die Brügger werden ihren Nacken nicht beugen, solange die Rädelsführer unter ihnen wohnen; dieses Unkraut muß man ausrotten, oder man wird nie damit fertig.«

»Herr van Gistel«, bemerkte lächelnd der Kanzler, »scheint seine Landsleute nicht sehr in sein Herz geschlossen zu haben; würde man auf ihn hören, so würde morgen keine lebende Seele mehr in Brügge sein.«

»Wirklich, meine Herren,« fuhr Gistel fort, »nur die Liebe zu meinem König gibt mir diese Worte ein. Ich wiederhole, der Tod der Aufwiegler allein kann die Flammen des Aufruhrs in unserer Stadt löschen. Ich habe mir die Namen der hartnäckigsten Klauwaerts gemerkt; solange die Meuterer frei in Brügge umhergehen können, ist Ruhe ausgeschlossen.«

»Wieviel sind es?« fragte Châtillon.

»Etwa vierzig,« antwortete er kalt.

»Wie?« rief Montenay entrüstet, »Ihr wollt vierzig Bürger hängen lassen? Diese hier haben solch grausame Strafe nicht verdient, aber wohl die Aufrührer, die sich in Damm befinden. Die Rädelsführer De Coninck und Breydel mit ihren Anhängern, diese haben sich des Todes schuldig gemacht, aber nicht diese schwachen Bürger, die Ihr aus persönlicher Rache gehängt sehen möchtet.«

»Herr von Montenay,« bemerkte Châtillon, »Ihr habt mich benachrichtigt, daß sie Euren Söldnern kein Essen mehr verkaufen wollen; ist das nicht genug?«

»Es ist wahr, Herr Landvogt, sie haben das unberechtigterweise verweigert; es war ihre Untertanenpflicht zu gehorchen. Aber meine Söldner haben auch in sechs Monaten keine Bezahlung erhalten, und die Vlaemen wollen nur gegen bares Geld verkaufen. Ich würde es in der Tat bedauern, wenn meine Meldung so beklagenswerte Folgen hätte.«

»Diese Rücksicht kann Frankreichs Krone großen Schaden tun,« meinte Gistel. »Es wundert mich, daß Herr von Montenay die aufrührerischen Brügger verteidigt!«

Montenay wurde sehr zornig über diesen Vorwurf; denn Gistel hatte seine Worte in sehr verletzender Form geäußert. Der edelmütige Stadtvogt betrachtete den Leliaert mit Verachtung und antwortete:

»Wenn Ihr Euer Vaterland liebtet, so würdet Ihr den Tod Eurer unglücklichen Brüder nicht verlangen und ich, als Franzose, brauchte sie nicht zu verteidigen. Und nun wißt, damit es auch der Landvogt hört: Die Brügger würden uns die Lebensmittel nicht verweigert haben, wenn Ihr den weißen Pfennig nicht in so unvernünftig drückender Form eingefordert hättet. Euch verdanken wir diese Unruhen. Ihr sucht Eure Landsleute nur zu vergewaltigen und ruft dadurch in ihrem Herzen den bitteren Haß gegen uns hervor.«

»Ihr alle seid meine Zeugen, daß ich die Befehle des Herrn von Châtillon getreulich ausgeführt habe,« entgegnete van Gistel.

»Das war durchaus nicht Eure Absicht,« erwiderte Montenay, »vielmehr wolltet Ihr Euch für die Verachtung der Brügger rächen. Es ist ein arger Mißgriff des Königs, unseres Gebieters, daß er einen Mann, der von allen verachtet wird, zum Zollmeister über Flandern eingesetzt hat.«

»Herr von Montenay,« rief van Gistel leidenschaftlich, »Ihr werdet mir für diese Worte einstehen.«

