Der Löwe von Flandern: ein historische Roman aus Alt-Belgien
Chapter 16
»Unglückliches Kind!« seufzte er.
»Ihr liebt und beklagt die Tochter des Löwen,« sagte Breydel und drückte dem Ritter die Hand, »vergebt mir, ich habe Euch verkannt.«
In diesem Augenblick trat De Coninck in den Eingang des Saales. Erstaunt erhob er die Hände über das Haupt, warf sich vor dem Ritter auf die Knie und rief:
»O Himmel, der Löwe, unser Herr!«
»Der Löwe, unser Herr?« wiederholte Breydel, der nun auch neben dem Obmann der Weber niederkniete, »Gott, was wollte ich tun!«
Sie blieben ehrerbietig und tief gebeugt, ohne ein Wort, vor dem Ritter auf den Knien.
»Steht auf, meine getreuen Untertanen,« sprach Robrecht van Bethune, »ich weiß, was ihr für euren Fürsten getan habt.«
Als sie sich erhoben hatten, fuhr er fort:
»Sehet hier auf meine Tochter! Bedenkt, wie das Herz eines Vaters bei diesem Anblick leiden muß -- und nichts habe ich, um ihr zu helfen: keine Speise und keinen Trank, als das kalte Wasser des Baches. Ihr seht, der Herr prüft mich mit harten Schlägen!«
»Wolltet Ihr, durchlauchtigster Graf, nur befehlen, daß ich Euch das alles besorge?« fragte Breydel. »Darf ein geringer Untertan Euch darin zu Diensten sein?«
Damit lief er schon zur Tür, doch ein gebieterisches Zeichen des Grafen nötigte ihn wieder zurück.
»Geht,« sprach er, »sucht einen Arzt; aber nur einen getreuen Untertan. Nehmt ihm den Eid ab, daß er nichts verrät, was er sehen oder hören mag.«
»Herr Graf,« rief Breydel hocherfreut, »da fällt mir just einer meiner besten Freunde ein, der glühendste Klauwaert in Flandern. Er wohnt zu Wardamme, und ich werde ihn gleich herbringen.«
»Nennet aber den Löwen von Flandern nicht. Und euch beiden empfehle ich unverbrüchliches Stillschweigen an. Geht!«
Breydel verließ den Saal. Nun richtete der Graf an den Obmann der Weber mancherlei Fragen über des Landes Angelegenheiten und meinte dann:
»Ja, Meister De Coninck, ich habe in meiner Gefangenschaft durch Herrn Dietrich und Herrn van Nieuwland von Euren mißglückten Versuchen erfahren. Es tut mir unendlich wohl, noch so treue Untertanen zu haben, während die meisten Edeln mich verlassen.«
»Es ist wahr, durchlauchtigster Graf,« antwortete De Coninck, »viele Herren haben sich gegen das Vaterland erklärt, aber die Zahl der treugebliebenen Adligen ist doch größer als die der Abtrünnigen. Meine Versuche sind auch nicht mißglückt, wie Eure Gräfliche Hoheit das glauben. Nie war Flandern der Befreiung näher; just zu dieser Stunde sind die Herren Gwijde und Johann van Namen mit vielen anderen Edeln im Weißbusch bei Dale versammelt, um einen mächtigen Bund zu schließen. Sie warten nur auf mich.«
»Was sagt Ihr, Obmann? So nahe diesen Ruinen sind meine beiden Brüder?«
»Ja, Hoher Herr, Eure beiden durchlauchtigen Brüder und auch Euer treuer Freund Jan van Renesse.«
»O Gott! und ich kann sie nicht umarmen! Herr Dietrich hat Euch gesagt, unter welcher Bedingung ich meinen Kerker verlassen habe. Ich will das Leben des Jünglings, der mir augenblicklich die Freiheit verschafft hat, nicht in Gefahr bringen; und doch wünsche ich, meine Brüder zu sehen. Ich will mit Euch gehen, aber mit geschlossenem Visier. Scheint es mir nötig, mich zu entdecken, so werde ich Euch ein Zeichen geben, und Ihr sollt dann den anwesenden Rittern das Ehrenwort abnehmen, daß sie meinen Namen geheim halten; wenn sie es verweigern, dann werde ich mich nicht entdecken. Auch sprechen werde ich nicht.«
»Wie Ihr es wollt, mein Herr; Ihr werdet sicher mit mir zufrieden sein; denn ich verstehe Euch sehr wohl. -- Die kranke Machteld scheint zu schlafen; möchte ihr doch die Ruhe heilsam sein!«
»Sie schläft nicht, das arme Kind, sie schlummert vor Mattigkeit. Aber mir scheint, ich höre Schritte von Menschen. So, nun habe ich meinen Helm aufgesetzt; jetzt kennt Ihr mich nicht mehr, vergeßt das nicht!«
Der Arzt trat mit Breydel in den Saal, grüßte ehrerbietig den schwarzen Ritter und ging, ohne etwas zu sagen, zu der Kranken. Nachdem er die übliche Untersuchung vorgenommen hatte, erklärte er, die Jungfrau müsse schleunigst zur Ader gelassen werden, und tat dementsprechend mit der Lanzette einen Stich in die Ader ihres linken Armes, während die beiden Obmänner sie auf dem Bette festhielten. Der Graf seufzte schmerzlich und wandte sich nach einer anderen Seite des Saales. Als das Blut in sprudelndem Strahl aus dem Arme seines unglücklichen Kindes hervorsprang, packte ihn bitteres Weh, und er erzitterte heftig. Als er seine Betrübnis mühsam überwunden hatte, wandte er sich wieder zu seiner Tochter, aber ohne sie anzublicken. Der Arzt stillte das Blut erst, als ihre Kräfte zu schwinden begannen. Sie atmete noch einigemal tief auf und sank dann in eine krampfhafte Ohnmacht. Nun wurde ihr der Arm verbunden, und sie schien zu schlafen.
»Mein Herr,« sprach der Arzt, zu Robrecht gewandt, »ich versichere Euch, daß die Jungfrau keine Gefahr läuft. Die Ruhe wird ihren Geist wiederherstellen.«
Als der Graf die tröstenden Worte hörte, winkte er den beiden Obmännern und ging aus dem Saal. Draußen vor den Ruinen sprach er zu Breydel: »Meister, ich empfehle mein Kind Eurer Sorge. Kehrt zu ihr zurück und bewacht die Tochter Eures Grafen bis zu meiner Wiederkehr. Meister Peter, wir gehen zum Weißbusch.«
Er holte seinen Traber und ritt aus den Ruinen. De Coninck begleitete ihn zu Fuß und ließ sein Pferd am Wege stehen, obgleich er mit dem Grafen daran vorbeikam; denn er wußte sehr wohl, daß es ihm nicht geziemte, neben seinem Landesherrn zu reiten.
Kurz vor dem Weißbusch traten ihnen ungefähr zehn Herren entgegen. Sobald sie De Coninck erkannten, wandten sie sich mit den beiden zum Wald zurück. Die vornehmsten unter ihnen waren Johann Graf van Namen und der junge Gwijde, beide Brüder Robrechts van Bethune, Wilhelm van Jülich, ihr Neffe, Priester und Probst zu Aachen, Johann van Renesse, der mutige Seeländer, Johann Borluut, der Held von Woeringen, Arnold van Oudenaarde und Balduin van Papenrode. Die Gegenwart eines unbekannten Ritters erfüllte sie mit größtem Mißtrauen, und sie blickten auf De Coninck, als ob sie von ihm schleunige Aufklärung erwarteten. Der Vorsteher der Weber trat mitten unter sie und sprach:
»Meine Herren, ich bringe Euch den größten Feind der Franzosen, den edelsten Ritter von Flandern. Ein sehr triftiger Grund, an dem das Leben eines vortrefflichen Menschen hängt, verbietet ihm, sich jetzt Euer Edeln erkennen zu geben; wollet es ihm also nicht mißdeuten, daß er seinen Helm geschlossen hält und auch nicht spricht; denn seine Stimme ist Euch allen wie die Stimme Eurer Mutter bekannt. Meine lang erprobte Treue mag Euer Edeln eine Bürgschaft dafür sein, daß ich keinen falschen Bruder in unseren Kreis bringe.«