»Meine Herren,« fiel Châtillon ihnen in die Rede, »ich verbiete jede weitere Auseinandersetzung in meiner Gegenwart; eure Schwerter mögen diesen Streit entscheiden. Ich sage Euch, Herr von Montenay, Eure Redensarten haben mir sehr mißfallen. Der Zollmeister hat meinem Willen gemäß gehandelt. Die Krone von Frankreich muß gerächt werden, und wenn die Rädelsführer die Stadt nicht verlassen hätten, so würde es mehr Galgen als Straßenkreuzungen in Brügge geben. Ehe ich nach Damm gehe, um die Zünfte zu strafen, will ich dieser aufrührerischen Stadt ein abschreckendes Beispiel bieten. Herr van Gistel, nennt mir die acht starrköpfigsten Klauwaerts, damit sofort die Gerechtigkeit ihren Lauf nehme.«

Um nicht um seine Rache zu kommen, ließ Gistel seine Augen über das bestürzte Volk schweifen und suchte acht der Männer aus der Menge heraus; diese nannte er dem Landvogt. Darauf mußte ein Herold vor dem Volk Aufstellung nehmen; nachdem er mit seiner Trompete Stille geboten hatte, verkündete er:

»Im Namen des mächtigen Königs Philipp, unseres Herrn und Gebieters, werden die Bürger, deren Namen ich jetzt nennen werde, auf der Stelle vor meinen Feldherrn Châtillon gerufen und entboten; wer sich nicht einstellt, soll unverzüglich und ohne Gnade mit dem Tode bestraft werden.«

Dieser Trug glückte vollständig: kaum waren diese Namen bekannt gegeben worden, so kamen die Klauwaerts aus der Menge zum Markt und begaben sich ohne Zögern zu Châtillon. Sie wußten wohl, daß sie nichts Gutes zu erwarten hatten, und würden sich vielleicht durch die Flucht gerettet haben, wenn es möglich gewesen wäre. Die meisten unter ihnen waren etwa dreißig Jahre alt, nur ein einziger Greis nahte langsamen Schrittes und gebeugten Hauptes. Stille Duldung lag in seinen Zügen, und nicht die geringste Furcht war darin bemerkbar. Er blieb vor Châtillon stehen und betrachtete ihn mit fragenden Blicken, als ob er sagen wollte: Was verlangt Ihr?

Sobald der letzte der Gerufenen herangekommen war, gab der Landvogt ein Zeichen, und die acht Klauwaerts wurden ungeachtet ihres Sträubens mit Stricken gebunden. Klagen und Murren erhob sich im Volke, aber eine Abteilung der Reiter stellte sich drohend vor ihm auf und machte es bald verstummen. In wenigen Augenblicken wurde ein langer Galgen auf dem Markte errichtet und ein Priester den Verurteilten zugeführt. Beim Anblick dieser schrecklichen Vorbereitungen flehten die Frauen und Brüder der unglücklichen Klauwaerts um Gnade, und das Volk drängte sich ungestüm zusammen. Lautes Schluchzen, vermischt mit Verwünschungen und Rachegeschrei, ertönte aus der Bürgerschar und lief wie ein Vorbote des Aufruhrs durch die Menge. Alsbald kam ein Trompeter heran und rief:

»Es sei euch kund und zu wissen getan: Wer sich widerspenstig getraut, die Rechtspflege des Landvogts, meines Herren, durch Rufen oder auf andere Weise zu stören, soll an demselben Galgen neben den Meuterern aufgehängt werden!«

Bei dieser Ankündigung erstarb die Klage in aller Munde, und Totenstille herrschte unter dem bangen Volke. Die Frauen blickten tränenüberströmt gen Himmel und flehten zu dem, der allein die Menschen versteht und hört, wenn ein Tyrann ihnen die Sprache raubt. Die Männer verfluchten ihre Ohnmacht und entflammten in fieberhafter Wut. Sieben Klauwaerts wurden der Reihe nach an den Galgen gehängt und starben angesichts ihrer Mitbürger. Der Schmerz der geängsteten Brügger wandelte sich in Verzweiflung. Jedesmal, wenn einer von der Leiter gestoßen wurde, beugten sie das Haupt zu Boden und wandten so ihre Augen von dem schrecklichen Schauspiel ab. Sicher würden viele sich von dem Platz entfernt haben, wenn sie sich hätten bewegen dürfen; aber das war ihnen verboten, und wenn sich nur die geringste Unruhe unter ihnen bemerkbar machte, kam ein Söldner mit entblößtem Schwert, um sie zur Ruhe zu zwingen.