Die Ritter verwunderten sich über diese seltsame Erklärung und versuchten, den Namen des Unbekannten zu erraten; doch da ihnen die Gegenwart des gefangenen Löwen ganz unmöglich scheinen mußte, so gingen all ihre Vermutungen in die Irre. Sie verließen sich jedoch vollständig auf den vorsichtigen Obmann der Weber und schickten ihre Diener nach den verschiedenen Seiten, um sich vor einer unerwarteten Überraschung zu sichern. De Coninck begann hierauf folgendermaßen:
»Meine Herren, die Gefangenschaft unseres durchlauchtigsten Landesherrn ist den Brüggern sehr schmerzlich gewesen. Es ist wahr, wir haben uns manchmal gegen euch erhoben, weil man unsere Vorrechte verletzen wollte, und vielleicht habt ihr gedacht, wir würden es mit den Franzosen halten. Aber bedenkt, ein edelmütiges und freies Volk kann keine fremden Gebieter dulden; seit dem verräterischen Anschlag Philipps des Schönen haben wir wiederholt unser Leib und Gut daran gewagt; mancher Franzose hat die Freveltat seines Fürsten mit dem Tode gebüßt, und das Blut der Vlaemen ist zu Brügge in Strömen geflossen. Angesichts dieser Lage habe ich mich unterfangen, Eurer Edeln wegen der Möglichkeit einer allgemeinen Befreiung vorstellig zu werden; ich glaube, unser Joch ist stark erschüttert und kann durch einen kräftigen Stoß abgeschüttelt werden. Ein glücklicher Zufall kam uns wundersam zu statten: der Obmann der Fleischer hat das Schloß Male zerstört, und deshalb hat Herr von Montenay alle Klauwaerts aus Brügge verjagt; nun befinden sich meine Zunftgenossen in Stärke von mehr als fünftausend Mann zu Damm. Siebenhundert Fleischer haben sich uns angeschlossen, und ich kann Euer Edeln versichern, die Fleischer mit ihrem Obmann Breydel brauchen auch vor zehnmal so viel Franzosen nicht zu weichen; es ist eine wahre Löwenschar. Wir besitzen nun ein Heer, das nicht zu verachten ist, und können sofort gegen die Franzosen in den Kampf ziehen, wenn durch euch die nötige Hilfe aus den andern Städten zu uns stößt. Dies mußte ich euch bekanntgeben; wollet nun die nötigen Maßregeln treffen. Der Augenblick ist günstig! Ich erwarte eure Befehle, um mich als getreuer Untertan nach ihnen zu verhalten.«
»Mich dünkt,« antwortete Johann Borluut, »allzu große Eile kann uns nur schaden. Wohl sind die Brügger aufgestanden und zum Kampf bereit, doch in anderen Städten ist es noch nicht so weit gediehen. Man sollte die Rache noch etwas hinausschieben, um mehr Mittel sammeln zu können. Ihr könnt sicher sein, daß das Heer der Franzosen durch eine große Schar vlaemischer Abtrünniger und Leliaerts verstärkt werden wird. Wir müssen bedenken, daß wir die Freiheit des Vaterlands in diesem Spiele wagen; denn wenn wir in diesem Kampfe unterliegen, so ist es für immer verloren. Dann können wir unsere Waffen nur noch an den Nagel hängen.«
Da der edle Borluut durch ganz Flandern als ein tüchtiger und weiser Krieger bekannt war, so stimmten viele der anwesenden Ritter, darunter auch Johann van Namen, seiner Rede bei. Doch nun trat der junge Gwijde vor und sprach mit Leidenschaft:
»Bedenkt doch, meine Herren, daß jede enteilende Stunde eine Stunde des Leidens für meinen alten Vater, für meine unglücklichen Blutsverwandten bedeutet; bedenkt, welchen Schmerz mein durchlauchtigster Bruder Robrecht erdulden muß! Wir haben ihn hilflos in den Händen seiner Feinde gelassen; wir ließen in feigem Abwarten unsere Schwerter rosten und die Schande auf unseren Häuptern sich häufen! Wenn unsere gefangenen Brüder aus ihren Kerkern uns fragend zurufen könnten: Wie habt ihr euch eurer Schwerter bedient, wie seid ihr den Pflichten eines Ritters nachgekommen? -- was könnten wir ihnen dann antworten? Nichts! Schamröte würde unsere Wangen färben und unser Haupt sich unter ihrem Vorwurf beugen. Nein, ich will nicht länger warten; das Schwert ist gezückt, und nur mit dem Blute der Feinde gerötet soll die Scheide es fürder umfangen. Ich hoffe, daß mein Neffe Wilhelm mich bei diesem Unternehmen durch seinen Beistand unterstützen wird.«
»Je eher, je lieber,« rief Wilhelm von Jülich, »nur zu lange haben wir die Leiden der Unseren voller Leides mitangesehen. Es ziemt sich nicht, für einen Mann, sich so lange reizen zu lassen, ohne sich zu rächen. Ich habe den Harnisch angetan, und ich werde ihn erst am Tage der Befreiung wieder ablegen. Ich kämpfe mit meinem Neffen Gwijde und will von keinem Hinziehen mehr hören.«
»Aber, meine Herren,« nahm Johann Borluut das Wort, »darf ich euch bemerken, daß wir Zeit brauchen, um unsere Leute heimlich zu versammeln, daß es euch an Hilfe fehlen wird, wenn ihr ohne uns ins Feld zieht; Herr van Renesse hat bereits ähnliche Bedenken geäußert.«
»In weniger als vierzehn Tagen kann ich wirklich meine Vasallen nicht unter die Waffen bringen,« sprach Herr van Renesse, »und ich würde den Herren Gwijde und Wilhelm raten, sich dem Rat des edeln Borluut zu fügen. Jedenfalls ist es unmöglich, die deutschen Reiter so bald hierher zu bringen. Was dünkt Euch, Meister De Coninck?«
»Wenn die Worte eines geringen Untertanen vor den Herren seines Landes einigen Wert haben sollen, so würde ich ebenfalls zur Vorsicht raten, obgleich es meinem Plan zuwiderläuft. In diesem Fall würden wir unsere übrigen Brüder auch noch aus Brügge locken und so unser Heer vermehren; inzwischen würden diese Herren ihre Vasallen versammeln können und bereit halten, bis Herr von Jülich mit seinen deutschen Reitern zu uns stößt.«
Der schwarze Ritter gab mehrmals seine Unzufriedenheit durch Kopfschütteln zu erkennen; er war sichtlich in großer Versuchung, zu sprechen, doch jedesmal hielt er sich zurück. Endlich mußten sich Gwijde und Wilhelm dem Willen der anderen Herren fügen, denn diese waren sämtlich gegen den Vorschlag der beiden Brüder. Es wurde dann näher festgestellt, daß De Coninck sein Volk zum Damm und zu Aardenberg lagern sollte; Wilhelm von Jülich sollte nach Deutschland, um seine Reiter zu holen, der junge Gwijde die Söldner des Grafen, seines Bruders, aus Namen herbeiführen; Herr van Renesse nach Seeland, und die übrigen ein jeglicher nach seiner Herrschaft, um alles zum allgemeinen Aufstand vorzubereiten.
In dem Augenblick, da sie einander die Hände zum Abschied drückten, hielt sie der schwarze Ritter durch einen Wink zurück und sprach:
»Meine Herren!...«
Seine Stimme rief allgemeines Erstaunen unter den Rittern hervor; sie streiften einander mit flüchtigem Blick, um die eigene Vermutung in den Mienen der anderen bestätigt zu finden. Aber der junge Gwijde stürzte vor und rief:
»O glückliche Stunde! Mein Bruder, mein lieber Bruder, Deine Stimme dringt zum Grunde meines Herzens!«
Mit ungestümer Gewalt riß er den Helm von dem Haupte des schwarzen Ritters und umarmte ihn in inniger Liebe.
»Der Löwe, unser Graf!« stießen alle hervor.
»Unglücklicher Bruder!« fuhr Gwijde fort, »Du hast so viel gelitten, und Deine Gefangenschaft hat mich so tief bekümmert. Doch nun, o Seligkeit! kann ich Dich umarmen. Du hast Deine Ketten zerbrochen und Flandern hat seinen Grafen wieder. Vergib mir meine Tränen, sie fließen aus Liebe zu Dir, im schmerzvollen Gedenken an Dein Leid. Dank sei dem Herrn für dies unerwartete Glück!«
Robrecht drückte den jungen Gwijde zärtlich an sein Herz; dann wandte er sich zu seinem anderen Bruder Johann van Namen, umarmte auch ihn und sagte alsdann:
»Meine Herren, ich hatte wichtige Gründe, mich nicht zu entdecken. Aber ich halte es für meine Pflicht, euch etwas mitzuteilen, was euren Entschluß ändern muß. Wißt denn, daß der König von Frankreich all seine Lehensleute mit ihren Untergebenen entboten hat, um gegen die Mauren zu Felde zu ziehen! Da er diesen Zug nur unternimmt, um den König von Majorka wieder in den Besitz seines Reiches zu setzen, so ist es sicher, daß er dieses mächtige Heer viel eher gebrauchen wird, um Flandern zu behaupten. Die Zusammenkunft ist auf Ende Juni festgesetzt. Also noch einen Monat, und Philipp der Schöne steht an der Spitze von siebzigtausend Mann. Bedenkt nun, ob es nicht ratsam wäre, die Befreiung vor diesem Zeitpunkt ins Werk zu setzen; später wird es unmöglich sein. Ich befehle euch nichts, denn morgen muß ich in meine Haft zurückkehren.«
Die Ritter begriffen die Bedeutung seiner Worte und beschlossen möglichste Eile. Dies änderte ihren Plan, indem sie nicht länger warten, sondern schleunigst mit ihren Scharen zu De Coninck nach Damm kommen wollten. Der junge Gwijde wurde als nächster Blutsverwandter Robrechts zum Oberbefehlshaber des Heeres ernannt, da Wilhelm von Jülich diese Würde in Rücksicht auf seinen Stand als Priester nicht annehmen wollte. Johann van Namen konnte den Vlaemen nicht persönlich beistehen, denn bei der bevorstehenden Bewegung hatte er genug zu tun, sich seine Grafschaft zu erhalten; aber er wollte ihnen doch eine starke Abteilung Reiter zuschicken.
Kurz darauf brachen die Herren nach ihren Herrschaften auf. Robrecht blieb mit seinen Brüdern, seinem Neffen Wilhelm und De Coninck allein.
»O Gwijde!« sprach Robrecht tief bewegt, »o Wilhelm! ich bringe euch eine so schreckliche Nachricht, daß meine Zunge sie nicht wiederzugeben wagt, daß der bloße Gedanke daran mir schon die Augen mit Tränen füllt. Ihr wißt, wie boshaft die Königin Johanna unsere arme Schwester Philippa gefangen genommen hat. Sechs Jahre war ein Kerker des Louvre die Behausung der Unglücklichen, und während dieser ganzen Zeit hat sie weder ihren Vater noch ihre Brüder sehen dürfen. Ihr glaubt sie noch auf Erden; denn ihr fleht zu Gott um ihre Befreiung; aber ach! eure Gebete sind vergeblich! Unsere Schwester hat man vergiftet und ihren Leichnam in die Seine geworfen.«
Wenn die Trauer zu tief ins Herz des Menschen greift, raubt sie ihm jählings die Sprache; so erging es auch mit Gwijde und Wilhelm. Sie erbleichten und starrten schweigend vor sich hin. Gwijde erwachte zuerst aus seiner Bestürzung.
»So ist es denn wirklich wahr,« seufzte er, »Philippa ist tot! O seliger Geist meiner armen Schwester, Du kannst in meinem Herzen meinen Gram, den Rachedurst lesen, der mich beseelt. Du sollst gerächt werden! Ströme von Blut will ich im Gedenken an Dich vergießen!«
»Laßt Euch nicht zu sehr vom Schmerz hinreißen, teurer Neffe,« sprach Wilhelm von Jülich. »Beklagt Eure Schwester, betet für ihre Seele; aber kämpft für die Freiheit des Vaterlands. Das neidische Grab gibt seine Toten auch nicht für Blut wieder zurück.«
»Brüder,« unterbrach sie Robrecht, »kommt, bitte, mit zu eurer Nichte Machteld; sie befindet sich nicht weit von hier. Ich werde euch unterwegs noch manches Traurige berichten; laßt eure Diener hier warten.«
Robrecht erzählte ihnen nun, wie wundersam er sein Kind aus den Händen der Franzosen befreit, welchen Schmerz er in den Ruinen von Nieuwenhove erlitten hatte. Doch sein Kummer hatte sich gesänftigt, denn er vertraute den Worten des Arztes. Die Hoffnung, daß Machteld ihn endlich erkennen werde, goß Trost in sein Herz, und er vertraute auf seine Seelenstärke, die ihm helfen würde, auch diesen Schmerz zu überwinden. Bald kamen sie in den Saal, wo Machteld ruhig zu schlafen schien. Ihre Wangen waren weiß wie Alabaster und ihr Atem so schwach, daß sie einer Toten glich. Als die Ritter das mit Schmutz vermengte Blut auf Machtelds Kleidern sahen, packte sie arge Bestürzung. Voll innigen Mitleids falteten sie die Hände, doch sie sagten nichts; denn der Arzt hatte den Finger auf den Mund gelegt und ihnen so zu verstehen gegeben, daß die größte Ruhe herrschen müsse. Der junge Gwijde umarmte seinen Bruder Robrecht und weinte heftig an seiner Brust.
»O Himmel,« schluchzte er, »wie liegt es da, des Löwen Kind!«
Der Arzt winkte die Ritter zum Eingang und führte sie aus dem Saal; dann sprach er:
»Die Jungfrau ist wieder im Besitz ihrer Sinne, aber sie ist sehr schwach und ermattet; in eurer Abwesenheit ist sie einmal erwacht und hat Meister Breydel erkannt; sie hat ihn vielerlei gefragt, um ihr Gedächtnis zu sammeln. Er hat sie getröstet und ihr versichert, daß Herr van Bethune kommen werde, sie zu besuchen; es ist nicht ratsam, meine Herren, diese Hoffnung zu zerstören; deshalb rate ich, nicht von ihr zu gehen. Auch ist es nötig, daß die Dame ein besseres Lager und andere Kleider bekommt.«
Robrecht kehrte mit seinen Brüdern zu Machteld zurück und betrachtete ihre bleichen Züge mit stillem Kummer. Ihre Lippen bewegten sich, und von Zeit zu Zeit stieß sie unverständliche Laute aus. Mit einem kräftigeren Atemzug wiederholte sie zweimal das Wort »Vater!« -- es tönte wie ein süßer Harfenklang in Robrechts Ohr; im Übermaß seiner Liebe preßte er seinen Mund auf die Lippen der träumenden Tochter. Dieser lange Kuß schien der Jungfrau neues Leben einzuflößen. Leichte Röte erschien auf ihren Wangen, und ihre Augen öffneten sich unter sanftem, seligem Lächeln. Unbeschreiblich war der Ausdruck in den Zügen des Mägdeleins. Sie blickte schweigend in ihres Vaters Augen und schien in süßestem Entzücken zu schwelgen. So sehen gewiß die Engel im Himmel aus, wenn sie das Antlitz des Herrn erschauen! Alsbald hob die Jungfrau ihre Arme, und Robrecht beugte sich zu ihr herab, um sich von ihr umarmen zu lassen. Aber das war nicht des Mädchens Absicht: es streichelte mit ihren zarten Händen liebkosend seine Wangen. Beide waren in Wonne versunken und spürten in sich eine Welt voll Seligkeit. Nun hatte der Vater all seine Schmerzen vergessen und dankte er Gott, der die Unglücklichen für Freude nur um so empfänglicher macht.
Nicht minder ergriffen waren die Umstehenden von diesem Anblick heiliger Vaterliebe; sie wagten nicht, das feierliche Schweigen durch einen Laut zu stören und trockneten heimlich ihre Tränen. Ihre Haltung war jedoch ganz verschieden: Johann van Namen konnte seine Erschütterung am besten bemeistern und stand mit starrem Blick, erhobenen Hauptes da. Wilhelm von Jülich, der Priester, war niedergekniet und betete mit gefalteten Händen. Bei dem jungen Gwijde und Jan Breydel mischte sich bitterer Schmerz mit glühender Rachsucht; das war in ihren zusammengepreßten Lippen und den drohenden Bewegungen ihrer geballten Fäuste deutlich zu lesen. De Coninck, der in anderen Fällen so kalt schien, war jetzt der Betrübteste von allen; seine Tränen flossen in Strömen unter der Hand hervor, mit der er sein Gesicht bedeckte.
Endlich erwachte die junge Machteld aus ihrem stillen Schauen. Leidenschaftlich drückte sie das Haupt ihres Vaters an ihr klopfendes Herz und sprach mit schwacher Stimme:
»O mein Vater! mein geliebter Vater! Da liegt Ihr nun an dem Herzen Eures glücklichen Kindes! Ich fühle Euer Herz an dem meinigen schlagen! Gott sei gelobt, der dem Menschen so viel Glück beschert! Bleibet so dicht bei mir, lieber Vater, denn Eure Küsse versetzen mich in den Himmel!«
»Deine Liebe, mein Kind,« rief Robrecht, »läßt mich alle erlittenen Leiden vergessen. Du kannst nicht begreifen, wie bitter es mir war, von Dir nicht erkannt zu werden; aber Gott allein weiß, wieviel Freude er in dieser Stunde meinem Herzen bereitet hat. Ich will meine Liebkosungen verdoppeln, denn sie sind ein Balsam für meine Seele. Meine liebe Machteld, wie traurig war doch Dein Los!«
Inzwischen war auch der junge Gwijde näher getreten und stand mit offenen Armen vor der Ruhestatt. Sobald Machteld ihn bemerkte, sprach sie, ohne ihren Vater loszulassen:
»Ach, mein geliebter Oheim Gwijde! Auch Ihr seid hier? Ihr weint über mich? Und Herr Wilhelm, der da drüben kniet und betet, und Herr van Namen -- sind wir denn in Wijnendaal?«
»Unglückliche Nichte,« antwortete Gwijde, »Eure Leiden brechen mir das Herz. O laßt mich Euch umarmen, denn meine Seele dürstet nach Trost; ich bin zu Tode bekümmert.«
Machteld ließ ihren Vater los und bot dem liebevollen Gwijde die Hand dar. Dann sagte sie etwas lauter:
»Herr von Jülich, kommt, gebt mir auch einen Kuß, und Ihr, mein teurer Oheim Johann, drückt mich an Eure Brust: ihr alle seid mir so herzlich zugetan.«
Sie wurde der Reihe nach von all ihren Verwandten geliebkost, und war in tiefster Seele glücklich; alsbald war das überstandene Leid aus ihren Gedanken entschwunden. Als Wilhelm von Jülich zu ihr trat, beschaute sie ihn verwundert von Kopf bis zu Füßen und fragte:
»Was bedeutet das, Herr Wilhelm? Warum tragt Ihr diesen Harnisch über Eurem Priestergewand, weshalb führt Ihr, ein Diener des Herrn, dieses lange Schwert?«
»Der Priester, der das Vaterland verteidigt, streitet auch für die Altäre seines Gottes!« gab er zur Antwort.
De Coninck und Breydel standen mit entblößtem Haupt etwas abseits von ihrem Ruhelager und nahmen an der allgemeinen Freude teil. Machteld schaute sie ob ihrer Liebe dankbar an; sie zog das Haupt ihres Vaters an ihre Brust und fragte mit leiser Stimme:
»Wollt Ihr mir etwas geloben, mein vielgeliebter Vater?«
»Alles, mein Kind; ich bin von Herzen froh, wenn ich Deine Wünsche erfüllen kann.«
»So bitte ich Euch, mein lieber Vater, daß Ihr diese beiden treuen Untertanen nach Verdienst belohnt; sie haben Tag für Tag ihr Leben für das Vaterland aufs Spiel gesetzt.«
»Ich will Deinen Wunsch gern erfüllen, Machteld; ich werde dafür sorgen, daß sie Dich ein anderes Mal gleichfalls umarmen dürfen, wenn sie es, wie jetzt, verdient haben. Nun laß mich los, ich muß mit Gwijde sprechen.«
Er winkte seinen Bruder heran und führte ihn aus dem Saal in den Vorhof.