Nur noch ein Klauwaert stand bei Herrn von Châtillon; jetzt war die Reihe, gehangen zu werden, an ihm. Er hatte gebeichtet und sich bereit gemacht; dennoch eilte man nicht mit ihm, denn der Landvogt hatte das Zeichen noch nicht gegeben. Inzwischen bemühte sich Montenay, die Begnadigung des greisen Vlaemen zu erlangen, aber van Gistel hatte auf diesen Klauwaert einen besonderen Haß geworfen und gab vor, er sei einer der Rädelsführer und habe sich der französischen Herrschaft am meisten widersetzt. Auf Befehl des Landvogts redete er den alten Vlaemen folgendermaßen an:

»Ihr habt gesehen, wie Eure Genossen für ihre Widerspenstigkeit bestraft worden sind. Gleich ihnen seid auch Ihr verurteilt; dennoch will der Landvogt aus Ehrfurcht vor Euren grauen Haaren Gnade vor Recht ergehen lassen. Er schenkt Euch das Leben unter der Bedingung, daß Ihr Euch fortan wie ein ergebener Untertan Frankreichs unterwerft. Rettet Euch mit dem Ruf: Heil Frankreich!«

Der Greis warf einen Blick voll Zorn und Verachtung auf den Abtrünnigen und antwortete mit bitterem Lächeln:

»Wenn ich Euch gliche, würde ich das wohl rufen; ich tät's, wenn ich mein weißes Haar durch eine niedere Tat besudeln könnte. Doch nein; ich verachte Euch und trotze Euch bis in den Tod. -- Ihr, Verräter, gleicht der Schlange, die im Eingeweide ihrer Mutter wühlt; denn Ihr liefert den Fremden das Land aus, das Euch ernährt hat. Zittert! Ich habe noch Söhne, die mich rächen werden, und Ihr, Ihr werdet nicht in Eurem Bette sterben! Ihr wißt, daß ein Mensch in seiner letzten Stunde nicht lügen kann.«

Jan van Gistel erbleichte bei dieser feierlichen Verkündigung des Greises. Fast bereute er seine Rache, und er versank in trübes Sinnen; ein Verräter fürchtet den Tod gleich einem Racheboten des Herrn. Châtillon konnte an dem Gesicht des Klauwaerts hinlänglich bemerken, daß er hartnäckig blieb.

»Nun, was sagt der Meuterer?« fragte er.

»Mein Herr,« antwortete Gistel, »er verhöhnt mich und verachtet Eure Gnaden.«

»Hängt ihn!« befahl der Landvogt.

Der Söldner, der das Henkeramt versah, nahm den Greis beim Arm, und der folgte ihm gehorsam bis zum Fuß der Leiter; es vergingen noch einige Augenblicke, ehe die Schlinge um seinen Hals gelegt war. Er empfing den letzten Segen des Priesters und setzte endlich seinen Fuß auf die Leiter, um den Galgen zu besteigen. Aber plötzlich ging trotz der Wachen eine ungestüme Bewegung durch das Volk. Vor einem unwiderstehlichen Drucke taumelten einige gegen die Mauern der Häuser, andere wurden vorwärts gestoßen, und ein Jüngling mit bloßen Armen drang durch die Menge bis auf den Markt. Kaum war er aus der dichtgedrängten Volksmasse heraus, so überschaute er mit wildem Blick den Markt, schnellte wie ein Pfeil vorwärts und rief:

»Vater, Vater! Ihr sollt nicht sterben!«

Mit diesen Worten zückte er einen Dolch und stieß ihn bis an das Heft in die Brust des Henkers. Der fiel mit einem Schmerzensschrei von der Leiter und wälzte sich sterbend in seinem Blut. Inzwischen umfaßte der junge Klauwaert seinen Vater, hob ihn vom Boden auf und lief mit seiner heiligen Bürde ins Volk zurück. Die Franzosen hatten in regungsloser Erstarrung diesen Auftritt mit angesehen, doch nur einen Augenblick. Châtillon riß sie schnell aus ihrer Bestürzung. Ehe noch der Jüngling zehn Schritte weit gelaufen war, hatten ihn mehr als zwanzig Söldner eingeholt. Er setzte seinen Vater auf den Boden und drohte seinen Feinden mit dem noch rauchenden Messer. Aber wohl fünfzig andere Vlaemen scharten sich um ihn, so daß die Söldner zwischen sie dringen mußten, um ihn zu packen. Aber wie groß wurde die Wut der Franzosen, als sie ihre zwanzig Gefährten einen nach dem anderen niederfallen sahen! Jählings blinkten die Messer in den Händen der umstehenden Klauwaerts, und die Söldner wurden unbarmherzig niedergestoßen, wobei freilich auch mancher Vlaeme sein Leben ließ.

Nun stürzte sich die ganze Reiterei wütend auf das flüchtende Volk. Die großen Schlachtschwerter trieben die Menge bald auseinander, und die Pferde zerstampften die Widerspenstigen. Doch sie waren nicht ungerächt gestorben: erschlagene Franzosen bildeten ihr Lager. Auch Vater und Sohn waren geblieben, ein Degen hatte beide durchbohrt. Das Volk floh wie ein reißender Strom mit ängstlichem Geschrei durch die Straßen hin. Alles eilte nach seiner Wohnung. Türen und Fenster wurden geschlossen, und einige Stunden später schien es, als hätte die Stadt keine Einwohner mehr.

Rasend vor Wut über den Tod ihrer Kameraden und von Natur zu Gewalttätigkeiten geneigt, liefen die Söldner in Scharen durch die menschenleeren Straßen und ließen sich die Häuser der Klauwaerts von den Leliaerts bezeichnen. Sie schlugen Türen und Fenster in Stücke, raubten Geld und Gut und zertrümmerten alles, was ihnen nicht kostbar genug oder zu schwer war. Die weinenden Mädchen, die man in Kellern oder anderen Verstecken auffand, wurden grausam mißhandelt. Männer, die ihre Frauen und Schwestern verteidigen wollten, wurden bald von der rasenden Horde überwunden und hingemordet. Hier und da lagen vor den Türen der geplünderten Häuser verstümmelte Leichen zwischen zertrümmertem Hausrat. Nichts als das wütende Geschrei der Söldner und das Jammern der unglücklichen Frauen war zu hören. Lachend kamen die Plünderer aus den verwüsteten Wohnungen, beladen mit geraubtem Gut, triefend von vlaemischem Blute. Zogen einige von Mord und Raub gesättigt ab, so traten andere, schlimmere an ihre Stelle, und so trieben die Franzosen Stunden um Stunden dies schändliche Spiel. Alle Schandtaten, die nur ein zügelloser Feind begehen kann, wurden durch sie ausgeführt. In der Wohnung Peter De Conincks blieb kein Stück ganz; selbst die Mauern wären nicht stehen geblieben, wenn die Plünderer nicht ihre Zeit zu anderen Missetaten gebraucht hätten. Eine andere Rotte lief geradewegs zum Hause des Obmanns Breydel. In wenig Augenblicken war die Tür eingestoßen, und zwanzig Söldner traten fluchend in den Laden; sie trafen niemanden, obgleich sie alle Stuben durchsuchten. Die Kassen wurden erbrochen, Geld und Gut geraubt und und alles in Trümmer verwandelt. Während sie müde und ermattet mit boshafter Freude auf die Schutthaufen starrten, kam einer ihrer Genossen die Treppe herab und sprach: